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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 45
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Man begreift leicht, daß unser Dichter – bei so warmen und wenig verhehlten Gesinnungen für die Verfechter der alten guten Sache, und bei so vieler Kälte für denjenigen, dem seine Verbrechen und das Schicksal die Oberhand gegeben hatten, – alle seine Anmut im Umgang, alle seine Talente, und alle Freundschaft des Mäcenas, die er dadurch gewonnen, nötig hatte, um nicht auf eine oder andre Art in den Verdacht einer geheimen Abneigung gegen die neue Staatsverfassung zu fallen. Aber man begreift auch, wie nötig ihm die Entfernung vom geschäftigen Leben und von Rom, die Einsamkeit in seinem Sabinum, und die Gleichgültigkeit gegen ein größeres Glück war, ja selbst die Bereitwilligkeit, auch das wenige, was er hatte, fahren zu lassen, die er dem Mäcen so oft bezeugt, und die er besonders in der 29sten Ode des dritten Buches mit der Wärme und Wahrheit eines Mannes, der so große Beispiele des Unbestands der menschlichen Dinge erlebt hatte, in diesen Strophen ausdrückt:

Fortuna, saevo laeta negotio, et
ludum insolentem ludere pertinax,
    transmittit inertos honores,
        nunc mihi, nunc alii benigna.

Laudo manentem: si celeres quatit
pennas, resigno quae dedit, et mea
    virtute me involvo, probamque
        pauperiem sine dote quaero.

Man wird sich schwerlich irren, wenn man in dieser Denkart und Gemütsverfassung unsers Dichters den wahren Grund sucht, warum er den Antrag, den ihm August durch den Mäcenas tun ließ, in seine Dienste zu treten und die Besorgung seiner Privat-Korrespondenz zu ühernehmenAugustus ei epistolarum officium obtulit, ut hoc ad Maecenatem scripte significat: »Ante ipse sufficiebam scribendis epistolis amicorum: nunc occupatissimus et infirmus, Horatium nostrum te cupio adducere. Veniet igitur ab ista parasitica mensa ad hanc regiam, et nos in epistolis scribendis adiuvabit.« Sueton. in Vita Horat. Man kann nicht wohl bestimmen, wann dem Horaz dieser Antrag getan worden; es ist aber zu vermuten, daß es bald nach der Zeit, wo der Erbe Cäsars mit dem gloriosen Namen Augustus beehrt worden, etwa um das Jahr 729 geschehen sein möchte. Es ist nicht zu bergen, daß der Ausdruck – »Laß ihn also von jener (nämlich deiner) Parasitischen Tafel an diese Königliche übergehen« – die ganze Sache verdächtig machen könnte, wenn man sich erinnert, daß Octavius, ehe ihm das Prädikat Augustus beigelegt wurde, von dem Gedanken, sich Romulus nennen zu lassen, bloß deswegen abgestanden, weil er wahrgenommen, wie sehr er den Römern durch einen Namen, wodurch er die ihnen so verhaßte Königliche Würde zu affektieren schien, mißfallen