Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anna Katherine Green >

Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/green/vertuer/vertuer.xml
typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111103
projectid54d6258e
Schließen

Navigation:

Dreißigstes Kapitel.

Für Kamerons erschöpften Zustand war die Erschütterung zu heftig, er sank wie ein Stein zu Boden, Als er wieder zu sich kam, erschien ihm alles wie ein Traum; nur wie durch einen Schleier sah er zwei Augen auf sich gerichtet, die sich aber sofort wieder von ihm anwandten.

Allmählich begann er sich in der fremdartigen Umgebung umzuschauen. Wie er an diesen seltsamen Ort gekommen, war ihm nicht mehr erinnerlich; es kam ihm beim Schein des flackernden Herdfeuers vor, als befinde er sich in einer Höhle oder der Hütte eines Nordländers; vier kunstlose Pfeiler trugen eine rohgezimmerte Balkendecke, von welcher an den Wänden allerlei Tierhäute und Felle herabhingen. Der Fußboden war feucht und ungedielt; Tisch und Bank, welche die Mitte des Gemachs einnahmen, sowie das Lager, auf dem er ruhte, schienen aus einer Zeit zu stammen, da noch jeder sein eigenes Hausgeräte aus dem Holz zu fertigen pflegte, das um seine Blockhütte her wuchs.

Der erste bekannte Gegenstand, dessen er ansichtig wurde, war ein Mantel, mit welchem seine erstarrten Glieder fürsorglich bedeckt waren. Dies rief ihm die vergangenen Leiden und seine plötzliche Rettung ins Gedächtnis zurück, und schon im nächsten Augenblick stand ihm die ganze Lage der Dinge mit furchtbarer Deutlichkeit vor der Seele. Vom andern Ende des Raumes her vernahm er einen unterdrückten Laut und richtete sich auf dem Ellenbogen in die Höhe, um verstohlen nach seinem Gefährten auszuspähen, in welchem er mit Grauen seinen verhaßtesten Feind erkannt hatte.

Er sah ihn am Herde kauern, über das Feuer gebückt, auf welches er versorglich Holz und Reisig häufte, das neben ihm aufgeschichtet am Boden lag. Den seine Gestalt verhüllenden Mantel hatte er ausgezogen, der Schnee, welcher ihm Haar und Gesicht bedeckt hatte, war geschmolzen und die Flamme beleuchtete den stets wechselnden Ausdruck in seinen scharfgeschnittenen Zügen mit unheimlichem Schein.

Ist er ein Engel oder ein Teufel? dachte Kameron und versuchte die steifen Glieder zu strecken, um sich zu erheben. Die Anstrengung ging jedoch über seine Kräfte; noch mehrere Minuten lag er unbeweglich da, auf das Heulen des Sturmes horchend und halb hoffend, halb fürchtend, es möchte ein Hilfeschrei an sein Ohr dringen, der das Nahen eines der übrigen sturmverirrten Wanderer verkündigte.

Endlich aber konnte er die Leidenschaft, die in seinem Innern tobte, nicht länger bezähmen; er raffte sich vom Lager empor und schritt über die schwarzen Schatten der Pfeiler am Boden hin auf Molesworth zu, der sich bei seiner Annäherung erhob.

Welcher Fügung der Vorsehung verdanke ich dies Zusammentreffen? fragte er. Ich glaubte nicht anders, als daß Sie mit dem Nachtzug abgefahren seien, Doktor Molesworth, und mir weit voraus.

Das tat ich, war die kurze Antwort, aber beide Züge sind in derselben Schlucht stecken geblieben. Daher die unheilvolle Begegnung.

Ich aber preise die Gnade des Himmels, die sich meiner erbarmt hat, frohlockte Kameron, hier können Sie mir nicht mehr entgehen.

