Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Horaz >

Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 16
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:
Fünf Tage nur, Mäcen, versprach ich dir
auf meinem Gütchen frische Luft zu schöpfen,
nun läßt den ganzen Erntemonat durch
der lügenhafte Mensch vergebens sich erwarten!
Und gleichwohl, wenn du gerne mich gesund
und guten Mutes sehn willst, wirst du schon
die Nachsicht, die du mit dem Kranken trügest,
dem krank zu werden Fürchtenden so lange
zustatten kommen lassen, als die Hitze
die erste Feige reifet, und der DesignatorLeichenbesorger.
mit seinem Zug von schwarzen Amtstrabanten
zu Rom die große Rolle spieltIm Monat Sextil, der dem Augustus zu Ehren in der Folge den Namen August erhielt, pflegten in Rom bösartige Fieber fast alle Jahre zu herrschen und viele Menschen wegzuraffen. Weil nun die Leichenbesorger in dieser Zeit am meisten zu tun hatten, so macht sie Horaz, indem er ihre Handlanger schwarze Liktoren nennt, scherzweise zu Amtspersonen vom ersten Range, deren Gewalt um diese Zeit auch den Konsuln und Prätoren furchtbar war.; – die Zeit,
wo jeder Vater, jedes Mütterchen
für seine Kinder zittert, und die eifrige
Geflissenheit, Patronen und KlientenMan kann sagen, daß in Rom jedermann entweder Patron oder Klient war. Alle Personen, die zum Volke gehörten, hatten ordentlicherweise unter den Patriziern oder (in den spätern Zeiten) überhaupt unter den Mächtigen, von welchem Range sie sonst sein mochten, einen Patron, den sie sich entweder selbst gewählt oder von ihren Voreltern geerbt hatten; denn das Verhältnis von Patronat und Klientel war erblich. Nichts war heiliger in den ersten Zeiten des römischen Staats, als dieses Verhältnis. Der Klient wurde in gewisser Betrachtung wie ein Pupill seines Patrons betrachtet; er war, als vom Staat selbst, der Treue und Fürsorge desselben anvertraut, und einen vorsätzlichen Betrug an seinem Klienten zu begehen, war ein Verbrechen, das den Täter alles Schutzes der Gesetze beraubte, d. i. ihn, nach unsrer Art zu reden, vogelfrei machte. Patronus si clienti fraudem faxit, sacer esto! sagt das Gesetz der zwölf Tafeln. Der Patron war verbunden, die Rechtshändel seines Klienten zu führen, ihn in allen vorkommenden Fällen, gegenwärtig oder abwesend, zu schützen, und ihm in allem, was seine bürgerlichen Verhältnisse betraf, mit seinem Ansehen, mit seiner Rechtswissenschaft, mit seiner Fürsprache, kurz mit Rat und Tat beizustehen. Dafür waren hinwieder die Klienten verbunden, ihres Beutels zum Dienst des Patrons, wo es die Not oder seine Dignität erforderte, nicht zu schonen; zu seinem Lösegeld, wenn er in Kriegsgefangenschaft geraten war, oder zur standesmäßigen Morgengabe seiner Töchter, wenn es dem Vater an Vermögen fehlte, beizutragen, u. s. w. Alle Freigelaßnen, mit ihren Kindern und Kindeskindern, lebten unter dem Schurze ihres ehemaligen Herrn, als ihres natürlichen Patrons: und in den Zeiten, da der größte Teil des Erdbodens (wenigstens nach römischer Schätzung) die Herrschaft dieser wundervollen Republik anerkannte, bewarben sich ganze Städte und Provinzen um den Vorteil, in der Klientel gewisser mächtiger Häuser oder Personen in Rom zu stehen. – Unter die Pflichten der Klienten gegen ihre Patronen gehörten auch die Aufwartungen. Man ging des Morgens früh den Patron zu grüßen, man machte ihm Cortège, wenn er in Amtsgeschäften ausging oder nach Hause kehrte; man brigierte für ihn, wenn er sich um eine Staatswürde bewarb. – Kurz , die Gelegenheiten waren unzählig, wo die gegenseitige Verbindung und Teilnehmung zwischen Patron und Klient ins Spiel kam. – Alles dies erklärt uns, was Horaz hier mit der offciosa sedulitas und opella forensis sagen will, welche während der heißen Jahreszeit den Römern oft so teuer zu stehen komme, und gibt den Grund an, warum ich diese Ausdrücke durch »Geflissenheit, Patronen und Klienten genug zu tun« übersetzt habe.
genug zu tun, von bösen Gallenfiebern
begleitet wird, und Testamente öffnet.
