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Gutenberg > Horaz >

Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 54
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Doch dies beiseit gesetzt, wie wolltest du,
daß ich zu Rom, in diesem ew'gen Wirbel
von Plackereien und Zerstreuungen,
Gedichte schreiben könnte? Dieser ruft mich
zum Bürgen; jenem soll ich alles stehn
und liegen lassen, einer Rezitierung
von seinem neuesten Werke beizuwohnen.
Der wohnt zu äußerst auf dem Aventin,
    <65> Praeter cetera, me Romaene poemata censes
scribere posse, inter tot curas, totque labores?
Hic sponsum vocat, hic auditum scripta relictis
omnibus officiis: cubat hic in colle Quirini,
der auf dem Quirinal, und beide müssen
besucht sein – wie du siehst, ein hübscher ZwischenraumWenigstens von einer Stunde für einen guten Fußgänger.!
Noch möcht' es gehn, wenn nur die Straßen freier
und nicht für Denker so gefährlich wären.
Hier eilt mit einem Heer von Eseln und von Trägern
ein hast'ger Bauverwalter auf dich zu;
dort dreht an einer ungeheuern Winde
ein Balken oder Quader sich empor;
da zieht ein Trauerwagen, schwer und knarrend,
durch deinen Weg; dort lauft ein toller Hund,
hier rennt ein wohlbesudelt Schwein dich an.
Geh nun und sinne unter solchem Drange
singbare Verse bei dir selber aus!

Das Dichtervolk war je und allezeit
den stillen Hainen hold und floh die Städte,
als Bacchus echte Schutzverwandte, der
den Mittagsschlaf in grünen Schatten liebt.
Und du verlangst, ich soll in diesem Lärm,
der Tag und Nacht um meine Ohren braust,
die Leier rühren, und den schmalen Pfad
hic extremo in Aventino, visendus uterque;
<70> intervalla vides humane commoda. Verum
purae sunt plateae, nihil ut meditantibus obstet.
Festinat calidus mulis gerulisque redemptor;
torquet nunc lapidem, nunc ingens machina tignum;
tristia robustis luctantur funera plaustris;
<75> hac rabiosa fugit canis, hac lutulenta ruit sus:
i nunc, et versus tecum meditare canoros.
Scriptorum chorus omnis amat nemus et fugit urbes,
rite cliens Bacchi, somno gaudentis et umbra:
tu me inter strepitus nocturnos atque diurnos
der Sänger, die mir vorgegangen, treten?

Ein Kopf, der sich das einsame Athen erkor,
dort sieben Jahre dem Studieren oblag,
und über Büchern brütend alt geworden,
kehrt stummer als ein Standbild in die Welt
zurück, und wird mit lautem Lachen überall
vom Volk empfangen; und ich sollte mir,
in dieser steten Ebb' und Flut von Rom,
um gleichfalls zum Gelächter mich zu machen,
die Mühe geben und nach Worten haschen,
die sich zur Leier gattenBaxter sieht hier wieder Satire, wo keine ist. Horaz (meint er) stichle im Vorbeigehen auf die umbratiles Studiosos, auf die Finsterlinge, die, vor lauter Studieren und Gelehrsamkeit, in der menschlichen Gesellschaft zu gar nichts zu gebrauchen sind. Aber wenn dies auch wäre, so ist der Sache noch nicht geholfen; und die Frage bleibt immer: wie kommt das Ingenium sibi quod vacuas desumpsit Athenas etc. hierher? Wie hängt diese Stelle mit dem Vorgehenden und Nachfolgenden zusammen? Auch in Sanadons und Batteux' Übersetzung ist der Mangel an Zusammenhang auffallend, und die Periode steht da, als ob sie durch einen Zufall eingeschoben wäre. Ich hoffe diesem Fehler entgangen zu sein. Was Horaz sagen will, ist dies: Wer in irgend einem Studio vortrefflich werden will, muß demselben in der Einsamkeit, lange und mit anhaltendem Fleiße obliegen. – Davon aber ist eine ganz natürliche Folge, daß ein solcher Mensch, wenn er aus seiner literarischen Einsiedelei wieder in die Welt kommt, unmöglich die Redseligkeit, Eutrapelie, und artigen Manieren eines feinen Römers, der alle Tage in Gesellschaft und an öffentlichen Orten zubringt, haben kann. Allein, dies in Betracht zu ziehen, ist der große Haufe weder verständig noch billig genug. Man bedenkt nicht, daß der Mann, um es in einer Kunst, welche die tiefste Meditation und den angestrengtesten Fleiß erfodert (und die Dichtkunst ist nun gerade eine von diesen Künsten), zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen, sich notwendig den Gelegenheiten, wo man die glatte gefällige Außenseite eines Weltmanns bekommt, entziehen mußte: sondern man lacht überlaut über die gelehrte Statue, die auf der Straße selbst in tiefen Gedanken geht, und in guter Gesellschaft nichts zu sagen weiß. Wenn nun das in dem einsamen, menschenleerenSo stand es damals mit dieser Stadt, die in den Zeiten ihrer Herrlichkeit beinahe so groß und volkreich als Rom gewesen war. Athen geschieht; wie würde mirs erst in Rom ergehen, wenn ich, um schöne Gedichte zu machen, mich in den nämlichen Fall setzen wollte? Horaz führt dies als eine von den vielen Ursachen an, um derentwillen ihm die Lust zur Poeterei vergangen sei. Die Satire, die in dieser Stelle liegt, geht also nicht auf die studiosos umbratiles, sondern auf – das Publikum.? Und wofür?