Sein Gegner blickte ihn einen Augenblick kopfschüttelnd und seufzend an. Sie wissen nicht, was Sie sagen, murmelte er. Besser, wir lägen beide dort draußen im Schnee begraben, oder wenigstens ich wäre tot, als daß uns diese Stunde hier zusammenführt. – Lassen Sie uns wenigstens handeln, wie es weisen Männern ziemt, und einander als Fremdlinge betrachten, bis die Vorsehung uns Mittel und Wege zeigt, uns zu trennen, um einander nie wieder zu begegnen.

In Kamerons Blicken loderte eine wilde Glut. Glauben Sie wirklich, rief er mit Ungestüm, daß ich Sie wieder von mir lasse, ehe ich Ihnen das Geheimnis entrissen habe, welches mir nicht nur Haus und Herd bedroht, sondern auch die Sicherheit und Ehre meines Weibes?

Ich verstehe den Sinn Ihrer Worte nicht, entgegnete Molesworth. Die Unsicherheit, mit der er sprach, war das erste Zeichen von Schwäche, das Kameron je an ihm bemerkt hatte. Ich weiß von keinem Geheimnis, das –

Die Gebärde seines grimmigen Verfolgers brachte ihn zum Schweigen. Walter Kameron stand vor ihm wie ein Rachegeist.

Das ist eine Lüge, sprach er langsam, aber fest. Um mich mit leeren Ausflüchten abspeisen zu lassen, habe ich nicht mein bewußtloses, krankes Weib verlassen und den Schrecken des Sturmes getrotzt. Wenn Sie mich hassen –

Doktor Molesworth lächelte.

Wenn Sie mein Weib lieben –

Doktor Molesworth fuhr in die Höhe.

Glauben Sie nicht, Sie können mich verderben oder Sie werden sie erringen, indem Sie das Geheimnis zu verbergen suchen, um dessentwillen Sie geflohen sind. Inzwischen sind seltsame Dinge zutage gekommen; die Polizei hegt jetzt nicht mehr den Verdacht, daß Sie, Doktor Molesworth, der Urheber von Mildred Farleys Tode sind, sie erhebt ihre Anklage gegen meine Gattin, gegen die Frau, welche Sie – er sprach nicht weiter, sein Stolz gewann die Oberhand über jedes andere Gefühl.

Molesworth wandte sich ab, um das fast erloschene Feuer von neuem anzufachen. Ihre Mitteilungen überraschen mich, sagte er, darf ich Sie bitten, sich deutlicher zu erklären.

Das will ich. Zu dem Zweck bin ich hier, rief Kameron in seiner Erregung, Ort und Stunde vergessend. Von der Polizei gedrängt, hat meine Frau nicht länger verschwiegen, daß das Mädchen nicht, wie Sie beschworen haben, in Ihrem Wagen während der Fahrt gestorben ist, sondern vorher, in ihrer Gegenwart im Hause Gretorex am Nikolasplatz. Sie hat auch eingestanden, daß Sie selber in die Angelegenheit verwickelt wurden, indem Sie ihr zu Hilfe kamen und die Tote fortschafften.

Es entstand eine tiefe Stille; endlich öffnete Molesworth die fest geschlossenen Lippen und flüsterte kaum vernehmbar:

Sie sagen, sie sei krank?

Schwer krank.

Und Sie wünschen von mir –

Gewißheit über einen Punkt zu erhalten, an dem für mich Leben oder Tod hängt. – Halt! – Sie sollen mir nicht entgehen.

Molesworth war nach der Tür geeilt, aber er hörte das Rasen des Sturmes und ließ sich in stummer Ergebung auf die Holzbank sinken.

Ueber welchen Punkt? fragte er.

Walter Kameron nahm alle Kraft zusammen: Ob das Weib, dem ich angehöre, nur Zeugin von Mildred Farleys Tode war, oder ob sie von einem unklaren Gefühl fortgerissen, jener selbst den Trank gereicht hat, welcher – Sie wissen, was ich meine. Zwingen Sie mich nicht, auszusprechen, was nur zu denken schon Wahnsinn ist.

