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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Gryce saß da und starrte ins Leere, die Blätter waren seiner Hand entfallen. Endlich vermochte Doktor Kameron, von Angst gefoltert, dies unheilvolle Schweigen nicht länger zu ertragen. Er berührte den Detektiv an der Schulter, und Gryce fuhr mit einem tiefen Seufzer aus seinen Gedanken auf.

Eine merkwürdige Lage der Dinge, rief er, es ist zu arg, daß ich die ganze Zeit über an Ort und Stelle war, ohne etwas zu ahnen, fügte er leise mit bekümmertem Ton hinzu.

Und ich hatte eben mit der falschen Braut gesprochen, als die richtige Genofeva erschien. Noch sehe ich den Gesichtsausdruck des armen Mädchens bei ihrem Anblick. Schrecken, Zorn, Entsetzen, Empörung, alles vereinigt. Damals konnte ich mir diese entfesselten Leidenschaften freilich nicht erklären, aber nun ich weiß, daß sie sich das Leben nahm –

Wen hatten Sie gesprochen? fragte der Detektiv eifrig.

Wirklich Mildred Farley in dem Brautanzug von Genofeva Gretorex, in welchem letztere bald darauf zum Altar trat?

Ja.

Und Sie haben sich täuschen lassen, haben geglaubt, es sei Ihre Braut?

Mir kam kein Zweifel. Sie wissen ja, welche Erleichterung mir ihre Anwesenheit gewährte, ich war wenig kritisch gestimmt. Nur einen Augenblick sah ich sie, und da erschien sie mir reizender und sprach lebhafter als Genofeva je getan.

Wie groß muß ihre Bestürzung gewesen sein, als sie die andere kommen sah. An Mildreds Enttäuschung hatte Fräulein Gretorex offenbar nicht gedacht.

Sie war zu sehr mit ihrer eigenen beschäftigt.

Die doch kaum schrecklicher sein konnte als die ihrer Schwester. Alle ersehnten Freuden lagen in Mildreds Bereich; sie brauchte die Hand nur auszustrecken und ihre Wünsche auf Erden waren erfüllt; da wird ihr plötzlich alles entrissen, und sie sieht sich zurückgeschleudert in ein liebeleeres Leben voll Mangel und harter Arbeit. Sie besaß viel Ehrgeiz und war überhaupt, wie mir dünkt, eine ursprünglichere, feurigere Natur als ihre bevorzugte Schwester.

Das weiß ich nicht. Jedenfalls erschütterte die Zerstörung ihrer Hoffnungen sie so sehr, daß sie alles verloren gab. Nun Sie den Beweggrund kennen, der Mildred in den Tod trieb, werden Sie Ihren furchtbaren Argwohn gegen meine Frau fahren lassen müssen.

Der Beweggrund ist freilich stark genug für jede Tat, rief Gryce. Hätte ich nur damals durch Mauern und Wände sehen können, dann wüßte ich, wie alles zugegangen ist. Wir müssen das Geheimnis jener letzten Zusammenkunft der beiden Schwestern enträtseln, wenn Sie je wieder zur innern Ruhe kommen sollen, und ich zur Befriedigung in meinem Beruf.

Der Doktor sah gedrückt und niedergeschlagen aus. Ich hatte gehofft, sagte er, Sie zu überzeugen und die Sache zu erledigen, ehe meine Frau wieder zum Bewußtsein erwacht. Was Sie verlangten, habe ich erfüllt. Sie kennen das wichtige und zugleich beschämende Geheimnis, das meine Frau in der Brust verschloß und dessen drohende Entdeckung ihr die tödlichste Angst bereitete, und ich habe Ihnen bewiesen, daß Mildred Farley den hinreichendsten Grund hatte, um eine Tat der Verzweiflung zu begehen.

Wohl wahr, aber damit stehen wir zugleich vor einer neuen und furchtbar ernsten Frage: wie, wenn sich Mildred Farley nicht in das Schicksal ergeben wollte, das ihr durch die Rückkehr der wahren Genofeva bereitet wurde? Wie, wenn ihre plötzliche Unterwerfung unter die Macht der Umstände nur durch den Trank ermöglicht wurde, der sie aus immer verstummen ließ und den notwendigen Umtausch der Kleider gestattete? Oder können Sie das Gegenteil beweisen?

