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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 40
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neununddreißigstes Kapitel.

Es ist mir nicht um Anerkennung zu tun, sagte Gryce mit dem Ausdruck innerlicher Befriedigung, Ich wollte nur Ihnen und mir selbst die Gewißheit verschaffen, daß Ihre Gattin nicht Herrn Gretorex' Adoptivtochter ist. Der Versuch ist gelungen. Nicht wahr, Sie sind jetzt vollkommen überzeugt?

Ich hatte schon vorher kaum einen Zweifel mehr, versetzte der Doktor. Von dem Augenblick an, als mir eine solche Möglichkeit überhaupt nahegelegt wurde, mußte sie mir einleuchten. Zahlreiche Vorkommnisse aus der Vergangenheit bestätigten die Tatsache. Es waren Kleinigkeiten, die ich damals kaum beachtete; jetzt aber erscheinen sie mir im wahren Lichte, als Beweise der großen und geschickt ausgeführten Täuschung. Alles bestätigt sie mir: meiner Frau Unwissenheit, die sie unter vieldeutigem Lächeln zu verbergen wußte, so daß sie bald als höhere Weisheit, bald als Gleichgültigkeit erschien; ihr schwaches Namengedächtnis, ihre vorgeschützte Kurzsichtigkeit. Wie oft schwieg sie, wenn sie hätte reden sollen, und war gesprächig, wenn man keine Unterhaltung von ihr erwartete; mit launigem Scherz half sie sich aus mancher Verlegenheit; durch ihre Blicke, ihr Lächeln verstand sie die Pausen auszufüllen und abfällige Urteile zu entwaffnen. Die Haltung, die sie Herrn und Frau Gretorex gegenüber angenommen, brachte das Verhältnis auf den Höflichkeitsfuß, bei dem allein sie vor Entdeckung sicher war. Kleinere Gesellschaften zu besuchen vermied sie so viel wie möglich und erschien fast nur in größeren Kreisen, wo kein vertrauliches Gespräch aufkommen konnte; meiner Aufforderung, mir vorzusingen oder zu spielen, wich sie stets unter diesem oder jenem Vorwand aus; sie zeigte ihre Handschrift nicht und sprach nie über persönliche Beziehungen aus früherer Zeit. Jetzt sind mir diese Rätsel alle gelöst; ich weiß nur nicht, worüber ich nachträglich mehr staunen soll, ob über ihre merkwürdige Geschicklichkeit, ihren richtigen Takt, oder darüber, daß ich nicht von selbst auf die Wahrheit verfallen bin. Schon daß sie mir so viel geistreicher, begabter und liebreizender erschien als früher, hätte mich argwöhnisch machen müssen. Von Genofeva Gretorex, wie ich sie kannte, ließ sich eine derartige Umwandlung durchaus nicht erwarten.

Mich nimmt das weiter nicht wunder, entgegnete Gryce. Das förmliche Verhältnis zu Ihrer Braut, während der kurzen Verlobungszeit, gestattete Ihnen keinen genauen Einblick in ihren Charakter. Was etwa an der jungen Frau auffällig war, konnte leicht der Veränderung zugeschrieben werden, welche die Ehe häufig bewirkt. Daß Sie sich täuschen ließen, erscheint mir nicht befremdlich, aber daß ich meinen Irrtum nicht früher erkannte, das macht mir Verdruß.

Aber Sie hatten ja Fräulein Gretorex nie gesehen.

Wohl wahr; aber für einen Detektiv ist das keine Entschuldigung. Ich war von vornherein nicht ohne Mißtrauen und hätte genauer nachforschen müssen, besonders da ich wußte, daß die zwei Schwestern einander zum Verwechseln ähnlich sahen.

Ich finde es sehr begreiflich, daß Sie das Geheimnis nicht gleich durchschauten. Um zu entdecken, was den Augen der Eltern und des Gatten verborgen blieb, hätte es ganz außerordentlicher Gaben und des großen Scharfsinns bedurft.

