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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.

Das Haus Gretorex, noch im alten Stil erbaut, besaß unzählige Gänge, versteckte Winkel und Türen, war aber im übrigen für eine große, glänzende Festversammlung wie geschaffen. Hohe, weite Hallen und breite Treppen, eine lange Reihe kleiner und großer Zimmer und prächtige Säle boten Raum für Hunderte von Gästen.

Die Gesellschaftsräume lagen alle im ersten Stock, und so kam es, daß Doktor Kameron nur auf der Treppe einige Bekannte begrüßt hatte, im obern Vorsaal aber und bei der Rückkehr in sein Zimmer sich ganz allein befand. Und doch wäre ihm ein befreundetes Antlitz, ein herzliches Wort jetzt so willkommen gewesen. Rastlos ging er wohl zwanzig Minuten lang in dem Gemach auf und ab; die erzwungene Einsamkeit bedrückte ihn; er wollte seinen Gedanken nicht nachhängen. Nun der Würfel gefallen war und seine Zukunft besiegelt, bereitete ihm jeder weitere Aufschub nur unnütze Qualen. Zu viele verschiedene Gemütsbewegungen waren schon auf ihn eingestürmt, er ertrug es nicht länger. Es drängte ihn, den entscheidenden Schritt zu tun, und sehnlich harrte er des Augenblicks, da er unter den Klängen der Musik seine Braut durch die versammelte Menge in den festlich erleuchteten Saal führen würde, um den Ehebund zu schließen. Dies Warten war aufreibend, war entsetzlich. Denn nicht nur peinigende Gedanken verfolgten ihn: ein inneres Gefühl, eine geheime Angst, die sich fast zur Gewißheit steigerte, sagte ihm, daß etwas Seltsames, Unheimliches vorgehe, in schreiendem Gegensatz zu dem Festgepränge dort unten. Diese Gefühle waren so stark und lebhaft und beherrschten ihn so vollständig, daß er sich ihrer nicht erwehren konnte, obgleich auch kein annähernd stichhaltiger Grund für dieselben vorlag. Wäre jene verschlossene Türe, die er beim Auf- und Niedergehen mit bangen Blicken streifte, plötzlich aufgesprungen und ein Schreckgespenst auf der Schwelle erschienen, es hätte ihn kaum überrascht. Und doch sagte ihm der nüchterne Verstand, daß dies alles nur ein Gebilde seiner Einbildungskraft sei. Er, als Arzt, wußte genau, welche Gewalt derartige Wahnvorstellungen über den Geist eines Menschen erlangen können, dessen Nerven durch so mächtige Eindrücke erschüttert worden sind, wie die seinen in den letzten Stunden. In jenem Zimmer geschah vielleicht in Wirklichkeit nichts anderes, als daß die Person, welche er hatte eintreten sehen, die letzte ordnende Hand an den Anzug der Braut legte, eine widerspenstige Haarlocke zurechtstrich oder die vielknöpfigen Handschuhe anstreifte. Trat nur erst die Braut im Glanze ihrer Schönheit aus jener Tür heraus, so hoffte er, würden alle Wahngebilde schwinden, und Freude und Zuversicht die Oberhand behalten.

Die Ankunft des Dieners, der ihm die noch fehlenden Stücke seines Anzugs brachte, riß ihn endlich aus allen Fieberphantasien. Während er sich die Krawatte umband und die Handschuhe zuknöpfte, fühlte er, daß er wieder der Doktor Kameron sei, der Mann, der wegen seiner praktischen Anschauungen, seines gesunden Urteils in der ganzen Stadt bekannt war. Er mußte über seine eigene Torheit lachen, als er sah, wie der Diener, der ihm beim Anziehen behilflich gewesen, auf jene so angstvoll beobachtete Tür zuging und ganz zuversichtlich anklopfte. Als nun kurz darauf von innen geöffnet wurde und die Braut dem Diener Antwort gab, blieb ihr Schleier und die lange Schleppe dem Doktor sichtbar, bis auch er das Zeichen erhielt. In dem Gewirre, in der freudigen Geschäftigkeit, die nun entstand, war wirklich alle Sorge und Angst vergessen; kein Mißton störte des Bräutigams frohe Seelenstimmung; er gab sich ganz dem Glück der Gegenwart hin.

