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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 15
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der siebente Brief
An Mäcenas

Einleitung

So schön und kostbar Horazens kleinster Brief in meinen Augen ist: so gestehe ich doch, daß ich diesem, in seiner Art, nichts zu vergleichen weiß. Die edelste Freimütigkeit erscheint darin, von der gefälligsten Laune, wie von der leichten Hand einer Grazie, in die feinste Höflichkeit gekleidet; aber gekleidet wie die Schönheit, die nur das Vorurteil zu schonen, nicht sich selbst zu verbergen, Ursache hat; gerade nur so viel, um durch Nacktheit nicht anstößig zu werden. Wie wahr und passend gilt von dieser Epistel das

Omne vafer vitium ridentis Flaccus amici
tangit et admissus circum praecordia ludit,

welches der liebenswürdige Persius zum Charakter unsers Dichters macht! Es ist ein Brief, wie nur ein Horaz an einen Mäcenas schreiben konnte: aber er scheint ihn im Namen aller seiner Mitbrüder an alle Mäcenaten geschrieben zu haben.

Mäcenas hatte ohne Zweifel mitten in seinem ungeheuren Palast, von dessen turmähnlicher Höhe er die Beherrscherin der Welt in aller ihrer Herrlichkeit rings um sich ausgebreitet liegen sah, mitten in seinen wollusthauchenden Gärten, und mitten an seiner parasitischen Fürstentafel – doch zuweilen mächtig Langeweile. Übermaß von Glückseligkeit ist schon eine Art von Elend: aber es fehlte diesem so weichlichen, so zartfühlenden Glücklichen auch außerdem nicht an wirklichen oder eingebildeten Quellen von unangenehmen Empfindungen. Die allmählige Erkältung des Augustus, die andern vielleicht kaum merklich war, die er selbst aber immer mehr zu fühlen glaubte, je schneller und sichrer dieser Prinz zu einer Größe emporstieg, wo er auch ohne seinen Beistand sich erhalten konnteAetate provecta speciem magis in amicitia principis quam vim tenuit, sagt Tacitus von einem andern Günstling und Vertrauten des Augusts, und setzt unmittelbar hinzu: idque et Maecenati acciderat. Annal. IV. c. 24. – eine Gemahlin, mit welcher und ohne welche er nicht leben konnteSeneca Epist. 114. – die zunehmenden Beschwerden eines Körpers, der die natürliche Strafe eines allzuweichlichen Lebens zu fühlen anfing – der Mangel an Schlaf, der ihn dahin brachte, beim sanftverlornen Getön weit entfernter Symphonien, oder beim abgemeßnen Gemurmel künstlicher Wasserfälle, nach einer Stunde leisen Schlummers zu haschenId. de Provid. c. 3. – die Leerheit einer von allen Arten Genusses erschlafften Seele, die seine gewöhnlichen Parasiten und Freunde nicht immer auszufüllen wußten – alles dies macht es sehr begreiflich, daß Mäcenas von Zeit zu Zeit nach dem Umgang eines so liebenswürdigen Gesellschafters, als Horaz in jüngern Jahren für ihn gewesen war, mit aller Ungeduld eines Großen, der nicht gewohnt ist, Hindernisse und Entschuldigungen gegen seine Wünsche gelten zu lassen, sich sehnen mochte. Und was für Entschuldigungen konnte denn auch unser Dichter, der in der vollkommensten Muße lebte, anzuführen haben? oder wie konnte er sich weigern, einen Teil dieser Muße demjenigen aufzuopfern, dem er sie zu danken hatte?

Horaz fühlte ohne Zweifel dies alles sehr wohl: aber unglücklicherweise stimmten weder seine Neigungen noch seine Bedürfnisse mit den Wünschen seines hohen Freundes überein. Je weiter er im Leben fortrückte, je nötiger wurde ihm die Freiheit, mit sich selbst und für sich selbst zu leben; und um so viel mehr kosteten ihn die Aufopferungen, die ihm in jüngern Jahren leichter gewesen waren, weil ihn damals sein Hang zum Vergnügen und zu geselligen Ergötzungen im Hause des Mäcenas sehr reichliche Entschädigungen für das, was er hingab, finden ließ. Jetzt aber, da er, ohne sichs eben sehr leid sein zu lassen, sagen mußte:

