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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Molesworth im Fluß – mit dem Tode ringend! Wenn er diesmal verschwand, so war es auf Nimmerwiedersehen. Eine teuflische Versuchung trat in diesem Augenblick an Kameron heran; allein er gab ihr keinen Raum. Sein Entschluß, ihn zu retten, war auf der Stelle gefaßt. Na die Tür einem nochmaligen Anprall nicht nachgab, öffnete der Doktor ein Fenster und sprang hinunter. Er versank fast bis an den Hals im Schnee, arbeitete sich aber heraus, bis er glücklich den überfrorenen Rand des Flusses erreichte. Ein Blick zum Balkon hinauf überzeugte ihn, daß das Boot noch in senkrechter Richtung an einem der Seile herabhing, während von Molesworth nichts zu erblicken war, außer seinem Hut, der auf der Wasserfläche dahintrieb.

Jetzt aber tauchte aus der schwarzen Flut unterhalb der Stelle, wo das Haus stand, ein geisterbleiches Antlitz empor. Ohne Besinnen entledigte sich Kameron seines Rockes und sprang ins Wasser.

Es glückte ihm nach mehreren vergeblichen Versuchen, den Ertrinkenden am Arm zu ergreifen; aber Molesworth war schon zu erstarrt, um sich selbst zu helfen, zumal ihn die Last der doppelten Röcke in die Tiefe zog. Einen Augenblick durchzuckte Kameron der Gedanke, nur auf die eigene Rettung bedacht zu sein und Molesworth sinken zu lassen. War es nicht eine Torheit, sich mir jenem zugleich dem Untergang zu weihen? – Aber selbst in diesem verzweifelten Moment erkannte er klar, daß es für immer um seinen Seelenfrieden geschehen sei, wenn Molesworth sein Grab in den Wellen fand.

Schon lagerten sich die Schatten des Todes auf dessen bleichem Angesicht. Hier galt es schleunige Hilfe: er mußte den Zeugen der Polizei überliefern und den unberechenbaren Folgen ihren Lauf lassen. Nur der Stimme der Pflicht gehorchend, stieß er einen durchdringenden Hilferuf aus, auf welchen seine Gefährten sofort an das Fenster und von da zum Flußufer hinabeilten.

*

Etwa zwei Stunden später kehrte Q. von seinem Ausflug ins Dorf zurück.

Hollah, schallte seine Stimme durch das Haus, ist denn niemand da, um mich festlich zu empfangen und mir den Korb abzunehmen, den ich meilenweit hergeschleppt habe durch Dick und Dünn? Die selbsterfundenen Schneeschuhe von den Füßen streifend, eilte er nach der Leiter.

Hollah, he! seid Ihr denn alle tot dort oben? Habt Euch vermutlich aus Sehnsucht nach mir verzehrt. Hier bin ich wieder und bringe die köstlichen Vorräte, die das elende Nest für Geld und gute Worte aufzuweisen hattet altes Brot und zähes Fleisch, aber Hunger ist der beste Koch. Nun, da ist ja endlich eine Menschenseele; aber welch feierliches Gesicht. Was ist denn geschehen?

Zwei Herren sind fast im Fluß ertrunken, lautete die Antwort. Sie sind noch ziemlich erschöpft; wir haben für sie getan, was wir konnten.

Einen Ruf ausstoßend, der wie ein unterdrückter Fluch klang, war Q. mit einem Satz im Zimmer. Schnell hatte er die Sachlage überschaut und war nun gleich dem erfahrensten Krankenwärter bemüht, den halb ertrunkenen Gefährten jede Pflege angedeihen zu lassen. Erst als sie sich wieder ziemlich erholt hatten, flüsterte er Kameron zu:

Wollte er sich denn fortstehlen, oder sich gar das Leben nehmen?

Nein, entgegnete jener ebenso leise, es war nur ein Fluchtversuch. Er sprengte die verschlossene Tür und gelangte ins Freie. Unter dem Balkon hing ein Boot, an Seilen befestigt, das wollte er ins Wasser lassen, dabei riß ein Strick und er stürzte aus dem Boot in den Fluß. Ich hörte es und schoß ihm nach wie ein Pfeil; aber es war ein verzweifelter Kampf, das können Sie glauben.

