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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 30
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Verwalter meiner Waldungen und meines
mir selbst mich wiedergebenden
mir nicht zu kleinen Gutes, das hingegen
dir so verächtlich ist, wiewohl's in alten Zeiten
fünf Feuerstellen hatte, und nach Varia
fünf dorten zünft'ge wackre Männer schickteVaria war eine kleine Munizipalstadt am Anio (Teverone), ungefähr wo jetzt der Flecken Varo liegt. In den alten Zeiten, da Italien ungleich bevölkerter war, als es sein konnte, nachdem es durch den Krieg mit den Bundesgenossen (bellum sociale) und die darauf folgenden sämtlichen Bürgerkriege entvölkert worden, und die Großen und Reichen in Rom beinahe alles urbare Land an sich gebracht und in prächtige Villas verwandelt hatten, – machte das einzige, eben nicht sehr beträchtliche Gut unsers Dichters einen kleinen Weiler aus, der für fünf Familien zureichte, die in dem benachbarten Varia zünftig waren. Horaz scheint dieses Umstandes mit einem Vergnügen zu erwähnen, in welches ein Tropfen unschuldiger Eitelkeit gemischt ist. Es ist ein zu seltner Fall, daß ein Dichter von seinem Landgute sprechen kann, als daß man den wenigen, die seit dem armen Homer in diesem Falle gewesen sind, das Vergnügen gern davon zu sprechen übel nehmen könnte.:
auf, laß uns eifern, welcher von uns beiden,
du Meine Felder, oder ich mein Herz,
von Dorn und Disteln besser säubern könne,
und ob das Landgut oder ob sein Herr
in besserm Stande sei? – Was mich betrifft,
wiewohl mein LamiaDas Wort mein steht zwar hier nicht im Text, aber es findet sich in der 26ten Ode des I. Buchs – necte meo Lamiae coronas., der seinen Bruder
betrau'rtDieser Lamia, an welchem Horaz so viel Anteil nimmt, scheint der nämliche zu sein, dem die 26ste Ode im ersten und die 17te im dritten Buche gewidmet ist. Torrentius sagt, man finde in diesem Zeitpunkte nur zweier Lamia von den Geschichtschreibern erwähnt, eines Q. Älius Lamia, der unterm August im Cantabrischen Kriege kommandiert und sich sehr hervorgetan haben soll, und eines Lucius Lamia, der im Jahr 755 das Konsulat verwaltete. Vaillant in seinen Numis Antiquis Familiar. Rom. T. I. p. 19. beweiset aus Münzen, daß jener Triumvir MonetalisSo hießen in diesen Zeiten die Oberaufseher über das Münzwesen. Drei derselben bestellte der Senat, der das Recht Kupfermünzen zu schlagen behielt: und drei, welche August bestellte, verwalteten für ihn das Recht, das er hatte, sowohl Kupfer als Gold und Silber münzen zu lassen. Diese heißen deswegen auf den Münzen Triumviri A. A. A. F. F. d. i. aere, argento, auro, flando, feriundo: v. Graevii Thes. Tom. XI. pag. 706. Lamia war einer von diesen letztern. unter dem August, und daß beide Söhne des L. Älius Lamia gewesen, der im Jahr 711 die Prätur bekleidete, und von welchem Cicero in einem Briefe an M. Brutus als einem seiner ergebensten und angenehmsten Freunde spricht. (Familiar. XI. 16.) Es ist also kein Zweifel, daß es Quintus Lamia war, dessen Tod sein Bruder Lucius, der Freund unsers Dichters, so schmerzlich beweinte., um den verlernen Bruder Tag und Nacht
untröstbar weint, mich noch in Rom zurückhält:
so zieht mein Herz doch immer mich dorthin,
und strebt mit Sehnsucht, die verhaßten Schranken,
die meine Freiheit hemmen, zu durchbrechen.
Ich preise den, der auf dem Lande lebt,
du nur den Städter glücklich, und so muß
    Villice silvarum, et mihi me reddentis agelli,
quem tu fastidis, habitatum quinque focis et
quinque bonos solitum Variam dimittere patres:
certemus spinas animone ego fortius an tu
<5> evellas agro, et melior sit Horatius an res!
Me quamvis Lamiae pietas et cura moratur,
fratrem maerentis, rapto de fratre dolentis
insolabiliter, tamen istuc mens animusque
fert et amat spatiis obstantia rumpere claustra.
<10> Rute ego viventem, tu dicis in urbe beatum;
dann freilich jedem, dem des andern Los
das beßre deucht, verhaßt sein eignes sein.
Mit größtem Unrecht schieben wir die Schuld
des Mißvergnügens auf den Ort, der nichts
für unsre Torheit kann: die Schuld liegt ganz
allein am Herzen, das sich selber nirgends
entfliehen kann. Als Hausknecht in der Stadt
wie seufztest du dich immerfort aufs Land!
