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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 48
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Nävius, wiewohl aus allen Händen
verschwunden sitzt, so frisch als wär' er erst
von gestern her, in allen Köpfen nochHoraz macht, gegen seine Absicht, diesem Nävius kein kleines Kompliment, indem er sagt, jedermann wisse ihn beinahe auswendig, ungeachtet man von seinen Werken nichts mehr zu Gesicht bekommen könne. Nävius, der ein Zeitgenosse des Ennius, wiewohl etwas jünger warDies sagt Cicero ausdrücklich im I. Kap. der ersten Tusculana; und der wußte es doch wohl besser, als Lambinus und die andern, die es diesem nachgesagt haben., tat sich ebenfalls im Epischen und Dramatischen Fache zugleich hervor. Seine eigentliche Stärke lag in der Komödie, worin er aber noch bei seinem Leben dem Plautus die Oberstelle lassen mußte. Cicero sagt von ihm: daß er facetiarum plenus sei, und führt im 2ten Buche de Oratore verschiedene kleine Züge aus seinen Komödien an, die er sehr drollicht findet. Vermutlich waren es diese launichten Einfälle und Fazezien, die durch eine Art von TraditionCicero läßt den großen Redner seiner Zeit, L. Crassus, von seiner Schwiegermutter Lälia sagen: cum audio socrum meam Laeliam, eam sic audio ut Plautum mihi aut Naevium videar audire, u.s.w. Diese Lälia war eine Tochter des C. Lälius, der in Ciceros Dialog von der Freundschaft die Hauptperson vorstellt, und ein Zeitgenosse aller der Dichter war, von denen hier die Rede ist. Sie hatte also (wie auch Crassus selbst bemerkt) diese alte ungekünstelte Art sich auszudrücken, die ihn alle Augenblicke an den Plautus und Nävius erinnerte, durch Tradition von ihrem Vater angenommen., als das Beste und gleichsam der Geist dieses Nävius, sich bis auf Horazens Zeiten erhalten hatten..
So heilig macht das bloße Altertum
uns alle Dichterei! Man hört noch immer
die Frage: ob Pacuv, ob AcciusEine Frage, die im Ohr eines Mannes von Geschmack ungefähr eben so klang, als wenn wir uns jetzt in Gesellschaften streiten wollten, ob Gryphius oder Lohenstein im Trauerspiel der größere Meister gewesen sei. – Pacuvius, ein Schwestersohn des Dichters Ennius, tat sich in der Malerei und in der Tragödie zugleich hervor. Er wurde im Jahr 533 geboren, und lebte bis 623. Die lateinische Sprache und Poesie gewann sehr viel durch diesen Dichter, und ein paar kleine Fragmente, die ich weiter unten von ihm anführen werde, rechtfertigen die große Achtung, worin er bei den Römern, noch zu Ciceros Zeiten, stand, der ihm, ungeachtet sein Latein nicht das reinste war, die erste Stelle unter ihren Tragischen Dichtern einzuräumen scheintDe opt. Gen. Orator. cap. 1., und ihn öfters anzuführen pflegt. – Attius oder Actius trat, als sein Nebenbuhler in der Tragödie, in seinem dreißigsten Jahre auf, um dem damals schon achtzigjährigen Greise seinen wohlverdienten und so lange behaupteten Kranz von der Stirne zu reißen. Die Kunstrichter, denen Ennius ein Homer war, fanden im Actius einen zweiten Sophokles, und Pacuvius mußte sich begnügen, der römische Euripides zu heißen, den er sich auch, so viel man aus seinen Fragmenten urteilen kann, wirklich zum Vorbild genommen hatte. Dies ists, was Horaz mit dem Gegensatz der charakterisierenden Beiwörter, gelehrt und erhaben, ohne Zweifel sagen will; denn das nämliche Urteil würde auch auf Euripides und Sophokles passen.
