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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 4
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Du, dem mein erstes Lied gewidmet war,
und nun auch meiner Muse letzte Frucht
gebührt, warum, Mäcen, mich, den man schon
genug gesehn und fernern Diensts entlassen,
von neuem zu dem alten Spiel zurück
zu nötigen? Ich bin an Jahren und
an Sinnesart nicht mehr der vorige.
Vejan, um seine Freiheit länger nicht dem Volke
am Rand des Fechtplans abzubetteln, hing sein Schwert
in Herkuls TempelJede Profession hatte bei den Alten ihren Patron unter den Göttern; und wer eine Kunst, die er mit Ruhm getrieben hatte, aufgeben wollte, hing die Werkzeuge derselben in einem Tempel des Schutzgottes auf. Daß die Gladiatoren unter dem Schutze des Herkules gestanden, wie Turnebus meint, ist vielleicht nicht erweislich: aber wenigstens war dieser vergötterte Athlete sehr wohl dazu geeignet, oder Vejan konnte ihn zu seinem besondern Schutzpatron erwählt haben; und so widmete er ihm nun sein Schwert, wie die Lais des Dichters Plato in der Anthologie der Liebesgöttin ihren Spiegel. auf, und steckt verborgen
in seinem MeierhofDerVejanius, mit welchem Horaz sich hier vergleicht, hat den gelehrtesten Auslegern viel Mühe gemacht. Wer war er? Gehörte er unter die gewöhnlichen Gladiatoren, welche sich zu diesem blutigen Handwerk selbst verkauft hatten? Oder war er einer von den seltnern, die ihrer außerordentlichen Leibesstärke und Geschicklichkeit wegen, weniger aus Not als aus Ruhmbegier und Liebe zur Kunst, Profession davon machten? War er ein guter oder ein schlechter Fechter? War er schlecht, wie kam er zu der Ehre, daß ihn das Volk, auch nachdem er schon mehr als einmal entlassen worden war, immer wieder sehen wollte? War er gut, wie konnte er so oft in den Fall kommen, das Volk um sein Leben bitten zu müssen? – Ich glaube zwischen allen diesen Klippen am besten durchzukommen, wenn ich dem Torrentius folge, der in Auflösung der knotigen Stellen unsers Autors nicht selten glücklich ist. Horaz sagt nicht, daß Vejan das Volk um sein Leben gebeten habe (das extrema arena populum exorare läßt ohne Zwang auch eine andre Deutung zu) – er bat nur, endlich einmal im Ernst entlassen zu werden, oder, er verbat sich inständigst die Ehre, immer wieder von neuem aufgefordert zu werden; weil er des gefährlichen Spiels müde war, und so ein großer Meister der Kunst er auch sein mochte, doch immer Gefahr lief, von einem jüngern und rüstigern Nebenbuhler endlich überwältigt, und so, durch die Indiskretion des Volks, dessen Liebling er schon lange gewesen war, zuletzt in seinem Alter auf einmal um einen sauer erworbenen Ruhm gebracht zu werden. Um diesem Schicksal zu entgehen, hing Vejan sein Fechterschwert im Tempel des Herkules auf, entfernte sich von Rom, und verbarg sich in irgend einer italienischen Provinz in seinen Meierhof. Durch diese Auslegung paßt nun auch die Vergleichung so gut auf unsern Dichter, daß es überflüssig wäre, ein Wort mehr davon zu sagen.. Auch mir, Mäcen,
raunt oft ich weiß nicht welche Stimm' ins Ohr:
»Sei klug, und spann den alten Renner noch
in Zeiten aus, bevor er auf der Bahn,
wo einst der Sieg ihn krönte, lahm und keuchend
die Lenden schleppt und zum Gelächter wird.«Diese ganze Epistel ist so voller Anspielungen, daß es wohl möglich ist, daß Horaz hier den Dämon des Sokrates, oder irgend eine Stelle vom Plato oder einem andern Griechen im Auge gehabt haben könnte. Cruquius führt den Herodot an, der von dem Deus in nobis (dem, was die Griechen, im Gegensatz mit der sinnlichen Seele, den verständigen und göttlichen Teil der menschlichen Natur nannten) sagt: er habe seinen Sitz in den Ohren (εν ωσὶ τω̃ν ανθρώπων οικέει). Lambinus erinnert sich hiebei der Stelle des Platonischen Kritons, wo Sokrates, nachdem er die Gesetze und die Republik von Athen redend eingeführt hat, wie sie ihm die Gründe vorhalten, warum es ihm nicht erlaubt sei zu fliehen, da er, wiewohl (seinem Urteil nach) schuldlos, von ihnen zum Tode verurteilt worden war hinzusetzt: »er glaube alles dies eben so zu hören, wie Personen, die mit der korybantischen Wut befallen seien, ein Getön von Flöten zu hören glauben; und der Laut dieser Reden halle so stark in ihm, daß er nichts anders davor hören könne.« – Übrigens war's nicht wohl möglich, weder die Schönheit des Worts personare, noch das Scherzhafte, das (wie ich vermute) in dem Beiwort purgatam aurem liegt, im Deutschen schicklich auszudrücken. Denn ich glaube nicht, daß Horaz bei seinem gereinigten Ohr an die philosophische Reinigung der Seele, qua proprio et innato nobis vigore ad similitudinem Dei traducimur, wovon Cruquius hier träumt, gedacht habe: sondern daß er nur einem etwa zu besorgenden glatten Spaß des Mäcenas auf eine gleich scherzhafte Art habe zuvorkommen wollen.

