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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Briefe des Horaz
Erstes Buch

Erster Brief
An C. Cilnius Mäcenas

Einleitung
Über den Charakter
des Mäcenas

Mäcenas, der Gönner und Beschützer Virgils und Horazens, der Mann, dem diese berühmten Dichter den Zutritt bei August, und die glückliche Muße, wovon ihre besten Werke die Früchte waren, zu danken hatten, hat sich dadurch in eine so allgemeine Achtung bei der neuern gelehrten Welt, besonders unter uns Deutschen, gesetzt, daß sein Name, bevor er durch allzuhäufige und unedle Anwendung abgewürdigt worden, nicht anders als mit einer Art von religiöser Ehrerbietung ausgesprochen wurde. Die Literatoren machten es mit ihm, wie die Klerisei mit Constantin dem Großen, und die Juristen mit ihrem Divus Justinianus: sie behandelten es ordentlich als Pflicht, den Mann, der den Virgilen und Horazen Landgüter geschenkt hatte, und dessen Haus und Tafel den Gelehrten seiner Zeit offen gestanden, nicht nur als den Musarum Euergetem Optimum Maximum (wie ihn sein andächtigster Verehrer Meibom nennt), sondern auch als ein Muster aller Regenten- und Minister-Tugenden abzuschildern, und gegen alles, was etwa einen Schatten auf seinen Charakter werfen könnte, besonders gegen die Anschwärzungen des tadelsüchtigen Seneca, mit Faust und Ferse zu verteidigen. Auch wo sie mit allem Krümmen und Winden seine schwache Seite doch nicht ganz verbergen können, geben sie sich so viel Mühe, sie zu bemänteln, und bringen so viele Entschuldigungen vor, warum sie ihn dennoch leider! nicht von allen den Fehlern und Gebrechen freisprechen können, ohne die er nicht Mäcenas gewesen wäre: daß man glauben sollte, es sei der Welt und den Wissenschaften unendlich daran gelegen, daß der große Musenwohltäter durch alle Prädikamente einer Leichenrede ein Muster aller Tugenden gewesen sein müßte. Wenn man bedenkt, daß diese Herren am Ende doch wohl keinen andern Beweggrund dazu gehabt haben, als ihm für Wohltaten, welche nicht sie, sondern Leute, die schon viele hundert Jahre tot und verwest sind, von ihm empfingen, ihre Dankbarkeit zu bezeugen: so kann man nicht umhin, zu gestehen, daß die Gelehrten eine sehr gutherzige Art von Menschen sind; und die lobbegierigen Großen unsrer Zeit haben alle Ursache, sich dies zum Beweggrunde dienen zu lassen, dem guten Kaiser August und seinem tugendhaften Minister Mäcen in ihrer Freigebigkeit und Achtung gegen so dankbare Seelen rühmlichst nachzuahmen.

Bei allem dem, und wiewohl man wenig berühmte Namen des Altertums öfter und mit einem günstigern Vorurteile genennt findet, scheint es doch, als ob die Vorstellung, die man sich gewöhnlich von seinem Charakter und von der Rolle, die er in Augusts merkwürdiger Regierung spielte, zu machen pflegt, nicht die richtigste sei. So ists z. B. ganz irrig, wenn er (wie häufig geschieht) ein Minister, oder gar (wie ein gewisser Heinrich Salmuth in seinen Notis ad Panciroll. de Nov. Invent. getan hat) ein Staats-Kanzler Augusts genennt wird. Es ist wahr, daß er diesem Fürsten, – dem es so schwer ist seinen wahren Namen zu geben, – so lange er noch Cäsar Octavianus hieß, bis zum Jahr der Stadt Rom 727, wo ihm die Oberherrschaft unter gewissen von ihm selbst klüglich vorgeschlagenen Modifikationen übertragen wurde, – viele wichtige Dienste leistete. Er teilte in dieser Zeit mit Agrippa, dem nochmaligen Schwiegersohn Augusts, das unumschränkteste Vertrauen des jungen Cäsars: er war ihm bei allen entscheidenden Gelegenheiten zur Seite; und es ist mehr als wahrscheinlich, daß Octavianus ohne den Beistand dieser beiden Männer das Ziel seiner Wünsche nie erreicht hätte. August selbst fühlte so stark, wie unentbehrlich ihm ein Freund wie Mäcenas war, daß er, einige Jahre nach dessen Tode, im Verdruß über die Folgen der heftigen Maßregeln, zu welchen er sich gegen seine Tochter Julia hatte verleiten lassen, schmerzlich ausrief: das wäre mir nicht begegnet, wenn Mäcenas noch lebte! Indessen machen doch alle diese guten Dienste den Günstling Augusts so wenig zu seinem Minister, als ihn das Privatsiegel desselben, welches ihm eine Zeitlang anvertraut war, zu seinem Kanzler machtDie Praefectura Urbis et Italiae, die ihm Octavian nach dem Siege bei Actium auf einige Zeit übertrug, war eine bloße Privat-Kommission, keine öffentliche Staatsbedienung.. Er tat in diesem allem bloß, was ein Freund für einen Freund tut, dessen Partei er ergriffen hat, dem er persönlich ergeben und mit dessen Interesse sein eigenes aufs engste verbunden ist. Er blieb dabei immer im Privatstande, verwaltete nie eine öffentliche Staatsbedienung, begnügte sich mit dem Ansehen, das ihm sein persönliches Verhältnis zu Augusten gab, und war zufrieden, unter zehntausend andern römischen Rittern nur um eine einzige Stufe höher zu stehen, als der gemeinste römische Bürger.