im Trauerspiel der größre Meister sei?
Und immer fällt der Kenner Urteil aus:
gelehrter war der gute Greis Pacuv,
erhabner Accius. – Ist von Komödien
die Rede, stracks wird uns Afran zitiertDieser Afranius, der sich durch Fabulas Togatas, d. i. durch Komödien, worin römische Personen und Sitten aufgeführt waren, hervorgetan, wurde von den Kunstrichtern mit dem Menander (dessen Sprache er, wie es scheint, nicht verstand) nicht deswegen verglichen, weil er diesen Dichter der Grazien zu seinem Muster genommen; sondern weil sie glaubten, daß er ihm von Natur ähnlich sei, und daß seine Stücke sich unter den übrigen römischen Komödien, eben so wie die Menandrischen, durch Eleganz und Feinheit auszeichneten. Cicero gibt dieser Stelle einiges Licht. Afranius, sagt erDe Clar. Orator. c. 45., habe sich nach dem römischen Ritter C. Titius gebildet, der unter die beredten Männer seiner Zeit zu zählen sei, und es so weit gebracht hätte, als ein lateinischer Redner ohne Bekanntschaft mit den Griechen (sine Graecis litteris) nur immer habe kommen können. Die Reden dieses Titius, setzt er hinzu, seien so voll Feinheit, Witz und Urbanität, daß man sie beinahe im Attischen Geschmacke geschrieben glauben könnte; und er hätte eben diese Manier zu schreiben auch in seine Tragödien gebracht, wo sie aber freilich keine gute Wirkung getan u.s.w. Hier haben wir also die wahre Auflösung des Rätsels, wie Afranius zu seiner Ähnlichkeit mit Menander gekommen war.;
Menander, spricht man, hätte seiner Stücke
sich nicht zu schämen. – Plautus heißt mit Recht
Roms Epicharmus, oder kommt ihm doch
sehr nah; an Weisheit trägt den Preis
Cäcilius davon, Terenz an Kunst. –Epicharmus, ein Pythagoräer und Dichter der ersten Komödie, blühte um die Zeiten des Tyrannen Hiero von Syrakus, und also vor dem Aristophanes. Platon gibt ihm in seinem Theätet die Oberstelle unter den komischen Dichtern seines Jahrhunderts. Er schrieb über 50 Stücke, von denen wir nichts als die Namen und wenige Fragmente übrig haben. Wenn er sich (wie unser Dichter zu verstehen gibt) zum Plautus verhielt, wie (aller Wahrscheinlichkeit nach) Accius zum Sophokles und Afranius zu Menander, so ist der Verlust seiner Werke beweinenswert. Cäcilius war etwas älter als Terenz, und scheint, wie dieser, seine Stücke größtenteils dem Menander und andern Dichtern der neuen Komödie in Athen abgeborgt zu haben. Er kann nicht schlecht gewesen sein, da Cicero es wenigstens zweifelhaft läßt, ob ihm nicht der erste Platz unter den römischen Komikern gebühreDe opt. gen. orator. c. I.; wiewohl er ihm an zwei andern Orten Schuld gibt, daß er die Sprache nicht rein geschrieben habeBrut. c. 74. Epist. ad Attic. VII. 3..