Da, als das Paar vielleicht die Hälfte der Treppe hinabgeschritten war, fühlte Kameron plötzlich, daß der Arm seiner Braut bleischwer auf dem seinigen lag. Er schaute auf und sah an seiner Seite nicht eine holde Braut, ein fühlendes Wesen, sondern ein bleiches Gespenst, dessen gläserne Augen ins Leere starrten und sein Herz mit Grauen erfüllten.

Was war ihr? Hatte sie den Verstand verloren? Er drückte ihren Arm fest an sich und rief sie mit leiser aber fester Stimme beim Namen. Ein Schauder flog durch ihre Glieder; sie wandte den Kopf nach ihm hin, ihre Lippen verzogen sich langsam und allmählich zu einem erzwungenen Lächeln. Auf der Stufe, die sie eben betreten, stehen bleibend, deutete Kameron auf die wogende Menge am Fuß der Treppe und sagte:

Dort unten erwartet man uns, der Pfarrer steht bereit, deine Eltern ihm zur Seite. Aber wenn du nicht mein Weib werden willst, wenn irgend ein Hindernis im Wege steht, wenn du fühlst, daß ich dir nicht der Gatte sein kann, den du begehrst – sage es – noch ist Zeit zur Umkehr. Es ist nicht zu spät dazu, solange nicht am Traualtar das bindende Wort gesprochen worden ist.

Furchtsam hatte sie die Augen geöffnet, als er zu reden begann, jetzt schlossen sich ihre Lider, und sie murmelte tonlos: Laß uns weitergehen.

Nein, Genofeva, beharrte er, keinen Schritt, bis du mir eine Versicherung gegeben: Gehört dein Herz mir? Steht kein anderer Mann zwischen uns, dessen Andenken dir diesen Augenblick furchtbar macht? Wenn dem so ist –

Nicht doch, nein, flüsterten ihre Lippen, die bei seinen Fragen die aschbleiche Färbung verloren. Ich bin nur krank, ich leide entsetzlich; weiter nichts.

Er wandte den Blick nicht von ihr. Es gab ja Fälle, in denen Krankheit das Aussehen eines Menschen in kürzester Zeit völlig zu entstellen vermag. Seit er sie zuletzt gesund und blühend gesehen, war eine halbe Stunde vergangen. Konnte sie nicht plötzlich von einem solchen Uebel befallen worden sein?

Fühlst du dich zu krank, um zur Trauung zu gehen? fragte er.

Nein.

Kannst du aber auch die Anstrengung und Aufregung ertragen?

Ich kann alles ertragen.

Er setzte den Fuß auf die nächste Stufe.

Genofeva! sagte er, abermals stillstehend.

Was? flüsterte sie matt.

Liebst du mich?

Ihre Gestalt, die sich bisher nur durch feste Willenskraft aufrecht erhalten, schmiegte sich plötzlich an ihn mit echt weiblicher Hingebung.

Von ganzem Herzen! murmelte sie.

Dann, sagte er, bin ich zufrieden.

Das Paar schritt die Treppe hinab.

Ohne weiteren Aufenthalt gelangten sie in den Saal, wo Hunderte von Augen neugierig oder teilnehmend auf sie gerichtet waren. Noch einen angstvollen Blick warf Doktor Kameron auf seine Braut. Große dunkle Ringe um die Augen ließen sie noch bleicher erscheinen, aber der entschlossene Ausdruck ihres Gesichts flößte ihm Mut ein. Ein Gemurmel durchlief den Raum.

Man reckte den Kopf und hob sich auf die Fußspitzen, um ihr Gesicht zu sehen. Sie stand mit niedergeschlagenen Augen vor dem Geistlichen. Der alte Mann hatte wohl schon viele tausend Paare in seinem Leben eingesegnet; eine bleiche Braut, ein tiefbewegter Bräutigam waren ihm nichts Absonderliches. Mit freundlicher Miene öffnete er sein Buch und begann die Trauung. Was Jawort der Braut klang so leise, daß es niemand vernahm, außer dem Prediger und dem Bräutigam, aber auch das war nichts Ungewöhnliches.