Beweisen? Ja, ich habe Beweise. Zeugt nicht Genofevas Angesicht unwiderleglich dafür, daß kein böser Dämon in ihr wohnt? Haben Sie sie beobachtet? Haben Sie ihr Lächeln gesehen? Edle weibliche Würde umgibt sie, ihr Wesen ist voll Sanftmut, Weichheit und Milde. Und Sie trauen ihr das Entsetzliche zu! Erst der Schwester das Leben zu nehmen und dann mit kaltem Blut die eigenen Kleider mit denen der Leiche zu wechseln: das wäre die Tat einer völlig Verworfenen. Schon der Gedanke erfüllt mich mit Grausen, die Handlung selbst ist eine Unmöglichkeit. Wir haben es mit weiblichen Wesen zu tun, nicht mit satanischen Geschöpfen – vergessen Sie das nicht!

Wir haben es mit der verzweifeltsten Lage zu tun, in der sich je ein Weib befand, war Gryces schnelle Erwiderung. Was im gewöhnlichen Lauf der Dinge gilt, findet hier keine Anwendung. Rasches, energisches Handeln tat not. Liebe, Ehre, Hoffnung, ja das Leben selbst stand auf dem Spiel. In der Stunde der äußersten Gefahr gab es kein Bedenken, keine Rücksicht. Auch möchte ich Sie daran erinnern, daß Frau Doktor Kameron selbst gestand, sie habe die Leiche der Schwester in den Alkoven gezogen und dort unter dem Haufen Kleider verborgen. Wenn sie imstande war, das zu tun – Doktor Kameron ließ ihn nicht aussprechen, sondern bemerkte:

Das erforderte nur eine momentane Unterdrückung des Gefühls, es war das Werk eines Augenblicks. Einen leblosen Körper zu entkleiden und ihm die eigenen Sachen Stück für Stück anzuziehen, ist nicht damit zu vergleichen. Sie müssen doch einsehen, daß nicht einmal die Zeit dazu hingereicht hätte, selbst wenn sie es in Windeseile tat, ohne einen Moment des Zitterns und Zagens. Schon daß es ihr mit Hilfe der Schwester gelang, sich so schnell in den Brautanzug zu kleiden, ist wunderbar genug.

Freilich – freilich, gab Gryce zu.

Die Frauen, fuhr Kameron fort, brauchen bei solcher Gelegenheit stets lange Zeit, auch war kein Zeichen von Übereilung oder Mangel an Sorgfalt erkennbar; daraus folgt, daß Mildred sofort bei Genofevas Erscheinen das größere Recht der Schwester anerkannt haben muß und beide, ohne ein Wort zu verlieren, auf der Stelle den Tausch der Kleider vornahmen. Als nun Genofeva im Brautschmuck vor ihr stand, wird über die arme, grausam getäuschte Mildred eine solche Verzweiflung gekommen sein, daß sie nur noch den Tod begehrte. Sich des Fläschchens bemächtigend, von dem sie schon früher gewußt haben muß, hat sie es auf einen Zug geleert, wie meine arme Frau damals berichtete.

Gryce nahm ein Blatt Papier zur Hand und schrieb einige Worte nieder.

Scheint dies nicht die einzig mögliche Erklärung der Tatsachen? fuhr der Doktor fort. Ist es vernünftig, gegen alle Wahrscheinlichkeit eine Schuld beweisen zu wollen, die so der Natur zuwiderläuft?

Der Detektiv schob das Papier wieder von sich, antwortete jedoch nicht, sondern gab dem Gespräch eine neue Wendung.

Es ist doch sehr auffallend, sagte er, daß, Fräulein Gretorex in jenen Briefen nur den Abschied von ihren Eltern erwähnt und ihrer übrigen Freunde gar nicht gedenkt, von denen sie doch gleichfalls für immer geschieden war, wenn der Plan zur Ausführung kam. Ein Fräulein Foote wurde zum Beispiel genannt, welches –

Meine Frau hat den Umgang mit Fräulein Foote abgebrochen; sie sehen einander nicht mehr. –

Vielleicht hatte sie ihr den Plan mitgeteilt, und die Entzweiung rührt daher.