Was die Kunstrichter mit der Gravität, worin sie dem Cäcilius, und mit der Kunst, worin sie dem Terenz den Vorzug gaben, eigentlich gemeint, ist nicht so leicht zu sagen. Weil diese Termini einander entgegengesetzt sind, so vermute ich: daß gravitate auf den höhern Wert des Stoffes, und arte auf die feinere Bearbeitung gehen soll: jener hatte mehr Kraft und Gewicht, dieser mehr Geschmack. – Vielleicht aber bezieht sich das vincere auf den Plautus, von welchem unmittelbar vorher die Rede war; und dann wäre der Sinn ohne Zweifel: Cäcilius hätte ihn an Anständigkeit und Sobrietät, Terenz an Kunst der Komposition übertroffen. – Übrigens ist noch im Vorbeigehen zu erinnern, daß man diese Urteile nicht (wie öfters geschehen ist) auf Horazens Rechnung setzen muß; er führt sie als Urteile der Kunstrichter an, die das Publikum noch zu seiner Zeit nachzusprechen pflege; und er ist so weit entfernt, sie zu unterschreiben, daß er sie vielmehr durch alles, was er über die Frage von dern Vorzug der Alten vor den Neuern sagt, zu entkräften sucht.


Die sind es also, die das mächtige Rom
auswendig lernt, zu deren Stücken sichs
hinzudrängt, kurz, bis diesen Tag sind dies
die Dichter, die es hat und anerkennt.

Ich gebe zu, daß auch der große Haufe
zuweilen richtig sieht; doch öfters schief.
    Naevius in manibus non est, et mentibus haeret
paene recens: adeo sanctum est vetus omne poema.
<55> Ambigitur quoties uter utro sit prior, aufert
Pacuvius docti famam senis, Accius alti:
dicitur Afrani toga convenisse Menandro,
Plautus ad exemplar Siculi properare Epicharmi,
vincere Caecilius gravitate, Terentius arte.
<60> Hos ediscit, et hos arto stipata theatro
spectat Roma potens: habet hos numeratque poetas
ad nostrum tempus, Livi scriptoris ab aevo.
Interdum vulgus rectum videt; est ubi peccat.
Wenn er die alten Dichter so erhebt,
daß ihnen niemand weder vorzuziehen
noch gleich zu achten sei, so irrt er sich:
gesteht er aber, daß sie manchmal gar
zu alt
, fast immer hart, und oft genug
nachlässig schreiben; wer dies eingesteht,
spricht wie ein Mann von Sinn, und hälts mit mir
und mit der BilligkeitDas Urteil, welches Horaz in dieser Stelle über die beliebtesten römischen Dichter des sechsten Jahrhunderts, vom Vater Ennius bis zu dem halben Menander Terenz (wie ihn Jul. Cäsar nannteIn den bekannten Versen, die uns Sueton im Leben des Terenz aufbehalten hat., ausgesprochen, scheint so hart und unbillig zu sein, daß wir nicht umhin können, es in eine nähere Prüfung zu nehmen.

Es entstehen natürlicher Weise dabei zwei Fragen, die zu beantworten sind. Die erste ist: verdienten diese alten Dichter die wenige Achtung, womit Horaz von ihnen spricht? Die andre – wird sich geben, wenn wir die erste beantwortet haben werden.

Ich will hier zu Gunsten der Alten den Grund nicht geltend machen, der von der großen Achtung, worin sie im sechsten und siebenten Jahrhundert der Republik sich immerfort erhalten haben, hergenommen ist. Man weiß ungefähr, wie viel oder wenig dieser Grund wiegt. Indessen ist doch nicht zu vergessen: daß der Zeitraum zwischen der Usurpation des Sulla und den letzten bürgerlichen Kriegen, d. i. die Zeit, worin Cicero blühte, ganz eigentlich das schönste Alter der römischen Literatur war; daß sich in keinem andern mehr vortreffliche Köpfe, der Zahl und dem innern Gehalt nach, in Rom beisammen gefunden; und daß in keiner andern die griechische Literatur, als der Maßstab der römischen, mehr geschätzt und kultiviert worden. Der Schluß also: wenn die alten römischen Dichter in einer solchen Zeit, von solchen Männern, noch immer geschätzt, ihre Werke noch immer gern gehört, gelesen und alle Augenblicke im Munde geführt wurden – so können sie so schlecht nicht gewesen sein; so müssen sie noch etwas mehr als bloße veniam (wie Horaz sagt) haben fodern dürfen – dieser Schluß, sage ich, scheint auf einem sehr richtigen Vordersatze zu beruhen: und daß der Mittelsatz eine unleugbare Tatsache sei, wird niemand, dem Ciceros Werke geläufig sind, bezweifeln.

