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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

Die Entdeckung, die Gryce gemacht hatte, war allerdings von großer Tragweite und Wichtigkeit. Durch sie war festgestellt, daß das Mädchen, welches Genofeva Gretorex' Kleider abgeliefert hatte und noch am Abend der Hochzeit bei ihr gesehen worden war, dasselbe sei, welches man am nämlichen Tage gegen Mitternacht tot in Frau Olneys Wohnzimmer trug.

Daß sie hier im Hause gestorben sei, folgte jedoch nicht unmittelbar daraus. Es war zwar verdächtig, daß die jetzige Frau Doktor Kameron jede Bekanntschaft mit ihr hartnäckig ableugnete, aber was sie auch dazu bewogen hatte, es brauchte nicht gerade mit dem tragischen Tode des Mädchens in Verbindung zu stehen. Damen in Frau Kamerons Stellung hegen meist eine unüberwindliche Scheu davor, mit der Polizei zu verhandeln oder als Zeuginnen vor Gericht zu erscheinen.

Wie aber erklärte sich Molesworths Wunsch, die Kamerons von seiner Lage in Kenntnis zu setzen? Derselbe entsprang, nach der Ansicht des Polizisten, schwerlich allein aus seinem Eifer für den interessanten medizinischen Fall. Und jener Schrei während der Trauung! Woher kam er, was hatte er zu bedeuten? – Damals war ihm nicht klar gewesen, wie wichtig es sei, Grund und Urheber desselben zu entdecken; jetzt mußte er alles daran setzen, um es nachträglich zu tun.

Gelassen wandte Gryce sich wieder an die beiden Diener:

Was ich noch sagen wollte: einer meiner Freunde erzählte mir, bei der Hochzeit hier wäre etwas ganz Merkwürdiges vorgekommen; mitten in der Trauung hätte man plötzlich einen lauten Schrei gehört. Ist das wahr?

Freilich, versetzte Jean, das war die Margret, die schreit immer, als wenn sie am Spieß steckte.

Peter lächelte mitleidig.

Ich hab's euch wohl schon tausendmal gesagt, daß Margret gar nicht im Hause war; wie kann sie da geschrien haben?

Was es gewesen ist, weiß niemand, mischte sich hier ein Mädchen ein, das gerade in die Küche trat; vielleicht war's ein Spuk, setzte sie mit scheuem Blick hinzu – ehe jemand im Hause stirbt, hört man ja oft –

Unsinn, fiel Peter ein, es war eine Frauensperson, die einen Angstschrei ausstieß. Was ihr den Schrecken eingejagt hat, gerade an jenem Abend, ist freilich unbegreiflich.

Währenddem prüfte Gryce innerlich jedes Für und Wider. War es möglich, daß Mildred Farley den Schrei im Augenblick ihres Todes ausgestoßen hatte? Wie aber konnte ein solches Ereignis, das sich im Zimmer der Braut zugetragen, unentdeckt bleiben? Und hatte sie das Gift hier im Hause genommen, wie kam dann kurze Zeit nachher Molesworth dazu, mit ihr im Wagen nach der Apotheke und nach seiner Wohnung zu fahren? – Nein, Mildred Farley war nicht hier gestorben, es müßte denn an jenem verhängnisvollen Abend Molesworth selbst hier im Hause zugegen gewesen sein. Nahm man dies an, dann freilich war manches Dunkel aufgeklärt.

Aber wie schwierig würde es sein, die Tatsache zu beweisen. Gryce wußte, daß der Doktor von keinem Hochzeitsgast bemerkt worden war, sonst würde das bei der Gerichtsverhandlung ans Tageslicht gekommen sein; auch von den Dienern, die er befragte, hatte keiner eine solche Persönlichkeit gesehen. Und war es denkbar, daß er in so kurzer Frist von hier bis zur 22. Straße gelangen konnte? – Freilich, sein Pferd war fast zu Tode gehetzt gewesen, und um einen bestimmten Zweck zu erreichen, setzt der Mensch ja alles daran. Was aber war der Zweck gewesen? Mildred Farley zu retten – oder sie umzubringen? Daß Molesworth einen falschen Ort angegeben, wo er sie gefunden habe, daß er die Fabel von dem zerbrochenen Fläschchen aufgebracht, sprach gegen ihn. Die Wahrscheinlichkeit, daß der Doktor der Täter sei, war noch immer groß, von welcher Seite der Detektiv die Sache auch betrachten mochte.

