Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anna Katherine Green >

Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/green/vertuer/vertuer.xml
typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111103
projectid54d6258e
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Die drei Männer hatten es für eine Kleinigkeit gehalten, den Flüchtling und sein erbärmliches Pferd einzuholen; nach einstündiger Fahrt mußten sie jedoch zugeben, daß ihre Aufgabe schwieriger sei, als sie geglaubt. Molesworth hatte einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, sie bekamen sein Gefährt nie zu Gesicht, und es ließ sich daher auch nicht entscheiden, ob er auf der Landstraße geblieben sei oder einen der zahlreichen Nebenwege eingeschlagen habe, die sich rechts und links abzweigten. Die Dunkelheit brach schnell herein, und der von Frau Hunter prophezeite Sturm schickte als Vorboten einen seinen kalten Regen hernieder, der sich auf höchst unbehagliche Weise fühlbar machte.

So bekam denn der Pächter das Unternehmen bald herzlich satt, und nachdem er schon mehrmals unzufrieden vor sich hin gebrummt hatte, hielt er endlich das Pferd an und erklärte seine Absicht, umzukehren und nach Hause zu fahren.

Aber Kameron, dem es vorkam, als sähe er das Verdeck eines Einspänners in der Ferne auftauchen, bat und beschwor ihn, weiterzufahren, und auch der Hausierer stimmte für die Fortsetzung dieser Jagd, die ihn ordentlich aufzuregen schien. So willigte denn Jakob Lewis schließlich ein, sie noch bis zu einem gewissen Hause zu fahren; könnten sie von dort aus weiter befördert werden – schön und gut; wo nicht, so würde er umkehren und sie nach seinem Pachthof mitnehmen. Auf andere Vorschläge wollte er durchaus nicht eingehen.

Man konnte es ihm nicht verargen. Der Wind blies mit furchtbarer Gewalt, und das Pferd schien zu ermüden. Sie ergaben sich daher wohl oder übel in ihr Schicksal, und die Fahrt ging schnell weiter. Als sie das erwähnte Haus fast erreicht hatten, sahen sie einen Farmer, der sich abmühte, sein Scheunentor gegen den Wind zu schließen.

Ist ein Mann in Heydes neuem Einspänner hier vorbeigefahren? rief Lewis hinüber. Der Farmer nickte und deutete zugleich mit der Hand die Straße hinab; dann fuhr er mit seiner Arbeit fort. Kameron war vom Wagen gesprungen, über den Zaun gesetzt, und stand jetzt vor dem Mann, ihm einen Silberdollar hinhaltend.

Hat der Mann etwas gesagt? rief er, dies Geldstück soll Euer sein, wenn Ihr mir seine Worte wiederholt.

Der Angeredete bekannte zögernd, daß derselbe gar nichts gesprochen habe.

Ich gebe Euch noch fünfmal so viel, rief Kameron, wenn Ihr mir ein Fuhrwerk verschafft, um ihm nachzufahren. Unser Pferd ist abgehetzt.

In zehn Minuten würde meines ebenso weit sein, wandte der Farmer ein.

Das Pferd vor uns kann unmöglich länger aushalten; vielleicht holen wir's schon in einer Viertelstunde ein; laßt Euch doch den Verdienst nicht entgehen.

Schon gut, Herr, treten Sie nur hier in die Scheune, ich will im Augenblick einspannen. Aber fünf Dollars bekomme ich, ob wir den Burschen einholen oder nicht!

Ja, wenn Ihr versprecht, mich nicht unterwegs im Stich zu lassen.

Ohne Sorge; ich fahre Sie jedenfalls nach der Stadt.

Zu Kamerons Ueberraschung ergab sich nun, daß die Straße, auf der sie sich befanden, in einem Bogen nach Harley zurückführte, wahrend er geglaubt hatte, die Stadt im Rücken zu haben.

Und wie weit ist es von hier nach dem Gasthof? fragte er.

Fünf Meilen, wenn wir über Sinton fahren; drei Meilen auf dem direkten Wege.

Wir verfolgen dieselbe Richtung wie der Mann vor uns, und der ist schwerlich über Sinton gefahren.