Und woher glauben Sie, daß ich imstande bin, diese furchtbare Frage zu beantworten? – Molesworth sprach mit so leiser Stimme, daß seine Worte in dem Toben des Unwetters fast verhallten. – Wenn Frau Kameron Ihnen über meinen Anteil an dem unglückseligen Ereignis die Wahrheit gesagt hat, so müssen Sie ja wissen, daß ich erst dazukam, als das Mädchen bereits tot war.

Sie sahen sie aber noch unter dem Eindruck des ersten Entsetzens. In solchen Momenten bleibt nichts verborgen. Was haben ihre Blicke, ihre Mienen bekannt?

Kamerons Stimme bebte, er rang mühsam nach Fassung: beim Anblick seiner entstellten Züge wich Molesworth erschreckt zurück und fand erst kein Wort der Erwiderung; endlich sagte er:

Haben Sie so wenig Vertrauen zu Ihrer Gemahlin –

Jetzt brach des andern verhaltene Leidenschaft in hellen Flammen los:

Vertrauen! Sie reden mir von Vertrauen, während sie mich nur geheiratet hat, um der Hölle zu entfliehen, die Ihre Gleichgültigkeit ihr bereitet hätte. Und jetzt wagen Sie es, Briefe an sie zu schreiben, um –

Von Molesworths Blick getroffen, verstummte er, und als jener seinen Arm mit festem Griff faßte, durchdrang ihn zugleich das Gefühl der Dankbarkeit für die Rettung, die er ihm verdankte, als auch der Seelenpein, die ihm Molesworth zufügte.

Ihre Worte sind unverständliche Rätsel, rief Molesworth. Was reden Sie von meiner Gleichgültigkeit und ihrer Heirat? Wie können Sie behaupten, ich hätte ihr Briefe geschrieben, während ich an dergleichen nicht einmal dachte?

Blind vor Zorn hörte Kameron nur die letzte Versicherung.

Wollen Sie leugnen, rief er, daß Sie vor wenigen Tagen einen Brief an meine Frau gerichtet haben, worin Sie erklären, Ihre frühere Leidenschaft für sie sei nur ein Schatten, eine leere Täuschung gewesen; erst jetzt sei Ihre wahre Liebe erwacht –

Aber Walter! – Seine Stimme klang so sanft und herzlich, daß Kameron ihn verwirrt und bestürzt anstarrte – in wie seltsamem Irrtum sind Sie befangen! Ja, ich habe einen Brief geschrieben, ihn jedoch nicht abgesandt; nicht an Ihre Frau war er gerichtet, sondern an Sie selbst. – Sie glauben mir nicht? Wohl, ich kann es Ihnen beweisen, ich habe den Brief bei mir.

Und mit hastigem Griff zog er aus seinem Taschenbuch einen offenen Umschlag hervor, den er in Kamerons Hand legte. Lesen Sie! rief er und trat an den Herd, wo das Feuer zu erlöschen drohte.

Aber Kameron war völlig fassungslos; die Buchstaben schwammen ihm durcheinander und tanzten vor seinen Augen; nach einigen vergeblichen Bemühungen mußte er den Versuch aufgeben und starrte seinen Gefährten mit hilflosen Blicken an.

Hören Sie mich, Walter, sprach jener, in seiner starken Gemütsbewegung unwillkürlich die alte vertrauliche Anrede gebrauchend. Wenn ich Sie durch mein Verhalten unwissentlich beleidigt habe, so kann ich zu meiner Rechtfertigung nichts anführen als meine aufrichtige, ebenso herzliche, wie männliche Liebe für Sie. Sie nahmen meinen Platz an Brigitte Hallorans Lager ein, Sie stimmten meiner Diagnose bei und wandten meine Arzneimittel an, mit dem Bewußtsein, daß ein Mißlingen der Kur Ihnen Hohn und Spott eintragen würde, während der Ruhm eines etwaigen Erfolges auf mein Teil fallen sollte. Seitdem liebe ich Sie, wie meinen Bruder, mit aufrichtigster Herzensneigung. Von Natur kalt, empfinde ich doch für zwei Menschen die unbegrenzteste Zärtlichkeit: für meine Mutter, die mir Vorbild und Leiterin war, und für den Mann, der sich mir als Freund erwiesen hat.

