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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 39
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehnter Brief
An Mäcenas

Einleitung

Das achte Jahrhundert der römischen Republik, – dessen erstes Viertel durch die schrecklichsten Revolutionen in ihrer innern Verfassung so merkwürdig geworden, daß die Geschichte keinen andern Zeitraum von gleicher Dauer kennt, der mit diesem zu vergleichen wäreDies war vor dem Jahre 1789 der christlichen Zeitrechnung buchstäblich wahr. Aber die funfzehn Jahre, die auf jenes gefolgt sind, haben sich durch politische und moralische Revolutionen von so ungeheurer und erstaunlicher Art ausgezeichnet, daß sie sogar jene römischen (welchen sie gleichwohl in manchen greuelvollen Szenen nur allzuähnlich waren) weit hinter sich zurücklassen und in der Geschichte des Menschengeschlechts und der Humanität eine Epoke aufstellen, von welcher zu wünschen ist, daß sie auf immer einzig in ihrer Art bleiben möge., – war es nicht weniger durch ein wunderbares Zusammentreffen der größten und vorzüglichsten Geister, welche die Grenzen der römischen Sprache und den Ruhm ihrer Literatur eben so schnell ausdehnten, als die Scipionen und Ämile die Macht der Republik ausgedehnt hatten; Männer, die von einem edeln Wetteifer mit den Griechen, ihren Meistern in den Musenkünsten, angefeuert, durch eine Menge vortrefflicher Werke zeigten, was für eine Höhe die römischen Musen hätten ersteigen können, und wie weit sie vermutlich ihre Meister selbst hinter sich gelassen hätten, wenn nicht, unglücklicherweise, diese Morgenröte ihres goldnen Alters in die nämliche Zeit gefallen wäre, wo die Republik unter dem heftigsten Zweikampf zwischen Tyrannei und Freiheit, den die Welt jemals gesehen hat, zu Trümmern ging, und die größten Männer der Zeit, beinahe mit der ganzen Blüte und Hoffnung der künftigen, in ihren Untergang hineinzog. Denn die edlen und schönen Geister, welch dem eigentlichen Jahrhundert Augusts so viel Glanz geliehen haben, sind nur als die Überbleibsel einer bessern Zeit, als die wenigen, die aus einem schrecklichen Sturm und Schiffbruch ihr Leben noch davon gebracht, anzusehen: und selbst die besten unter ihnen, ein Varius, ein Horaz, ein Virgil, ein Pollio, ein Livius, waren das nicht, konnten, durften das nicht sein, was sie gewesen wären, wenn es den Verfechtern der Freiheit gelungen wäre, die Republik wiederherzustellen, oder vielmehr (da das alte Fundament unter der ungeheuern Last ihrer Größe eingesunken war), wenn sie weise und wohlgesinnt genug gewesen wären, einen neuen Tempel der öffentlichen Glückseligkeit auf neue Grundpfeiler zu bauen, stark genug, ihn vielleicht noch eben so viele Jahrhunderte zu tragen, als der alte gestanden hatte.

Indessen machten die wenigen vortrefflichen Köpfe, welche die Republik gesehen und überlebt hatten, und die dem nachmaligen Augustus, als das Kostbarste von der Beute der überwältigten Freiheit seines Vaterlandes, gleichsam zugefallen waren, – die vornehmsten Zierden seiner Regierungszeit aus. Sie wurden durch das, was sie zu der glücklichen Veränderung seiner Denkart und Sitten beitrugen, für ihre Zeitgenossen wohltätig; und sind vielleicht die wahre Ursache, daß die Welt, durch eine Art von Bezauberung, immer wieder von neuem vergißt, daß der Triumvir Octavius Cäsar und August der Vater des Vaterlandes eine und ebendieselbe Person sind.