Ehe Gryce die Küche verlieh, warf er noch einen Blick auf die Hintertreppe; sie führte unmittelbar in den Hausflur und von dort ins Freie, so daß sich das Mädchen leicht unbemerkt hatte entfernen können, während alle Leute im Hause anderweitig beschäftigt waren. Dann mochte sie sich auf die Verandastufen gesetzt haben, um auf den Doktor zu warten. Warum nicht? – In dem Briefchen, das sie im Hotel hinterlassen, konnte sie ihm ja Nachricht gegeben haben, wo er sie finden werde. Das Gegenteil ließ sich wenigstens nicht beweisen.

Zwei Dinge galt es nunmehr festzustellen: erstens, ob des Doktors Wagen an jenem Abend am Hause vorgefahren sei, und zweitens, aus welchem Beweggrund Frau Kameron bestrebt war, ihre Verbindung mit dem unglücklichen Mädchen geheimzuhalten. Gryce machte sich ohne Zögern und mit wahrhaft jugendlichem Eifer an die Lösung dieser Aufgabe.

Seinen neuen Bekannten in der Küche Lebewohl sagend, ging er zur Hintertür hinaus und um das Haus herum. Gleich darauf hörte Jean an der Vordertür klingeln; er öffnete und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen den eben entlassenen Besucher, der, mit ernstem, unbeweglichem Gesicht, als sehe er ihn zum erstenmal, sich erkundigte, ob Frau Gretorex zu Hause sei und er sie sprechen könne. Dann folgte er dem verblüfften Diener in das Wohnzimmer, mit der Miene eines Mannes, der in den niederen Küchenregionen überhaupt nichts zu suchen hat.

Frau Gretorex war das letztemal im Unwillen von dem Detektiv geschieden, und zwar, wie dieser sich sagen mußte, nicht ohne guten Grund. Als er jetzt anhub, sich wegen des damals begangenen Irrtums zu entschuldigen, unterbrach sie ihn mit scharfem Ton:

Ich verstehe nicht, wovon Sie reden, mein Herr. Ich weiß von keinem Irrtum, außer daß Sie, meinem bestimmt ausgesprochenen Wunsch zuwider, meinen Schwiegersohn ins Vertrauen gezogen haben.

So hat er Ihnen nie Aufschluß über die Ereignisse jenes Abends gegeben?

Ich habe keinen begehrt.

Dem Detektiv entschlüpfte ein leiser Ausruf der Überraschung. Sie konnten freilich nicht ahnen, was für merkwürdige Dinge wir erlebt hatten, sagte er. Wir haben an jenem Abend eine Doppelgängerin Ihrer Tochter hier in der Stadt gesehen.

Eine Doppelgängerin?

Ja; sie glich ihr in solchem Grade, daß selbst ihr bester Freund – ich meine Doktor Kameron – sich durch die Aehnlichkeit täuschen ließ.

Das Staunen der Mutter kannte keine Grenzen.

Sie werden es daher begreiflich finden, daß auch ich die Person für Fräulein Gretorex hielt, um so mehr, da ihre Kleidung zu der Beschreibung des Kleides paßte, in welchem sie verschwunden war.

Ungläubige Furcht spiegelte sich in Frau Gretorex' Zügen. Ich verstehe Sie noch immer nicht, Herr Gryce. Wer war jene Person, was ist aus ihr geworden? Sie machen mich ganz neugierig.

Gryce blickte sich vorsichtig um und sagte sodann: Sind wir hier ganz allein?

Es hört uns niemand; reden Sie, wer war die Dame?

Die Zeitungen haben ihren Namen kürzlich viel erwähnt, erwiderte er, daher wird er ihnen bekannt sein. Es war Mildred Farley, das junge Mädchen, das am nämlichen Abend an Gift gestorben ist.