Gehorsam dieser Warnung hab' ich nun
der Verse und des andern Spielwerks mich
entschlagenMan würde unrecht haben, wenn man dieses vermeintliche eigne Geständnis unsers Dichters für die Meinung derjenigen anführen wollte, welche die Poesie für bloßes Spielwerk, und eines weisen Mannes, besonders in einem gewissen Alter, unwürdig halten. Denn daß Horaz die Übung der Dichtkunst mit dem Quid verum atque decens curare sehr wohl habe zusammenreimen können, sieht man aus seiner Epistel an den Lollius, aus der Sokratischen Philosophie, die er den jungen Dichtern in der Epistel an die Pisonen empfiehlt, und aus vielen andern Stellen seiner Werke. Die meisten Ausleger fehlen darin, daß sie ihm alles, was er sagt, immer zu ernsthaft, zu dogmatisch nehmen, und oft ganz zu vergessen scheinen, zu wem, unter welchen Umständen, in welcher Stimmung, und in welcher Absicht er etwas sagt. Hier war's ihm hauptsächlich darum zu tun, sich von den Zudringlichkeiten eines römischen Großen loszumachen, der zwar sein Freund, aber doch zugleich ein Mann war, welcher Ansprüche an ihn zu haben glaubte. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Mäcenas den Ruhm, den sich Horaz durch seine lyrischen Gedichte erworben, als einen Beweggrund bei ihm geltend machen wollte, in dieser Laufbahn fortzufahren: und er mag sich leicht so ausgedrückt haben, als ob aus diesem Beifall eine Art von Verbindlichkeit erwachse, die Erwartung des Publikums und seiner Freunde durch neue Werke zu befriedigen. Horaz liebte seine Freiheit und das sacrosanto far niente zu sehr, um sich nicht gegen so beschwerliche Anmaßungen auf alle Weise sicher zu stellen. Er spricht also von seinen Poesien mit einer Verachtung, die ihm eben nicht sehr von Herzen ging, als von bloßer Versemacherei, von Spielwerk (was sie denn auch zum Teil waren) und behauptet, daß es sich für sein Alter nicht mehr schicken wolle, sich damit abzugeben. Wir werden aus andern Briefen, und besonders aus dem zweiten an seinen Freund Julius Florus, sehen, wie viel Ursache ein Mann von seiner feinen Sinnesart hatte, kein Bel-Esprit von Profession nach damaligem Schnitt sein zu wollen; und je mehr wir ihn kennen lernen, je weniger werden wir auffallend finden, wenn er, ungeachtet er seinen Ruhm, die Gunst des Mäcenas, und die glückliche Muße seines Lebens hauptsächlich seinem poetischen Talente zu danken hatte, doch so ungern für ein ordentliches Mitglied der Dichterzunft seiner Zeit angesehen sein wollte, daß er sogar kein Bedenken trägt zu versichern, die bloße Not habe ihn angetrieben, Verse zu machen; und nun, da er zu essen habe, würde ihn alle Niesewurz der Welt nicht genug ausreinigen können, wenn er sein Leben nicht lieber mit Schlafen als Versemachen zubringen wollte
»Sag', was ich tun soll?« »Nichts! das Versemachen
aufgeben.«
»Nun, ich will gehangen sein, wofern
dies nicht das Beste wäre – aber, Freund,
ich kann nicht schlafen.« –
Satire an den Trebaz.
. Daß übrigens in dergleichen Stellen mehr Laune des Augenblicks als Ernst und Wahrheit gewesen sei, zeigt sich schon genugsam daraus, weil mitten unter seinen ewigen Versicherungen, daß er keine Verse mache, die Liebhaberei gleichwohl stärker war, als sein Vorsatz:
Ipse ego, qui nullos me affirmo scribere versus,
invenior Parthis mendacior etc. –
, und was wahr und recht ist, kümmert
    Prima dicte mihi, summa dicende Camena,
spectatum satis et donatum iam rude quaeris,
Maecenas, iterum antiquo me includere ludo.
Non eadem est aetas, non mens. Veianius, armis
<5> Herculis ad postem fixis, latet abditus agro,
ne populum extrema toties exoret arena.
Est mihi purgatam crebro qui personet aurem:
»Solve senescentem mature sanus equum, ne
peccet ad extremum ridendus et ilia ducat.«
<10> Nunc itaque et versus et cetera ludicra pono,
quid verum atque decens curo et rogo et omnis in hoc sum,
mich ganz allein; ich leb' und webe d'rin,
bemüht, mir einen Vorrat einzusammeln,
wovon ich bald im Winter zehren könne. Anspielung auf die bekannte Fabel von der Grille und Ameise. Horaz begegnet dadurch dem Einwurfe, daß er noch nicht so alt sei, um den Spielen der Musen aus Unvermögen zu entsagen.

Fragst du, in welche von den Weisheitsschulen
Athens
ich eingeschrieben seiDie Philosophie, als die Kunst zu leben, wurde bei den Griechen gleich andern schönen Künsten behandelt; sie hatte ihre Meister und Schulen wie die Bildnerei und Malerei. Sokrates machte zwar selbst keine Sekte – eben weil er Sokrates war: aber alle nach ihm entstandene philosophische Schulen und Sekten wurden von irgend einem der Seinigen gestiftet oder veranlaßt. Plato, der berühmteste unter seinen Anhängern, stiftete die Akademie, Aristoteles, d er größte Kopf unter Platons Schülern, das Lyceum. Aristipp machte sich zwar sein eignes System, aber kann, so wenig als Sokrates, für das Haupt einer Schule gehalten werden, wiewohl man ihn dazu gemacht hat. Antisthenes wurde der Vater einer Sekte, die mit dem wenig rühmlichen Namen der Cynischen, d. i. der Hündischen, sich gleichwohl in Ansehen zu setzen wußte, und unter den Philosophen das war, was die Söhne des heiligen Franz von Assisi unter den Mönchen. Hundert Jahre nach Sokrates Tode wurden Zeno und Epikur, indem jener die Weltbürgerschaft des Antisthenes, dieser den Egoismus des Aristippus zu läutern suchte, die Stifter zweier neuer Schulen, welche in kurzem über alle übrigen hervorragten, aber in allen ihren Begriffen und Grundsätzen Gegenfüßler waren. Die Epikurische empfahl sich durch die größte Freiheit im Denken, durch den offnen Krieg, den sie dem Aberglauben, dem Fanatismus und allen Vorurteilen ankündigte, und durch eine Sittenlehre, die den meisten einleuchten mußte, weil sie, mit dem wenigsten Aufwand von Anstrengung, ein heitres und schmerzenfreies Leben versprach. Jene erhielt, von der großen Stoa oder Halle zu Athen, wo ihr Stifter und seine Nachfolger zu lehren pflegten, den Namen der Stoischen. Sie zeichnete sich auf der einen Seite durch eine Naturlehre aus, die sich mit der herrschenden Religion weit besser vertrug, als die der übrigen Sekten: auf der andern durch eine Moral, die den Menschen veredelte, indem sie die vollkommenste Ausübung der Tugend, und die angestrengteste Tätigkeit zum Besten des Vaterlandes und der allgemeinen menschlichen Gesellschaft zur einzigen Bedingung der Glückseligkeit machte. Sollte man nicht denken, die tugendhaftesten Männer, besonders diejenigen, die den immer zunehmenden Verfall der griechischen Freistaaten noch aufzuhalten suchten, müßten sich in der Stoa gebildet haben? Gleichwohl weiß man davon nichts; vielmehr macht ihr Plutarch in einem eignen Traktat den Vorwurf, daß sie die Tätigkeit zum Besten des Staats zwar in ihren Schulen und Schriften lehre, die Ausübung ihrer Grundsätze aber andern überlasse – ein Vorwurf, der gewissermaßen allen andern Sekten gilt. Zwischen diesen angesehenem Familien der griechischen Philosophie erhielt sich die Cynische, als die Mutter der Stoischen, oder vielmehr als eine Art von philosophischem Orden, der in der Freiheit von allen gesellschaftlichen Banden die höchste Glückseligkeit, und in der Entbehrung aller Dinge, die nicht schlechterdings zum Dasein unentbehrlich sind, die höchste Vollkommenheit des Menschen setzte. Mit der Folge der Zeit nahm auch die Akademie verschiedene neue Gestalten an, welche ihr unter einem so müßigen, neugierigen, und alles schöne Geschwätze so sehr liebenden Volke, wie die Griechen waren, wieder Zulauf verschafften. Sie empfahl sich durch die Scharfsinnigkeit und Beredsamkeit ihrer Lehrer, und durch den großen Grundsatz der Ungewißheit aller menschlichen Erkenntnis, der ihnen Gelegenheit gab, über alles für und wider zu reden; und da die Kunst zu reden, und eine Sache von allen ihren Seiten, oder, von welcher Seite man es zu seiner Absicht nötig fand, zu zeigen, in den damaligen Freistaaten das unentbehrlichste Werkzeug des Staatsmanns war: so wurde es zur guten Erziehung eines jungen Menschen von Stande für eben so notwendig gehalten, sich in der neuen Akademie zum Redner als in der Stoa zu einem wohlgesitteten und rechtschaffnen Mann bilden zu lassen.

