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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 61
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Von diesem allen haben unsre Dichter
nichts untersucht gelassen; und gewiß
<545> verdienten jene nicht das kleinste Lob,
die sich getrauten aus der Griechen Fußtritt
herauszutreten, vaterländ'sche Taten
zu singen, und im Lust- und Trauerspiel
uns römische Personen vorzuführenHoraz, um doch etwas an seinen römischen Dichtern zu loben, rühmt wenigstens den Patriotismus eines Älius Lamia, Afranius, Pomponius u. a., welche Praetextatas und Togatas, d. i. Tragödien und Komödien mit römischen Personen, auf die Bühne gebracht. Das Kompliment, das er bei dieser Gelegenheit dem römischen Genie macht, konnten sich die Griechen unpräjudizierlich gefallen lassen..
<550> Auch würde Latium gewiß durch seine Spracheoder Literatur; denn die ist bei den römischen Autoren mit Sprache synonym.
nicht weniger, als durch die Kunst zu siegen
und zu regieren, über Griechenland
den Rang behaupten, wenn nicht unsre Dichter
der Feile Arbeit haßten
, und die Zeit,
<555> die drüber hingeht, für verloren hielten.
    <285> Nil intemptatum nostri liquere poetae,
nec minimum meruere decus, vestigia Graeca
ausi deserere, et celebrare domestica facta,
vel qui praetextas, vel qui docuere togatas.
Nec virtute foret, clarisve potentius armis,
<290> quam lingua, Latium; si non offenderet unum-
quemque poetarum limae labor et mora. Vos, o
Ihr, Numas edle SprossenO Pompilius sanguis! Die Calpurnische Familie leitete ihren Stammbaum von Calpus, einem Sohn des Königs Numa Pompilius, ab, wie Plutarch und Festus bezeugen; wiewohl einige Geschichtschreiber diesem Könige nur eine Tochter zugestanden. Wenigstens war die Tradition auf Seiten der Calpurnier., lasset kein
Gedicht vor euern Augen Gnade finden,
das nicht durch viel Lituren zur Korrektheit
gebracht, und, bis das leiseste Gefühl
<560> nichts mehr von Fugen spürt, geglättet worden.

Weil Demokrit dem glücklichen Genie
den Vorzug vor der armen Kunst gegeben,
und schlechterdings die Dichter, die nicht rasen,
vom Pindus ausgeschlossen haben willDemokritus behauptete, niemand könne ohne eine Art von Raserei ein großer Dichter sein, neminem sine furore quemquam poetam esse posse. Dies sagt uns CiceroDe Divinat. Lib. I. c. 37., und setzt hinzu: »Eben dies behauptet auch Plato. Immerhin mag der letztere die Begeisterung, die den Dichter macht, Raserei nennen, da er von dieser Raserei so herrliche Dinge sagt, wie in seinem Phädrus.« Die Stelle des Homers der Philosophen, auf welche Cicero hier deutet, ist zu schön, als daß ich nicht versucht werden sollte, sie zu übersetzen. – »Die dritte Art von Raserei (läßt er seinen Sokrates sagen) ist diejenige, die von den Musen kommt. Diese, wenn sie eine zarte, noch unverfälschte und ungefärbte Seele anweht, treibt sie an, wie in einer Bacchischen SchwärmereiWie die Korybanten, sagt er im Ion, wo ebenfalls von diesem Enthusiasmus der Dichter die Rede ist. (d. i. in einer Art von geistiger Trunkenheit) in Gesängen und allen übrigen Gattungen der Dichterei, die Wunder und Taten der Alten Zeiten zu verschönern, und dadurch den Künftigen lehrreich zu werden. Wer sich aber, ohne von dieser Musenwut getrieben zu sein, den Pforten der Dichtkunst nähert, in der Meinung, die Kunst allein könne ihn schon zum Dichter machen, wird immer unvollkommen bleiben, und die Poesie eines solchen nüchternen und weisen (unbegeisterten) Dichters wird immer von der Poesie der Rasenden (Begeisterten) ausgelöscht werden.