Gesetzt aber auch, man wollte ihn, wegen seines Einflusses auf August, eben so uneigentlich, wie man diesen den ersten oder zweiten römischen Kaiser zu nennen pflegt, dessen Minister heißen; wiewohl solche Vermengungen der Namen immer auch Unrichtigkeit in den Begriffen nach sich ziehen: so scheint doch das große Aufheben, das die Neuem von ihm als dem größten aller Musageten machen, und das, was seinen Namen zum höchsten Ehrentitel aller Staatsmänner, die den Gelehrten günstig sind, gestempelt hat, mehr auf übertriebenen Vorstellungen zu beruhen, als auf Wahrheit. Daß er Dichter, witzige Köpfe und Gelehrte aller Arten (wenn sie Leute von guter Gesellschaft waren) gern um sich leiden mochte, und sie gelegenheitlich dem August empfahl, hatte, vors erste, einen sehr in die Augen fallenden politischen Grund; und dann, was war es mehr, als was sich bei jeder nicht ganz barbarischen Nation beinahe von jedem Manne von seinem Stande und Vermögen sagen läßt? – »Seine Tafel stand diesen Herren, deren Küche oft nicht die zuverlässigste ist, offen.« – Dafür war sie auch (wie August zwischen Scherz und Ernst sagte) eine mensa parasitica, wo die Nomentanen, Balathronen und Bathyllen eben so gut ihren Platz fanden, als Virgil und Varius, – kurz, was die Tafeln der Großen und Reichen von jeher waren. »Aber, er schenkte ja dem Horaz ein Landgütchen, und machte, daß August gegen Virgilen die nämliche Freigebigkeit bewies.« Gut! Was Horazen betrifft, so liebte er diesen vorzüglich; das Geschenk war auch an sich eben nicht beträchtlichWie man aus dem 16ten Briefe sehen wird. und für einen Mann, den August aus der Beute der Proskriptionen und Bürgerkriege unermeßlich reich gemacht hatte, eine Kleinigkeit. Und für Virgilen, der durch Octavian selbst, während dem schändlichsten und grausamsten aller Triumvirate, um sein väterliches Erbgut gekommen war, was konnte dieser für einen Dichter wie Virgil weniger tun, als ihm wiedergeben, was ihm mit Ungebühr genommen worden war? Und wenn auch Horaz und Virgil eine Art von kleinem Glücke, womit nur so unschuldige und genügsame Leute als ihres gleichen zufrieden zu sein pflegen, durch Mäcens Vermittelung gemacht hätten: was hat Mäcen hierin vor einer Menge anderer seiner Art, vor und nach ihm, voraus? Nie ist vielleicht, wenn man die Sache genau untersuchen wollte, ein größerer Ruhm wohlfeiler erkauft worden, als der seinige. Man hat ihm zum Verdienst angerechnet, was der Zufall für ihn, ja sogar was er für sich selbst tat: und am Ende ist es doch weit weniger sein eignes Licht, als der Glanz, der von den Verdiensten und dem Ruhm seiner Freunde auf ihn zurückfiel, woraus der Nimbus entstand, in welchem die Nachwelt diesen vermeinten Musageten zu sehen gewohnt ist.

Wie wenig übrigens den meisten daran gelegen sein mag, ihre Begriffe von einem Manne, der seine Rolle längst ausgespielt hat und ihnen weder Böses noch Gutes tun kann, mehr oder weniger zu berichtigen: so darf dies doch weder dem Übersetzer der Horazischen Briefe, noch Lesern, denen es darum zu tun ist, sie besser zu verstehen und einen Sinn für ihre feinsten Schönheiten zu bekommen, gleichgültig sein. Ich bin mit ShaftesburyCharacteristiks Vol. III. Misc. I. c. 3. völlig überzeugt, daß man, ohne mit den Charaktern eines August, Mäcen, Florus, Lollius u. s. w. genauer bekannt zu sein, an den Briefen, die an sie gerichtet sind, den Geschmack nicht finden könne, den sie sonst für jeden Leser, der zum zartern Gefühl des Wahren und Schönen organisiert ist, haben müssen. Und da dies die hauptsächliche Ursache ist, warum ich mir die Arbeit der gegenwärtigen Übersetzung durch eine jedem Briefe vorangeschickte Einleitung mit Vergnügen erschwert habe: so wird das engere und individuelle Verhältnis, worin unser Dichter mit Mäcenas gestanden, mich um so mehr rechtfertigen, wenn ich noch einige Blätter dazu anwende, den Charakter dieses berühmten Mannes in so viel Licht zu setzen, als zu einer richtigern Vorstellung von diesem Verhältnis und zu besserm Verständnis der an ihn geschriebenen Briefe dienlich sein kann.

