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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 22
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dem Freund der Stadt Aristius entbieten
wir Landliebhaber unsern Gruß – hierin,
und nur hierin allein, verschieden, sonst
in allem andern wahre Zwillingsbrüder;
was einer will, dem nickt der andre zu,
zwei trauten Taubern ähnlich, die in einem Schlag
beisammen alt geworden. Du dort hütest
das Nest: ich lobe mir das Feld, den Bach,
den moosumwebten Felsen und den Wald.
Mir ists nun so! Ich leb' und bin ein König,
sobald ich alle jene Herrlichkeiten
verlassen habe, die ihr andern bis zum Himmel
mit einem tausendstimmigen Schall erhebt.
Wie jener Sklave, der des Priesters Dienst entlief,
verbitt' ich mir die ewigen HonigfladenDieser Zug sieht einer Anspielung auf ein Geschichtchen dieser Art ähnlich, das sich damals vor kurzem zugetragen haben mochte, und dem Aristius so bekannt war, als dem Horaz. Liba, oder eine Art von Kuchen aus Mehl und Honig zubereitet, wurden fast bei allen Opfern, und besonders dem Bacchus, dem Pan und den übrigen Feldgöttern gewöhnlich dargebracht. Sie blieben den Priestern zu ihrem Anteil; und die Honigfladen mußten sich in den Häusern dieser Herren stark anhäufen, weil sie ihre Sklaven statt des Brodes damit fütterten.;
ich brauche gutes hausgebacknes Brot,
das baß mir schmeckt, als eure feinsten Kuchen.

Wenn nach Natur zu leben Weisheit ist,
    Urbis amatorem Fuscum salvere iubemus
ruris amatores, hac in re scilicet una
multum dissimiles, ad cetera paene gemelli,
fraternis animis, quicquid negat alter, et alter
<5> annuimus pariter vetuli notique columbi.
Tu nidum servas, ego laudo ruris amoeni
rivos, et musco circumlita saxa, nemusque.
Quid quaeris? Vivo et regno simul ista reliqui,
quae vos ad caelum effertis rumore secundo,
<10> utque sacerdotis fugitivus, liba recuso;
pane egeo iam mellitis potiore placentis.
Vivere naturae si convenienter oportet,
und, wer ein Haus sich bauen will, zuvörderst
auf einen guten Grund bedacht sein muß:
so sprich, wo ist ein Ort zum Glücklichleben
bequemer eingerichtet, als das Land?
Wo sind die Wintertage lauer? Wo
die Lüfte milder, um des Hundsterns Wut
zu sänft'gen, und den Grimm des Löwen, den
der Sonne schärfster Pfeil getroffen hat?
Wo unterbricht den Schlaf die Sorge minder?
Riecht oder glänzt das Wiesengras vielleicht
so gut nicht, als das schönste Mosaik?
Und ist das Wasser, das auf euern Plätzen
das enge Blei zu sprengen andringt, etwa reiner,
als jenes, das mit murmelndem Geriesel
den Bach hinab in klaren Wellchen eilt?
Ihr selber pflanzt ja zwischen Marmorsäulen
Gebüsche, lobt ein Haus, je freier es
ins Feld hinaussieht! Wie verächtlich ihr
sie von euch stoßt, die stärkere Natur
kommt immer unversehns zurück und dringt
durch euern falschen Ekel siegend durch.
ponendaeque domo quaerenda est area primum;
novistine locum potiorem rure beato?
<15> Est ubi plus tepeant hiemes? ubi gratior aura
leniat et rabiem Canis et momenta Leonis,
cum semel accepit solem furibundus acutum?
Est ubi divellat somnos minus invida cura?
Deterius Libycis olet aut nitet herba lapillis?
<20> Purior in vicis aqua tendit rumpere plumbum,
quam quae per pronum trepidat cum murmure rivum?
Nempe inter varias nutritur silva columnas,
laudaturque domus longos quae prospicit agros;
naturam expelles furca, tamen usque recurret,
<25> et mala perrumpet furtim fastidia victrix.