Schwerlich. Fräulein Foote ist längere Zeit in Europa gewesen und erst kürzlich zurückgekehrt. Der Post ein solches Geheimnis anzuvertrauen wäre mißlich gewesen. Die eigentliche Ursache der Entfremdung kenne ich nicht; Genofeva sagt, sie habe sich in ihrer Freundin getäuscht; sie will sie weder bei sich empfangen noch von ihr sprechen. –

Gryce warf abermals eine Notiz auf das Papier.

Frauenlaunen sind unberechenbar, murmelte er. Hat sie sich denn auch ihren andern Freunden gegenüber so gleichgültig verhalten und keinen Anteil für ihre früheren Beziehungen an den Tag gelegt?

Das brachten die Umstände mit sich. Eine junge Frau wird durch so mancherlei in Anspruch genommen. Bei Genofeva kamen noch die verschiedensten Aufregungen hinzu, die eine etwaige Gleichgültigkeit im Verkehr mit den Bekannten sehr begreiflich erscheinen lassen. Auch zeigte sie sich für die Freuden der Welt durchaus nicht teilnahmslos. Ja, sie hat sogar eine Zeitlang in Washington größeres Vergnügen an Festen und Gesellschaften bekundet als jemals, seit ich sie kenne. Wie hätte sie so von Lust und Heiterkeit übersprudeln können, wenn ihr ein geheimes Verbrechen auf dem Gewissen lastete?

Das war, ehe Doktor Molesworth kam, ehe sie erfuhr, daß er verhaftet werden solle? fragte Gryce.

Ja.

Später war sie weniger heiter?

Natürlich.

Vielleicht ängstigte sie sich um ihn und suchte es zu verbergen?

Welche Frau hätte sich nicht geängstigt, wenn um ihretwillen ein unschuldiger Mann in eine verdächtige Lage geraten wäre, aus der sie ihn nicht befreien konnte, ohne ihre eigene Sicherheit zu gefährden?

Ließ sie bei ihrer Reue keine Liebe durchblicken, kein Rachegefühl bei ihrer Weigerung ihm beizustehen?

Ich würde als ihr Gatte keine Antwort auf solche Anspielungen geben, Herr Gryce, wenn ich nicht fürchtete, Sie könnten mein Schweigen falsch deuten. Deshalb erkläre ich hiermit, daß mir Fräulein Gretorex, seit sie meine Frau ist, weder durch Wort noch Blick die leiseste Veranlassung zur Eifersucht gegeben hat. Wenn in ihrem Innern noch ein Funke der alten Leidenschaft glüht, so ist er völlig unsichtbar geblieben; auch ihr etwaiger Groll äußerte sich höchstens als Gleichgültigkeit.

Gryce sah aus, als habe er den Doktor in die Enge getrieben und freue sich darüber. Er warf abermals einige Worte auf das Papier.

Wenn sie ihr früheres Wesen so ganz wieder angenommen hat, sagte er, so wird sie wohl auch ihren Eltern gegenüber zu den alten Gewohnheiten zurückgekehrt sein, ihnen fleißig geschrieben haben und sich als gute Tochter erweisen.

Sie litt damals an Rheumatismus und konnte nicht schreiben. Ich übernahm daher den Briefwechsel und schrieb zweimal die Woche. Vorher besprachen wir zusammen, was ihre Mutter besonders interessieren würde.

Sie hatte Rheumatismus und ging doch so gern in Gesellschaft, wie Sie sagten?

Es waren nur Schmerzen an der Hand; sie konnte die Finger nicht gut bewegen, das Uebel ist noch nicht ganz gehoben.

Ja so, – sie hat mancherlei Leiden und ist sehr zu bedauern.

Gryce stand bei diesen Worten auf, faltete das Papier zusammen, das er beschrieben hatte, und steckte es mit der inhaltsschweren Briefrolle zu sich.

Wir wollen diese Unterredung nicht fortsetzen, sagte er, bis ich mit dem Inspektor gesprochen habe. Er ist ganz in der Nähe, und Sie werden nicht lange zu warten brauchen. Es wird uns beiden eine Beruhigung sein, in einer so wichtigen Angelegenheit seinen Rat einzuholen.

Kameron machte keinen Versuch, ihn zurückzuhalten; es wäre doch nutzlos gewesen. Der Detektiv verließ eilig das Zimmer, aber nicht ohne zuvor einen teilnehmenden Blick auf den Doktor geworfen zu haben, der gebeugten Hauptes dasaß.