Gryce sah nicht aus, als fühle er sich nicht im Besitz solcher Gaben, doch antwortete er bescheiden:

Plan und Ausführung zeugen von vollendetem Geschick, das steht außer Frage. Hätte sich Doktor Molesworth zu Genofevas Mitschuldigem gemacht, wäre er auf die Heirat eingegangen, ich glaube Ihr junges Glück würde durch keinen Zweifel gestört worden sein. Wenn Sie auch später diesen oder jenen Mangel an Ihrem Weibe bemerkt hätten, so wären Sie durch die Gewohnheit bereits dagegen abgestumpft gewesen. Sie würden sich zum Beispiel gesagt haben, wie ihre früheren Bekannten jetzt tun: »Genofeva hat sich seit der Hochzeit merkwürdig verändert, aber sie ist ja nicht die erste verheiratete Frau, die ihre Musik aufgibt.«

Höchst wahrscheinlich, meinte Kameron. Auch muß ich gestehen, daß mir ihr feuriges, lebhaftes Wesen fast die Erinnerung an jene Genofeva Gretorex verwischt hat, um die ich mich damals bewarb, und deren Stelle sie eingenommen hat. Freilich hat sie mich hintergangen, aber was sie dazu trieb, war an sich nicht verwerflich; sie handelte ja nicht aus Bosheit des Herzens, –

Gryce trat betroffen einen Schritt zurück.

Fast scheint es, bemerkte er, als sei Ihnen durch unsere Entdeckung eine schwere Last von der Seele genommen!

Und warum nicht? Besitze ich doch jetzt ein Weib, das unberührt ist von jener wahnsinnigen Leidenschaft für einen andern.

Aber sie war doch ein – ein Mädchen –

Aus niederm Stande, wollen Sie sagen, ergänzte der Doktor. Das freilich; doch ist sie Genofevas Schwester und ihr an Verstand, an Schönheit und, wie ich hoffe, auch an innerem Wert überlegen. Zwar ist sie anscheinend ohne Gewissensbisse auf den Betrug eingegangen, hat aber seitdem Zeichen einer so aufrichtigen Reue blicken lassen, und hat für den Mann, welchen sie täuschte, eine so innige Zuneigung an den Tag gelegt, daß ich die frohe Hoffnung hege, sie wird meine Schonung und Hingabe verstehen und sich künftig meiner Liebe und Achtung würdig zeigen.

Gryce trat näher an ihn heran: Sie machen es mir schwer, meine Pflicht zu erfüllen, sagte er.

Ihre Pflicht?

Sie scheinen zu glauben, daß es sich einzig und allein darum gehandelt hat, die Identität Ihrer Gattin festzustellen, und daß Ihnen jetzt nichts anderes mehr bevorsteht, als sich mit ihr zu versöhnen?

Kameron unterdrückte einen Ausruf des Schreckens. Sie wollen doch nicht etwa ihr gegenüber den schwarzen Verdacht festhalten, denselben Argwohn, den Sie gegen die bis zum Wahnsinn erregte Tochter des Herrn Gretorex richteten?

Der Detektiv seufzte; es war ihm höchlich zuwider, abermals das Amt eines Folterknechts zu versehen.

Ich war der Meinung, bemerkte er zögernd, ich brauche Sie nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß der Verdacht der Polizei gegen Ihre Gattin weit eher verschärft als gemindert wird durch die Entdeckung, daß es Genofevas Stellvertreterin war, die am Leben blieb und Ihr Weib wurde – und nicht sie selbst.

Darauf bin ich nicht vorbereitet. In der Ueberzeugung, die Lösung des Rätsels gefunden zu haben, habe ich mich nicht gefragt, ob wir noch ein anderes Geheimnis zu erforschen hätten.

Ich wollte, wir wären dieser Pflicht überheben. Aber im Hinblick auf die begleitenden Umstände und die schwere Versuchung, die an Ihre Gattin herantrat, können wir unmöglich von einer gerichtlichen Untersuchung abstehen. Da Fräulein Gretorex Mut genug besaß, um ihre frühere Stellung als Herrn Gretorex' Tochter und Ihre Braut wieder einnehmen zu wollen, so würde es ihr auch sicherlich nicht an Kraft gefehlt haben, ihre Absicht auszuführen, hätte Mildred sie nicht gewaltsam daran verhindert. – Wie sollen wir uns den Vorgang erklären? Läßt sich annehmen, sie habe der Schwester zu Gefallen ihr Leben von sich geworfen? Scheint es nicht wahrscheinlicher, daß die Schwester ein Mittel fand, den Tod herbeizuführen, welcher ihr den Besitz aller Güter sicherte, die sie begehrte?

Der Doktor gab die einzig mögliche Antwort:

Das Gift, sagte er, gehörte Genofeva. Es war in dem Schmuckkasten verschlossen, der in ihrer Kommode stand. Ist es auch denkbar, daß Mildred dies wußte, so konnte sie Genofeva doch unmöglich den tödlichen Trank einflößen, ohne daß diese es gewahrte.