würde. (Dion. L. 53) Was für eine Wahrscheinlichkeit, daß August seinen Tisch einen Königlichen genennt habe; er, der durch ein Edikt verbot, ihm nur den Namen Dominus zu geben, und nicht einmal von seinen Enkeln und adoptierten Söhnen weder im Scherz noch Ernst sich Herr nennen ließ? (Sueton. Aug. c. 53) Gleichwohl dünkt mich nicht, daß die Authentizität des von Sueton angezognen Briefes deswegen zu bezweifeln sei; und August, der mit Mäcenas immer zu scherzen und zu witzeln gewohnt war, könnte sich, bei aller seiner Vorsichtigkeit, dieses Ausdrucks doch wohl zum Scherz, und um durch die mensa regia eine Antithese mit der parasitica zu machen, bedient haben, zumal in einem Handbriefchen an einen Vertrauten, wovon er sich gewiß nicht vorstellte, daß es jemals in fremde Hände fallen, oder doch gewiß war, daß es bei seinem Leben nicht unter die Leute kommen würde. Daß Sueton eine ganze Sammlung von Familiar-Briefen des Augusts (die vielleicht in der Bibliotheca Palatina verwahrt wurden) in Händen gehabt, ist aus seinem Leben dieses Prinzen zu schließen – und der Brief, von welchem hier die Rede ist, wird noch, zum Überfluß, durch einen andern an Horaz selbst bestätigt, welchen Sueton im folgenden exzerpiert hat. Was für ein Interesse hätte jemand haben können, diese Briefe zu erdichten? Oder würde zu Suetons Zeiten der Betrug nicht schon offenbar gewesen sein?, – unter dem Vorwand seiner schlechten Gesundheitsumstände, von sich ablehnte. Ich zweifle sehr, ob man einen stärkern Beweis verlangen kann, daß Horaz weder von seinen Zeitgenossen noch von der Nachwelt so nahe bei der Person des Unterdrückers seiner ehemaligen Partei und der ganzen Republik gesehen sein wollte; und daß es ihm weder an Mut fehlte, die Gefahr, dem August mißfällig und verdächtig zu werden, zu untergehen, noch an Tugend, eine Stelle auszuschlagen, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit nach, Ansehen, Einfluß und Gelegenheit, seine Glücksumstände unendlichmal glänzender zu machen, verschafft haben würde. Denn daß er keine bessere Bewegursache zu seiner Weigerung gehabt haben sollte, als Liebe zu Bequemlichkeit und Müßiggang, wird sich niemand einfallen lassen, der seinen Charakter mit einiger Aufmerksamkeit in seinen Werken studiert hat, und der selbst edel genug ist, um gegen einen edeln Menschen gerecht sein zu können. Wessen Wünsche nicht über den Mittelstand zwischen Überfluß und Dürftigkeit – das Notwendige eines Ehrenmannes – hinausgehen, der kann freilich bei dieser seiner Denkart sehr glücklich sein; aber niemand, in dessen Willkür die Mittel zu Reichtum und Ansehen zu gelangen gestellt werden, hat diese Denkart, wenn er kein besseres Principium seines Tuns und Lassens in sich trägt, als Trägheit und Wollust.

