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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebtes Kapitel.

Es war Gryce unmöglich, den Ausdruck des Schreckens zu vergessen, den er in jenem unbewachten Moment in Doktor Molesworths Blicken erspäht hatte. Der Sache näher auf den Grund zu gehen, verlangte schon seine Pflicht als Detektiv.

Am nächsten Morgen suchte er den Coroner In Amerika und England der Beamte, der bei verdächtigen Todesfällen die sofortige Untersuchung zu leiten hat.] auf, der noch nicht lange von der Totenschau zurückgekehrt war. Er teilte ihm mit, daß ihn die Neugier oder eine Art Instinkt am Abend zuvor in das bewußte Haus geführt habe und erkundigte sich bei dem ihm wohlbekannten Doktor Braun nach den Ergebnissen seiner Untersuchung.

Was Molesworth dem Coroner gegenüber in betreff des Vorgangs ausgesagt hatte, stimmte genau zu seinen Angaben vom vorigen Abend.

Und doch, meinte Gryce, habe ich in seinem Gesicht etwas gelesen, was mich an der Glaubwürdigkeit seines Berichts zweifeln laßt.

Sie überraschen mich; es ist Ihnen doch kein Verdacht aufgestiegen?

Bis jetzt ist alles nur Mutmaßung; aber es sind Nebenumstände vorhanden, die – Sie müssen nämlich wissen, daß ich das Mädchen gestern nachmittag im C–Hotel gesehen habe. Ich beobachtete sie, von ihr selbst unbemerkt, als sie sich ganz allein glaubte – ich hatte meine Gründe dazu, die aber nicht hierher gehören. Damals fühlte sie sich allem Anschein nach froh und glücklich, jedenfalls war an ihrem Aeußern keine Spur einer Krankheit erkennbar.

Sehr auffallend, das muß ich sagen.

Hören Sie weiter: drei oder vier Stunden später begab ich mich abermals in das Hotel. Ich hatte jene Mildred Farley irrtümlicherweise für eine andere Person gehalten, welcher sie sehr ähnlich sah und wollte mir darüber Gewißheit verschaffen. In Begleitung eines Zeugen, dessen Aussagen jedoch für Sie keinen Wert haben, nahm ich meinen Beobachtungsposten wieder ein. Mit dem Mädchen war augenscheinlich eine große Veränderung vorgegangen. Aber Krankheit hielt ich nicht für die Ursache dieser jähen Umwandlung, denn aus ihren Mienen und Geberden sprach Jammer und wilde Verzweiflung, nicht körperliches Leiden oder Geistesstörung. – Was konnte ihr zugestoßen sein? – Ich erfuhr, daß inzwischen eine Unterredung zwischen ihr und Doktor Molesworth stattgefunden habe. Bei dieser muß etwas zur Sprache gekommen sein, was ihr Glück und ihre Hoffnung auf immer zerstört hat. Anstatt den Bräutigam zur Trauung zu erwarten, ergriff sie die Flucht. Sie entfernte sich aus dem Hotel, ohne Aufsehen zu erregen. Der Laufbursche, der sie hinausgehen sah, sagt aus, sie habe sich nicht wie eine Fieberkranke geberdet, sondern sei mit ihrer kleinen Tasche am Arm ruhig ihres Weges gegangen; ihr Gesicht habe sie mit einem Schleier von dunkelbrauner Farbe verhüllt. Diesen braunen Schleier will auch das Dienstmädchen bei ihr im Zimmer bemerkt haben; das ist abermals ein wichtiger Umstand, denn, beachten sie es wohl: der Schleier, der an ihrem Kleide hing, als sie in Frau Olneys Wohnstube getragen wurde, war hellgrau – der Beschreibung nach ein ganz anderer als der, welchen sie beim Verlassen des Hotels getragen. Sie muß also inzwischen noch an einem andern Ort gewesen sein. Wo? Das ist eine von den Fragen, für die wir noch die Antwort zu suchen haben. Und dann das Gift? – Von Molesworths Wohnung ging ich gestern abend durch die 22. Straße und fand vor einem der Häuser zwischen der Fünften und Sechsten Avenue ein zerbrochenes Fläschchen, das stark nach bittern Mandeln roch. Das stimmt also zu seiner Geschichte. Der Zettel aber mit der Aufschrift, wie ihn jeder Apotheker aufklebt, war abgerissen oder vielmehr mit dem nassen Finger von dem Fläschchen abgerieben worden. Ich habe die Glasstücke hier; sehen Sie, es sind noch einige Papierfetzen daran.

Ja wohl, und daraus schließen Sie –

Daß besondere Vorsicht beobachtet worden ist. Solche Vorsicht paßt aber nicht zur Annahme eines Selbstmords, mag derselbe mit oder ohne Vorsatz begangen worden sein.

Da können Sie recht haben.

Dazu kommt noch der Umstand:, Molesworth sagt aus, er habe sie auf der Treppenstufe sitzen gefunden. Nun sah ich aber, daß der leichte Schnee, der darauf lag, keine Spur davon zeigte, doch ist es nicht unmöglich, daß der Wind sie in der Zwischenzeit verweht hat. Jedenfalls hätte ihr Kleidersaum feucht sein müssen. Das war jedoch nicht der Fall, wie ich von dem Polizisten Harrison weiß, den ich vorhin einen Augenblick sprach.

