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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

Frau Doktor Kameron traf am selben Nachmittag mit ihrem Gatten in einem Kaffeehaus zusammen, von wo sie sich nach ihrer Wohnung begaben. Unterwegs erzählte er von seinem Besuch bei Molesworth; sie schien jedoch kaum darauf zu achten und war in heiterster Laune. Ihr anmutiges Geplauder ergötzte ihn so sehr, daß er alles andere darüber vergaß. Unter der Türe ihres eigenen Heims blieben sie stehen und blickten sich zärtlich an.

Wie schön ist es, zusammen heimzukommen, sagte er.

Es ist ein Himmel auf Erden, flüsterte sie beglückt.

Der Doktor hatte zwar noch einige Besuche machen wollen, ließ sich aber leicht bereden, seine Frau hinaufzubegleiten; es gab ja noch allerlei Bestimmungen für die neue Möblierung zu treffen. Das Haus war nicht groß, sollte aber von oben bis unten auf das Feinste und Behaglichste eingerichtet werden.

Kameron stand in dem hübschen Wohngemach am Kamin, während Genofeva ins Nebenzimmer gegangen war, um ihren Hut abzusetzen; da hörte er sie einen Ausruf der Ueberraschung ausstoßen und eilte ihr nach. Auf dem Bett lag ihre sämtliche Garderobe ausgebreitet.

Es ist nichts, erwiderte sie auf seine Frage, ich verstehe nur nicht, was die Ausstellung hier zu bedeuten hat.

Genofeva klingelte. Wer hat meine Kleider aus dem Schrank genommen? fragte sie das neue Zimmermädchen, das mit ängstlicher Miene eintrat.

Entschuldigen die gnädige Frau, stammelte jene verlegen, ich glaubte, Sie hätten es befohlen. Die Mamsell schien ihrer Sache so gewiß zu sein, sie beschrieb das Kleid, das sie ändern sollte, so genau, aber ich konnte es nicht finden.

Von wem redest du denn?

Nun, von der Schneidermamsell. Sie sagte, die gnädige Frau hatte jemand herbestellt, um das blauseidene Kleid kürzer zu machen; sie hatte alles Nähzeug mit und wollte die Aenderung gleich vornehmen. Na ich aber das blaue Kleid nicht finden konnte, ist sie wieder weggegangen.

Ich habe keine Bestellung bei einer Schneiderin gemacht; es war sehr unrecht von dir, meine Kleider herauszunehmen ohne ausdrücklichen Befehl. Ein wahres Wunder, daß die Mamsell nicht mit dem einen oder andern verschwunden ist auf Nimmerwiedersehen.

O nein, gnädige Frau, es war ein ganz anständiges Mädchen; sie sagte selbst, die Sache müsse auf einem Irrtum beruhen. Fragen Sie sie nur, so werden Sie's hören.

Hat sie denn ihren Namen genannt und gesagt, bei wem sie arbeitet? mischte sich hier Kameron in die Unterredung.

Nein, Herr Doktor, aber da sie von der Schneiderin kam, bei der die Kleider gemacht worden sind, so dachte ich, die gnädige Frau wüßte –

Woher weißt du das und wovon sprichst du nur? unterbrach sie ihre Herrin erzürnt.

Ich dachte mir's bloß, weil sie allerlei Proben und Zeugstückchen in der Hand hielt und sie mit den Kleidern verglich. Mich wunderte das freilich, denn sie hatte doch nur mit dem blauseidenen etwas zu tun und nicht mit den andern; auch tat sie es ganz verstohlen und glaubte, ich sähe es nicht.

Der Doktor war in das Wohnzimmer zurückgekehrt; seine Frau konnte die unwichtige Angelegenheit füglich allein abmachen. Er hatte nicht bemerkt, wie bleich sie plötzlich geworden war.

Du sagst, sie hatte Zeugproben, die zu meinen Kleidern paßten, stieß sie mühsam hervor. Wie viele, und zu welchen Kleidern? Ich will es wissen.

Das Mädchen wurde immer ängstlicher. Ein Stück wie das graue Samtkleid, sagte sie, auf einen prachtvollen Gesellschaftsanzug deutend, eine Probe vom Besatz des braunseidenen Kleides; ganz besonders aber hat sie das weiße Atlaskleid betrachtet und die Knöpfe an dem langen Mantel. Mitgenommen hat sie aber nichts; ich glaube, die Schneiderinnen machen's alle so.