Als die Ringe gewechselt werden sollten, entstand jedoch eine Schwierigkeit. Genofeva Gretorex hatte aus irgendwelchem Grunde keine Brautjungfern bei ihrer Hochzeit haben wollen; jetzt war niemand bereit, ihr beim Ausziehen des Handschuhs zu helfen, und sie selber brachte dies in ihrer Aufregung und Hast nicht zuwege. So sah sie sich denn nach einigen fruchtlosen Versuchen genötigt, die behandschuhte Hand auszustrecken, um den Ring in Empfang zu nehmen. Doktor Kameron ließ es ruhig geschehen, um ihre Verlegenheit nicht noch peinlicher zu machen. Er war im Begriff, sein feierliches Gelübde auszusprechen, als gerade in diesem Moment lautlosen Schweigens ein Zwischenfall eintrat, der so erschütternd wirkte, daß sich unwillkürlich jeder Kopf umwandte und manches rosige Antlitz erbleichte: ein durchdringender Schrei ward plötzlich laut, ein wilder, unheimlicher Schrei des Entsetzens. Woher kam er? Niemand wußte es. Nur namenlose Angst und Furcht konnte ihn ausgepreßt haben. Er unterbrach die festliche Stimmung auf unheimliche Weise. In äußerster Bestürzung legte Kameron den Arm um seine Braut, auf welche diese neue Erschütterung höchst nachteilig wirken mußte. Sie schien jedoch weder seiner Hilfe zu bedürfen, noch von der allgemeinen Furcht mitergriffen zu werden. Sie hob das Haupt und stand in so fester, entschlossener Haltung da, daß auch der Bräutigam neuen Mut gewann, und der Prediger die Fassung bewahrte. Nach einer kaum sekundenlangen Unterbrechung ward die heilige Handlung zu Ende geführt, und der Segen gesprochen.

Wie von einem drückenden Alp befreit, atmete die ganze Versammlung erleichtert auf. Als das Paar sich wandte, um die Glückwünsche in Empfang zu nehmen, wunderte sich natürlich niemand, die Wangen der Braut so bleich und des Bräutigams Stirn umwölkt zu sehen. Klang doch das Echo des rätselhaften Schreis noch in aller Ohren, und selbst weniger abergläubische Gemüter betrachteten den unheimlichen Vorfall als ein böses Omen.

Nur die Eltern der Braut bewahrten ihre gewohnte Ruhe und Kaltblütigkeit. Lächelnd begrüßten sie ihr Kind und schüttelten dem neuen Schwiegersohn die Hand. Als nun aber Furcht und Verwunderung zu Wort kamen und man bald hier und bald dort flüstern hörte: »Was kann es nur gewesen sein?« »Etwas Aehnliches habe ich nie gehört!« – da trat Herr Gretorex vor und erklärte:

Eine unserer Dienerinnen leidet an Nervenkrämpfen; sie hat einen Anfall bekommen und den Schrei ausgestoßen.

Schnell glätteten sich alle Stirnen bei dieser einfachen Mitteilung; Verwandte und Freunde strömten herbei, Glück- und Segenswünsche wurden laut, und die frohe Feststimmung war bald wieder hergestellt.

Nur aus den Herzen der beiden Vermählten war die Bangigkeit nicht gewichen; der Schatten, der auf ihrer Stirn lagerte, war nicht durch ein bloßes Wort zu verscheuchen. Beide mißtrauten der so glaubwürdig klingenden Erklärung. Für die junge Frau, deren Seele vor künftigen Schrecknissen zitterte, war dies endlose Händeschütteln, Lächeln und Verneigen eine furchtbare Qual. Nur die Angst, neuen Argwohn bei den Gästen zu erregen, hielt sie aufrecht. Bald aber vermochte auch dieser Gedanke ihr nicht mehr die nötige Kraft zu geben. Kameron, der sie unausgesetzt beobachtete und ihre zunehmende Schwäche bemerkte, schob ihr einen Stuhl hin mit den Worten:

Du mutest dir zu viel zu, liebes Herz. Nimm es nicht so schwer!

Bei diesem ersten Beweis zärtlicher Fürsorge flog ein glückseliges Lächeln über ihre Züge. Es verschwand aber sofort wieder und ließ sie noch bleicher und hohläugiger erscheinen als zuvor.

Ich ertrage es nicht länger, flüsterte sie; erst muß ich wissen, was der Schrei zu bedeuten hatte. Werden denn die Glückwünsche kein Ende nehmen? Ich möchte auf mein Zimmer gehen. – Ein unwillkürlicher Schauder überlief sie. – Nur einen Augenblick muß ich mich zurückziehen; hier ist mir's, als sollte ich ersticken.

Ihre flehende Gebärde, während sie diese Worte sprach, überraschte und rührte ihn.