Kein Käufer, der den Purpur von Aquinum
nicht vom Sidonischen zu unterscheidenDie Alten, welche die Purpurfarben so hoch schätzten, hatten deren vielerlei Arten, die an Schönheit und Preis sehr verschieden waren. Zu Anfang des Augustischen Jahrhunderts kostete ein Pfund mit Tyrischem Purpur doppelt gefärbter Wolle mehr als 1000 Denarien, das ist über 166 Rtlr., und doch war der Gebrauch derselben unter den Großen in Rom schon so gemein, daß P. Lentulus Spinter, wie er Ädilis wurde, diese Art von Purpur nicht gut genug fand, seine Toga damit zu verbrämen; denn, sagte er, wer hat jetzt nicht Polsterdecken von diesem PurpurPlin. H. N. IX. 39? Der immer steigende Luxus nötigte also die Fabrikanten, auch immer feinere und teurere Nüancen der Purpurfarben zu erfinden, um die üppige Eleganz der Reichen zu befriedigen; und natürlicherweise reizte dies die Gewinnsucht, durch Verfälschung der Farben, die am meisten gesucht und also am besten bezahlt wurden, die unvorsichtige Eitelkeit in Kontribution zu setzen.
gelernt, wird sich gewisser Schaden tun
und bittrer seinen Unverstand bereuen,
als wer im Leben nicht den Schein vom Wahren
zu unterscheiden weiß. Je reizender
die Gunst des Glücks in deinen Augen ist,
je stärker wird sein Wechsel dich erschüttern.
Was man bewundert, läßt man ungern fahren.
Flieh alles Große! Unter armem Dache
kannst du an wahrem Leben Könige
und ihre Freunde weit zurücke lassenDies war also die Ausbeute, welche Horaz, der so viel mit Großen umgegangen war, aus seiner Erfahrung davon getragen hatte? – Der Ausdruck, Könige und Freunde der Könige, ist hier merkwürdig, und in Rücksicht auf die damalige römische Verfassung von größerer Bedeutung, als wenn man diesen Vers nur wie eine allgemeine Sentenz liest. Horaz ließ sich nicht durch Namen und republikanisches Puppenspiel täuschen; er sah durch alle die Blendwerke durch, womit August den Römern zu verbergen wußte, daß sie einem Könige dienten – wiewohl die Wendung, womit er dies zu verstehen gibt, behutsam genug ist, daß er sich nicht fürchten durfte, auch diesen an einen vertrauten Freund vertraulich geschriebnen Brief bekannt werden zu lassen..

Der überlegne Hirsch vertrieb das Roß,
das ihm an Streitbarkeit nicht gleich war, vom
gemeinen Weideplatz, bis dieses endlich
beim Menschen Hülfe sucht' und sich den Zaum
gefallen ließ. Nun kam es zwar als Sieger
voll Übermut zurück von seinem Feinde;
Non qui Sidonio contendere callidus ostro
nescit Aquinatem potantia vellera succum,
certius accipiet damnum propiusve medullis,
quam qui non poterit vero distinguere falsum.
<30> Quem res plus aequo delectavere secundae,
mutatae quatient. Si quid mirabere, pones
invitus. Fuge magna! Licet sub paupere tecto
reges et regum vita praecurrere amicos.
Cervus equum pugna melior communibus herbis
<35> pellebat, donec minor in certamine longo
imploravit opes hominis frenumque recepit:
allein ihm blieb dafür, trotz allem Schütteln,
der Zaum im Maul, der Reiter auf dem RückenDies ist die berühmte Fabel, wodurch der Dichter Stesichorus den Himerensern, seinen Mitbürgern, zu erkennen gab, welche Torheit sie begangen hätten, da sie den Tyrannen Phalaris von Agrigent, den sie gegen ihre Nachbarn zu Hülfe gerufen, zum Feldherrn mit unbeschränkter Vollmacht erwählt hatten..
So, wer aus Furcht vor Armut seiner Freiheit,
die kein Metall vergüten kann, entsagt,
so muß auch er nun einen Herren tragen!
Vergebens beißt er mit geheimem Ingrimm
in sein Gebiß; er muß nun ewig dienen,
zur Strafe, daß er sich an wenig nicht
genügen ließ. Wem, was er hat, nicht zureicht,
dem geht's wie jenem einst mit seinem Schuh:
der Schuh war eng und brennt'; er ließ ihn ändern;
nun war er gar zu weit, er schwamm darin,
und lag beim ersten Anstoß auf der Nase.

