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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 2
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zueignungsschrift der ersten Ausgabe

An den Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn,
      Herrn Carl August, Herzog zu Sachsen etc. etc.
            Regierenden Herzog zu Weimar und Eisenach

Gnädigster Herr!

Ich erneuere eine alte Gewohnheit, die, wie alle menschliche Dinge, zum Mißbrauch worden ist, aber in ihrer ursprünglichen Lauterkeit, wie so viele andere Gewohnheiten der Alten, fromm und löblich war: indem Ew. Durchlaucht ich hiemit öffentlich mit einem Werke huldige, das Ihnen aus einem gedoppelten Grunde zugehört.

Was auch der einzige ganz unparteiische Richter aller menschlichen Dinge, die Zeit, über diese und andere Beschäftigungen meiner einsamen Stunden für einen Ausspruch tun mag: so habe ich es für Pflicht gehalten, ihr den großmütigen Fürsten zu nennen, Dem ich die glückliche Ruhe und Freiheit schuldig bin, in deren Schoße sie entstanden sind; Früchte jener edlen Studien, die von den Alten mit so vielem Rechte die Menschlichen und Liberalen genennt wurden, und zu welchen eine unwiderstehliche Neigung mich von der ersten Jugend an hingezogen hat.

Wenn aber gleich, in diesem Betracht, alles was die Muse, die mir beim Eintritt ins Leben zur unzertrennlichen Gefährtin zugegeben wurde, unter Ew. Durchlaucht Auspizien mich zu unternehmen angetrieben hat und noch ferner antreiben mag, Ihnen zugehöret: so gilt dies doch ganz besonders und vorzüglich von gegenwärtigem Werke, als welches dem Beifall, womit Ew. Durchlaucht dessen erste Probe aufgemuntert, und meinem Verlangen, das Vergnügen so Sie daran fanden vollständig zu machen, sein Dasein ganz allein zu danken hat.

Geruhen Sie also, Gnädigster Herr, diese Briefe, das Beste was uns von einem der edelsten und schönsten Geister des alten Roms übrig ist, in der teutschen Einkleidung, die ich selbigen zu geben versucht habe, mit Ihrer gewohnten Huld und Güte aufzunehmen; und betrachten Sie die Zueignung derselben als Wirkung eines von seinen Empfindungen schon lange gepreßten Herzens, das sich zu erleichtern wünscht, und, aus Mangel eines Eigentums das Ihrer würdig genug wäre, Ihnen die Kopei eines fremden Werkes darbietet, dessen ursprünglicher Wert groß genug ist, um nach allem, was es unter der zweiten Hand verloren hat, noch immer geschickt zu sein, Ew. Durchlaucht, in Augenblicken, welche Sie nicht unter die verlornen rechnen, eine angenehme und nützliche Unterhaltung zu geben.

So gewogen auch die Grazien, deren ganz eigner Liebling Horaz unter den römischen Schriftstellern war, seinem Übersetzer sein möchten: so würden doch diese Briefe, um des bloßen Unterschieds der Sprachen und Zeiten willen, von jener Zierlichkeit, und Urbanität, die dem Original eigen sind, immer sehr viel verlieren müssen. Kein Gefühl, keine Kenntnisse, und kein Fleiß können die Schwierigkeiten gänzlich überwinden, die einem Übersetzer auf dieser Seite Trotz bieten.

Aber, wie wenig ich mir auch über diesen Punkt schmeichle, so getraue ich mir doch zu sagen: daß Ew. Durchlaucht von dem, was an Horaz das Schätzbarste ist, von seinem Geist, und selbst von der eignen Laune und Manier, die ihn so besonders vor allen alten und neuern Schriftstellern auszeichnet, in der teutschen Kopei soviel wieder finden werden, als man von einem Übersetzer erwarten und fordern kann, der sich mit seinem Original bekannt genug gemacht hat, um alle seine Schönheiten zu fühlen, in alle seine Launen einzugehen, seinen oft mit Fleiß rätselhaft ausgedrückten Sinn zu erraten, und die Stimmung seines Gemüts, und die geheimem Absichten, die dieses oder jenes diktiert haben mögen, zu ahnen, wo es nicht möglich war sich ganz gewiß davon zu machen.