In dieser Verfassung befanden sich die philosophischen Schulen der Griechen, als die ungelehrten Römer mit ihnen bekannter zu werden anfingen. Nichts kann wohl ungleichartiger sein, als der Geist und Charakter der Römer und der Griechen, selbst noch um die Zeit der berühmten Gesandtschaft des KarneadesDes Stifters der sogenannten Neuen Akademie. Er wurde zugleich mit dem Stoiker Diogenes und dem Peripatetiker Kritolaus in Angelegenheiten der Stadt Athen nach Rom abgeschickt., welche die Epoke ist, da die griechische Philosophie und Redekunst, die nur wenige Jahre zuvor durch ein Edikt des Senats aus Rom verwiesen worden war, mit dem Ansehen einer öffentlichen Gesandtschaft bekleidet zurückkam, um eine Art von Triumph über die Beherrscher der halben Welt innerhalb ihrer eignen Ringmauern zu erhalten. Ungeachtet des lebhaften Eindrucks, den diese drei Philosophen (besonders Karneades, der witzigste und redseligste aller Griechen seines Jahrhunderts) auf die edle römische Jugend machten, währte es noch eine geraume Zeit, bis der rauhe römische Genius sich gewöhnen konnte, die attischen Musen für etwas Bessers als eine Art griechischer Hetären anzusehen, mit denen man sich wohl ein paar müßige Stunden vertreiben könne, die aber einer ernsthaften Zuneigung nicht würdig seien. Die Wissenschaften und Künste der Griechen wurden als Gegenstände des Luxus betrachtet, welche dazu gemacht wären, den Herren der Welt zu dienen, nicht über sie zu herrschen. Die Großen von Rom hatten griechische Baumeister, griechische Maler, griechische Steinschneider, griechische Vorleser, griechische Tänzer und Baladins in ihren Diensten, ließen ihre Weiber von griechischen Mädchen coeffieren, ihre Kinder von griechischen Pädagogen erziehen u. s. w. Aber so lange noch ein Antiochus und Mithridates zu bekämpfen war, und so lange sie sich noch unter einander selbst über die wichtige Preisfrage zankten, wer von ihnen Meister über alle übrigen bleiben würde, blieb ihnen wenig Zeit zu subtilen und müßigen Spekulationen: und erst nachdem Julius Cäsar jene große Frage entschieden hatte, sehen wir einen Cicero, in der unfreiwilligen Einsamkeit seines Tusculanum, auf akademische Betrachtungen einen Wert legen, und in Verpflanzung der Platonischen und Stoischen Philosophie auf römischen Boden Unterhaltung und TrostCic. ad Familiar. L. IX. Epist. 2. Modo nobis stet illud (schreibt er an Varro) una vivere in studiis nostris, a quibus antea delectationem modo petebamus, nunc vero etiam salutem. gegen den Unbestand des Glücks und die Trübsale des Lebens suchen.

Indessen ist nicht zu leugnen, daß schon in dem letzten halben Jahrhundert des freien Roms die Philosophie von verschiedenen edeln Römern, besonders unter denen, welche sich mehr durch Beredsamkeit und Geschicklichkeit in den bürgerlichen Rechten als durch kriegerische Talente den Weg zu den höchsten Ehrenstufen bahnen wollten, als ein Hülfsmittel zu ihrem Zweck mit einigem Ernste getrieben wurde. Da man sie aber als eine von den griechischen Künsten betrachtete, so war auch das Vorurteil ganz natürlich, daß man sie aus der Quelle schöpfen, d. i. von den Griechen lernen, und sich also zu irgend einer von ihren Schulen bekennen müsse. Ein Philosoph – oder ein Akademiker, Stoiker, oder Epikuräer sein, war in ihren Augen einerlei; und es schien ihnen bequemer, die Theorien, die sie schon gemacht und fertig in den philosophischen Buden der Griechen liegen fanden, zu ihrem Gebrauch anzuwenden, als sich eigene selbst zu machen. Indessen war es wohl den wenigsten darum zu tun, die Philosophie, zu der sie sich bekannten, in ihrem Leben auszudrücken; und wenn ein Catulus, Cato und Brutus hievon Ausnahme machten, so kam es schwerlich aus einem andern Grunde, als weil sie, auch ohne Akademie und Stoa, das gewesen wären, was sie waren. Aber mit dem Tode dieser großen Männer, und mit der Revolution, die darauf erfolgte, veränderte sich auch der Geist der römischen Philosophie. Das Jahrhundert der Cäsarn konnte Catonen weder mehr hervorbringen noch ertragen. Indem die Republik sich unvermerkt in das Phantom einer Aristokratie verwandelte, von welcher ein einziger die Seele war: so hörte auch die Beredsamkeit auf, die mächtigste Triebfeder des Staats zu sein, und der beste Bürger war nun der, der am besten gehorchen konnte. Die Philosophie sank also gar bald von der Würde herab, zu welcher sie von einigen großen Staatsmännern in Rom war erhoben worden. Sie wurde nun auch in der Hauptstadt der Welt, was sie zu Athen schon lange gewesen war, eine müßige Kunst zu grübeln und zu deklamieren. Man mußte allenfalls einen Anstrich davon haben, weil es zum guten Ton gehörte, von Literatur und Philosophie, so wie von Gemälden und Statuen, schwatzen zu können; aber Philosophie zu leben würde in den Augen der meisten Weltleute Unsinn, und bei den Billigsten wenigstens eine seltsame Art von Sonderlichkeit gewesen sein.

Bei dem allem konnte es gleichwohl nicht fehlen, daß es in einer solchen Epoke, wie die Regierung des Augustus in Rom machte, nicht hier und da einen Sonderling gegeben hätte, der in der Muße eines glücklichen Mittelstandes zwischen Überfluß und Dürftigkeit, mit mehr Liebe zur Freiheit, als Ehrgeiz oder Begierlichkeit, sich bloß zu seinem eignen Vorteil ein Geschäft daraus machte, richtiger von dem Menschen und seinen Angelegenheiten zu urteilen, und nach bewährtem Grundsätzen zu leben, als der große Haufe. Horaz, indem er sich in diesem Briefe an seinen großen Freund für einen dieser Sonderlinge bekennt, der die Philosophie, ohne alle Prätension an Bart und Mantel, bloß als eine ökonomische Angelegenheit, wenn man so sagen darf, und um sich besser zu befinden, treibe: erklärt sich zugleich, daß er eben darum in keine der philosophischen Schulen eingeschrieben sei, auf keines Meisters Worte geschworen habe; sondern, wie ein Reisender, bald da bald dort anlande oder absteige, und von jedem nur gerade so viel nehme, als er zu seinem Gebrauch nötig habe. Es geht, wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, durch diese ganze Stelle eine sehr feine Schattierung von Laune (Humour), wodurch er dem erwarteten Spott des Mäcenas zuvorkommt, und das Lächerliche von sich ablehnt, das die Weltleute auf einen Philosophen von Profession zu werfen geneigt sind. Doch glaube ich nicht, daß das Persiflage so weit gehe, als es Batteux in seiner Erklärung dieser Stelle auszudehnen scheint. Denn daß es Horazen mit der Philosophie, die er in diesem Briefe vorträgt, Ernst sei, ist schon daraus klar genug, weil es die nämliche ist, die aus allen seinen Werken atmet. Er läßt der Stoa Gerechtigkeit widerfahren, indem er ziemlich deutlich zu verstehen gibt, daß er, sobald er sich (in Gedanken nämlich) in die Wogen des bürgerlichen Lebens stürze, die Anhänglichkeit an eine strenge unerschütterliche Tugend für die beste Partei halte, die alsdann zu nehmen sei. Aber er gibt auch gleich wieder auf eine feine Art zu verstehen, daß für einen Mann wie er – der doch wahrlich, wenn er den Cato oder Brutus hätte machen wollen, der Republik nichts damit geholfen hätte – das schicklichste sei, die Sachen zu lassen, wie sie sind; und nur sich selbst in eine solche innerliche Verfassung zu setzen, daß er – in einem Staate, wo die politische Freiheit verloren und die bürgerliche sehr beschränkt war – wenigstens der persönlichen und moralischen, der Freiheit von törichten Begierden und quälenden Leidenschaften, nicht durch eigne Schuld verlustig werde.

