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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel.

Die gleiche Bestürzung malte sich auf Frau Gretorex' Gesicht und dem des Detektivs, so gänzlich verschieden diese zwei Menschen auch sonst voneinander waren. Im nächsten Augenblick jedoch hatten beide die Fassung wiedergewonnen, sie aus Weltklugheit, er aus Gewohnheit. Gryce hörte nicht ohne heimliche Bewunderung, wie sie leichthin bemerkte:

Wir suchen nach dem Schleier der unglücklichen Person. Er wird vermißt, und auf der Polizei scheint man zu glauben, sie habe ihn hier verloren.

Genofeva war leichenblaß geworden.

Ich begreife nicht, begann sie, dann senkte sie das Auge vor ihrer Mutter Blick und mußte sich an die Türe lehnen, um sich aufrecht zu erhalten.

Du hast vermutlich gewußt, daß die junge Näherin, die so oft hier war, um die Kleider zu deiner Ausstattung abzuliefern, an deinem Hochzeitstag gestorben ist? fuhr die Mutter unerbittlich fort.

Keine Antwort.

Unmöglich kannst du von deinem neuen Leben so ganz in Anspruch genommen worden sein, daß du es in der Zeitung übersehen hast.

Genofeva schüttelte den Kopf.

Warum hast du denn niemand etwas davon gesagt? Das hättest du tun sollen, schon damit wir nicht den lästigen Nachforschungen und Verdächtigungen der Polizei ausgesetzt waren. Es ist dir wohl gar nicht klar gewesen, was für ein Geheimnis du verbargst? Das Mädchen hat dir vielleicht einen falschen Namen genannt, dir nicht ihr wahres Gesicht gezeigt.

Ihr Gesicht? preßte die junge Frau mühsam heraus, die Mutter mit großen Augen anstarrend.

Ja, – dieses Mädchen, Mildred Falley – soll eine ganz auffallende Aehnlichkeit mit dir gehabt haben, sagt man.

Genofevas Angst schien auf einmal gewichen; sie sah heiter und unbefangen aus, wie gewöhnlich. Mit fester Hand knöpfte sie den Pelzmantel auf und warf ihn nachlässig über einen Stuhl. So, sagt man das? Wie merkwürdig. Dann, sich zur Tür wendend, rief sie in den Vorsaal hinaus: Walter, komm herein, du mußt mir helfen; man hat mich auf Winkelzügen ertappt, ich will meine Sünden beichten.

Doktor Kamerons geistvolles Gesicht, seine hohe Gestalt erschien in der Türöffnung. Was gibt es denn? fragte er, ich will dir beistehen, so gut ich kann. Den Detektiv gewahrend, hielt er inne, unwillkürlich bestrebt, seine aufsteigende Besorgnis zu verbergen.

Nur eine Kleinigkeit, die ich aufklären möchte, warf Genofeva sorglos hin. Mildred Farley war mir nicht unbekannt, ich habe hier im Hause mehrfach mit ihr zu tun gehabt; doch wollte ich nichts davon sagen und stellte es sogar in Abrede, als man mich befragte, weil – dir klingt das vielleicht wie eine lahme Entschuldigung – mir Verhandlungen vor Gericht in der Seele zuwider sind. Auch war unsere Aehnlichkeit wirklich höchst auffallend; es wäre peinlich für mich gewesen, in Gegenwart von Leuten, die das Mädchen gekannt haben, als Zeugin zu erscheinen. Wenn dies für Charakterschwäche angesehen wird, muß ich mich darein finden. – Jetzt bin ich froh, mein Geheimnis los zu sein, das mir Unruhe genug bereitet hat.

Ihre ungezwungene Anmut, ihr Liebreiz und die Zuversicht, die aus ihren Mienen sprach, man könne ihr um so kleiner Schuld willen nicht zürnen, hätte wohl die meisten Männer zu ihren Gunsten gestimmt. Doktor Kaneron aber hatte strenge Grundsätze und verabscheute eine Unwahrheit im kleinen fast so sehr wie im großen. Sie sah das an seinem veränderten Gesichtsausdruck und ließ betrübt den Kopf hängen.

Kann ich nichts tun, um meinen Fehler wieder gut zu machen? fragte sie.

Gryce trat schnell vor: Sie können uns sagen, ob Sie das Mädchen hier im Zimmer zurückgelassen haben, als Sie zur Trauung hinabgingen.

