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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Diese Eröffnung kam unerwartet. Gryce fühlte sich seltsam erregt; er hörte auf, den Ring an seinem Finger zu drehen; seine Hand zitterte.

Wirklich? fragte er.

Genofeva Kameron leidet an den Folgen der Torheit, die Genofeva Gretorex begangen hat, fuhr der Doktor in rauhem, hartem Tone fort, als vermöge er nur mit Unterdrückung jedes Gefühls sich der Aufgabe zu entledigen, die ihm oblag. Doch sie hat den Bann gebrochen, der sie gefesselt hielt, denn sie liebt jetzt ihren Gatten und fürchtet nur, er könne ihre frühere Schwäche, ihre verkehrte Herzensneigung entdecken. – Was sie damals aus dem Elternhause trieb und sie fast bis zu der für die Trauung anberaumten Stunde in jenem Hotel verweilen ließ, war nichts anderes, als eine starke, sinnlose, verblendete Leidenschaft für Julius Molesworth.

Das Wort war heraus. Gryce sowohl als Kameron fiel ein Stein vom Herzen. Es blieb nur noch übrig, die Tatsache zu erläutern.

Ihre Geschichte, fuhr der Doktor fort, war die passende Einleitung für die meinige; sie zeigt uns, wie das vornehme Fräulein dazu kam, jenen Mann kennen zu lernen. Sie trafen sich im Olneyschen Hause, am Krankenbett der Frau Farley, ihrer eigentlichen Mutter. Obgleich mit mir verlobt, überließ sie sich doch dem Eindruck, den sein ganzes Sein und Wesen, in mir völlig unbegreiflicher Weise, auf sie ausübte. Sie sah ihn wieder und wieder, ihr Gefühl für ihn wuchs zur Leidenschaft, sie vergaß Ehre, Pflicht und ihr gegebenes Wort. Daß die Welt, in der er lebte, von der ihrigen so gänzlich verschieden war, verlieh dem Verhältnis in ihren Augen einen romantischen Schimmer, den kein anderer Mensch darin hätte sehen können. Als dann aber die entscheidende Stunde kam und sie erkannte, was sie alles würde auf sich nehmen und entbehren müssen, wenn sie als Weib des rauhen, schroffen Mannes mit ihm unter dem Druck der Armut lebte – da wich der Zauber.

Aber –

Geduld! Es kommt mir hart genug an, Ihnen diese Mitteilung zu machen; lassen Sie mich fortfahren. – Die einzige Entschuldigung für ihr heimliches, verstecktes handeln liegt in Frau Gretorex' Stolz, hätte ihre Adoptivmutter, statt ihr zu sagen, es sei zu spät, das Verhältnis mit mir abzubrechen, geantwortet, wie es ihre Pflicht erheischte, hätte Genofeva Vertrauen zu mir gehabt, sie würde vielleicht die Wahrheit bekannt haben. Da sie nicht den Mut besaß, dem Tadel der Welt offen die Stirn zu bieten, nahm sie ihre Zuflucht zu wahrhaft unerhörten Mitteln, um an das Ziel ihrer Wünsche zu gelangen. Denn nicht genug, daß sie an unserem Hochzeitstag ihre Hand einem andern Manne reichen wollte, sie hatte auch alle Anstalten getroffen, um mich mit einer Braut zu versehen, welche bereit war, mich an ihrer Stelle zu beglücken. Während eines kurzen Moments sah ich in die strahlenden Augen dieser Braut und mußte glauben, meine eigene Genofeva sei zu mir zurückgekehrt, nur froher und gekräftigter. Wäre nicht eine halbe Stunde, ehe wir zur Trauung schritten, die wahre Genofeva, reuig und bekehrt herbeigeeilt, ich hätte ahnungslos die falsche Braut an den Altar geleitet, zu meinem Unglück und zum Verderben aller Beteiligten.

Das übersteigt ja alle Begriffe, rief Gryce, so etwas ist noch gar nicht dagewesen. Mir wird ordentlich wieder jung ums Herz, es erinnert mich wahrhaftig an –

Er hielt plötzlich inne, als schäme er sich eines Berufseifers, über den er für den Augenblick sein menschliches Mitgefühl vergessen hatte. Aeußerlich blieb er nun ruhig, aber seine Augen glühten wie Feuerfunken.