Farley, wiederholte sie langsam und nachdenklich, Farley? –

Ich dachte mir gleich, daß Sie den Namen kennen würden, murmelte er, ihren Gesichtsausdruck scharf beobachtend.

O nein, Sie irren sich, entgegnete sie ruhig und würdevoll; ich kenne niemand dieses Namens. Was bringt Sie auf den Gedanken?

Sie ist so oft hier im Hause aus- und eingegangen, war Ihrer Tochter so wohl bekannt, und hat sich, wenn mich nicht alles täuscht, auch an dem Abend hier im Zimmer Ihrer Tochter befunden, bevor diese zur Hochzeit und jene in ihr Verhängnis ging.

Das waren augenscheinlich lauter unwillkommene Ueberraschungen für die Dame; sie vergaß alle Zurückhaltung, ja selbst des Detektivs Gegenwart.

Ein Mädchen namens Farley, wiederholte sie, die Genofeva kennt und die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht? Wie soll ich das verstehen?

Er schwieg und verwandte kein Auge von ihr. Sagten Sie nicht, sie sei tot? fragte Frau Gretorex plötzlich wie aus einem Traum erwachend. Ist es dasselbe Mädchen, das auf der Straße gefunden und von jemand im Wagen mitgenommen wurde?

Jawohl, Madame, eine junge Kleidernäherin, die am selben Abend Hochzeit machen sollte. Statt dessen hat sie Ihrer Tochter hier bei der Brauttoilette geholfen.

Frau Gretorex starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an; aller Hochmut war von ihr gewichen. Sie scheinen über meine Tochter sehr gut unterrichtet zu sein, besser als ihre Mutter und ihre nächsten Freunde. Ich wußte überhaupt nicht, daß Genofeva jemand zur Hilfe gehabt hat, wußte nichts von dieser Doppelgängerin namens Farley. Der Umstand wäre doch wohl von der Dienerschaft bemerkt worden; aber mir hat niemand eine Mitteilung gemacht.

Man war eben ganz daran gewöhnt, sie kommen und gehen zu sehen; ihr Gesicht kannte niemand, denn sie war stets verschleiert.

Und Sie behaupten wirklich, das Mädchen, welches ins Haus kam, um die Kleider meiner Tochter abzuliefern, für die sie stets zu sprechen war, wenn sie sonst keinen Besuch empfing, sei eine Far – sei dieselbe, die an ihrem Hochzeitsabend eines so plötzlichen und geheimnisvollen Todes starb?

Es ist noch nicht in die Öffentlichkeit gedrungen, auch glaube ich, daß selbst Frau Doktor Kameron nicht von dieser Identität weiß. In meinen Augen steht jedoch die Tatsache unumstößlich fest. Dies ist der Grund meines Hierseins. Ich suche eben jetzt die näheren Umstände in betreff des Mädchens zu ermitteln.

Hatte Frau Gretorex plötzlich die Farbe gewechselt, oder bildete er es sich nur ein? Es gehörte wohl viel dazu, die Fassung dieser gewiegten Weltdame zu erschüttern. Was lag denn in seinen Worten, um sie aus ihrer Ruhe zu schrecken?

Jedenfalls hatte sie den Gleichmut schnell wiedergewonnen. Ich finde das ganz natürlich, sagte sie; derartige Nachforschungen gehören ja zu Ihrem Beruf. Nur glaube ich, Sie werden hier nicht viel erfahren.

Das scheint mir auch so, da Sie mir versichern, daß Sie nie mit ihr zusammengetroffen sind, sie nie gesehen haben.

Nein, nie.

Der Ton ihrer Stimme bezeugte, daß sie die Wahrheit sprach, Gryce veränderte seinen Schlachtplan.

So will ich mich denn verabschieden, sagte er; und doch – etwas möchte ich noch von Ihnen erbitten, um der Sache der Gerechtigkeit willen, der ich diene: Wenn Fräulein Farley an jenem Abend wirklich hier und im Zimmer Ihrer Tochter war, so muß sie einen braunen Schleier zurückgelassen haben, den man an ihr gesehen haben will. Als die Leiche in ihre Wohnung gebracht wurde, hing statt dessen ein hellgrauer ganz neuer Schleier an ihren Kleidern. Hat sich nun beim Aufräumen des Zimmers nach der Abreise Ihrer Tochter der braune Schleier vorgefunden, so wäre das abermals ein kleines Glied, das wir unserer Kette von Beweisen einfügen könnten.

