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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 24
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wie hat, mein lieber Wandrer, Chios, wie
die Stadt der SapphoMitylene auf der Insel Lesbos., wie die schöne Samos,
wie Sardis, weiland Königs Krösus Sitz,
wie Smyrna dir und Kolophon gefallenHoraz nennt hier einige der ältesten, berühmtesten und ihrer Lage, ihres Klimas und ihrer Kultur wegen anmutigsten griechischen Inseln und Städte, welche Bullatius auf seiner Reise zu besuchen hatte. Es ist keine darunter, von deren Merkwürdigkeiten nicht ein Buch geschrieben wäre, oder hätte geschrieben werden können; und dies ist gerade Ursache genug, hier nichts weiter von ihnen zu sagen.?
Hast du sie über oder unter ihrem Ruhm
gefunden? Scheint dir gegen unser Marsfeld und
des Tibers prächtige Ufer alles andre klein
und unbedeutend? Hat von Attalus
berühmten Städten eine Reiz genug,
dich fest zu haltenEine von den Städten, die zu dem kleinen Reiche der Könige von Pergamus gehörten, welches Attalus III., da er im Jahre Roms 621 ohne Leibeserben verstarb, der römischen Republik vermachte, nachdem die Attaliden solches 154 Jahre besessen hatten. Pergamus, Myndus, Apollonia, Tralles, Thyatira, und andre, waren die beträchtlichsten Städte dieses Königreichs, welches sich über verschiedene Provinzen des westlichen Teils von Kleinasien erstreckte.? Oder bist du etwa
des Meeres und des Fahrens auf den Straßen
so überdrüssig, daß es dir sogar
in Lebedos gefälltDieses Lebedos, ungefähr vier Meilen von Kolophon, an der ionischen Küste gelegen, war zu Herodots Zeiten eine von den zwölf vornehmsten Städten des schönen Joniens, berühmt wegen eines alten Tempels des Apollo Clarius, und eines jährlichen Festes des Bacchus, wo die sogenannten Künstler (Τεχνι̃ται) dieses Gottes, d. i. Dichter, Musiker und Schauspieler, aus ganz Jonien zu einem öffentlichen Wettstreite zusammenkamenPlin. H. N. L. V. c. 29. Strabo L. 14.. Torrentius wundert sich daher, wie Horaz einen solchen Ort mit dem unbewohnten Gabii habe vergleichen können: würde dies aber sehr natürlich gefunden haben, wenn er sich aus dem PausaniasIn Attic. c. 9. erinnert hätte, daß Lysimachus diese Stadt zerstört und die Einwohner nach Ephesus versetzt hatte, so daß sie zu unsers Dichters Zeiten nichts Bessers als ein armseliges menschenleeres Örtchen war, dem durch die Vergleichung mit Gabii und Fidenä noch Ehre angetan wurde.

Übrigens bemerke ich nur noch, daß in allen diesen Oder, welche Horaz hier auf einander häuft, eine feine Ironie über seines Freundes unruhige und unbeständige Sinnesart versteckt liege. Ein Mensch, der sich einbildet, es werde ihm besser werden, wenn er den Ort verändre, wiewohl er die Ursache, warum ihm nicht wohl ist, mit sich nimmt, fühlt an dem ersten fremden Orte, der ihm gefällt, sogleich eine Neigung in sich, ewig dort zu bleiben: allein kaum hat er sich ein wenig umgesehen, so spürt er wieder, daß ihm etwas fehlt, was er dort nicht findet. Er geht also weiter, trifft von ungefähr anderswo an, was ihm dort fehlte, und glaubt nun den rechten Ort gefunden zu haben. Aber nicht lange, so regt sich seine Unruhe wieder: ihm fehlt nun was anders, das er anderswo suchen muß; und so macht er einen Versuch über den andern, und wird seines Irrtums immer nur gewahr, um einen neuen zu begehen. Dies war, wie es scheint, das Übel des guten Bullatius, und dies ist, was ihm Horaz durch alle die folgenden Induktionen, mit einer gutherzigen Art von Scherz, zu verstehen geben will.

? – Du weißt, was für ein Ding
das ist: und doch, wiewohl Fidenä
und Gabii dagegen volkreich sind,
so wollt' ich, müßt' es sein, mein ganzes Leben,
der Meinigen vergessend und von ihnen
vergessen, dort verleben, um der Wut Neptuns
auf festem Lande ruhig zuzusehen.
    Quid tibi visa Chios, Bullati, notaque Lesbos,
quid concinna Samos, quid Croesi regia Sardis,
Smyrna quid et Colophon? maiora minorane fama?
Cunctane prae Campo et Tiberino flumine sordent?
<5> An venit in votum Attalicis ex urbibus una?
An Lebedum laudas odio maris atque viarum?
scis Lebedus quid sit? Gabiis desertior atque
Fidenis vicus; tamen illic vivere vellem
oblitusque meorum obliviscendus et illis
<10> Neptunum procul e terra spectare furentem:
Gleichwohl wird niemand, den auf einer Reise
von Capua nach Rom ein Regenguß
durchnäßt und wohlbesprützt zum ersten besten
willkommnen Wirtshaus trieb, deswegen gleich
auf Lebenslang sich drein vermieten wollen:
und wer vom Frost gelitten, preiset Öfen
und Bäder drum nicht als das einz'ge an,
was glücklich mache: oder, wenn dich etwa
der Südwind tüchtig im Ägeer-Meere
herumgeworfen, wirst du drum sogleich
im ersten Port dein Schiff verkaufen wollen?