, so wisse,
in keine! Frei und ohne auf die Worte
von einem Meister, wer er sei, zu schwören, Anspielung auf das autos epha der Pythagoräer, oder auf den Eid, wodurch die römischen Soldaten sich ihrem General gänzlich zu eigen gaben.
bin ich, wie einer, der zu Wasser reiset,
bald hie bald da, wohin der Wind mich wirft.
Bald lauter Tatkraft, treib' ich in den Wogen
des tätigen weltbürgerlichen Lebens,
und strenge Tugend, die kein Haarbreit weicht
von Recht und Pflicht, ist meine große Göttin:
bald sink' ich unvermerkt in Aristipps
System zurück, und statt mich selbst den Dingen
zu unterwerfen, seh' ich, wie ichs mache
sie unter mich zu kriegenHoraz setzt in dieser schönen Stelle die Stoische Philosophie der Aristippischen entgegen, weniger um sie mit einander kontrastieren zu lassen, als um den Grund anzudeuten, warum er die letztere seiner eignen Lage und Verfassung angemeßner finde. Die Stoische war, seiner Meinung nach, die Philosophie eines Staats- und Geschäftsmanns, der als Patriot und Weltbürger seine ganze Tätigkeit dazu anwendet, das allgemeine Beste zu befördern. Die Aristippische hingegen schickte sich für einen Privatmann, der sich zu keiner so hohen Bestimmung berufen fühlt, und, in der Ruhe eines unschuldigen Müßiggangs, zufrieden ist, sich selbst frei und glücklich zu erhalten. Was Horaz mit dem Verse
Et mihi res, non me rebus, submittere conor

eigentlich habe sagen wollen, scheint den meisten Auslegern nicht klar genug gewesen zu sein. Sanadon wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er, eigenmächtig und gegen alle Handschriften, die Ordnung der Zeilen änderte, und die eben angeführte der unmittelbar vorgehenden

Nunc in Aristippi furtim praecepta relabor

vorsetzte, weil er sich einbildete, daß es just umgekehrt sei. Die Stoiker, meint er, wären ja eben diejenigen, welche lehrten, daß ein Weiser die Dinge sich, und nicht sich den Dingen, unterwerfen müsse: dies letztere hingegen sei gerade das, worin Aristipps ganze Philosophie bestanden habe. Aber Sanadon irrte sich in beidem. Just so wie die vier Verse im Original in allen Handschriften stehen, machen sie den schönsten Sinn, und drücken das Charakteristische der Stoischen und Aristippischen Philosophie aufs richtigste aus.

Der Hauptgrundsatz der Stoiker war: der Weise unterwirft sich immer und in allem den ewigen und notwendigen Gesetzen der Natur der Dinge; er bildet seine Art zu denken und zu handeln einzig nach dieser Richtschnur; und seine höchste Freiheit besteht darin, daß er will was er muß, tut was er soll. Die unveränderliche Natur der Dinge, dieses einzige, aber unerläßliche Gesetz des Weisen, schreibt ihm in jedem Augenblick und Verhältnis des Lebens vor, was recht ist, und was er also zu wollen und zu tun hat; und bloß um zu wissen, was recht ist, damit er immer recht handle, bemüht er sich die Dinge so zu erkennen, nicht wie sie dem verfälschten Auge des Vorurteils und der Leidenschaften scheinen, sondern wie sie in den Augen der reinen Vernunft, d. i. wie sie wirklich sind. Der Weise sieht sich daher immer als einen Teil des Ganzen an, der bloß um desselben willen da ist, und dessen Wohlstand und Vollkommenheit mit dem seinigen so notwendig verbunden ist, daß er nur in so fern seiner Natur gemäß lebt und vollkommen ist, in so fern er zur Vollkommenheit des Ganzen mitwirkt. So lehrten die Stoiker, und so ist klar, warum Horaz das se rebus submittere, sich selbst den Dingen unterwerfen, zum unterscheidenden Zeichen eines Stoikers macht. Denn daß in den beiden ersten Versen von ihnen die Rede sei, wiewohl er sie nicht ausdrücklich nennt, ist keinem Zweifel unterworfen.

Von dem eigentlichen System des Aristippus wissen wir nur sehr wenig Zuverlässiges; denn seine Schriften sind verloren gegangen, und von den sogenannten Cyrenäern, seinen angeblichen Nachfolgern, läßt sich kein sichrer Schluß auf ihn selbst machen. In dem, was Diogenes Laertius von ihm zusammengestoppelt hat, sind die Anekdoten und Bons-Mots das Beste, wiewohl darunter einige von verdächtigem Schlage vorkommen. Aber, wenn wir auch nichts von ihm wüßten, als was uns Horaz in seinem Briefe an Scäva und in einer Stelle seiner Satiren sagt: so würde dies, mit etlichen Zügen, die sich im Cicero, Plutarch und Athenäus finden, schon hinlänglich sein, uns von der Denkart dieses Philosophen, der so wenig dazu gemacht war, gute Nachahmer zu haben, einen ziemlich reinen Begriff zu geben. Der Grund seiner ganzen Philosophie scheint folgendes Räsonnement gewesen zu sein. Der Mensch weiß nichts gewisser, als daß er ist; denn dies fühlt er; und eben dies Gefühl sagt ihm alle Augenblicke, was er ist, nämlich ein Wesen, dessen Existenz eine Kette von angenehmen oder unangenehmen Empfindungen ist, die ihm entweder von außenher kommen, oder die es sich selbst macht. Aus jenen erkennt er zwar, daß eine unendliche Menge von Dingen außer ihm sind; aber was diese Dinge für sich selbst sind, weiß er nicht; und da es ihn im Grunde nichts angeht, so soll er sich auch nichts darum kümmern. Aber was er gewiß weiß, weil ers fühlt, ist: daß ihm diese Dinge teils geradezu Lust oder Unlust machen, teils Gelegenheit geben, daß er sich selbst ihrentwegen plagt. Das letztere zu vermeiden, hängt sehr von seinem Willen oder doch von seiner Weisheit ab; denn seine Einbildungen und Leidenschaften sind in ihm selbst, und er kann also, wenn er will und es recht angreift, sehr wohl Meister über sie werden. Was die Dinge außer ihm betrifft, so mag er (wenn er kann) diejenigen vermeiden, die ihm Unlust machen, und diejenigen suchen, die ihm wohltun. Kann er aber jene nicht vermeiden, ohne sich größrer Unlust auszusetzen: so duldet er, wenn er weise ist, das kleinere Übel um des größern Guten willen: und eben so unterläßt er lieber ein Vergnügen zu suchen, wenn er weiß oder sehr wahrscheinlich vermuten kann, daß es mit mehr Unlust verbunden sei, als das Gute daran wert ist. Unvermeidliche Übel erleichtert er sich durch Geduld; alles Angenehme aber genießt er, wenn es gleich mit einiger geringen Unlust verbunden ist; aber genießt es als etwas Entbehrliches, wie einer eine Rose pflückt, die an seinem Wege blüht; und da die meisten Dinge uns nicht durch das, was sie sind, sondern durch das, was wir ihnen geben, d. i. durch unsre Vorstellungsart, glücklich oder unglücklich machen: so gewöhnt sich ein weiser Mann, die Dinge außer ihm von der angenehmsten oder doch leidlichsten Seite anzusehen. Durch diese Art zu denken erhält er sich frei und unabhängig, während die ganze Welt sein ist. Er verschafft sich jedes Gute um den wohlfeilsten Preis, denn er gibt nichts Bessers darum hin; wird es ihm entzogen, so betrachtet er's als etwas, das nie sein war. Kurz, er kann alles genießen, alles entbehren, sich in alles schicken; und die Dinge außer ihm werden nie Herr über ihn, sondern er ist und bleibt Herr über sie. – – Das ist's, denke ich, worin Horaz dem Aristipp ähnlich zu werden suchte, worin er ihm wirklich sehr ähnlich war, und was er durch sein et mihi res, non me rebus, sagen wollte.