Indessen helfen unsre Dichter sich
wie jenes Brüderpaar zu Rom, wovon
ein Rhetor einer, und ein Advokat
der andre war. Die beiden mußte man
einander loben hören! – »Bruder«, sagte der,
»du bist der dritte Gracchus« – und erwiderte
der andre, »du ein zweiter MuciusCajus Gracchus, der eine von den zwei berühmten Brüdern dieses Namens, wurde für den beredtesten Mann seiner Zeit gehalten. Seine Beredsamkeit war von der starken, hinreißenden Art, worin er, wie Gellius sagt, von manchen dem Cicero selbst vorgezogen wurde. Den P. Mucius nennt der letztere (im 48ten Kap. des I. B. de Oratore) unter den drei größten Rechtsgelehrten der Röm. Republik. Ob die zwei Brüder, die einander so schöne Komplimente machten, wirkliche leibliche Brüder waren, oder nur sworn Brothers, wie Baxter meint, kann uns sehr gleichgültig sein: ich sehe aber nicht, warum man von dem buchstäblichen Sinn des Worts Bruder abgehen soll; zumal da der Spaß dadurch nur desto besser wird.

Ein gleicher Wahnsinn plagt uns Dichterlinge.
Ich drechsle Liederdieser Elegien
<80> vis canere, et contracta sequi vestigia vatum?
Ingenium, sibi quod vacuas desumpsit Athenas,
et studiis annos septem dedit, insenuitque
libris et curis, statua taciturnius exit
plerumque et risu populum quatit: hic ego rerum
<85> fluctibus in mediis, et tempestatibus urbis,
verba lyrae motura sonum connectere digner?
Frater erat Romae consulti rhetor, ut alter
alterius sermone meros audiret honores;
Gracchus ut hic illi foret, huic ut Mucius ille.
<90> Qui minor argutos vexat furor iste poetas?
man muß gestehen, zum Erstaunen! so
daß alle neun Camönen nichts Vollkommners
und Feiners auszumeißeln fähig wärenMeine Übersetzung dieser Stelle:
Carmina compono, hic elegos – mirabile visu
caelatumque novem Musis opus,
!
Sieh nur, mit welchem Stolze, welchem Prunke
wir in dem Musensaale, der so leer
an röm'schen Dichtern ist, uns umsehn! – Schleich' uns dann,
wofern du Zeit hast, nach, und horch ein wenig
von weitem zu, wie wir uns heben, und
warum wir wechselweis uns Kränze flechten.
Sieh, wie, den Spiegelfechtern ähnlich, die
beim Gastmahl uns mit ihrem Spiel ergötzenDas Original sagt:
Caedimur et totidem plagis consumimus hostem,
lento Samnites ad lumina prima duello.