Daß die zwei sonst so vernünftigen Mädchen, fuhr Kameron fort, durch ihre außerordentliche Aehnlichkeit verleitet, auf einen so törichten und gefährlichen Plan verfallen konnten, läßt sich nur durch die gänzliche Unerfahrenheit der einen und die Verblendung der andern erklären. Letzterer versagte aber der Mut, als es zur Ausführung kam. Von weitem hatte das Beginnen nicht so unmöglich ausgesehen, als jetzt, da es verwirklicht werden sollte. Wahrscheinlich auch, daß durch Molesworth der Sache ein Ende gemacht wurde, die er bei seinem gesunden Menschenverstand nun und nimmermehr gut heißen konnte. Seine Dazwischenkunft wird wohl veranlaßt haben, daß Genofeva so schnell zu ihrer Pflicht und der für ihre Lebensstellung passenden Verbindung zurückkehrte. Dies ist jedoch meinerseits bloße Vermutung; ich urteile nur nach dem Bericht, welchen sie selbst über ihre Gemütsverfassung gibt von der Stunde, da sie Molesworth zum erstenmal gesehen bis zu dem Abend, an welchem sie ihn im C–Hotel erwartete.

Unwillkürlich fuhr Kamerons Hand bei diesen Worten nach seiner Rocktasche. Gryce bemerkte die Bewegung.

Sie haben Papiere? Zeigen Sie her; ich unterrichte mich am liebsten an der Quelle.

Kameron runzelte die Stirn im Unmut über sich selbst; bei näherer Ueberlegung erkannte er jedoch, daß er früher oder später seinen Fund doch hätte preisgeben müssen. So zog er denn, ohne zu zaudern, die Papierrolle heraus, die er in dem Sofa seiner Frau gefunden hatte.

Es sind Tagebuchblätter meiner Frau an den bereits erwähnten Herrn, bemerkte er. Sie wurden nicht abgeschickt, sondern sollten wahrscheinlich nach erfolgter Trauung übergeben werden. Der Ehebund ward nicht geschlossen, und ich fand die Rolle, die sie in ihr Elternhaus mitnahm, zwischen den Kissen eines alten Sofas versteckt, das dort früher in ihrem Zimmer stand. Warum sie die Briefe nicht zerstört hat, ist mir unbegreiflich. Möglich jedoch, daß sie ihr als Beleg dienen sollten, wenn jemals die Vorgänge an unserem Hochzeitstag ans Tageslicht kämen.

Gryce nahm die Rolle begierig in Empfang und blätterte darin. Es ist Fräulein Gretorex' Handschrift, kein Zweifel! sagte er, dann begann er zu lesen:

»Ich schreibe, weil ich mich aussprechen muß. An Sie schreibe ich, denn Sie sind der erste Mensch, der meine Seele über das gemeine Alltagsleben emporgehoben hat. Diese Zeilen werden Ihnen nie zu Gesicht kommen, aber was tut das? Achtet die Sonne denn auf alle Blumen, die sich ihrem Strahl öffnen? Ich fühle mich gestärkt, fühle mich neu belebt durch den Gedanken an Sie. Mein Leben verfloß in trostloser Einförmigkeit, ehe ich Sie sah. Jetzt ist mir geholfen.«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Ich habe mich geprüft, habe mein Inneres befragt. Sind Sie wirklich der Mann, für den ich Sie halte, oder spiegelt mir meine Einbildungskraft ein bloßes Idealbild vor? Nur wenige Worte habe ich zwar aus Ihrem Munde vernommen, doch glaube ich Sie zu kennen und fühle, daß ich durch Sie besser, edler, weiser geworden bin. Ist es mein guter Engel, der mir das zuflüstert, oder muß ich besorgen – – Ich wage nicht den Gedanken auszudenken. Meine neu geborene Seele darf ihren Flügelschlag nicht frei erheben; ich gehöre mir ja nicht mehr selber an, sondern dem Manne, dem ich meine Hand zugesagt habe.«