Die Wartezeit war endlos, die Minuten schienen sich zu Stunden zu dehnen. Kameron atmete förmlich erleichtert auf, als sich endlich die Tür öffnete, und Gryce eintrat in Begleitung des Herrn, welcher den Doktor damals in seinem Hause aufgesucht hatte, um Erkundigungen über Genofevas Kleidernäherin einzuziehen.

Kameron ging ihm entgegen.

Was ist mein Schicksal? fragte er rasch und in ängstlicher Spannung.

Der Inspektor nahm ihn bei der Hand. Ich muß mit Ihnen reden, sagte er. Derartige Entscheidungen wollen wohl überlegt sein. – Sie lieben also Ihre Frau, Doktor Kameron, und sind von ihrer Unschuld überzeugt?

Unbedingt.

Das Urteil eines jungen Ehemanns ist in solchem Falle nicht ganz maßgebend. Aber ich glaube an Ihre aufrichtige Ueberzeugung und redliche Absicht. Wollen Sie mir Näheres über den Eindruck mitteilen, den Ihre Frau seit der Hochzeit auf Sie gemacht hat?

Das würde mir schwerfallen, denn ihr Benehmen war höchst wechselhaft. Nun ich aber die Ereignisse kenne, die ihr Gemüt so sehr belasteten, kann ich mit gutem Gewissen sagen, daß ihre Aufregung und ihre Schmerzen unter den Umständen höchst erklärlich waren.

Auch ihr weißes Haar?

Auch dieses. Stellen Sie sich doch einmal vor, was sie im Laufe weniger Stunden durchgemacht hat! Alles folgte Schlag auf Schlag: das Scheitern ihrer Pläne mit Molesworth, ihre Rückkehr, der Anblick Mildreds als Braut, der furchtbare Eindruck, den ihre veränderten Absichten auf das arme Mädchen machten, mit dem sie bis zuletzt in zärtlichster Gemeinschaft gestanden, die fieberhafte Eile beim Wechseln der Kleider, mit denen sie zugleich ihr früheres Selbst wieder annahm, dann Mildreds rasche Tat, die in einem Augenblick das Hochzeitshaus zu einem Leichenhaus machte und ihren Triumph, ihre Festesfreude in Todesfurcht und Entsetzen umwandelte, was sie noch obendrein vor aller Augen, selbst denen ihres Bräutigams aufs sorgfältigste verbergen mußte. Dann folgte der Schrei, der irgendeinen unbekannten Schrecken oder die Entdeckung bedeutete. Entweder war Mildred wieder zum Leben erwacht, vielleicht unter qualvollen Schmerzen, oder der Schlüssel, den Genofeva bei sich trug, hatte die Tür nicht verschlossen, und schon im nächsten Augenblick konnte der Ruf: »Mord!« durch das Haus erschallen. War das nicht genug, um den stärksten Geist zu erschüttern? Und zu alledem der Gedanke, der sie keinen Moment verlassen haben kann, was sie sagen und tun solle, wenn die Entdeckung wirklich erfolgte und sie nicht nur erklären mußte, wie die Tote in ihr Zimmer kam, sondern auch Aufschluß über alle Nebenumstände geben, möglicherweise auch über den schimpflichen Plan, dessen Mißlingen die ganze Katastrophe herbeigeführt hatte. Was für Ausflüchte mag sie ersonnen haben, während sie lächelnd die Glückwünsche von Verwandten und Freunden entgegennahm! Darauf der Schreck, als sie Molesworth an der Tür gewahrte – Molesworth, den sie gewissermaßen betrogen hatte, und der, wie sie sich sagen mußte, in diesem Augenblick zu allem fähig war, selbst seine Anklage gegen sie zu schleudern in Gegenwart ihres Gemahls und der Schar der versammelten Gäste. War das nicht mehr, als ein schwaches, geängstetes Weib zu ertragen vermochte? Durch schnelles Handeln zwang sie ihn, zu schweigen; ihrer Klugheit gelang es, sich mit ihm oben in dem Totenzimmer einzuschließen, wo sie sich mit Scham und Entsetzen genötigt sah, ihm die grausigen Folgen ihrer Tat zu offenbaren und um seine Hilfe zu flehen, statt ihm, wie sie gehofft hatte, ihren Triumph zu zeigen. War das alles nicht genug, um ihr Haar in einer Nacht zu bleichen? Ich gerate fast von Sinnen, wenn ich nur daran denke, und bin doch ein beherzter, wetterharter Mann.