 

Mäcenas hatte, ungeachtet er sein Geschlecht von uralten hetrurischen Fürsten ableiteteDas sind die atavi reges in der Ode an Mäcenas an der Spitze des ersten Buchs der Horazischen Oden., weder einen von Voreltern geerbten Ruhm zu behaupten, noch scheint ihn die Natur mit der Anlage zu dem, was man einen großen Mann nennt, beschenkt zu haben. Desto mehr hatte er hingegen dem Glücke zu danken, welches ihn gerade in die Umstände setzte, worin er sich am meisten geltend machen konnte; und darin, daß er aus diesen günstigen Umständen den möglichsten Vorteil zu ziehen wußte, scheint sein größtes Verdienst bestanden zu haben. Ohne starke Leidenschaften, ohne Ehrgeiz, aber mit feinen Sinnen und hellem Kopfe, lebhaft genug um in entscheidenden Augenblicken tätig zu sein, klug und kaltblütig genug um alles, was er auf sich genommen, recht und ganz zu tun, sanguinisch genug um sich immer einen guten Erfolg zu versprechen und nicht leicht vor Schwierigkeiten zu erschrecken, aber zu bequem und wollüstig um die Geschäfte zu lieben und zu suchen, wenn ihn keine NotwendigkeitVir, ubi res vigiliam exigeret, sane exsomnis, providens atque agendi sciens etc. Vellei. Paterculus L. II. 88. dazu trieb; – angenehm von Person, jovialisch im Umgang, mit einem guten Teil Gefälligkeit und Gutmütigkeit; eben so geduldig über sich scherzen zu lassen als geneigt über andre zu scherzen; auf eine angenehme Art (auch wohl bis zum Seltsamen) sonderbar in Kleinigkeiten, aber desto gründlicher in wichtigen Dingen; fein und geschmeidig um andre zu seinen Absichten zu gebrauchen, geschickt von allen Arten von Menschen Vorteil zu ziehen, aber behutsam in der Wahl seiner engern Freunde; treu und standhaft, sobald er gewählt hatte, und im Notfall jeder Aufopferung fähig: mit allen diesen Eigenschaften scheint Mäcenas recht ausdrücklich zu einem Vertrauten Augusts gemacht, und der Mann gewesen zu sein, den dieses eitle und ehrgeizige, aber schwache, furchtsame, unentschloßne, und demungeachtet der größten Übereilungen fähige Schoßkind des Glücks vonnöten hatte. Mit diesen Eigenschaften wußte er ihm, vom Anfang ihrer Verbindung an, ein Zutrauen einzuflößen, welches (eine einzige vorübergehende Erkältung ausgenommen) sich bis an seinen Tod immer gleich erhielt. Bei seinem Freunde Mäcen war Augusten immer wohl; denn er fand da immer alles, woran es ihm gerade fehlte, Rat, Auswege, Entschlossenheit, guten Mut, frohe Laune und (was in Verbindungen dieser Art nicht das Unwesentlichste ist) auch immer etwas, worin er sich selbst stärker und weiser fühlte, und womit er seinen Freund aufziehen konnte, ohne daß dieser dadurch von seiner guten Meinung verlor. August spottete gern über Mäcens Weichlichkeit, über seine Liebe zu Raritäten, Edelsteinen und Gemmen, über seine Affektation alte hetrurische Wörter ins Römische zu mengen, oder neue Wörter zu stempeln: dafür aber durfte auch dieser das bekannte Surge tandem earnifexOctavius saß einsmals (noch in den Zeiten des Triumvirats) zu Gericht, um eine Menge Leute (die nichts verbrochen hatten, als daß sie nicht von seiner Partei gewesen waren) zum Tode zu verurteilen. Mäcenas, der davon benachrichtigt wurde, und besorgte, er möchte der Sache zu viel tun, hätte ihm gern was ins Ohr sagen mögen: weil er aber vor der Menge des umstehenden Volkes nicht bis zum Richtstuhle dringen konnte, schrieb er nur die drei Worte: So steh doch einmal auf, Scharfrichter! auf seine Schreibtafel, und ließ sie durch die Umstehenden aus einer Hand in die andre dem Octavianus überreichen. Dio Cassius. B. 5. wagen, ohne Furcht, daß ein so kräftiger Lakonismus beleidigen werde.