Bestürzt und verwirrt über diese völlig unerwartete Ansprache vermochte Kameron nur ungläubig zu stammeln: Aber einst sind Sie doch in leidenschaftlicher Glut für ein Weib entbrannt, für die Frau, welche seitdem meine Gattin geworden ist? –

Der liebreiche Ausdruck in Molesworths Blick wich einem geheimnisvollen Feuer, das urplötzlich in seinen Augen aufflammte, um ebenso schnell wieder zu erlöschen.

Hat sie Ihnen vertraut – begann er.

Ich habe ihre Briefe gelesen, welche aus einer Zeit datieren, als sie meine Braut war, und unsere Hochzeit vor der Türe stand. Die Briefe waren für Sie bestimmt, sind zwar nicht abgeschickt worden, offenbaren aber in allen Einzelheiten den von ihr im Verein mit ihrer Schwester gefaßten Plan, nach welchem die Näherin Mildred Farley mir als Braut untergeschoben werden sollte, während Genofeva –

Molesworths Gesicht war erdfahl geworden; er ergriff krampfhaft des andern Hand und hing mit seinen Blicken atemlos an seinem Munde.

Sie rechneten darauf, die vornehme junge Dame zu heiraten und konnten sich nicht in die gewöhnliche Näherin finden, die sich Ihnen statt dessen darbot. Ich verdenke Ihnen das nicht; aber die Tatsache bleibt bestehen, daß die Braut mit der Liebe zu Ihnen im Herzen mit mir zur Trauung schritt und mir die Hand reichte, die noch eben in der Ihrigen gelegen. Die Leiche ihrer Schwester war noch nicht aus dem Hause geschafft, als sie mein Weib wurde.

Es ist ein Trauerspiel ohne Gleichen, sprach Molesworth in dumpfem Ton; dann lauschte er gespannt, ob nicht ein Nachlassen des Sturmes es ihm ermöglichen werde, der erzwungenen Zusammenkunft ein Ende zu machen.

Kameron aber dachte nicht mehr an Sturm und Unwetter. Sie ist mir eine liebende Gattin gewesen, fuhr er fort, und ich, der von ihrer düstern Vergangenheit nichts ahnte, habe sie in mein Herz geschlossen und jeden Argwohn in mir niedergekämpft, als ich sah, wie die Polizei sie von allen Seiten bedrängte. Meine Zweifel sind erst mit doppelter Gewalt erwacht, als ich von dem Briefe hörte, den Sie geschrieben, und glauben mußte, daß der Anblick ihrer Schönheit in Ihnen die Liebe zu ihr aufs neue angefacht habe. Nun sagen Sie mir aber, der Brief sei an mich gerichtet gewesen, nicht an sie! Ich segne Sie für dies Wort, Molesworth, ich segne Sie viel tausendmal; denn, wenn sie rein ist von der Sünde, deren ich sie zieh, kann sie nicht auch ebenso unschuldig an dem Verbrechen sein, dessen die Polizei sie anklagt?

Eine wahre Bergeslast schien sich ihm vom Herzen zu wälzen; sein Blick war so voller Inbrunst, daß Molesworth unwillkürlich seufzen mußte.

Sie hängen an ihr mit ganzer Seele, murmelte er, nicht Ihr Stolz allein hat also unter dem Zweifel gelitten.

Stumm wandte sich Kameron einen Moment ab, dann bezwang er sich nicht länger. Ja, ich liebe sie, rief er; sie ist mir teurer als mein Leben, wie seltsam auch dieses Bekenntnis Ihnen gegenüber klingen mag! Bleibt auch nur der Schatten eines Verbrechens an ihr haften, so bin auch ich ein gebrochener Mann. Mein Glück ist auf immer dahin, und zwar nicht, weil meine Laufbahn zerstört ist und Neugier und Spott mit Fingern auf mich weisen dürfen, sondern weil mein Ideal in den Staub getreten ist, weil das Weib, welches ich voll Entzücken an meinem Herzen hielt, in der ganzen Ruchlosigkeit ihres wahren Charakters vor mir dasteht.

