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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Kameron begab sich geradeswegs nach Frau Olneys Hause. Wenn er auch nicht hoffen durfte, dort etwas zu erfahren, was ihn bei seinen Forschungen leiten könne, so glaubte er doch, daß die Frau, bei welcher Julius Molesworth schon so lange wohnte, einen bessern Einblick in seinen Charakter haben müsse, als ihm bei seiner Voreingenommenheit möglich war. Die gute Frau empfing ihn wie einen alten Bekannten und hielt mit ihren Mitteilungen ihm gegenüber durchaus nicht zurück.

Sie war auf eine längere Abwesenheit ihres Mieters gefaßt und wurde in dieser Ansicht hauptsächlich durch den Umstand bestärkt, daß er die Photographie seiner Mutter aus dem Rahmen geschnitten und mitgenommen hatte. Alle seine Rechnungen waren berichtigt, und in der Kommodenschublade fand sich die kleine Summe für die Waschfrau und den Laufburschen. An Kleidungsstücken hatte er nur das Nötigste bei sich, auch seine übrigen Sachen waren zurückgeblieben. Seit er seine Braut auf so schreckliche Weise verloren, war er stets so trübsinnig gewesen, daß die Wirtin das Schlimmste befürchtet hatte; aber das Fehlen des Bildes beruhigte sie wieder.

Kameron lächelte bitter. Natürlich glaubte die gute Frau gleich der übrigen Welt, die Tote könne niemand anderes gewesen sein, als Molesworths Verlobte.

Frau Olney floß von ihres Mieters Lobe über, den sie offenbar schätzte und bewunderte.

Ein so ehrenwerter, tüchtiger Mann, rief sie, nur etwas hart und schroff. Das hat die arme Mildred in den Tod getrieben; sie war so klug und gut, aber sie verlangte nach mehr Liebe und Mitgefühl, als er ihr zu bieten hatte. Daß seine Gleichgültigkeit sie um den Verstand bringen und zum Selbstmord treiben würde, daran habe ich freilich nicht von ferne gedacht. Hätte ich eine Ahnung gehabt –

Kameron war im Augenblick wenig dazu aufgelegt, ihre Klagen über Mildreds Geschick anzuhören, und leitete das Gespräch schnell wieder auf den Mann zurück, der jetzt allein sein Interesse in Anspruch nahm. Sie ging bereitwillig darauf ein und sprach des längeren und breiteren von Molesworths Gewohnheiten und Bekanntschaften, ohne daß Kameron aus ihren Reden für seinen Zweck das Geringste hätte entnehmen können. Auf einmal aber brach sie zu seinem höchsten Erstaunen in die Worte aus:

Und für Sie, Herr Doktor, hatte er eine solche Zuneigung!

Er fuhr auf, als platze eine Bombe zu seinen Füßen. Für mich? fragte er verwundert.

Ja wohl; Sie sind doch sein bester Freund, nicht wahr?

Kameron errötete bis in die Schläfen hinauf; Frau Olney sah ihn bestürzt an.

Ich – ich war der Meinung, stammelte sie, er wäre keinem Menschen so zugetan wie Ihnen. – Ihr Name ist doch Kameron?

Der Doktor verbeugte sich stumm; er brachte kein Wort heraus. Eine Flut von argwöhnischen Gedanken und nagenden Zweifeln stürmten auf ihn ein.

Dann habe ich ganz recht, daß er große Stücke auf Sie hält. Sonst wäre ich auch vorsichtiger gewesen Ihnen gegenüber, denn ich habe Herrn Gryce versprochen – der ist ein sehr kluger Mann und Detektiv –, ich würde des Doktors rätselhafte Abwesenheit gegen niemand erwähnen. Ich habe sie auch ganz geheim gehalten, und bis jetzt hat noch in keiner Zeitung etwas davon gestanden. Aber auf Sie bezieht sich das nicht; ich weiß ja, daß Sie ein Recht haben zu erfahren –

Bitte, erklären Sie sich deutlicher, fiel ihr Kameron ins Wort. Mir ist nichts davon bekannt, daß Doktor Molesworth besondere Wertschätzung für mich hegt. Wenn dies aber der Fall ist –

Freilich; ich will Ihnen auch sagen, woher ich es weiß. Ich schäme mich zwar etwas darüber, aber wir Frauen sind nun einmal neugierig, wenn es auch nicht gerade meine Gewohnheit ist, fremde Briefe zu lesen.

Ihr Besucher erblaßte plötzlich. Er hob die Hand, als wolle er dem Gespräch ein Ende machen, doch besann er sich anders und hörte gespannt zu.