Ich bin nur froh, daß Sie mit dem Leben davongekommen sind, entgegnete der arglose Detektiv mit einem Blick in das bleiche Antlitz auf der andern Lagerstätte. Wie war es nur möglich, daß ich das Boot nicht bemerkt habe? Freilich, der Sturm ist schuld daran – aber doch – der Inspektor wird unzufrieden sein, und ich finde es selbst unverzeihlich. Mit meinen Taten hier kann ich leider nicht prahlen; des Löwen Teil haben Sie vollbracht. Uebrigens sieht der da drüben recht erbärmlich aus, mir scheint, er wird so bald keinen neuen Fluchtversuch machen; was ist denn Ihre Meinung als Arzt?

Kameron warf einen Blick auf Molesworths eingefallene Wangen und hohle Augen. Davor sind wir sicher, flüsterte er, vor allem braucht er jetzt Ruhe – und ich auch.

Zur Befriedigung dieses Bedürfnisses fehlte es nicht an Zeit und Gelegenheit, denn ihre Befreiung ließ noch auf sich warten. Am Abend erhob sich der Sturm von neuem, und wenn auch am nächsten Morgen die Sonne durch die Wolken brach, so erwiesen sich doch die Straßen als völlig unwegsam. Erst am Donnerstag war der Schnee soweit geschmolzen, daß der Eigentümer des Hauses den Rückweg vom Dorfe aus unternehmen konnte, wohin er sich an jenem denkwürdigen Montag nur begeben hatte, um neue Vorräte einzukaufen. Seine Wut über die ungebetenen Gäste und Q.'s mutige Abwehr aller beleidigenden Angriffe des menschenfeindlichen Geizhalses wäre für einen unbeteiligten Zuschauer gewiß ein recht ergötzliches Schauspiel gewesen.

Bis Freitag war der Schnee endlich soweit fortgeschaufelt, daß die Eisenbahnverbindung wieder hergestellt werden konnte. In dem ersten Zug, der nach Neuyork abging, befanden sich auch die beiden Doktoren in Begleitung des jetzt weniger redseligen Q. Ehe sie den Ort verließen, an welchem sie so viel gelitten, wechselten sie einen langen bedeutsamen Blick miteinander. Sie waren sich während der letzten Tage ihres Beisammenseins in herzlicher Freundschaft nahegetreten, auch ohne viele Worte zu machen. Nur ihrer großen Selbstbeherrschung war es gelungen, den Geheimpolizisten bei der Täuschung zu erhalten, daß sie einander als erbitterte Feinde gegenüberständen.

Auf der Fahrt nach Neuyork zeigten sich überall die Spuren des Schneesturms und seines beispiellosen Wütens; die ganze Gegend war kaum wiederzuerkennen, die Stadt selbst wie verwandelt. Die Reisenden achteten jedoch wenig auf die veränderte Landschaft; ihre eigene Stimmung beschäftigte sie ausschließlich.

Im Bahnhof verabschiedete sich Kameron von Molesworth mit wenigen höflichen Worten. Beide waren sich klar bewußt, daß der Detektiv, trotz aller scheinbaren Rücksicht und Zurückhaltung, Molesworth als seinen Gefangenen betrachte. Er durfte nicht hoffen, je wieder sein eigener Herr zu sein, bis er nicht der Polizei auf alles, was sie zu wissen begehrte, Rede und Antwort gestanden. Vielleicht war diese Gewißheit der Grund seines finstern Trübsinns. Der tieftraurige Blick, den er Kameron beim Abschied zuwarf, verfolgte diesen förmlich auf dem ganzen Heimweg und machte ihm den ohnehin sauren Gang doppelt schwer. – Was wartete seiner daheim nach der fast achttägigen Abwesenheit? Welche neue Prüfung stand ihm bevor?

Er war auf das Schlimmste gefaßt; aber an der Miene des Mädchens, welches ihm auf sein Klingeln die Haustüre öffnete, erkannte er sofort, daß im Zustand seiner Frau noch keine wesentliche Veränderung eingetreten sei. Bei dem flüchtigen Besuch, den er im Krankenzimmer machte, gab er der Wärterin recht, daß die Krisis nun nicht mehr fern sein könne; auch er glaubte eine leise Bewegung der Kranken zu bemerken. Höchstens noch einen oder zwei Tage – aber was konnte sich innerhalb dieser Frist alles zutragen! –

Noch am selben Abend sandte Doktor Kameron folgende Zuschrift an den Polizeiinspektor:

»Ich versprach zu viel. Zwar habe ich Doktor Molesworth aufgefunden und nach Neuyork gebracht, aber es ist mir nicht gelungen, ihn zum Reden zu bringen. Wenn Ihnen dies besser glücken sollte, haben Sie wohl die Güte, mich davon zu benachrichtigen.«

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