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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid54d6258e
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Neunzehntes Kapitel.

Des Doktors Verhalten war für seine Frau nicht gerade beruhigend. Während Gryce sich verbeugte, zog er sofort die Klingel und bedeutete dem Diener, daß er weder für Besucher noch Patienten zu sprechen sei. Darauf schloß er sämtliche Türen ab und ließ die Vorhänge herunter. Erst nachdem diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, wandte er sich an Genofeva, bemüht, seiner Stimme einen natürlichen Klang zu geben:

Herr Gryce teilt mir mit, bemerkte er, daß seltsame Tatsachen über das Mädchen ans Licht gekommen sind, dessen Name neuerdings so häufig vor dir genannt wurde. Du allein, meint er, könntest Aufschluß darüber geben, und so habe ich ihn gebeten, sich direkt an dich zu wenden, da ich überzeugt bin, du wirst tun, was in deinen Kräften steht, um die Sache der Gerechtigkeit zu fördern.

Sie nickte zustimmend, scheinbar ohne die geringste Verlegenheit; doch als sie dann den Detektiv anredete, stieg ein leichtes Rot in ihre Wangen.

Ich weiß, sagte sie, ich habe durch meine früheren falschen Angaben Ihr gerechtes Mißtrauen erregt. Was mich damals bewog, von der Wahrheit abzuweichen, mag Ihnen nichtig erschienen sein, indes existiert jener Grund nicht mehr für mich. Wenn Sie mir also Fragen vorzulegen wünschen, werde ich mich bestreben, sie so gut ich kann der Wahrheit gemäß zu beantworten.

Sie sprach mit so viel Anmut und Würde, daß ihre Worte auf Gryce nicht ohne Eindruck blieben, obgleich die höfliche Förmlichkeit seines Wesens nichts davon verriet.

Mehr verlange ich nicht, erwiderte er, sich verbeugend.

Genofeva sah, daß sein Argwohn noch rege war und nahm sich zusammen. Was für Tatsachen haben Sie entdeckt? forschte sie.

Gestatten Sie mir zuerst eine Frage: bei unserer letzten Unterredung teilten Sie mir mit, Sie hatten Mildred Farley in Ihrem Zimmer zurückgelassen, als Sie zur Trauung gingen. Befand sie sich damals körperlich wohl und bei guter Gesundheit? – Dies zu erfahren ist uns von höchster Wichtigkeit.

Was auch Genofeva erwartet hatte, hierauf war sie nicht vorbereitet. Sie zögerte einen Augenblick, um ihren Ideengang zu ordnen.

Wünschen Sie nicht zu antworten? fragte Gryce.

Ich überlege nur, worauf Ihre Frage zielt, versetzte sie langsam.

Die Worte berührten ihn sonderbar. – Konnte es möglich sein, daß dieses schöne, unnahbare Weib selbst bei der Sache beteiligt war? Bangte ihr vor Entdeckung? Zwang er sie vielleicht, unbilligerweise Zeugnis gegen sich selber abzulegen? – Ein Blick in ihr Antlitz beruhigte ihn wieder. Dort lauerte kein versteckter Dämon; nur Bestürzung las er darin und jene unvernünftige Aengstlichkeit, wie er sie bei einem polizeilichen Verhör an Frauen schon gewohnt war. Er beschloß sofort zur Sache zu kommen.

Vor allem möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, sagte er, daß ich hier keine Anklage vorzubringen, sondern eine Untersuchung zu führen habe. Ich will ermitteln, ob Mildred Farley einen Selbstmord beging oder ermordet wurde. Welcher Art die Tat auch gewesen ist, jedenfalls hat sie in Ihrem Zimmer stattgefunden, Frau Doktor, während Sie unten bei der Trauung waren.

Sie fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen, schien aber diese Gefühlsäußerung sofort zu bereuen. Warum wohl? Ihre Erregung über eine solche Mitteilung war ja nur zu natürlich.

Woher wissen Sie das? fragte sie ungläubig. Vielleicht weil man den Schrei gehört hat?

Das nicht gerade; doch sollen Sie auf der Stelle erfahren, woher ich es weiß. Gryce schritt nach dem Vorhang hin, der das Gemach von dem Sprechzimmer trennte, schlug diesen zurück und winkte dem Mädchen, das in seiner Begleitung gekommen war.