Jetzt, da dein Wunsch erfüllt ist, sehnest du
dich nach der Stadt zurück und ihren Spielen
und Bädern. Ich bin, wie du weißt, zum mindsten
mir selber gleichGeßner kann es nicht recht leiden, daß Horaz sich hier mit seiner Beständigkeit in seiner Vorneigung zum Landleben groß machen soll, und verweiset uns deswegen auf die 7te Satire des zweiten Buchs, worin er sich von seinem Sklaven Davus vorwerfen läßt:
Romae rus optas, absentem rustius urbem
tollis ad astra levis, u. s. w.
Zu Rom ists stets das ewige Geseufze,
ach, wär' ich auf dem Land! – Kaum bist du da,
so wird die Stadt bis an die Stern' erhoben.
Trifft sichs, zufälligerweise, daß du nirgends
zum Essen eingeladen bist: da geht
bei dir nichts über Hausmannskost. – »Man bleibt
so hübsch gesund dabei und schläft so sanft!«
Wer dächte nicht, wie wohl dir wäre, daß
du nirgends zechen müssest! Aber laß
nur einen Laufer kommen, der dich auf die Nacht,
sobald die ersten Lampen brennen, bei Mäcen
zur Tafel bittet – Himmel! welcher Lärm
da gleich im Hause aufgeht! Wie du zappelst, tobst,
und ein Geschrei erhebst, wenn nicht gleich alles da ist,
was du, dich schön zu machen, nötig hast, u. s. w.
. Du siehst mich immer traurig
und bösen Muts, so oft als die verhaßten
Geschäfte mit Gewalt nach Rom mich ziehen.
Wir lieben nicht die gleichen Dinge: dies
macht zwischen mir und dir den Unterschied.
Was du für öde rauhe Wildnis hältst,
hat hohen Reiz für mich und meinesgleichen;
dafür ist uns hingegen auch zuwider,
was dir das Angenehmste deucht. Bordell
und Schenke, merk' ich wohl, das ists, was dir
die große Sehnsucht nach der Stadt erwecktHoraz hatte, da er einen seiner Stadtbedienten zum Villicus machte, eine Regel aus der Acht gelassen, welche Columella den Gutsherren sehr empfiehlt: ne villicum ex eo ordine instituant, qui urbanas ac delicatas artes instituerunt. Denn, sagt er, socors et somniculosum genus id mancipiorum, otiis, campo, circo, theatris, aleae, popinis, lupanaribus consuetum, u. s. w.De Re Rustica I. 8. p. 129. Edit. Gesneri. Aber freilich hatte auch Horaz unter der kleinen Anzahl seiner Sklaven nicht viel zu wählen; und dann läßt sich aus einer Stelle dieses Briefes und dem Tone des Ganzen schließen, daß ehedem, da er noch mehrenteils in der Stadt wohnte, dieser Verwalter der Vertraute seiner kleinen Heimlichkeiten gewesen sein mochte.,
und daß in unserm Winkel eher Weihrauch
cui placet alterius, sua nimirum est odio sors.
Stultus uterque locum immeritum causatur inique,
in culpa est animus, qui se non effugit umquam.
Tu mediastinus tacita prece rura petebas,
<15> nunc urbem et ludos et balnea villicus optas.
Me constare mihi scis et discedere tristem
quandocumque trahunt invisa negotia Romam.
Non eadem miramur; eo disconvenit inter
meque et te: nam quae deserta et inhospita tesqua
<20> credis, amoena vocat mecum qui sentit, et odit,
quae tu pulchra putas. Fornix tibi et uncta popina
incutiunt urbis desiderium, video, et quod
und Pfeffer reifen wird, als eine Traube,
und daß kein Wirtshaus in der Nähe ist,
wo Wein gezapft wird, keine willige
Sackpfeiferin, zu deren lärmendem
Gedudel du die Erde stampfen könntest.
Indessen fehlts, die Grillen zu vertreiben,
dir, wie du selber sagst, an Arbeit nicht:
da sind noch wüste Lehden aufzubrechen,
und kommt der müde Stier nach Haus, so muß
frisch abgestreiftes Laub zu seinem Futter
bereit sein; auch ist da zum Überfluß
ein Bach, der deiner Trägheit viel zu tun macht,
und nur durch Damm auf Damm bei Regengüssen
gezwungen wird der Wiesen zu verschonen.

Nun höre noch, warum ich nicht mit dir
aus gleichem Tone sing'. Ich weiß die Zeit
so gut wie du, da leichte dünne Röcke
und eingesalbte Locken mir noch ziemten;
die guten Tage, da ich unentgeltlich
der räuberischen Cinara gefielDas Beiwort rapax, welches Horaz dieser Cinara, deren er sich so gern erinnerte, gibt, steht hier nicht da, um Böses von ihr zu sagen, sondern bloß das bei ihr so seltne unentgeltlich dadurch desto mehr zu heben.,
angulus iste feret piper et tus ocius uva,
nec vicina subest vinum praebere taberna
<25 > quae possit tibi, nec meretrix tibicina, cuius
ad strepitum salias terrae gravis. Et tamen urgues
iam pridem non tacta ligonibus arva, bovemque
disiunctum curas et strictis frondibus exples;
addit opus pigro rivus, si decidit imber,
<30> multa mole docendus aprico parcere prato.