Ein Kommentar ist vielleicht bei keinem Produkt der alten Literatur weniger entbehrlich, als bei den Horazischen Episteln. Nicht nur der Umstand, daß es größtenteils wirkliche Briefe sind, an Personen, mit denen er in besondern Verhältnissen stund, und meistens aus besondern Veranlassungen und mit besondern Absichten geschrieben, macht einige Kenntnis dieser Personen und Umstände notwendig, um das Individuelle darin aufzufinden, das sehr oft der Schlüssel zu dem wahren Sinn und den geheimem Schönheiten derselben ist: selbst dasjenige, was man in den schönsten Zeiten von Rom unter dem Wort Urbanität begriff, diesen Geschmack der Hauptstadt und diese feine Tinktur von Gelehrsamkeit, Weltkenntnis und Politesse, die man aus dem Lesen der besten Schriftsteller, und aus dem Umgang der kultiviertesten und vorzüglichsten Personen in einem sehr verfeinerten Zeitalter, unvermerkt annimmt, – selbst diese Urbanität an einem Schriftsteller gehörig zu empfinden, setzt eine Menge Kenntnisse voraus, die auch dem gelehrtern Teile der Leser nicht allezeit gegenwärtig sind. Ich hoffe daher, daß die Bemühungen, die ich mir zu diesem Ende gegeben, und die, ungeachtet alles dessen was mir von vielen gelehrten Auslegern des Horaz vorgearbeitet worden, nicht der leichteste Teil meiner Arbeit waren, wenigstens den Vorwurf der Überflüssigkeit nicht zu befürchten haben; und ich wünsche nur, daß sie eben so brauchbar befunden werden möchten, als sie notwendig waren.

Vielleicht sollte ich noch die Unternehmung selbst, die Horazischen Briefe in unsre Sprache umzusetzen, rechtfertigen? Aber das erleuchtete Urteil, das Ew. Durchlaucht von dem Wert und Unwert dieser Art von literarischen Arbeiten fällen, überhebt mich dieser Mühe, da es sich auf den Gesichtspunkt gründet, woraus die einsichtsvollesten Männer bei allen kultivierten Völkern diese Sache immer angesehen haben. Was gegen den Nutzen der Übersetzungen aus fremden Sprachen eingewendet zu werden pflegt, gehört unter die Einwendungen, die man gegen alle menschlichen Dinge machen kann, und ist mit denselben völlig von einerlei Schlage. Ganz Europa antwortet dem Hrn. Linguet, der uns bewies, daß wir kein Brot essen sollten, dadurch – daß es Brot ißt. Die einzige Art, die Verächter der Übersetzungen der Alten zu widerlegen, ist, daß man gute Übersetzungen liefre.

Möchte diejenige, Gnädigster Herzog, die ich Ew. Durchlaucht hiemit weihe, der Meinung entsprechen, welche Sie nach dem ersten Versuche, von dem was ich leisten könnte, faßten! Möchte sie lange genug zu dauern verdienen, um noch von der Nachwelt als ein Opfer angesehen zu werden, das die Musen durch meine Hand einem Teutschen Fürsten dargebracht, der sie ehrt und liebt; einem Fürsten, der jedes Talent, jedes Verdienst zu schätzen weiß, und dadurch verdient, sie um Sich her versammelt zu sehen.

Wie vieles, was ich hier noch sagen möchte, und sagen müßte um nur die bloße Wahrheit zu sagen, versiegelt der Genius des Schweigens auf meinen Lippen. Und was bedarf es eines – in vieler Augen immer verdächtigen – Lobes, wo die Sache selbst laut genug spricht? Alles Gute kündigt, gleich dem Lichte, sich selbst an, indem es da ist; und läßt wohltätige und glänzende Spuren hinter sich, auch wenn es nicht mehr ist.

Sie haben, Gnädigster Herr, schon den Morgen eines Lebens, dessen Anfang die Freude und Hoffnung so vieler Tausend Menschen war, mit Handlungen bezeichnet, die den schönsten Tag versprechen. In der Tageszeit, der ich mich unvermerkt nähere, liebt man auch das Gute vorauszusehen, das noch geschehen wird; und, indem wir selbst herabsteigen, ist uns der Anblick derer, die mit noch voller Kraft und Munterkeit zu allem was edel, groß und gut ist emporstreben, ein herzerhöhendes Schauspiel.

Möchten Sie, Teuerster Fürst, im vollesten Maß des Glückes teilhaftig werden, in dem schönen Wirkungskreise, in dessen Mittelpunkt die Vorsehung Sie gesetzt hat, ungehemmt und unter dem Einfluß der günstigsten Sterne, jeden edeln Wunsch Ihres großen Herzens zu befriedigen!

Geschrieben zu Weimar, den 12ten April 1782.

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