Die Samniter, wovon hier die Rede ist, waren eine Art von Gladiatoren, die bei großen Gastmählern, zu Anfang der Mahlzeit (ad lumina prima) in einer sehr zierlichen Waffenrüstung, im Kostüm der alten Samniter, im Speisesaal erschienen, um die Gäste durch ihre Geschicklichkeit zu belustigen. Sie zeigten bei diesen Lustgefechten alles, was sie bei einem öffentlichen Gladiator-Spiel (munus Gladiatorium) im Ernste zu leisten pflegten; und es ging so hitzig dabei zu, als ob es um Leib und Leben gälte: aber sie fochten nur mit unschädlichen Waffen, und es floß kein Blut; wiewohl einige aus einer Stelle des AthenäusS. Athen. Deipnos. L. VII. p. 153. geschlossen haben, als ob es etwas Gewöhnliches bei den Römern gewesen sei, ihre Gastmahle mit blutigen und mörderischen Schauspielen zu befleckenDaß es zuweilen geschehen sei, ist allerdings zu glauben; und dies mag den Athenäus verleitet haben, für römische Sitte zu halten, was nur zufällige Brutalität übermütiger Großen in den wildesten Ausschweifungen der Trunkenheit gewesen zu sein scheint.. Allein die Parallele, welche Horaz zwischen diesen Fechtern und den Poeten zieht, die, in einer Art von enkomiastischem Wettkampfe, einander Lob um Lob, wie jene Stoß um Stoß, zurückgaben, – würde allein schon hinreichend sein, das Gegenteil dieses an sich selbst ganz unglaublichen und von keinem Autor bekräftigten Vorgebens zu beweisen. Diese Vergleichung hat noch eine andre, verborgnere Schönheit, nämlich eine scherzhafte Vergleichung per Antiphrasin, wie es die Grammatiker nennen. Die Samniter schienen, indem sie so hitzig auf einander losgingen und keinen empfangnen Streich schuldig blieben, die ärgsten Feinde zu sein, und verstanden sich doch sehr gut zusammen. Bei den Poeten war's just umgekehrt: bei ihnen war das gute Einverständnis von außen, der Haß oder die Verachtung hingegen innerlich; sie erschöpften sich in Wechsel-Komplimenten, und hätten einander lieber das Weiße in den Augen aufessen mögen.

