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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 10
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Du milder Richter meiner unbedeutenden
Sermonen, wie genießest du, Tibull,
dein Leben auf dem Lande? Dichtest du vielleicht,
was selbst den anmutsvollen Kleinigkeiten
des Cassius von ParmaCassius von Parma, einer von den Zusammenverschwornen, welche durch Jul. Cäsars Tod die Republik wieder herzustellen hofften, war bei dem letzten Bruch zwischen Octavianus und Antonius von der Partei des letztern, und hatte eine Befehlhabersstelle in dem Treffen bei Actium. Nach dessen bekanntem Ausgang floh er nach Athen und wurde dort auf Befehl Octavians, von Q. Varus, an seinem Schreibepult ermordetValer. Max. I. c. 7. § 7.. Der alte Scholiast beim Cruquius vermengt in seinem Berichte von diesem Cassius die Schlacht bei Actium mit der bei Philippi, wiewohl mehr als zehen Jahre zwischen beiden sind, und den Quintus Varus, der sich zum Meuchelmörder brauchen ließ, mit dem Lucius Varius, der in der tragischen Dichtart durch seinen Thyest den besten Griechen gleich kamQuintilian. X. c. 1. Varii Thyestes cuilibet Graecorum comparari potest., und in der epischen vielleicht nur dem Virgil wich, und welchen Horaz mit Virgil in dem schönen Lobspruch verbindet, wo er von beiden sagt:
– Animas, quales neque candidiores
terra tulit, neque quis me sit devinctior alter.

Gleichwohl macht ihn dieser schale Glossierer nicht nur zum Meuchelmörder, sondern gibt auch durch ein innuendo zu verstehen, er habe dem Cassius von Parma das Trauerspiel Thyest bei dieser Gelegenheit gestohlen und hernach als sein eigen Werk in die Welt geschickt. Viele Leute, sagt er, hätten es deswegen geglaubt, weil Varus den Cassius an seinem Schreibtisch ermordet, und den Pult samt den Schriften mit sich genommen, Cassius aber viele Tragödien geschrieben habe. Der Beweis würde immer noch schlecht sein, wenn auch Q. Varus und L. Varius der Dichter die nämliche Person gewesen wären: so aber, da zwei verschiedne Namen natürlicherweise auch zwei verschiedne Personen bezeichnen, straft die Anekdote sich selbst Lügen, und gehört offenbar zu so vielen andern, welche Neid und Bosheit zu allen Zeiten erfunden, und Dummheit ohne Beweis angenommen und fortgepflanzt hat, um den Ruhm der trefflichsten Menschen zu beflecken. – Ich würde mich mit dieser Rechtfertigung eines Dichters, der, wiewohl eine der ersten Zierden der schönsten Zeit der römischen Literatur, uns, die wir nichts mehr von ihm besitzen, gleichgültig worden ist, nicht aufgehalten haben, wenn ich dieses schändliche Scholium des unbekannten Glossierers nicht in den besten Ausgaben unsers Dichters, auch von einem Baxter und Geßner, angeführt sähe, ohne daß einer von ihnen ein paar Zeilen daran gewendet hätte, sich der Ehre eines unschuldig verleumdeten Toten anzunehmen.

Horaz spricht hier bloß von opusculis des Cassius von Parma, und gibt uns einen hinlänglichen Begriff von dem Fache, in welches sie gehörten, da er sie mit Tibulls opusculis zusammenstellt, und diesem ein großes Kompliment zu machen glaubt, wenn er ihm zutraut, jenen sogar übertreffen zu können.

Die Ausleger der Alten verfehlen oft bloß dadurch des wahren Sinnes, daß sie dem Autor, als ob er zu wenig an seinem eignen Witz habe, auch noch von dem ihrigen leihen wollen, der nicht immer von der besten Sorte ist. Cruquius wittert hier eine Ironie, wo gewiß sonst niemand eine finden wird; und Baxter meint, opuscula habe hier einen ganz besondern Nachdruck, und wolle so viel sagen, als Werke, die mit Gold aufgewogen zu werden verdienen. Als ob opuscula, wo die Rede von kleinen, leichten, gelegenheitlichen, scherzhaften, oder erotischen Gedichten ist, etwas anders als opuscula sein müßten!

