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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Kameron sah seine Hoffnungen jäh zertrümmert, aber die Selbstbeherrschung verließ ihn nicht im entscheidenden Augenblick.

Allerdings eine Ueberraschung, sagte er in gleichmütigem Ton, Doktor Molesworth hier ohne Verkleidung begrüßen zu dürfen! Ein bequemer Platz am Feuer wird ihm nicht unwillkommen sein, denn er muß arg gelitten haben unter der Kälte, da ich mir selbstsüchtigerweise seinen Rock angeeignet hatte. Sich bei solchem Sturm am Balkongeländer hängend festzuhalten ist auch kein Kinderspiel.

Das will ich meinen, fiel der Detektiv verwundert ein. Haben Sie wirklich auf diese Art Ihre nächtlichen Fieberphantasien abgekühlt? wandte er sich an den Doktor, der in finsterem Schweigen verharrte und dem vorlauten Q. nur einen wahrhaft vernichtenden Blick zuwarf. Dieser ließ sich jedoch nicht aus seiner heitern Laune bringen. Ohne die geringste Verlegenheit suchte er mit gutmütigem Scherz den beiden andern über die peinliche Lage hinwegzuhelfen, deren tragische Bedeutung er natürlich nicht entfernt ahnen konnte.

Er lud die Herren ein, am Kamin Platz zu nehmen, während er mit unermüdlichem Eifer beschäftigt war, ein möglichst schmackhaftes Frühstück zu bereiten; auch würzte er das Mahl durch allerhand lustige Geschichten und spielte den angenehmen Wirt, wenn auch, wie er lachend zugab, auf Kosten des abwesenden Besitzers. Alsbald stellten sich auch die drei Fremden von unten in ihrer Mitte ein, von Q.'s fröhlichem Gelächter herbeigezogen. Damit schwand für die beiden Doktoren auch die letzte Aussicht, unbemerkt miteinander verkehren zu können.

Der dämmernde Morgen zeigte den Unglücksgefährten ein wenig hoffnungsreiches Bild. Soweit das Auge reichte, war nichts zu sehen als eine einzige Schneefläche, kein Haus, keine Straße, nirgends eine Spur menschlichen Lebens. Die Wut des Sturmes schien zwar etwas nachzulassen, doch waren die Schneewehen noch immer so tief, daß man bei einem Schritt vor die Tür hinaus bis über die Knie in der lockern Masse versank. So war denn das Haus, in dem sie nur eine zeitweilige Unterkunft zu suchen dachten, für sie zum Gefängnis geworden; rings umgab sie der Schnee wie mit einer Mauer, und an ein Verlassen des Ortes war nicht zu denken. Hätte ihnen nur wenigstens der Mangel an Nahrungsmitteln nicht bange gemacht, und wäre der Holzvorrat nicht auf so erschreckende Weise zur Neige gegangen! – Nur Molesworth und Kameron wußten, daß ein Entkommen auf dem Wasserweg mit Hilfe des Bootes möglich sei, aber vergeblich harrten sie der Gelegenheit, es unbemerkt hinabzulassen; der vorsichtige Q. wich und wankte nicht vom Schauplatz.

Jetzt entstand eine ernste Frage. Das Mittagsmahl war höchst mager gewesen, und wo sollte ein Abendessen herkommen? Wieder und wieder durchstöberte Q. alle Schubladen, allein ohne den geringsten Erfolg. Auch bei ihm begann sich im Laufe des Nachmittags ein nagender Hunger einzustellen, und gegen vier Uhr ertrug er es nicht länger.

Ich muß noch einmal im Keller nachsehen, rief er, und verließ das Zimmer.

Kaum war er fort, so ergriff Molesworth die günstige Gelegenheit und eilte nach dem Hausflur. Doch kam er sogleich mit schmerzlich enttäuschter Miene wieder zurück. Er hatte seine Zimmertür verschlossen, und so den Weg zum Balkon abgeschnitten gefunden.

Q. kehrte bald mit strahlendem Gesicht zurück, in der Hand zwei Faßdauben tragend. Wer hat einen Strick? rief er triumphierend; wenn ich mir die Dauben an den Füßen befestige, gibt es ein Paar prächtige Schneeschuhe, mit denen ich das Dorf erreichen und Vorräte herbeischaffen kann. Man sieht von hier aus den Kirchturm in der Ferne. Was meint Ihr, Kameraden, soll ich's versuchen?

Freilich, freilich, lautete die Antwort; nur die beiden Doktoren schwiegen, aus Furcht, sich durch allzu eifrige Unterstützung des Planes zu verraten.

Ehe Q. das kühne Unternehmen begann, winkte er Kameron beiseite. Machen Sie sich um unsern Zeugen keine Sorge, flüsterte er ihm zu. Den Schlüssel zu seiner Türe trage ich in der Tasche; die übrigen Faßdauben habe ich gut versteckt, und ohne eine solche Vorrichtung kommt niemand durch den Schnee. Sie müssen sich seine Gesellschaft schon noch eine Weile gefallen lassen; das kann Ihnen ja auch nicht lästig sein, nachdem Sie sich so viele Mühe gegeben haben, ihn aufzufinden. Damit stieg er, von zwei Gefährten geleitet, ins Erdgeschoß hinab.

Die beiden Doktoren wünschten sich im Stillen Glück, von seiner Gegenwart befreit zu sein. Nun galt es, die kostbare Zeit zu benützen. Molesworths Flucht mußte so bewerkstelligt werden, daß auf Kameron kein Verdacht der Begünstigung fallen konnte. Deshalb streckte sich dieser aufs Lager und schien bald in festem Schlummer zu liegen, aus dem er nicht einmal erwachte, als Q.'s Begleiter zurückkehrten. Erst bei einem donnerartigen Getöse, das von der Hausflur herübertönte, fuhr er empor, rieb sich die Augen und blickte sich erstaunt um.

Was gibt es denn? fragte er schlaftrunken, fällt uns das Dach über den Köpfen zusammen?

Es ist nichts Besonderes; nur der finstere Mensch – ich weiß nicht, wie er heißt – hat den Spektakel gemacht. Er wollte sich schlafen legen, und da er die Türe verschlossen fand, hat er sie aufgesprengt. Der Hausherr wird schöne Augen machen, wenn man so mit seinem Eigentum umgeht ...

Schon war Kameron auf den Füßen und in Molesworths Zimmer. Dieser hatte mit weiser Vorsicht die Balkontür hinter sich abgeschlossen. So trug es ganz den Anschein, als sei Kameron überlistet und außer stande gewesen, die Flucht seines Zeugen zu verhindern.

Kamerun geberdete sich sehr aufgebracht und versuchte nun, die Balkontür aufzubrechen. Sie widerstand jedoch seinen Anstrengungen. Daher stellte er sie bald ein, um mit ängstlicher Spannung zu lauschen, ob sich nicht ein Knarren der Seile hören lasse, zum Zeichen, daß das Boot sich niederwärts bewege. Mit innerem Frohlocken vernahm er jetzt den ersehnten Laut. Aber wer beschreibt sein Entsetzen, als gleich darauf ein plötzlicher Krach erfolgte, dann ein Sturz und ein Klatschen ins Wasser. Kein Zweifel, die Seile waren gerissen und das Boot samt dem Doktor in den Strom gestürzt.

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