Mit einem besorgten Blick nach dem Himmel verließ der Doktor die Scheune und suchte seine Gefährten auf. Er fand nur den Pächter Lewis im Wagen.

Wo ist der Hausierer? fragte er.

Hineingegangen, um sich zu wärmen. Er scheint die Geschichte satt zu haben und wird schwerlich heute abend noch weiter wollen. Will Noyes Sie fahren?

Ja wohl, er spannt eben ein.

Ich hätte ihn für klüger gehalten. Na, das ist seine Sache. Ich will machen, daß ich heimkomme zu meiner Alten, ehe mein Pferd liegen bleibt. Gute Verrichtung! Den Kerl werden Sie nicht kriegen, wohl aber einen tüchtigen Schnupfen.

Bei dieser tröstlichen Verheißung wandte er sein Tier und war in der Dunkelheit verschwunden, ehe der Doktor ihm noch danken konnte.

In höchster Ungeduld wartete Kameron, bis das neue Gefährt endlich erschien. Zugleich hatte sich der Hausierer wieder eingefunden.

Sie werden mich doch nicht hier lassen, rief er, Kamerons Absicht erratend, in heftiger Erregung; wenn Sie mich nicht mitnehmen, bleibt mir nur übrig, zu Fuß hinter dem Wagen herzulaufen, denn nach Harley muß ich heute jedenfalls zurück.

War dies der näselnde, schlürfende Mensch von gestern abend? Der Doktor betrachtete ihn mit zweifelnder Miene. Wie, wenn der angebliche Hausierer ein Verbündeter seines Feindes war, der ihn unterwegs aufhalten wollte? – Bei genauerer Betrachtung fand er aber den Menschen so gutmütig, harmlos und unverdächtig, daß er es nicht über's Herz brachte, ihm den Platz im Wagen zu verweigern.

Der niederströmende Regen hüllte jetzt die ganze Landschaft in einen dichten Schleier ein, und der Wind blies mit verdoppelter Wut. Aber der neue Kutscher verstand sein Geschäft. Er fuhr darauf zu, so schnell das Pferd laufen konnte. Wir holen ihn sicher ein! rief er.

Es ging jedoch weiter und weiter, und kein Einspänner kam in Sicht. Oefter glaubten sie vor sich das Rollen von Rädern zu vernehmen, aber der Wind heulte so laut, daß sich nichts unterscheiden ließ. Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, wo die Straßen sich trennten, und hielten still, um einen Entschluß zu fassen.

Wenn er in Harley wohnt, ist er sicher nicht über Sinton gefahren, behauptete Noyes; man möchte ja heute keinen Hund hinausjagen.

In Harley wohnt er nicht, ist überhaupt nicht aus der Gegend; er trachtet nur, mir zu entkommen und wird den Weg wählen, auf dem ihm das am leichtesten ausführbar scheint, sagte Kameron.

Falls er von dem Sonntagszug weiß, der um Mitternacht durch Sinton kommt, wird er vermutlich mit diesem die Flucht bewerkstelligen wollen.

Was sagen Sie? Ein Sonntagszug nach dem Süden? rief Kameron in höchster Erregung.

Ja wohl; trifft in Sinton um 12 Uhr nachts ein.

Also, auf nach Sinton! Diesen Zug wird er benützen wollen. Er weiß, daß er mir anders nicht entrinnen kann.

Bei heftigem Regen und dunkler Nacht erreichten die drei Männer endlich die Stadt Sinton und fuhren sogleich am Gasthaus vor. Hier stand ein Einspänner vor der Tür, und kaum hatte Kameron ihn erblickt, als er in höchster Aufregung aus dem Wagen sprang und auf das Gefährt zueilte.

Jetzt kann er uns nicht mehr entgehen, rief er voll froher Zuversicht; dies ist mein Fuhrwerk, das er sich angeeignet hatte.

Allein er hatte zu früh frohlockt. Im Wirtshaus erfuhren sie, der Gesuchte habe sich nach der Abgangszeit der Bahnzüge erkundigt und sei dann wieder fortgegangen, ohne etwas zu hinterlassen.