«Τρίτη δὲ η ΑΠΟ ΜΟΥΣΩΝ κατοχή τε καὶ μανία, λαβου̃σα ΑΠΑΛΗΝ καὶ ΑΒΑΠΤΟΝ ΨΥΧΗΝ, εγείρουσα καὶ εκβακχεύρουσα κατά τ' ωδὰς καὶ κατὰ τη`ν άλλην ποίησιν, μυρία ΤΩΝ ΠΑΛΑΙΩΝ έργα ΚΟΣΜΟΥΣΑ, τοὺς επιγινομένους παιδεύει. ‘Ός δ'ὰν άνευ μανίας Μουσω̃ν επὶ ποιητικὰς θύρας αφίκηται, πεισθεὶς ως άρα εκ τέχνης ικανὸς ποιητὴς εσόμενος, ατελὴς αυτός τε καὶ η ποίσις υπὸ τη̃ς τω̃ν μαινομένων η του̃ σωφρονου̃ντος ηφανίσθη. PLATO in PHAEDRO. – Ungeachtet des Mißbrauchs, den die mondsüchtigen, hirnwütigen und aberwitzigen Poeten, über welche Horaz hier und in der Folge spottet, von der Theorie des Demokritus und Plato machen können, war er doch selbst von der Wahrheit derselben so überzeugt: daß, wenn gleich sein poetischer Wahnsinn nicht immer so reell war, wie in der 25sten Ode des IIIten Buches: Quo me, Bacche, rapis? er ihn doch öfters so schön zu simulieren wußte, als man von einem Dichter im Jahrhundert Augusts nur immer verlangen kann – wie z. B. in der Stelle: auditis? an me ludit amabilis insania? und dem, was folgt, in der 4ten Ode des III. B. Aber – was es auch mit Horazen, der (gewöhnlicher Weise) in die Klasse der Dichter, die ihrer Sinne mächtig bleiben, gehörte, für eine Bewandtnis haben mag – die Sache selbst hat ihre Richtigkeit; und die Erfahrung hat von jeher bei allen Nationen den Ausspruch bestätigt: daß die unbegeisterten Dichter, so sehr sie auch gefallen mögen, wenn man sie allein hört, niemals neben den begeisterten (sofern alles übrige gleich ist) bestehen können. Aber die Meinung Platons war wahrlich nicht, daß eine brennende und von der Musenwut besessene Einbildungskraft allein einen großen Dichter mache; und es ist auch hier, wie bei der religiösen und verliebten Begeistrung, ein großer Unterschied, ob man von einem Gott, oder von dem leidigen Satan besessen ist. Homer, Pindar, Äschylus, die drei größten Dichter von der begeisterten Klasse, die ich kenne, sind an Verstand, Weisheit und Wissenschaft eben so groß, als an Imagination; nie verläßt sie das richtige Gefühl des Schicklichen; immer schwebt in dem brausenden Chaos ihrer Ideen der Verstand, wie Ovids Deus aut melior Natura, in der Mitte, der die Elemente scheidet, ordnet, verbindet, und vor unsern zuschauenden Augen in eine Welt voll lebendiger und zu einem Zweck zusammenspielender Kräfte aufblühen läßt. Die Begeistrung, die amabilis insania, welche Plato – in diesem Augenblick selbst von ihr ergriffen – dem Anwehen der Musen zuschreibt, kann immer den ersten Keim ihrer Werke in ihrem Busen belebt, kann sie im Arbeiten angefeuert, kann ihnen diese Wärme, in welcher alle Schwingen der Seele sich entfalten, mitgeteilt, kann sie bei gewissen Stellen über sich selbst erhoben, den Nebel der Menschheit gleichsam von ihren Augen getrieben, und sie zum Anschauen göttlicher Gestalten tüchtig gemacht haben: aber alles dies setzt Organe voraus, die ihnen die Musen nicht geben, Kenntnisse, die sie ihnen nicht eingießen konnten; eine Sprache, die schon da sein mußte, und die sie (wie andre Menschen) hatten lernen müssen. – Kurz, eine Iliade oder nur ein Gesang der Iliade, ist so wenig das bloße Werk der poetischen Raserei, als sie ein Werk des Augenblicks ist; und, wiewohl es Autoschediastische Poesien gibt, die als bloße Naturprodukte und Eingebungen einer begeisternden Leidenschaft, und einer durch diese über ihr gewöhnliches Maß gespannten Phantasie angesehen werden können, so bleibt doch wahr: daß auch in der Poesie die edelsten Gewächse durch Kultur mehr Schönheit, und ihre Früchte einen bessern Geschmack erhalten; und daß (wie Horaz besser unten sagt) ohne reiche Ader das strengste Studium, und ohne Kunst das beste Naturell zu Hervorbringung eines sehr vortrefflichen Werkes gleich unzulänglich ist.:
<565> so treibts ein guter Teil der unsrigen
so weit, sich weder Bart noch Nägel stutzen
zu lassen, weder Kamm noch Schwamm
zu dulden, Bäder wie verdächt'ge Häuser
zu fliehen, und, Gespenstern gleich, in öden
<570> von Menschen unbetretnen Gegenden
herumzuirren; fest beglaubt, ein Kopf,
    Pompilius sanguis, carmen reprehendite, quod non
multa dies et multa litura coercuit, atque
perfectum decies non castigavit ad unguem.