,
wir keinen Stoß empfangen, den wir nicht
dem andern auf der Stelle wiedergeben!
Schlägt er mich zum Alcäus, kann ich ihn
zu was Geringerm schlagen, als zum zweiten
Kallimachus? Und scheint er mehr zu fodern,
so wird er gar MimnermusS. im I. Teil die Erläuterung auf der 146. Seite., und noch mehr;
er hat nur zu befehlen! Alles das
muß nun ein Autor, der noch selbst beim Volk
um Beifall bettelt, sich gefallen lassen,
um nicht das wespenartige Geschlecht
Carmina compono, hic elegos; mirabile visu
caelatumque novem Musis opus. Aspice primum,
quanto cum fastu, quanto molimine circum-
spectemus vacuam Romanis vatibus aedem.
<95> Mox etiam, si forte vacas, sequere, et procul audi,
quid ferat et quare sibi nectat uterque coronam.
Caedimur, et totidem plagis consumimus hostem,
lento Samnites ad lumina prima duello.
Discedo Alcaeus puncto illius: ille meo quis?
<100> quis nisi Callimachus? si plus adposcere visus,
fit Mimnermus, et optivo cognomine crescit.
der Versemänner gegen sich zu reizen.
Hingegen hab' ich selbst das Handwerk aufgegeben,
und bin nun wieder meiner Sinne mächtig und
mein eigner Herr: wer wehrt mir, daß ich mir
die Finger in die Ohren stecke, wenn mich einer
mit seinem Werkchen in der Hand verfolgt?
Denn solche Stümper heilt sogar das Lachen
des Publikums von ihrer Torheit nicht:
»Sie schreiben con Amore!« haben wahren
Respekt vor ihren Werken, und wenn du nichts sagst,
so rechne drauf, sie fangen selber an
davon zu sprechen, und dir anzurühmen,
wie glücklich ihnen dies und das gelungen,
wie leicht sie schreiben, und wie wenig Müh'
es ihnen kostet, sich genug zu tunIch habe mir bei Übersetzung dieser Periode, die im Original nur drei Verse macht, etwas mehr Freiheit, als gewöhnlich, im Ausdruck erlaubt: ohne, wie ich glaube, den Horaz etwas anders sagen zu lassen, als was er in seiner Sprache sagt und sagen wollte. Vielleicht könnte mich die Absicht, desto verständlicher zu sein, schon genug deswegen rechtfertigen: aber ich gestehe, daß ich den Ausdruck: sie schreiben con Amore (wenn man etwa finden sollte, daß er den Sinn des gaudent scribentes nicht übel auslege), einer Menge wackrer Leute, mala qui componunt carmina, schuldig bin, denen ich meinen Dank bei dieser Gelegenheit nicht vorenthalten kann. Duo cum faciunt idem, non est idem, ist ein bekanntes sehr wahres Sprüchwort. Große Künstler – zeichnen, malen, bilden, dichten, komponieren u. s. w. zuweilen con amore, und gewöhnlich gelingts ihnen dann am besten. Indessen ists, denke ich, noch nicht viel über zehn Jahre, daß dieser Ausdruck von einem unsrer Schriftsteller als eine fremde Ware in Deutschland importiert, und, nicht zur guten Stunde! wiewohl vermutlich in der unschuldigsten Meinung von der Welt, gebraucht worden ist. Denn von Stund an bemächtigten sich die Herren mala qui componunt carmina dieser Art zu reden; und seitdem ist keiner unter ihnen, der nicht con amore eine Art Verse machte, welche Horaz so unhöflich ist – elende Verse zu nennen. Einer meiner Freunde, den seit mehrern Jahren das Schicksal getroffen hat, wider Dank und Willen zum Poète consultant aufgeworfen zu werden, versicherte mich neulich: daß unter zehn poetischen Handschriften, womit er monatlich beehrt werde, die erbärmlichste immer diejenige sei, welche der Verfasser mit der wärmsten Liebe geschrieben zu haben, und wobei er unaussprechlich glücklich gewesen zu sein versichre. Ich könnte erstaunliche Beispiele davon anführen, wenn ich meinem Freunde nicht Verschwiegenheit zugesagt hätte. Es geht wirklich so weit, daß mehr als einer von diesen Beatis, wie sie Horaz (mit größtem Rechte, wie man sieht) genannt hat, nicht einmal den geringsten Schul-Begriff von Versifikation und gar keine Ahnung davon hat, daß, ein poetisches Werk zu machen, vielleicht eine Kunst sein könnte. Nun mag es mit der Aufrichtigkeit dieser Herren, über den Punkt dessen, was Horaz in seinem Briefe an August errorem et levem insaniam – sie aber Liebe nennen, seine völlige Richtigkeit haben: aber sie sollten (unmaßgeblich) doch bedenken, daß es mit Lust und Lieb zum Ding noch nicht ausgerichtet ist; und daß – – Doch nein! Ich besinne mich – Sie sollen nichts bedenken! Diese Zumutung wäre eben so unbillig, als unmöglich. Sie sollen schreiben, und – glücklich sein!.

