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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel.

Das hat sie Ihnen gesagt, Herr Inspektor, rief Gryce, und Sie haben ihr Glauben geschenkt?

Sie sprach die Wahrheit, versetzte der andere, der eben von Frau Kameron zurückkam, der Ton ihrer Stimme war überzeugend, ich zweifle nicht im mindesten an ihrem Wort.

Nun, da ich es nicht mit eigenen Ohren gehört habe, sind meine Bedenken wohl gerechtfertigt. In einigen Tagen wird es vielleicht mehr zu berichten geben; ob etwas dabei herauskommt, läßt sich freilich nicht vorhersagen.

Gryce fühlte sich innerlich unbefriedigt. Je mehr er sich in den Fall vertiefte, um so verworrener erschien er ihm. Einstweilen ließ er Doktor Molesworth polizeilich überwachen; sein Instinkt, der ihn meist richtig leitete, warnte ihn davor, an seine Schuld zu glauben und zu seiner Verhaftung zu schreiten, ehe nicht alle andern Möglichkeiten auf das Gewissenhafteste geprüft waren. Daß sein Argwohn in letzter Zeit eine sehr verwunderliche Richtung genommen hatte, gestand er sich offen ein. Es war ja gegen allen gesunden Menschenverstand, eine vornehme Dame von Genofevas Charakter in irgendwelchen Zusammenhang mit dem Tod der armen Näherin zu bringen. Trotzdem ließ sich der Verdacht nicht so ohne weiteres von der Hand weisen. Die große Dame hatte nicht verschmäht, ihre Zuflucht zur Lüge zu nehmen, um den Namen ihrer Schneiderin nicht angeben zu müssen (denn was sie seinem Vorgesetzten ins Ohr geflüstert, glaubte Gryce einfach nicht), und so schien es ihm wohl der Mühe wert, die Fährte weiter zu verfolgen.

In diesem Entschluß sah er sich noch bestärkt, wenn er an seine Nachforschungen betreffs der vor der Hochzeit verschwundenen Genofeva zurückdachte und ihm dabei die Unterredung wieder einfiel, die er mit ihrer früheren, so plötzlich entlassenen Dienerin Zilia gehabt. Er erinnerte sich, daß diese ihm von einem Mädchen erzählt hatte, welches die Kleider ihrer Herrin abzuliefern pflegte. Damals war ihm alles nur wie ein müßiges Geschwätz erschienen, was sie von der »hochmütigen, widerwärtigen Person« zu berichten wußte, die sich für besser hielt als andere Leute, immer tiefverschleiert daherkam mit ihrer großen Pappschachtel und keinem Menschen ein Wort vergönnte. Auf Genofevas Befehl mußte die Dienerschaft sie stets ungehindert einlassen, was besonders Zilia sehr übel vermerkt, haben mochte, denn sie hatte gegen den Detektiv ihrem Zorn über die »abscheuliche Schleicherin« freien Lauf gelassen.

Jetzt bedauerte Gryce, der Sache damals nicht gleich auf den Grund gegangen zu sein; aber es war auch jetzt nicht zu spät, nähere Erkundigungen nach dem Mädchen einzuziehen; hatte doch auch Frau Olney von Mildreds häufigen Gängen mit der großen Pappschachtel und ihrem späten Ausbleiben gesprochen. Durch ein Zwiegespräch mit Herrn Gretorexs gefälligem Hausmeister hoffte der Detektiv wenigstens feststellen zu können, ob die beiden Mädchen ein und dieselbe Person seien. Diesmal war sein Vorgesetzter allzu leichtgläubig gewesen, das hätte er ihm gern bewiesen.

Er traf Jean, den Hausmeister, in der Küche, und der vornehme Diener zeigte sich gar nicht abgeneigt, Rede und Antwort zu stehen. Auch Peter kam dazu, und nach und nach brachte Gryce durch geschickt gestellte Fragen mancherlei heraus: das Mädchen war stets so tief verschleiert gewesen, daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte; redete man sie an, so blieb sie die Antwort schuldig; das gnädige Fräulein war immer für sie zu sprechen; sie kam stets gegen Abend und trug gewöhnlich einen langen schwarzen Regenmantel.

Einen solchen Mantel hatte Gryce in Mildred Farleys Schrank hängen sehen.