Mäcen, – der unter andern Umständen nie etwas anders, als was die Engländer in den Zeiten der Königin Anna und Georg des Ersten einen Man of Wit and Pleasure nannten, gewesen wäre, – da er durch die Umstände zum Vertrauten eines jungen Mannes wurde, der vielleicht die schwerste Rolle, die einem Staatsmann aufgegeben werden kann, zu spielen hatte, war eben darum, weil Witz und Liebe zum Vergnügen die Hauptzüge seiner Sinnesart waren, kein Mann, der sich im politischen Leben jemals einen Epaminondas oder Cato zum Muster vorgesetzt haben würde. Der Heroismus der Tugend, der immer bereit ist das Edelste zu tun und einer hohen Idee von moralischer Schönheit oder Größe jedes Opfer zu bringen, setzt eine Energie der Seele und eine Stimmung ihres reinsten Organs voraus, die nicht die seinige war. Er glaubte, daß Octavianus (da die Frage war, ob er die höchste Gewalt behalten, oder dem römischen Senat und Volke zurückgeben sollte?) nicht das, was in gewissem Sinn das Edelste, sondern was für den Staat, nach seinen damaligen Bedürfnissen, das Nützlichste, und zugleich für seine eigne Person das Sicherste sei, tun müsse. Die Gründe, warum er gegen die von Agrippa angeratene Zurückgabe stimmte, und der Regierungsplan, den er dem Octavianus bei dieser Gelegenheit verzeichneteS. Dion. L. 52. Ungeachtet die Echtheit der Rede, welche dieser Geschichtschreiber dem Mäcen in den Mund legt, aus guten Gründen bezweifelt werden kann, so ist doch sehr wahrscheinlich, daß das Wesentliche des erwähnten Regierungsplans wirklich von Mäcen herrührte., beweisen beide, daß Mäcen von dem, was nach damaliger Beschaffenheit der Menschen und Zeiten, und in Betrachtung der ungeheuern Größe des römischen Reichs, dem Staate das Nützlichste und für den Erben Cäsars das Sicherste war, sehr richtig geurteilt habe. In der Tat wurde in den letzten Zeiten der freien Republik das Interesse des Staats immer als Beweggrund und Zweck im Munde geführt: aber gewiß nie mit mehr Wahrheit und Würde, als es Mäcen bei dieser Gelegenheit tat. Sein Plan würde das römische Reich so glücklich gemacht haben, als es möglicherweise sein konnte, und glücklicher, als es unter der immer in sich selbst erschütterten, oder die übrige Welt verheerenden Republik nie gewesen war: wenn es nicht im Buche der Schicksale geschrieben gewesen wäre, daß die Welt durch die Tiberen und Caligula und Neronen und Domitiane erst gezüchtigt werden müsse, ehe sie durch die Titus, Trajane und Antonine wieder getröstet werden sollte.

Man hat dem Günstling Augusts die Bescheidenheit, womit er auf alle Ehrenstellen im Staat Verzicht getan, um als bloßer römischer Ritter in der Dunkelheit des Privatstandes ein Leben zuzubringen, welches er so leicht durch Konsulate und Triumphe hätte glänzend machen können, als eine große Tugend angerechnet. Ich zweifle sehr, daß diese Tugend etwas anders als sein Temperament, seine Liebe zum Müßiggang und Vergnügen, und vielleicht auch seine Klugheit zur Quelle gehabt habe. Er besaß das Solide, das Ohr und Herz Augusts, die Liebe des Volks, unermeßliche Reichtümer, und alles, was einem Manne von seiner Denkart das Privatleben angenehm machen konnte: was kümmerte ihn also, ob sein Rock mit einer schmalen oder breiten Purpurstreife besetzt war? Für ihn selbst war kein sicherers Mittel, sich zu gleicher Zeit in der Gunst des Fürsten und des Volkes zu erhalten, als diese Mäßigung, die ihn von allen gefährlichen Kollisionen, von aller Verantwortung, von allen Gelegenheiten mißfällig zu werden, entfernte.

Man rühmt seine Gutherzigkeit, seine Unschuld: Tausenden hatte er Gutes, niemanden jemals durch seinen Einfluß Übels getan

Omnia cum posses tanto tam carus amico,
    te sensit nemo velle nocere tamen.
Pedo in Epiced. Maec. dist. 5
. Sein Verhältnis gegen August erlaubte ihm, allen verhaßten Diensten auszuweichen; er behielt sich nur die beliebten vor. Er empfahl, wirkte Gnaden aus, riet immer zur Gelindigkeit und Milde. Auf diese Weise hatte sein Ansehen eine Popularität, wobei er weder dem Fürsten verdächtig, noch den Männern, mit denen er seine Gewalt teilte, furchtbar werden konnte. Würde er sich in diesen Schranken haben erhalten können, wenn er dem Privatstand entsagt hätte?

Aber auch für Augusten, den er so herzlich liebte, als er etwas außer sich selbst lieben konnte, war Mäcens Privatleben gerade die Lage, worin ihm dieser am nützlichsten sein konnte. Eine gewisse Entfernung von den öffentlichen Geschäften ist der Standpunkt, wo ein Mann, dem es weder an Welt- noch Menschen-Kenntnis fehlt, über die Geschäfte, und die darin verwickelten Personen, am richtigsten urteilen kann; und ein solcher Mann schickt sich in dieser Stellung am besten zum Ratgeber und Erinnerer dessen, der in dem Gedränge und der Hitze des aktiven Lebens nie Augen und Ohren, noch weniger innere Stille und Unbefangenheit genug hat, um keines Erinnerers zu bedürfenSpeculatus est per summam quietem ac dissimulationem praecipitis consilia iuvenis (Octaviani) etc. Vellei. ibid.. Überdies, wo hätte August sich so gut erholen, aufheitern, wieder aufziehen, oder so bequem und angenehm unpäßlich sein könnenAugust hatte eine sehr schwächliche Gesundheit, und erwählte allemal das Haus des Mäcenas, um darin seine Unpäßlichkeiten abzuwarten. Sueton., als im Hause des glücklichen und sorgenfreien Mäcen? Wie wichtig war für ihn ein Freund, an dessen selbst ruhigem Busen er wenigstens Augenblicke von Ruhe finden, in dessen Hause er den Beherrscher der Welt vergessen, und einige Stunden wieder Octavianus sein konnte?

