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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 11
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Brief
An Manlius Torquatus

Einleitung

Der Torquatus, an den diese Einladung zu einem freundschaftlichen Gastmahl geschrieben ist, kann ein Sohn des L. Manlius Torquatus, unter dessen Konsulat (A. U. 689.) Horaz geboren wurde, gewesen sein; und ist ohne Zweifel der nämliche, den die 7te Ode des vierten Buchs aufmuntert, des Lebens besser zu genießen. Er stammte aus einem der edelsten und ältesten römischen Häuser, und wurde unter die ersten Redner seiner Zeit gezählt. Horaz fügt zu diesen Vorzügen noch das Lob der Rechtschaffenheit hinzu, indem er in der angezogenen Ode von ihm sagt:

Cum semel occideris et de te splendida Minos
    fecerit arbitria,
non, Torquate, genus, non te facundia, non te
    restituet pietas.

Er nennt ihn im 10ten seiner Sermonen unter denjenigen Freunden, auf deren Beifall er seinen ganzen Ehrgeiz einschränke; und dies ist ein Titel, dessen Wert das schönste Ehrendenkmal aufwiegt.

Die Aristippische Moral, welche Horaz in diese seine Einladung halb lachend halb im Ernst eingewebt hat, scheint sich auf einen entgegengesetzten Fehler seines Freundes zu beziehen; und dies wird beinahe zur Gewißheit, wenn wir uns erinnern, daß die nämliche Torheit, für lachende Erben zu geizen, die er in dieser Epistel rügt, schon in besagter Ode an Torquat, wiewohl nur sanft, berührt wirdCuncta manus avidas fugiunt heredis, amico quae dederis animo., und wenn man dazu nimmt, daß dieser Torquat (so viel ich finden kann) der letzte seines Geschlechts ist, dessen die Geschichte oder andre Schriftsteller erwähnen. Denn die Torquati Asprenates sind eine ganz andre, erst vom August mit diesem Beinamen beschenkte FamilieSueton. in Augusto c. 43..

Übrigens hat diese Epistel etwas vorzüglich Gemütliches, weil wir unsern Dichter darin gleichsam im Hausrocke und mitten in seiner kleinen Hagestolzen-Wirtschaft kennen lernen. Es ist angenehm, ihn auf alle Kleinigkeiten aufmerksam, und mit der Reinlichkeit seines Tischgerätes und seinen spiegelhellen Krügen und Schüsseln so bürgerlich und mit solcher Behaglichkeit stolzieren zu sehen. Das sind die Züge, die Plutarch so fleißig aufsuchte, und mit denen er uns seine Biographien und seine Helden so interessant macht. Ich weiß nicht, wie viele hierin mit mir sympathisieren werden: aber mir macht die Einfalt der Sitten, der häusliche Sinn, der Genuß, den der Dichter davon hat, daß er seinen Freunden ein kleines Gastmahl geben kann, kurz, daß er sich in seinem prachtlosen eingeschränkten Hauswesen so reich und glücklich findet, und die muntre Laune, die dies Gefühl in den ganzen Brief ergießt – alles dies zeigt mir seinen moralischen Charakter in einem schönern Lichte, als irgend etwas, das er im dogmatischen oder begeisterten Ton eines Virtuosen und Weisen hätte schreiben können.

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