<295> Ingenium misera quia fortunatius arte
credit, et excludit sanos Helicone poetas
Democritus, bona pars non ungues ponere curat,
non barbam, secreta petit loca, balnea vitat.
Nanciscetur enim pretium nomenque poetae,
<300> si tribus Anticyris caput insanabile numquam
der dem barbierenden Senator LicinusEin Aristophanscher Zug! Julius Cäsar hatte einen gewissen Barbier, namens Licinus, in den Senat aufgenommen, weil er ein eifriger Anti-Pompejaner war. Licinus wurde so reich, daß ihm seine Erben ein Grabmal von Marmor setzen ließen, welches einem Biedermann zu folgender Grabschrift Anlaß gab:
Marmoreo tumulo Licinus iacet, at Cato nullo,
    Pompeius parvo! Quis credat esse deos?

sich nie vertraute, und mit drei Anticyrend. i. alle Niesewurz, die in drei Anticyren wachsen könnte. Die Insel Anticyra war sehr fruchtbar an dieser heilsamen Pflanze.
nicht heilbar wäre, sei zum Dichterkopf
<575> allein gemacht, und würdig von den Musen
bewohnt zu werden. Was ich für ein Tor bin,
an jedem Frühling mir die Galle auszufegen!
Kein andrer sollte beßre Verse machen!
Doch, sei es drum! Wofern ich selber auch
<580> nichts schreibe, kann ich doch, dem Schleifstein gleich,
der selber zwar nicht schneidet, aber doch
das Eisen schneidend macht
– – – – – ich trachte den Poeten
Hinfort ein Sporn zu sein, ein Wetzstein ihrer Flöten!
Gottsched in seiner Poetischen Übers. von Horazens Dichtk.
, die andern lehren,
was einen Dichter bilde, was ihn nähre,
tonsori Licino commiserit. O ego laevus,
qui purgor bilem sub verni temporis horam!
Non alius faceret meliora poemata: verum
nil tanti est. Ergo fungar vice cotis, acutum
<305> reddere quae ferrum valet, exsors ipsa secandi:
Munus et officium, nil scribens ipse, docebo;
unde parentur opes; quid alat formetque poetam;
was ihm gezieme oder nicht, und welche Wege
<585> zum Nachruhmstempel führen, oder in die Sümpfe,
wo Aganippens Quelle sich verliert?

Um gut zu schreiben, muß ein Autor erst
Verstand und Sinn, um gut zu denken, haben.
An Stoff wirds die Sokrat'sche Schule euch
<590> nicht fehlen lassen, und dem wohldurchdachten Stoffe
schmiegt sich von selbst der gute Ausdruck an.
Wer recht gelernt hat, was er seinen Freunden,
was seinem Vaterlande schuldig sei,
mit welcher Lieb' ein Vater, Bruder, Gastfreund
<595> zu lieben? was des Staatsmanns, Richters, was
des Feldherrn Amt und Pflicht erfodre? – der
Wird, was in jedem Falle jeder Rolle
geziemt, unfehlbar stets zu treffen wissen.
Doch nie vergesse der gelehrte Zögling
<600> der dichterischen Bildnerkunst, auch auf
die Sittenschule der lebendigen
Modelle um ihn her
die Augen stets
zu heften, und daraus die wahre Sprache
des Lebens und des Umgangs
herzuholen.
quid deceat, quid non; quo virtus, quo ferat error.
Scribendi recte, sapere est et principium et fons.
<310> Rem tibi Socraticae poterunt ostendere chartae:
Verbaque provisam rem non invita sequentur.