Das Vergnügen, das alle Leute von Geschmack an den Werken dieser Dichter fanden, der Ruhm ihres Namens, der, wiewohl ein bloßes Echo des Beifalls der kleinern Anzahl aus dem Munde der nachhallenden Menge, doch immer ein beneidenswerter Vorteil scheint; und vornehmlich die Gunst und Achtung, worin man sie bei den Großen und bei August selbst stehen sah, alles dies erweckte ihnen in kurzer Zeit eine unendliche Menge Nachahmer und Nebenbuhler, von allerlei Graden der Mittelmäßigkeit oder Schlechtigkeit. Mit der Menge der Dichter nahm auch die Menge der Leser, und mit beiden die Menge der Kunstrichter und Kenner zu. Jedermann machte entweder selbst Verse, oder traute sich doch zu, über die Dichter und ihre Werke richterlich abzusprechen. Das neu auflebende Cäsarische Rom wimmelte von müßigen Leuten, denen jede Art, die Zeit zu töten, willkommen war; der Luxus der Reichen und die Dürftigkeit der Armen setzte alle Talente in Bewegung; und weil Reichtum und Geschmack selten beisammen sind, so fehlte es auch den unbefugtesten Prätendenten an Genie und Witz nicht leicht an Beschützern und Lobpreisern.

Witzling und Kennerling, Dichterling und Leserling, sind von jeher Correlata gewesen, deren eines sich in dem andern spiegelt, und eines des andern wert ist; und so groß auch, aus mancherlei Ursachen, die innerliche Zwietracht des Reichs der Dummheit ist: so ist doch immer etwas, das sie, bei jeder Gelegenheit, gegen den gemeinschaftlichen Feind unter eine Fahne vereinigt. Daher die mancherlei Cotterien und Bureaux d'Esprits, worin man für oder wider einen berühmten Mann Partei machte, und wo man Abrede nahm, wie viel oder wenig Wert man auf ein neu erschienenes Werk legen wollte; wo es schlechten Schriftstellern nie an Mitteln fehlen konnte, sich Bewundrer und Beschützer zu erwerben, und nur die guten, die solcher Unterstützungen nicht nötig zu haben dachten, sich unvermerkt ohne Freunde, und dem unverständigen oder hämischen Tadel eingebildeter Kenner, die sich verachtet, oder kleiner Nebenbuhler, die sich verdunkelt glaubten, Preis gegeben sahen.

Man bildet sich gewöhnlich ein, die Zeitgenossen eines Schriftstellers, dessen Wert und Ruhm eine lange Reihe von Jahrhunderten entschieden haben, hätten eben so von ihm geurteilt, wie wir. Diese gegenwärtige Epistel kann uns, wenigstens was unsern Dichter betrifft, eines andern überzeugen. Es war auch in diesem Stücke vor 1800 Jahren zu Rom gerade wie bei uns und – allenthalben. Horaz hatte einen großen Ruf, aber wenig literarische Freunde. Seinen Namen kannte jedermann, seinen Wert nur die wenigen, die selbst einen Wert in seinen Augen hatten. Diejenigen, die ihn vielleicht am fleißigsten lasen, d. i. die nämlichen, die ihn am unverschämtesten bestahlen, taten öffentlich, als ob gar kein solcher Mann, wie Horaz, in der Welt wäre. Die Kunstrichter vom Handwerk rächten sich dafür, daß er keine Notiz von ihnen nahm, durch schiefe Urteile. Die Kennerlinge behaupteten ihr Ansehen, indem sie zu dem gefühlten Beifall, der ihm da oder dort in ihrer Gegenwart gegeben wurde, die Achseln zuckten, und zu verstehen gaben, daß sehr viel darüber zu sagen wäre. Die Nachäffer hätten ihn gern zu ihres gleichen gemacht: es wäre eben keine so große Kunst, sagten sie, solche Oden zu machen, wie Horaz; und er hätte doch das Beste darin von den Griechen, die er nachahme. Die Dilettanti vermißten in seinen Trinkliedern – Pindars Hoheit, an seinen moralischen Empfindungen – das Feuer der Sappho, an seinen heroischen Oden – die Anmut Anakreons, und schämten sich nicht, den holprichten und schwatzhaften Satiren des Lucilius vor seinen Sermonen den Vorzug zu geben. Überhaupt, scheint es, machten sie sich gegen ihn des Umstandes zu Nutze, daß die Schönheiten seiner Werke größtenteils zu fein waren, um auf den großen Haufen Eindruck zu machen, oder von ihm recht verstanden zu werden. Der Unverstand der Leser ist immer die Sicherheit unverständiger oder übelwollender Tadler; und es ist nichts leichters, als das schiefste Urteil einer Menge von Leuten einleuchtend zu machen. Einigen war er zu scharf in seinen Satiren, andern hatte er nicht Nerven genug; solcher Verse, sagten sie, könne man tausend in einem Tage machenSatir. II. 1.. Andre konnten sich nicht in den leichten, launevollen und ironischen Ton seiner Schriften finden; sie wußten immer nicht recht, was er eigentlich sagen wolle; sein Salz war zu fein für ihren Gaumen. Kurz, Horaz, mit allem seinem Geist, Witz und Geschmack, war kein Mann für das römische Volk, und, wiewohl es Mode sein mochte, ihn gelesen zu haben, so wurde doch unter allen Dichtern seiner Zeit schwerlich einer – weniger verstanden.