August merkte ohne Zweifel Horazens wahren Beweggrund; aber er hatte sich, seitdem er die römische Welt in Ruhe und allein beherrschte, zum unverbrüchlichen Gesetz gemacht, in allem, was sein Privatleben betraf, sich nichts über andere Römer herauszunehmen, und die Freiheit der einzelnen Glieder zu ehren, damit der Halfter, den er dem ganzen Staat aufgelegt hatte, weniger gefühlt werden möchte. Einen Antrag von der Art, wie er dem Horaz getan, einem Tiberius oder Domitian abzuschlagen, möchte gefährlich gewesen sein: August hingegen nahm die Entschuldigung des Dichters nicht nur gut auf, sondern affektierte noch, von dieser Zeit an, ihm mehr als jemals Merkmale seiner Achtung zu geben. Je weiter sich Horaz in ehrerbietige Entfernung zurückzog, je verbindlicher und beinahe aufdrängender wurde August. Es war, als fehlte ihm etwas zur völligen Befriedigung, die ihm seine Größe geben sollte, wenn er nicht auch das Herz dieses sonderbaren Menschen gewinnen könnte, der, unter dem äußern Ansehen eines Man of Wit and Pleasure, Gesinnungen und Tugenden in seinem Herzen trug, die mit dem Stempel der erhabnen Freunde seiner Jugend bezeichnet waren, und ihn besserer Zeiten würdig machten. August hatte so manchen hitzigen ehemaligen Pompejaner geschmeidig zu machen gewußt, und Horaz allein sollte nicht zu einem warmen Anhänger seiner Person und Regierung verführt werden können? – Die drei kleinen Handbriefe, wovon uns Sueton Auszüge erhalten hat, beweisen augenscheinlich, daß Augusten dieser Punkt nicht gleichgültig war. Er setzt immer wieder an, versucht es bald im affectuosen, bald im scherzhaften Tone, und, da nichts verfangen wollte, endlich mit einer Art von Empfindlichkeit, die dem Dichter keinen Ausweg mehr übrig ließ. – »Glaube doch, schreibt er ihm, daß du dir eben so viel Recht bei mir herausnehmen kannst, als ob du wirklich einer meiner Commensalen wärest; du weißt, wie gern ich mir dies Verhältnis mit dir hätte geben wollen, wofern es deine Gesundheitsumstände zuließen.«Sume tibi aliquid iuris apud me, tamquam si convictor mihi fueris; quoniam id usus mihi tecum esse volui, si per valetudinem tuam fieri possit. Sueton. l. c. Die letzten Worte geben deutlich zu verstehen, daß er ihm die Pforte noch immer offen lassen wollte. – Einige Zeit hernach scheint er ihm, unter einer scherzhaften Wendung, zu verstehen zu geben, daß er seine vorgeschützte Entschuldigung für das nehme, was sie war, – »Wie wohl du in meinem Andenken stehest, kannst du auch von unserm gemeinschaftlichen Freunde Septimius vernehmen, in dessen Gegenwart ich Gelegenheit fand, deiner zu erwähnen; denn du mußt nicht glauben, weil du stolz genug gewesen bist, unsre Freundschaft zu verachten, daß wir deswegen auch eben so stolzerhaben über dich hinwegsehen.«Tui qualem habeam memoriam poteris ex Septimio quoque nostro audire; nam incidit, ut coram illo fieret a me tui mentio. Neque enim si tu superbus amicitiam nostram sprevisti, ideo nos quoque ανθυπερηφανου̃μεν. Ibid. Dieser Brief scheint während dem Aufenthalt Augusts in Spanien im Jahre 729 geschrieben zu sein. Der Stich war scharf genug; es scheint aber nicht, daß er bei Horaz mehr gewirkt habe, als, ihm etwa die vierzehnte Ode im dritten Buche abzunötigen, worin er die Römer zur Freude über die bevorstehende siegreiche Zurückkunft ihres Fürsten von dem Feldzuge gegen die Asturier und Biscayer auffodert. August hatte während desselben eine beschwerliche Krankheit ausgestanden, und war in Rom sogar tot gesagt worden. Die ängstlichen Bewegungen, die dieses Gerücht unter dem Volke verbreitete, und die Beweise, die August bei dieser Gelegenheit von der Zuneigung der Römer erhielt, gaben dem Dichter die natürlichste Veranlassung zu rührenden Gemälden; und in welch ein schönes Licht konnte er, ohne sich den mindesten Vorwurf von Schmeichelei und Übertreibung zuzuziehen, das Bild des Fürsten stellenDer Verfasser der Mémoires de la Cour d'Auguste meint, es sei bei dieser Gelegenheit, daß Horaz die schöne Ode Divis orte bonis (die 5te im vierten Buche) gesungen habe. Es ist aber in der Ode selbst kein Wort zu finden, das sich auf diese Gelegenheit besonders bezöge; und man hat hingegen sehr guten Grund zu glauben, daß sie, mehrere Jahre später, nämlich vor Augusts Zurückkunft von seiner im Jahre 736 nach Gallien getanen Reise, geschrieben worden sei.! Aber Horaz konnte sich nicht überwinden, den Dichter auf Unkosten seines Herzens zu machen; oder vielmehr, sein Herz hatte so wenig Anteil an dieser Ode, daß er sogar weit unter der historischen Wahrheit blieb. Was kann frostiger sein als dieser Anfang:

Herculis ritu modo dictus, o plebs,
morte venalem petiisse laurum
Caesar, Hispana repetit Penates
                                victor ab ora.

Und das ist alles, was er über einen, auch bloß aus poetischem Gesichtspunkt betrachtet, so interessanten Gegenstand zu sagen hatte! – Fehlte es ihm an Fähigkeit? Dies wird sich niemand, der ihn kennt, einfallen lassen. Es fehlte ihm also bloß am Willen. – In der ganzen Ode ist, außer der kalten und zwangsvollen Anrede an das Römische Volk, nichts, das einem Kompliment für August ähnlich sähe, als die vierte Strophe,

Hic dies, vere mihi festus, atras
eximet curas: ego nec tumultum
nec mori per vim metuam, tenente
                                Caesare terras.

Deutlicher und bestimmter aber hätte Horaz die einige Ursache, warum er und alle übrige ehemalige Verfechter der Republik sich bei ihrem jetzigen Zustande beruhigten, schwerlich angeben können. – War das genug, ich will nicht sagen für den Höfling, sondern nur für den Dichter, der mit einem weniger widerspenstigen Herzen soviel Schönes über diesen Punkt sagen konnte? – Anstatt daß er beinahe die Hälfte der Ode dazu verwendet, seinem Bedienten zu befehlen, daß er Zurüstungen zu einem Abendschmause mache, und die Sängerin Neära hole, wenn sie anders nicht schon besprochen sei. Und wer sollte denken, daß er sogar in diesem nämlichen Stücke, in einer Ode auf Augusts Zurückkunft – aus der andern Welt, wohin ihn das Gerücht schon versetzt hatte, Gelegenheit finden würde, sich des Jahres, worin er die Waffen gegen August getragen, mit einer gewissen Exultation zu erinnern? – »Wenn dich Neärens Türhüter nicht vorlassen will, sagt er, so geh und laß es gut sein. In meinem Alter vergeht die Lust zu mutwilligen Händeln. So was hätt' ich freilich nicht gelitten, da ich unter dem Konsul Plancus (im Jahr 712) noch im vollen Feuer der Jugend stand!« – Vermutlich war diese Ode nicht für Augusts Augen bestimmt; oder, wenn sie ihm je zu Gesicht kam, so konnte er sie doch wohl schwerlich für eine besondere Probe von Horazens Anhänglichkeit an seiner Person aufnehmen.

Man erlaube mir – weil der Punkt, den ich hier abhandle, doch einen sehr wesentlichen Zug des noch nicht genug gekannten, oder vielmehr durch die vorgefaßten Meinungen der Ausleger in ein ganz falsches Licht gesetzten Charakters unsers Dichters betrifft – diesen Beispielen von seiner wahren Gesinnung gegen August nur noch diese einzige Betrachtung beizufügen. Beinahe in allen seinen Gedichten schwimmt Horaz gegen den Strom seiner Zeit. Bei aller Gelegenheit, und selbst in eigenen dazu bestimmten Stücken, bestraft er ihre Verdorbenheit, ihren ausschweifenden Luxus, ihre Ausartung von den Gesinnungen und Tugenden ihrer Vorfahren. Nie wird er wärmer, nie ist er erhabner, als wenn ihm der Gedanke an die ehemaligen großen Männer der freien Republik, die Erinnerung dessen, was Rom gewesen war, das Herz aufschwellt. Sogar in Stücken, die sich mit einem kalten, zweideutigen, oder hyperbolischen Lobe des Augusts anfangen oder enden, überläßt er sich dieser Neigung seines HerzensMan sehe, unter andern, nur die fünfte Ode im 3ten Buch, wo er, nachdem er (als ein guter Bürger, der nicht, wo es zu nichts helfen kann, den Non-Konformisten machen will) der neuen Divinität des Augusts mit zwei Zeilen den schuldigen Weihrauch gestreut hat, sich sobald möglich von ihm wegwendet, um beinahe die ganze Ode mit dem großen Bilde der Tugend und freiwilligen Aufopferung des Regulus auszufüllen; so wie es immer in den Stücken an Mäcenas ist, wo er seine Liebe zur Freiheit, seine Gleichgültigkeit gegen ein Glück, das von der Meinung andrer abhängt, und seine Zufriedenheit mit einer Armut, worin er sich noch immer über seine Wünsche reich befand