Qui didicit, patriae quid debeat, et quid amicis,
quo sit amore parens, quo frater amandus, et hospes,
quod sit conscripti, quod iudicis officium, quae
<315> partes in bellum missi ducis: ille profecto
reddere personae scit convenientia cuique.
Respicere exemplar vitae morumque iubebo
doctum imitatorem, et veras hinc ducere voces.
<605> Nicht selten sieht man, daß ein wohlgezeichnetes
Charakterstück, wiewohl sonst ohne Reiz
und Stil und Kunst, beim Volke mehr gewinnt,
und besser unterhält, als schöne Verse,
an Schall und Wohlklang reich, an Sachen leer.

<610> Den Griechen, Freunde! (immer komm' ich wieder
auf dies zurück) den Griechen gab die Muse
zugleich Genie und feines Kunstgefühl,
die Gabe der Empfindung und des schönen
und runden Ausdrucks: aber ihre Seelen kannten
<615> auch keinen andern Geiz, als den nach RuhmO der goldnen Worte! – Aber zur Zeit der großen Dichter und Weisen Griechenlands war es auch noch keine Schande arm zu sein; und ein großer Mann, der arm starb, durfte nicht befürchten, daß seine Kinder betteln müßten! – Auch war es ein sehr kleiner Zeitraum, worin diese Nation große Köpfe hervorbrachte, und ihrer – wert war!.
Der Römer lernt von Kindesbeinen an
das As in hundert Teile teilen. Ruft,
zur Probe, nur den kleinen Sohn des Wechslers
Albinus her, und fragt ihn aus. – »Die Hälfte
<620> von einem halben Gulden abgezogen,
was bleibt?« – »Ei«, spricht er lachend, »was wird bleiben?
Vier Groschen.« – »Braver Junge! Der
Interdum speciosa locis, morataque recte
<320> fabula, nullius veneris, sine pondere et arte,
valdius oblectat populum, meliusque moratur,
quam versus inopes rerum, nugaeque canorae.
Graiis ingenium, Graiis dedit ore rotundo
Musa loqui, praeter laudem nullius avaris.
<325> Romani pueri longis rationibus assem
discunt in partes centum diducere. »Dicat
filius Albini, si de quincunce remota est
wird sein Vermögen nicht vergeuden! Und
zum halben Gulden noch die vier
<625> hinzugetan, macht –?« – »Einen halben Taler
Wie? Und von Seelen, die mit diesem Rost
von Habsucht einmal überzogen sind,
erwarten wir Gedichte, die vor Motten
verwahrt zu werden je verdienen könnten?

<630> Des Dichters Zweck ist zu belust'gen, oder
zu unterrichten, oder beides zu verbinden,
und unter einer angenehmen Hülle
uns Dinge, die im Leben brauchbar sind, zu sagen.
Lehrt er, so sei er kurz! Was schnell gesagt wird,
<635> faßt der lehrbegier'ge Geist geschwinder auf
und hält es fester. Wie die Seele voll ist, läuft
das Überflüß'ge ab.
                                Was bloß zur Lust,
erdichtet wird, sei stets der Wahrheit ähnlich,
und um je weiter sich die Phantasie
<640> von ihr entfernt, je stärker sei die Täuschung!
Ein Märchen soll nicht fodern, daß ihm alles
uncia, quid superat? poteras dixisse.« »Triens.« »Eu!
Rem poteris servare tuam. Redit uncia: quid fit?«
<330> »Semis.« At haec animos aerugo et cura peculi
cum semel imbuerit, speramus, carmina fingi
posse, linenda cedro, et levi servanda cupressu?
Aut prodesse volunt, aut delectare, poetae;
aut simul et iucunda et idonea dicere vitae.
<335> Quidquid praecipies, esto brevis; ut cito dicta
percipiant animi dociles, teneantque fideles:
omne supervacuum pleno de pectore manat.
Ficta voluptatis causa sint proxima veris:
nec, quodcumque volet, poscat sibi fabula credi;
geglaubet werd', und nicht den Knaben, den
die LamiaDie Lamia war in den Kindermärchen der Alten ungefähr, was die Popanzinnen (ogresses), die Nachtfrau, und andre dergleichen Unholdinnen in den modernen sind. Sie wurde als eine Frau mit Eselsfüßen abgebildet, und fraß die Kinder lebendig auf, wenn sie nicht fromm sein wollten. aufgegessen, wieder frisch
und ganz aus ihrem Leibe ziehen!