Ich untersuche hier nicht, ob diese ziemlich unpoetische Art zu philosophieren die beste sei: ich sage nur, dies war Aristipps Philosophie; und alles, was wir von seinem Leben wissen, ist der Beweis davon.

Aristipp und Antisthenes gingen von einerlei Grundsatz aus. Das Größte, was mir meine Tochter Arete zu danken hat, sagte Aristipp, ist, daß ich sie gelehrt habe, auf nichts Entbehrliches einen Wert zu legen.

Aristipp wußte es z. B. immer so zu machen, daß es ihm nie an Geld fehlte, ohne daß das Geld jemals mehr in seinen Augen galt, als das, was er darum haben konnte. Er bezahlte (in seiner Jugend) einsmals ein Rebhuhn um funfzig Drachmen, oder beinahe um zwölf Taler unsers Geldes. Einer von seinen Freunden hielt ihm eine große Strafpredigt über eine so verschwenderische Naschhaftigkeit. Du hättest das Rebhuhn also doch auch gekauft, wenn es nur einen Albus gekostet hätte? fragte der Philosoph. Nun freilich, dann wohl, erwiderte der Freund. Gut, versetzte jener, wenn mir nun funfzig Drachmen nicht mehr sind, als dir ein Albus, wie dann?

Ein andermal, da er auf einer Reise war, beklagte sich der Sklave, der sein Gepäck und seine Kasse trug, daß ihm die Last zu schwer werde. So wirf davon weg, was dir zu viel ist, sagte Aristipp.

Welcher von unsern Lesern hat nicht die schöne Lais nennen gehört,

Vor deren Tür das ganze Gräzien lagPropert. Eleg. II. 6.?

Aristipp ließ sich's nicht wenig kosten, an den Gunstbezeugungen dieser Tochter der Schönheitsgöttin, die in ihrer Art so einzig war, als er in der seinigen, Anteil zu haben. Jemand, der vermutlich lieber selbst an seinem Platze gewesen wäre, schwatzte ihm viel davon vor, daß er sich übel betröge, wenn er glaube, Lais liebe ihn. Was geht mich das an, sagte Aristipp: die Fische, die ich esse, lieben mich auch nicht, und ich esse sie doch. Ein andrer guter Freund wollte ihm einen Vorwurf daraus machen, daß ein so weiser Mann sich in den Netzen einer Lais habe fangen lassen. Da irrst du dich, antwortete der Philosoph; ich habe sie, aber sie hat mich nicht. (Er konnte das in seiner Sprache mit drei Worten sagen, έχω ουκ έχομαι, und so klangs freilich noch besser.) Ohne Zweifel hatte Horaz diese und ähnliche Züge im Auge, da er die Philosophie des Aristipps in die zwei Worte mihi res zusammenfaßte. – Aber genug von Aristipp, da uns doch die Epistel an den Scäva wieder auf ihn bringen wird.

. Wie die Nacht
condo et compono, quae mox depromere possim.
Ac ne forte roges quo me duce, quo lare tuter,
nullius addictus iurare in verba magistri,
<15> quo me cumque rapit tempestas deferor hospes.
Nunc agilis fio et mersor civilibus undis,
virtutis verae custos rigidusve satelles:
nunc in Aristippi furtim praecepta relabor,
et mihi res, non me rebus, submittere conor.
<20> Ut nox longa quibus mentitur amica, diesque
dem mächtig lang wird, dem ein schelmisch Mädchen
gelogen hatSanadon ist zwar eher zu loben als zu tadeln, daß er in seiner Übersetzung des Horaz viele Stellen, um der Jugend zu schonen, gänzlich weggelassen hat. Aber alles hat sein Maß. Wenn er sogar dem quibus mentitur amica sein unlateinisches quibus somni est pars nulla unterschiebt, so ist er ungerecht gegen seinen Autor, unvorsichtig gegen seine Schüler, und lächerlich obendrein., und lang der Tag dem Fröner,
und träg das Jahr dem Minderjähr'gen, den
die Vormundschaft der strengen Mutter drückt:
so schleichen langsam und verhaßt die Zeiten mir
dahin, die meinen Plan und meine Hoffnung hemmen,
mit Ernst zu treiben, was dem Armen gleich
als wie dem Reichen nützt, und was, versäumt,
dem Jungen wie dem Alten Schaden bringt.

Indes behelf ich bis auf beßre Zeiten
mich mit dem ABC der Weisheit, ungefähr
wie folgt, und spreche: Weil du freilich nie
ein Lynceus werden dürftestDas Wundergesicht dieses Argonauten wurde bei den Alten zum Sprüchwort. Plutarch und Strabo erwähnen auch eines neuern Lynceus, der von dem Lilybeischen Vorgebirge in Sizilien die Schiffe, die aus dem Hafen von Karthago ausgelaufen, habe zählen können welches viel ist!, wolltest du,
wenn du an deinen Augen leidest, dich darum
longa videtur opus debentibus, ut piger annus
pupillis, quos dura premit custodia matrum;
sic mihi tarda fluunt ingrataque tempora, quae spem
consiliumque morantur agendi gnaviter id, quod
<25> aeque pauperibus prodest, locupletibus aeque,
aeque neglectum pueris senibusque nocebit.
Restat ut his ego me ipse regam solerque elementis:
non possis oculo quantum contendere Lynceus,
der Salbe weigern? Oder, weil die Muskeln
des nie besiegten Glykons dir versagt sind, Vermutlich ein berühmter Athlet oder Gladiator zu Horazens Zeiten, dessen aber sonst nirgends Meldung geschieht.
dich vor dem knotenreichen Chiragra
nicht wenigstens nach Möglichkeit verwahren?
Man geht, so weit man kann, wenn weiter
zu geh'n nicht möglich ist. Brennt dich die Habsucht,
macht dich Begierde schlaflos? Nur getrost!
Wir haben ZauberliederLange zuvor, ehe die Hippokratische Schule die Heilkunst auf einen vernünftigen Grund baute, und auch ungeachtet dessen (denn wer kann die Menschen von ihrer natürlichsten Krankheit, der Torheit, heilen, und wer wollte es, wenn er auch könnte?) ging bei den Griechen, wie bei den Morgenländern, und bei allen andern Völkern der Welt bis auf diesen Tag, eine abergläubische Heilkunst im Schwange, die (unter andern) auch durch Zauberworte und Beschwörungen die Krankheiten vertrieb, die man für Wirkungen böser Geister oder erzürnter Gottheiten hielt, welche entweder verjagt oder besänftigt werden müßten. Dergleichen Zauberworte waren z. B. die sogenannten Milesischen, Μιλήσια γράμματα, Bedy, Zoph, Chton, Plekton, Sphinx, Knaxzbi, Chtheptys, Phlegmos und Drops; ingleichen die Ephesischen Grammata, Aski, Ketaski, Aix, Tetrax, Damnameneus und Aision, welchen der Aberglaube bei den Griechen große Gewalt über die bösen Geister zuschrieb., die, wofern sie auch
das Übel nicht von Grund aus heilen, dir
zum wenigsten die Schmerzen lindern werden.
Schwillst du von Ruhmsucht? Gut, wir können dir
ein Büchlein reichen, das, mit reingewaschnen Augen
zum drittenmal gelesen, viel Erleichtrung dir
verschaffen wird. Ein Mann sei noch so neidisch,
zornmütig, faul, verbuhlt, dem Trunk ergeben,
so wild ist niemand, daß er durch Kultur
nicht milder werden könnte, wenn er nur
die Hand nicht von sich stößt, die seiner pflegt.
Das Laster meiden ist schon Tugend, frei
non tamen idcirco contemnas lippus inungi;
<30> nec quia desperes invicti membra Glyconis
nodosa corpus nolis prohibere cheragra?
Est quadam prodire tenus, si non datur ultra.
Fervet avaritia miseroque cupidine pectus?
Sunt verba er voces, quibus hunc lenire dolorem
<35> possis, et magnam morbi deponere partem.
Laudis amore tumes? Sunt certa piacula, quae te
ter pure lecto poterunt recreare libello.
Invidus, iracundus, iners, vinosus, amator,
nemo adeo ferus est, ut non mitescere possit,
<40> si modo culturae patientem commodet aurem.
von Torheit sein der Weisheit erste Stufe.