Neulich, fuhr sie fort, wurde nämlich ein Mann vor unserm Hause überfahren, und Doktor Molesworth rasch zu Hilfe gerufen. Er nahm sich nicht einmal Zeit, seine Schreibmappe zuzuklappen und die Tür abzuschließen. Ich hatte gerade in seinem Zimmer etwas zu tun und sah einen angefangenen Brief auf dem Schreibtisch liegen; mir kam es ja nicht in den Sinn, ihn zu lesen, er konnte mich auch gar nicht interessieren, aber mein Blick fiel ganz zufällig auf ein Wort, das meine Neugier reizte – es war das Wort »Liebe« und so las ich flüchtig ein paar Sätze.

Reden Sie nicht weiter! rief Kameron aufspringend; ich danke Ihnen, aber ich kann diese vertraulichen Mitteilungen nicht anhören.

Die Frau lachte laut: Es ist gar kein Unrecht dabei. Der Brief war ja an Sie.

An mich?

Freilich; der Name Kameron war deutlich zu lesen. Erst dachte ich, die Zuschrift wäre an eine Dame, weil der Schluß so zärtlich war, es hieß darin:

»Der Liebe ist kein Opfer zu groß, und dies Gefühl für Sie hat mich beseelt von dem Augenblick an, als Sie –«

An dieser Stelle hörte der Brief auf; vielleicht ist er gar nicht abgeschickt worden, aber Sie können sich das Ende gewiß hinzudenken. Ich bin ordentlich froh, daß er an keine Frau gerichtet war.

Kameron hatte Mühe, die Fassung zu bewahren und sich mit Höflichkeit zu empfehlen. An seinem Innern nagten alle Schlangen der Eifersucht. Er wußte, für wen der Brief bestimmt war, keinen Augenblick hatte er daran gezweifelt. Molesworths Leidenschaft, welche dem armen Mädchen gegenüber erloschen schien, war wieder zur Glut entflammt, nun die Geliebte im früheren Glanz des Reichtums und der Schönheit strahlte. Dieser Umschwung der Gefühle war wohl erklärlich, aber es gehörte Schändlichkeit dazu, sie in Worte zu kleiden, nachdem Molesworth selbst den Gegenstand seiner Verehrung durch seine Gleichgültigkeit in die Arme eines andern getrieben, dessen Weib sie geworden war. Kamerons Empörung kannte keine Grenzen; ihm kamen die Reden und Andeutungen des Inspektors ins Gedächtnis zurück, und er schalt sich einen Toren, daß er geglaubt habe, der Bruch zwischen ihr und Molesworth sei unwiderruflich, sein eigenes Recht als Gatte und Beschützer unantastbar. Wie, wenn sie den Brief erhalten und mit gleicher Zärtlichkeit erwidert hatte? Konnten nicht alle ihre Beteuerungen von Liebe und Hingebung nur elende Kunstgriffe sei, um ihr Schuldbewußtsein unter schmeichelndem Lächeln und heuchlerischen Tränen zu verbergen?

Solche Gedanken beschäftigten Kameron, nachdem er Frau Olney verlassen. Noch war er jedoch nicht weit gegangen, als ihm die Besinnung zurückkehrte und mit derselben seine unaussprechliche Liebe für Genofeva. Er sah im Geist ihr reines süßes Antlitz, sah wie sie auf den Kissen lag, so rührend in ihrer Schwäche und Hilflosigkeit, und der düstere Argwohn schwand aus seiner Brust. Wie groß auch ihr früheres Unrecht, ihre Verblendung gewesen war, jetzt liebte sie ihren Gatten, und ihr Herz wußte nichts von Falschheit und Hinterlist. Er baute fest auf ihre Treue und Wahrhaftigkeit und Verbannte alle Zweifel. Im Augenblick des wiederkehrenden Vertrauens hegte Kameron nur zärtliche Gefühle für das Weib, das von allen Seiten so erbarmungslos verfolgt wurde. Aber der Groll gegen Molesworth war nicht geschwunden, und immer fester wurde der Entschluß, ihn in seinem verborgenen Schlupfwinkel aufzuspüren. Wenn keine Ueberredung half, wollte er ihm mit Gewalt das Geheimnis entreißen, nach welchem die Polizei forschte. Er wollte ihn auch zu dem Bekenntnis zwingen, daß Genofeva an dem erneuten Versuch eines heimlichen Verkehrs zwischen ihnen keinen Anteil habe. Nie letzte Entdeckung, verbunden mit der Kenntnis von Molesworths früherem Liebesverhältnis, war zu einer furchtbaren Waffe in Kamerons Hand geworden, vor welcher der Gegner zittern sollte.

Jetzt dachte er sich an die eigentliche Quelle zu wenden, wo er Auskunft über den Aufenthalt des Flüchtlings zu finden hoffte. Er wollte die arme Frau im Hospital aufsuchen, an deren Heilung Molesworth so viel gelegen war.