Nunc age quid nostrum concentum dividat, audi.
Quem tenues decuere togae nitidique capilli,
quem scis immunem Cinarae placuisse rapaci,
und mirs ein leichtes war, beim Trinkgelag,
vom hellen Mittag an, ein goldnes Fläschchen
Falerner nach dem andern auszuschlürfen.
Jetzt aber lieb' ich eine kurze Mahlzeit
und nah am Kieselbach ein Mittagsschläfchen
im hohen Grase; – nicht, als schämt' ich mich
gespielt zu haben, aber Schande wär's,
zu rechter Zeit das Spiel nicht abzubrechen.
Dort nagt kein scheeles Aug' an meinem Wohlstand,
kein unbekannter Feind vergiftet dort
durch leisen Biß mein unbemerktes Leben:
Das Schlimmste, was mir meine Nachbarn tun,
ist, wenn sie Stein' und Schollen aus den Furchen
mich stoßen sehn, des guten Wirts zu lachenDie Eigenschaft, aus einem kleinen unbedeutend scheinenden Umstande, durch Bemerkung seiner feinern Beziehungen, und jener dem schärfsten Auge kaum sichtbaren Faden, wodurch er mit andern entferntem Umständen zusammenhängt, diese letztern zu erraten, – diese seltne und schätzbare Gabe, welche wir mit einem aus Not den Römern abgeborgten Worte Sagacität nennen, ist beinahe keinem Gelehrten nötiger, als dem Altertumsforscher. Wie aber alle Sinne an der Grenze ihres äußersten Umkreises unzuverlässig werden: so ist auch nichts, was leichter in Irrtum führen kann, als diese Sagacität, wenn sie nicht mit einem eben so feinen Wahrheitssinne verbunden ist, und von einer geübten Vernunft gegen Trugschlüsse und falsche Induktionen gesichert wird. Beispiele hievon sind in den Schriften der meisten Altertumsforscher nicht selten: aber schwerlich wird man in irgend einem ein lustigeres finden, als dasjenige, das uns der gelehrte Abbé Cap Martin de Chaupy in seinem voluminösen Werke über Horazens Landgut bei Gelegenheit dieser Stelle – rident vicini glaebas et saxa moventem – von einer Sagacität, welche sieht, was sonst kein Mensch sehen kann, gegeben hat. Wer sollte sich auch nur im Traume haben einfallen lassen, daß man aus diesen Worten, deren wahrer Sinn so offen zu Tage liegt und ein so naives charakteristisches Bild macht, den Schluß ziehen könne: Horaz habe einen schönen Garten gehabt? Horace, sagt der überscharfsinnige FranzoseDécouverte de la Maison de Camp. d'Horace, Vol. I p. 349., se représente à sa Campagne comme remuant la terre et en ôtant les pierres; ce n'etoit point sans doute ni dans les champs ni dans les vignes qu'il se livroit à cet exercice pénible, mais dans son jardin. La culture de cette portion si agréable d'une possession a de quoi plaire à tout le monde – und nun (denn wie wollte ein solcher Autor dem Reiz eines so schönen Lieu-commun widerstehen können?) ergießt er sich in ein Lob der Annehmlichkeiten des Gartenbaues, erinnert sich der großen Männer des Altertums, die ihr Vergnügen daran gefunden, schwatzt von dem Spectacle intéressant de la Nature, und endigt mit der feinen Anmerkung: le hoyau ne doit donc pas plus nous surprendre que la plume dans les mains d'Horace. Und das alles bei Gelegenheit einer Stelle, wo Horaz so wenig an einen Garten und eine Radehacke und ein exercice pénible dachte, als an den Babylonischen Turm! Das rident vicini hätte dem Herrn Abt so leicht auf die rechte Spur helfen können – Aber er hatte nun einmal sein elegantes Château d'Horace im Kopfe, und das Château mußte ja freilich auch einen schönen Garten à la le Nôtre haben, er mochte herkommen, wo er wollte..
Du bist nun einmal auf die Stadt erpicht,
und möchtest lieber dort mit andern Knechten
dich knapp behelfen, als hier reichlich leben;
hingegen neidet dir der Stadtbediente
das freie Holz, den Garten und die Herden,
die du benutzen darfst. So wünscht der träge Stier
den Sattel, und der Klepper möchte pflügen.
quem bibulum liquidi media de luce Falerni,
<35> cena brevis iuvat et prope rivum somnus in herba;
nec lusisse pudet, sed non incidere ludum.
Non istic obliquo oculo mea commoda quisquam
limat, non odio obscuro morsuque venenat:
rident vicini glaebas et saxa moventem.
<40> Cum servis urbana diaria rodere mavis,
horum tu in numerum voto ruis: invidet usum
lignorum et pecoris tibi calo argutus, et horti.
Am besten, denk' ich, ist's, ein jeder treibe
das Handwerk, das er kann, und treib' es gern.
Optat ephippia bos piger, optat arare caballus;
quam scit uterque, libens, censebo, exerceat artem.
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