Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anna Katherine Green >

Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/green/vertuer/vertuer.xml
typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111103
projectid54d6258e
Schließen

Navigation:

Einundzwanzigstes Kapitel.

Des Doktors Entschluß war nicht leicht auszuführen. Um sich darin zu bestärken, brauchte er jedoch nur in das bleiche Antlitz seiner Gattin zu schauen, die starr und regungslos auf den weißen Kissen lag. Wenn er diesem stieren Blicke nicht mehr zu begegnen brauchte, wenn sie ihn wieder anlächelte wie früher – welche Seligkeit! Alles wollte er daran setzen, um ihr beim ersten Wiederaufdämmern des Bewußtseins zurufen zu können: »Freue dich, mein Herz, alle düstern Wolken sind verscheucht! Keine Menschenseele mißtraut dir mehr. Erwache zu Friede, Freude und Liebe!« – Die Wonne dieses Augenblicks mußte alle Schmerzen aufwiegen. Zwischen dieser Hoffnung und ihrer Erfüllung lag freilich noch eine weite Kluft.

In Genofevas Boudoir sitzend, sann Kameron nach, ob er sich nicht irgendeines Umstandes erinnern könne, der ihm bei der Lösung des Problems helfen würde. Seine Gedanken wanderten zurück bis zu jener Stunde, da er durch die Oeffnung des Vorhangs das verzweifelte Mädchen vor dem Kamin im Hotelzimmer hatte knien sehen. Was tat sie dort? – Sie verbrannte ein Blatt Papier, ein einziges Blatt. Aber auf dem Tisch lag ein Haufen engbeschriebener Blätter, ein ganzes Päckchen Papiere, von einem schmalen blauen Band zusammengehalten. Er hatte es damals nicht besonders beachtet, aber die ganze Szene war seinem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt. Wenn er die Augen schloß, vermochte er jedes Möbel des Zimmers deutlich vor sich zu sehen und auf dem Tisch das Tintenfaß, die Feder, die dicht an der Kante lag – und das Päckchen. Was sollte anderes darin sein als Briefe – Briefe, von denen sich Mildred Farley selbst in dieser Stunde nicht trennen mochte, welche Aufschluß über ihr Leben, ihre Liebe enthalten konnten und jetzt für ihn von ganz unberechenbarem Wert waren. Wo war dieses Päckchen hingekommen? Verbrannt hatte sie es nicht; nur ein verkohltes Papier war im Kamin gefunden worden; es mußte der Entwurf des Billets gewesen sein, das sie für Molesworth zurückgelassen. Was hatte sie mit dem Päckchen getan? In der Handtasche war es nicht gewesen; Gryce hatte nicht davon gesprochen, auch bei dem Verhör war es nicht erwähnt worden. Wo mochte es geblieben sein? – Kameron versuchte, sich an die Stelle des unglücklichen Mädchens zu setzen. Was konnte sie in ihrer Lage mit diesen Papieren angefangen haben, die er für die Liebesbriefe Molesworths hielt, mit dem sie jede Verbindung abbrechen wollte? Schwerlich hatte sie sie unter seiner Adresse im Hotel zurückgelassen aus die Gefahr hin, sie Neugierigen in die Hände fallen zu lassen. Sie mußte sie zu sich gesteckt und mitgenommen haben. Aber wohin? – Wohin anders, als in das Haus Gretorex? – Nach seiner Berechnung von Zeit und Entfernung hatte sie sich ohne Aufenthalt dahin begeben. Dort mußte sich das Päckchen noch befinden, wofern es nicht Gryces scharfe Augen bereits entdeckt, oder Molesworth es während seines schrecklichen Zusammenseins mit der Leiche an sich genommen hatte. Dort im Hause, in Genofevas Zimmer – aber an welchem Platz? –

Bei dieser Frage schaute Kameron unwillkürlich um sich, und sein Blick fiel auf ein altes, mit buntem Zitz bezogenes Sofa in einer Ecke des Gemachs, in welchem er saß. Es war das einzige Stück Möbel, das Genofeva aus ihrem Elternhaus mitgenommen; obgleich es häßlich war und unbequem, sie auch seines Wissens niemals Gebrauch davon machte, hatte sie es dennoch herüberschaffen und in das zierliche Boudoir, zu dessen Ausstattung es ganz und gar nicht paßte, stellen lassen. Das mußte einen besonderen Grund haben. Wäre es möglich, daß – er sprang auf, eilte nach dem Sofa und fuhr mit der Hand rings unter dem Sitz herum. Jetzt berührte er einen glatten runden Gegenstand, Er zog ihn heraus – es war eine Papierrolle; o Wunder, er erkannte die engbeschriebenen Seiten und das blaue Band, das darum gewickelt war.

Wie selten es sich auch ereignen mag, daß wir, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, durch bloßes Nachdenken auf eine richtige Spur geleitet werden – hier lag ein solcher Fall vor. Es wäre hundert gegen eins zu wetten gewesen, daß die Rolle vernichtet oder an einem Platz aufbewahrt worden sei, der ihm nicht zugänglich war. Von alledem war das Gegenteil geschehen, und Kameron erkannte dankbar, daß ein günstiges Geschick ihn den wichtigen Fund hatte tun lassen.

Ehe er die Sache näher untersuchte, ja ehe er auch nur die Rolle aufband, trat er ins Nebenzimmer, das er erst vor wenigen Minuten verlassen hatte. Ihm schienen seitdem Stunden vergangen zu sein, denn dazwischen lag ja das merkwürdige Ereignis, welches den ganzen Verlauf der Dinge ändern konnte. Der Zustand seiner Gattin war sich gleich geblieben; sie verharrte unbeweglich wie zuvor, nur eine ihrer weißen Hände lag auf der Decke, regungslos, wie aus Wachs geformt. Mit unaussprechlicher Zärtlichkeit beugte sich Kameron zu ihr nieder, er drückte einen Kuß auf die Hand, und seine Augen wurden feucht. Noch nie im Leben hatte der starke Mann sich so von seinem Gefühl überwältigen lassen. Hätte sie den Blick sehen, den Kuß fühlen können, wer weiß, ob nicht der Nebel, der ihre Sinne umfangen hielt, weniger dicht und schwer gewesen wäre.

Jetzt kehrte der Doktor in das Boudoir zurück, verschloß die Türen und nahm die Rolle in die Hand. Einen Augenblick zauderte er noch. Es widerstand ihm, sich in die innersten Geheimnisse einer andern Seele zu drängen. Aber der Gedanke an den Zweck, den er verfolgte, gab ihm die nötige Entschlossenheit. Er streifte das Band ab, glättete die Bogen und warf einen Blick hinein. Großer Gott! Das waren nicht die Schriftzüge eines Mannes; das war auch keine Handschrift, wie man sie bei einem Mädchen aus Mildred Farleys Stande erwartet. Es war ja – Er rang nach Atem, schaute sich um in dem bekannten Gemach, ob er auch bei Verstande sei, und blickte dann wieder in die Blätter. Kein Zweifel – es war die Schrift seiner Frau oder doch derselben so ähnlich, daß – Er sprang auf, holte die kurzen Briefchen herbei, die er während der Verlobungszeit von ihr erhalten, und verglich sie mit den Zeilen, die vor ihm lagen. Dieselben Buchstaben. Nur Genofevas Hand konnte die Worte geschrieben haben, die er jetzt lesen sollte.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.