Ich verstehe Sie, obgleich ich nie geliebt habe – Molesworth hielt inne und besann sich. Verzeihung, bat er nicht ohne männlichen Stolz, das Gefühl, das ich einst für Genofeva Gretorex zu hegen wähnte, liegt so weit hinter mir, daß ich kaum noch die Erinnerung daran bewahre. Gott, der uns beide dem drohenden Untergang im Schneesturm entrissen hat, ist mein Zeuge, daß ich nur Ihr Bestes will, Kameron!

Ich glaube Ihnen; Sie haben den Haß bezwungen, den ich noch vor einer Stunde gegen Sie im Herzen hegte; ich lege mein Leben, meine Ehre vertrauensvoll in Ihre Hand. Sie werden mit mir zurückkehren, Julius, werden sich der Polizei zur Verfügung stellen und mir helfen, Genofevas Unschuld zu beweisen. Sie sind ja überzeugt, daß das Weib, dem Sie in seiner schrecklichen Bedrängnis so wunderbare und beispiellose Hilfe leisteten, nicht eine verabscheuungswürdige Mörderin war, sondern nur eine unschuldige Unglückliche, deren einziges Vergehen darin bestand, daß sie entschlossen war, zu ihrem früheren Selbst zurückzukehren, sogar auf Kosten der ehrgeizigen Hoffnungen ihrer Schwester.

Ich wünsche nichts sehnlicher, als Ihnen zu helfen, erwiderte Molesworth, aber so, wie Sie meinen, geht es nicht. Hätte ich Ihnen nützen oder Ihre Frau retten können, wenn ich in Neuyork blieb, wahrlich, ich hätte meine Kranken nicht verlassen, nicht in einem Augenblick, wo sich mir hoffnungsvolle Aussichten erschlossen, meinen Beruf aufgegeben, um mich in einer elenden, abgelegenen Bauernhütte verborgen zu halten.

Aber – Sie fürchteten für Ihre eigene Sicherheit, Sie haben einen Meineid geschworen und – und –

Ich fürchte nichts für mich. Seit ich Sie kenne, hege ich nur den einen Wunsch, Sie vor jedem Kummer, jeder Demütigung zu bewahren. Lesen Sie den Brief, den ich an Sie geschrieben habe. Hätte ich ihn abgeschickt, so wären Sie vielleicht nicht hier. Aber ich wollte warten, bis die Gefahr dringender war, und ich zu der unumstößlichen Gewißheit gelangte, daß meinerseits ein langes, vielleicht fortgesetztes Opfer erforderlich sein würde. Lesen Sie den Brief! –

Kameron gehorchte mechanisch; er bezwang den Sturm in seinem Innern, heftete die Blicke auf das Papier in seiner Hand und las beim Schein der Herdflamme folgende Worte:

»Lieber Doktor Kameron!

Wenn Ihnen diese Anrede vielleicht anmaßend erscheint, so verzeihen Sie einem Unglücklichen, der voll Hochachtung zu Ihnen aufblickt. Was Sie für mich getan haben, das wissen Sie, nicht aber, welches unaussprechliche Gefühl der Dankbarkeit und Zuneigung Ihre hochherzige und selbstlose Handlungsweise in meiner Brust erweckt hat. Ich hätte es früher nicht für möglich gehalten, daß meine Hingebung an jemanden bis zur Hintansetzung meines Berufes und meines Ehrgeizes gehen könnte. Sie haben das bewirkt, und mein vornehmstes Bestreben soll hinfort sein, Ihren Liebesdienst zu vergelten. Ich will mir das zu einer wahren Lebensaufgabe machen, und wenn Ihnen dieses Geständnis dünkelhaft und unmännlich erscheint, so bitte ich Sie mit Ihrem Urteil zurückzuhalten im Hinblick auf meine Entschlossenheit, Ihre Ehre und Ihr Glück vor Unheil zu bewahren. Der Liebe ist kein Opfer zu groß, und dies Gefühl hat mich für Sie beseelt von dem Augenblick an, da Sie mir in der höchsten Bedrängnis so großmütig Ihre Hilfe zusagten. Zürnen Sie mir daher nicht, wenn ich jetzt vom Schauplatz verschwinde. Es geschieht allein um Ihretwillen, denn Ihnen zu dienen ist das innigste Verlangen Ihres wahrsten und treuesten Freundes