Weit konnte er indessen nicht sein. Es war ja zweifellos, daß er es auf den Nachtzug abgesehen hatte und rechtzeitig wieder zum Vorschein kommen würde. In dieser Zuversicht entließ Kameron den Farmer, und er hätte es nicht ungern gesehen, wenn der Hausierer auch mit verschwunden wäre. Dieser aber hatte sich einen warmen Winkel ausgesucht, wo er sich höchst gemütlich zu fühlen schien. Der Doktor beachtete ihn nicht weiter, verzehrte sein Abendessen und ließ sich dann an einem möglichst verborgenen Platz nieder, um Molesworths Ankunft abzuwarten.

Nicht lange genoß er jedoch die behagliche Ruhe. Der Gedanke quälte ihn, ob es auch wirklich klug gehandelt sei, wenn er hier bliebe. Molesworth, der ihm heute schon einmal einen so empfindlichen Streich gespielt hatte, war wohl imstande, einen zweiten ähnlichen auszuführen. Hatte er vielleicht das Gefährt nur darum zurückgelassen, um ihn zu täuschen?

Diese Zweifel ließen dem Doktor keine Ruhe mehr, und so trat er vor das Haus, um nach dem Wetter zu sehen. Der Regen rauschte herab, der Wind heulte, und das arme Pferd stand noch immer zitternd vor Kälte und Nässe da.

Plötzlich kam ihm ein Einfall: wie, wenn er geschwind nach Harley zurückführe? Auf direktem Wege war die Entfernung dorthin nicht groß, und er konnte dann ganz gut in Harley in denselben Zug steigen. Nebenbei erhielt der Eigentümer sein Gespann wieder, und er konnte die Reisetasche, die er im Gasthof in Harley zurückgelassen, abholen. Und was noch wichtiger erschien: durch seine Entfernung würde der Argwohn des Verfolgten eingeschläfert, falls dieser den Wirt bestochen hatte, um rechtzeitig vor jeder drohenden Gefahr gewarnt zu werden.

Entschlossen, diesen Plan auszuführen, machte Kameron sein Eigentumsrecht auf das draußen stehende Fuhrwerk geltend, und da keine Einsprache erhoben wurde, schickte er sich sofort zur Abfahrt an.

Der Wagen war schon im Gang, als der Hausierer mit überraschter Miene auf der Schwelle erschien und ihm nachrief: »Sie kommen doch wieder, Herr!« Allein der Doktor hatte den Zuruf überhört oder wollte nichts erwidern.

Unterwegs dachte er über seine glückliche Idee weiter nach, und er sah schon im Geiste, wie Molesworth, nichts ahnend, beim Eintreffen des Zuges auf dem Perron stand, auf den Wagen zuschritt, und er ihn am Einsteigen hindern würde.

Man denke sich seinen Verdruß und Schrecken, als er in Harley erfuhr, daß ausnahmsweise gerade dieser Zug auf dieser Station nicht anhalte, woran er zuvor gar nicht gedacht hatte. Es blieb ihm nichts übrig, als abermals ein Gefährt zu mieten und schleunigst wieder hinüberzufahren. Allein seit seiner Abfahrt aus Sinton hatte sich das Unwetter fortwährend verschlimmert, und der Zustand der Landstraße wurde immer mißlicher. Weder der Fuhrherr wollte eines seiner Pferde zu der Fahrt hergeben, noch fand sich sonst ein Kutscher, der selbst für hohen Preis das Wagnis unternommen hätte. Also im Stich gelassen, mußte er sich der Macht der Umstände fügen und nach dem Gasthaus zurückkehren, wo er die letzte Nacht zugebracht hatte.

Er wäre über seine Niederlage untröstlich gewesen, hätte er nicht zu seiner Beruhigung auf der Station vernommen, daß der Nachtzug infolge von Schneewehen mit bedeutender Verspätung, von mehreren Stunden, signalisiert sei. Wahrscheinlich kam derselbe nicht lange vor Tagesanbruch durch, so daß er nur einen kurzen Vorsprung vor dem Expreßzug voraus hatte, der Harley um 7 Uhr vormittags verließ.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.