Genofeva beobachtete ihn mit äußerster Spannung; sie schien alles um sich her vergessen zu haben. Was will er tun? Wen bringt er da? fragte ihr Blick. Auch als das Mädchen über die Schwelle trat und ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, veränderte sich ihr Ausdruck nicht. Nur Verwunderung und Ungewißheit sprachen aus ihren Mienen.

Sie kennen diese Person? fragte der Detektiv. Genofeva blickte sie verächtlich an.

Was soll sie hier? fragte sie.

Ich weiß selber nicht, stammelte das Mädchen. Der Herr hat mich hergebracht, er sagte, Sie würden freundlich zu mir sein, aber ich weiß, Sie können mich nicht leiden. Ich wollte niemand erzählen, was ich gesehen habe, aber die Herren fragten so lange, bis sie alles wußten.

Wovon spricht sie? fiel hier Genofeva streng und kalt ein; ich verstehe ihre Anspielungen nicht, sie muß sich deutlicher erklären.

Erzählen Sie Ihre Geschichte, befahl Gryce kurz.

Das Mädchen sah sich verlegen um.

Ach, hätte ich geahnt, was daraus entstehen würde, begann sie und senkte die Augen wieder, welche sie einen Moment zu Genofeva erhoben hatte. Ich habe immer an den Türen gehorcht und durch die Schlüssellöcher geschaut; ich weiß, es war unrecht, aber ich wollte erfahren, was das Mädchen so lange in Ihrem Zimmer machte, wenn Sie sonst niemand hereinließen. Ich dachte, ich könnte sie einmal sehen, wenn sie ihren Schleier heruntertut. Als ich Ihnen damals über die Schulter guckte, wollte ich nur wissen, ob der Brief, den Sie schrieben, etwa an das Mädchen sei. Sie war doch nur eine Kleidernäherin und kein Umgang für eine vornehme Dame. Warum ich das alles tat, weiß ich nicht; ich will nur erklären, weshalb ich wieder kam, nachdem man mich fortgeschickt hatte. Ich mußte wissen, ob sie auch vor Ihrer Hochzeit noch ins Zimmer gelassen würde – und wirklich so war's.

Sie will mit alledem sagen, bemerkte der Detektiv trocken, daß sie selbst zur Zeit Ihrer Trauung im Hause war, ohne daß man darum wußte.

Genofeva verharrte unbeweglich in ihrem Schweigen.

Wie ich sie hinaufgehen sah, fuhr Zilia fort, war ich so böse, daß ich mich auf die Hintertreppe setzte und anfing vor Zorn zu weinen. Als bald nachher alle bei der Trauung waren, dachte ich, sie würde auch oben am Geländer stehen, vielleicht ohne Schleier, um die Hochzeitsgesellschaft zu sehen; aber ich entdeckte sie nicht und konnte nicht begreifen, warum sie im Zimmer geblieben war. Das wollte ich wissen. Wie ich nun gar die Tür verschlossen fand, hatte ich keine Ruhe mehr, ich mußte sehen, was das Mädchen ganz allein da drinnen vorhatte. Vom Nebenzimmer aus stieg ich durch das Fenster aus das Dach und probierte durch das Fenster im Alkoven hineinzugucken –

Fahren Sie fort! – War das Genofevas Stimme? – Selbst ihr Gatte erkannte sie nicht wieder.

Zilia hatte nur Atem schöpfen wollen. Sie sah ihre frühere Herrin verwundert an und berichtete weiter:

Im Zimmer war das Rouleau nicht ganz herabgelassen, es kam ein Lichtschein von der Straße her, aber das Mädchen war nirgends zu sehen. Das Fenster war nicht festgemacht, ich öffnete es, stieg hinein und ging ins Zimmer, aber das Mädchen war nicht da.

Zilia hielt inne; sie mochte wohl fühlen, daß Genofeva sie mit ihren Blicken förmlich durchbohrte. Für die dramatische Wirkung ihrer Erzählung hatte sie kein Verständnis; ihr war unbehaglich zumute.

Sie war nicht da, wiederholte sie, und mir fing an bange zu werden; ich wollte zum Zimmer hinaus, aber die Tür war verschlossen. Ich mußte wieder durchs Alkovenfenster, und da hatte ich einen Todesschrecken. Nicht neben mir am Boden lag ein Haufen Kleider, und eine Hand sah heraus – eine kalte weiße Totenhand – hu!

Sie schauderte zusammen bei der Erinnerung, während Frau Kameron in die Höhe fuhr und dann wie vom Schrecken überwältigt auf ihren Sitz zurücksank; ihr schien der Atem zu stocken vor Entsetzen über das Bild, welches ihre Einbildungskraft heraufbeschwor.

