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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 33
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechszehnter Brief
An Quinctius

Einleitung

Die Familie Quinctia gehörte unter die ältesten Patriziats-Geschlechter in Rom, und war, wie gewöhnlich, in mehrere Zweige geteilt, die sich durch besondere Zunamen unterschieden. In den Zeiten unsers Dichters findet sich von dieser Familie ein Titus Quinctius Flamininus, der die Stelle eines Triumvir Monetalis bekleideteVaillant, Numism. Famil. Roman. Vol. II. p. 329., und auf welchen vielleicht einige Züge dieses Briefes passen könnten. Allein der Ton des Ganzen scheint eine alte Kameradschaft und eine Art von Familiarität, die nur unter Personen gleiches Standes schicklich ist, vorauszusetzen. Es ist also eher zu vermuten, daß der Freund, mit welchem Horaz in dieser Epistel so ernstlich und ohne alle Komplimente moralisiert, der Hirpinus gewesen, an welchen er, mehrere Jahre zuvor, eine Ode von der vertraulichsten ArtDie 11te im 2ten Buch. gerichtet hatte. Der Beiname Hirpinus ist ein hinlänglicher Beweis, daß dieser Quinctius nicht von der edeln Familie dieses Namens, sondern ursprünglich ein Hirpiner gewesenSo hieß ein kleines Volk, Samnitischen Ursprungs, welches die Landschaft zwischen dem Picentenischen, dem Appennin und dem Lande der Samniter inne hatte., der (nach römischer Sitte) jenen Namen nur deswegen geführt, weil er oder einer seiner Voreltern durch Vermittlung eines Quinctius das römische Bürgerrecht erhalten hatte. Was er aber eigentlich vorgestellt, und wie er dazu gekommen, daß ihn, wie Horaz sagt, ganz Rom unter seine Glücklichen gezählt, ist nicht bekannt.

Wenn man die besagte Ode mit diesem Briefe vergleicht, so wird sehr wahrscheinlich, daß er einer von denen gewesen, die durch Gönner, Spekulation und Klugheit zu Reichtum und Ansehen gekommen, oder, nach der gemeinen Sprechart, ihr Glück gemacht hatten. Daß dies damals, da Horaz die Ode an ihn schrieb, sein Plan und großes Geschäft gewesen, scheinen die Züge – nec trepides in usum poscentis aevi pauca – Quid aeternis minorem consiliis animum fatigas? – eben so deutlich zu verraten, als verschiedene in dem gegenwärtigen Briefe, daß ihm jener Plan gelungen sei – und daß er, unter andern Mitteln, besonders auch den Ruf eines ehrlichen unbescholtnen Mannes zu einer Leiter seines Glücks zu machen gewußt habe. Ich stelle mir diesen Quinctius als einen von den wackern Leuten vor, die dadurch, daß sie Conduite und Rechtschaffenheit für einerlei nehmen, die Welt, und vielleicht auch zuletzt sich selbst überreden, sie für besser zu halten, als sie sind; als einen Mann, der vorsichtig genug ist, immer seine beste Seite herauszukehren, und seinen Handlungen immer einen schönen Beweggrund, seinen Beweggründen immer einen schönen Namen zu geben; der sich immer so beträgt, daß jedermann mit ihm zufrieden sein kann, es mit den Bösen eben so wenig als mit den Guten verderben will, und, wenn er auf diesem Wege sein Glück gemacht hat, sich zugleich, mit sehr wenigen Kosten, im Besitz eines allgemeinen guten Rufs befindet, ohne im Grunde besser zu sein, als Millionen andre, denen nur sein Glück und seine Geschmeidigkeit fehlt, um mit eben so wenig innerlichem Wert in einem eben so günstigen Lichte zu erscheinen. Die Art, wie ihm Horaz an den Puls greift, scheint mir diese Vorstellung von seinem Charakter notwendig zu machen. Denn die Pedanterei, jedem guten Freunde, oder dem ersten dem besten, der ihm in den Wurf kommt, mit einer strengen moralischen Predigt auf den Leib zu rücken, wird unserm Dichter niemand zutrauen, der ihn halbweg kennt. Einem alten Kameraden hingegen, dem wir uns selber immer in puris naturalibus gezeigt haben, läßt sich bei Gelegenheit schon so ein vertraulich Wort ins Ohr sagen; und es geziemt der Freundschaft sehr wohl, wenn man den Freund von seinem guten Genius verlassen sieht, die Stelle desselben zu vertreten, und den Selbstbetrognen aus einem Schlummer aufzurütteln, der ihm gefährlich werden könnte.

Die Moral, die den größten Teil dieser schönen Epistel ausmacht, ist in dem einzigen Verse des Äschylus eingeschlossen, wo er von Amphiaraus, einem der sieben Helden gegen Theben, sagt:

Ου γὰρ δοκει̃ν άριστος, αλλ' ει̃ναι θέλειv. 598.
Er will der Wackerste nicht scheinen, sondern sein.

