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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 37
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehnter Brief
An Lollius

Einleitung

Es ist kein einleuchtender Grund vorhanden, warum wir diesen Lollius nicht für ebendenselben halten sollten, an den der zweite Brief geschrieben ist, nämlich für einen Sohn oder Neffen des M. Lollius, der im J. 733 Konsul gewesen war, und nicht für diesen Konsularen selbst, wie Torrentius getan hat. Baxter, der sich geneigt bekennt, zu glauben, daß der Lollius dieses Briefes und der Scäva des 17ten eine und ebendieselbe Person sei, und Geßner, der ihm beistimmt, berufen sich teils auf die unbedeutende Autorität eines namenlosen alten Scholiasten, der den besagten Scäva Scaevam Lollium Equitem Romanum nennt, teils auf die Verwandtschaft des Inhalts beider Briefe, welche vermutlich auch die Ursache war, warum der Scholiast, mit der gewöhnlichen Dreistigkeit dieser Leute, beide Namen zusammengeworfen und einen Mann daraus gemacht hat. So schwache Gründe fallen von sich selbst. Man braucht nur beide Briefe zu lesen und zu vergleichen, um zu sehen, daß Scäva und Lollius zwei sehr verschiedene Personen sind; und die Briefe selbst sind es, ihrer Verwandtschaft ungeachtet, nicht weniger.

Da ich für schicklich halte, dem Leser das Vergnügen dieser Vergleichung selbst zu überlassen, so begnüge ich mich, Folgendes nur überhaupt anzumerken. Seitdem August den Römern von ihrer alten Verfassung nichts als die Namen übrig gelassen, und im Grunde alle Macht zwischen ihm und seinem Schwiegersohn Agrippa geteilt war (wiewohl dieser Klugheit genug hatte, sich mit dem zweiten Rang im Staat und mit einem, dem Schein nach, bloß geborgten Glanze zu begnügen) – von dieser Zeit an, da die Julische Familie in Rom alles war, hatten junge Leute von gutem Hause keinen andern ordentlichen Weg, zu Ansehen und Einfluß zu gelangen, vor sich, als sich an einen von denjenigen anzuschließen, die entweder durch die Gunst Augusts, oder durch ihre nahe Verwandtschaft mit ihm, die wichtigsten Personen im Reiche vorstellten. Was in der Sprache eines Römers, der die bessern Zeiten der Republik noch gesehen, geradezu Sklaverei geheißen hätte, galt jetzt für ein Vorrecht. So war nun auch der junge Lollius dazu geboren, mit den Großen des Staats zu leben, um durch die Verdienste, die er sich um ihre Personen machte, dahin zu kommen, wohin man ehemals nur durch Verdienste um das Vaterland gelangen konnte: und er hatte sich zu diesem Ende, nach römischer Sitte, einen Patron, oder mächtigen Freund, erwählt, dem er noch auf eine besondere Art zugetan und verpflichtet war.

Daß Lollius damals in dieser Lage gewesen, wiewohl sein Patron nicht genennt wird, ist aus dem ganzen Briefe klar; und aus dem Zuge, tu, dum tua navis in alto est, hoc age, etc. läßt sich schließen, daß er – zumal als Sohn oder naher Verwandter eines Konsularen, den Augustus mit seinem Vertrauen beehrt hatte, – schon sehr gute Aussichten gehabt habe. Horaz scheint daher auch als eine Sache, die sich von selbst verstehe, vorauszusetzen, daß sein junger Freund dazu berufen sei, gern oder ungern, auf diesem Meere fortzusegeln; und daß es nur bloß darauf ankomme, den Klippen und Sandbänken auszuweichen, an welche ihn entweder seine Unerfahrenheit, oder die Hitze und Ungeschmeidigkeit seiner natürlichen Gemütsart treiben möchte.

