Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Horaz >

Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 26
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:
Wofern du deines Anteils an Agrippas
Sizilischen Früchten, die du sammelst, nur
recht zu genießen weißt, mein Iccius,
so seh' ich nicht, wie Zeus dich reicher machen könnte.
Laß ab von Klagen, Freund! der ist nicht arm,
wer reichlich hat, was er zum Leben braucht.
So lange deinem Magen, deinen Hüften
und deinen Füßen wohl ist, könnten Königsschätze
nichts Bessers, nichts von größeren Wert hinzutun.
Wenn du, im Überfluß so vieles Guten,
vielleicht von Kräutern und von Nesseln lebstDaß Nesseln, und zwar nicht bloß die taube (Lamium), sondern die eigentliche Brennessel (Urtica dioica), unter den Gemüsen waren, womit sich in Rom – arme und gemeine Leute wenigstens – behalfen, ist aus einer Stelle des Plinius klarL. XXI. c. 15.. Man aß sie zwar nur im Frühjahr, wenn sie noch zart waren: aber Horaz bestimmt ja auch keine Zeit, wann Iccius Nesseln esse; und überdies stehen die Nesseln hier bloß für jede schlechte Kost. Der Umstand, daß dieser Brief im Herbst geschrieben worden, ist also kein Grund, warum wir mit J. M. Geßnern glauben sollten, die Rede sei hier nicht von Brennesseln, sondern von dem Fische Urtica. Da es keinen eigentlich so genannten Fisch dieses Namens gibt, so meint dieser gelehrte Ausleger vermutlich die sogenannte Seenessel (Urtica Marina), ein sehr weitläufiges Geschlecht polypenartiger Seegeschöpfe, welche fast in allen Meeren zu finden sind, und wovon PliniusL. IX. c. 45. eine Beschreibung gibt, die von unsern neuesten Naturforschern teils vermehrt, teils berichtigt worden ist. Wer indessen den weisen Iccius lieber Seenesseln als Brennesseln essen lassen will, mit dem werde ich um so weniger hadern, da mich der Xte Teil des N. Schauplatzes der Natur belehrt: daß wenigstens eine Gattung dieser Seenesseln, Seequalle und Rozfisch genannt, eßbar sei, und in der Nordsee und dem Eismeere den Seefahrern oft sehr zu statten kommeIch finde auch beim Paul Jovius de Romanor. Piscibus c. 41 einer Art von Urtica erwähnt, die am Ufer von Civita Vecchia häufig gefunden, und unter die Delicias der römischen Tafeln gerechnet werde. Von dieser kann also hier nicht die Rede sein..
du würdest, glaube mir, nicht anders leben,
wenn dich Fortuna stracks bis an den Hals
in einen Goldfluß setzte: sei es nun,
weil Reichtum die Natur nicht ändert, oder
weil einem Stoiker, wie du, die bloße Tugend
zum Glück genug und über alles istHoraz, um sich über die philosophischen Ansprüche des Iccius auf eine feine Art lustig zu machen, gibt sich scherzweise die Miene, als ob auch er zum Handwerk gehöre, und wartet ihm hier mit einem Dilemma auf, in welchem mehr Schalkheit, als es scheint, verborgen liegt. Ich verstehe es so: »Wie? du bist ein Weiser, und klagst, daß du nicht reicher bist? Und wenn nun auf einmal alles, was du anrührst, zu Gold würde, was hättest du davon? Würdest du dann weniger von Kraut und Brennesseln leben, als jetzt, da du im Überfluß der besten Lebensmittel darbest? Ganz gewiß nicht! Denn, entweder ist deine jetzige Lebensart die Frucht deiner natürlichen Sinnesart, oder deiner Philosophie: ist jenes, so wird Geld deine Natur nicht ändern; ist dieses, so ist dir, als einem erklärten Stoiker, die Tugend allein zum Glücklichleben genugsam, und du achtest alles übrige nichts: Also u. s. w.« Der gelehrte J. M. Geßner muß nicht heiter gewesen sein, da es ihm vorkam, er könne in allem diesem keine Spur von Ironie wahrnehmen, er sehe nichts als ingenuum laudatorem amici et virtutis. Gerade dies ists, was ich mit aller Anstrengung meiner Augen nicht sehen kann. Ein echter Stoiker, der im ganzen Ernst sein Glück in die Tugend, und in sie allein, setzt, und es in ihr gefunden hat, ist der Zufriedenste aller Sterblichen; er klagt nicht, wie Iccius, daß er arm sei, zumal wenn er an allem Nötigen Überfluß hat; er ist nicht arm, sondern die sind es (nach seiner Art zu denken), die das alles nicht entbehren können, was er weder vermißt noch wünscht. Wenn also Horaz von einem Iccius als von einem Weisen spricht, so ist's doch wohl Ironie, oder Horaz ist hier etwas – was er in seinem ganzen Leben nie gewesen ist..