»Ich sah Sie wieder. Nein, es war kein Irrtum, ich fühlte, daß Ihnen meine Gegenwart beglückend ist, wie mir die Ihre. Eine gefährliche Erkenntnis. Sie nimmt all mein Denken und Sinnen gefangen. Wie ist mir denn? Mein altes Dasein ist mir fremd geworden; ich lebe in einer ganz neuen Welt. Hat das Ihr Blick getan? Hat er die alten Bande gelockert, von deren Vorhandensein Sie freilich nichts ahnen konnten?«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Warum haben Sie monatelang mit meinem Ebenbild unter einem Dache gelebt und sie nie mit solchem Blick angeschaut, wie mich heute? Sind unsere Seelen verschieden und nur unsere äußere Erscheinung gleich? Oder ist nur das verführerisch, was unerreichbar scheint? – Sehen Sie mich hoch über sich – schauen Sie zu mir empor, wie ich zu Ihnen? –«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Meine Mutter ist tot; an meiner Brust hat sie ihren letzten Seufzer ausgehaucht, mir ihr letztes Wort zugeflüstert, doch bin ich nicht unglücklich, mir ist nicht, als hätte ich etwas verloren. In jener Stunde vernahm ich ja zum erstenmal das Geständnis Deiner Liebe. Dein Antrag gab mir mehr, als die Welt mir nehmen könnte, und raubte sie mir all mein Gut!...«

»Ich gab Dir keine Antwort; was hätte ich auch sagen können? habe ich doch einem andern Mann Treue gelobt! Du aber warst großmütig und drangst nicht in mich. Du offenbartest Deine Liebe, das war genug. An mir ist es nun, durchzusetzen, daß wir einander angehören und unser innigstes Entzücken, unsere höchste Ehre in dieser gegenseitigen Liebe finden können. Werde ich den Mut dazu haben? Wenn ich an die Hindernisse denke, die sich mir in den Weg stellen, sage ich: Nein! – Gedenke ich Deiner, so spricht mein Herz ein lautes und furchtloses Ja!«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Du wußtest nicht, daß ich verlobt sei, als Du mir Deine Hand botest, nur daß ich reich bin und meine gesellschaftliche Stellung hoch über der Deinen steht. – Jetzt weißt Du es – Mildred hat es Dir mitgeteilt, aber Du entziehst mir Deine Liebe nicht – Du kannst es nicht, hast Du gesagt. So besitze ich denn noch diesen Schatz, der mir Verderben bringen muß oder eine nie endende Freude und Wonne – je nachdem es das Schicksal fügt.« »Ich habe mein Leben lang nie eine Sorge gekannt, mir keinen Wunsch versagt. Jetzt scheint mir eine Heirat, welche mir die ewig wiederkehrenden Genüsse des Lebens sichert, weniger wünschenswert als ein Ehebund, der alle schlummernden Seelenkräfte in mir wecken und mich täglich durch Kampf zum Siege führen würde. Nicht die Furcht, den Glanz und Reichtum, der mich jetzt umgibt, zu verlieren, läßt mich vor dem entscheidenden Schritte zurückschrecken; ich bedarf dieser Güter nicht mehr zu meinem Glück; sie sind mir nur ein unnützer Ballast, den ich gleichgültig von mir werfen würde. Mein Entschluß ist gefaßt: morgen spreche ich mit meiner Mutter; sie hat sich mir ja stets gütig erwiesen, als sei ich ihr leibliches Kind.«

»Vergebens. Ich wußte es beim ersten Wort. Das Urteil der Welt geht ihr über alles. Ich muß den Mann heiraten, dem ich mich verlobt habe, und der schönste Traum meines Lebens, der einzige, den ich je geträumt, wird nie zur Wirklichkeit werden. Kann ich das ertragen? – Kannst Du es? – ›Nein,‹ flüstert eine bange Stimme in meinem Innern.«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Mildred hat Dir die Entscheidung mitgeteilt und was war Deine Antwort? – ›Das Weib, das mich liebt,‹ sagtest Du, ›muß bereit sein, mir alles und jedes zum Opfer zu bringen.‹ Soll das heißen, daß Du von mir verlangst und erwartest, ich werde meinem alten Leben entsagen, alle früheren Bande lösen, was auch die Welt darüber denken und urteilen mag? Weißt Du wohl, was das heißt? Weißt Du, wie stark die unsichtbaren Fäden sind, die uns mit den Menschen verknüpfen, denen zu gehorchen wir seit der Kindheit gewöhnt sind, die wir achten und ehren? Und wie kann ich ohne Beistand und die Genehmigung meiner Eltern mit dem stolzen Manne brechen, der schon Haus und Herd in Bereitschaft hält, um mich Unwürdige zu empfangen? Wahrlich, dazu gehört mehr Mut als ich besitze – oder mehr Härte des Herzens. – Für Dich sterben, ja, das könnte ich, wenn es Dich glücklich machte.«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Ich kann nicht heiraten ohne Liebe – mein ganzes Inneres empört sich dagegen. Wohin soll das führen? Will denn kein Engel herniedersteigen, um mir zu helfen in meiner Not? –«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Darf ich Dich auch nicht sehen, Dir nicht schreiben, kann ich doch an Dich denken, für Dich beten und mit Mildred von Dir sprechen, die Dir dann und wann ein Wort wieder sagt. Die glückliche Mildred! Doch auch sie ist unbefriedigt. Sie sehnt sich nach dem, was ich gern verlassen möchte; sie sieht meinen Reichtum und findet ihn begehrenswert, sie sieht meinen Verlobten und begreift nicht, daß ich in meiner Treue gegen ihn wanken kann. Armes, betörtes Mädchen! Aber wie hochherzig sie ist, wie edel, wie hingebend! Ich komme mir oft so klein neben ihr vor, ihr Geist scheint Schwingen zu haben. Könnten wir doch miteinander tauschen! – – Großer Gott! – was für ein wahnsinniger Gedanke ergreift mich plötzlich. Hat mich meine verzweifelte Lage um den Verstand gebracht? Fast sollte ich's meinen.«