<645> Der graue Teil des Publikums verdammt,
was ohne Nutzen ist; hingegen steigt
die junge Mannschaft stolz bei einem ernsten
Gedicht vorbei. Der aber, der das Nützliche
so mit dem Angenehmen zu verbinden weiß,
<650> daß er den Leser im Ergötzen bessert,
vereinigt alle Stimmen. Solch ein Werk
verdient den SosiernDen Buchhändlern. S. die 2te Erläut. zur 20sten Epistel des I. T. Geld, geht übers Meer,
macht seiner Meister Namen allen Zungen
geläufig und der späten Nachwelt wert!

<655> Indessen sind auch Fehler, denen man
Verzeihung schuldig ist: denn immer gibt die Saite
den Ton nicht an, den Seel' und Hand verlangte,
<340> neu pransae Lamiae vivum puerum extrahat alvo.
Centuriae seniorum agitant expertia frugis:
celsi praetereunt austera poemata Rhamnes:
omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci,
lectorem delectando, pariterque monendo.
<345> Hic meret aera liber Sosiis; hic et mare transit,
et longum noto scriptori prorogat aevum.
Sunt delicta tamen, quibus ignovisse velimus:
nam neque chorda sonum reddit, quem vult manus et mens,
und auch der beste Bogen trifft nicht immer.
Doch, glänzt das meiste nur in einem Werke,
<660> so sollen wenig Flecken mich nicht ärgern, die
des Dichters Fleiß entwischt sind, oder, weil er doch
nur Mensch ist, nicht von ihm verhütet werden konnten.

Nur, daß die Herren diese Klausel sich
nicht gleich zu Nutze machen! Denn, wie ein Kopist,
<665> der, aller Warnung ungeachtet, immer
am gleichen Worte sich verschriebe, keine
Entschuldigung verdiente; wie ein Geiger
verspottet würde, der die gleiche Note,
so oft sie käme, falsch gegriffen hätte:
<670> so heißt ein Dichter, der sich oft verschreibt,
bei mir ein ChörilusS. die 30ste Erläuterung zur Epistel an August.; und wenn ers gleich
auch zwei- bis dreimal gut gemacht, bewundre
ich ihn mit Lachen: wie es mich verdreußt,
wenn auch Homer sogar zuweilen – nickt;
<675> wiewohl man doch in einem großen Werke
vom Schlaf ja wohl einmal beschlichen werden kann!
poscentique gravem persaepe remittit acutum;
<350> nec semper feriet quodcumque minabitur arcus.
Verum, ubi plura nitent in carmine, non ego paucis
offendar maculis, quas aut incuria fudit,
aut humana parum cavit natura. Quid ergo?
Ut scriptor si peccat idem librarius usque,
<355> quamvis est monitus, venia caret; et citharoedus
ridetur, chorda qui semper oberrat eadem:
sic mihi, qui multum cessat, fit Choerilus ille,
quem bis terve bonum cum risu miror: et idem
indignor, quandoque bonus dormitat Homerus.
<360> Verum opere in longo fas est obrepere somnum.
Gedichte sind darin den Malereien gleich,
daß manche desto mehr die Augen fesseln,
je näher man hinzutritt; andre, wenn man weiter
<680> zurücktritt, erst die rechte Wirkung tunUt pictura poesis erit, u.s.w. Horaz hat (wie es spruchreichen Autoren zu gehen pflegt) das Unglück gehabt, daß öfters Stellen aus seinen Schriften ausgehoben und (sehr wider seine Meinung) zu Apophthegmen oder Lehrsprüchen erhoben worden sind, die in dem Zusammenhang, aus welchem man sie herausgerissen hat, einen ganz andern, und zuweilen gerade den entgegengesetzten Sinn geben – von welcher Art das »Chorda semper oberrat eadem« und das »Interdum quoque bonus dormitat Homerus« bekannte Beispiele sind. Eben so ist es auch mit dieser Stelle gegangen. Man hat das, was bloß Vergleichung in einem einzigen Punkt ist, zu einem allgemeinen Satz gemacht; und, diesem von allen Auslegern beföderten Wahn zu Folge, paraphrasiert Batteux diesen halben Vers getrost: »Es ist mit der Poesie wie mit der Malerei beschaffenDer bloße grammatische Sinn der Wörter hätte ihm schon seinen Irrtum zeigen sollen: denn pictura und poesis heißt hier, augenscheinlich, nicht Malerei und Poesie, sondern ein Gemälde und ein Gedicht; und dies macht einen großen Unterschied im Sinn der ganzen Stelle.. Es ist kein andrer Unterschied unter diesen beiden Künsten, als dieser, daß die eine sich durch Farben und Striche ausdrückt, und die andre durch die Rede und Harmonie« u.s.w. – So kann freilich jemand schwatzen, der weder Dichter noch Maler ist, und von beiden Künsten nur oben abgeschöpfte Kenntnisse hat, ohne je durch eignes Nachdenken in ihr Wesen eingedrungen zu sein: aber Horaz konnte so was nicht sagen, und hat es nicht gesagt. Nun setzt dieser, um den Pisonen zu sagen, »worin es mit einem Gedichte wie mit einem Gemälde sei« – hinzu:
– – quae, si propius stes,
te capiat magis, et quaedam si longius abstes;
haec amat obscurum, volet haec sub luce videri,
iudicis argutum quae non formidat acumen
.