So leicht wirds freilich keinem, der ein Werk
zu machen wünschet, das die Probe halte!
Der nimmt, zugleich mit Feder und Papier,
des unbestechbarn Zensors strengen Sinn,
vor dem nichts Tadelhaftes Gnade findet.
Er schonet keines Worts, das ohne Glanz,
das müßig, oder seiner Stelle sonst,
Multa fero, ut placem genus irritabile vatum,
cum scribo, et supplex populi suffragia capto:
idem, finitis studiis, et mente recepta,
<105> obturem patulas impune legentibus aures.
Ridentur mala qui componunt carmina: verum
gaudent scribentes, et se venerantur et ultro,
si taceas, laudant quidquid scripsere, beati.
At qui legitimum cupiet fecisse poema,
<110> cum tabulis animum censoris sumet honesti;
audebit quaecumque parum splendoris habebunt,
et sine pondere erunt, et honore indigna ferentur,
auf welche Art es sei, nicht würdig ist,
und wenn es noch so ungern wiche, und
obgleich es, wie in Vestas heil'gem Dunkel,
in seinem Pulte noch verschlossen ist.
Er zieht die alten Wort' und Redensarten
voll Kraft und Sinnes wieder an das Licht,
die nur durch Ungerechtigkeit der Zeit
herabgekommen und vergessen, oder
von Rost und Staub unscheinbar worden sind.
Auch trägt er kein Bedenken, neuen Wörtern
von gutem Korn, die etwa der Gebrauch
in Umlauf bringt, den Stempel aufzudrücken.
Und so, gleich einem Strom, der voll und klar
durch Auen, die er fruchtbar macht, sich wälzet,
ergießt er seine Schätze, und verschönert
die Sprache seines Volks. Er schneidet weg,
was allzu üppig schießt, verbessert durch Kultur
das Herbe, das von ihrer ersten Wildheit
zurückblieb, reutet ohne Schonen aus,
was bloßes Unkraut ist, und weiß dabei
die Pein, die ihm dies alles oft gekostet,
mit einem Schein von Leichtigkeit zu bergen,
verba movere loco, quamvis invita recedant,
et versentur adhuc intra penetralia Vestae.
<115> Obscurata diu populo bonus eruet, atque
proferet in lucem speciosa vocabula rerum,
quae priscis memorata Catonibus atque Cethegis,
nunc situs informis premit et deserta vetustas:
adsciscet nova, quae genitor produxerit usus.
<120> Vehemens et liquidus puroque simillimus amni,
fundet opes, Latiumque beabit divite lingua;
luxuriantia compescet, nimis aspera sano
levabit cultu, virtute carentia toller,
ludentis speciem dabit et torquebitur, ut qui
als wärs ihm nur ein Spiel; so wie der Mime
gleich leicht den Cyklops oder Satyr tanztWer diese ganze Stelle, wo Horaz das Verfahren desjenigen, der ein legitimum opus zu machen gedenke – vornehmlich in Rücksicht auf Sprache, Stil, Ton, Ausdruck, Kolorit, Versifikation, und auf Korrektheit in allem diesem, abschildert, mit unsers Dichters eignen Werken vergleicht, wird finden, daß er (wenn es auch nicht geradezu seine Absicht gewesen sein sollte) sein eignes Bild darin entworfen habe. Vorzüglich scheint der so schöne und wahre Zug, womit er das ganze Gemälde vollendet,
Ludentis speciem dabit et torquebitur
.

Nun freilich, wenn es die Bewandtnis hat,
wer, der sich selber hold ist, wollte nicht
(so fern er nur sich selbst gefiele) lieber
für einen schalen Pfuscher bei den Kennern gelten,
als sichs um etwas, das am Ende doch
ihm niemand dankt, so sauer werden lassenMatth. Gesner meint: Horaz sage das alles, von dem Verse,
Praetuierim scriptor delirus inersque videri