Vorzüglich bemerkenswürdig ist übrigens, daß Horaz freimütig genug war und sein durfte, eines ehemaligen Freundes seiner Jugendjahre namentlich und rühmlich zu erwähnen, der einer von den Mördern Cäsars, ein Anhänger des M. Brutus, und so sehr ein Feind der Julischen Partei und des nachmaligen Augusts gewesen war, daß er, nach Brutus und Cassius Tode, sich in einer Art von Verzweiflung lieber zum Antonius schlagen, als dem Octavianus ergeben wollte. Auch dies ist ein Zug, der uns mit dem sittlichen Charakter unsers von dieser Seite zu wenig gekannten Dichters vertrauter machen hilft. Wir werden in der Folge noch auf mehr solche Äußerungen stoßen, welche beweisen, daß er, mitten unter den eigennützigen oder wollüstigen Höflingen eines alles vermögenden und bei aller seiner Mäßigung und affektierten Bescheidenheit nicht immer ungefährlichen Usurpators, das Recht zu sagen, was er dachte (fari quae sentiat), sehr gut zu behaupten wußte. Denjenigen, der vielleicht hinzusetzen wollte, daß dies dem August eben so viel Ehre mache, als dem Horaz, würde ich an eine Anekdote erinnern, die uns Sueton aufbehalten hat, und die so völlig im Charakter des erstern ist, daß man sie sogar einem alten Glossator glauben dürfte. Ein gewisser Ämilius Älianus von Corduba war verschiedner Verbrechen halber angeklagt worden, welche August selbst untersuchen wollte. Der Kläger, um seinen übrigen Beschuldigungen desto mehr Gewicht zu geben, machte hauptsächlich diese gelten: Älianus pflege sich sehr ungebührliche Reden über den August zu erlauben. »Das sollst du mir gleich beweisen, fiel ihm August mit angenommener Hitze ins Wort: ich will dem Älianus zeigen, daß ich auch eine Zunge habe! Ich will noch mehr über ihn sagen, als er über mich.« Und da Tiberius in einem Schreiben an seinen Stiefvater sich über eben diesen Gegenstand sehr heftig ereiferte, antwortete ihm August: er möchte seiner Jugendhitze nicht zu viel erlauben, und nicht so sehr ungehalten darüber werden, daß jemand übel von ihm spreche: Es ist genug, setzte er hinzu, daß wir's dahin gebracht haben, daß uns niemand nichts Übels tun kann. – Octavianus hatte sich den Weg zur höchsten Gewalt durch so schändliche und grausame Mittel gebahnt, daß es nun bloße Klugheit vom Augustus war, mit Gelindigkeit zu regieren, und mit dem schönen Glanze dieses neuen, lauter Gutes zusagenden Namens die Verbrechen zuzudecken, womit sein voriger besudelt war.