Aber wir haben nicht nötig, uns auf fremde Autorität (so viel Gewicht sie auch in dem vorliegenden Falle hat) zu berufen. Verschiedene Werke einiger dieser von Horaz so sehr herabgesetzten Schriftsteller sind bis auf uns gekommen. Wir können Ciceros günstiges Urteil von den Scherzen des römischen EpicharmusDuplex omnino est iocandi genus, unum illiberale, petulans, flagitiosum, obscaenum: alterum elegans, urbanum, ingeniosum, facetum; quo genere non modo Plautus noster, et Atticorum antiqua comoedia, sed etiam Socraticorum philosophorum libri referti sunt. Cicero, de Offic. I. 29. mit eignen Sinnen bewähren; und die Plautini Sales, gegen welche sich Horaz in dem Briefe an die Pisonen so stark erklärt, haben seit der Wiederherstellung der Literatur bis auf diesen Tag so viele Liebhaber gefunden, als sie ehemals in Rom hatten. Auch diejenigen, deren Geschmack nicht selten von diesem Dichter (dessen Stücke größtenteils nur Sitten aus dem niedrigsten Leben darstellen) beleidigt wird, lassen seinem komischen Genie Gerechtigkeit widerfahren, ergötzen sich an seinem Witz, und lachen oft in ihrem einsamen Kabinette bei seinen Einfällen so laut, als ob sie mitten im alten römischen Parterre säßen. Noch jetzt sind die Lustspiele des Terenz die Delizien aller Leser von Geschmack, und die Reinheit und Zierlichkeit der Sprache, um derentwillen man ehemals sogar einem Lälius mit seinen Stücken Ehre zu erweisen glaubteSecutus sum – Terentium, cuius fabellae propter elegantiam sermonis putabantur a Gaio Laelio scribi. Id. ad Attic. VII. 3., ist vielleicht die geringste von den Grazien, die ihn dem Manne von feinem Gefühl, dem Menschenforscher, und jedem eleganti Formarum Spectatori, so vorzüglich lieb machen. Aber auch die ältern Dichter, von denen wir nur nach wenigen einzelnen Bruchstücken urteilen können, ein Ennius, ein Pacuvius, erscheinen selbst in diesen Bruchstücken in einem ganz andern Lichte, als worin sie uns hier vom Horaz gezeigt werden. Man sehe z. B. folgendes Gemälde einer ausgelernten Kokette –

Quasi in choro pila ludens
datatim dat sese et communem facit;
alium tenet, alii nutat, alibi manus
est occupata, alii pervellit pedem;
alii dat anulum spectandum, a labris
alium invocat, cum alio cantat, et tamen
alii dat digito litteras –


Sie spielt sich wie ein Ball aus Hand in Hand
im Kreis der Jünglinge, und teilt sich unter alle:
mit diesem schwatzt sie, jenem winkt sie zu,
den dritten nimmt sie bei der Hand, und tritt
dem vierten auf den Fuß; gibt ihren Ring
dem fünften anzusehen, wirft dem sechsten
ein Mäulchen zu, singt mit dem siebenten,
und unterhält inzwischen mit dem achten
sich in der Fingersprache –

Wer hätte dem alten Ennius dies Gemälde zugetrautS. Fragm. Veter. Poetar. Lat. Edit. H. Stephani, p. 131.? Oder welcher Dichter würde sich folgender Beschreibung eines Sturms, die uns Cicero aus dem Pacuvius erhalten hat, zu schämen habenCic. de Oratore III. 39.?

Interea prope iam occidente sole inhorrescit mare,
tenebrae conduplicantur, noctisque et nimbum occaecat nigror;
flamma inter nubes coruscat, caelum sonitu contremit,
grando mixta imbri largifluo subita Turbine praecipitans cadit,
undique omnes venti erumpunt, saevi existunt turbines,
fervet aestu pelagus –