bis zum 141sten Verse,

Nimirum sapere est abiectis utile nugis,

im Namen eines andern – als spräche er: »Nun, wenn es diese Bewandtnis hat, wenn es solche Mühe kostet, ein guter Autor zu sein, so will ich noch immer lieber für einen abgeschmackten Pfuscher passieren und mir selbst gefallen! Was tuts, daß meine Einbildung falsch ist, wenn sie mich nur glücklich macht, wie jenen wackern Mann von Argos sein Wahnwitz – Tragödien zu hören, wo keine waren« – Und hierauf antworte dann Horaz vom 141sten Verse an: »Am Ende ist eben doch das Beste, das Spielzeug gar wegzuwerfen, und dafür was Kluges zu treiben« u.s.w. Ich verstehe den Text anders. Horaz, dünkt mich, spricht in dieser Epistel immer in seinem eignen Namen, nur nicht immer im nämlichen Tone. Zwischen dem 125sten und 126sten Vers ist eine kleine Lücke. Man sollte denken, es müßten ein oder zwei Verse fehlen; wenn man nicht an unserm Autor gewohnt wäre, daß er meistens lieber über einen Graben wegsetzt als einen Steg sucht, wiewohl er nur drei oder vier Schritte auf die Seite zu machen hätte. Der Hauptpunkt ist immer, daß wir die Laune, worin der Brief geschrieben ist, nie vergessen dürfen. Der Freund, an den er schrieb, war selbst ein Poet, und vielleicht einer von denen, die sich so wenig als möglich wehe dabei geschehen ließen; der also von Horazen dasselbe vermutete, und ihm nichts Ungebührliches anzusinnen glaubte, wenn er ihn wegen des längst versprochenen Gedichts, als einer Schuld, die er leicht bezahlen könne, anfoderte. Die üble Laune, in welche dies unsern Dichter setzte, führt gewöhnlich eine Disposition, paradoxe und auffallende Dinge zu sagen und zu behaupten, mit sich; man sieht die Sachen gelb, und versichert also, mit aller Aufrichtigkeit der Selbstüberzeugung, daß sie gelb seien. Die Rezension der mancherlei Ursachen, warum er (zu Rom wenigstens) lieber alles in der Welt tun als Verse machen möchte, brachte ihn natürlicher Weise auf das Ungemach, das ganze zahllose Heer der Poeten und Schöngeister zu Kollegen zu haben, und genötigt zu sein, diesen sich selbst so wohl gefallenden Herren seine Ohren zu leihen und noch Komplimente dazu zu machen, u.s.w. Das Glück dieser wackern Leute, die so herzliche Freude an den mißgeschaffnen Geburten ihres Witzes haben (quos sua delectant mala), deuchte ihm, auf einen Augenblick, beneidenswert – indem er sich die Mühe vorstellte, die er und die wenigen seinesgleichen sich kosten ließen, etwas, das die Probe hielte (legitimum carmen), zu machen. Dies brachte ihn auf das Gemälde – wie ein guter Dichter bei seinen Arbeiten zu Werke gehe, wovon wir in der 8ten Erläuterung gesprochen haben. Julius Florus war (wie gesagt), aller Wahrscheinlichkeit nach, einer von den Beatis, deren Gedichte, ohne just zu den schlechten zu gehören, doch die wenige Mühe, die sie kosteten, zu stark verrieten. Horaz wollte nicht, daß sein Freund sich durch jenes Gemälde beleidigt finden sollte – oder er besorgte vielleicht, Florus möchte merken, daß er durch den Dichter, qui legitimum cupiet fecisse poema, sich selbst gemeint habe, – und im einen oder andern Falle konnte er sich nicht leichter aus der Sache ziehen, als wenn er sich selbst mit allen übrigen Versemachern vermengte, und in seinem eignen Namen sagte, was freilich nie seine Meinung gewesen war. – »Ei, wer wollte sich solche Mühe geben? Sich das Leben so sauer machen, um eine Vollkommenheit zu erreichen, für die ihm niemand keinen Dank weiß? Mögen doch die Kenner von uns halten, was sie wollen! Wenn wir uns nur selbst gefallen, nur glücklich in unserm Irrtum sind!« Diese Art der Ironie, die man an unserm Autor schon so gewohnt sein muß, ist immer die bequemste Wendung in solchen Fällen. Man kann andern auf eine unanstößige Art die auffallendsten Dinge sagen, sobald man sie sich selbst zu sagen scheint. – So verstehe ich diese ganze Stelle; und weil ich das folgende – Nimirum sapere etc. als eine Wendung ansehe, wodurch sich Horaz stellt, als ob er sich eines Bessern besönne, und, ungeachtet der Süßigkeiten eines wahnsinnigen Selbstbetrugs, am Ende doch für das Beste halte, bei gesundem Verstande zu sein: so habe ich – anstatt daß er, nach seiner Gewohnheit, bloß an dem Worte nimirum, wie an einem Zaunpfahl, über den Graben springt – lieber ein Brett drüber legen wollen, und so übersetzt:

Wenn nun, wie ich besorge, dies der Fall
bei allen Versemännern ist, u.s.w.
?

