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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiunddreißig st es Kapitel.

Es war noch dunkel, als Q. das Tierfell, in das er sich eingewickelt hatte, von sich warf und leise aufstand. Geschickt und schnell legte er im Kamin das Holz zurecht, um ein Feuer zu entzünden, dessen behagliche Wärme sich bald im ganzen Zimmer verbreitete. Kameron, der aus den verhüllenden Falten des Mantels verstohlen nach ihm hinblickte, sah ihn ans Fenster treten und nach dem Wetter ausspähen. Während Q. ihm den Rücken zudrehte, zog er seine Uhr heraus: es war halb sechs.

Kopfschüttelnd näherte sich jetzt Q. der Türe, öffnete sie und stand einen Moment wie unschlüssig auf der Schwelle; doch kam er wieder zurück und begann die Schubladen zu durchsuchen, bis er gefunden hatte, was er brauchte, um eine Art Morgenimbiß zu bereiten. Kameron verwandte kein Auge von ihm, und erst als Q. anfing, gleich einem erfahrenen Koch am Herde zu hantieren und Mehl in einem Topf mit siedendem Wasser zu quirlen, fühlte er sich einigermaßen beruhigt. Durch eine unvorsichtige Bewegung seinerseits zog er jedoch des Detektivs Aufmerksamkeit auf sich. Dieser stellte sofort das Kochgeschirr hin und wandte sich mit aufgeregter Miene an seinen Gefährten.

Schön, daß Sie wach sind, Herr; ich habe Ihnen etwas mitzuteilen. Für wen halten Sie wohl Ihren Freund hier im Nebenzimmer?

Kameron fuhr empor, eine derartige Frage kam ihm nicht gerade unerwartet.

Es ist Molesworth, fuhr jener fort, dessen Fährte wir beide verfolgen. Sein Eisenbahnzug muß wohl vor unserem stecken geblieben sein, wie sollte er sonst hierher kommen? Wahrscheinlich waren Sie gestern zu aufgeregt, um ihn zu erkennen, oder er hatte irgendwelche Verkleidung angenommen. Aber, er muß doch wissen, wer Sie sind; war er denn gar nicht erstaunt über Ihren Anblick?

Der Doktor starrte den Sprecher mit weit geöffneten Augen an. Wie sollte er diesem schlauen Manne gegenüber seine Rolle als Molesworths hartnäckiger Verfolger weiterspielen? Er schien sich zu besinnen.

Sind Sie denn Ihrer Sache ganz gewiß? fragte er verwirrt und unentschlossen.

Freilich, er hat heute nacht böse Träume gehabt, wahrscheinlich infolge des Wiedersehens mit Ihnen; auch trägt der Ueberzieher sein Zeichen, sehen Sie hier das J. M. unter dem Kragen; ich brauchte Sie garnicht im Schlafe zu stören, um es zu finden.

Kameron hätte den Menschen erwürgen können, doch zwang er sich, äußerlich ruhig zu bleiben und bemerkte: Wenn Sie recht haben, dann kann er uns nicht entgehen; wir brauchen nur zu warten, bis er hungrig wird und von selbst zum Vorschein kommt.

Wissen Sie, entgegnete der Geheimpolizist geheimnisvoll, das könnte uns doch zu lange währen. Menschen seines Schlages haben eine eiserne Hartnäckigkeit. Daß er fürchtet, erkannt zu werden, ist sicher, sonst hätte er sich zur Nacht seinen Ueberzieher geholt, den er in der Eile, Ihnen zu entkommen, liegen gelassen.

Wohl wahr, erwiderte Kameron, dem der Gedanke, daß Molesworth sich ohne den wärmenden Rock in das Unwetter hinauswagen werde, einen Stich ins Herz gab. Aber wollen Sie denn die Türe aufsprengen?

Vorerst werde ich mich nur erkundigen, wie ihm die schreckliche Sturmnacht bekommen ist. An höflicher Rücksicht meinerseits soll es gewiß nicht fehlen, sagte Q., indem er zu Molesworths Türe schritt.

Kameron folgte ihm mit klopfendem Herzen; erst wenige Augenblicke zuvor hatte er gehört, wie der Schlüssel sich leise im Schloß drehte, und ein Blick auf seine Uhr überzeugte ihn, daß es bereits sechs vorbei war.

Hollah! rief Q., an der Türe rüttelnd, Sie da drinnen, sind Sie nicht hungrig? Ich will Ihnen etwas von der köstlichen Mehlsuppe abgeben, die ich gekocht habe.

Kein Laut ließ sich hören.

Leben Sie noch, oder sind Sie erfroren? – Antworten Sie, sonst muß ich mir aus reiner Menschenfreundlichkeit mit Gewalt Einlaß verschaffen.

Tiefes Schweigen herrschte.

Ganz, wie ich dachte, flüsterte Q. seinem Gefährten ins Ohr und war eben im Begriff, sich mit voller Wucht gegen die Türe zu werfen, als jener vorschlug, doch erst die Klinke zu versuchen.

Zu Q.'s grenzenloser Ueberraschung ging die Türe auf.

Was, nicht verschlossen – und ich liege hier stundenlang davor! Für solchen Narren hatte ich mich nicht gehalten, rief er in das Zimmer stürzend.