Sie sind ihr ein trefflicher Verteidiger und haben mich durch Ihre Gründe fast überzeugt, versetzte der Inspektor. Doch möchte ich noch eine Frage an Sie richten, die Ihnen vielleicht vorwitzig und gefühllos erscheint, zu der mich aber einzig und allein der Wunsch veranlaßt, Ihnen einen Dienst zu erweisen.

Fragen Sie immerhin; was könnte ich wohl bei dieser Sache vor Ihnen verbergen wollen?

Ich schicke voraus, daß ich mit dem Inhalt der Briefe bekannt bin, die Sie Herrn Gryce gezeigt haben. – Welches Gefühl glauben Sie, daß Ihre Frau jetzt für Sie hegt? Ist es Liebe?

Nichts anderes.

Nicht bloß Dankbarkeit oder Hochachtung – wirklich Liebe?

Ja, Liebe.

Und vor ganz kurzer Zeit erging sie sich in den überschwenglichsten Ergüssen von Zärtlichkeit für einen andern! – Sie verzeihen, aber ich kann Ihnen das harte Wort nicht ersparen!

Wohl wahr. Aber solche schrankenlose Leidenschaft schlägt oft in ihr Gegenteil um. Sie bedurfte vielleicht einer derartigen Erfahrung, um den Wert echter Liebe zu erkennen.

Und Sie haben nichts vermißt? – ich meine in ihrem Verhältnis zu Ihnen?

Ueber des Doktors bleiche Züge flog ein Lächeln. Hätte ich sonst keinen Kummer – ich wäre der glücklichste Mensch, sagte er.

Der Inspektor sah ernster aus als gewöhnlich, er blickte Kameron zweifelnd an.

Täuschen Sie sich auch nicht? fragte er mit Nachdruck. Einer schönen Frau glaubt der Mann oft alles.

Des Doktors Gesicht erglühte vor Zorn; seine Stimme klang gereizt.

Sie beleidigen mich noch in meinem Elend, rief er, senkte aber sofort die Augen vor des Inspektors Blick. Ich weiß, Sie verfolgen einen Zweck, setzte er hinzu. Sie wünschen nicht bloß, mich unnütz zu peinigen.

Ich wünsche zu ergründen, ob Genofeva Gretorex eine so oberflächliche Natur war, daß sie ihr Herz heute dem, morgen jenem schenken konnte.

Kameron sah den Sprecher an, und da er erkannte, daß es gefährlich sei, hierauf zu antworten, schwieg er.

Ein Weib, das so denkt und fühlt wie Genofeva Gretorex, nach dem, was sie in ihren Briefen ausspricht, fuhr der Inspektor unerbittlich fort, konnte unmöglich ihre Liebe mit aller ursprünglichen Kraft und Glut auf Sie übertragen und sich Ihnen so zu eigen geben, wie ich es nach Ihren Worten annehmen muß.

Der Doktor schwieg noch immer.

Wenn ein Zeitraum dazwischenläge, wenn sie aus Gleichgültigkeit und Niedergeschlagenheit zuerst zur Erkenntnis Ihrer Güte erwacht wäre und allmählich ihr Herz dem Manne zugewandt hätte, der sie so zärtlich liebte – dann würde ich ihr Verhalten begreifen. Aber sich von einer heftigen Leidenschaft ohne Uebergang in eine andere zu stürzen, scheint so unnatürlich, daß ich an Ihrer Stelle an der Aufrichtigkeit des Gefühls zweifeln würde.

Aber – wollte Kameron einwenden, doch kam er nicht weiter. Er sah sich in einem Netz gefangen und fand keinen Ausweg. Der Inspektor beobachtete ihn genau und fuhr mit scheinbarer Hartherzigkeit fort:

Sie würden mir gewiß beipflichten, wenn es sich um einen andern Menschen handelte, der sich in Ihrer Lage befände.