Genofevas offenbare Fassungslosigkeit bei diesem so einfachen Verlangen war für Kameron ein furchtbarer Schlag. Lebhaft standen ihm wieder alle Zweifel und Schrecknisse vor der Seele, die er in jener Stunde durchlebt hatte, von dem Moment an, als er sie beim Anblick des Mädchens erstarren sah, das, wie sie jetzt zugab, Mildred Farley gewesen war, bis zu dem Augenblick, da sie ihm im Wagen ohnmächtig in die Arme sank. Seine heftige Erregung schwand jedoch, als er das schelmische Lächeln bemerkte, welches jetzt Genofevas bleiche Züge erhellte.

Was, auch das weiß man schon? rief sie; ich hätte mir niemals träumen lassen, daß die Polizei so gut unterrichtet wäre und so geschickt. Ja, sie war wirklich bei mir an jenem Abend, um mir den Brautschleier aufzustecken und die Falten des Hochzeitskleides zu ordnen. Ich erwartete sie nicht, denn bei Ablieferung des letzten Kleides hatte sie ihre Bezahlung erhalten. Es war gut, daß sie kam und mir noch zuletzt behilflich war. Als ich zur Trauung hinabging, ließ ich sie hier zurück. Das war doch kein Unrecht?

Gewiß nicht, Madame. Wir suchen ja auch nur die Tatsachen festzustellen. War sie denn noch hier, als Sie zurückkamen?

Nein, sagte Frau Kameron, den Kopf schüttelnd. Sie war fort, ich hatte auch nicht erwartet, daß sie bleiben würde. – Walter, wo gehst du hin? Warte doch auf mich, der Herr wird mich nicht mehr lange aufhalten.

Kameron war in den Vorsaal hinausgetreten; bei den letzten Worten seiner Frau blieb er stehen, kam aber nicht wieder ins Zimmer.

Mein Mann hat Eile, wandte sie sich an den Detektiv. Wünschen Sie sonst noch etwas von mir zu erfahren?

Allerdings, Madame, versetzte Gryce in verbindlichem Ton. Erstens möchte ich wissen, wie Sie mit Mildred Farley bekannt geworden sind, ferner, ob Ihr Verkehr ein vertraulicher war, und endlich, ob Sie keine Ahnung von der Ursache ihres Todes haben. Mir ist es von Wichtigkeit, hierüber Aufschluß zu erhalten, denn wie Sie wissen, ist der Verdacht entstanden, daß sie sich nicht freiwillig und mit eigener Hand das Leben genommen hat, vielmehr dabei ein Mann im Spiele war, den Sie auch kennen oder wenigstens kürzlich gesehen haben.

Hast du noch Zeit, so lange zu warten, Walter? fragte sie, an die Tür tretend, mit freundlicher Miene.

So lange du willst, war die fast strenge Antwort; nur gib dem Herrn befriedigende Auskunft.

Bei dem kurzen, scharfen Ton seiner Stimme veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, und ihr Blick wurde ängstlich.

Ich will Ihnen alles sagen, was ich weiß, murmelte sie, es ist zwar nicht viel, kann aber doch der Polizei von Nutzen sein: Ich wurde zuerst mit Mildred Farley bekannt, als sie zu mir kam und mich um Arbeit bat. Sie hatte von meiner bevorstehenden Hochzeit gehört, durch wen, weiß ich nicht, und bat mich, meine Ausstattungskleider von ihr anfertigen zu lassen. Sie sah anständig aus, allein, da sie mir weder bekannt noch empfohlen war und ich überhaupt die Absicht hatte, meine Kleider in Paris zu bestellen, so ließ mich ihr Verlangen kalt. Als sie jedoch fortfuhr, mich mit Bitten zu bestürmen, es wenigstens einmal mit ihr zu versuchen, ward ich in meinem Entschluß wankend; das Mädchen begann mich zu interessieren, und ich forderte sie auf, den Schleier abzunehmen, der bis dahin ihr Gesicht verhüllt hatte. Sie tat das erst nach längerem Zögern; aber wie erstaunte ich, als ich in ihr mein treues Ebenbild erblickte. Mein Interesse war nun vollends erwacht, und ich befragte sie nach ihren näheren Verhältnissen. Aus ihren Antworten entnahm ich, sie sei die Tochter einer Witwe, welche an der Auszehrung darniederliege und für deren Unterhalt und Pflege sie zu sorgen habe. Sie hatte das Kleidermachen erlernt und traute sich das Geschick zu, mir ein Kostüm ganz nach Wunsch anzufertigen. Mein Eifer dabei wird um so größer sein, rief sie, als ich mir einbilden kann, ich schneidere für meine eigene Figur. Sie gleicht der Ihren genau, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin und Sie eine vornehme Dame. – Ich konnte ihr die Bitte nicht verweigern; so gab ich ihr den Stoff und ließ sie Maß nehmen. Der erste Versuch fiel so glänzend aus, daß ich beschloß, alle meine Kleider bei ihr zu bestellen. Doch machte ich zur Bedingung, sie dürfe nie unverschleiert hier ins Haus kommen, damit unsere außerordentliche Aehnlichkeit nicht zu Bemerkungen Anlaß gebe. – Wenn ich dies alles vor dir verborgen habe, Mama, so geschah es, weil ich überzeugt war, du würdest ein Vorurteil gegen die arme Näherin fassen, weil sie deiner eigenen Tochter glich. Es hätte mir weh getan, sie mit Geringschätzung behandelt zu sehen, ich kenne deinen Stolz und kann ihn begreifen, denn der meinige ist kaum weniger tief eingewurzelt.