länger nicht
den Vorzug lasse: oder schleichest still
und einsam im gesunden Wald umher,
und suchst in deinem eignen Herzen – was
des Weisen und des Guten würdig ist?
Du warst nicht bloß ein schönes Bild, dem nichts
im Busen schlägt. Die Götter gaben dir
zur Schönheit Reichtum, gaben dir zu beidem
die seltne Kunst des Lebens zu genießen.
Was kann die Amme ihrem lieben Zögling
noch Größers wünschen, wenn er, unverdorben
an Kopf und Herz, die Gabe, was er denkt,
zu sagen, mit der Gabe zu gefallen
zu gatten weiß, und Gunst und Ruhms genug,
auch einen Überfluß an frischem Blut,
ein reinlich Haus, und immer noch für jeden
bescheidnen Wunsch so viel im Beutel hat,
    Albi, nostrorum sermonum candide iudex,
quid nunc te dicam facere in regione Pedana?
Scribere quod Cassi Parmensis opuscula vincat?
An tacitum silvas inter reptare salubres,
<5> curantem quicquid dignum sapiente bonoque est?
Non tu corpus eras sine pectore. Di tibi formam,
di tibi divitias dederunt, artemque fruendi.
Quid voveat dulci nutricula maius alumno
qui sapere et fari possit quae sentiat, et cui
<10> gratia, fama, valetudo contingat abunde,
et mundus victus non deficiente crumena.
als nötig ist? – Dies Glück, Tibull, ist deinEine innere Notwendigkeit zwingt uns immer unvermerkt, uns selbst, unsre eigne Art zu denken und zu leben, zum Maßstab anzunehmen, es sei daß wir einem andern etwas recht sehr Schönes sagen, oder ihm mit guter Art zu verstehen geben wollen, wie wir glauben, daß er sein sollte. Horaz scheint in dieser ganzen Epistel immer sich an Tibulls Platz gesetzt zu haben. Wirklich war viele Ähnlichkeit zwischen ihnen, zumal in der Neigung zum unabhängigen und müßigen Landleben, und in der wünschenswürdigen Armut (wie sie es beide nennen) gerade so reich und nicht reicher zu sein, als zu Befriedigung dieser Neigung nötig war. Aber die Verschiedenheit in der Modifikation derselben, und selbst in den Grundzügen ihres Geistes, war doch weit größer, als jene Ähnlichkeit; und wiewohl man in den Elegien Tibulls Gedanken und Bilder von der größten Zartheit antrifft, so findet sich doch, meines Erinnerns, nichts darin von dem philosophischen Geiste, der durch die Horazischen Werke atmet, und ihnen einen so eignen Charakter von Scharfsinn und verfeinertem Sensus communis gibt. Tibulls eigner Charakter ist, mehr – oder fast ganz allein – verfeinerte SensualitätIch brauche dieses Wort, weil Sensualität zu Sinnlichkeit sich verhält wie Lizenz zu Freiheit, und also nicht gleichbedeutend ist.. Nur diese, von einem romantischen Schwung der Phantasie gehoben, konnte ihm die erste seiner Elegien, die auch die schönste ist, und diese rührende Vermengung von Schwärmerei der Liebe mit Todesbildern eingeben: aber nichts kann uns glauben machen, daß ein Bild wie dieses,
Tacitum silvas interreptare salubres
curantem quicquid dignum sapiente bonoque est,

auf ihn hätte passen, oder so ein Wunsch wie dieser:

Sit mihi quod nunc est, etiam minus: ut mihi vivam
quod superest aevi etc.

jemals in seine weichliche Seele gekommen sei. Für ihn sind seine Auen und Gebüsche und Lauben nichts als Szenen seiner verliebten Neigungen; und allen Reiz, den sie für ihn haben, empfangen sie von der Gegenwart seiner Delia. Für Horaz ist sein kleiner Meierhof der Ort,

der ihn sich selber wieder gibt,

und wenn er mit einer so herzlichen Ausdehnung der Brust ausruft:

O du mein liebes Feld, wenn werd' ich dich
einst wieder sehn? Wenn wirds so gut mir werden,
bald mit Homer und Plato, bald in freier
zweckloser Träumerei und ungestörtem Schlummer
ein liebliches Vergessen aller Plage
und Eitelkeit des Lebens einzuatmenSat. II. 6, 60.!

so braucht er nicht, wie Tibull, seine Wiesen und Anger durch die Magie seiner Einbildung in ein wollüstiges Elysium zu verwandeln, wo

– – iuvenum series teneris immixta puellis
ludit, et assidue proelia miscet Amor
Tibull. L. I. 3..

