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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 25
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölfter Brief
An Iccius

Einleitung

Die historische Nachricht, die wir von den Umständen des Mannes, an den diese Epistel geschrieben ist, geben können, läuft auf sehr wenig hinaus; aber von seinem Charakter läßt sich, aus Vergleichung derselben mit der 29sten Ode des ersten Buchs, die ebenfalls an ihn gerichtet ist, Verschiedenes entdecken, das über diesen Brief ein Licht verbreitet, ohne welches uns die feinsten Schönheiten desselben unbemerklich bleiben würden.

Dieser Iccius also scheint einer von den Freunden unsers Dichters von der zweiten Ordnung gewesen zu sein; von denjenigen, mit denen man sich in der Jugend zusammentrifft, und, indem man eine Zeitlang ungefähr einerlei Weg mit ihnen geht, unvermerkt vertraulich genug wird, um sein übriges Leben durch auf dem Fuß einer alten Kameradschaft mit ihnen zu stehen. Iccius legte sich in seiner Jugend mit großem Eifer auf das, was man damals Philosophie nannte, kaufte alle Bücher der Sokratischen Schule und des berühmten Stoikers Panätius zusammen, und schien, nach den Anstalten, die er machte, zu schließen, nichts Geringers im Schilde zu führen, als die Ciceronen und Varronen in diesem Fache verdunkeln zu wollen. Inzwischen wurde, einige Jahre nachdem Cäsar Octavianus die Regierung des ganzen Reichs an sich gebracht und der Welt einen allgemeinen Frieden gegeben hatte, in Rom stark davon gesprochen, daß nun nichts mehr übrig sei, als die grausame Schmach zu rächen, die der römische Name unter M. Crassus von den Parthern erlitten hatte; und man erwartete von dem Erben Cäsars und Eroberer Ägyptens, daß er auch noch dieses mächtige Reich, nebst Arabien und den übrigen Morgenländern (deren für unermeßlich gehaltene Reichtümer der Römer schon lange mit lüsternen Augen ansah), der römischen Oberherrschaft unterwerfen werde. Augustus schien diese Wünsche eines Volkes, von dem er angebetet wurde, und dem unter seiner Anführung und mit seinem Glücke alles möglich schien, zu billigen; und da im Jahre 729 wirklich der Gouverneur von Ägypten, Älius Gallus, einen Feldzug gegen den König des glücklichen Arabiens unternahm: so glaubte nun jedermann, daß die Ausführung der schimmernden Entwürfe, womit die müßigen Quiriten ihre Einbildung zeither geweidet hatten, vor der Tür sei. Auf einmal drehte sich auch die Vorstellungsart des Philosophen Iccius um. Er überlegte, wie vorteilhaft es für ihn sein könnte, an einer Unternehmung Teil zu nehmen, wo der geringste Offizier wahrscheinlicherweise sein Glück auf immer machen würde: und er fand so viel mehr Realität in dem Gedanken, durch einen einzigen Feldzug reich zu werden, als in den nüchternen Spekulationen der Philosophie, die uns immer nur durch Entbehren glücklich machen will, – daß er stehenden Fußes alle seine Platonen und Panätiusse wieder verkaufte, sich einen tüchtigen Tarraconischen Panzer dafür anschaffte, und (wie Horaz in der besagten Ode spottend sagt) sich zu einem gewaltigen Kriege gegen die arabischen Fürsten und – ihre Schatzkammern rüstete. Weil aber, wider alles Verhoffen, die Unternehmung des Älius Gallus gleich in der Geburt verunglückte, so wurden auch die feurigen Hoffnungen des Iccius eben so schnell wieder zu Wasser. Indessen, da nun einmal die Schneide seines Verstandes auf Bereicherungsprojekte gekehrt war: so nahm er, in Erwartung besserer Zeiten, mit einer Intendantenstelle über die weitläufigen Güter, welche M. Agrippa (um diese Zeit der größte römische Herr nach Augustus) in Sizilien besaß, vorlieb; und in diesem Posten befand er sich noch, als Horaz die gegenwärtige Epistel an ihn abgehen ließ.

Aus dieser sehen wir, daß Iccius noch immer Ansprüche an den Titel eines Philosophen machte, aber auch noch immer seine fehlgeschlagenen Anschläge auf die Schätze der morgenländischen Könige nicht verschmerzen konnte. Der Intendant des Agrippa geizte nach dem Ruhm eines aufgeklärten Geistes; aber bei allen seinen Spekulationen stand es in seinem Inwendigen nichts desto besser. Geldgeiz und Habsucht blieben seine herrschenden Leidenschaften; und wenn er den Stoiker spielte, und sich die Miene gab, als ob er ihren großen Grundsatz, »daß die Tugend sich selbst genugsam sei«, zur Regel seines Lebens mache: so geschah es (wie ihm Horaz auf eine sehr feine Art zu verstehen gibt) bloß, um seine Kargheit zu maskieren, und seinem Lieblingslaster einen schönen Namen zu geben. Kurz, Iccius machte den Philosophen, wie eine feige Memme den Eisenfresser macht; aber seine Ohren guckten doch immer aus der Löwenhaut hervor, und er verriet sich durch seine Unzufriedenheit und ewigen Klagen, womit, wie es scheint, auch der Brief angefüllt war, auf welchen dieser Horazische die Antwort ist.

Das feine, dem flüchtigen Blick fast unmerkliche, aber doch (wenn man's schärfer betrachtet) noch ziemlich deutliche Persiflage, das in diesem Briefe herrscht, ist ein Muster in dieser Art: die Ironie streift so leicht an der Eigenliebe des Verspotteten hin, daß Iccius selbst, wenn er's auch fühlte, wenigstens am besten tat, sich nichts davon anmerken zu lassen. – Es ist angenehm, diesen Brief und die beiden vorgehenden, – da es in allen dreien darum zu tun ist, an Personen, die man schonen will, etwas zu tadeln, – in Absicht des Tons mit einander zu vergleichen. In dem Briefe an Aristius ist der Tadel so bescheiden, freundlich und mild, daß er kaum diesen Namen verdient: in dem an Bullatius ist er mit gutlaunigem Scherz umwickelt: nur diesem hier ist etwas Salz beigemischt, das zwar vom feinsten Attischen ist, aber doch einen flüchtigen Geschmack von etwas, das nahe an Verachtung grenzt, bei sich führt. Man sieht, daß Horaz den Aristius hochschätzt, dem Bullatius gern helfen möchte, und den Iccius zum besten hat.

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