Man braucht nur eine Klaue zu sehen, um zu wissen, ob sie einem Löwen zugehört. So groß auch noch die Mängel dieser alten Dichter sein mochten, war es billig, von ihren Vortrefflichkeiten zu schweigen? Und wenn man ihnen die Rohheit ihres Zeitalters, den Mangel an Kunst und Politur, kurz, den Nachteil, daß sie die ersten waren, die das Eis brechen mußten, vorrückt, sollte der Mut und Fleiß, womit sie es gebrochen haben, gering geachtet werden? Man kennt die Antwort Virgils, als sich jemand wunderte, den Dichter der Äneide über den Annalen des Ennius anzutreffen: ich suche Gold aus einem Misthaufen, sagte VirgilEine Menge glücklicher Ausdrücke und Bilder, die noch in den Fragmenten des Ennius vorkommen, und die man in der Äneis wieder findet, beweisen, daß Virgil diese Goldgrube wohl zu benutzen gewußt habe. vid. Macrobius, Saturnal. L. 6.. – Horaz spricht nur von dem Misthaufen, und vergißt, wie viel Gold ein Virgil darin fand. – Übrigens scheint er auch hierin Tadel zu verdienen, daß er den uralten Livius Andronikus und den Atta, mit Ennius, Accius, Nävius, diese mit Plautus, Cäcilius, Pacuvius, und die letztern mit Terenz und Afranius zusammenwirft: da doch, ungeachtet sie alle in dem Umfang eines Jahrhunderts gelebt haben, vierzig oder funfzig Jahre früher oder später bei Schriftstellern überhaupt, vorzüglich aber bei Dichtern, einen großen Unterschied machen, und z. B. schon der Abstand des Terenz vom Plautus (der nicht viel über dreißig Jahre älter war als Terenz ) in Rücksicht auf Geschmack, Urbanität und Schönheit der Sprache sehr auffallend ist. Den Terenz mit einem Ennius und Nävius, oder überhaupt mit den Autoren zu vermengen,

– die fast immer hart
und oft nachlässig schreiben –

scheint, – es sei nun selbst aus Nachlässigkeit, oder mit Vorsatz geschehen, – unverzeihlich zu sein.

Meine Meinung ist nie gewesen, Horazen zu verteidigen, wo ihm was Menschliches begegnet sein mag. Aber hier ist es doch wohl der Frage wert, was etwa – bei so starken Anscheinungen gegen seinen Geschmack, oder gegen seine Billigkeit – zu seiner Rechtfertigung zu sagen sei?

Fürs erste, glaube ich, da er hier keine vollständige Würdigung der ältern Dichter schreiben wollte, sei es ihm gar wohl erlaubt gewesen, sie bloß von derjenigen Seite anzusehen, die seiner Behauptung, daß den Neuern gegen die Alten Unrecht geschehe, zum Behuf diente; zumal da das Publikum den letztern schon mehr als Gerechtigkeit widerfahren ließ. Sodann ist unleugbar, daß die meisten Dichter, die er nennt, mit den Fehlern, die er ihnen vorwirft, wirklich behaftet waren: ob aus Schuld ihrer Zeit, oder ob und wie viel sie selbst dabei schuldig waren, hatte er hier nicht nötig zu untersuchen; da es ihm nicht darum zu tun ist, diese Dichter – die ihm nichts zu Leide getan hatten – sondern nur die Liebhaber und Kenner zu beschämen, die (seiner Meinung nach) einen allzugroßen Wert auf sie legten, und mit einem der Kunst und dem Geschmack nachteiligen Eigensinn die Neuern verachteten, nicht weil sie schlecht, sondern weil sie nicht die Alten waren.

Endlich gereicht, wie ich glaube, auch dies zur Rechtfertigung unsers Dichters, daß die Alten, von denen die Rede ist, fast alles, was sie Gutes hatten, den Griechen schuldig waren; und daß also, außer dem Verdienst, den Anfang gemacht und die Bahn gebrochen zu haben, wenig auf ihre eigne Rechnung kommt. Dies gilt auch von Terenz, und von ihm ganz vorzüglich: da er sich ganz nach den großen Mustern der neuen griechischen Komödie gebildet hatte, und seine Stücke selbst für nichts anders als freie Übersetzungen oder zusammengesetzte Gemälde aus mehrern griechischen ausgibt. Eben so braucht man nur einen Blick auf das Gemälde einer Kokette vom Ennius zu werfen, um zu sehen, daß es irgend einem Griechen abgenommen ist. Das nämliche gilt von allen ihren alten Tragödien, welche lauter Übersetzungen oder Kopeien von griechischen Originalen waren. Horaz tut ihnen also im Grunde kein Unrecht, indem er von ihren Schönheiten, die er als bloßen Raub betrachtete, schweigt, und nur dessen, was den meisten unter ihnen eigentümlich war, ihres noch rohen Geschmacks, und ihrer Nachlässigkeit in Sprache, Ausdruck und Versifikation gedenkt. – Übrigens ist auch in Betrachtung zu ziehen, daß die humoristische Heftigkeit, womit er diese ganze Materie behandelt, eine Art von poetischer Fiktion ist, wodurch er seinen Vortrag zu beleben und Augusten lächeln zu machen sucht; und daß er besser unten, da ihn die Geschichte der römischen Poesie wieder auf die dramatischen Versuche der Römer bringt, ihren tragischen Dichtern alle Gerechtigkeit widerfahren läßt.