Das kann sein, erwiderte der Arzt, ich weiß es nicht. Ich scheine meine Urteilskraft verloren zu haben. In meiner Brust krümmen und winden sich wie greuelvolle Schlangen die Gedanken, die Sie darin geweckt haben. Warum foltern Sie mich so?

Es muß sein. Daß Sie Qualen leiden, ist für mich eine wichtige Tatsache. Hätten meine Worte Sie unempfindlich gelassen, hätten Sie dieselben widerlegen können, ich würde zu ganz andern Schlüssen gelangt sein, Sie werden mir mein Verfahren verzeihen, wenn Sie meine Beweggründe kennen.

Aber warum mir die Beweggründe nicht jetzt sagen? Warum mich in dieser entsetzlichen Spannung erhalten –

Ich will Sie nicht länger in Spannung halten, Herr Doktor. – Obgleich ich mit Rücksicht auf den Zustand Ihrer Frau für jetzt davon abstehe, sie in Haft zu nehmen, bin ich doch fast überzeugt davon, daß sie über den Tod des armen Mädchens mehr weiß, als sie eingestanden hat. Ich muß sie daher unter polizeiliche Aufsicht stellen. Bei Ihrer Rückkehr werden Sie in Ihrem Hause eine Frau finden, die ich Sie bitte, als Wärterin für die Kranke anzunehmen. Sie ist gutherzig, geschickt und verschwiegen, wird sich weder lästig machen, noch uns verraten, aber sie steht im Dienst der Geheimpolizei. Darf ich darauf rechnen, daß Sie ihr Einlaß gewähren und ihr nichts in den Weg legen, was sie an der Erfüllung ihrer Pflichten hindern könnte?

Sie sind Herr meines Schicksals und meiner Ehre, rief Kameron voll Seelenpein, ich muß mich Ihrem Willen fügen.

Der Inspektor schüttelte den Kopf; ihm war noch selten ein Geschäft so sauer angekommen. Ich tue nur was ich muß, sagte er. Ich nehme aufrichtigen Anteil an Ihrem Geschick, wie dies jeder Ehrenmann tun muß.

Aber Kameron war es nicht um Teilnahme zu tun, er verlangte Gerechtigkeit. Ist denn kein Ausweg zu finden? rief er, müssen wir diese unwürdige Behandlung erdulden, obgleich Sie nicht einmal wissen, ob überhaupt ein Mord begangen worden ist?

Frau Kameron ist die einzige, die über den rätselhaften Todesfall Auskunft zu geben vermag. Freilich, wenn wir alles wüßten, was Doktor Molesworth aussagen will –

Er soll reden. Ich werde mich an ihn wenden, und er wird mit der Wahrheit nicht zurückhalten.

Der Inspektor blickte ihn mitleidig an: Diese würden Sie vielleicht nicht hören wollen, sagte er.

Meinen Sie? erwiderte Kameron schnell und heftig. Es kann nichts Schlimmeres geben als diesen Zweifel, diese Ungewißheit. Stellen Sie mich ihm gegenüber, und wenn er die Umstände kennt, die Mildred Farleys Tod begleitet haben, so wird er das Geheimnis nicht lange bewahren, wenn er erfährt, was sein Schweigen für mich bedeutet.

Der Inspektor war nicht so zuversichtlich, Molesworth ist kein Schwächling, sagte er, hat er einmal den Entschluß gefaßt, die Wahrheit zu verbergen, so wird man ihm schwerlich ein Geständnis abzwingen können.

Er weiß noch nicht, daß meine Frau gestanden hat, daß das Mädchen in ihrem Zimmer gestorben ist.

Wollen Sie es ihm sagen?

Wenn Sie nichts dagegen haben.

Ich glaube nicht, daß es genügen wird, um ihm die Zunge zu lösen. Wenn er nicht vor einem Meineid zurückgeschreckt ist, um Ihre Frau vor den Folgen zu schützen, die sie fürchtete, so wird ihn ein solches indirektes Zeugnis schwerlich bewegen, seine frühere Aussage zu widerrufen.

Er wird es dennoch tun. Meine Gründe werden ihn umstimmen. Die Verzweiflung soll mir Kraft geben. Wäre er ein Mann von Stahl, ich will ihm die Wahrheit abringen.