Tibull läßt, mitten im Anpreisen seines jetzigen unscheinbaren Wohlstands, manchen verstohlnen Blick, nicht ohne kaum zurückgehaltene Seufzer, auf das glänzendere Glück, das er nie genossen, aber zu genießen geboren war, fallen; und er scheint angenehmer Zerstreuungen als eines Nepenthes zu bedürfen, der ihn vor schmerzlichen Erinnerungen bewahre. Horaz hingegen sieht, im Genusse seines kleinen Glücks, seine Wünsche übertroffenHoc erat in votis etc. Auctius atque di melius fecere. l.c. – er hat nichts mehr zu wünschen, als daß ihm bleibe, was er hat, und es könnte weniger sein, ohne daß er etwas verloren zu haben glaubte. Tibulls Leben war ein Traum, und sein Glück eine süße Berauschung der Seele. Horaz hatte wachend gelebt, und durch seine Erfahrung zwei große Schätze gewonnen, Weltkenntnis und Kenntnis seiner selbst. Zwar hatte er auch gespieltNec lusisse pudet, sed non incidere ludum. Epist. XIV., und schämte sich dessen nicht; aber er wußte aufzuhören, und der Tumult des Lebens und der Ergötzungen hatte sein Ohr nicht stumpf gemacht, die leise Stimme seines Genius, seines bessern Selbst zu hören, die ihn ermahnte, mit sich selbst zu leben, und in sich zu suchen, was die Menschen sonst überall suchen, als da, wo sie es finden würden, und sich dann verwundern oder ärgern, daß es nicht zu finden sei.

Horaz hat also, allem Ansehen nach, dem Tibull zu viel Ehre angetan, wenn er ihn in der Stelle: Quid dulci voveat nutricula maius alumno, gleichsam an seinen eignen Platz setzt; ja vielleicht schon zu viel, wenn er ihn nur für weise genug hielt, sich den feinen Wink, den er ihm dadurch gab, zu Nutze zu machen. Tibull hatte das alles, weswegen ihn sein Freund glücklich preist; nur mit dem Sapere scheint es nicht so ganz richtig bei ihm gewesen zu sein; und das war's doch gerade, was alles übrige erst gut machen mußte.

.
Indes das Leben andern zwischen Hoffen
und Wünschen, zwischen Furcht und Zorn entschlüpft,
nimm du den Tag, der anbricht, für den letzten;
so wird dir jede unverhoffte Stunde,
die noch hinzu kommt, desto werter kommen.
Mich wirst du wohlbeleibt, mit glattem Fell
und runden Backen finden, wenn dir einfällt, über
ein wohlgenährtes Schwein aus Epikurs
verschrienem Stalle lustig dich zu machenSchade daß Horaz die Verlegenheit nicht voraussehen konnte, in welche diese Stelle nach vielen hundert Jahren so manchen wackern Mann setzen würde, der sich gern Mühe geben möchte, einen Autor, der so schönes Latein schreibt und den man doch der Jugend in die Hände zu geben nicht wohl vermeiden kann, von der häßlichen Makel des Epikurismus zu rettenDer gute J. H. Meibom weiß sich und Horazen nicht anders zu helfen, als für porcum parcum zu lesen wodurch zwar der Spaß verloren geht, aber doch (seiner Meinung nach) der Mann bei Ehren bleibt.. Es ist zwar nur sein Scherz mit dem fetten, glänzenden, wohlgenährten – Epikurischen Schweine; das sehen die Herren wohl; aber man sollte doch so was Ärgerliches auch nicht im Scherze sagen! – Horaz ist (wir können es nicht leugnen) bei aller seiner ernsthaften Moral zuweilen etwas leichtsinnig: das Haus des scherzreichen Mäcenas, und Kaiser Augustus selbst, der diesen Ton liebte, hatten ihn, was das betrifft, nicht besser gemacht; und freilich, wer gern tanzt, dem ist gut geigen. – »Aber könnte er denn sich hier nicht in eben dem ironischen Sinn einen Epicuri de grege porcum genennt haben, wie Sokrates in Platons Apologie und bei andern Gelegenheiten sich für einen unwissenden Laien ausgab?« – Die Ausflucht wäre nicht so übel, wenn Horaz hier nur eine so gute Ursache zu einer solchen Ironie hätte wie Sokrates. Aber davon zeigt sich keine Spur. Kurz, wenn die Viri barbatissimi unserm Dichter – in billiger Rücksicht auf die böse Gesellschaft der Mäcenen, Pollionen, Messallen, Lamien, u. s. f.Die leichtfertige Cinara und die Lalage, der das Lachen und Schwatzen so gut anstand (dulce ridentem – dulce loquentem. Od. 22. I.), nicht zu vergessen., in welcher er zu leben das Unglück hatte – keinen Scherz zugut halten können: so müssen wir ihn dem Urteil, das sie von seiner Philosophie fällen wollen, überlassen, und er mag für seinen Mutwillen büßen!