Mit unbefangener Miene blickte sie ihre Mutter an, deren Lächeln zu sagen schien, die Tochter habe sie nicht falsch beurteilt. Frau Gretorex seufzte wie erleichtert auf und ließ sich in einen Stuhl nieder.

Weiter weiß ich nichts zu berichten, fuhr Genofeva fort, über ihren Tod kann ich keine Auskunft geben, und –

Entschuldigen Sie, Madame, fiel hier Gryce ehrerbietig ein, hat das junge Mädchen, gegen das Sie sich so freundlich erwiesen, nie ihre eigenen Sorgen und Hoffnungen mit Ihnen besprochen? Hat sie nie Julius Molesworth erwähnt und ihre bevorstehende Heirat mit ihm?

Was soll ich darauf erwidern? rief Frau Kameron mit einem bittenden Blick auf ihren Mann, der noch immer außerhalb der Türe stand. Hilf mir, Walter; ich möchte um keinen Preis durch meine Aussagen einem Menschen schaden, auf den unglücklicherweise der Schatten eines Verdachts gefallen ist, und den ich doch für ganz unschuldig halte.

Stehe nur offen Rede und Antwort! entgegnete ihr Gatte, einen Schritt nähertretend, mir wäre es unerträglich, zu denken, daß meine Frau in einer so wichtigen Angelegenheit irgendetwas verheimlicht hätte. Ist Molesworth unschuldig – und auch ich bin davon überzeugt –, so kann ihm deine Aussage schwerlich schaden, wenn die Wahrheit dadurch ans Licht kommt.

Sein freundlicher Ton schien Genofeva zu ermutigen. Sich zu dem Detektiv wendend, fuhr sie fort:

Ja, Mildred Farley hat ihr Verhältnis zu Molesworth gegen mich erwähnt. Bald nach ihrer Mutter Tode klagte sie mir, wie einsam und trübe ihr die Zukunft erscheine und teilte mir dann zögernd mit, sie habe einen Heiratsantrag von dem Arzt erhalten, der die Kranke behandelt hatte. Ob sie denselben annehmen würde, sagte sie zwar nicht, doch schien es mir selbstverständlich, und wir sprachen nicht weiter über die Angelegenheit; ich hatte den Kopf zu voll eigener Pläne und kannte ja auch Doktor Molesworth nicht. Einige Tage vor meiner Hochzeit taten wir nun aber etwas Seltsames – ich gestehe es nicht gern ein, denn ich weiß, es wird meiner Mutter mißfallen – vielleicht auch meinem Gatten. Aber er will ja, daß ich reden soll, und ich gehorche: während unseres Verkehrs hatten wir uns sehr aneinander angeschlossen; Mildred war für ihren Stand ungewöhnlich gebildet und voller Geist und Leben. Um mich ihrer Gesellschaft ungestört erfreuen zu können und mir auch die Ruhe zu verschaffen, deren ich dringend bedurfte, schlug ich ihr einen gemeinsamen Ausflug vor. Weder ihre noch meine Bekannten sollten etwas davon erfahren, damit wir unsere Freiheit nach Herzenslust genießen könnten. Das taten wir denn auch; wir mieteten uns auf einige Tage in einer anständigen Pension in Newark ein, ich als Kranke, sie als meine Wärterin, und waren sehr vergnügt zusammen. Jetzt sehe ich wohl ein, daß es ein unpassendes und törichtes Unternehmen war, aber es kam mir so romantisch vor, das reizte mich; ich war ja damals noch nicht verheiratet. Als wir am Morgen meines Hochzeitstages Abschied nahmen, dankte mir Mildred aufrichtig und sagte, es seien die heitersten Tage ihres Lebens gewesen. Wie wenig ahnte ich, daß sie schon vierundzwanzig Stunden später den Tod finden würde und möglicherweise durch eigene Hand.