Wenn Demokrit, indes sein Geist, vom Leibe
    Fructibus Agrippae Siculis, quos colligis, Icci,
si recte frueris, non est ut copia maior
ab Iove donari possit tibi: tolle querelas!
Pauper enim non est, cui rerum suppetit usus.
<5> Si ventri bene, si lateri est pedibusque tuis, nil
divitiae poterunt regales addere maius.
Si forte, in medio positorum abstemius, herbis
vivis et urtica, sic vives protinus, ut te
confestim liquidus Fortunae rivus inauret:
<10> vel quia naturam mutare pecunia nescit,
vel quia cuncta putas una virtute minora.
Miramur, si Democriti pecus edit agellos
abwesend, ins Ideenland hinüber
geflogen ist, dem Vieh der Nachbarn seine Äcker
und Gärten preis gibtCicero bestätigt diese Anekdote auf eine zu entscheidende Weise, als daß Bruckers Machtspruch: non audiendi sunt Horatius et Cicero etc.Histor. Crit. Philos. T. I. p. 1173. dagegen gehört werden könnte. Democritus (vere falsone quaereremus) dicitur oculis se privasse: certe, ut quam minime animus a cogitationibus abduceretur, patrimonium neglexit, agros deseruit incultos. De Finib. V. 29. Daß in der Anwendung, welche Horaz von diesem Beispiel auf den Iccius macht, und in der schalkhaften Wendung – »Wie? wir wundern uns über den Demokritus u.s.w., da wir doch das große Beispiel, das du uns gibst, vor Augen haben« – eine Ironie liege, die sogar Iccius bei allem seinem Dünkel merken mußte: dies hat schon Torrentius gesehen, wiewohl Geßner noch immer nichts sehen kann., wundern wir uns dessen?
da, mitten in der allgemeinen Seuche
der Üppigkeit und schäbichten Gewinnsucht,
du, statt der Dinge, die den kleinen Seelen
so wichtig als sie dir verächtlich sind,
noch um so hohe Fragen dich bekümmerstUm einen Schriftsteller recht zu verstehen, muß man ihn durch sich selbst auslegen. Horaz, als ein echter Jünger der Sokratischen und Aristippischen Schule, kannte, schätzte und trieb keine andre Philosophie, als die, welche sich auf die Kunst zu leben und zu genießen einschränkt. Was über uns ist, dachte er, geht uns nichts an. Ob mit Recht oder Unrecht, ist hier nicht die Frage: genug, daß er so gedacht habe, kann niemand, der mit seinen Schriften vertraut ist, bezweifeln. Es ist also abermals Ironie, wenn er sich stellt, als ob er den Iccius wegen seinem Vorwitz nach dem Wie und Warum der Körperwelt und ihrer innern Ökonomie so sehr bewundre. Hätte Iccius in diesen Wissenschaften wirklich etwas getan, das der Rede wert wäre, so wär' es ein andres; aber da wäre doch wohl was davon bis zu uns gekommen, und man fände eine Spur davon in andern Schriftstellern, gesetzt auch seine eignen Werke wären verloren gegangen. Allein, aller Wahrscheinlichkeit nach, war mehr Eitelkeit und Windmacherei als Realität in seinen erhabenen Studien, und so hatte Horaz eine doppelte Ursache seiner zu spotten: erstens, weil es an einem Intendanten über die Landgüter des Agrippa, und an einem Manne, der selbst so sehr nach Reichtum dürstete, lächerlich war, seine Zeit mit Spekulationen über den Weltbau zu verlieren; und dann, weil ers nicht einmal so weit brachte, um sich in diesem Fach einen Namen zu machen.:
als: was das Meer in seinen Schranken halte?
Woher der Jahreszeiten schöne Ordnung?
Ob ohne Regel, oder nach Gesetzen,
die Wandelsterne durch den Äther schweifen?