Und wie versteht nun dies der französische Kunstrichter? – »Ich sehe nicht ein, sagt er, wie das Gleichnis des Horaz paßt, ausgenommen, wenn man das Wort poesis für quaedam poesis, eine Stelle eines Gedichts, annimmt. Denn ich kenne kein Gedicht, welches, im ganzen betrachtet, gemacht wäre, nur bloß von ferne, in einem halben Lichte, und ein einzigsmal gesehen zu werden.« – Und in diesem Tone gehts nun noch zwei Seiten fort; er tappt immer, mit seinem Dacier in der Hand, um den Sinn des Autors herum, stößt alle Augenblicke an ihn an, und kann ihn doch nicht erhaschen, weil das unglückliche: Es ist mit der Poesie wie mit der Malerei, seinem Auge nun einmal eine schiefe Richtung gegeben hat, daß er Schwierigkeiten sieht, wo keine sind. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand Horazens wahre Meinung hat verfehlen können, denn ich sehe nicht, wie er sie deutlicher hätte ausdrücken sollen. – Wir kennen, aus vielen andern Stellen, seine vorzügliche Liebe zum äußerst Ausgearbeiteten und Korrekten, zu dem, was er anderswo caelatum novem Musis opus nennt – und davon ist hier die Rede: bloß in Rücksicht auf das Fehlerlose und Vollendete vergleicht er gewisse Gedichte mit gewissen Gemälden. So wie es Gemälde gibt, die man in einer gewissen Entfernung oder bei schwachem Lichte sehen muß, Wenn Sie einen guten Effekt machen sollen, und wieder andre, deren Detail mit dem sorgfältigsten Fleiß so reinlich ausgearbeitet, und jeder Pinselstrich so sanft in den andern verschmelzt ist, daß man das Stück desto schöner findet, je näher und genauer man es betrachtet: so gibt es Gedichte, z. B. Theaterstücke, die bei der ersten Vorstellung oder Lesung – vielleicht durch das Interessante der Handlung, durch eine gute Verwicklung, einen raschen Gang, neue Situationen, stark gezeichnete Charakter und Leidenschaften u. dergl. sehr gefallen; aber wenn man sie in der Nähe und bei vollem Lichte, d. i. genauer, mit kälterm Blute, im Detail, mit Aufmerksamkeit auf alle Requisiten eines vortrefflichen Gedichtes untersucht: so entdeckt man nach und nach eine Menge Fehler, die man das erste- und zweitemal entweder gar nicht, oder nicht deutlich wahrnahm; und so verliert das Werk, je schärfer es untersucht wird. Ein anders hingegen hat beim ersten Anblick das Frappante nicht, wodurch jenes überraschte und hinriß; aber es zieht das Auge sanft an, und je genauer man es bis auf die kleinsten Teile betrachtet, je schöner, untadeliger und vollendeter findet man's; und eine ganz natürliche Folge davon ist: daß, wenn jenes einmal oder beim ersten Anblick gefällt, aber bei jedem Wiedersehen etwas verliert, man hingegen an diesem sich nicht satt lesen kann, und immer neue Schönheiten entdeckt, die unter der Menge, beim ersten-, zweiten-, drittenmale u.s.w. dem Auge noch entwischt waren. Mich deucht, dies ist der einzig mögliche Sinn, den Horazens Worte, im Zusammenhang genommen, zulassen: und die Vergleichung paßt – auf diese Art eben so gut, als der Satz, der dadurch erläutert werden sollte, eine auf die Erfahrung gegründete unleugbare Wahrheit ist.