Sie haben keine Zeit verloren zwischen gestern abend und heute früh, das muß ich gestehen. Haben Sie noch mehr zu berichten?

Ich bin fast zu Ende, doch möchte ich Sie noch bitten, mit mir Fräulein Farleys Handtasche zu öffnen. Sie wissen, sie trug eine am Arm, als sie das Hotel verließ. Gryce zog bei diesen Worten unter seinem Rock eine schwarze Ledertasche hervor, die auf der einen Seite mit zwei bronzenen Buchstaben, einem M und einem Fverziert war. Wie sind Sie denn in den Besitz der Tasche gekommen?

Ei, sie war im Wagen liegen geblieben. Als ich gestern abend das Haus verließ, stand der Wagen – ein leichtes Kabriolet – noch vor der Türe, und da ich vermutete, Sie würden ein Interesse daran nehmen, das Innere desselben zu besichtigen, wo nach Molesworths Aussage das Mädchen starb, so nahm ich das Gefährt in Beschlag und brachte es, ohne von jemand angehalten zu werden, glücklich in einer nahegelegenen Stallung unter. Jetzt hat es ein Polizeibeamter meines Bezirks in Verwahrung.

In der Handtasche, deren Besichtigung die beiden Männer nun vornahmen, befanden sich verschiedene Toilettengegenstände und etwas Wäsche, jedoch weder ein Brief noch sonst etwas Schriftliches. Gryce machte eine Liste von allen einzelnen Artikeln.

Was für Zeugen wären denn noch zu ermitteln? fragte der Coroner; die Apothekergehilfen zum Beispiel.

Ich habe sie bereits gesprochen. Sie bestätigen Molesworths Angaben: er hielt vor der Tür, trat in den Laden und bat um Beistand. Sie folgten ihm hinaus, aber da kam er schon zurückgestürzt mit dem Ruf: Zu spät, sie ist bereits tot. Im Wagen lag das arme Mädchen zusammengekrümmt und leblos. Die jungen Leute dachten natürlich nicht daran, die Hand der Toten zu berühren, um zu sehen, ob sie schon kalt sei. Sie kannten den Doktor, glaubten seinem Wort und waren nur bemüht, ihm in seiner furchtbar peinlichen Lage beizustehen. Dem einen trug er auf, Sie, Herr Doktor, mittelst Telephon von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen, der andere, Herbert Schwarz mit Namen, begleitete ihn nach seiner Wohnung und half ihm die Leiche hinauftragen. – Auch bei dem Pfarrer war ich, erfuhr jedoch nichts Neues.

Aber der Kutscher, den er mit dem Rezept zu einem Kranken geschickt haben will? Seine Aussage wäre gewiß nützlich.

Mit dem habe ich fast eine Stunde verloren. Er ist ein verdrossener, störrischer Mensch und wollte nicht mit der Sprache heraus. Was ich von ihm erfuhr, stimmt indessen mit Molesworths Bericht überein. Der Doktor hatte ihn in das E–Hotel bestellt, um den Pfarrer Preiß nach der Trauung zurückzufahren. Dort traf er aber nur seinen Herrn, der ihm sagte, die Hochzeit werde nicht stattfinden, dann in den Wagen stieg und ihm winkte, an seiner Seite Platz zu nehmen. Sie fuhren durch mehrere Straßen, bis der Doktor plötzlich halten ließ und ihm ein Papier einhändigte, mit der Weisung, es so schnell wie möglich zu Herrn Monroe in die 73. Straße zu tragen. Von dort war er eben zurückgekehrt, als ich bei ihm vorsprach. Seinem Zeugnis traue ich nicht recht, es kommt mir verdächtig vor; zwar blieb er genau bei seiner Aussage, trotz meiner Kreuz- und Querfragen, doch schien mir's, als habe er große Furcht vor seinem Herrn und sei nicht offenherzig.

Da steckt scheint's etwas dahinter, meinte der Beamte.

Noch einen andern Punkt möchte ich hervorheben: Molesworth sagt, daß er durch mehrere Straßen gefahren sei, um seine Braut zu suchen. Bei diesem Suchen und auch nachher, als er Fräulein Farley in so elendem Zustand gefunden, kann er unmöglich schnell gefahren sein. Als ich aber das Pferd nach der Stallung fuhr, bemerkte ich, daß es ganz müde und abgehetzt war, gerade als habe es eine weite Strecke in rasender Eile zurückgelegt.

Ein merkwürdiger Umstand.

Sie sehen, Doktor Braun, fuhr Gryce fort, es gibt bei dieser Sache manche ungelöste Frage. Ich habe noch viele Erkundigungen einzuziehen nach des Mädchens Vergangenheit, nach ihrem Aufenthalt während der letzten Tage vor ihrem Tode – die Wirtin sagt, sie sei zu ihrer Erholung verreist gewesen. Alles das erfordert Zeit, ob viel oder wenig, weiß ich noch nicht. Wollen Sie der Wahrheit auf den Grund kommen, so gedulden Sie sich noch eine Weile, bevor Sie die Kommission berufen. Unnütz werde ich die Angelegenheit gewiß nicht verzögern. Nun gut, tun Sie Ihr Möglichstes; ich verlasse mich ganz auf Sie, Herr Gryce. –

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