Braune Schleier sind aber etwas so Gewöhnliches. Möglich, daß meine Tochter selbst deren ein Dutzend besitzt.

Die doch aber nicht lose im Zimmer umherliegen werden?

Wie soll ich das wissen?

Sie können mir also nicht behilflich sein?

Ich will Ihnen nicht verwehren, sich selbst in dem Zimmer umzuschauen. Alles steht und liegt noch darin, wie meine Tochter es verlassen hat. Ich wollte nur in ihrem Beisein über ihre Sachen verfügen, und sie hat bisher nicht Zeit gefunden, sich darum zu bekümmern. Wofür suchen Sie denn aber Beweise und gegen wen – wenn es erlaubt ist, zu fragen?

Ist Ihnen vielleicht ein Doktor Molesworth in hiesiger Stadt bekannt, Madame?

Nein.

Sie können auch mit Bestimmtheit versichern, daß er nicht zur Hochzeit eingeladen war?

Ganz bestimmt.

Demnach geschah es ohne Ihr Wissen, wenn er sich damals hier im Hause befand. Molesworth gibt nämlich an, er habe Fräulein Farley auf der Treppenstufe vor einem Hause in der 22. Straße aufgefunden. Die Geschichte ist ziemlich unwahrscheinlich, und wir wünschen zu beweisen, daß er sie von hier aus mitgenommen hat, wo sie sich bis gegen neun Uhr in Fräulein Gretorex' Zimmer aufgehalten hat.

Wenn es Ihnen nur darauf ankommt, diese Anwesenheit zu beweisen, so scheint mir das sehr einfach. Kann denn Frau Doktor Kameron nicht sagen, ob die Person bei ihr war oder nicht?

Gryce wußte wohl, was die stolze Frau mit diesem Vorschlag beabsichtigte. Trotz aller äußern Selbstbeherrschung brannte sie innerlich vor Begier, zu erfahren, was ihre nicht minder stolze Tochter unter dem Schein der Gleichgültigkeit vor ihr zu verbergen trachtete.

Ich habe die Frau Doktor nicht darum befragt, gab er zur Antwort. Ich nahm an, daß ihr der wahre Name und die Geschichte der unglücklichen Person unbekannt sein müsse, da sie der Polizei keinerlei Anzeige gemacht hat.

Da werden Sie recht haben, versetzte die Mutter sichtlich erleichtert. So kommen Sie denn mit mir hinauf in ihr Zimmer.

Das große geräumige Gemach auf der Vorderseite des Hauses, das sie betraten, war hübsch und wohnlich eingerichtet, aber mancherlei Anzeichen verrieten, daß kein Fuß über die Schwelle gekommen war, seitdem Genofeva es verlassen. Dieser Umstand war für den Detektiv günstig und für seine Nachforschung von ganz besonderem Interesse. Frau Gretorex war eifrig bemüht, in allen Ecken und Winkeln nach dem verlorenen Schleier zu suchen; erst als sich herausgestellt hatte, daß der vermißte Gegenstand nirgends zum Vorschein kam, deutete Gryce auf einen Haufen Kleider, welcher den Eingang zu einem kleinen Alkoven versperrte, der an das Zimmer stieß.

Sind das die Kleider Ihrer Tochter, die dort aufgetürmt liegen? Sie scheint ihre ganze Garderobe aus den Schränken geholt zu haben.

Es sind ihre alten Sachen, die sie vor der Verheiratung getragen hat; aber sie sind noch viel zu gut, um so herumgeworfen zu werden. Ich möchte wissen –

Was soll das heißen? erklang plötzlich eine heftig erregte Stimme hinter ihnen. Was geht hier ohne meine Erlaubnis in meinem Zimmer vor?

Beide wandten sich rasch um und sahen die Frau Doktor Kameron in Hut und Pelzmantel in der offenen Zimmertür stehen.

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