. Ich sage nicht,
daß man die Dichterei des alten LiviusDer alte Dichter Livius war eigentlich ein Grieche, namens Andronikus, der in römische Gefangenschaft geraten war, und weil er von M. Livius Salinator die Freiheit erhalten, nach römischer Gewohnheit den Namen seines Patrons angenommen hatte. Er war es, der im Jahr 514 zuerst eine Art von Tragödie, die einige Ähnlichkeit mit der griechischen hatte, in Rom auf die Schaubühne brachte. Aber dies Verdienst konnte freilich in Horazens Augen nicht groß genug scheinen, um in den barbarischen Versen dieses alten Dichters, die ihm in der Schule so viele Schläge zugezogen hatten, alle die Schönheiten zu finden, die sein ohrfeigenreicher Lehrer Orbilius darin zu sehen glaubte. Bentley, der so gern der einzige von seiner Meinung ist, findet, ich weiß nicht warum, in seinem Herzen, sich des Schulmeisters Orbilius, der es vermutlich mit seinen Ohrfeigen sehr wohl meinte, mit großem Eifer anzunehmen. Er meint, Livius Andronikus sei ein viel zu alter Autor gewesen, um für ein Schulbuch gedient zu haben; und also setzt er, aus kritischer Machtgewalt, für Livius – Lävius, den Namen eines andern alten und sehr unbekannten Autors, dessen Erotopaegnia ( Liebesscherze) Ausonius in seinem nachgelaßnen Cento Nuptialis den Fescenninen des Annianus an die Seite setzt. Bentley hat nicht unrecht, daß ein Schulbuch von diesem Schlage kein schlimmes Mittel wäre, sich der Aufmerksamkeit der studierenden Jugend zu versichern, und Orbil hätte dabei manche Ohrfeige ersparen können; nur ist nicht wahrscheinlich, daß jemals ein Schulmeister, außer Bentleyen, auf ein so schlaues Expediens gefallen sei. Hingegen kann nichts Schwächers sein, als sein Einwurf gegen den alten Livius. Orbil war ein abgedankter Soldat, der den Schulszepter aus Not ergriffen hatte, als der Knabe Horaz bei ihm lesen und schreiben lernte. Wahrscheinlich reichte seine eigne Gelehrsamkeit nicht weit, und er las mit seinen Schülern den Livius, weil er der Autor war, aus dem er selbst lesen gelernt hatte.
(die aus der Schule des Orbils mir noch
durch manche Ohrfeig' unvergeßlich ist)
vertilgen solle. Nur, daß solche Verse
von vielen schön, korrekt sogar, und fast
den ausgefeilt'sten gleich gefunden werden,
das wundert mich. Denn, wenn auch hier und da
ein glänzend Wort hervorsticht, der und jener Vers
ein wenig runder ist und besser klingt:
ists billig, daß darum ein ganzes Werk
verkäuflich werd' und lauten Beifall finde?
Si veteres ita miratur laudatque poetas,
<65> ut nihil anteferat, nihil illis comparet, errat.
Si quaedam nimis antique, si pleraque dure
dicere credit eos, ignave multa fatetur,
et sapit, et mecum facit et Iove iudicat aequo.
Non equidem insector, delendave carmina Livi
<70> esse reor, memini quae plagosum mihi parvo
Orbilium dictare; sed emendata videri,
pulchraque, et exactis minimum distantia, miror.
Inter quae verbum emicuit si forte decorum, et
si versus paulo concinnior unus et alter,
<75> iniuste totum ducit venditque poema.
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