Hoc erat in votis, modus agri non ita magnus etc.
– – Auctius atque
di melius fecere. Bene est, nihil amplius oro etc. Serm. II. 6.
, am lebhaftesten ausdrückt. Und dies waren nicht etwa nur Gesinnungen, womit er in Gedichten Parade machte: so war er, so lebte er, und man müßte vorsätzlich ungerecht gegen ihn sein, wenn man dies länger verkennen wollte. Glauben wir aber, daß Horaz auch dadurch Augusten den Hof zu machen vermeint habe? Glauben wir, daß er, der die Welt und das menschliche Herz so gut kannte, einfältig genug gewesen sei, sich durch die anscheinenden Bemühungen dieses schlauen Fürsten um die Verbesserung der römischen Sitten täuschen zu lassen? Oder können wir uns einbilden, August habe an dem altrömischen Geiste, der so häufig aus den Werken unsers Dichters hervorblitzt, ein wahres Wohlgefallen finden, und denjenigen für einen Freund seiner Regierung halten können, der seine republikanischen Gesinnungen so wenig verbirgt, und so oft deutlich genug zu verstehen gibt, daß nur die gerechte Furcht vor noch größern Übeln ihn nötige, den gegenwärtigen Zustand für ein Gut zu halten?

Indessen beobachtete der Dichter doch das Decorum gut genug, um einem Monarchen, der die Welt durch eine milde und wohltätige Regierung gleichsam mit sich aussöhnen wollte, keine Ursache zu geben, bei ihm eine Ausnahme zu machen; und August mußte, natürlicherweise, unter den Sorgen des Staats, und unter den unzähligen und fast grenzenlosen Beweisen von Unterwürfigkeit und Anbetung, die er von allen Seiten und aus allen Enden der Welt erhielt, einen einzelnen, in der Masse des Ganzen so wenig bedeutenden Menschen öfters aus den Augen verlieren. Allein er verlor ihn doch nicht ganz; und es konnte ihm weder an Gelegenheit fehlen, die wenige Beeiferung unsers Dichters, sich Verdienste bei ihm zu machen, wahrzunehmen, noch an Ursache, empfindlich darüber zu sein. Diese Empfindlichkeit, – die er in seinem letzten, vom Sueton angeführten, Billjet an Horaz zwar in einem scherzhaften Ton, aber doch lebhaft genug geäußert hatte, um erwarten zu können, daß Horaz den Stich fühlen würde, – konnte nicht anders als zunehmen, da er aus der Abschrift der sämtlichen damals vorhandenen Werke des Dichters, die dieser ihm durch den Vinius AsellaS. den dreizehnten Brief im ersten Teile. auf Begehren überreichen ließ, ersehen hatte, wie wenig die Horazische Muse noch für ihn getan. Unter so vielen Sermonen, so vielen Episteln keine einzige – an August. Unter so vielen Oden – nur so wenige, wo er, wie gezwungen und mit abgewandtem Gesicht, im Vorbeigehen ein paar Weihrauchkörner auf seinen Altar wirft! Kein einziges Werk, dem Ruhm des Imperators und der Verherrlichung seiner Zeiten gewidmet, wenigstens keins, das zugleich seiner und des Dichters würdig, und Leben genug zu haben schien, die Nachwelt zu erreichen! Dies war mehr, als die Eitelkeit Augusts ertragen konnte. Er wurde im Ernst ungehalten, und in der ersten Bewegung seines Unwillens entfuhr ihm das oben aus dem Sueton angeführte Handbriefchen, worin er dem Dichter näher auf den Leib rückt, und ihn in die Notwendigkeit setzt, entweder sein Betragen zu ändern, oder stillschweigend einzugestehen, daß August die wahre Ursache desselben erraten habe.