.
Dies liebt ein schwaches, jenes, das sich nicht
vorm schärfsten Auge scheut, ein helles Licht,
und wenn das erste einmal uns gefällt,
wird dieses zehnmal wiederholt gefallen.

<685> Du, ältester der edlen Jünglinge,
wiewohl die Vaterstimme, und dein eignes
Gefühl dich schon zum Wahren bilden, präge doch,
was ich jetzt sage, fest in deinen Sinn.

Es gibt der Dinge viel, worin
<690> die Mittelmäßigkeit mit gutem Fug
gestattet wird. Ein Rechtsgelehrter oder
ein Redner vor Gericht kann minder wissen
als ein Cascellius, an Beredsamkeit
weit unter dem Messalla stehn, und hat
<695> doch seinen Wert: den mittelmäß'gen Dichter
Ut pictura, poesis: erit, quae, si propius stes,
te capiat magis; et quaedam, si longius abstes:
haec amat obscurum; volet haec sub luce videri,
iudicis argutum quae non formidat acumen:
<365> haec placuit semel, haec decies repetita placebit.
O maior iuvenum, quamvis et voce paterna
fingeris ad rectum, et per te sapis; hoc tibi dictum
tolle memor: certis medium et tolerabile rebus
recte concedi: consultus iuris, et actor
<370> causarum mediocris abest virtute diserti
Messallae, nec scit, quantum Cascellius Aulus;
schützenIch habe hier lieber das Metrum (wie oben v. 26.) durch zwei Zeilen fortziehen, d. i. eigentlich einen Vers von 10 Jamben machen, als den Numerus des Perioden verderben wollen. Mit beschützen statt schützen wäre der anscheinende trochäische Vers ein jambischer gewesen: aber das, was die Schönheit dieser Stelle macht, wäre verloren gegangen. weder Götter, Menschen, noch
Verleger vor dem Untergang! Warum? –
ist leicht zu sehn. So wie ein übelstimmendes
Konzert bei einer guten Tafel, oder
<700> zu dickes SalbölUm seine Gäste wohl zu bewirten, mußte man sie vor der Tafel mit wohlriechenden Ölen für Bart und Haare bedienen lassen., oder Mohn mit Sard'schem HonigDer Sardinische Honig hatte einen widrigen Beigeschmack wegen der Taxusbäume und bittern Kräuter, die dort sehr häufig sind.
bloß darum uns beleidigen, weil die Mahlzeit
auch ohne sie recht wohl bestehen konnte:
just so verhält es sich mit einem Dichterwerke.
Denn da es, um der Seele gütlich
<705> zu tun, erfunden ist, so senkt es sich,
wie's nur ein wenig vom Vollkommnen abweicht,
zum Schlechtesten. Wer mit den Waffen, die
im Campus üblich sind, nicht umzugehn
sed tamen in pretio est: mediocribus esse poetis
non homines, non di, non concessere columnae.
Ut gratas inter mensas symphonia discors,
<375> et crassum unguentum, et Sardo cum melle papaver,
offendunt; poterat duci quia cena sine istis:
sic animis natum inventumque poema iuvandis,
si paulum summo decessit, vergit ad imum.
Ludere qui nescit, campestribus abstinet armis;
versteht, der bleibt davon; wer mit dem Ball,
<710> dem Diskus, oder Reif zu spielen nicht
gelernt hat, gibt sich auch damit nicht ab,
um nicht dem Volk, das zusieht, zum Gelächter
zu werden. Wie? und Verse nur zu machen
erdreistet sich, wer nichts davon versteht.
<715> Warum nicht? Ist er nicht, so gut wie andre,
ein freigeborner, unbescholtner Mann,
und noch dazu von rittermäß'gen Renten?
Ein Ehrenmann von diesem Schlage sollte
nicht, wenn's ihn ankommt, Verse machen dürfen?
<380> indoctusque pilae, discive, trochive quiescit,
ne spissae risum tollant impune coronae:
qui nescit, versus tamen audet fingere. Quid ni?
Liber et ingenuus, praesertim census equestrem
summam nummorum, vitioque remotus ab omni.
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