Die junge Frau war in einen Stuhl gesunken; der Anblick der reichen Gewänder, in denen sie in Washington solche Bewunderung erregt hatte, schien ihr förmlich verleidet.

Hänge sie zurück in den Schrank! befahl sie dem Mädchen, und rühre sie unter keiner Bedingung je wieder an, ohne daß ich dir's sage.

Als Genofeva bald darauf ins Wohnzimmer trat, ward ihre düstere Miene plötzlich hell, und aller Verdruß schien verflogen. Sie lächelte, scherzte und plauderte fröhlich und verscheuchte die Wolken von ihres Mannes Stirn.

Auf diesen zwar unbedeutenden, aber höchst rätselhaften Vorfall folgte noch am selben Abend ein anderer, der nicht weniger unerklärlich schien.

Ein Herr ließ sich bei Doktor Kameron und seiner Frau melden, die er in dringenden Geschäften zu sprechen wünschte.

Ich komme, sagte er, sich gegen den Doktor verbeugend, um eine einfache Frage an Ihre Frau Gemahlin zu richten. Ich muß Sie bitten, wandte er sich an Genofeva, mir den Namen Ihrer Schneiderin zu nennen.

Wäre die Decke plötzlich über dem Haupte der jungen Frau eingefallen, es hätte sie kaum weniger überrascht und erschreckt.

Entschuldigen Sie, fuhr der Herr fort, wenn ich Ihnen zudringlich und unhöflich erscheine. Ich werde mich sogleich näher erklären. Ohne Zweifel wird Ihnen, Herr Doktor, vielleicht auch Ihrer Frau Gemahlin, eine Geschichte erinnerlich sein, die sich erst kürzlich zugetragen hat: ein junges Mädchen war in einem Doktorwagen an Vergiftung durch Blausäure gestorben.

Sie sprechen von Mildred Farley? fragte Kameron, verwundert, daß dieser Name ihn überallhin verfolge.

Ganz recht, versetzte der andere.

Gewiß entsinne ich mich des traurigen und geheimnisvollen Vorgangs, erwiderte Kameron. Hat die Frage, die Sie an meine Frau stellten, etwas mit jener tragischen Angelegenheit zu tun?

Allerdings steht sie in Zusammenhang damit, entgegnete der Herr mit einem recht väterlichen Blick auf die schöne junge Frau, die, gedankenvoll in das flackernde Kaminfeuer schauend, eine nähere Erklärung abzuwarten schien. Sie werden aus der Zeitung wissen, daß Mildred Farley Schneiderin war und bis kurz vor ihrem Tode ihr Gewerbe aufs eifrigste betrieb. Nun liegen verschiedene Gründe vor, die es der Polizei als zweifelhaft erscheinen lassen, daß es sich in ihrem Fall um einen einfachen Selbstmord handelt. Es ist zum Beispiel noch nicht gelungen zu ermitteln, für welche Kundin sie gearbeitet und in welchem Haus sie die Kleider abgeliefert hat, mit deren Anfertigung sie in den letzten Wochen beschäftigt war. Möglich, daß es gar keinen Wert hat, darüber Aufschluß zu erhalten, und der Umstand sich als ganz unwesentlich erweist. Aber gerade, weil es ein bisher noch ungelöstes Rätsel ist, schickt mich die Behörde, welcher daran liegt, jeden zweifelhaften Fall zu ergründen, in dieses Haus, damit ich versuche, etwas Licht in das Dunkel zu bringen. Er schwieg und schaute auf Genofeva, die seinen Blick mit Festigkeit erwiderte.

Sie nehmen vermutlich an, daß ich mit Mildred Farley bekannt war? fragte sie kühl und bestimmt.

Ist dem nicht so?

Sie lächelte. Fragen Sie meinen Mann! versetzte sie statt der Antwort.

Kameron schüttelte den Kopf, was den Herrn jedoch nicht zu überzeugen schien, denn er fuhr in ernsterem Tone fort:

Wenn Ihnen Fräulein Farley unbekannt war, Frau Doktor, so ist es doch wunderbar, daß sie die Kleider zu Ihrer Ausstattung angefertigt hat.