Aber das letztemal hatte sie den Mantel nicht an, meinte Peter, da sah sie ganz anders aus – hochfein – ich erkannte sie erst an dem braunen Schleier wieder und an der Handtasche, die sie immer am Arme hängen hatte; sie sprach nicht ein Wort und sah unsereinen mit keinem Blick an. Ich hatte aber damals etwas anderes im Kopf als die Person – es war ja der Hochzeitsabend.

Aber Peter, da irrst du dich wohl, nahm Jean das Wort, am Hochzeitsabend kann doch das Mädchen unmöglich hier gewesen sein?

So? und ich habe sie doch selbst durch die Hintertüre hereingelassen. Sie kam gerade noch recht, um dem gnädigen Fräulein beim Anziehen zu helfen, wenn es überhaupt noch etwas für sie dabei zu tun gab. Uebrigens habe ich sie nicht wieder fortgehen sehen.

Gryce war enttäuscht. Es schien geradezu vernunftwidrig, anzunehmen, daß dies geheimnisvolle Mädchen Molesworths entflohene Braut war. Noch um sieben Uhr hatte er sie an jenem Abend in dem meilenweit entfernten C-Hotel gesehen. Und nun sollte sie, statt ihre eigene Hochzeit zu feiern, hier bei einer andern Dienst und Hilfe geleistet haben? Das war wirklich kaum zu glauben. Um aber nichts unversucht zu lassen, wollte er noch eine letzte Probe wagen.

Wie sah denn die Tasche aus, die das Mädchen immer bei sich hatte? fragte er, war sie klein und gelb?

Bewahre, versetzte Peter, klein war sie wohl, aber nicht gelb, sondern schwarz, ich habe sie so und so oft gesehen.

Gryce holte unter seinem weiten Rock die Handtasche hervor, die er in des Doktors Wagen gefunden, und hielt Peter die Seite mit den Buchstaben hin. Sah die Tasche so aus?

Nein, war die Antwort, die gelbe Verzierung war nicht darauf. Als er sie jedoch umdrehte, rief der Diener: Ja, nun kommt sie mir bekannt vor, so eine Art Tasche war es.

Der Detektiv steckte sie lachend wieder ein. Sollte das Mädchen die Buchstabenseite stets nach innen getragen haben? Das war kaum anzunehmen. Er befand sich offenbar auf falscher Fährte und tat am besten, seiner Wege zu gehen.

Aus der Küche gelangte er in den Hof, wobei er bemerkte, daß ein Kiesweg rings um das Haus herumführte; aber noch etwas erregte seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade, nämlich eine Küchenveranda, von welcher mehrere Stufen herabführten; sie war viereckig und mit einem hohen Geländer versehen, auf welchem sich Säulen erhoben, die das platte Dach trugen. Das Geländer hatte einen neuen Anstrich von ganz eigentümlicher hellbrauner Farbe.

Wäre es möglich, daß ich hier endlich finde, was ich so lange gesucht habe? fragte er sich. Er trat auf die Veranda und spähte scharf umher. Plötzlich ließ er einen Ausruf des Staunens und der Befriedigung hören. Von der zunächst der Stufe befindlichen Säule war an einer Stelle die Farbe abgerieben in der Form und Größe des Flecks auf Mildreds Kleiderrücken, und in der dünnen, noch übrigen Farbenschicht sah man deutlich blaue Wollenfasern, die da eingetrocknet waren. Gryce hatte schon manches Wunder erlebt, aber ein so überzeugender, vollgültiger Beweis war ihm noch nicht vorgekommen.

Mit sehr nachdenklichem Gesicht trat er in die Küche zurück.

Was für eine reizende Veranda haben Sie da draußen, begann er sein Gespräch mit Peter von neuem, wie schön muß sich's dort an Sommerabenden sitzen!

Das will ich meinen, lachte Peter gutmütig.

Und so hübsch angestrichen, viel sauberer, als das übrige Haus.

Ja, das habe ich auch selbst gemacht, schmunzelte Peter wohlgefällig, die Veranda sah recht schäbig aus, und da bat ich den Herrn um Erlaubnis und kaufte einen Topf voll Farbe, nur wollte sie nicht schnell trocknen. Na, wenigstens war es doch anständig zur Hochzeit, daß man sich nicht zu schämen brauchte.

Gryce schwirrten die verschiedensten Gedanken im Kopf herum; das Rätsel, das er lösen wollte, wurde immer dunkler, das Problem immer schwieriger.

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