Wir haben den Mäcenas von der Seite angesehen, von welcher er sich am vorteilhaftesten ausnimmt. Sein Verhältnis gegen August, die Art, wie er sich seines Einflusses über ihn bediente, macht ihn liebenswürdig. Wenigstens verliert er in meinen Augen wenig dadurch, wenn er diesem Fürsten auch aus keinem andern Grunde so ergeben gewesen wäre, als weil er im ganzen römischen Reiche unter allen, welche einander die Oberherrschaft noch streitig machen konnten, keinen kannte, der mehr gute Eigenschaften, erträglichere Fehler, mehr Anlage zu dem, was ein Mann sein mußte, der die römische Republik unvermerkt in eine Art von Monarchie umschmelzen sollte, und (was doch jeder Günstling eines Fürsten in petto hat) der mehr Gelehrigkeit, sich von ihm leiten zu lassen, gehabt, kurz, der zu Mäcens eignem Plan von Glückseligkeit besser gestimmt hätte – als August.

Was Mäcen in seinem eigentlichen Privatleben, in seinem Hause, in seiner Lebensweise, in seinem Geschmack, in der Wahl seiner Gesellschafter, und in seinen Vergnügungen war, wird uns vielleicht über das, was wir (mit einem Worte, dessen Urbild nicht Duns oder Occam, sondern kein geringerer als Cicero selbstEpistol. ad Familiar. L. III. 7. ullam Appietatem aut Lentulitatem valere apud me plus quam ornamenta virtutis existimas? erfunden hat) seine Mäcenität nennen möchten, noch nähere Aufschlüsse geben.

Das Haus eines Römers von Stande und großen Reichtümern glich damals mehr einer prächtigen Hofhaltung, als der Wohnung eines Privatmannes; und Mäcen hielt vielleicht ein größeres Haus, als irgend ein andrer Römer, gewiß ein weit größeres, als August selbst. Wir lassen uns hier weder in die Vorwürfe ein, die ihm Seneca – unter allen Sterblichen der, aus dessen Munde diese Vorwürfe am anstößigsten sind – wegen seiner Üppigkeit macht, noch in die Rechtfertigungen oder Entschuldigungen, womit seine Lebensbeschreiber solche abzulehnen suchen. Genug, daß der Grund jener Vorwürfe nicht geleugnet werden kann.

Mäcen baute sich auf den Exquilien einen Palast, eine Art von Colosseum, (molem vicinam nubibus arduis, nennt es Horaz) der, vermutlich seiner Höhe wegen, gewöhnlich der Turm des Mäcens genennt wurde. Man findet eine Abbildung davon auf dem 104ten Blatt des IIten Teils von Lauri Splendor antiquae Urbis, die wenigstens eine Idee gibt, wie dieses Wundergebäude ausgesehen haben könnte. Mäcen hatte daraus die Aussicht über die ganze Stadt und Gegend von Rom, bis nach Tivoli, Tusculum, Palästrina u. s. w., eine der herrlichsten, die sich denken läßt, und die ihm, mitten in den wollüstigen Gärten, zu welchen er den vorher höchst ungesunden Exquilinischen Berg umgeschaffen hatte, die Annehmlichkeiten der schönsten Villa zu genießen gab. Hier überließ er sich, – nach den Arbeiten und Unruhen der Bürgerkriege, und nachdem er endlich den Zweck aller seiner Bemühungen im 727sten Jahr der Stadt Rom (welches ungefähr das vierzigste seines Lebens sein mochte) erreicht hatte, und Augusten in ruhigen Besitz einer Macht und Würde, welche gewissermaßen sein Werk war, gesetzt sah – hier überließ er sich nun gänzlich seinem natürlichen Hang zur Ruhe, zum Vergnügen, und zu den Künsten, welche Töchter und Mütter des Vergnügens sind. Sein Haus, seine Tafel, seine Gärten waren der Sammelplatz aller witzigen Köpfe, Virtuosen, Baladins, fröhlichen Brüder, und angenehmen Müßiggänger in Rom. Alles atmete da Freude, Scherz und Wohlleben. Es war eine Art von Hof des Alcinous, wo jeder willkommen war, der zum Vergnügen des Patrons und der Gesellschaft etwas beizutragen hatte.

Mäcenas war der Epikurischen Philosophie zugetan, sagen die Meibome. Dies mag von einem Teile der Theorie des Epikurs gelten. Sie war die natürlichste für Günstlinge des Glücks, die ihr Leben so sanft als möglich über die Blumen des Vergnügens hinrinnen lassen wollten, und auch im Philosophieren die Bequemlichkeit liebten. Aber in der Ausübung raffinierte er die Wollust gewiß ganz anders, als sein angeblicher Meister, der seine Mahlzeit mit etwas Brot und Käse hielt, und die Wollust, die ihm eine so schlimme Reputation gemacht hat, in bloße Freiheit von Schmerzen setzte. Mäcen glaubte vermutlich, daß Epikur an seinem Platze sich selbst eben so verstanden haben würde, wie er. Er dehnte die negative Wollust bis auf Freiheit von allem Zwange dessen, was nach den ältern römischen Sitten Anständigkeit geheißen hatte, und bis auf die ausgesuchtesten Gemächlichkeiten aus: und er tat noch so viel von der positiven hinzu, als er dienlich glaubte, den Geschmack des Lebens zu erhöhen und zu mannigfaltigen, ohne sich eben sehr genau an das goldne ne quid nimis zu binden. Üppigkeit und Frivolität bezeichnen auf eine sehr augenscheinliche Art den Charakter seiner liebsten Ergötzungen und Zeitvertreibe. Unter allen Schauspielen zog er die pantomimischen Tänze vor. Er war's, der sie zuerst öffentlich in Rom einführte: und jener seiner Kunst und Schönheit wegen so berühmte Bathyllus war sein LieblingIndulserat ei ludicro (histrionum) Augustus, dum Maecenati obtemperat, effuso in amorem Bathylli, sagt Tacitus Annal. I. c. 54. mit einer Stärke von Ausdruck, die ich sehr gemäßigt habe.. – Wir sehen aus einer Stelle des Plinius, daß sogar die kulinarische Philosophie ihm eine neue Erfindung zu danken hatte; denn er war der erste, der auf den Einfall kam, Füllen von EselinnenPullos asinarum epulari Maecenas instituit. H. N. VIII. 43. als ein leckerhaftes Gericht auf die Tafel zu bringen.