»Wir sind von gleicher Größe und Gestalt, von gleichem Alter, in jeder Miene, jeder Bewegung sehen wir einander so ähnlich, daß mir bei ihrem Anblick immer ist, als erblicke ich mich selbst im Spiegel. Ein unheimliches Gefühl. Wie mögen andere darüber denken? – Wir haben heute den Versuch gemacht, die Rollen zu tauschen. Es war in Frau Olneys Haus; ich zog Mildreds Kleider an, sie die meinigen. Sie saß in der Fensternische hinter dem Vorhang, nur ihr Kleid war zu sehen; dann rief ich Frau Olneys Zimmermädchen herein, gab ihr eine Arbeit, die sie längere Zeit beschäftigte und unterhielt mich mit ihr. Ich las keine Verwunderung in ihrem Gesicht, keine Spur von Argwohn war in ihrem Wesen bemerkbar. Was erhöhte meinen Mut – ich bat sie, Frau Olney herbeizurufen; sie kam, ich sprach mit ihr, wie es zu Mildred paßte, ich bat sie um Auskunft über etwas, das Mildred zu wissen wünschte. Es gelang über alles Erwarten, die Frau blieb ruhig und ahnungslos; ich sah, sie hegte keinen Zweifel, daß ich wirklich die Person sei, für die ich mich ausgab. Der Erfolg machte uns kühner; wir wollten eine noch schwierigere Probe anstellen. Ich zog Mildred den Schleier über das Gesicht und führte sie in Dein Sprechzimmer hinunter. Wir klopften, Du warst allein. Ich hielt Wache vor der Tür, sie ging hinein und sprach mit Dir, als wäre sie Genofeva. Erfreut strecktest Du ihr die Hand entgegen; ich beobachtete Dein Gesicht, während sie den Schleier abnahm und Dir ins Auge blickte. Das Lampenlicht fiel hell auf ihre Züge, aber Du wurdest nicht unsicher, Du wichest nicht zurück. Sie warf den Kopf in den Nacken, wie ich es tue und erklärte mit stolzer Miene: ›Erst wenn ich frei bin, sollst Du mich wiedersehen!‹ An Deinem triumphierenden Lächeln erkannte ich, daß eine Aehnlichkeit wie die unsere selbst die Liebe zu täuschen vermag. Unser Plan schwebt uns nicht mehr als unbestimmte Hoffnung vor, er hat Form und Wesen angenommen und verspricht uns die einzig mögliche Lösung unseres Lebensrätsels zu gewähren.«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Mildred ist wie ein Vogel, der seine Schwingen entfaltet, wie eine Blume, auf die der erste Sonnenstrahl fällt. Wenn mir der Mut sinkt, ermuntert sie mich wieder; wenn ich von den schrecklichen Folgen der Entdeckung rede, fragt sie heiter, ob Dein Bild in meinem Herzen zu erbleichen beginne, oder ob ich nicht glaube, mich auf sie verlassen zu können. Ihr fällt freilich die schwerste Ausgabe zu, und sie schlägt mir vor, erst eine Probe mit ihr anzustellen, ehe wir die letzte Entscheidung treffen. Ich bin darauf eingegangen; heute abend wird sie im Hause Gretorex Genofeva vorstellen, wie ich neulich in Frau Olneys Haus Mildred war.«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Ein unvergeßlicher Abend. Mildred kam in der Dämmerung, und wir wechselten die Kleider. Meine Abendtoilette stand ihr vortrefflich. Dann gab ich ihr wohl eine halbe Stunde lang die genaueste Anweisung, wie sie sich meiner Mutter gegenüber zu verhalten habe, wie sie Doktor Kameron begegnen solle. Sie ist eine gelehrige Schülerin; man hätte meinen können, sie sei von Kind auf an diese Umgebung gewöhnt, so schnell fand sie sich in allem zurecht. Als sie nun hinuntergehen sollte, um die gefährliche Feuerprobe zu bestehen, da sah sie so strahlend und glücklich aus, daß ich sie zurückrief, um ihr zu sagen, das sei ein Ausdruck, wie man ihn bei mir seit den Kinderjahren nicht gesehen habe. Darauf nahm sie eine ernsthafte, sittsame Miene an und fragte schalkhaft, ob Doktor Kameron mir je die Ehre antue, mich zu küssen. ›Manchmal,‹ erwiderte ich. ›Dann flehe zum Himmel, daß er es heute nicht tut,‹ flüsterte sie, ›ich würde sicherlich purpurrot werden, denn meine Lippen hat noch nie ein Mann berührt.‹«