Ihr Gatte, den der Schreck gleichfalls im ersten Augenblick übermannt hatte, trat jetzt auf den Detektiv zu.

Eine höchst unwahrscheinliche Geschichte, rief er; haben Sie wirklich Grund, daran zu glauben?

Hören wir weiter, war die ruhige Antwort, dann können wir uns ein Urteil bilden.

Er winkte dem Mädchen, fortzufahren.

Die Leute sagen, man hatte einen gräßlichen Schrei gehört mitten in der Trauung – ja, das glaub' ich wohl! Ich war mutterseelenallein mit der schrecklichen Totenhand, die nach mir zeigte. Zuerst konnte ich kein Glied rühren, ich fürchtete mich so. Ich dachte nichts als: nur fort, nur fort von hier, ohne daß dich jemand sieht! Auch wollte ich nichts davon sagen, denn wenn man erfuhr, ich sei heimlich dort im Zimmer gewesen, konnte mir's übel ergehen. Wie ich an der Leiche vorbeikam und wieder durchs Fenster und zum Hause hinaus, weiß ich nicht. Draußen war mir's schwach zum Umfallen, aber ich nahm alle Kraft zusammen und lief nach Hause, so schnell mich meine Füße trugen. Lange habe ich kein Wort davon gesagt, und wie die Herren dahinter gekommen sind, daß ich das tote Mädchen in Ihrem Zimmer gesehen habe –

Genug, unterbrach sie der Detektiv mit fester Stimme. – Sie haben nun ihre Geschichte gehört, wandte er sich mit höflicher Verbeugung an Frau Kameron, wünschen Sie noch eine oder die andere Frage an sie zu richten?

Die Dame schien soeben aus einem furchtbaren Traum zu erwachen. Nein, murmelten ihre Lippen.

So kann ich sie entlassen?

Ja.

Gryce wandte sich an den Doktor.

Hätten Sie wohl die Güte, sie einstweilen sicher unterzubringen? Ich möchte die Sache noch etwas näher erörtern.

Er sprach in verbindlichem Tone, aber Kameron und seine Frau erröteten unwillig. Offenbar war er mißtrauisch und wollte sie nicht zusammen allein lassen, während er in das Nebenzimmer ging. Trotz seiner innern Erregung folgte der Doktor der Aufforderung schweigend und mit ruhiger Besonnenheit; er geleitete Zilia in das Sprechzimmer, schloß sie daselbst ein und kehrte dann zu den andern zurück.

Unterdessen war zwischen der Dame und dem Detektiv weder ein Wort noch ein Blick gewechselt worden. Kaum aber hatte Kameron das Zimmer wieder betreten, als sich Genofevas Gesichtsausdruck plötzlich völlig veränderte. Mit offener treuherziger Miene trat sie Gryce gegenüber.

Wie gütig von Ihnen, sagte sie in so dankbarem Ton, daß beide Herren betroffen aufblickten, ich werde nie vergessen, wie schonend und rücksichtsvoll Sie verfahren sind. Nachdem Sie die gräßliche Geschichte gehört hatten, mußten Sie ja wissen, daß Mildred Farley gestorben ist, ehe ich hinunterging und nicht erst später. Und doch sind Sie hergekommen, ohne Aufsehen zu erregen, um mich im Vertrauen zu befragen, welchen Aufschluß ich darüber geben könnte. Zum Beweis, wie sehr ich Ihnen diese Freundlichkeit danke, will ich Ihnen alles mitteilen, was ich über den Tod des unglücklichen Mädchens weiß. Sie werden die Sache dann vielleicht mit andern Augen ansehen und einigermaßen die Furcht begreifen, die mich bewog, das entsetzliche Geheimnis, selbst vor meiner Mutter und meinem Gatten, zu verbergen, bis es mir jetzt stückweise entrissen wird. So hören Sie denn die Wahrheit: das Mädchen, dessen Tod Ihnen so rätselhaft erscheint, hat sich selbst vergiftet. Sie verübte den Selbstmord in meiner Gegenwart, wenige Minuten bevor ich zur Trauung ging. Es kam mir ganz unerwartet und erschütterte mich aufs tiefste. Ich war mit meiner Brauttoilette beschäftigt gewesen, und nichts schien mir ferner als ein solches Trauerspiel. Auch war es wohl nicht ihre Absicht gewesen, sich auf der Stelle zu töten; die Verzweiflung mußte sie überwältigt haben. Nachdem sie bei der letzten Unterredung mit ihrem Bräutigam erkannt, daß sie sich in ihm getäuscht habe, wollte sie ihn nicht wiedersehen. Nun stand ich vor ihr als Braut, geschmückt und voll Hoffnung, ihr dagegen war nur die Aussicht auf eine öde trostlose Zukunft geblieben. Das vermochte sie nicht zu ertragen. Im nächsten Augenblick schon hatte sie das Giftfläschchen ergriffen und an die Lippen gebracht. Die Tat war geschehen, und sie war eine Leiche, ehe ich mich noch von dem starren Schrecken erholen konnte, der mir alle Glieder lähmte. Bedenken Sie, ich war im Hochzeitsschmuck, die Feier sollte beginnen, jeden Moment konnte ich zur Trauung gerufen werden. Welches Aufsehen hätte es erregt, welches Grauen hätte sich der ganzen frohen Festversammlung bemächtigt, wenn ich den Vorfall offenbarte! Mir blieb nur eine Sekunde zur Ueberlegung, ich beschloß, ihn geheimzuhalten. Schmerzerfüllt und in Todesangst, Gott weiß es, zog ich das arme Mädchen in den Alkoven und deckte sie mit den Kleidern zu, die schon auf dem Boden umherlagen. Kaum hatte ich dies getan und meinen Schleier wieder in Ordnung gebracht, da klopfte es an der Tür, und ich ward hinabgerufen.