Die Schlaffheit des Geistes, welche die natürliche Folge eines wollüstigen Müßiggangs ist, und die sich beim Mäcen sogar in seiner Kleidung, seinem Gang, in der Art, wie er seinen Kopf trug, äußerte, war auch in seiner Schreibart. Mäcen machte, zum Zeitvertreibe, Prose und Verse; aber der persönliche Umgang mit den besten Schriftstellern des goldnen Alters der römischen Literatur hatte wenig Einfluß auf seine Art zu schreiben. Sein Geschmack, sein Stil, seine Affektation sich ungewöhnlich auszudrücken, veraltete Wörter ohne Not zu brauchen, und neue ohne Not zu schmieden, sein labris columbari, und was dergleichen mehr ist, verraten (wie SenecaIm 114ten seiner Briefe. sagt) den Weichling, der sich auf öffentlichem Markt den Kopf mit seinem Pallio bedeckte, und mitten in den Unruhen des bürgerlichen Krieges, da die ganze Stadt bewaffnet war, in einem weiten ungegürteten Rocke, mit zwei Kastraten zu seiner ganzen Bedeckung, in den Straßen von Rom herumging. Es ist sehr möglich, daß Seneca ihm gerade diese beiden Kleinigkeiten schlimmer aufnimmt, als sie gemeint waren. Jenes konnte wohl eine notwendige Aufmerksamkeit auf seine Gesundheit zur Ursache haben, weil er (wenn PliniusHist. nat. L. VII. c. 51. Glauben verdient) sein ganzes Leben durch mit einem ununterbrochenen Fieber behaftet war; und mit diesem konnte er bloß zeigen wollen, wie sicher er sich, im Vertrauen auf seine gute Sache, mitten in den Verwirrungen der Republik halte, und wie stark er auf die Zuneigung des Volks rechne. Indessen ist nichts gewisser, als daß Mäcen ein ausgemachter Wollüstling warOtio ac mollitiis paene ultra feminam fluens. Vellei. l.c., und daß sein Beispiel zu der großen Veränderung in den römischen Sitten, die (nach Tacitus Bemerkung) unter Augusts Regierung vorging, vieles beitrug: wiewohl man weder einen Sallust, noch Cicero, noch Plutarch gelesen haben müßte, wenn man ihn (wie Seneca zu tun scheint) für den ersten Verderber der Sitten in Rom halten wollte.

Aber etwas, das bei einigem Nachdenken jedem einleuchten muß, ist die Betrachtung: daß in allem diesem die Politik des Mäcenas mit seinem eignen natürlichen Hang in einem Punkt zusammengetroffen sei. Eine so große Veränderung in der Staatsverfassung, wie er dem August hatte bewirken helfen, machte eine allgemeine Abspannung der Sitten, bis auf einen gewissen Grad, politisch notwendig; und es wäre ungereimt gewesen, wenn man vor dem, was in der freien Republik anständig geheißen hatte, mehr Respekt hätte tragen wollen , als vor den Gesetzen selbst. Die Römer, welche nun dem Willen eines einzigen gehorchen lernen, ihre ehemaligen Rechte und Wichtigkeit vergessen und bis auf den bloßen Begriff des Widerstehens verlieren sollten, mußten unter allen Arten von Ergötzungen und Zerstreuungen abgeartet, weichlich gemacht, und zu dem kindischen, parasitischen und sklavischen Charakter umgestimmt werden, den der leidende Gehorsam voraussetzt und notwendig macht. Das unbeschreibliche allgemeine Verlangen nach bloßer Sicherheit des Lebens und Eigentums, die Ungeduld von den zahllosen Drangsalen der bürgerlichen Unruhen endlich befreit zu werden, hatte schon viel getan, ihren ungelehrigen Nacken geschmeidiger zu machenWas wir in dem letzten Jahrzehend des achtzehnten Jahrhunderts erlebt haben, und die im Jahr 1804 ohne die geringste Schwierigkeit erfolgte Verwandlung des republikanischen Generals Bonaparte in den Kaiser Napoleon I. ist der beste Kommentar zu dieser Epoke der römischen Geschichte.: und August, von den Eingebungen Mäcens geleitet, ließ ihnen, in Absicht der Staatsverfassung, alles, was die Täuschung, daß die Republik noch stehe, verlängern konnte. Eadem magistratuum vocabula, sagt Tacitus. Aber in Absicht der Sitten mußte alles je bälder je lieber ein neues Gepräge und das Ansehen einer angenehmen Veränderung bekommen: und was man im Senat, im Forum, und im Campus Martius an Freiheit verloren hatte, mußte an Befreiung vom Zwang des strengem Wohlstands, an Freiheit nach seinem eignen Belieben leben und dem Genius indulgieren zu dürfen, ersetzt werden. Das waren freilich keine Maximen, die man pro rostris ankündigte, oder in den Schulen lehren lassen konnte. Aber Mäcen lehrte sie durch sein Beispiel; und die Römer waren so gelehrig, und übertrafen hierin ihren Meister in kurzem so weit, daß der Luxus, den ihm Seneca mit so vieler Deklamation vorwirft, in Vergleichung mit demjenigen, wovon er in seinem 95sten Briefe als Augenzeuge spricht, sich in die Einfalt des Saturnischen Weltalters verliert.