»Die Worte gingen mir wie ein Schwert durchs Herz. Sie ist so unschuldig und unerfahren, und ich setze sie einer so furchtbaren Versuchung aus. In ihre Träume von Glanz, Genuß und Bewunderung mischt sich jetzt auch eine romantische Schwärmerei für den Mann, dem sie das alles verdanken soll. Sie hat zwar nie den Ton von Doktor Kamerons Stimme gehört, aber neulich hat sie ihn vor unserm Hause gesehen, und der eine Blick war genug, sie zu begeistern.«

»Unglaublich. Sie ist stolz und froh zurückgekehrt, ihr Fuß schien kaum noch die Erde zu berühren. ›Es ist geschehen,‹ rief sie, ›ich habe bei Vater und Mutter (so nannte sie Herrn und Frau Gretorex) auf dem Sofa in der Bibliothek gesessen und im Wohnzimmer ein paar Worte mit Doktor Kamerun gewechselt. Gern hätte ich noch länger mit ihm gesprochen,‹ fügte sie unbefangen hinzu. ›Du siehst, ich bin noch am Leben, mir war nur ein klein wenig bange und verwirrt zumute. Die Mutter sah mich anfangs überrascht an, aber nicht lange; ihr gegenüber fühlte ich mich etwas verlegen, sie sah so gebieterisch aus; nach einiger Uebung werde ich jedoch auch in ihren Augen eine ganz regelrechte Genofeva sein. Ob Doktor Kameron mit seiner Braut zufrieden war, mußt Du von ihm erfahren, wenn Du ihn wiedersiehst.‹ – ›Du wirst ihm schon gefallen haben,‹ sagte ich, ›wenn Du ausgesehen hast wie in diesem Augenblick.‹ – Wir lachten beide und schauten uns dann lange und ernsthaft an. Der Würfel war geworfen, unser Entschluß gefaßt.«

»Wäre Mildreds kühner Versuch mißlungen, so hätten wir gesagt, es sei ein Scherz gewesen. Ich bin froh, daß es dessen nicht bedurfte; es wäre meiner Liebe für Dich nicht würdig.«

»So wohlgemut wie Mildred bin ich nicht, aber ebenso glücklich. Denkst Du an mich mit gleicher Innigkeit, wie ich Deiner gedenke? Steht mein Bild Dir stets vor der Seele, ist es Dir ein Sporn zu höherem Streben? Nur völliges Vertrauen zu Dir kann mir die Kraft verleihen, das gewagte Unternehmen durchzuführen, dessen einzig« Zweck ist, vier Menschenseelen zu befriedigen und zu beglücken.«