Die Erinnerungen, welche er ihm – als ein alter Freund seines Hauses – mit sichtbaren Merkmalen einer besondern Teilnehmung, aus dem Schatze seiner Erfahrungen mitteilt, sind alle so beschaffen, daß ein Mann vom Stande des Lollius ihrer gleich vonnöten hatte, er mochte als ein bloßer Privatmann leben, oder sich im Staat hervortun wollen. Immer mußte er mit Größern und Mächtigern leben, als er war; immer hatte er einen angestammten Namen und Vermögen, kurz, Vorzüge zu behaupten, die in der neuen Verfassung täglich unsichrer zu werden schienen; immer hatte er also mächtige Freunde vonnöten, auf deren Gunst und Schutz er sich verlassen konnte.

Der junge Lollius schien eines Erinnerers noch um so mehr zu bedürfen, weil noch etwas von republikanischem Blute in seinen Adern wallte; zwar nicht so viel, um die Erben Cäsars mit einem zweiten Brutus oder Cassius zu bedrohen, aber genug, um keinen sehr geschmeidigen Hofmann zu versprechen: was er doch sein mußte, wenn er im neuen Rom der Cäsarn auch nur eine leidliche Figur machen wollte. Denn wiewohl der Name und äußerliche Glanz eines Hofes unter August noch nicht Statt fand, so war doch die Sache da; und ein edler Römer, der mehr Lust hatte, seinen eignen Neigungen nachzuhängen, als sich den Großen gefällig zu machen, konnte so sicher als in der entschiedensten Monarchie darauf rechnen, daß man seiner Verdienste beim Austeilen der Belohnungen immer vergessen, und bei unangenehmen Gelegenheiten sich seiner Fehler sehr genau erinnern werde. Horaz fängt zwar seine Instruktion mit einer Warnung vor dem verächtlichen Charakter eines Scurra an; unter welchem Worte die Römer alles zusammenfaßten, was wir mit den verschiedenen Namen, Schmeichler, Schmarotzer, Speichellecker und Hofnarr, sagen wollen: aber man sieht wohl, daß es nur geschieht, um mit guter Art auf den entgegengesetzten Exzeß zu kommen, vor welchem Lollius, nach seiner freien, runden und hitzigen Gemütsart, sich weit mehr in Acht zu nehmen hatte. Überhaupt können wir sicher voraussetzen, daß unser Dichter von den besondern Umständen seines Freundes gut genug unterrichtet gewesen sei, um nichts zu vergessen, was ihm vorzüglich nötig war; wiewohl er auch Weisheit und Lebensart genug hatte, allen Schein eines direkten Tadels zu vermeiden, und das, was er bloß ihm ins Ohr sagen wollte, mit dem Allgemeinen so geschickt zu versetzen, daß seine Erinnerungen nichts Auffallendes haben konnten.

Man kann diesen Brief als ein kleines praktisches Handbuch der Kunst mit den Großen zu leben ansehen, welches jeder Jüngling, den sein Schicksal auf die schlüpfrige Bahn des Hofes gesetzt hat, mit goldnen Buchstaben geschrieben und an seinen Kalender oder sein Memoranden-Buch gebunden, bei sich führen, und worin er täglich als in seinem Brevier beten sollte: des Morgens, um die weisen Maximen wohl zu meditieren, die er den Tag über zu beobachten haben wird; und Abends vor Schlafengehen, um dem Horaz, als einem getreuen Mentor, seine begangenen Fehler zu bekennen, und, durch eigne Erfahrung von der Weisheit seiner Lehren überführt, ihm verdoppelte Aufmerksamkeit und neuen Gehorsam für den künftigen Tag anzugeloben. Wenigstens halten wir uns versichert, die erfahrensten Meister werden einen Adepten ihrer Geheimnisse in ihm erkennen: und vielleicht werden manche eben so verwundert sein, seine Maximen, ohne es selbst zu wissen, immer ganz genau befolgt zu haben, wie es Herr Jourdain war, daß er unwissenderweise sein ganzes Leben lang Prosa gesprochen hatte.

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