Dies ist der schwache Punkt. Wir haben dagegen nur die Einwendung zu machen, daß Molesworth der Ansicht gewesen sein muß, Mildred Farley habe ein Verbrechen begangen. Er betrat zuerst den Schauplatz der Tat und bewies in seiner Handlungsweise eine Entschlossenheit und Umsicht, wie sie sich bei einem Manne erwarten läßt, der Willens ist, einen Mord zu verbergen. Wenn er so urteilte –

Wir haben keine Gewißheit darüber. Was er dachte oder mutmaßte, werden wir nie erfahren; er ist tot und hat sich zu nichts bekannt, entgegnete Kameron kühl. Aber der Schlag war nicht wirkungslos geblieben. Niemand wußte ja besser als er, daß Molesworth sich gefürchtet hatte, ihm die Wahrheit in betreff der Identität seiner Gattin zu verraten. Gab es denn für diese Furcht eine andere Erklärung, als daß er an ihre Schuld glaubte, welche durch die Entdeckung, wer sie sei, als erwiesen gelten konnte? –

Lassen Sie uns nicht weiter darüber streiten, Herr Doktor, bemerkte der Detektiv. Solange ich noch über meine Pflicht im Zweifel war, bin ich zu jeder Erörterung bereit gewesen, nun ich aber weiß, was ich zu tun habe, wünsche ich kein Wort mehr zu verlieren. Auch Ihnen möchte ich als Freund raten, ferner über die Angelegenheit zu schweigen.

Dieser Ton war Kameron bei dem Detektiv ganz neu; er fühlte sich aufs peinlichste davon betroffen. Also, seine persönliche Ueberzeugung, ja die Wahrheit selbst vermochte nichts an der Tatsache zu ändern, daß sein Weib von nun an in den Augen der Polizei als des Verbrechens verdächtig gelten müsse, nachdem ihr einziger Zeuge in das Grab gesunken war. – Nur durch eine entscheidende Tat seinerseits konnte er die furchtbare Frage ein für allemal aus der Welt schaffen. Er sah den tiefen Ernst in Gryces Mienen und beschloß, sofort zur Ausführung zu schreiten.

Auch ich möchte einen Versuch wagen, sagte er. Ihre Probe ist gelungen. Sie haben uns alle überzeugt, daß der Mädchenname meiner Frau Mildred Farley war. Ich begehre jetzt durch ein ähnliches Mittel den Beweis zu liefern, daß sie zwar den Namen, die Stellung, das Wesen ihrer Schwester angenommen hat, aber an deren Tode völlig unschuldig ist. Wollen Sie mich in das Krankenzimmer zurückbegleiten, Herr Gryce?

Der Detektiv zögerte, er war im Begriff, sich zu entfernen.

Ich weiß, was Sie vorhaben, sagte er, rate Ihnen aber, es zuvor reiflich zu überlegen. Es ist ein gewagtes Unternehmen. Auch brauchen Sie die Dame ja nicht notwendigerweise als Ihre Gattin anzusehen –

Was sagen Sie?

Kein Gerichtshof der Welt würde Sie zwingen, eine Ehe als gültig anzuerkennen, die auf so betrügerische Weise zustande gekommen ist.

Der Doktor ward rot, wandte den Blick ab und schwieg eine Weile. Dann entgegnete er mit Bestimmtheit: Sie ist mein Weib, und ich werde sie nicht verlassen, wie auch mein Versuch ausfallen mag. Ich hätte kein Recht, ihn anzustellen, wenn ich nicht bereit wäre, die Folgen mit ihr zu tragen.

Gryce nahm den Hut ab, ob aus Hochachtung, oder weil er zu bleiben gedachte, ließ sich nicht entscheiden.

Sie sind also fest dazu entschlossen und wollen mich zum Zeugen machen?

Ja, denn ich glaube an ihre Unschuld und will sie vor der Welt behaupten können.

Nach diesen Worten führte er Gryce in das Zimmer seiner Frau zurück. Sie werden nicht lange zu warten brauchen, sagte er, das Betäubungsmittel, das ich ihr gab, muß seine Wirkung bald verloren haben.