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»Auf welche Weise ich mich frei machen werde, wenn die Stunde kommt, die mich Dir zu eigen gibt, sollst Du nicht vorher erfahren. Du könntest Dich sonst weigern, ein so großes Opfer von mir anzunehmen (obgleich Du ein Opfer willst und verlangst); auch fürchte ich noch immer, daß der Plan mißlingt und alle unsere Hoffnungen zu Schanden werden. Drum ist es besser ich schweige, bis der Augenblick da ist. Dann wirst Du Dich mit mir über das Gelingen freuen und das Weib von Herzen willkommen heißen, das bereit war, sein eigenstes Selbst aufzugeben, um Dir angehören zu können.«

»Meine Mutter wollte eine Schar Brautjungfern zur Hochzeit ihrer Tochter laden, aber ich habe mich dagegen aufgelehnt; wie hätte sich Mildred vor ihren Fragen, vor den scharfen Augen weiblicher Neugier schützen sollen? Das Fest wird ja ohnehin noch glänzend genug sein, um den Reichtum des Hauses zur Schau zu stellen, wie meine Mutter es liebt. Prachtvolle Geschenke sind bereits eingelaufen, Mildred wird ihre Freude haben an all der Herrlichkeit.«

»Ich erwähne dies nur, weil es mich beglückt, hinzuzufügen, daß ich sie nicht im geringsten beneide.«

»Mildred arbeitet Tag und Nacht an den kostbaren Kleidern. Wenn alles gut geht, werde aber nicht ich es sein, die sie trägt, sondern sie. So schön sie sind, mich freut doch nur das eine neue Kleid, das sie mir genäht hat; es ist für den Tag bestimmt, der uns vereinigen soll. Ich könnte ja jetzt nach Gefallen die arme Näherin mit Schätzen überhäufen, die ich später selbst verwenden und genießen würde, aber mein Gefühl sträubt sich dagegen. Julius Molesworths Braut soll nichts erhalten, was ihr nicht von Rechts wegen zukäme, wenn sie wirklich das arme Mädchen wäre, für das sie sich ausgibt. Dies völlige Aufgehen in dem einen Zweck ist ganz nach meinem Sinn und wird auch Deinen Beifall haben, das weiß ich.«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Ich habe Doktor Kameron erzürnt durch meine wiederholte Weigerung, ihn zu empfangen, aber das läßt sich nicht ändern. Es wäre falsch und treulos von mir, ließe ich ihn jetzt noch die Hand fassen, die ich für immer in Deine Rechte legen will. Mildred wird alles wieder gut machen, wenn sie erst an meiner Stelle ist.«

»Nur noch wenige Tage, und unser Schicksal ist entschieden. Könntest Du wohl so ruhig sein in der Ausübung Deines Berufs, wenn Du wüßtest, was Dir so nahe bevorsteht?«

»Eine Entdeckung vor der Hochzeitsfeier fürchte ich nicht. Die Unruhe und Aufregung, die zu solchen Zeiten herrscht, wird keine längere Unterhaltung mit Mildred zulassen, bei welcher ihre Unkenntnis vieler Verhältnisse Argwohn erregen könnte. Aber was wird später geschehen? Ich zittre bei dem Gedanken und frage mich, ob wir Schwestern nicht besser täten, zusammen in den Fluß zu springen und unserem Dasein ein Ende zu machen, statt an das andere Ufer zu fahren nach dem kleinen Ort, in dessen Abgeschiedenheit wir unser früheres Selbst begraben wollen. Dort wollen wir unsere Namen und unsere ganze Persönlichkeit vertauschen und ein neues Leben anfangen.«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Meine Befürchtungen sind grundlos. Außer Dir weiß kein Mensch, daß wir zwei sind; das Geheimnis ist völlig bewahrt geblieben. Wenn Doktor Kamerons Braut etwas Ungewöhnliches sagt oder tut, wird keiner die wahre Ursache davon erraten. Je näher der Tag rückt, um so mehr vergesse ich mich selbst und denke einzig und allein an Dich. Bald, bald wird Deine düstere Stirn sich erhellen, und ein glückliches Lächeln um Deine Lippen schweben. Das Dunkel, die Einsamkeit und Verlassenheit, die Dich jetzt umgibt, wird vor meiner Liebe weichen. Deine Seele wird sich frei und leicht in die höheren Regionen erheben, wo sie allein sich heimisch fühlen kann.«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Mein letzter Tag in diesem Hause! Ich ging heute früh noch einmal durch die Räume, um zu sehen, ob beim Abschied mein Herz bange klopfen, mein Mut sinken würde. Aber ich empfand nichts davon. Die weiten Hallen, die prächtigen Gemächer mit den Bildern und Statuen, den hundert Zieraten und Kunstschätzen, die jedes Zimmer, jeden Winkel füllen, machten auf mich kaum noch einen Eindruck; ich versuchte mich im Gegensatz dazu in Deine trübselige, düstere Stube zu versetzen, aber ich sah im Geiste nur Dein Angesicht. Die Pracht um mich her verschwand, ich ward auch nicht die Armut und das Unbehagen gewahr, das von nun an mein Dasein umgeben soll. So groß ist die Liebe, die ich Dir entgegenbringe. Wird Dir diese Mitgift genügen? – Mich von denen zu trennen, die mir seit der Kindheit Gutes erwiesen haben, das freilich tut meinem Herzen weh. Die Aufschlüsse der letzten Monate haben die Bande zwischen uns zwar gewaltig gelockert, aber meine Dankbarkeit für alle Wohltaten, die ich genossen, macht es mir schwer, für immer ohne Abschied von ihnen zu gehen. Doch auch dieses Gefühl gebe ich hin, um Deinetwillen!«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Ich habe meine Heimat verlassen und befinde mich mit Mildred in einer kleinen Pension in Newark. Wie heiter wir sind! Sie ist jetzt die Dame, ich ihre Dienerin. Ich muß sie in alles einweihen, wir reden und reden ohne Aufhören. Nur wenn ich mit meiner Unterweisung fertig bin,, gestatte ich mir's als Belohnung, von ihm zu sprechen, um dessentwillen das Unerhörte geschehen soll, das wir vorhaben. Bald wird er alles erfahren.«