Und kaum ist diese böse Zeit vorüber,
so, weißt du, geht für deinen armen Dichter
schon eine andre an. Denn, wie der erste Reif
    Quinque dies tibi pollicitus me rure futurum,
Sextilem totum mendax desideror. Atqui
si me vivere vis recteque videre valentem;
quam mihi das aegro, dabis aegrotare timenti,
<5> Maecenas, veniam; dum ficus prima calorque
designatorem decorat lictoribus atris;
dum pueris omnis pater et matercula pallet,
officiosaque sedulitas et opella forensis
adducit febres et testamenta resignat.
die Felder Albas weißt, so muß er nach
der wärmern KüsteNach Surrent, Velia oder Tarent,
ubi tepidas praebet Iupiter brumas.
ziehn, und taugt nun sonst
zu nichts, als sich zu schonen, und, zusammen-
geschrumpft, die langen Nächte sich mit Lesen
zu kürzen. Aber mit dem ersten milden Lüftchen,
der ersten Schwalbe, kommt er, süßer Freund,
wenn du's erlaubst, dich wieder zu besuchen.

Du hast mich so nicht reich gemacht, wie ein
Calabrier den Gast von seinen Birnen
zu essen nötigt. »Lang' er zu, Herr Nachbar!« –
»Ich habe satt.« – »So steck' er immer ein,
so viel er will!« – »Ich danke schönstens.« – »I!
So nehm' er doch! Er kanns ja seinen Kleinen
zum Gruß nach Hause bringen.« – »Sehr verbunden!
Es soll so sein, als ob ich schwer beladen
entlassen worden wäre.« – »Wie's beliebt!
Uns spart er nichts, es bleibt nur für die Schweine.«
So gibt die plumpe unverständige
Gutherzigkeit mit vollen Händen weg,
<10> Quod si bruma nives Albanis illinet agris
ad mare descendet vates tuus, et sibi parcet,
contractusque leget. Te, dulcis amice, reviset
cum Zephyris, si concedes, et hirundine prima.
Non quo more piris vesci Calaber iubet hospes,
<15> tu me fecisti locupletem. – »Vescere sodes!«
»Iam satis est.« – »At tu quantumvis tolle!« »Benigne.«
»Non invisa feres pueris munuscula parvis.«
»Tam teneor dono quam si dimittar onustus.«
»Ut libet; haec porcis hodie comedenda relinquis.«
<20> Prodigus et stultus donat quae spernit et odit,
was keinen Wert in ihren Augen hat;
und dies ist eine Saat, die immer Undankbare
getragen hat und ewig tragen wirdDie Undankbarkeit ist unleugbar ein häßliches Laster: aber es gibt auch eine Art, andre sich verbindlich machen zu wollen, die wenigstens eben so häßlich ist, und keinen Dank verdient. Mäcenas wäre in diesem Falle gewesen, wenn er geglaubt hätte, den Horaz durch das kleine, ihm selbst unnütze Sabinum, das er ihm geschenkt hatte, zu einem Sklaven erkauft zu haben, der ihm nun, um dem Vorwurf der Undankbarkeit zu entgehen, seine ganze Existenz aufopfern müßte..
Ein Biedermann steht jedem Würdigen
zu Dienste, aber weiß doch auch LupinenFeigbohnen, womit die Kinder statt Geldes spielten. Horaz will sagen: es ist ein großer Unterschied zwischen Diensten und Diensten. Es gibt Dienste, wovon man sich, nach Maßgabe der Umstände, sehr wohl dispensieren darf.
und blankes Geld sehr gut zu unterscheiden.
Auch ich will eines Freundes, der so viel
um mich verdient, mich immer würdig zeigen.