Menschen, die nicht Mut genug haben, der Stimme des Gottes in ihnen getreu zu sein, dessen Beifall uns allein Ruhe und Gewißheit, daß wir sind, was wir sein sollen, geben kann, suchen sich eine Art von Ersatz dadurch zu verschaffen, wenn sie von andern für das gehalten werden, was sie nicht sind – aber gern sein möchten, und bedienen sich der guten Meinung, die sie von der Welt erzwingen, erschleichen, oder erbetteln, als einer Art von Beglaubigungsbrief gegen ihr eignes Bewußtsein. Sie suchen Ehre, sagt Aristoteles, um auf andrer Leute Wort zu glauben, daß sie selbst etwas wert seien.

Horaz, der niemand für weise und gut gelten lassen will, der nicht gewiß weiß, daß ers ist, wenn gleich die ganze Welt das Gegenteil behauptete, ist darum nicht mehr Stoiker, als alle andern rechtschaffenen Leute, die von jeher das nämliche gesagt haben, nicht weil es ein Stoischer Grundsatz, sondern weil es Natur der Sache ist. Weisheit und Tugend ist, seiner Meinung nach, eines jeden eigne Angelegenheit; andre hierin betrügen, heißt sich selbst betrügen; und wenn wir jenes auch so meisterlich könnten, daß der Betrug immer verborgen bliebe, so würden doch am Ende nicht andre, sondern wir selbst, die Narren im Spiele sein. Sein ganzes Räsonnement ist echt Sokratisch, sowohl in Begriffen, als in der Art sie vorzutragen. »Warum wolltest du scheinen wollen, was du nicht den Mut hast zu sein? Andrer Leute Meinung kann dich zu nichts machen, was du nicht bist: sei wirklich ein rechtschaffner Mann – oder laß auch den Schein fahren. Willst du jenes sein, so sei es ganz; so lebe nach der Regel in deinem Herzen, nicht nach dem Urteil der Welt; so mache dich frei von allem, was dir den heitern ruhigen Selbstgenuß, den einzigen, der dem Weisen und Rechtschaffnen ausschließlich eigen ist, rauben oder verkümmern würde. Fühlst du, daß du dazu nicht Kraft genug hast: nun, so entsage auch dem Anspruch, ein edler freier Mann zu sein. Auch Sklaven sind noch immer zu vielem zu brauchen, und können in ihrer Art ganz glückliche Leute sein. Aber den Namen, womit man in der Welt so freigebig ist, den Namen eines rechtschaffnen Mannes, verdient nur, wer, sobald es auf Wahrheit und Recht oder auf die Behauptung seines eignen Charakters ankommt, nichts, was ihm Menschen rauben können, für ein Gut, nichts, was sie ihn leiden machen können, für ein Übel achtet.« – Dies ist die Moral dieser Epistel, und ich kenne keine bessere.

Übrigens hat der Dichter diesen Brief auch noch durch die im Eingang vorkommende Beschreibung seines Landguts für diejenigen interessant gemacht, die einen Mann, der vor 1800 Jahren gelebt hat, lieb genug gewinnen können, um an etwas, was er selbst für ein großes Stück seiner Glückseligkeit rechnete, noch Anteil zu nehmen, und es, so zu sagen, unter die Besitztümer ihrer Einbildungskraft zu zählen. Die eigentliche Lage des Horazischen Sabinums hat seit Wiederherstellung der alten Literatur viele Gelehrte beschäftigt; – sie haben aber mit aller ihrer Mühe nichts mehr davon herausbringen können, als was uns Horaz selbst davon sagt: nämlich, daß sein Gut in den Gebürgen des Sabinerlandes, wenige Meilen über Tibur an dem kleinen Flusse Digentia, zwischen den Bergen Lucretilis und Ustica und dem Dorfe Mandela, ohnweit dem Städtchen Varia, gelegen gewesen, daß ein alter zerfallner Tempel der Vacuna in dieser Gegend gestanden, u. dergl. Man kann leicht erachten, daß die achtzehn Jahrhunderte, die zwischen uns und Horazen liegen, und in welchen sich die ganze Gestalt von Rom, Latium, Campanien u. s. w. so mächtig verändert hat, auch von Horazens Meierhof nicht viel übrig gelassen haben werden. Indessen hat sich der bereits angezogene Abbé Cap Martin de Chaupy dadurch nicht abhalten lassen, in diesen Gegenden selbst so lange nachzuforschen, bis er endlich herausgebracht hat, daß das alte Varia das heutige Dorf Vico Varo, der Berg Lucretilis der jetzige Monte Gennaro, die alte Digentia die heutige Licenza, und die verfallne Kapelle der Vacuna die noch vorhandenen Trümmer eines von Vespasian wiederhergestellten Fortunentempels seien, u. s. w. Das ganze Tal heißt jetzt Valle di Licenza und gehört dem Prinzen Borghese. Diese Entdeckung ist dem Herrn Abt Cap Martin von Chaupy so wichtig gewesen, daß er, mit Hülfe des allgemeinen Zusammenhangs der Dinge (der es ihm an reichen Quellen und Minen zu Nebenuntersuchungen nicht fehlen ließ), ein Werk in drei großen dicken Octavbänden davon geschrieben hat, welches (so viel man, ohne selbst am Orte gewesen zu sein, urteilen kann) den Altertumsliebhabern, denen etwa eben so viel an dieser Entdeckung gelegen sein möchte, als ihm, wenig zu erinnern übrig läßt, als daß sein Buch sich – lesen lassen möchte.

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