Es war einmal ein Mann von gutem Hause
zu Argos mit dem wunderbaren Wahnsinn
behaftet, daß er oft die schönsten Trauerspiele,
gar herrlich aufgeführt, zu hören glaubte.
Man fand ihn oft, vor Freuden außer sich,
im leeren Schauplatz sitzen, und TragödenTragischen Schauspielern.,
die nur in seinem eignen Schädel spielten,
den wärmsten Dank aus allen Kräften klatschen.
Der Mann war sonst in jedem andern Punkt
so gut als einer in der ganzen Stadt,
im Umgang angenehm, ein guter Nachbar,
ein guter Ehmann, und ein milder Herr,
der, wenn ein Diener etwa sich am Siegel
<125> nunc Satyrum, nunc agrestem Cyclopa movetur.
Praetulerim scriptor delirus inersque videri,
dum mea delectent mala me vel denique fallant,
quam sapere et ringi. Fuit haud ignobilis Argis,
qui se credebat miros audire tragoedos,
<130> in vacuo laetus sessor plausorque theatro;
cetera qui vitae servaret munia recto
more, bonus sane vicinus, amabilis hospes,
comis in uxorem, posset qui ignoscere servis
vergriffDie Römer pflegten ihre Lagenas, eine Art von großen Weinkrügen mit engen Hälsen, zu versiegeln, um sie dadurch vor ihren Sklaven zu verwahren., den Zorn nicht an der Flasche ausließ,
auch sonst verständig g'nug, um einem Wagen aus
dem Weg und neben unbedecktem Brunnen
vorbeizugehn. Demungeachtet hielten
die weisen Anverwandten sich verbunden,
dem armen Vetter zum Verstand zu helfen.
Doch wie er nun, nicht ohne Müh' und Not,
durch Niesewurz und guten alten Wein
sich endlich wiederhergestellt befand,
erhob er bittre Klagen über seiner Freunde
Dienstfertigkeit: »Ihr hättet«, sprach er, »eben
so lieb das Leben mir genommen, als
den süßen Irrtum, der mich glücklich machte«.Aristoteles, oder vielmehr der Verfasser der Kompilation von wunderbaren Sagen (Θαυμασίων ακουσμάτων), die dem Aristoteles zugeschrieben wird, erzählt die nämliche Geschichte von einem Manne aus Abydos, – und Älianus eine ähnliche von einem gewissen Thrasyllus, der ebenfalls in allen andern Dingen so viel Verstand hatte, als man fürs Haus braucht, dabei aber in dem Wahne stand, alle Schiffe, die im Hafen Piräus zu Athen anlangten, kämen auf seine Rechnung; und sich deswegen für den reichsten und glücklichsten Mann in der Welt schätzte, bis ihm sein Bruder den ungebetnen Dienst tat, ihn durch Niesewurz wieder – zu einem armen Teufel zu machen. Torrentius, der sehr aufmerksam darauf ist, jedem das Seine zu geben, bemerkt, daß nicht Lambinus, sondern Pietro Vittorio (weiland ein gelehrter Professor zu Florenz im XVIten Jahrhundert) in seinen Variis Lectionibus der erste gewesen sei, der den Narren von Abydos im Aristoteles, und Franz Robortell der erste, der den Narren Thrasyllus im Älian aufgegraben und ans Tageslicht hervorgezogen habe. Die Gelehrten des vorigen Jahrhunderts legten einen höhern Wert auf das Verdienst, dieses oder jenes in einem alten Autor zuerst zitiert zu haben, als es wirklich zu haben scheint. Im Vorbeigehen bemerke ich nur noch, daß Lambinus bei dieser Gelegenheit einen doppelten Gedächtnisfehler begangen hat. Er nennt den Ehrenmann, der Thrasyllus hieß, Thrasylaus; und zitiert das zwölfte Buch von Älians vermischten Historien, da er doch das vierte Buch und dessen 25stes Kapitel hätte zitieren sollen. Torrentius, in gutem Vertrauen auf Lambins Richtigkeit, schrieb ihm beide Fehler getreulich nach. Ich erinnere dies hier bloß zur Warnung junger Gelehrten; weil mich die Erfahrung gelehrt hat, daß man sehr oft Gefahr läuft, falsch zu zitieren, wenn man die Zitationen der Gelehrten des 16ten und 17ten Jahrhunderts abschreibt, ohne sie selbst verifiziert zu haben. Da ich mir diese Mühe gewöhnlich zu geben pflege, so bin ich sehr oft in dem Falle gewesen – nicht ohne Ungeduld über den Zeitverlust, den mir mancher Vir Doctissimus dadurch verursacht hat diese unangenehme Erfahrung zu machen.
et signo laeso non insanire lagenae,
<135> posset qui rupem et puteum vitare patentem.
Hic ubi cognatorum opibus curisque refectus
expulit helleboro morbum bilemque meraco,
et redit ad sese: »Pol, me occidistis, amici,
non servastis«, ait, »cui sic extorta voluptas
<140> et demptus per vim mentis gratissimus error.«
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