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Hohe Lieder

Rabindranath Tagore: Hohe Lieder - Kapitel 48
Quellenangabe
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typepoem
authorRabindranath Tagore
titleHohe Lieder
publisherKurt Wolff Verlag
printrun3. Auflage
year1914
translatorMarie Luise Gothein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111218
projectid40ba0b19
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48

Das Meer des Schweigens brach aus
am Morgen in Triller der Vogelkehlen;
und die Blumen am Wege waren alle
fröhlich; der Reichtum des Goldes zerstreute
durch Spalten der Wolken sich.
Wir aber gingen in Eile des Wegs und
achteten nichts.

Wir sangen nicht fröhliche Lieder, wir
spielten nicht, wir gingen zum Markt nicht
zu tauschen; wir sprachen kein Wort und
lächelten nicht. Wir zögerten nicht am
Weg, wir beschleunigten unsern Schritt
wie die Zeit ging.

Die Sonne stieg auf zum Scheitel, und
Tauben girrten im Schatten. Welke Blätter
tanzten und wirbelten in heißen Lüften
des Mittags. Der Hirtenbub dämmerte
und träumte im Schatten des Feigenbaumes
– und ich legte mich nieder am
Wasser und dehnte die müden Glieder
ins Gras.

Die Gefährten spotteten mein, mit erhobenem
Haupte eilten sie fort. Sie schauten
nicht rückwärts, sie ruhten nicht. Sie
schwanden im fernen blauenden Dunst.
Sie kreuzten Wiesen und Hügel und zogen
durch fremde entlegene Lande. Ehre
sei dir, du heldisches Heer, auf unendbarem
Pfade! Spott und Verachtung
spornten mich, weiter zu wandern, aber
sie fanden nicht Antwort in mir. Ich gab
mich verloren in Tiefen glücklicher Demut,
im Schatten dämmriger Freude.

Die Ruhe der sonnengesäumten grünen
Dämmrung legte sich langsam über
mein Herz. Ich vergaß, warum ich gewandert,
und ergab meinen Geist ohne
Kampf dem Gewirre von Schatten und
Liedern.

Zuletzt erwacht ich vom Schlummer
und öffnet die Augen, da sah ich dich
vor mir stehn, meinen Schlaf überflutet
von deinem Lächeln. Wie hatt ich gefürchtet,
daß der Pfad mir zu lang und
ermüdend, und der Kampf dich zu erreichen
zu hart sei!

 

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