Julius Molesworth.

Verbrennen Sie diese Zeilen und vergessen Sie, daß ich sie je geschrieben.«

Der Brief entsank Kameruns Hand; Molesworth griff danach und warf ihn in die Flamme. Beim Schein des aufflackernden Feuers standen die beiden Männer einander wieder Auge in Auge gegenüber.

Was soll das? stöhnte Kameron.

Daß ich nicht mit Ihnen nach Neuyork zurückkehren darf. Daß jeder Verkehr zwischen uns aufhören muß. Sobald der Sturm sich legt, und ein Pfad durch die Schneewüste gefunden werden kann, entschwinde ich Ihren Blicken für immer. In welchem Schlupfwinkel ich mich verberge, dürfen Sie nie erfahren; um Ihrer Ehre, um Ihres Glückes willen dürfen Sie mir nicht folgen.

Totenblässe bedeckte Kamerons Gesicht bei diesen Worten.

Hierfür gibt es nur eine Auslegung, rief er; Sie sind zu der Ueberzeugung gelangt, oder Sie haben Beweise dafür, daß –

Molesworth hielt Kamerons Hand mit eisernem Griff umklammert. Kein Wort weiter, befahl er. Fordern Sie keine Erklärung von mir! Für uns ist kein anderer Ausweg möglich, als zu schweigen, nun Sie erfahren haben, daß ich nicht aus Furcht, sondern nur um Ihretwillen die Flucht ergriffen habe, und daß zwischen uns kein anderes Band besteht, als das der Liebe und Hochachtung.

Und Genofeva –

Der Name fiel wie ein Donnerkeil zwischen ihnen nieder. Es entstand eine drückende Stille, dann fuhr Molesworth fort:

Man wird sie auf einen bloßen Verdacht hin nicht gerichtlich belangen. Solange ich verborgen bleibe, können die Zweifel, welche den Fall umgeben, nicht gelöst werden, und alle Anstrengungen, ihn zu ergründen, müssen sich als vergeblich erweisen.

Und wenn man Sie findet?

Das wird nicht geschehen. Ich habe jetzt einen noch stärkeren Antrieb, mich vor den Spähern zu hüten, seit Sie mein Bekenntnis angehört haben, ohne mich zurückzustoßen.

Das tiefe Gefühl, welches in diesen Worten lag, verfehlte seinen Eindruck auf Doktor Kameron nicht, zugleich aber trat ihm sein hoffnungsloser Jammer klar vor die Seele. Er schlug beide Hände vor das Gesicht und stöhnte laut:

So ist denn mein Traum zu Ende! Meine Frau ist –

Das Weib, das Sie verpflichtet sind, zu schützen und zu lieben, unterbrach ihn der andere mit ernster, beinahe feierlicher Stimme.

Wie zerschmettert sank Kameron auf seinen Sitz zurück. Die wilde Leidenschaft, mit welcher er die Unterredung begonnen hatte, war verflogen, und völlige Gleichgültigkeit an ihre Stelle getreten. Ehe er noch ein Wort der Erwiderung fand, eilte Molesworth nach dem andern Ende des Raumes, stieg die Sprossen einer kleinen Leiter in die Höhe, die an der Mauer lehnte und verschwand in der Dunkelheit durch eine Falltür, die in das obere Stockwerk führte.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.