Der Inspektor sah Kameron bewundernd an. Ich wollte nur, ich könnte Ihnen Gelegenheit geben, den Versuch zu machen, sagte er, leider ist das im Augenblick nicht möglich; ich bin genötigt, Ihnen die Mitteilung zu machen, daß Julius Molesworth nicht aufzufinden ist. Er ist verschwunden.

Verschwunden?

Ja, wir haben es geheim gehalten, doch verhält es sich so. Im Hospital hat er sich seit mehreren Tagen nicht blicken lassen, auch in seiner Wohnung ist er nicht zu finden. Ob er tot ist oder die Flucht ergriffen hat, wissen wir nicht. Eines Abends entzog er sich der Beobachtung der Polizei; er verschwand, und es ist uns trotz aller Anstrengung bis jetzt nicht gelungen, eine Spur seines Aufenthalts zu entdecken.

Molesworth fort! Dann hat er doch wohl mehr Grund gehabt, den Meineid zu schwören, als wir dachten. Die Flucht sieht aus wie ein deutlicher Beweis seiner Schuld.

Welcher Schuld – doch nicht des Mordes?

Des Inspektors trockener Ton brachte Kameron zur Besinnung. Der Beweis, daß Mildred Farley tot gewesen, ehe Molesworth das Haus betrat, war unerschütterlich; auch lag nicht der geringste Grund vor, warum Genofevas kaltherziger Liebhaber dem Mädchen nach dem Leben getrachtet haben sollte, dessen einzige Schuld war, daß sie der Dame im Wege stand, die ihre Stellung in der Welt wieder einzunehmen wünschte. – Kameron schämte sich, den Verdacht ausgesprochen zu haben. Und doch – diese plötzliche Flucht – was konnte sie anders bedeuten als Furcht? – Furcht wovor? – Das war jetzt das Rätsel, welches zu lösen er sich berufen fühlte.

Julius Molesworth besitzt den Schlüssel des Geheimnisses, rief Kameron. Sonst würde er jetzt nicht die Stadt verlassen, da ihn das höchste Berufsinteresse hier festhält. Ich will mir den Schlüssel verschaffen. Teilen Sie mir die näheren Umstände mit, die seine Flucht begleiten; vielleicht finde ich darin einen Anhaltspunkt, den nur ein Fachgenosse entdecken kann.

Der Verlauf war sehr einfach. Molesworth fuhr eines Abends wie gewöhnlich im Wagen nach einem Haus der Vorstadt, wo er einen Krankenbesuch zu machen hatte; er trat ein, kam aber nicht wieder heraus. Das Haus hat eine Hintertür, durch die er es sofort wieder verlassen haben muß, denn die kranke Frau, die ihn erwartete, sagt, er sei gar nicht bei ihr gewesen. Seinen Kutscher hatte er nicht mitgenommen, und der Wagen blieb vor der Tür stehen, bis ihn ein Polizeidiener nach dem Stalle fuhr. Er scheint die Flucht vorher geplant zu haben, denn er hat all sein Geld bei der Bank erhoben und eine kleine Reisetasche mitgenommen.

Gestatten Sie, daß ich den Versuch mache, ihn aufzufinden! Zwar bin ich kein Geheimpolizist, aber diese furchtbare Zeit hat meine Beobachtungsgabe geschärft; ich möchte die Probe wagen.

Ich wüßte keinen Grund, es Ihnen zu verwehren. Wir brauchen den Mann und wollen kein Mittel unversucht lassen, ihn herbeizuschaffen. Aber er hat einen Vorsprung von mehreren Tagen und kann schon viele hundert Meilen weit sein. Ist es Ihnen möglich, Ihre Frau zu verlassen?

Ich kann nicht anders. Mit den ungelösten Fragen und Zweifeln im Herzen an ihrem Lager zu wachen übersteigt meine Kräfte. Ich muß etwas für sie tun, muß für sie wirken, wenn ich bei Sinnen bleiben will, bis sie aus ihrem Schwächezustand erwacht. Auch wird meine Abwesenheit nicht lange währen. Ich habe ein Vorgefühl, als würde ich ihn bald finden.

So gehen Sie, aber – Der Inspektor sprach nicht weiter. Bei seiner Teilnahme für den schwergeprüften Mann bangte ihm vor den Entdeckungen, die diesem noch bevorstanden.

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