Da kommt deine Mutter, entgegnete er, sie wird gewiß eine Auskunft finden. Leise berührte er den Arm seiner stolzen Schwiegermutter und flüsterte ihr zu: Genofeva fühlt sich sehr unwohl; sie wünscht sich einen Augenblick auf ihrem Zimmer zu erholen. Läßt sich das nicht bewerkstelligen? Was fehlt dir denn? fragte Frau Gretorex unzufrieden, du warst doch am Nachmittag nicht leidend.

Die Tochter nahm sich zusammen, so gut sie konnte: Nur der Schrei – stammelte sie.

Torheit! Wie oft hast du die Margret schon schreien hören. Jetzt ist ja alles vorbei.

Ja, ich muß wissen, ob sie es wirklich war; laß doch einmal nachsehen.

Ein verächtliches Lächeln spielte um Frau Gretorex' Lippen: Es soll geschehen, um dich zu beruhigen, sagte sie, winkte einen Diener herbei, dem sie einen Befehl erteilte und wandte sich dann wieder zu ihren Gästen. Genofeva versuchte ihrem Beispiel zu folgen, aber es kostete ihr augenscheinlich die äußerste Anstrengung. Sie saß aschbleich da und war kaum noch imstande, ein Wort hervorzubringen. Angstvoll heftete sich ihr Auge auf die Tür, als hinge ihr Leben von der Nachricht ab, welche der Diener zurückbringen würde.

Kameron, dem von alledem nichts entging, verdoppelte seine Höflichkeit und Verbindlichkeit den Gästen gegenüber, um wieder gut zu machen, was Genofeva etwa versäumen oder verfehlen sollte. Eben war er im Begriff, ihr vorzuschlagen, er wolle sie selbst auf ihr Zimmer führen, als plötzlich eine völlige Veränderung mit ihr vorging. Eine rasche Entschuldigung murmelnd, war sie aufgestanden und nach der Tür geeilt.

Ihr Gatte wollte folgen, aber das Gedränge war so groß, daß er sie einen Moment aus den Augen verlor; doch bald bekam er sie wieder auf der Treppe zu Gesicht; er sah sie schnell und sicher die Stufen hinaufsteigen.

Vergebens strebte er, ihr nachzueilen; Freunde und Bekannte hielten ihn auf, um ihm bald hier ein Scherzwort, bald dort einen Glückwunsch zuzurufen. So waren bereits mehrere Minuten verflossen, ehe er die Zimmertür erreichte. Er fand sie verschlossen, und selbst auf sein wiederholtes Klopfen erfolgte keine Antwort.

Aufs äußerste beunruhigt und erregt durch diesen neuen unerwarteten Vorfall rüttelte er an der Klinke und rief Genofeva bei Namen.

Dies hatte den gewünschten Erfolg. Der Schlüssel drehte sich im Schloß, und ihr Gesicht erschien an der Türspalte. Er war erstaunt, zu sehen, daß es hinter ihr im Zimmer ganz dunkel war.

Ich komme im Augenblick heraus, sagte sie lächelnd; es geht mir schon viel besser.

Laß mich bei dir bleiben, bis du ganz erholt bist, erwiderte er besorgt.

Sie trat zu ihm auf den Gang. Wenn ich nur noch zehn Minuten ganz in Ruhe bleiben kann, sagte sie, werde ich wieder wohl genug sein, um hinunterzukommen. Bitte, laß mich solange allein.

Wohl hätte er bleiben und sein neues Anrecht geltend machen können, aber ihrem flehenden Blick vermochte er nicht zu widerstehen. Nach einigen ermunternden Worten verließ er sie. Wenig aufgelegt, sich wieder unter die Hochzeitsgesellschaft zu mischen, wollte er sich gerade nach seinem Ankleidezimmer begeben, als der Diener, welcher vorhin den Auftrag erhalten hatte, sich nach Margret zu erkundigen, auf ihn zutrat.

Entschuldigen der Herr Doktor, ist die junge gnädige Frau wohl in ihrem Zimmer?

Was gibt es denn? Man darf sie jetzt nicht stören.

Ich sollte nur Auskunft geben, wegen der Margret. Sie ist gar nicht im Hause; gleich nach dem Abendessen ist sie ohne Erlaubnis fortgegangen. Sie meinte wohl, man werde sie nicht vermissen. Aber Frau Fenton, die Haushälterin sieht alles und –

So war sie gar nicht hier, als der Schrei gehört wurde? unterbrach ihn der Doktor.