Es war entsetzlich! Wie entsetzlich, das ward mir erst klar, als ich Zeit fand, mich zu besinnen. Ich fühlte mich kaum imstande, meine Aufregung zu bemeistern, und als nun noch der Schrei von oben ertönte –

Die Erinnerung an das furchtbare Erlebnis machte sie schaudern.

Ihr Gatte, der jetzt erst erkannte, wie schwer sie gelitten, reichte ihr voll Mitgefühl die Hand, obgleich er wohl begriff, daß die Vergangenheit in ihren Schatten noch manches unaufgeklärte Rätsel barg.

Was aber, fragte der Detektiv in kühlem Geschäftston, geschah mit der Leiche? Wir finden sie erst in der Obhut von Doktor Molesworth wieder, der, wie mir gesagt worden ist, nicht zu den Hochzeitsgästen zählte.

Frau Kameron erwiderte freimütig: Doktor Molesworth hatte sich nach dem Hotel begeben, wo seine Trauung stattfinden sollte. Da er die Braut nicht fand, vermutete er ganz richtig, daß sie hier wäre. Er gehörte nicht zu den Gästen, aber der Eintritt ins Haus war ihm nicht verwehrt. Ich sah ihn in der Halle stehen und erriet sofort, was er hier suchte. Es gelang mir, mich aus dem Kreis der Freunde, die mich beglückwünschten, zu entfernen und zu ihm zu eilen; rasch teilte ich ihm mit, die Person, welche er suche, sei oben in meinem Zimmer; er solle vorangehen, ich werde folgen. Auf den ersten Blick sah ich, daß er sich in höchster Aufregung befand, aber ich wußte, daß, wenn die Tote ohne Aufsehen aus dem Hause geschafft und die ganze Sache verschwiegen werden sollte, er der Mann war, dies auszuführen. Ich verließ mich auf ihn, ging ihm nach, berichtete ihm, was sich ereignet hatte, zeigte ihm die Leiche seiner Braut und bat um seinen Beistand, den er mir versprach. Ob es eine wirkliche Hilfe war, bezweifle ich jetzt, fügte sie mit leiser Stimme hinzu, für mich wäre es besser gewesen, ich hätte das ganze Haus zusammengerufen und allen das tote Mädchen gezeigt; mir wäre dann erspart geblieben, die Täuschung tage- und wochenlang fortzusetzen. Das Geheimnis lag auf mir wie eine Bergeslast, die mich zu erdrücken drohte.

Ihr Gatte sah aus, als teile er diese Ansicht, doch schwieg er, und Gryce fuhr fort:

Wenn Sie der Gerichtsverhandlung in der Zeitung gefolgt sind, werden Sie wissen, daß Molesworth vor dem Coroner aussagte, er habe das Mädchen auf einer Treppenstufe in der 22. Straße gefunden.