Was ich bisher von Mäcenas gesagt habe (und wozu man noch mehr Belege in der Kompilation des Meibomius, wiewohl in sehr schlechter Ordnung zusammengeworfen, finden kann), scheint mir hinreichend zu sein, jedem Leser begreiflich zu machen: wie diejenigen, die als Freunde mit ihm lebten, und aus günstigem Vorurteil, oder Sympathie, oder Dankbarkeit, oder aus allen diesen Ursachen zusammengenommen, ihn nur von der schönen Seite sehen wollten (in welchem Falle unser Dichter sich mit ihm befand), ja, wie sogar ein Pedo, der ihm (wie es scheint) nicht einmal von Person bekannt war, von dem liebenswürdigen Teil seines Charakters eingenommen, sich beeifern konnte, seine Schwachheiten zu entschuldigen.

Ich kann mir nichts Sonderliches dabei denken, wenn ihm Seneca, um des einzigen Verses willen:

Nec tumulum curo, sepelit natura relictos,

worin ich nichts als die Vorstellungsart eines echten Epikuräers sehen kann, einen großen und männlichen Geist zuschreibt, wofern er ihn (wie der Philosoph hinzusetzt) nur nicht, zugleich mit seiner Person, entgürtet hätteEpist. 92. am Schlusse. Habuit ingenium grande et virile, nisi illud secum discinxisset.. Aber, wenn man keine Ursache hat, ihn einen großen, geschweige (wie der gelehrte Rodomont Julius Cäsar Scaliger tut) einen göttlichen Mann zu nennen: so kann man hingegen schwerlich irren, wenn man sich ihn als einen Mann vorstellt, der alle Eigenschaften besaß, die ihm das Herz seiner Freunde gewinnen, und sein großes Glück (was sonst den Neid zu reizen pflegt) zu einem neuen Beweggrunde des Wohlwollens für alle, die ihn kannten, machen konnten. Horaz rühmt ihn nie anders, als wegen der Eigenschaften seines Geistes und Herzens, wegen der Offenheit und Munterkeit seines Umgangs, wegen seiner Bekanntschaft mit der Literatur beider Sprachen, wegen seiner Bescheidenheit in einem so schimmernden Glücke, und wegen des edeln, freien und von allen Intriguen gänzlich entfernten Fußes, wie man in seinem Hause lebte, und dergl. Aber wer hatte auch mehr Ursache, als Horaz, ihn zu lieben, und das Beste von ihm zu sagen, was sich ohne Schmeichelei sagen ließ?

Indessen deucht mich, aus dem Bilde, das wir uns von ihm gemacht haben, und welches das Resultat aller bis zu uns gekommenen Züge seines Charakters ist, sei auch so viel klar: daß man sich ihn, dem ungeachtet, in Rücksicht auf die Gelehrten, deren Freund und Gönner er war, nicht viel anders denken müsse, als wie Personen von seinen Umständen auch in unsern Zeiten zu sein pflegen. Er war mehr Weltmann als Philosoph, mehr Liebhaber als Kenner, hatte mehr Witz als Geschmack, und war zu gelehrt in der Kenntnis der Smaragde, Beryllen und PerlenSueton. vita Horat., um für die sublimen Schönheiten der Werke des Genies einen vorzüglichen Sinn zu haben. Ein Mann, der die Pyladen und Bathyllen so ungemessen liebte, konnte schwerlich den ganzen Wert eines Varius und Virgils fühlen. Kurz, Eitelkeit, Bedürfnis sich zu amüsieren, und politische Rücksicht auf die Vorteile, welche August in mehr als einer Betrachtung von einem liberalen Betragen gegen die besten Köpfe, besonders die Geschichtschreiber und Dichter seiner Zeit, ziehen konnte, hatten, nach aller Wahrscheinlichkeit, wenigstens eben so viel Anteil an seiner Freundschaft für die merkurialischen Männer (wie Horaz sich und seines gleichen nenntOd. II. 17.), als seine wirkliche Teilnehmung an ihren Personen und sein Geschmack an ihren Werken. Wenn etwa eine Ausnahme hierin zu machen sein sollte, so wär' es für unsern Dichter, zu welchem Mäcenas (wie es scheint) eine besondere persönliche Zuneigung trug, und von welchem er hinwieder zärtlich geliebt wurde: wie die schöne Ode: Cur me querelis exanimas tuis, einem jeden beweisen muß, der nicht alles, was ein Dichter in dem wärmsten Tone des Gefühls sagt, für Täuschung der Phantasie und Aufwallung des Augenblicks hält. Horaz, scheint es, würde ihm, wenn er auch kein so guter Odendichter gewesen wäre, durch die Eleganz seines Geistes und seiner Sitten, durch seinen Witz, seine angenehme Laune, kurz, durch alles das, weswegen ihn Shaftesbury the most Gentleman-like of Roman PoetsCharacteristiks Vol. I. p. 328. nennt, noch immer wohl genug gefallen haben, um ihn zu seinem Freunde zu machen, und ihn zu der Art von Vertraulichkeit zu berechtigen, die wir, in Verbindung mit der feinsten Urbanität, aus allen seinen an Mäcenas gerichteten Werken atmen sehen.