Wie meinen Sie das, entgegnete die Angeredete, jenes Mädchen hat niemals für mich gearbeitet, das kann ich auf das Bestimmteste versichern.

Gut, dann komme ich auf meine erste Frage zurück, versetzte jener lächelnd: wer ist Ihre Schneiderin?

Müssen Sie es durchaus wissen? fragte sie mit stolzer Haltung, ohne ihre Entrüstung über solche Zudringlichkeit zu verbergen.

Nur um den Leuten widersprechen zu können, welche glauben, daß es Mildred Farley war.

Aber welcher Grund liegt denn vor, fiel hier Kameron ein, meine Frau mit jenem unglücklichen Mädchen in Zusammenhang zu bringen?

Ein sehr gewichtiger, über den uns die Frau Doktor vielleicht aufklären kann. In dem Zimmer der Verstorbenen fand man allerlei Stückchen und Abfälle von Samt und Seide, welche die Polizei als Proben der Stoffe aufbewahrt hat, aus denen die Kleider gefertigt waren. Darunter befand sich auch ein Stückchen Besatz – hier ist es – und da man neulich zufällig auf einem Kleide der Frau Doktor Kameron die gleiche Borte bemerkte, lag die Vermutung nahe, daß sie die Dame sei, für welches das arme Mädchen gearbeitet hat.

So kann auch nur ein Mann urteilen, entgegnete Genofeva mit kühlem Spott; wahrscheinlich befinden sich gegenwärtig in hiesiger Stadt mindestens zwanzig Damen, die den nämlichen Besatz am Kleide tragen.

Auch Kleider von diesem grauen Samt, diesem andern Stoff hier – wie heißt er doch, oder solchem weichen weißen Zeug wie dieses?

Genug, genug, rief die junge Frau, während ihr ein halbes Dutzend verschiedenfarbiger Proben in den Schoß fielen; zu den Stoffen will ich mich gern bekennen, aber nicht zu Mildred Farley. Ich weiß, was man mir heute für einen Streich gespielt hat und bin den Herren sehr verbunden, aber es war verlorene Mühe und Zeit. Wie das Mädchen in den Besitz der Proben gekommen ist, kann ich nicht sagen, aber für mich hat sie nie geschneidert. Mit halb verächtlichem, halb sorglosem Lächeln schob sie die Stücke beiseite und sah dabei so stolz und gebieterisch aus, daß der Besucher schon im Begriff stand, sich unverrichteter Sache zu entfernen. Wenn ich etwas wüßte, würde ich es Ihnen gern mitteilen, fuhr sie herablassend fort. Aber mir ist es ebenso unbegreiflich wie Ihnen, wie die Proben von meinen Kleidern an jenen Ort gekommen sein können. Genügt Ihnen das nicht?

Er stand auf, um sich zu verabschieden. Wollen Sie mir denn nicht sagen, wo Sie Ihre Kleider haben machen lassen? fragte er dringend.

Sie schüttelte den Kopf, lachte und blickte ihn schelmisch an. Es ist ein Geheimnis, das ich selbst meinem Mann nicht verraten habe; aber, wenn es denn nicht anders ist, so hören Sie. Sie hob sich auf die Fußspitzen und flüsterte dem Herrn etwas ins Ohr.

Dieser stutzte einen Augenblick und brach dann in ein heiteres Lachen ans.

Ist das Ihr Geheimnis, Frau Doktor? rief er; nun, Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen, sobald sie nicht gegen meine Pflicht verstößt.

Sich nochmals bei der Herrschaften entschuldigend, daß er mit seinem Besuch lästig gefallen sei, verließ er mit ehrerbietiger Verbeugung das Zimmer.

Als er fort war, wandte sich Kameron zu seiner Frau:

Was hast du ihm denn für ein Zauberwort zugeflüstert, das ihn so schnell beruhigte? fragte er.

Ach so, scherzte sie, du willst mein Geheimnis auch wissen. Nun, ich sagte ihm, daß die vielbewunderten Kleider überhaupt nicht von einer Schneiderin gefertigt wären. Da ich sie in meiner Eitelkeit ganz besonders hübsch und in eigenartigem Geschmack haben wollte, bestellte ich sie bei einem Damenschneider – und jetzt schäme ich mich darüber.

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