Ich weiß. Wir verabredeten, er solle der Sache eine derartige Wendung geben. Es schien uns das beste. Der Toten schadete es nichts, und mir mußte es endlose Unannehmlichkeiten ersparen, wenn angenommen wurde, sie habe sich auf der Straße vergiftet. So urteilten wir damals. Wie sehr wir im Irrtum waren, beweist der gegenwärtige Augenblick.

Der Detektiv blickte sie an; er öffnete den Mund zu einer neuen Frage, doch schien er sie nicht recht über die Lippen zu bringen und bemerkte einfach: Sie müssen Julius Molesworth genau gekannt haben, Frau Doktor.

In Kamerons Gesicht stieg eine dunkle Röte auf; Genofeva aber veränderte die Farbe nicht, sie sprach ruhig und gefaßt:

Von seiner Braut erfuhr ich mancherlei über seinen Charakter. Ich selber hatte ihn einigemale im Hause der Frau Olney gesehen und gesprochen. Die Lage, in der wir uns befanden, machte uns schnell zu Vertrauten.

Das ist begreiflich, erwiderte Gryce, auch erscheint mir das Verfahren von Ihrer Seite nicht unnatürlich. Eine Frau handelt nach augenblicklicher Eingebung und überlegt die Folgen nicht, die daraus entstehen können. Aber ein Mann pflegt sich zu bedenken, bevor er auf einen Plan eingeht, der ihn zum Meineid führen muß.

Sie blickte scheu und ängstlich zu Boden.

Doktor Molesworth übernahm zudem eine furchtbare Verantwortung, als er versprach, die Leiche aus dem Hause zu schaffen, allein und ohne entdeckt zu werden. Um das auszuführen, brauchte er viel Mut und Entschlossenheit. Es gehörte die opferwilligste Hingebung dazu, um nicht vor einem so gefährlichen und grauenvollen Unternehmen zurückzuschrecken. Daß er um einer Dame willen, die er nur oberflächlich kannte, zu solchen Opfern bereit war, scheint mir wenig wahrscheinlich. Ich würde weit eher glauben, – er hielt inne, sie hing atemlos an seinem Munde, – daß er seine eigenen Gründe hatte, die Sache geheimzuhalten, schloß er bedeutungsvoll.

Wohl möglich, entgegnete sie einfach. Was in seinem Innern vorging, kann ich Ihnen nicht sagen, nur was wir getan haben.

Sie behaupten also, daß er die Tote aus Ihrem Zimmer und aus dem Hause geschafft hat und zwar ohne die Hilfe anderer?

Ja.

Und wann geschah dies?

Das weiß ich nicht; ich war schon fort.

Was? Sie verließen das Haus, solange die Leiche noch darin war?

Ja, ich vertraute ihm die ganze Sache an und dachte nur noch an meine eigene Rettung. Die Hintertreppe hatte ich frei gemacht, indem ich meinen Koffer dort hinuntertragen ließ, und diesen Weg sollte er benutzen.

Hat er es getan?

Das vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß nur, daß es ausgeführt worden ist; wie und unter welchen Schwierigkeiten, müssen Sie ihn selber fragen, ich habe noch keine Gelegenheit dazu gefunden.

Glauben Sie, daß er es mir mitteilen würde?

Nein, entgegnete sie kühn. Solange er zweifeln muß, ob ich das Geheimnis offenbart habe, würde er es für seine Pflicht halten, zu schweigen.

Was, selbst wenn sein Leben in Gefahr schwebte?

Sein Leben?

Jawohl, er würde als des Mordes verdächtig festgenommen worden sein, wenn Zilia nicht ihr Zeugnis abgelegt hatte. Sie wußten also, daß der Verdacht nicht unbegründet war, daß ihm Gefahr drohte, und hätten ihn doch ins Gefängnis gehen lassen?

Ich war erst seit zwei Wochen verheiratet, Herr Gryce. Mein Gatte verabscheute jede Täuschung, und ich hatte nicht den Mut, ihm zu gestehen, wie ich in die Geschichte verwickelt worden war. Ich verließ mich fest darauf, Doktor Molesworth werde einen Ausweg zu finden wissen. Auch nicht entfernt dachte ich, daß ihn ernstliche Gefahr bedrohe. Wäre ihm der Prozeß gemacht worden, ich hätte die Wahrheit bekannt, ohne mich zu schonen. Solange noch die Möglichkeit vorhanden war, daß es nicht dazu kommen würde, schwieg ich.