Doch, sollt' ich niemals mich entfernen dürfen,
so müßtest du die Jugendstärke auch
mir wiedergeben können und den Busch
von schwarzen Locken um die schmale StirneDie von der Fülle dichter Locken beinahe verdeckt wurde.,
den leichten Witz, die frohe Laune wieder
mir geben können, der das Lachen ansteht,
und machen, daß mirs noch, wie ehmals, ziemte,
beim Trinkgelag die Flucht des Schelmenmädchens,
das heimlich sich davon schlich, zu bejammernDas schelmische Mädchen, wovon hier die Rede ist, hieß Cinara, und war von der Klasse derjenigen, welche, nach damaliger römischer Sitte, zu den Gastmählern der Reichen eingeladen wurden, wenn man einen Abend den Göttern der Freude opfern wollte. Unser Dichter, der sie einst geliebt, und keine Ursache gehabt hatte, sich weder über Unempfindlichkeit noch Eigennutz von ihrer Seite zu beklagenWie aus einer Stelle des Briefes an seinen Gutsverwalter erhellet., scheint auch lange, nachdem sie nicht mehr war (denn er beklagt ihren frühzeitigen Tod in einer Stelle der 13ten Ode des vierten Buchs), sich ihrer noch immer mit Vergnügen erinnert zu haben. Das größte Lob, das er in der eben angezogenen Ode der Lyce (einer andern ehemaligen Liebschaft) beilegt, ist, daß sie nach Cinara das reizendste Mädchen ihrer Zeit gewesen sei: und in dem Liede, wo er die Göttin der Liebe um Verschonung bittet, sagt er, nicht ohne einen traurigen Blick in die ehemaligen guten Zeiten:
non sum qualis eram bonae sub regno Cinarae –
Ich bin nicht, der ich war unter dem Regiment
der guten Cinara –

Die Szene, an die er den Mäcen hier erinnert, hatte sich, wie es scheint, im Hause desselben bei einer solchen fröhlichen Gelegenheit zugetragen: und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Streich, der dem verliebten, aber zwischen Bacchus und Amor allzusorglos geteilten Dichter gespielt wurde, ein von Mäcenas selbst heimlich mit Cinara angestellter Handel war, um sich und die Gesellschaft an den possierlichen Klagliedern, die er bei Entdeckung ihrer Flucht anstimmen würde, zu erlustigen.

.

Es war einmal ein Mäuschen, das in einen
haec seges ingratos tulit et feret omnibus annis.
Vir bonus et sapiens dignis ait esse paratus,
nec tamen ignorat quid distent aera lupinis.
Dignum praestabo me etiam pro laude merentis.
<25> Quod si me noles umquam discedere, reddes
forte latus, nigros angusta fronte capillos,
reddes dulce loqui, reddes ridere decorum et
inter vina fugam Cinarae maerere protervae.
Forte per angustam tenuis nitedula rimam
Getreidekasten sich durch eine kleine Spalte
hineingeschlichen und sich dick und rund
darin gefressen hatte: aber wie es wieder
heraus sich pressen wollte, war's umsonst.
Da rief ein Wiesel ihm von ferne zu:
»Mein gutes Mäuschen, zu entfliehn ist hier
ein einzig Mittel; mager schlüpftest du
hinein, nun schlüpfe mager wieder 'raus.«
Gilt diese Fabel mir, so geb' ich alles wieder.
Denn, wenn ich mir den guten derben Schlaf
der Armen lobe, so geschieht's nicht, weil ich satt
von Gänselebern und Pularden bin,
noch würd' ich meine unumschränkte Muße
um alles Gold Arabiens vertauschen.
Oft hast du meine leicht genügsame
Bescheidenheit gerühmt; auch bist du es
an mir gewohnt mein König und mein Vater
zu heißen, und ich bin nicht sparsamer
mit solchen Namen, wenn du ferne bist.
Versuch es, ob ich, was du mir geschenkt,
mit frohem Mut zurück dir geben könne!
Nicht übel spricht dort Telemach, der Sohn
des duldsamen Ulysses: »Ithaka
<3o> repserat in cumeram frumenti, pastaque rursus
ire foras pleno tendebat corpore frustra:
cui mustela procul: »Si vis«, ait, »effugere istinc,
macra cavum repetes artum, quod macra subisti.«
Hac ego si compellar imagine, cuncta resigno;
<35> nec somnum plebis laudo satur altilium, nec
otia divitiis Arabum liberrima muto.
