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Hinter verschlossenen Türen

Anna Katherine Green: Hinter verschlossenen Türen - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHinter verschlossenen Türen
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
volumeVI
editorAdolf Gleiner
illustratorRichard Gutschmidt
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

In einem freundlichen Zimmer in Washington saß beim Schein der untergehenden Sonne Doktor Kameron, den Blick zärtlich auf seine junge Frau gerichtet, deren Finger mit einer eben eingetroffenen Einladungskarte spielten. Du wirst selbst die Antwort schreiben müssen, bemerkte sie, die rechte Hand wie vor Schmerz zusammenballend, mein Rheumatismus ist noch nicht vergangen.

Und soll ich eine Zusage geben oder eine abschlägige Antwort?

Wie du willst, lautete ihre lächelnde Erwiderung, ich bin überall froh, wenn du nur bei mir bist.

Er wußte, daß dem so war, daß er wider alles Erwarten eine liebevolle, hingebende Gattin sein eigen nannte, und es ward ihm warm in der Brust.

Du siehst heute ordentlich strahlend aus, Genofeva, sagte er und zog sie zu sich hernieder, um sie nach Herzenslust zu betrachten.

Wohl war Genofeva Kameron schön, weit schöner als Genofeva Gretorex je gewesen. Mit Entzücken sah der Gatte ihren Blick voll Lust und Leben, ihr bezauberndes Lächeln. Aber noch eine Umwandlung war mit ihr vorgegangen, die ihrer ganzen Erscheinung ein völlig verändertes Aussehen verlieh. Während sie jetzt lieblich errötend an seiner Seite saß, schien Kameron heiter und aufmerksam im Gespräch mit ihr begriffen, aber seine Gedanken schweiften weit ab, zurück zu jenem Morgen nach seiner Hochzeit, an welchem sie beide mit Staunen und Bestürzung den merkwürdigen Umstand zuerst wahrgenommen, über dessen eigentliche Veranlassung Kameron so oft und viel nachgegrübelt hatte. Der ganze Auftritt stand ihm noch deutlich vor der Seele:

Seine junge Frau war von der ermüdenden Nachtreise und der rätselhaften Gemütsaufregung des Hochzeitstages sehr angegriffen gewesen; er hatte sie schlummernd auf dem Sofa verlassen und kam von einem kurzen Spaziergang zurück. In dem verdunkelten Gemach war noch alles still; er schlich auf den Zehen hinein, um Genofeva nicht zu wecken. Da vernahm er plötzlich einen leisen, unterdrückten Ausruf neben sich und gewahrte die Gestalt seiner Frau, die, weit vorgebeugt, mit angstvoller Miene auf ihr Bild in dem Spiegel starrte, der zwischen den Fenstern hing.

Licht, schrie sie mit wildem Entsetzen, mehr Licht!

Zum Fenster eilend, schob er die Vorhänge zurück und öffnete den Laden. Ein leises Stöhnen rang sich aus Genofevas Brust.

Sieh mich an! rief sie und schlug die Hände vors Gesicht.

Schon stand er an ihrer Seite und was er sah, entlockte auch ihm einen Ausruf des Staunens. Ihr Haupt, das sich wie in Scham und Schmerz vor ihm zu beugen schien, war fast weiß, gleich dem einer Greisin, während es noch gestern die prächtigsten braunen Haarflechten geschmückt hatten. Jetzt nahm sie die Hände vom Gesicht und sah ihn mit wirren Blicken an.

Genofeva, rief er, nur unsäglicher Seelenschmerz oder körperliche Pein können diese Wirkung hervorgebracht haben. Rede, liebes Herz, was fehlt dir? Ich will dich trösten und dir beistehen, welcher Art auch das Leiden sein mag, das dich drückt.

Ein freudiges Lächeln flog über ihre Züge, dann brach sie in Tränen aus.

Ja, ich habe gelitten, stöhnte sie, es war ein furchtbares Weh; kaum glaubte ich die entsetzlichen Stunden überleben zu können. Sie preßte die Hand auf die Brust, als sei dort der Sitz ihrer Qual. Ist das der »Herald«? stieß sie dann plötzlich in ganz verändertem Ton heraus und griff nach der Neuyorker Zeitung, die Kameron in der Hand hielt. Ich muß mich zerstreuen und den Schmerz vergessen, – laß sehen, vielleicht ist schon die Beschreibung unserer Hochzeit darin.

Gezwungen auflachend eilte sie mit der Zeitung zum Fenster und überflog die Spalten, Kameron beobachtete sie mit steigender Sorge und verdüstertem Gemüt. War ihr flatterhaftes, aufgeregtes Wesen ein Zeichen von Geisteskrankheit? Barg die Zukunft Schrecknisse für ihn, die er jetzt nur dunkel ahnte? – Erschöpft und mutlos sank er in einen Stuhl. Da weckte ihn ein süßer Laut aus trübem Sinnen; sein Weib kniete vor ihm und schaute mit stillen, fast verklärten Blicken zu ihm auf.