Du, mein Aristius, bist weise gnug,
Mit deinem Los vergnügt zu sein, und wirst
nicht unbestraft mich lassen, wenn dir deucht,
ich sammle mehr, als nötig ist, und wisse
nicht aufzuhörenDie ungemeine Delikatesse, mit welcher Horaz seinen Freund behandelt, die Bescheidenheit, womit er ihm seinen Rat gibt, die Behutsamkeit, womit er den leichtesten Anschein einer Anmaßung und eingebildeten höhern Vollkommenheit an Einsicht und Klugheit zu vermeiden weiß, verdient, deucht mich, des Lesers besondere Aufmerksamkeit. Wie schön ist die Wendung, die er hier nimmt, allem, was er bisher, um den Aristius zu erinnern und zu warnen, vorgebracht, das Ansehen zu geben, als ob ers eben so wohl sich selbst als seinem Freunde gesagt hätte – indem er diesen bittet, wohl auf ihn Acht zu geben, und ihn nicht unbestraft zu lassen, wenn er ihn auf dem Wege sehen sollte, seinen eignen Maximen zuwider zu handeln. Es ist in allem diesem, wie in dem ganzen Ton des Briefes, etwas, das sich besser empfinden, als beschreiben und in Regeln bringen läßt. Es ist nicht die Behutsamkeit der kalten Höflichkeit, nicht die Zurückhaltung der Furcht zu beleidigen; es ist die Behutsamkeit der Liebe, der Hochachtung, der wahren Bescheidenheit: eine Delikatesse, die der Freundschaft edler Gemüter wesentlich ist, ohne welche keine wahre Freundschaft bestehen kann, und die man daher auch bei alten bewährten Freunden allezeit wahrnehmen wird.. Unser Geld, wenn wir
sed postquam victor violens discessit ab hoste,
non equitem dorso, non frenum depulit ore.
Sic qui, pauperiem veritus, potiore metallis
<40> libertate caret, dominum vehet improbus, atque
serviet aeternum, quia parvo nesciet uti.
Cui non conveniet sua res, ut calceus olim,
si pede maior erit, subvertet, si minor, uret.
Laetus sorte tua vives sapienter, Aristi,
<45>nec me dimittes incastigatum, ubi plura
cogere quam satis est ac non cessare videbor.
nicht seiner Meister sind, ist's über uns,
und zieht den Strick, woran's gezogen werden sollte.

Dies, Freund, diktiert' ich, an der guten Göttin
Vacuna halbzerfallenen KapelleDaß Vacuna eine alte Göttin der Sabiner, in deren Lande Horazens Meierhof lag, gewesen, ist außer Widerspruch: ob sie aber bei diesem Volke die Stelle der Minerva, Diana oder Ceres vertreten habe, oder nicht vielmehr eine Göttin für sich gewesen sei, welcher die Landleute, nach Vollendung aller Feldarbeiten, zu opfern pflegten: ist eben so wenig auszumachen, als, ob Horaz das Datum seines Briefes bloß darum hinter den verfallnen Tempel der angeblichen Göttin des Müßiggangs gesetzt habe, um (wie Torrentius meint) über seine eigne Müßiggängerei zu scherzen. Ich nehme seine Worte im buchstäblichen Verstande. Die Vacuna hatte in der Gegend des Horazischen Landguts noch einen geheiligten Hain ( Plin. L. III. c. 12.) und, wie es scheint, auch eine uralte Kapelle, welche, weil sie von niemand in baulichen Ehren erhalten wurde, nach und nach zusammengefallen war. Ich stelle mir unsern Dichter vor, wie er hier in einer anmutigwilden einsamen Gegend, neben dieser zerfallnen bäurischen Kapelle, im Grase sitzt, und seinem abwesenden Freunde Gedanken mitteilt, die einer solchen Szene angemessen sind; und ich finde dies Bild angenehmer, als den Scherz des Torrentius.
ins Gras gestreckt, und, außer daß ich dich
nicht bei mir hatte, übrigens vergnügt.
Imperat aut servit collecta pecunia cuique,
tortum digna sequi potius quam ducere funem.
Haec tibi dictabam post fanum putre Vacunae,
<50> excepto quod non simul esses, cetera laetus.
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