Wie strengst du alle deine Nerven bis
zum Kopfweh anHoraz fährt immer fort mit sich selbst zu sprechen, oder vielmehr, unter Begünstigung dieser Fiktion, dem großen Haufen seiner Zeitgenossen in seiner Person den Text zu lesen. Diese Wendung geht durch die ganze Epistel, bis zu der Stelle: »sollte übrigens das römische Volk etc.«, und sinnest, rechnest, wachest
die Nächte durch, den Übeln zu entgeh'n,
die dir die größten scheinen, ohne Würde
und Rang zu sein und wenig zu versteuern!
Wie unverdrossen rennst du dem Gewinn
bis an den Ganges nach, fliehst ärger vor der Armut,
als vor dem Tod, durch Klippen, Flut und FeuerDurchs Feuer – ist entweder eine auch bei uns sprüchwörtliche Redensart der Griechen, oder es bedeutet, wie Baxter meint, die Zonam torridam, von welcher die Alten gar schreckliche Dinge erzählten, ohne daß sich die Gewinnsucht der Römer abschrecken ließ, ihr wenigstens ziemlich nahe zu kommen.!
Warum nicht lieber dem, der besser denkt,
Gehör gegeben, und entbehren alles das
gelernt, was du aus Torheit anstaunst und begehrst?
Wer wollte lieber sich mit Gassenjungen
in Dörfern und auf offner Straße raufen,
Virtus est vitium fugere, et sapientia prima
stultitia caruisse. Vides quae maxima credis
esse mala, exiguum censum turpemque repulsam,
quanto devites animi capitisque labore!
<45> Impiger extremos curris mercator ad Indos
per mare pauperiem fugiens, per saxa, per ignes:
ne cures ea, quae stulte miraris et optas,
discere et audire et meliori credere non vis.
Quis circum pagos et circum compita pugnax
als zu Olympia gekrönt sich seh'n?
Zumal wenn ihm die Palme ohne StaubIn den Wettkämpfen zu Olympia den Sieg davon getragen zu haben, war bekanntermaßen unter den Griechen beinahe das höchste Ziel, wornach der Ehrgeiz eines Privatmannes streben konnte, und was ihm selbst von Fürsten streitig gemacht wurde. Da der Kampfplatz der Fechter, eben so wie die Rennbahnen, mit einem sehr feinen Sand bedeckt war, so ging es gewöhnlich nicht ohne vielen Staub ab. Aber man hatte doch auch Beispiele, daß der Preis ακονιτί, ohne Staub, erhalten worden; nämlich, wenn sich niemand fand, der einem zum Kampfe sich darstellenden Athleten entgegen zu stehen sich getraute. Pausanias erzählt, daß dies einem gewissen Drombeus von Mantinea zuerst geschehen sei; aber schon lange vor ihm hatte Herkules den Preis in allen Gattungen von Wettkämpfen erhalten, weil niemand sich mit einem Kämpfer von dieser Stärke hatte einlassen wollen. – Die Anwendung des Gleichnisses, die vielleicht nicht jedem Leser sogleich in die Augen fällt, ist diese: Wer sich um den Preis des Reichtums und der Vorteile, die damit verbunden sind, bewirbt, wie viel Unruhe, Arbeit und Gefahr muß er nicht untergehen, und was für verächtliche Leute hat er nicht zu Nebenbuhlern? Wer wollte sich nicht lieber um den unendlich edlern Preis der Weisheit und Tugend bewerben, zumal da er so gewiß zu erhalten ist, indem es dabei am Ende doch bloß auf unser eignes ernstliches Wollen ankommt? – Noch ein Wort von den Palmen der Sieger. Die Krone, womit sie gekrönt wurden, war bei den Olympischen Spielen ein Kranz vom wilden Ölbaum, bei den Isthmischen von Fichten, bei den Nemeischen von Efeu, bei den Pythischen von Lorbeer: Aber mit dem Kranz empfing der Sieger zugleich einen Palmenzweig in seine Hand. Diese Gewohnheit war allen Arten von Kampfspielen gemein, und scheint aus den Morgenländern und dem höchsten Altertum zu den Griechen gekommen zu sein.
geboten würde. Muß an Wert das Silber
dem Golde weichen, wie viel mehr das Gold
der Tugend? – Freilich nicht zu Rom! Da gehts
aus einem andern Ton! – »Ihr Herrn und Bürger,
zuerst für Geld gesorgt, für bares Geld,
dann gibt sichs mit der Tugend wohl von selbst.«
So ruft vom untern bis zum obern Ende
uns Janus zuD. i. Man hört auf der Börse zu Rom von einem Ende zum andern nichts, als das. Janus (eine alte lateinische Gottheit, welcher schon Romulus einen Tempel auf dem Berge Janiculus gesetzt hatte) war der Schutzpatron alles Ein- und Ausgangs, und besonders wurden die großen gewölbten Durchgänge an öffentlichen oder Privatgebäuden, wodurch man in andre Straßen kommen konnte, Iani genennt. Es befanden sich an dem mit bedeckten Hallen und Buden eingeschloßnen römischen Markte drei solche Jani, welche durch die Namen der obere, mittlere und untere Janus unterschieden wurden. Diese drei Jani machten die Börse von Rom aus; besonders hatten die Wechselherren ad Ianum medium ihre Tische und Schreibstuben, wie unter andern aus einer Stelle in Ciceros Offc. L. II. 25. zu ersehen ist – de quaerenda, de collocanda pecunia, etiam de utenda, commodius a quibusdam optimis viris ad medium Ianum sedentibus quam ab ullis philosophis ulla in schola disputatur., so singt, den Beutel und
die Rechentafel um den linken Arm
gehangen, Alt und Jung ihm rastlos nach.
Denn fehlt an sechzehn Tausend Talern dirIch mußte diese runde Summe dem Verse zu Gefallen setzen. Eigentlich mußte man, um zum römischen Ritterstande qualifiziert zu sein, 400000 Sesterzen im Vermögen haben, welches, vier Sesterzen auf einen Denar gerechnet, und diesen einer attischen Drachme gleich geschätzt, 166662/3 Taler beträgt.
nur eins bis zwei vom Hundert, sei an Geist
und Sitten noch so edel, sei beredt
und treu und gut, so viel du willst, du bist
und bleibst doch PöbelRomulus teilte alle seine Römer in drei Stände; den ersten machten die Senatoren aus, den andern die Ritter; wer keines von beiden war, gehörte zum gemeinen Volke (Plebs) oder zum Tiers-Etat. In der Folge kam noch eine andre Einteilung auf, vermöge welcher alle Römer, die nicht Patrizier waren, d. i. nicht von den ersten hundert Ratsherren oder Patribus conscriptis, welche Romulus gesetzt, oder von denen, welche unter den folgenden Königen hinzugekommen waren, abstammten, Plebejer genannt wurden. Hier wird das Wort Plebs in der ersten und gemeinsten Bedeutung genommen.. Gleichwohl hören wir
die Kinder singen: »Wers am besten macht,
<50> magna coronari contemnat Olympia, cui spes,
cui sit condicio dulcis sine pulvere palmae?
Vilius argentum est auro, virtutibus aurum.
»O cives, cives, quaerenda pecunia primum est,
virtus post nummos!« Haec Ianus summus ab imo
<55> prodocet, haec recinunt iuvenes dictata senesque
laevo suspensi loculos tabulamque lacerto.
Si quadringentis sex, septem milia desunt,
est animus tibi, sunt mores et lingua fidesque,
plebs eris! At pueri ludentes, »Rex eris«, aiunt,
soll König seinDas Kinderspiel, wovon hier die Rede ist, war eine Art von Ballspiel. Wer nie fehlte, war König; wer immer fehlte, hieß der Esel, und mußte, während die andern fortspielten, still sitzen und zusehen. Nun sprich, wer hat mehr RechtIch habe hier eine kleine Freiheit zu entschuldigen, die einzige in ihrer Art, die ich mir mit meinem Text zu nehmen gewagt habe. Es folgt nämlich unmittelbar auf die Worte: Rex eris, si recte facies! folgende Sentenz: –
– Hic murus abeneus esto,
nil conscire sibi, nulla pallescere culpa!