Saepe verecundum laudasti, rexque paterque
audisti coram, nec verbo parcius absens:
inspice si possum donata reponere laetus.
<40> Haud male Telemachus, proles patientis Ulyssei:
taugt nicht zur Pferdezucht, es mangelt uns
an weiten Ebnen und an guter Weide;
behalt', Atride, dein Geschenk, du kannst
es besser nützen.« – Einem kleinen Manne,
wie ich, paßt nur, was klein ist, an. Mir ist
das königliche Rom zu groß; dafür gefällt
das leere Tibur mir, das ruhige TarentDie Werke unsers Dichters enthalten viele Spuren von seiner vorzüglichen Liebe zu diesen beiden Orten. Möchte doch, sagt er in der schönen Ode an Septimius (welche mehrere Jahre vor diesem Briefe geschrieben ist), möchte doch einst Tibur der Sitz meines Alters sein! Oder wenn die Parzen mir so günstig nicht sein wollen, so sei es Tarent!
Dieser Winkel der Erde lacht vor allen
andern mir – – – – –
Lang ist da durch Jupiters Gunst der Frühling,
und der Winter so lau! Auch braucht, vom Weingott
hochbegünstigt, der Aulon den Falernus nicht zu beneidenL. II. Od. 6., conf. L. I. Od. 7. v. 10-14..

Die Beiwörter vacuum Tibur und imbelle Tarentum sind hier so wenig unbedeutend, als irgend ein Beiwort im ganzen Horaz. Tibur war, an sich, ein kleiner unbevölkerter Ort, wiewohl die umliegende Gegend, eine der anmutigsten in der Welt, (wie noch jetzt) mit Landhäusern der Großen in Rom angefüllt war, welche in der heißen Jahrszeit die reinere und frischere Luft suchten, die man da atmet. – Tarent, ehemals die ansehnlichste Stadt in Großgriechenland, war schon in den Zeiten ihres größten Flors wegen der Weichlichkeit ihrer Bewohner verschreit. Das spartanische Blut ihrer alten Vorfahren war gar bald unter dem wollüstigen Himmel dieser Gegenden ausgeartet. Die Lage der Tarentiner bestimmte sie zu einer weit ausgebreiteten Handelschaft; sie erwarben auf diesem Wege große Reichtümer, und wetteiferten nun mit den Sybariten selbst um den Vorzug der Üppigkeit. Die übrigen Menschen, sagten sie, verlieren unter ewiger Arbeit und Anstrengung ihre Zeit mit lauter Anstalten zum Leben: wir sind die einzigen, die nicht zu leben hoffen, sondern wirklich leben – ου μέλλειν, αλλ' ήδη βιω̃ναιAthenaeus IV. c. 19.. Mit einer solchen Art zu denken bekümmert man sich wenig um die Nachkommenschaft; und diese wars auch, die für die guten Tage ihrer Vorfahren büßen mußte. Zu Horazens Zeit war Tarent sehr heruntergekommen: aber der sanfte gesellige freudeliebende Charakter war ihnen geblieben; und es ist also sehr begreiflich, wie die Vorstellung, unter einem so milden Himmel mit so gutartigen Menschenkindern sein Alter hinzubringen, für einen Philosophen von seinem Temperament so viel Reiz haben konnte.

.

Der edle Marcius Philippus war
bekanntlich einer der beredtesten
und rechtsgelehrt'sten Männer seiner ZeitOhne Zweifel ist die Rede von L. Marcius Philippus, der im Jahr der Stadt Rom 693 Konsul und im Jahr 698 Zensor war. Was Horaz hier von seiner Beredsamkeit sagt, bestätigen mehrere Stellen des kompetentesten Richters in diesem Fache, Cicero. Er charakterisiert ihn besonders als facetum, d. i. als einen Mann, der gern bons mots sagte; und das Histörchen, das Horaz hier, in einem Tone, der es zum Muster einer komischen Erzählung macht, von ihm erzählt, beweist, daß er auch gern seinen Spaß mit Leuten hatte, die dazu zu gebrauchen waren. Die römischen Sitten waren damals schon um vieles von der alten Strenge herabgestimmt; die ersten Männer der Republik schämten sich bereits eines Luxus nicht, den hundert Jahre zuvor die Zensoren gestraft haben würden; und Marcius Philippus, wiewohl selbst ein Vir Consularis und Censorius, trieb z. B. die Leckerhaftigkeit bereits so weit, daß er nur die Meer- und Tiberfische für Fische gelten ließ. Einsmals, da er zu Casino bei einem Klienten seines Hauses speisete, kam ein Hecht aus einem benachbarten Flusse auf die Tafel. Philippus kostete davon, spuckte aber den Bissen gleich wieder aus: Ich will des Todes sein, sagte er, wenn ich nicht dachte, es sei ein FischColumella, de Re Rust. VIII. 16...