Non sum qualis eram bonae
    sub regno Cinarae,

jetzt, da seine zärtliche Gesundheit ihm die Landluft und eine regelmäßigere Diät immer unentbehrlicher machte; da ihm sein Leben, je schneller es ihm gleichsam unter den Händen entschlüpfte, desto kostbarer wurde; jetzt, da sein Blut abgekühlt war, und das Leere, das die Zerstreuungen und Ergötzungen der großen Welt in seiner Seele zurückließen, es ihm zum unentbehrlichen Bedürfnis machte, auf seine eigne Weise (und das war eine Weise, die von der Lebensart im Hause Mäcens sehr stark abstach) glücklich zu sein: jetzt fühlte er das Mühselige und Drückende jener Aufopferungen zu stark, um es länger zu ertragen. Die Blumen, womit man seine Ketten umwunden hatte, waren verwelkt, und nun fühlte er, daß es eiserne Ketten waren, die seine nach Freiheit dürstende Seele unwillig von sich schüttelte. Kurz, die Zeiten der Täuschung waren vorbei; und so gern er auch, aus Neigung, dem Manne, den er in seiner Jugend so sehr geliebt hatte, noch immer gefällig hätte sein mögen, so sehr er sich aus Dankbarkeit dazu verbunden fühlte: so stark fühlte er die Notwendigkeit, wofern er nicht ganz das Opfer seiner Dankbarkeit werden sollte, die Pflichten der Freundschaft mit dem, was er sich selbst schuldig war, so viel möglich ins Gleichgewicht zu setzen.

Der ganze Ton dieses gegenwärtigen Briefes, und besonders einige Stellen desselben, scheinen vorauszusetzen, daß ihm Mäcenas entweder selbst in einem Briefe, worauf dieser die Antwort ist, oder vielleicht durch einen gemeinschaftlichen Freund etwas zu verstehen gegeben habe, das einem Vorwurf von Undankbarkeit ähnlich sah. Mich deucht, die Wärme, womit er sich über diesen Punkt erklärt, beweise ganz deutlich, daß sein Herz voll war, und daß es in einer Bewegung, die er nicht zurückhalten konnte, sich in stärkere Ausdrücke ergoß, als er bei kälterm Blute gewählt haben würde. Wenigstens kann ich mir das, was er ihm vom Zurückgeben dessen, was er von ihm empfangen, sagt, nicht anders erklären. So etwas konnte ein Horaz einem Manne, wie Mäcen, nur in einer unfreiwilligen Überwallung des Herzens, in einem Augenblick von Hitze, wo er nötig fand, sich ein für allemal mit ihm ins Klare zu setzen, sagen. Denn, wiewohl ers ihm mit aller möglichen Zärtlichkeit und mit so vieler Schonung sagt, als die Bitterkeit eines edeln Herzens, das sich unbillig behandelt fühlt, nur immer zuläßt: so ist doch auch so viel Ernst und Entschlossenheit in dem Antrage – »Mäcen solle ihn nur auf die Probe stellen« – daß er, wär' er weniger warm gewesen, das Beleidigende desselben notwendig hätte fühlen müssen.

Wir begnügen uns hiemit bloß den Gesichtspunkt angegeben zu haben, aus welchem diese Epistel gesehen werden muß, und überlassen nun dem Leser das Vergnügen, seine eignen Betrachtungen hinzuzutun. Keiner von allen Briefen unsers Dichters verdient es mehr; denn in keinem, wenn ich nicht sehr irre, drückt sich der individuelle Charakter seines Geistes und Herzens stärker und wahrer aus; und keiner ist in einer so delikaten Lage geschrieben. Sein Verhältnis mit Mäcen – ein Verhältnis, wovon doch immer die Glückseligkeit seines Lebens abhing – war aufs äußerste gespannt; es konnte so nicht bleiben; und da es darüber endlich zur Sprache kommen mußte, so befand sich Horaz in einem entscheidenden Moment, worin sein moralischer Charakter, seine gute Lebensart, und die Ruhe seines übrigen Lebens, in gleicher Waage auf der Spitze einer Nadel schwankten. Mich dünkt, die Art, wie er sich aus dieser Schwierigkeit gezogen, mache seinem Verstande, seinem Herzen und seiner Urbanität gleichviel Ehre – wiewohl nicht zu leugnen ist, daß er mit einem Manne, wie wir den Mäcenas kennen, weniger Gefahr lief, als unter gleichen Umständen mit irgend einem andern dieser Klasse.

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