Sie verteidigte ihre Sache gut, aber ihre umwölkte Stirn, ihre bleichen Lippen verrieten nur allzu deutlich, daß sie dieselbe als eine verlorene betrachtete. Dem Verhängnis, welches so lange über ihrem Haupte geschwebt hatte, war nicht mehr zu entrinnen.

Ihre Erklärungen genügen mir, erwiderte der Detektiv. Ich wünsche jetzt nur noch zu erfahren, wie Fräulein Farley zu dem Gift gekommen ist, mit dem sie sich das Leben nahm.

Das kann ich nicht sagen, flüsterte Frau Kameron kaum hörbar.

Holte sie das Fläschchen aus ihrer Tasche, ihrem Mantel oder den Falten ihres Kleides?

Genofeva schüttelte ratlos das Haupt.

Gryce ward unruhig; er zögerte ein wenig, dann fragte er freundlich: Sahen Sie, daß sie es an die Lippen setzte?

Genofeva bejahte es.

Aber nicht, woher sie es nahm?

Darauf kann ich nicht antworten.

Ihr Gatte trat an ihre Seite: Warum nicht? fragte er leise.

Weil – sie griff nach einem Stuhl, um sich zu setzen – weil du mir nicht glauben würdest.

Ich – dir nicht glauben!

Sie hatte ins Leere gestarrt, jetzt sah sie ihn an. Es war ein Blick voll unergründlicher Liebe, aber auch voll namenloser Verzweiflung. Vielleicht doch, sagte sie, aber es klingt kaum glaublich.

Was unglaublich scheint, ist doch oft wahr, bemerkte er.

Sie lächelte, aber ohne Hoffnung.

Nun denn: sie nahm es aus einem Kasten.

Den sie bei sich trug?

Nein, der sich im Zimmer befand.

Kameron und der Detektiv starrten sie verwundert an; Genofeva bebte wie von Frost geschüttelt.

Sie nahm ein Flaschchen mit Blausäure aus einem Kasten, der sich im Zimmer befand?

Ja.

Und wie kam dies Giftfläschchen in Ihr Zimmer, Frau Doktor?

Sie fand anscheinend keine Antwort auf diese Frage. Sie bewegte die Lippen, brachte aber keinen Laut hervor und saß stumm da, ein Bild der Scham und der Verzweiflung.

Von Angst gepeinigt wollte Kameron eben ungestüm das Wort ergreifen, aber der Detektiv kam ihm zuvor.

Sie glauben, ich habe kein Recht, die Frage zu stellen. Gut, ich nehme sie zurück und möchte nur wissen, wie der Kasten aussah, der das Fläschchen enthielt und wo er aufbewahrt wurde.

Es war ein Schmuckkasten, der in der obersten Kommodenschublade stand.

Gryce gab kein Zeichen von Ueberraschung.

So? sagte er, nun, da der Kasten wertvolle Dinge enthielt, war er vermutlich verschlossen und die Kommode auch?

Die Kommodenschublade, das weiß ich nicht, aber der Kasten war verschlossen, ich sah sie den Schlüssel umdrehen.

Es war ein verhängnisvolles Zugeständnis, das ihrer ganzen Aussage den Stempel der Unwahrscheinlichkeit aufdrückte. Sie erkannte das zu spät. Totenblässe trat auf ihr Gesicht, und sie schien dem Umsinken nahe. Ihr Gatte vergaß in seinem Schrecken die Frage, die ihm auf den Lippen schwebte. Der Detektiv jedoch fuhr unbarmherzig fort:

Entschuldigen Sie, wie kam denn die arme Näherin dazu, Ihre Schubladen zu öffnen und Ihren Schmuckkasten zu plündern? Unter welchem Vorwand nahm sie sich so etwas heraus?

Ihre letzte Kraft zusammenraffend erwiderte Genofeva hastig: Sie sagte gar nichts; es geschah alles so schnell, daß keine Zeit zu Erklärungen übrig blieb.

Wie aber konnte sie wissen, – wie kam sie dazu –

Der Doktor, welcher bei dem Zustand seiner Frau erkannte, daß kein Augenblick zu verlieren sei, unterbrach ihn schnell:

Genofeva, sage mir nur das eine, war es das Fläschchen mit Blausäure, das ich dir damals gab als –

Sein Fragen war umsonst; ein großer roter Fleck trat plötzlich auf ihrer Wange hervor; sie schien nichts mehr zu hören und zu sehen.

Ich bin krank, Walter, ich bin krank, stöhnte sie in gebrochenen Lauten, und schon im nächsten Augenblick lag sie bewußtlos zu seinen Füßen.

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