Einst, da er um die achte StundeDie Römer behalfen sich 480 Jahre mit der natürlichen Einteilung des Tages in Morgen, Mittag und Abend. Erst gegen Ende des sechsten Jahrhunderts der Stadt Rom bestimmte eine von Scipio Nasica gestiftete öffentliche Wasseruhr die Stunden des Tages, deren zwölf, aber nach Beschaffenheit der Jahrszeit von ungleicher Länge, festgesetzt wurden. Man fing mit Aufgang der Sonne zu zählen an; die sechste fiel in den Mittag, und die zwölfte endete mit Sonnen-Untergang. Der Mangel der Glockenuhren oder eignen Hausuhren wurde in jedem guten Hause durch einen Sklaven ersetzt, der sonst nichts zu tun hatte, als die Stunden zu beobachten und auszurufenMémoir. de Littérat. T. I. p. 409. s.. von Geschäften
nach Hause ging, und als ein ziemlich schon
bejahrter Mann den weiten Weg vom Markte
nach seiner Wohnung auf CarinäEine Gegend des alten Roms zwischen den Exquilien, dem Palatium und dem Berge CöliusAlex. Donati de Urbe Roma. L. III. c. 10., in welcher auch Pompejus und Cicero ihre Häuser hatten. Ich bequeme mich nach der römischen Art zu reden, wenn ich Häuser sage; denn was für Häuser das waren, worin schon damals die Magnaten der Republik wohnten, kann man daraus schließen, weil Cicero, der doch bei weitem keiner von den reichsten seiner Zeit war, das seinige um mehr als 145 000 Taler gekauft hatte. (Ep. ad Famil. V. 6.) sehr
beschwerlich fand, erblickt' er, sagt man, einen
nicht allzu glatt Geschornen, der in eines leeren
Barbierschopfs Schatten sehr gelassen sich
mit einem Messerchen die Nägel putzted. i. einen Erdensohn, dem man auf den ersten Anblick ansah, daß er nicht viel zu tun haben und nicht schwer an seinem Beutel tragen müsse. Baxter scheint mir die Bedeutung des Beiwortes adrasus am besten erraten zu haben. Es hängt mit dem leeren Schatten des Barbierschopfs zusammen. Der Barbier, von welchem sich Vultejus rasieren ließ, hatte wenig Kundschaft, und rasierte wohlfeiler als andre; aber dafü hatte er auch desto schlechtere Schermesser..
»Non est aptus equis Ithacae locus, ut neque planis
porrectus spatiis, neque multae prodigus herbae:
Atride, magis apta tibi tua dona relinquam.«
Parvum parva decent: mihi iam non regia Roma
<45> sed vacuum Tibur placet, aut imbelle Tarentum.
Strenuus et fortis causisque Philippus agendis
clarus, ab officiis octavam circiter horam
dum redit atque foro nimium distare Carinas
iam grandis natu queritur, conspexit, ut aiunt,
<50> adrasum quendam vacua tonsoris in umbra
»Geh,« spricht Philipp zum Sklaven, der ihm folgte
und in die Launen seines Herrn nicht übel sich
zu schicken wußte, »geh, Demetrius, frag
und bringe mir die Antwort, wer er sei?