Nein, aber Peter sagt – er kam gerade die Treppe hinauf – der Schrei sei aus dem Zimmer des gnädigen Fräuleins gekommen. Er muß sich geirrt haben, denn dort war ja niemand.

War denn nicht eine Putzmacherin oder Näherin da drinnen? Ich sah doch eine solche Person hineingehen.

Wohl möglich, aber dann ist sie auch wieder fortgegangen; das gnädige Fräulein – ich wollte sagen die Frau Doktor, hat ja ihre Tür hinter sich abgeschlossen, als sie zur Trauung hinabging. Ich stand hier im Vorsaal und habe es gesehen; vielleicht erinnern sich der Herr Doktor auch noch daran.

Kameron hatte es nicht vergessen, obgleich ihm der Umstand im Augenblick keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Um seine Betroffenheit vor dem Diener zu verbergen, entließ er ihn und wollte eben sein Zimmer betreten, als er hinter sich die Stimme seiner Frau vernahm. Schnell wandte er sich und sah sie auf sich zukommen; sie hatte Schleier und Handschuhe abgelegt.

Ich habe meinen Entschluß geändert, sagte sie, und berührte seinen Arm einen Augenblick mit der Hand, zog sie aber sofort zurück, bitte laß uns nicht wieder zu den Gästen hinuntergehen. Wir haben das gewiß nicht nötig – höre nur, wie gut sie sich ohne uns unterhalten. Wenn dir's recht ist, reisen wir sofort ab, ich sehne mich so von hier weg. Nicht wahr, du sagst ja und gewährst mir die Bitte.

Ihre Blicke flehten noch dringender, als ihre Worte um Erfüllung des Wunsches. Er wußte sich dies plötzliche Verlangen nicht zu deuten und zögerte mit der Antwort.

Wir gehen nach Washington, nicht wahr? fuhr sie fort, da haben wir noch die lange Fahrt nach Jersey City und müssen so wie so früh aufbrechen.

Er sah ein, daß dies unter allen Umständen am besten sei. Wenn du meinst, erwiderte er, laß uns gehen, sobald du willst.

Sie atmete erleichtert auf: Wie gut du bist! rief sie in herzlichem Ton. Ich ziehe nur schnell mein Reisekleid an und bin gleich wieder bei dir. Warte auf mich in deinem Zimmer; wenn wir beide fertig sind, lassen wir die Mutter rufen. Sie winkte ihm freundlich zu und eilte, ohne Rücksicht auf ihre prachtvolle Schleppe, hastig davon.

Er blickte ihr nach, zwar mit umdüsterter Stirn aber doch voll inniger Gefühle. Was lag denn im Grunde daran, wenn ihr Wesen ihm für jetzt noch unerklärlich blieb? Es bezauberte ihn ja so sehr, daß er den Reiz ihrer Blicke und Worte nicht hätte missen mögen. So schmerzlich es ihm war, sie leiden zu sehen, hatte denn nicht vielleicht gerade ihre Krankheit sie weniger stolz und unnahbar gemacht?

Nachdem sie in ihrem Zimmer verschwunden war, sah er sie bald darauf wieder verstohlen herausschleichen, sich sorgfältig nach allen Seiten umschauen und dann mit Hut, Reisekleid und Tasche in der Hand schnell in ein daneben gelegenes Zimmer schlüpfen. Jetzt fiel ihm ein, daß er sich reisefertig machen müsse, aber ein Umstand setzte ihn in Verlegenheit. Er hatte weder Geld noch Reisekoffer mitgebracht, auch stand ihm kein Wagen zur Verfügung, da er ja auf der Eisenbahn hergekommen war. So blieb ihm nichts übrig als Frau Gretorex zu bitten, für ihn anspannen zu lassen.

Dies war nicht angenehm, aber immerhin nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Angst und Not, die hinter ihm lag. Er beschloß, die Sache leicht zu nehmen und schritt sofort zur Ausführung. Auf die Meldung hin, daß er genötigt sei, früher als beabsichtigt mit seiner Gattin abzureisen und um einen Wagen zu bitten, erschien Frau Gretorex in eigener Person. Nach mancherlei Einwendungen willfahrte sie schließlich seinem Wunsche, obgleich sie mit den veränderten Plänen keineswegs einverstanden war. Es wäre gewiß noch zu vielen Erörterungen gekommen, hätte nicht das Erscheinen Genofevas im Reiseanzug dem Zwiegespräch ein Ende gemacht. Sie stutzte, als sie die beiden beisammen sah, und setzte betroffen ihre Handtasche nieder. Bald aber gewann sie die Fassung wieder und näherte sich mit sorgloser Miene.