Molesworth mußte sie, aller Gefahr zum Trotz, bis zu einem gewissen Grad ins Vertrauen gezogen haben. Noch war ihre Kur nicht so weit vorgeschritten, als daß sie Molesworths Rat und Hilfe ganz hätte entbehren können; er durfte nicht jede Verbindung mit ihr lösen, wollte er nicht zugleich den Fall aufgeben, auf dessen günstigen Ausgang er so große Hoffnungen gebaut hatte.

Bald saß Kameron im Hospital am Bett der armen Kranken, die ihn mit dankbarer Freude begrüßte.

Wie haben Sie nur gewußt, rief sie, daß ich nach einem Blick von Ihnen schmachte? Sie sind so lange nicht hier gewesen, und ich wollte Ihnen doch zeigen, wie viel besser mir's geht. Fast bin ich mit Ihrer und Herrn Molesworths Hilfe wieder auf die Beine gebracht, und ich glaubte doch schon, mein nächster Weg wäre auf den Kirchhof. Jetzt fühle ich, wie es wieder vorwärts geht mit mir.

Es ist mir lieb, das zu hören, entgegnete Kameron freundlich, ich sprach nur eben einmal vor, um zu sehen, was Sie machen, damit ich Doktor Molesworth darüber berichten kann.

Brigitte blickte sich vorsichtig um: Sie wissen also, wo er ist? Das ist schön. Hier ahnt es niemand; man will mir glauben machen, er sei wieder krank, und ich sage auch nichts dagegen. Er hat so viel für mich getan, da werde ich ihn doch nicht verraten, wenn ich auch nicht weiß, warum er fortgereist ist.

Kameron war schlecht zumute; es kam ihm schändlich vor, der Frau das Geheimnis ihres Wohltäters zu entlocken.

Er sagte, er müsse auf längere Zeit fort, um einen Kranken zu besuchen, ich solle die Arznei regelmäßig nehmen und alle seine Vorschriften genau befolgen; wenn ich dann wieder wohl sei und ausgehen könne, solle ich's ihn wissen lassen. Das will ich gerne tun, wenn ich nur lesen könnte, was er mir aufgeschrieben hat. Sagen Sie mir's doch, ob es Yonkers oder Orange heißt, ich kann's nicht herausbringen.

Es ward dem Doktor schwer, seine natürliche Abneigung gegen List und Falschheit zu unterdrücken, doch sah er keinen andern Ausweg.

Mir geht es leider ebenso, gute Frau, ich weiß auch nicht, ob es Yonkers oder Orange heißt. Er hätte wirklich deutlicher schreiben sollen. Zeigen Sie mir die Adresse, die er Ihnen gegeben hat, vielleicht kann ich sie entziffern.

Zögernd fuhr sie mit der Hand unter das Kopfkissen. Er hat mir gerade in die Augen geschaut und gesagt, niemand dürfe es sehen, und wenn man den Zettel fände, solle ich nicht sagen, wer ihn geschrieben hat. Aber Sie kann er doch nicht gemeint haben – Sie sind ja sein Freund und auch ein guter Arzt wie er.

Nein, ihn hatte Molesworth nicht gemeint – wie hätte er die Gründe ahnen können, die ihn zu seiner Verfolgung trieben? Kameron nahm der Kranken das Papier aus der Hand. Ein einziger Blick genügte ihm. Es heißt weder Yonkers noch Orange, sagte er zu der armen Brigitte, ihr den Zettel zurückgebend, sondern Harley. Hierauf untersuchte er ihren Zustand genau, überzeugte sich, daß ihre Besserung gute Fortschritte mache und die Heilung nahe bevorstehe, schärfte ihr nochmals alle Verhaltungsmaßregeln ein und verließ dann den Krankensaal mit dem Bewußtsein, daß kein Detektiv die Sache geschickter hätte anfangen können.

Vom Hospital begab er sich zu dem Arzt, welchem er die Behandlung seiner Frau anvertraut hatte, traf die nötigen Verabredungen mit ihm und machte sich dann auf den Heimweg. Aber keine frohe Hoffnung beflügelte seinen Schritt, bange Furcht geleitete ihn – war doch die schlimmste Nachricht, welche ihn in seiner Behausung erwarten konnte, die, daß seine Frau zum Bewußtsein zurückgekehrt sei und sehnsüchtig nach seinem Anblick verlange.

Diese Prüfung stand ihm aber noch nicht bevor. Genofevas Zustand war unverändert, und die neue Wärterin, die er, der Ankündigung des Inspektors gemäß, daheim vorfand, bedurfte keiner Erklärung, warum er dem Krankenzimmer fern blieb.

So traf er denn seine Vorkehrungen zu dem abenteuerlichen Unternehmen und verließ das Haus, ohne zuvor die Schwelle zu übertreten, die vor kurzem noch für ihn die Pforte des Paradieses gewesen war.

Drittes Buch.

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