Was für ein Landsmann? Welchen Standes? Wie
sein Vater heiße oder sein Patron?«
Der Diener geht und bringt die Nachricht, Mena
Vulteius
nenn' er sich, sei seines Zeichens ein
Ausrufer, steure wenig, übrigens
ein wohlbekannter unbescholtner Mann,
betriebsam wo was zu verdienen sei,
um sich dafür in müß'gen Stunden wieder
mit frohen Brüdern seines Sinns und Standes
am eignen Herde was zulieb zu tun;
versäume nebenher nicht leicht ein Schauspiel,
und stelle immer, nach geendigten
Geschäften, richtig sich im MarsfeldWo sich die römischen Bürger, wenn sie nichts zu tun hatten (welches bei vielen fast immer der Fall war), in großer Menge zu versammeln pflegten, um von Stadtneuigkeiten, Wahlgeschäften, Staatssachen und dergl. zu schwatzen, den Ritterspielen der edeln römischen Jugend zuzusehen, usw.ein.
cultello proprios purgantem leniter ungues.
»Demetri« (puer hic non laeve iussa Philippi
accipiebat) »abi, quaere et refer, unde domo, quis,
cuius fortunae, quo sit patre, quove patrono?«
<55> It, redit et narrat: Vulteium nomine Menam,
praeconem, tenui censu, sine crimine notum,
et properare loco et cessare et quaerere et uti,
gaudentem parvisque sodalibus et Lare certo,
et ludis et post decisa negotia Campo.
»Das alles muß ich von ihm selber hören.
Sag ihm, er soll zum Essen zu mir kommen!«

Mein Mena stutzt, wie er den Antrag hört;
das kann nicht Ernst sein, denkt er, da muß was
dahinter stecken! kurz, der Mann bedankt sich,
und schleicht davon. – »Er will nicht kommen, sagst du?«
»Nicht anders; aus zu wenig oder aus
zu viel Respekt beharrt der Schuft darauf,
er komme nicht.« – Den nächsten Morgen trifft
Philippus seinen Mann in einem Kreise
von Linnenkittelntunicato popello, d. i. Bauersleuten, Tagelöhnern und dergleichen, welche gewöhnlich nur mit einer kurzen Tunica von grober Leinwand ohne Toga bekleidet waren. an, der ihnen Trödel
verkauft, geht auf ihn zu und grüßt ihn. Jener
entschuldigt sich mit unversäumlichen
Geschäften, daß er heute früh nicht aufgewartet,
Und bittet um Verzeihung, ihn nicht gleich
gesehn zu haben. »Soll ich dir verzeihn,
so ists auf die Bedingung, daß du heut
mein Gast zu sein versprechest.« – »Auf Befehl!«
»So komm nach zwei! Indessen treibe dein
<60> »Scitari libet ex ipso quaecumque refers, dic
ad cenam veniat.« Non sane credere Mena,
mirari secum tacitus. Quid multa? benigne,
respondet. – »Neget ille mihi?« – »Negat improbus et te
negligit aut horret.« – Vulteium mane Philippus
<65 > vilia vendentem tunicato scruta popello,
occupat et salvere iubet prior. Ille Philippo
excusare laborem et mercenaria vincla
quod non mane domum venisset, denique quod non
providisset eum. – »Sic ignovisse putato
<70> me tibi, si cenas hodie mecum.« – »Ut libet.« – »Ergo
Geschäft, und Glück zu einem guten Zug!«

Mein Mena stellt sich ein, schwatzt, was sich schickt
und nicht schickt, läßt sichs trefflich wohl belieben,
und wird, sein Räuschgen auszuschlafen, endlich
nach Haus geschickt. Von nun an schwamm der Fisch
von selbst dem unsichtbaren Hamen zu.
Vultej, der alle Morgen als Klient
im Vorgemach und richtig jeden Abend sich
bei Tafel einfand, kriegt zuletzt aus Anlaß
der FerienDer Text sagt, als die Lateinischen Ferien angekündigt wurden – nämlich vom Konsul, von dessen Willkür es abhing, die eigentliche Zeit dieser vom Tarquinius Superbus eingesetzten Ferien zu bestimmen. Sie dauerten etliche Tage. Beschäftigte Männer, wie der Konsular Philippus war, pflegten sich solcher Gelegenheiten zu bedienen, etliche Tage auf ihren Landgütern zuzubringen. Befehle, den Patron
auf seine nächsten Güter zu begleiten.