Genofeva schwieg; aber der Detektiv war noch nicht zu Ende.

Sie nahmen Abschied von ihr – darf ich fragen wo?

An der Ecke des Broadway und der Franklinstraße. Sie kehrte nach der City zurück, und ich suchte meine Cousine auf. Daß ich nur ein paar Stunden bei ihr war, hat sie dir nicht gesagt, fügte sie hinzu, indem sie sich an ihre Mutter wendete.

Frau Gretorex sah verstimmt und mit verächtlicher Miene da.

Ich bedaure jetzt, den tollen Streich gemacht zu haben, flüsterte Genofeva mit einem reuigen Blick auf ihren Gatten. Es war unschicklich in meiner Stellung, und wenn ich mich gar noch öffentlich dazu bekennen soll, wird auch dir Verdruß und Scham darüber nicht erspart bleiben.

Kameron zuckte die Achseln. Das ist jetzt von sehr wenig Belang, sagte er. Hier handelt es sich um die Frage: hat Mildred Farley das Gift selbst genommen oder ist es ihr von Molesworth eingeflößt worden?

Deshalb, fiel Gryce ein, wäre es wichtig, zu erfahren, ob sich Fräulein Farley über ihre Zukunftspläne geäußert hat, bevor sie sich von Ihnen trennte, Frau Doktor.

Soviel ich verstand, sollte ihre Hochzeit mit der meinigen zugleich stattfinden.

Dann müssen Sie ja höchlich überrascht gewesen sein, als sie am Abend zu Ihnen ins Zimmer trat.

Gewiß; ich wußte es mir anfangs gar nicht zu deuten.

Und wie erklärte sie es?

Einfach damit, daß ihre Trauung verschoben sei, und sie bei meiner Toilette zugegen sein möchte. Sie sah ernst und unglücklich aus; aber da sie mir nichts Näheres mitteilte, vermied ich es, sie mit Fragen zu quälen.

Von Tod oder Selbstmord hat sie nicht gesprochen, auch nicht Abschied von Ihnen genommen?

Frau Kameron schien nachzudenken. Sie war in großer Aufregung, entgegnete sie dann, und hat mir auch vielleicht Lebewohl gesagt; aber ich selbst befand mich in zu erregter Stimmung, um darauf zu achten. Wenn ich mir jetzt alles wieder vergegenwärtige, scheint es mir nicht unmöglich, daß sie den verzweifelten Schritt getan hat. Doch würde meine Ueberzeugung, daß sie das Gift freiwillig genommen hat, vor den Geschworenen schwerlich als Beweis gelten können.

Das zwar nicht, entgegnete Gryce, sich dankend verbeugend, aber für einen Detektiv ist sie von Wichtigkeit.

Er war im Begriff, sich zu entfernen, doch Frau Gretorex hielt ihn zurück, um ihm die größtmögliche Rücksicht und Schonung für ihre Familie ans Herz zu legen. Den Augenblick benutzend, schlüpfte Genofeva zu ihrem Gatten hinaus.

Du zürnst mir, Walter, und mit Recht, murmelte sie, seinen Arm umfassend und ihm bittend ins Auge schauend. Mein Betragen erscheint dir tadelnswert und meine Heimlichkeiten unverzeihlich; aber ich habe nur aus Schwachheit gefehlt und nichts Böses gewollt. Kannst du mir nicht vergeben?

Er antwortete nicht, sondern ergriff ihre Hand und zog sie mit sich in eine Fensternische. Genofeva, sprach er ernst, eines verlange ich zu wissen: Gryce fragte, ob du Mildred Farley im Zimmer zurückgelassen hättest, als du zur Trauung gingst, und du antwortetest: »Ja«. Doch sah ich damals mit eigenen Augen, wie du die Tür abschlossest und den Schlüssel einstecktest. Warum tatest du das, wenn das Mädchen noch dort war und sich eben zum Fortgehen rüstete?