Warum des Mondes Scheibe wechselsweise
bald ab- bald zunimmt? Kurz, den ganzen Plan
der zwietrachtvollen Eintracht der Natur,
und ob Empedokles, ob der spitzfindige
Stertinius – nicht wisse, was er willDieser Vers: Empedocles, an Stertinium deliret acumen? setzt das Ironische der ganzen Stelle außer allen Zweifel. Stertinius war (wie es scheint) ein damaliger Pfuscher in der Stoischen Philosophie, der von Leuten, die sich von einem dicken übelgekämmten Bart, einem guten Cynischen Mundstück, und einer unverschämten Fertigkeit über Weidsprüche zu deklamieren, in Respekt setzen lassen, für einen großen Mann gehalten wurde; und dies um so mehr, da er (nach Versicherung des Cruckischen alten Kommentators) ein Werk über die Stoische Philosophie in Zweihundert und Zwanzig Büchern geschrieben hatte – das vermutlich seinen Vater nicht überlebte; denn, außer Horazen, der ihn spottweise in der 3ten Satire des zweiten Buchs den achten Weisen nennt, ist kein alter Schriftsteller, dem seine Existenz bekannt oder der Erwähnung wert geschienen hätte. Horaz spottet zugleich über die Sache selbst, (indem er einen alten Pythagoräer von so berühmtem Namen wie Empedokles mit einem Stertinius zusammenstellt, und zur Frage macht, welcher von beiden am ärgsten radottiere?) und über den Iccius, der sich viel damit wußte, zwischen zwei so subtilen Philosophen den Richter machen zu können.?
Indessen sei es, daß du Fische oder Lauch
und Zwiebeln würgestEine feine Wendung, um dergleichen zu tun, als ob alles Vorgehende auch nur ein so harmloser Scherz, wie dieser hier, gewesen sei. Die Phythagoräer, und namentlich Empedokles (der vermutlich beim Iccius in besonderen Ansehn stand), glaubten, daß die menschlichen Seelen nicht nur in alle Arten von tierischen Körpern, sondern auch in die Pflanzen übergehen, und dieselben eine Zeitlang beleben müßten. Empedokles trieb die Sache so weit, daß er versicherte, er erinnere sich noch ganz wohl, ein Mädchen, eine Pflanze, ein Fisch und ein Vogel gewesen zu sein. Auf diese philosophische Albernheit spielt Horaz mit dem Worte würgen (trucidare) an. Geßnern steigen hier bei den Fischen seine Seenesseln wieder auf: aber gewiß dachte Horaz desto weniger daran. Fische machten bei den Römern die vornehmsten Schüsseln auf den Tafeln der Reichen und Wollüstigen aus; er setzt sie also der schlechten Kost entgegen, wozu er oben die Urticas gerechnet hatte., laß den Grosphus dir
empfohlen seinPompejus Grosphus war ein römischer Ritter, der in Sizilien ansehnliche Güter besaß, wie wir aus der 16ten Ode des IIten Buchs sehen, worin ihm Horaz sagt:
Hundert Herden Sizilischer Kühe brüllen
dir entgegen, dir wiehern zum Wettlauf schnelle
Stuten, und Wolle mit Getulischem Purpur doppelt gefärbet
kleidet dich –
, und, falls er was begehrt,
komm freundlich ihm entgegen. Grosphus kann
cultaque, dum peregre est animus sine corpore velox,
cum tu inter scabiem tantam et contagia lucri
<15> nil parvum sapias et adhuc sublimia cures?
Quae mare compescant causae? Quid temperet annum?
Stellae sponte sua iussaene vagentur et errent?
Quid premat obscurum lunae, quid proferat orbem?
Quid velit et possit rerum concordia discors?
<20> Empedocles an Stertinium deliret acumen?
Verum, seu pisces seu porrum et caepe trucidas,
utere Pompeio Grospho, et si quid petet ultro
nichts, als was recht und billig ist, begehren.
Man kauft die Freunde wohlfeil, sagt das Sprüchwort,
wenn brave Leute was vonnöten haben.

Um endlich auch was Neues dir zu schreiben,
so wisse, daß Agrippa die Cantabrer
und den Armenier Nerons Tapferkeit
bezwungen hat; kniefällig anerkennet
Phraates Cäsars OberherrlichkeitIn dieser demütigen Stellung können wir diesen Parthischen Fürsten noch auf Münzen des Augustus sehen. Torrent. ( Vaillant führt deren eine an p. 23. Tom. II. Numismat. Imp. Praestantior. edit. 1694.),
und über ganz Italien hat ihr goldnes Horn
des Überflusses Göttin ausgegossenDieser Brief ist also im Herbste des Jahres 735 geschrieben. S. Petav. Doctr. Temp. Tom. II. p. 369..
defer; nil Grosphus, nisi verum orabit et aequum.
Vilis amicorum est annona, bonis ubi quid dest.
<25> Ne tamen ignores, quo sit Romana loco res,
Cantaber Agrippae, Claudi virtute Neronis
Armenius cecidit; ius imperiumque Phrahates
Caesaris accepit genibus minor; aurea fruges
Italiae pleno defudit copia comu.
 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.