Habe ich dich durch mein sonderbares Benehmen erschreckt? murmelte sie. Es kommt daher, daß ich so von Herzen glücklich bin und doch solche Pein leide; aber auch das ist heute schon besser, nur die Hand schmerzt mich noch. Wieder fiel ihr Blick auf ihr lose herabhängendes weißes Haar – sie schauderte.

Großer Gott, stöhnte sie, wie soll ich darüber Rechenschaft geben?

Ihr jugendliches Antlitz, von den schneeigen Haarwellen umrahmt, sah so reizend aus, daß Kameron sich entzückt zu ihr niederbeugte und ihr einen Kuß auf die Stirn drückte.

Dessen bedarf es nicht, rief er, sie liebevoll aufhebend und zum Spiegel führend, hier, sieh wie schön du bist. Beide sahen und staunten. War sie auch früher schon eine hohe, anmutige Erscheinung gewesen, so schien sich doch jetzt erst die Pracht ihrer Schönheit in vollem Glanz zu entfalten. Die zarte Hautfarbe, die dunkeln Augen, das weiße Haar – es war ein liebliches Bild, dessen Reiz selbst den flüchtigen Beschauer unwiderstehlich fesseln mußte. Die Gatten blickten einander an und lächelten beglückt.

Weißt du, lieber Mann, rief Genofeva scherzend, ich werde meiner Mutter sagen, ich sei plötzlich so alt geworden, weil ich dir in grauen Haaren so gut gefalle.

Du kannst ihr ja die Wahrheit sagen, entgegnete Kameron, sie muß, doch gewußt haben, wie krank du warst, wenn es auch mir verborgen blieb.

Genofeva schüttelte den Kopf. Es wußte niemand darum, sagte sie; ich habe es still für mich ertragen und will das auch ferner tun.

Wir werden das Uebel heilen; jetzt ist dein Arzt dein Gatte, der läßt sich nicht täuschen. Er begann nun, ihr Fragen über ihre Gesundheit vorzulegen, sie aber unterbrach ihn heiter:

Der Schmerz ist jetzt vorbei, Walter, wir wollen glücklich sein und nicht mehr daran denken. Aber sprich, gefalle ich dir wirklich besser, wie ich bin? Wirst du nicht doch meine braunen Flechten vermissen, nachdem die erste Ueberraschung verflogen ist?

Nie, rief er und schloß sie voll glühender Leidenschaft in die Arme. Genofeva, mein Weib, nicht Bewunderung der Schönheit allein, nein, heiße Liebe zu dir füllt meine Seele. Es ist vorbei mit kühler Ueberlegung, mit würdevoller Ruhe. Du bist mein ein und alles.

Und bloß, weil mein weißes Haar dich begeistert? Ich will mir eine schöne Krone daraus flechten, lachte sie, sich ihm sanft entwindend und verschwand leichten Trittes in dem kleinen anstoßenden Gemach.

Kameron wußte kaum, wie ihm geschah. Wo blieb der Vorsatz, den er als strenger Berufsmann gefaßt hatte, sich aller überschwenglichen Gefühle zu enthalten? Er war ja förmlich berauscht von Glück und Wonne.

*

In der Woche darauf erschienen sie zusammen in der Gesellschaft, überall von bewundernden Blicken gefolgt. Einer ihrer Neuyorker Bekannten, den sie zufällig trafen, hatte sein Staunen kaum zu bergen gewußt, die junge Frau nach der kurzen Verheiratung so verschönt und umgewandelt wiederzusehen. Die Huldigungen, mit denen man sie überschüttete, schienen sie zuerst völlig zu überraschen, doch sah man es dem lieblichen Lächeln, mit dem sie dieselben entgegennahm, dem anmutigen Neigen ihres Hauptes an, daß sie ihr wohlgefällig waren.

Ganz ungetrübt hatte jedoch das junge Paar diese Freuden und Triumphe nicht genossen. Zuweilen zeigte sich Genofeva zerstreut, voll wechselnder Stimmungen und unberechenbarer Einfälle. Sie fand oft den nächsten Bekannten gegenüber nicht die passenden Worte und führte ungereimte Reden, über welche die Hörer sich verwunderten. In ihrer Zerstreutheit hatte sie sich erst gestern der Wirtin des Hauses gegenüber eine Ungeschicklichkeit zu Schulden kommen lassen, die ihrem Gatten die größte Verlegenheit bereitete. Es hatte freilich seinerseits nur eines Wortes bedurft, um sie an ihre Pflicht zu mahnen, und der rührende Blick, mit dem sie ihn angeschaut, um zu sehen, ob er ihr auch nicht zürne, hatte ihn vollends entwaffnet.