Mich dünkt, diese auf lauter Tatsachen gegründete Darstellung mache sehr begreiflich, daß August, unter diesen Umständen, und mit einem Temperamente, das ihn von seinen ersten Bewegungen nicht immer Meister sein ließ, gar wohl fähig gewesen sei, sich eines Ausdrucks zu bedienen, der, so auffallend er auch klingt, doch das kürzeste und unfehlbarste Mittel war, seinen Zweck bei Horazen zu erhalten. Die Echtheit des mehr erwähnten Handschreibens kann also, dieses Ausdrucks wegen, mit keinem hinlänglichen Grunde angefochten werden, und es ist gar nicht zu zweifeln, daß die gefährliche Frage, an vereris ne apud posteros infame sit, quod videaris familiaris nobis esse? dem guten Dichter die etwas hochgetriebnen Komplimente in der gegenwärtigen Epistel, und in einigen Oden des vierten Buchs (die erst nach dieser Zeit geschrieben sind) abgedrungen habe. – Es würde ihm, auch ohne einen andern Beweggrund als diesen, nicht zu verdenken sein, daß ers mit einem Fürsten nicht aufs äußerste treiben wollte, dessen angenommener sanfter und leutseliger Charakter in den Augen derjenigen, die ihn in den Zeiten der Proskriptionen gekannt hatten, nicht natürlich genug scheinen konnte, um sie immer vor dem heimlichen Grauen zu bewahren, womit man die Liebkosungen eines zahm gemachten Wolfs erwidert.

Doch, wir wollen nicht ungerecht gegen Augusten sein, der die Infamie der ersten zwölf Jahre seines öffentlichen Lebens durch eine beinahe viermal so lange milde und ruhmwürdige Regierung so reichlich zu vergüten, und beinahe auszulöschen gewußt hat. Mit jedem Jahre wurde ihm die schöne Rolle, die er spielte, natürlicher; mit jedem Jahre vermehrten sich seine Verdienste um Rom, dessen zweiter Stifter er gewissermaßen war, und welches ihm immer lieber wurde, je mehr er Recht erlangte, es als sein eigen Werk anzusehen. Horaz, der – als Augenzeuge aller dieser so großen, so schnellen, so wunderbaren Veränderungen, der Illusion des Moments doch wohl nicht immer widerstehen konnte – müßte nicht das Herz eines Dichters gehabt haben, wenn er nicht zuweilen von seinem gegenwärtigen Gefühl hingerissen worden wäre, wenigstens auf einige Augenblicke das Vergangene zu vergessen, und in Augusten nur den Wiederhersteller der öffentlichen Sicherheit und Ruhe, nur den wohltätigen Genius eines unter ihm wieder aufblühenden neuen Zeitalters, zu sehen. In solchen Augenblicken von Wärme konnte er, ohne den Vorwurf einer kaltblütigen Schmeichelei zu verdienen, von ihm singenCarm. IV. 2.:

Quo nihil maius meliusve terris
fata donavere bonique divi,
nec dabunt, quamvis redeant in aurum
                                    tempora priscum.

In einem solchen Augenblicke konnte er wohl in diese affektvolle Anrede ausbrechenL. IV. 14.:

Quae cura patrum quaeve Quiritium,
plenis honorum muneribus tuas,
    Auguste, virtutes in aevum
        per titulos memoresque fastos
aeternet? –

Indessen bestehen doch die Oden an August, die man die schmeichelhaftesten im vierten Buche nennen könnte, die fünfte, und funfzehnte, im Grunde bloß in einer historisch wahren Aufzählung aller der Vorteile, welche die Welt unter der neuen Regierung wirklich genoß; und, wenn man sie auch als abgenötigte Loblieder ansehen wollte, so müßte man doch gestehen, daß Horaz das, was er Augusten nicht länger verweigern konnte, mit dem, was er seinem eignen Charakter schuldig war, sehr gut zu vereinigen wußte.

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