Die dürftigen schlechten Möbel waren aus dem Gemach entfernt worden und die frühere elegante Ausstattung wieder an Ort und Stelle gebracht. An Frau Olneys Platz saß die Wärterin, und von der seltsamen Umwandlung des Raumes, durch welche die nur halb zum Bewußtsein Erwachte sich wieder in ihre Mädchenzeit zurückversetzt geglaubt hatte, war jede Spur verschwunden. Auch die Ringe trug sie wieder an der Hand und auf dem Tischchen neben dem Bett tickte ihre Uhr, ein Geschenk Kamerons aus jenen glücklichen Tagen in Washington. Sie lag ruhig da, nur mit den Augenlidern zuckend und von Zeit zu Zeit die Glieder krampfhaft bewegend, als empfinde sie Schmerz oder Kummer. Der Doktor nahm den Sitz der Wärterin ein, welche aufgestanden war, faßte die rechte Hand der Kranken und beobachtete gespannt die Wirkung seines leisen Druckes. Nur Güte und Liebe sprachen aus seinen Zügen.

Bei seiner Berührung schien das in ihr schlummernde Leben neu zu erwachen. Sie schlug die Augen auf und starrte ihm mit wilden Blicken in das Gesicht, dessen freundlicher Ausdruck sich nicht veränderte, wie heftig auch der Sturm in seinem Innern tobte.

Oh, stammelte sie mit einem Seufzer innigen Entzückens, so war es also kein Traum, ich bin dein Weib, du bist mein Gatte, und –

Jetzt ward ihr die Wirklichkeit klar, Seelenangst malte sich in ihren Zügen; leben hieß nicht nur lieben! Die warme Färbung ihrer Wangen verschwand, wie von einem vernichtenden Eiseshauch angeweht. Der Doktor verwandte keinen Blick von ihr. Geht es dir besser, Mildred? fragte er.

Als er den Namen nannte, entrang sich ein dumpfer Schrei ihren Lippen; sie wollte sich aufrichten, sank aber vor Schwäche wieder in die Kissen zurück. Kameron warf unwillkürlich einen Blick nach dem Detektiv, der im tiefen Schatten an der andern Seite des Bettes stand.

So weißt du es? murmelte sie schwach.

Ja, war die Antwort, ich weiß, daß du nicht Genofeva bist, sondern ihre Schwester Mildred. Wie verwerflich mir aber auch die Täuschung erscheint und der Ehrgeiz, welcher sie anstachelte, sie zu begehen, so liebe ich dich dennoch und bin bereit, dir zu verzeihen.

Ein seliges Lächeln, ein Strahl des reinsten Glückes, der aus ihren Augen leuchtete, übergoß ihre Züge mit dem Glanz der früheren Schönheit.

Dann habe ich keinen Wunsch auf Erden mehr, rief sie; all mein Kummer ist vorbei. Ach, wie habe ich gezittert und gezagt, du würdest mich hassen, würdest mich von dir stoßen, wenn du entdecktest, daß ich durch einen Betrug in den Besitz deines Namens gelangt bin. – Große Tränen stahlen sich unter ihren Wimpern hervor und rollten ihr über die Wangen.

Laß mich Gott danken! flüsterte sie und versuchte die Hände zu falten, doch war sie zu schwach dazu und lächelte nur stillbeglückt.

Kameron drängte die Rührung zurück, die sich seiner unwiderstehlich bemächtigen wollte. Und war das der einzige Kummer, der dich bedrückte? fragte er, sie zärtlich anblickend; hast du keine andere Besorgnis, keine Furcht auf dem Herzen?

Keine. Was könnte mich sonst noch quälen? War das nicht genug, deine Liebe zu verlieren? O Walter, du weißt nicht, welcher Schatz deine Liebe für mich ist! Aber, wenn ich am Leben bleibe, sollst du es noch erfahren.

Sie Hob die schweren Lider und sah den Gatten mit so viel Freimut, Offenheit und Innigkeit an, daß er triumphierend aufstand und zu Gryce hinüberblickte. Dieser aber hatte seinen Beobachterposten verlassen und stand jetzt an der Tür, den Hut in der Hand.

Ich möchte mich Ihnen empfehlen, sagte er, als der Doktor auf ihn zutrat. Wenn Sie noch einen Auftrag für mich haben, lassen Sie es mich gefälligst wissen. Ich selbst hege kein weiteres Anliegen und wünsche Ihnen nur noch von Herzen Glück.

Mit wohlwollendem Abschiedsgruß wandte er sich zum Gehen und verließ geräuschlos das Zimmer und das Haus.

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