Entzückt von seinem Glücke rollt in offnem Wagen
der Mann an seines hohen Freundes Seite
daher, und kann nicht sattsam Worte finden,
die große Schönheit des Sabin'schen Himmels
und Landes anzupreisenEin Zug, der den echten Badaud von Rom bezeichnet, der in seinem Leben noch nie aus den Ringmauern der Hauptstadt gekommen war, und dem sogar das Sabinerland ein Paradies schien.. Marcius,
der ihm ins Herz sieht und bei Laune ist
sich Spaß zu machen, auch bei diesem Anlaß
sich einen Ort zum Ausruhn schaffen möchteDas Gütchen, wozu Philippus dem ehrlichen Mena verhelfen wollte, lag (wie es scheint) ungefähr zwischen der Stadt und seiner Sabinischen Villa in der Mitte; oder doch so nahe bei Rom, daß er selbst dadurch einen Ort bekam, wo er zuweilen einen halben Tag von Geschäften ausruhen konnte. Horaz deutet dies nur mit zwei Worten an.
post nonam venies. Nunc i, rem strenuus auge!«
Ut ventum ad cenam est, dicenda tacenda locutus
tandem dormitum dimittitur. Hinc, ubi saepe
occultum visus decurrere piscis ad hamum,
<75> mane cliens et iam certus conviva, iubetur
rura suburbana indictis comes ire Latinis.
Impositus mannis arvum caelumque Sabinum
non cessat laudare. Videt ridetque Philippus,
et sibi dum requiem, dum risus undique quaerit,
indem er ihm dreihundert Taler schenkt
und noch dreihundert anzuleihn verspricht,
beredet ihn, ein Gütchen hier zu kaufen.
Der Kauf wird richtig. Kurz, um dich nicht gar
zu lange aufzuziehn, der schmucke Städter
wird nun zum Bauer, schwatzt von nichts als Äckern
und Rebeland, setzt Ulmen, sät und pflanzt,
berechnet stündlich Einnahm' und Gewinn,
und wird, vor Hunger immer mehr zu haben,
in kurzer Frist blaß, hager, alt und grau.
Allein, wie erst die Unglücksfälle kommen,
auf die er nicht gerechnet, seine Schafe
gestohlen werden, seine Ziegen sterben,
die Ernte fehlt, sein Stier am Pfluge fällt,
Schwingt mitten in der Nacht mein Mena sich
in voller Wut auf seinen dürren Klepper,
und sporenstreichs dem Konsular vors Haus.
<80> dum septem donat sestertia, mutua septem
promittit, persuadet uti mercetur agellum.
Mercatur – Ne te longis ambagibus ultra
quam satis est morer, ex nitido fit rusticus atque
sulcos et vineta crepat mera, praeparat ulmos,
<85> immoritur studiis et amore senescit habendi.
Verum ubi oves furto, morbo periere capellae,
spem mentita seges, bos est enectus arando:
offensus damnis media de nocte caballum
arripit, iratusque Philippi tendit ad aedes.
»Ei, ei,« spricht dieser, da er ihn so schmutzig
und ungeschoren sieht, »du tust der Sache
zu viel, Vultej! bist gar zu häuslich und
dir selbst zu hart!« – »Bei Gott, Patron,« ruft jener,
»wenn ihr mir meinen rechten Namen geben wollt,
so nennt mich einen armen Schächer, denn
der bin ich! Und bei euerm GeniusBei dem Genius ihres Herrn pflegten eigentlich nur die Leibeignen zu schwören; es wurde aber in der Folge ein Kompliment, das auch Klienten ihrem Patron machten.,
bei dieser Hand und euers hohen Hauses
Schutzgöttern, bitt' ich und beschwör' ich euch,
setzt mich zurück in meinen alten Stand!«

Wer einmal eingesehn, wie viel, was er
zurückließ, besser ist, als was er sucht,
der kehr' in Zeiten um! Das Wahre ist:
Ein jeder messe sich mit seinem Fuße!
<90> Quem simul aspexit scabrum intonsumque Philippus,
»durus«, ait, »Vultei, nimis attentusque videris
esse mihi.« »Pol, me miserum, patrone, vocares,
si velles«, inquit, »verum mihi ponere nomen.
Quod te per genium dextramque deosque Penates
<95> obsecro et obtestor, vitae me redde priori!«
Qui semel aspexit quantum dimissa petitis
praestent, mature redeat, repetatque relicta.
Metiri se quemque suo modulo ac pede, verum est!
 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.