Doch, um der Leser willen, die mit den Alten nicht bekannt genug sind, um das Salz dieses Scherzes so fein zu finden, als es Tibull vermutlich fand, sei uns noch erlaubt ein paar Worte hinzuzutun. Die Epikurische Philosophie, welche das Wort Wollust – ein den Römern von jeher verhaßtes Wort – gebrauchte, um das Ideal dessen, worin sie die Glückseligkeit der Weisen setzte, zu bezeichnen, hatte bloß um dieses Wortes willen ein allgemeines Vorurteil wider sich. Denn mitten unter der zügellosesten Verdorbenheit der Sitten wollten die Römer doch nicht dafür angesehen sein, daß sie auch der Denkart, oder wenigstens der Sprache ihrer edeln Vorfahren entsagt hätten. Überhaupt dachte man sich gewöhnlich unter einem Epikuräer einen Freigeist, einen Menschen, dem Religion und Tugend nur leere Namen wären; und sowohl die Deklamationen des Cicero, als die Aufführung einiger vornehmen Römer dieser Zeiten, die (um doch auch eine Philosophie zu haben) die Epikurische ausgehängt hatten, schienen das Ärgste, was man von ihr denken wollte, zu rechtfertigen. In Augusts Zeiten wurde zwar vieles in einem minder strengen Lichte betrachtet, als ehemals; aber der gemeine Begriff, den man sich von einem Epikuräer zu machen gewohnt war, blieb noch immer; und wiewohl Leute, die eine polite Erziehung genossen und ihre Studien in Griechenland gemacht hatten, sehr wohl wußten, was an der Sache war: so nahmen sie doch das Wort, wenigstens im Scherze, wie mans im gemeinen Leben zu nehmen pflegte. Wenn sich also Horaz, um dem Tibull auf eine scherzhafte Art zu sagen, er werde ihn durch den müßigen Aufenthalt auf dem Lande fetter und runder finden, als zuvor, sich, mit einer ihm gewöhnlichen Dilogie, ein Epikurisches Schwein nennt, so geschieht es ohne alle Konsequenz für diese Sekte, weil eine solche Benennung in seinem Munde nichts anders als indirekter Spott über ein vulgares Vorurteil sein konnte; aber auch ohne Konsequenz für ihn selbst, weil er, um dieses vermeinten Selbstgeständnisses willen (wofür Brucker und andre es ihm in vollem Ernst aufnehmen), nicht um ein Haar mehr Epikuräer war, als Cicero, da er an seinen jovialischen Freund Pätus schriebEp. 2o. L. IX. ad Famil.: Illa mea quae solebas antea laudare »o hominem facilem! o hospitem non gravem!« abierunt. In Epicuri nos adversarii nostri castra coniecimus etc. »Mit den Lobsprüchen, die du ehemals meiner Begnügsamkeit zu erteilen pflegtest, ists nun vorbei. Ich bin der bequeme Gast nicht mehr, der sich alles gefallen läßt, mit allem vorlieb nimmt, mein guter Pätus: wir sind zu unserm ehemaligen Feind Epikur übergegangen. Nicht als ob wir den Eifer für unsre neue Partei schon so weit trieben, wie die bekannten Häupter derselben: vor der Hand begnügen wir uns noch an der geschmackvollen Eleganz, zu welcher du selbst dich bekanntest, als es noch wohl um deine Finanzen stand. Mache dich also immer auf einen Gast von großem Appetit gefaßt, und der in der Theorie des guten Essens schon ansehnliche Fortschritte getan hat, u. s. w.« Es ist für die Ciceronen und Horaze traurig, wenn sie Leser haben, denen man erst sagen muß, was Scherz ist: aber die Leser, die weder Scherz verstehen noch leiden können, sind doch noch schlimmer daran. Sie sollten mit ihrem Arzt aus der Sache sprechen.

.
Inter spem curamque, timores inter er iras,
omnem crede diem tibi diluxisse supremum:
grata superveniet quae non sperabitur hora.
<15> Me pinguem et nitidum bene curata cute vises,
cum ridere voles Epicuri de grege porcum.
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