– – – – Dies sei die wahre Mauer
von Erz – nichts Böses sich bewußt sein und
von keiner Schuld erblassen!
,
das Roscische Gesetz, das einen Mann
nach so und so viel tausend Talern schätzt
und anschlägt, oder unser Kinderlied,
das dem Verdienst die Krone zuerkennt?
Das Lied, das unsre wackeren Camiller
und Curier als Männer täglich sangen!
Wer ratet dir am besten: der dich Geld
erwerben heißt – in Ehren freilich, wenn
sichs tun läßt – doch, wo nicht, auf welche Art! nur Geld!
um näher bei den tränenreichen StückenPupius war der Name einer bekannten konsularischen Familie. Von dem Tragödienschreiber Pupius (wie er auch zu seinem vornehmen Namen gekommen sein mag) würden wir hingegen nichts wissen, wenn Horaz seiner hier nicht, und zwar (wie es scheint) nur spottweise, erwähnt und dadurch dem Scholiasten Akron Gelegenheit gegeben hätte, uns seine Grabschrift mitzuteilen, die uns wenigstens die Mühe erspart, den Verlust seiner tränenreichen Trauerspiele zu beweinen. Sie lautet also:
Flebunt amici et bene noti mortem meam,
Nam populus in me vivo lacrumavit satis.

Meine Freunde und Bekannte mögen meinen Tod beweinen,
denn dem römischen Volke hab' ich lebend Tränen gnug gekostet.

des Pupius zu sitzenVermöge des Roscischen Gesetzes war es eine von den Vorzüglichkeiten der römischen Ritter, daß sie in den Amphitheatern ihre eigenen Sitze hatten, und dem Schauspiele näher waren, als die gemeinen Bürger., – oder, wer
durch Lehr' und Beispiel dich dem Übermut
Fortunens einer freien Seele festen Sinn
entgegenstellen lehrt? – Wenn übrigens
<60> »si recte facies«. Hic murus aheneus esto,
nil conscire sibi, nulla pallescere culpa!
Roscia, dic sodes, melior lex, an puerorurn est
naenia, quae regnum recte facientibus offert,
et maribus Curiis et decantata Camillis?
<65> Isne tibi melius suadet, qui rem facias, rem,
si possis recte, si non, quocumque modo rem,
ut propius spectes lacrimosa poemata Pupi,
an qui fortunae te responsare superbae
liberum et erectum praesens hortatur et aptat?
mich die Quiriten etwa fragen sollten:
warum ich der gemeinen Denkart mich nicht auch,
wie der bedeckten Gänge an den Häusern,
wie sie bediene, und nicht auch, was sie
begehren oder flieh'n, begehr' und fliehe?
so würd' ich ihnen, was der kluge Fuchs
dem kranken Löwen einst, zur Antwort geben:
»Die Spuren schrecken mich, die alle einwärts
in deine Höhle gehen, keine wieder
heraus.« Du bist ein Tier mit vielen Köpfen;
wem soll ich folgen? Jeder winket mir
auf einen andern Weg. Die einen, lüstern
nach Pachtungen des Staates, werben um
Kontrakte, – (wo ein Tempel aufzuführen,
ein Sumpf zu trocknen, ein Kanal zu graben,
ein Leichbegängnis anzuordnen ist.)Die inclavierten Verse stehen nicht im Originale, sondern sind eine bloße Auslegung dessen, was Horaz mit den zwei Worten conducere publica sagt; sie waren aber nötig, um diese zwei Worte den Lesern verständlich zu machen, und sind aus folgender Stelle in Juvenals dritter Satire entlehnt, wo er seinen aus Rom nach Cumä ziehenden Freund, Nigritius, redend einführt, wie er die Ursachen angibt, warum er es nicht länger in Rom aushalten könne. Die mögen bleiben, sagt er, die schwarz zu weiß machen können, und denen es leicht ist
– Aedem conducere, flumina, portus,
siccandam eluviem, portandum ad busta cadaver,
u. s. w.

Noch andre suchen alte karge Witwen
mit Kuchen oder Äpfeln, Kindern gleich,
ins Garn zu ködern, oder reiche Greise
einander wegzuangeln: wieder andre
macht unvermerkt geheimer Wucher fett.