Wem ohnehin schon wohl ist, dem hilft Rhodus
und Mitylen, die schöneMitylene hieß vorzugsweise die Schöne, Μεγάλη καὶ καλή (Longi Pastoral. I. 1.), sowohl wegen ihrer herrlichen Lage und anmutigen Gegend, als wegen der Schönheit ihrer Bauart und Gebäude (Cicero II. de Lege Agrar. c. 10.). Sie war seit den Zeiten ihrer berühmten Bürgerin Sappho immer ein Sitz der Musen und der Künste gewesen, und befand sich damals, als Horaz dies schrieb, wieder in sehr blühendem Zustande; ungeachtet sie von dem grausamen L. Sulla, dem Triumvir, vor ungefähr sechzig Jahren beinahe gänzlich zerstört worden war., was ein Überrock
zu Sommers Anfang, was bei Schneegestöber
ein FechterschurzCampestre, eine leichte Art von Schutz- oder Leibbinde, womit die römische Jugend, die sich auf dem Campus Martius im Ringen usw. übte, sich umgürtete, um zu bedecken, was die Zucht zu bedecken befiehlt., zur Winterszeit ein Bad
im Tiber, und im Augstmond ein Kamin.
So lang das Glück uns lächelt, bleiben wir
in Rom. und loben uns die schönen Inseln alle
Sed neque qui Capua Romam petit, imbre lutoque
aspersus volet in caupona vivere; nec qui
frigus collegit furnos et balnea laudat
ut fortunatam plene praestantia vitam;
<15> nec si te validus iactaverit Auster in alto,
idcirco navem trans Aegaeum mare vendas.
Incolumi Rhodos et Mitylene pulchra facit quod
paenula solstitio, campestre nivalibus auris,
per brumam Tiberis, Sextili mense caminus.
<20> Dum licet et vultum servat Fortuna benignum,
von ferne. Nimm du jede frohe Stunde,
die Gott dir schenkt, mit Dank an, und verliere nie
das gegenwärtige Vergnügen durch Entwürfe
fürs künft'ge; sondern richte so dich ein,
daß, wo du immer lebst, du gern gelebt
zu haben sagen könnestDies ist die Moral, auf die Horaz immer zurückkommt, und in der sich seine ganze Philosophie konzentriert; die Regel, nach welcher er lebte, das Arcanum, dem er seine Glückseligkeit zu danken hatte, und die einzige Ars semper gaudendi, welche die Erfahrung bisher bewährt hat. Nur schade, daß sie, wie Geschmack, wie Liebe, wie Wahrheitssinn ( Bona Mens), für alle, die sie nicht wirklich schon besitzen, ein Geheimnis ist und bleibt, und daß zu einem Menschen, der nicht empfinden, nicht lieben und nicht genießen kann, zu sagen: empfinde, liebe, genieße! – gerade so viel ist, als einen Gichtbrüchigen zum Tanz und einen Blinden zum Anschauen eines prächtigen Sonnenaufgangs einzuladen. Horaz war nach Seele und Leib zu dieser glücklichen Philosophie des Lebens gestimmt: Bullatius, wie zehntausend andre seiner Gattung, war's nicht; er suchte immer, was er bloß darum nie finden konnte, weil ers suchte, oder so weit suchte, was ihm so nahe war.. Denn, wofern
Vernunft und Klugheit, nicht ein Ort, der weit umher
das Meer beherrscht, die Sorgen von uns nimmt,
so ändern jene nur die Luft, nicht ihren Sinn,
die über Meer der Langeweil' entlaufen.
Wie sauer lassen wirs uns werden – nichts
zu tun! Man jagt mit Vieren und zu Schiffe
dem Glücklichleben nach: was du erjagen willst,
ist hier, ist selbst zu UlubräEin kleiner armseliger Ort in der Gegend der Pontinischen Sümpfe., wenn nur
dein eigen Herz dich nicht im Stiche läßt.
Romae laudetur Samos et Chios et Rhodus absens.
Tu quamcumque deus tibi fortunaverit horam,
grata sume manu, nec dulcia differ in annum:
ut quocumque loco fueris vixisse libenter
<25> te dicas. Nam si ratio et prudentia curas,
non locus effusi late maris arbiter, aufert,
caelum non animum mutant, qui trans mare currunt.
Strenua nos exercet inertia; navibus atque
quadrigis petimus bene vivere: quod petis hic est,
<30> est Ulubris, animus si te non deficit aequus.
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