Ob der Brief, welcher unter den dreien an Mäcenas den ersten Platz einnimmt, und die Stelle einer Zueignung und Vorrede zu vertreten scheint, wirklich erst damals, da Horaz das erste Buch seiner Briefe herausgeben wollte, zu diesem Ende verfertigt worden – wie man sowohl aus dem Inhalt, als aus der Überschrift, ad Maecenatem Adlocutio, welche Torrentius in einer sehr alten Handschrift gefunden, schließen könnte – oder ob er schon zuvor, als eine Art von Apologie für die Untätigkeit seiner Muse, in Antwort auf einige freundliche Vorwürfe, welche ihm Mäcenas deswegen gemacht, geschrieben worden sei, läßt sich schwerlich ausmachen, und tut auch nichts zur Sache. Wahrscheinlich scheint es immer, daß die Freunde unsers Dichters (zumal diejenigen, welche sich ein näheres Recht an ihn erworben zu haben glaubten) von der günstigen Aufnahme seiner Satiren, Epoden, und Oden, und von der großen Meinung, die man daraus von seinen Fähigkeiten gefaßt hatte, Gelegenheit genommen haben mochten, seiner Muse mehr zuzumuten, und größere Dinge von ihr zu erwarten, als er zu leisten Beruf und Neigung in sich fühlte. Vermutlich glaubte man auch damals, Dichtern, welche das Glück oder Unglück hatten zu gefallen, ein gar schmeichelhaftes Kompliment zu machen, wenn man, so viel sie auch schon gegeben haben mochten, dennoch nie zufrieden war, sondern immer noch mehr erwartete. Eine Art von Kompliment, womit man dem Schriftsteller, wiewohl auf eine höfliche Art (damit er sich für die Beleidigung noch bedanken müsse) zu verstehen gibt, daß er am Ende doch nur ein Leibeigener des Publikums sei: wie etwa die Baladins und Gladiatoren zu Rom, welche man als Leute ansah, die für das bißchen Anteil an Himmel und Erde, das man ihnen gönnt, und für die Ehre eines Beifalls, der nicht immer vor Hunger schützt, nie genug für das Vergnügen des müßigen Teils der Welt arbeiten können.

Horaz scheint sich im Eingang der gegenwärtigen Epistel diese demütigende Vergleichung gefallen zu lassen; aber er wendet sie sogleich zu seinem Vorteil an, indem er behauptet: daß er alt genug sei, um auf das Privilegium der Gladiatoren (wenn sie lange genug gedient hatten, mit dem Stäbchen der Entlassung beschenkt zu werden) Anspruch zu machen. Seine besten Jahre, die Zeit der Scherze und Spiele, seien vorüber, und er finde nötig, das was er noch zu leben habe, nicht der Dichtkunst, die ihm nie etwas anders als ein Spiel gewesen sei, sondern der Philosophie des Lebens, der Verbesserung und dem Genusse seiner selbst, zu widmen. Der Kontrast dieser Art zu denken mit derjenigen, welche zu seiner Zeit, zumal unter jenen Personen herrschte, die durch ihre Talente und die Gunst der Großen ihr Glück (wie man's nennt) zu machen hoffen konnten, macht den Hauptinhalt dieses Briefes aus; und die Wendungen, welche Horaz dabei nimmt, sind mit vieler Feinheit gewählt, um zu eben der Zeit, da sie den Witz seines hohen Freundes belustigten, die Partie der häufigen Entfernung von Rom und der philosophischen Muße, welche er selbst ergriffen hatte, in das vorteilhafteste Licht zu stellen.

Etwas, was die Briefe an Mäcen ganz besonders auszeichnet, ist eine gewisse leichte Farbe von Persiflage, welches (nach allem, was wir von ihm wissen) der Ton war, der in dem Hause dieses reichen und üppigen Günstlings Augusts herrschte; und der auch unserm Dichter so natürlich war, daß er oft bei den ernsthaftesten Gegenständen, gleichsam unvermerkt, davon überrascht wird. Immer hören wir den feinen Weltmann, der mit dem Witz, als einer Art von Wagen, wovon er vollkommen Meister ist, so frei und sicher spielt, als ob er alle Augenblicke verwunden wollte; aber immer nur spielt, nie verwundet, und eben dadurch, daß er andere nie seine ganze Stärke fühlen läßt, dem Schicksal der meisten witzigen Köpfe, bewundert und gehaßt zu werden, glücklich zu entgehen weiß.

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