Doch, daß Verschiedne auf verschiednen Wegen
<70> Quod si me populus Romanus forte roget, cur
non, ut porticibus, sic iudiciis fruar isdem,
non sequar aut fugiam quae diligit ipse vel odit?
olim quod vulpes aegroto cauta leoni
respondit, referam: »Quia me vestigia terrent
<75 > omnia te adversum spectantia, nulla retrorsum.«
Bellua multorum es capitum: nam quid sequar aut quem?
Pars hominum gestit conducere publica: sunt, qui
crustis et pomis viduas venentur avaras,
excipiantque senes, quos in vivaria mittant:
<80> multis occulto crescit res fenore. Verum
esto aliis alios rebus studiisque teneri;
ihr Glück verfolgen, und der eine dies,
der andre jenes liebt, begreift sich: aber wenn
ein Mann nicht eine Stunde gleiches Sinnes bleibt,
wie dann? Ein Reicher spreche: »In der Welt
ist doch kein Winkel, der an Anmut dem
von Bajä gleicht!« Stracks wird das nahe Meer
und der Lucrinersee die feur'ge Liebe
des raschen Herrn empfindenAlles, was reich und groß in Rom war, wollte in dem schönen Campanien, besonders in der Gegend von Neapel, Bajä, Puteoli, einer der anmutigsten Seeküsten in der Welt, Landhäuser haben. Über alle diese ragte die berühmte Villa des Lucullus hervor, die eher das Ansehen einer prächtigen Stadt als eines Landguts hatte. Hier ließ dieser römische XerxesLucullus – profusae huius in aedificiis convictibusque et apparatibus luxuriae primus auctor fuit: quem ob iniectas moles mari et receptum suffossis montibus in terras mare, Magnus Pompeius Xerxen togatum vocare consuevit. Vellei. II. 33. Berge durchhöhlen, um das Meer in einen See, den er darin hatte graben lassen, zu leiten, und dagegen ganze Buchten im Meer mit Dämmen ausfüllen, um sie mit marmornen Gebäuden zu überdecken. Dieser übermütige Luxus im Bauen, dessen Horaz in verschiednen Stellen seiner lyrischen Gedichte gedenkt, wurde unter der Regierung Augusts immer weiter, und vielleicht von niemand höher getrieben, als von Mäcenas selbst.! Über Nacht
kriecht durch die Leber ihm, ich weiß nicht was,
so spricht er morgen zu den Arbeitsleuten:
»Führt euern Werkzeug nach Theanum ab!«Eine Stadt am nordöstlichen Ende von Campanien, über 30 römische Meilen von Bajä entfernt.
Ist er vermählt, so geht nach seiner Meinung
nichts über Ledigsein; und ledig schwört er hoch,
der Ehestand sei doch der einzige,
worin ein Mann sich seines Lebens freue.
Mit welchem Knoten soll ich fest ihn halten
den Proteus, der nicht einen Augenblick
derselbe bleibt? – Sogar der Arme (lache nur!)
verändert wenigstens, so oft er kann,
sein Stübchen unterm Dach, sein hartes Lager,
idem eadem possunt horam durare probantes?
»Nullus in orbe sinus Baiis praelucet amoenis«,
si dixit dives, lacus et mare sentit amorem
<85> festinantis heri; cui si vitiosa libido
fecerit auspicium: »Cras ferramenta Theanum
tolletis, fabri!« Lectus genialis in aula est?
Nil ait esse prius, melius nil caelibe vita;
si non est, iurat bene solis esse maritis.
<90> Quo teneam vultus mutantem Protea nodo?
Quid pauper? ride! mutat cenacula, lectos,
balnea, tonsores; conducto navigio aeque
Barbier und Bad, und macht in einem Marktschiff,
worin er seinen Platz um wenig Dreier
bezahlt, den Zärtlichen, trotz einem Reichen
in seiner eignen prächtigen Galeere.

Begegn' ich etwa dir einmal mit übel
verschnittnen Haaren auf dem Markt, so lachst du;
sitzt mir die Toga ungleich auf den Schultern,
guckt unter meinem wollenreichen Rock
ein abgeschabnes Wams hervor, so lachst duMäcenas, bei allen den Eigenschaften, die ihn geschickt machten, seinem Freunde Octavianus Cäsar die wichtigsten Dienste zu leisten, war in allem, was seine Person und Lebensart betraf, so elegant, und nahm es mit allen Kleinigkeiten dieser Art so genau, als der müßigste Stutzer von Rom nur immer tun konnte. Diese übertriebne Ziererei zog ihm häufige Spöttereien vom Augustus zu, der in solchen Dingen eher dem entgegengesetzten Fehler zu nahe kam; und wir sehen hier, daß auch Horaz kein Bedenken trägt, sich über die kleinliche Aufmerksamkeit seines hohen Gönners auf die Außenseite seiner Freunde ein wenig lustig zu machen.;
hingegen mein Gemüt mag mit sich selbst
auch noch so uneins sein, mag lieben, was es kaum
gehaßt, verschmähen, was es kaum noch liebte,
nach keiner Regel, keinem Endzweck leben,
jetzt etwas bau'n, dann wieder niederreißen,
und plötzlich runden, was viereckige war,
da lachst du nicht! Es ist nun seine Grille,
denkst du; nicht, daß ich eines Arztes
bedürfe, oder daß der Prätor mich
bevogten sollte. Gleichwohl nimmst du Anteil
an mir, als einem Freunde, der so ganz
an deinen Augen hängt, und warmen Anteil!
nauseat ac locuples quem ducit priva triremis.
Si curtatus inaequali tonsore capillos
<95> occurri, rides: si forte subucula pexae
trita subest tunicae, vel si toga dissidet impar,
rides: quid, mea cum pugnet sententia secum?
quod petiit, spernit, repetit, quod nuper omisit?
aestuat et vitae disconvenit ordine toto?
<100> diruit, aedificat, mutat quadrata rotundis?
Insanire putas solemnia me, neque rides,
nec medici credis nec curatoris egere
a praetore dati, rerum tutela mearum
Denn, wenn ein Nagel nur am Finger mir
nicht recht geschnitten ist, so steigt dir schon die Galle.
Und also hat, mit einem Worte, doch
zuletzt die Stoa Recht: der Weise ist
nach Jupitern der zweite in der Welt;
ist reich und edel, frei und schön, ein König
der Könige, vornehmlich kerngesund,
versteht sich, wenn ihn nicht der Schnuppen plagtHoraz, als ob er sich auf einmal besonnen hätte, an wen er schreibe, schließt entweder aus Gefälligkeit gegen den Mäcenas, dem vermutlich Spöttereien über eine Art von Menschen, deren Gegenfüßler er war, immer gelegen kamen, oder auch weil er selbst nicht gern eine Gelegenheit die Stoiker zu necken vorbeiließ, mit einer ironischen Behauptung der bekannten Paradoxen, auf welchen, als einer sehr bequemen Art von Gemeinplätzen, sich die Stoiker von Profession mehr zur Belustigung als Erbauung ihrer Zuhörer herumzutummeln pflegten; als da ist, daß der Weise allein schön, edel, gesund, reich, frei, König, u. s. w., sei – widersinnig klingende Sätze, welche freilich gar leicht einer vernünftigen Ausdeutung fähig waren, aber es den Spöttern eben so leicht machten, mit der ganzen ehrwürdigen Stoa Narrenteidung zu treiben.

Die Wendung, die er durch das brüske ad summam (mit einem Wort, oder kurz und gut) nimmt, scheint freilich etwas Lächerliches auf die ganze Moral, die er bisher mit so vielem Eifer gepredigt, zu werfen; und also alles Gute, was er beim Mäcen hätte damit ausrichten können, auf einmal wieder wegzulachen. Aber Horaz kannte die Menschen und den Mann, mit dem ers zu tun hatte, zu gut, um ihm eine neue Vorstellungsart, die ihm in seiner Lage nicht natürlich sein konnte, geben zu wollen. Seine Absicht war nicht, den Mäcenas zu bekehren, sondern ihm zu sagen, wie er für sich selbst denke; und ihm mit guter Art zu verstehen zu geben: daß von einem Menschen von seiner Denkart nicht zu vermuten sei, daß er bloß zur Belustigung der Großen in Rom dazusein glauben werde. Daß es unserm Dichter, bei aller seiner Scherzhaftigkeit, mit seiner Philosophie sehr Ernst gewesen, ist wohl keinem Zweifel unterworfen; diese ganze Folge von Briefen enthält davon den vollständigsten Beweis. Aber eben darum geziemte es seiner Urbanität, mit einem Manne wie Mäcenas nicht den Schulmeister zu machen; zumal, da er vermutlich, so gut als Sokrates und Shaftesbury, überzeugt war, daß die Art von Licht, worin alles Falsche, Übertriebne und Unschickliche lächerlich wird, die natürliche Schönheit der Wahrheit nur desto mehr erhebt, oder, genauer zu reden, in den Schattenrissen von ihrem Schattenbilde, womit wir uns statt ihrer selbst behelfen müssen, das Unrichtige, Verschobne, Verschnittene und Übermäßige nur auffallender macht.

.
cum sis, et prave sectum stomacheris ob unguem
<105> de te pendentis, te respicientis amici.
Ad summam, sapiens uno minor est Iove, dives,
liber, honoratus, pulcher, rex denique regum,
praecipue sanus, nisi cum pituita molesta est.
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