»Die Tat ist getan, der Rubikon überschritten, Mildred ist in mein früheres Elternhaus am Nikolasplatz gegangen, und ich warte hier im Hotel als Deine sehnsüchtige, glückliche Braut. Welche schöne Stunde; ich zittere – aber vor Wonne. Nur wenige Minuten noch, dann tut sich die Tür auf und ich sehe Dich mit strahlendem Antlitz eintreten, um alle meine Hoffnungen Zu erfüllen. Wäre doch der Augenblick schon da. Mir schwindelt vor so vielem Glück; ich – –«

 –  –  –  –  –  –  –  

»Sie wissen, wie alles gekommen ist. Der Blick, mit dem Sie eintraten, sprach deutlich genug, es hätte der Worte nicht bedurft. Das also war die Art, wie Sie das größte Opfer annahmen, das je ein Weib gebracht hat! Ich weiß nichts zu erwidern. So unermeßlich meine Liebe für Sie war, so groß und unaussprechlich ist jetzt meine Verachtung. Da Sie weder eine wirkliche noch eine falsche Mildred Farley zum Weibe haben wollten, da Sie Genofeva Greturex liebten und nur sie zu heiraten dachten – wenn Sie überhaupt in die Ehe traten –, so sollen Sie mich das nächstemal als Genofeva Gretorex sehen, aber nicht als Ihre Braut. O nein, auf diese Ehre verzichte ich. Sie wollten zwar großmütig sein und in Anbetracht, daß ich alles für Sie hingegeben, mich auch in der Person der armen Näherin zu Ihrer ehrbaren, wenn auch nicht besonders geehrten Gattin machen, aber ich will Ihnen dieses Opfer nicht zumuten, das auch meine Kräfte übersteigen würde. Ich war ein stolzes Mädchen, als ich Sie kennen lernte, ich bin es noch. Ihrer Gnade bedarf ich nicht, um mich zu vermählen. Wenn die neunte Stunde schlägt und Sie mich hier aufsuchen, habe ich diesen Ort längst verlassen, um an meinen richtigen Platz, zu meinem wahren Selbst zurückzukehren. Noch ist es nicht zu spät. Sie sollen das Weib, das gedemütigt und betäubt vor Ihnen stand, als stolze, glückliche Gattin wiedersehen. Ich preise mein Geschick, das mich nicht für immer an die Seite eines Mannes gebannt hat, dessen Herz von Stein ist und ohne Verständnis, wie ehrenhaft auch seine Gesinnung sein mag.«

»Die Abschiedsworte, die ich zurücklasse, werden Ihnen sagen, wohin ich mich gewandt habe. Wenn Sie sie lesen, bin ich Doktor Kamerons Frau.«

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