Es ist schade, daß wir so bald fort müssen, Mama, sagte sie, natürlich wären wir gern geblieben. Aber jener Schrei hat mich entsetzlich erschreckt, ich kann mich noch nicht davon erholen; wir möchten lieber abreisen, solange ich mich noch stark genug dazu fühle. Entschuldige uns bitte, wir sehen uns ja sehr bald wieder.

Frau Gretorex antwortete nicht; sie war mit dem Kleid ihrer Tochter beschäftigt.

Noch nie hat dir ein olivenfarbenes Kleid so gut gestanden, sagte sie, während Genofeva sich ungeduldig abwandte. Die neue Schneiderin ist wirklich sehr geschickt; alles, was sie gemacht hat, sitzt ganz vortrefflich. Selbst Madame Dubois versteht es nicht besser. Du hast eine viel schönere Figur, siehst weit stattlicher und voller aus als sonst. Kurz, das Kleid hat meinen ganzen Beifall.

Die junge Frau errötete, als sei solche weibliche Eitelkeit besonders im Augenblick des Abschieds durchaus nicht nach ihrem Sinn. Doch erwiderte sie kein Wort, sondern reichte der Mutter nur die Lippen zum Kusse, in jener kühlen förmlichen Art, die Kameron schon bekannt war. Auf Wiedersehn, Mama, murmelte sie, grüße auch Papa von mir. Ich – aber wo ist Peter? Er muß meinen Koffer hinuntertragen.

Peter kommt gleich. Auf Wiedersehn, Herr Schwiegersohn. Bringen Sie mir mein Kind gesund und froh zurück! rief Frau Gretorex und winkte den beiden voranzugehen. Aber die junge Frau zögerte noch.

Ich will hier warten, bis Peter den Koffer holt, erklärte sie und verharrte bei diesem Entschluß, obwohl ihr Gatte sie bat, hinunterzukommen, da jetzt gerade wenig Leute im Hausflur seien. Als Peter erschien, ging sie selbst mit ihm in das Zimmer, zeigte ihm den Koffer, der schon zugeschnallt dicht an der Tür stand und sah zu, wie er ihn hinaustrug.

Wo sind nur alle Dienstmädchen? meinte Frau Gretorex unzufrieden, ich will doch lieber dein Zimmer gleich abschließen.

Oh, das hat Zeit bis nach unserer Abreise, rief die junge Frau, die Mutter zur Treppe begleitend. Als ihr schweres Schleppkleid vor ihnen über die Stufen rauschte, nahm sie Doktor Kamerons Arm und ließ sich von ihm hinabführen.

Wir wollen so unbemerkt wie möglich verschwinden, flüsterte sie.

Aber schon hatte sich die Nachricht von der bevorstehenden Abreise verbreitet. Die Neuvermählten sahen sich von Freunden umdrängt, die ihnen unter Lachen und Scherzen ihr Lebewohl zuriefen. Genofeva erwiderte freundlich Wort und Gruß, doch glaubte ihr Gatte zu bemerken, daß ihr Blick unverwandt auf der Gestalt ihrer Mutter ruhte, deren Bewegungen sie unablässig mit den Augen folgte.

Endlich war der Abschied vorüber. Sie standen draußen am Wagenschlag.

Nun sind wir glücklich so weit, rief der Doktor.

Ich muß nur noch Peter etwas sagen, entgegnete sie, trat schnell auf den alten Diener zu und drückte ihm dankend ein Abschiedsgeschenk in die Hand.

Peter verbeugte sich und eilte ins Haus. Sie warf noch einen Blick zurück; ihr Gatte glaubte sie seufzen zu hören, dann wandte sie sich und stieg rasch ein. Der Doktor folgte ihr, schlug die Tür schallend zu und der Wagen rollte davon.

Plötzlich fühlte der junge Ehemann, wie das Haupt seiner Gattin ihm schwer auf die Schulter sank. Er blickte ihr ins Gesicht und erkannte, daß sie in Ohnmacht gefallen war.

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