Spuren von allem diesem finden sich an vielen Orten seiner Sermonen und Episteln; und er selbst war so überzeugt davon, daß er gar keinen Anspruch auf den Beifall der Menge machte, und sich, scherzweise, mit der Tänzerin Arbuscula verglich, welche, da sie einsmals von dem Volke ausgezischt wurde, sich damit tröstete, daß ihr doch die Ritter geklatscht hättenSatir. I. 10... Aber eben dieser humoristische Ton, womit er von seiner eignen Poeterei sprach, und der geringe Wert, den er darauf legte, war vielen Leuten anstößig. Bald konnten sie nicht glauben, daß es ihm Ernst damit sei, und gaben ihm zu verstehen, er spräche nur so, um desto weidlicher gelobt zu werden; bald hielten sie es für ein Bekenntnis, das ihm von seinem Gewissen wider Willen ausgepreßt würde, nahmen utiliter an, daß nicht viel hinter ihm sein müsse, weil er selbst so wenig von sich halte, und stellten sich, als ob sie weder den Genie noch die Feile an seinen Werken merkten. Sagte er, um ihrer los zu werden, er gebe sich für keinen Meister vom Handwerk, er habe seine ersten Verse aus DesperationPaupertas impulit audax, ut versus facerem. Epist. II. 2. v. 51., und die übrigen ohne alle Ansprüche, aus bloßer LiebhabereiMe pedibus delectat claudere verba. Sat. II. 1. V. 28., oder weil er nicht schlafen könneNe faciam, inquis, omnino versus – Peream male, si non optimum erat; verum nequeo dormire. Ibid. v. 5-7., gemacht: so antworteten sie, er spotte, und spreche nur so, weil er andre Leute verachte, und sich einbilde, es könne niemand etwas Gutes machen, als er – und was dergleichen mehr war.

Horaz liebte seine Ruhe zu sehr, und kannte das wespenartige Geschlecht der Witzlinge und Poetaster zu gut, um sich mit ihnen in einen Streit einzulassen, wobei man immer besudelt wird, man verliere oder gewinne. Aber, da er jetzt im Begriff war, ein Buch Episteln herauszugeben, wollte er doch diese Gelegenheit nicht vorbeilassen, der Welt ein paar Worte von sich selbst, von seinen Nachahmern, von seinen Tadlern und Neidern, und von der Ursache zu sagen, warum das Publikum – ungeachtet der Begierde, womit seine Werke gesucht und gelesen würden – gleichwohl so kaltsinnig davon spreche, und so wenig guten Willen gegen den Verfasser spüren lasse. Und an wen konnte er eine Entladung dessen, was er über diesen Punkt auf dem Herzen hatte, schicklicher richten, als an den ersten Freund seiner Muse, an den Mann, dem er das stille Glück seines Lebens schuldig war, der ihn besser als irgend ein andrer kannte, und dessen eignen Dichter er sich im siebenten Briefe zu nennen liebt?

So entstand diese dritte Epistel an Mäcenas, worin er, unter dem Schein eines kaltblütigen vertraulichen Gesprächs mit seinem großen Freunde, das besagte Problem auf eine Art auflöst, die zwar nicht sehr schmeichelhaft für die Herren ist, deren Gunst er sich mit einer Mahlzeit oder einem abgetragenen Rock zu erkaufen getraute, die aber sonst jeden Vernünftigen befriedigen muß. Die Laune, womit er es tut, besonders die Wendung, die er nimmt, um den Mäcen unvermerkt auf das, was er eigentlich sagen wollte, zu bringen, und der gute Ton der ganzen Epistel werden sich dem Leser von Geschmack von selbst empfehlen. Nur schade, daß die körnichte Kürze, die eine Hauptschönheit des Originals ist, in der Übersetzung der Deutlichkeit aufgeopfert werden mußte.

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