Kamerun folgte ihm hastig; in der Dunkelheit vermochten sie eben nur die Umrisse der Möbel zu unterscheiden, Tisch, Stuhl, Kommode, und in einer düstern Ecke eine Art Bett. Nach diesem eilte Q. hin, trat aber betroffen wieder zurück. Auch hier ist niemand, murmelte er und suchte dann eifrig in den Winkeln umher, als erwartete er, den Vermißten plötzlich aus dem nächtlichen Schatten auftauchen zu sehen.

Erleichtert atmete Kameron auf, während er das letzte Streichholz seiner Büchse entzündete.

Wie mag er nur entflohen sein? Vielleicht einfach die Leiter hinuntergestiegen? sagte er verwundert.

Er wäre nicht an der Tür vorbeigekommen, ohne daß ich's gehört hätte, rief Q. zuversichtlich. Wenn er sich nicht unsichtbar machen kann, muß er noch hier sein. Dem Doktor das Streichholz aus der Hand nehmend, beleuchtete er die gegenüberliegende Wand; dann waren sie wieder im Dunkeln.

Dort muß noch ein Zimmer oder eine Kammer sein, sagte er, schritt auf eine Tür zu und öffnete sie. Ein heftiger Windstoß fegte herein und benahm ihm fast den Atem, so trieb er ihm den Schnee ins Gesicht.

Die Tür führt ins Freie, rief er, sie eilig schließend, und unten braust der Fluß. Es ist keine Kleinigkeit, sich in den schwarzen Abgrund hinauszuwagen. Hätten wir aber auch ein Licht, so würde es der Wind auslöschen.

Der Doktor riet, unter diesen Umständen den Anbruch des Tages abzuwarten, aber Q. würde um keinen Preis die Nachforschungen eingestellt haben solange er noch hoffen durfte, daß sich Molesworth in seinem Bereich befand. Mutig steuerte er in das Dunkel hinaus, zuerst vorsichtig nach allen Seiten umhertastend. Bald jedoch hatte er sich überzeugt, daß sicherer Boden für seine Füße vorhanden, und die Gefahr überhaupt nur eine eingebildete sei. Er brauchte nicht zu fürchten, von dem wütenden Sturm ergriffen und in die drunten tosenden Fluten geschleudert zu werden, denn rings um die Plattform, auf die er hinaustrat, zog sich ein starkes Eisengitter, zudem war sie an den Seiten durch Bretterwände geschützt, die eine Art Dach trugen. Aber auf dem Balkon war außer ihm kein lebendes Wesen zu erblicken. Konnte Molesworth von hier aus entkommen sein? Enttäuscht und niedergeschlagen trat er ins Zimmer zurück, um dem Doktor mitzuteilen, was er gefunden.

Diesen trieb es nun seinerseits auf den Balkon hinaus. Er blickte schaudernd über die Brüstung in die Tiefe und vermochte kaum die finstern Gedanken zu verscheuchen, die sich seiner dabei bemächtigten. Da war ihm, als vernähme er einen seltsamen Laut, aber woher derselbe kam, ließ sich nicht unterscheiden. Er glaubte sich getäuscht zu haben und wollte eben voll unheimlicher Gefühle vor dem eisigen Wind ins Zimmer flüchten, als eine dumpfe Stimme, die aus dem Boden aufzusteigen schien, seinen Namen nannte.

Im selben Augenblick rief Q., der drinnen im Dunkeln stand: Ich gehe schnell einmal hinunter, mich da umzuschauen. Vielleicht ist er doch vorbeigeschlichen, ohne daß ich's bemerkt habe; ich muß mich erst davon überzeugen.

Ohne die Antwort abzuwarten, begann er, geräuschlos wie eine Katze, die Leiter hinabzuklettern.

Rasch war der Doktor wieder auf dem Balkon.

Molesworth, rief er, sind Sie da?

Wie groß aber war seine Bestürzung, als schon im nächsten Augenblick eine Gestalt schattengleich aus der Nacht auftauchte und vor ihm stand.

Still, flüsterte Molesworth hastig, noch bin ich hier, aber ich muß fort. Bringen Sie mir den Ueberrock, Kameron, und nehmen Sie meinen letzten Abschiedsgruß, denn wir sehen uns wohl niemals wieder.

Aber wo kommen Sie her? Unmöglich haben Sie sich doch an den Händen vom Balkon herabhängen lassen?

Nein, es ist eine Falltür im Boden, und darunter hängt ein Boot, in welches ich niederkauerte. Ich hoffe, es wird mich sicher ans andere Ufer des Flusses bringen; sollte es zertrümmert werden, so entschädigen Sie den Eigentümer, von dem ich es entlehnen muß. Es kann mittels einer Winde ohne Schwierigkeit ins Wasser gelassen werden. Gern hätte ich den Versuch gleich gemacht, aber es war zu dunkel; ich muß das erste Morgengrauen abwarten. Halten Sie den Polizisten von diesem Teil des Hauses fern, bis ich außer Sicht bin. Und nun schnell meinen Rock!

Kameron schüttelte die ihm dargebotene Hand zum Abschied und stürzte durch den Gang, den Ueberzieher zu holen. Eben kam er damit zurück, um ihn Molesworth zu reichen, als der Detektiv plötzlich zwischen sie sprang und lachend in die zwei bestürzten Gesichter blickte. Sieh da, nun ist unser Freund doch noch zum Vorschein gekommen, rief Q. vergnügt ans. Nun, das ist schön, um so besser wird uns jetzt das Frühstück munden.

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