Weil – ihre Lippe bebte, aber sie sah ihm fest ins Auge – weil ich nicht wußte, was ich tat. Vielleicht sind nicht alle Bräute vor der Hochzeit so aufgeregt wie ich es war. Und dazu kam noch der Schmerz – ganz plötzlich, gerade als ich die Schwelle überschritt – wohl infolge der nervösen Erregung – mir vergingen fast die Sinne; so schloß ich die Tür und zog den Schlüssel ab. Als es mir wieder einfiel, war es zu spät. Mir ist nur unerklärlich, wie sie in meiner Abwesenheit herauskommen konnte: das Zimmer hat nur die eine Tür, auch gibt es keinen zweiten Schlüssel, und doch war sie fort, als ich zurückkam, ich wußte nicht wie, noch wohin.

Das braucht Sie nicht weiter zu beunruhigen, hörte sie eine leise Stimme neben sich sagen, es ist leicht zu verstehen. Gryce kam hinter der Ecke hervor und winkte ihnen, ins Zimmer zurückzutreten. Wenn Sie einen Augenblick hersehen wollen, kann ich Ihnen zeigen, auf welche Weise Fräulein Farley hinausgekommen ist.

Genofeva war zusammengefahren. Folgte ihr denn dieser Mensch wie ihr Schatten? Sah und hörte er alles, was sie tat? Unruhig ging sie ihrem Gatten nach, der schon ins Zimmer geeilt war, um die Lösung des Rätsels zu erfahren.

Gryce deutete auf ein Fenster am Ende des kleinen Alkovens, Hier ließ sich der Ausgang leicht finden, sagte er, trotzdem es keine zweite Tür gibt.

Richtig, rief Kameron nähertretend. Das Fenster ging auf das platte Dach einer Veranda hinaus.

Sie sehen, das Fenster ist geöffnet, fuhr Gryce fort. Seit jenem Abend hat niemand das Zimmer wieder betreten; wenn nun von den andern Fenstern, die gleichfalls auf das Dach gehen, noch eines offen stand, so konnte sie leicht in das Nebenzimmer hinabklettern; von da gelangte sie in die Hausflur und auf die Hintertreppe.

So ist es, bestätigte der Doktor.

Dies kann also als feststehend betrachtet werden, bemerkte Gryce. Dagegen ist mir etwas anderes noch unbegreiflich: wie nämlich Fräulein Farleys brauner Schleier, den ich hier in der Hand halte, unter den Haufen Kleider gekommen ist, welcher da vor Ihnen liegt. Wenn Frau Doktor Kameron das ebenso leicht erklären könnte, wie ich das Verschwinden des Mädchens aus dem verschlossenen Zimmer, so wäre ich ihr sehr verbunden.

Kameron sah sich nach seiner Frau um; sie stand mitten im Gemach, den Blick auf die am Boden liegenden Kleidungsstücke geheftet, nach welchen Gryce zeigte.

Weißt du, wie der Schleier unter den Haufen gekommen ist, Genofeva? fragte ihr Gatte.

Sie hob langsam die Augen zu ihm empor. Das geht mit sehr einfachen Dingen zu, sagte sie; ich konnte beim Anziehen ein Kleidungsstück nicht finden und warf in meiner Hast alles aus den Schränken heraus. Als dann Mildred kam, trug sie den ganzen Haufen nach dem Alkoven, um ihn aus dem Wege zu räumen. Beim Bücken wird ihr der Schleier vom Hut gefallen sein.

Höchst wahrscheinlich.

Kameron richtete sich erleichtert auf; auch Frau Gretorex schien befriedigt und rauschte zur Tür hinaus. Nur Genofeva war augenscheinlich halb unwillig, halb erschöpft und abgemattet. Der Detektiv bemerkte es, stellte aber doch noch eine letzte Frage:

Gehörte Ihnen denn der hellgraue Schleier, der sich bei Fräulein Farley vorfand?

Das weiß ich nicht. Ich habe damals so vielerlei gekauft, daß mir nicht alles gegenwärtig ist. Doch erinnere ich mich, mir fehlte der Schleier zu meinem Reisehut, als ich ihn aufsetzen wollte.

Damit war die Sache abgetan. Gryce bedankte sich für die gefällige Auskunft und entfernte sich. Kaum war er fort, so begab sich Genofeva zu ihrer Mutter.

Ich kam hierher, um meine Sachen mit dir zu ordnen, sagte sie. Aber der Mensch hat mich so ermüdet mit seinen endlosen Fragen, daß ich jetzt nicht mehr imstande bin, etwas zu tun. Sei doch so gut, selbst über alles zu verfügen, sobald du Zeit hast; mir ist die Lust dazu vergangen.

Ohne die Antwort abzuwarten, nahm sie ihres Mannes Arm und zog ihn nach der Treppe. Wirst du mir je verzeihen können? flüsterte sie.

Er sah sie lächelnd an. Wir sind zu jung, um aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, sagte er. Ihr Weltdamen nehmt es oft mit der Wahrheit nicht allzu genau. Ich will versuchen, dein Unrecht zu vergessen, zumal ich hoffe, daß du nie wieder etwas tun wirst, wovon du weißt, daß es mir Schmerz bereitet.

Sie stand still, ihm den Mund mit einem Kuß zu verschließen.

O, wie ich dich liebe, flüsterte sie. Ich begehre nichts auf der Welt, als dir die treueste, sorgsamste Gattin sein zu dürfen.

Seine freundlichen Worte hatten sie förmlich neu belebt, sie strahlte vor Wonne und Glück.

Als sie in den Wagen stiegen, sahen sie gerade noch, wie des Detektivs würdige Gestalt um die Ecke bog. Dieser überlegte sich jetzt seinen Schlachtplan.

Julius Molesworth mußte ins Gefängnis wandern; das lag auf der Hand. Niemand als er hatte Mildred Farley umgebracht, wenn sie sich nicht selbst den Tod gegeben. Ob letzteres der Fall sei, war Sache der Geschworenen zu entscheiden, die Polizei aber hatte die Pflicht, seine Verhaftung vorzunehmen. Zwar waren die Beweise gegen ihn nicht ganz so überzeugend, wie Gryce wohl gewünscht hätte, aber ein Giftmord ist ja stets weit schwerer zu ergründen als Verbrechen, bei denen Dolch und Messer eine Rolle gespielt haben. Zudem waren hier die begleitenden Umstände höchst verdächtig. Daß Molesworth das Mädchen sterbend auf den Treppenstufen gefunden haben wollte, während sie in Wahrheit in seinem Wagen ihr Leben ausgehaucht und er das Fläschchen nur auf die Straße geschleudert hatte, um die von ihm erdachte Geschichte glaubwürdig zu machen, ließ auf einen sorgfältig vorher entworfenen Mordplan schließen. Was hätte ihn auch zu der Lüge veranlassen sollen, wenn nicht der Wunsch, die Gerichte zu täuschen? Elende Feigheit konnte man doch einem Menschen nicht zutrauen, der den Eindruck eines so starken furchtlosen Charakters machte. Noch länger mit seiner Verhaftung zu zögern, ging nicht an, zumal die Aussagen der einzigen Person, welche Mildred an jenem Abend noch gesprochen hatte, nicht dazu dienten, ihn von dem Verdacht zu reinigen.

Sobald einmal die Notwendigkeit erkannt war, schritt man zur Ausführung, Um zwei Uhr langte Gryce mit seinem Gefangenen richtig auf dem Hauptpolizeiamt an; hier jedoch entstand ein Aufenthalt, noch ehe man zum Verhör schreiten konnte. Sie hatten nämlich kaum das Gebäude betreten, als ein Mann auf Gryce zueilte und seinen Arm ergreifend ihm ins Ohr flüsterte:

Ich habe sie – sie ist hier. Es war aber eine schöne Jagd, denn sie hielt sich verborgen, weil sie sich fürchtete. Endlich habe ich sie doch aufgestöbert; nun sehen Sie zu, was Sie aus ihr herausbringen.

Gryce schaute sich hastig um und gewahrte ein Frauenzimmer, das sich ängstlich in eine Ecke drückte.

Es ist die Rechte, sagte er, und sich an Molesworth wendend, teilte er ihm mit, er werde ihn auf kurze Zeit andern Händen übergeben, da es sich um ein wichtiges Geschäft handle. Wann verschwand er mit dem Mädchen in das Polizeibureau.

Nach einer geraumen Weile kehrte er zurück, zwar ohne das Mädchen, aber in Begleitung des Inspektors. Dieser trat auf Molesworth zu und kündigte ihm an, der Verdacht gegen ihn habe sich als unbegründet herausgestellt, er sei daher aus der Haft entlassen und könne gehen, wohin er wolle.

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