Sie war wirklich eine rätselhafte, für ihn noch unergründete Natur. Manchmal schien die vornehme Erscheinung zu ihrem wenig gewandten, gesellschaftlichen Benehmen gar nicht passen zu wollen, aber ihre geistige Bedeutung sprach aus jedem Blick, jeder Miene und verlieh ihr einen stets neuen, unwiderstehlichen Reiz. Kameron hätte jene kleinen Verstöße gegen Brauch und Sitte, so überraschend sie ihm auch waren, kaum beachtet und sich vollkommen glücklich gepriesen, aber ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm immer wieder, daß nicht alles in Ordnung sei, daß sein Paradies ein Geheimnis berge, welches er nicht ergründen dürfe, ohne seinen Seelenfrieden zu stören. Wagte er doch nicht einmal zu erforschen, ob die rätselhafte Krankheit, über die Genofeva klagte, die wahre Ursache jener wunderbaren Umwandlung ihres äußern Menschen sei, in die er sich noch kaum zu finden vermochte.

Eines sagte er sich stets zur Beruhigung: was sie vor ihm verhüllte, konnte nichts Unehrenhaftes sein. Wie hätte sie auch sonst ihren Blick so voll reiner Liebe und Hingebung zu ihm erheben können? War er nicht ein Tor mit seinen Zweifeln? Warum sich nicht an der schönen Gegenwart genügen lassen, ohne weiter über die Vergangenheit zu brüten. Er wollte sich daher sein junges Glück nicht länger verbittern, sondern es aus voller Seele genießen. Diesen Entschluß hatte er in Gedanken gefaßt, während er scheinbar heiter plaudernd neben seiner Gattin saß.

Ich kann es kaum mehr erwarten, rief er plötzlich aus, dich meinen Freunden zu zeigen. Wann wollen wir heimreisen?

Ueber ihr Gesicht flog ein Schatten. Oh, müssen wir denn zurückkehren? rief sie; ich wollte, wir könnten immer hier bleiben. Neuyork ist mir verhaßt, fügte sie, sein Erstaunen gewahrend, rasch hinzu, ich möchte es nie wiedersehen. Hier kann ich dich immer um mich haben, dort gehört mir nur ein kleiner Teil deiner Zeit.

Dies Geständnis beglückte ihn. Er schlang den Arm um sie und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Lippen. Ein unbestimmtes Gefühl, als seien sie nicht allein, ließ ihn plötzlich aufblicken. In der Türe stand eine dunkle Gestalt. Wer ist da? rief er und sprang entrüstet auf. Die Gestalt trat näher; Kameron schaute in ein ihm bekanntes Gesicht, das an diesem Orte zu sehen er jedoch niemals erwartet hatte.

Während er erstaunt schwieg, nahm der Eindringling das Wort: Entschuldigen Sie, wir glaubten, dies sei ein Gesellschaftszimmer des Hotels.

Jetzt erst gewahrte Kameron noch eine zweite ihm unbekannte Person; doch schenkte er derselben weiter keine Beachtung, da Doktor Molesworth seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Ich habe ein geschäftliches Anliegen an Sie, Doktor Kameron, sagte dieser, darf ich es vorbringen?

Ein Anliegen an mich?

An Sie, wiederholte Molesworth zerstreut. Sein Blick ruhte mit Staunen und Bewunderung auf Genofeva, wie dies jetzt bei jedem Fremden zu sein pflegte, der sie zum erstenmal sah.

Meine Frau, sagte Kameron kurz. Die Herren verbeugten sich bei der flüchtigen Vorstellung; die junge Frau erhob sich mit sichtbarem Unwillen und verneigte sich mit so kalter abweisender Miene, daß Molesworth zu Boden blickte und von diesem Moment an ihre Gegenwart völlig zu vergessen schien.

Nicht so sein Gefährte. War es ihre Schönheit, welche ihn fesselte oder die seltsame Veränderung ihres Aeußern – er wandte kein Auge von ihr ab und war ganz in ihren Anblick versunken. Dabei schien ihm jedoch nichts von der Unterredung der beiden Aerzte zu entgehen, obgleich er sich so viel wie möglich im Hintergrunde hielt.

Ich werde Sie nicht lange aufhalten, begann Molesworth, dem andern seine Karte überreichend. Wie wichtig das Geschäft ist, das mich herführt, mögen Sie aus dem Umstand ersehen, daß ich die Reise nach Washington nur zu dem Zweck unternahm, es mit Ihnen zu besprechen.

Sagen Sie, um was es sich handelt, erwiderte jener, ihn höflich zum Sitzen einladend, während sich Genofeva mit stolzer Haltung in die Fensternische zurückzog.

Wenn Sie sich meiner nicht mehr von der Universitätsklinik her erinnern sollten, fuhr Molesworth fort, so wird Ihnen in letzter Zeit mein Name wieder ins Gedächtnis gerufen worden sein, als der des Hauptzeugen bei einer gerichtlichen Verhandlung, die allgemeines Aufsehen erregt hat.

Kamerons Züge nahmen einen gespannten Ausdruck an. Er war aus leicht begreiflichen Gründen dem Gang des Verhörs mit großem Interesse gefolgt, hatte jedoch vermieden, mit seiner Frau von der Sache zu reden.

Gewiß, entgegnete er, ich erinnere mich daran; ich habe den Bericht über den Tod Ihrer Braut mit aufrichtiger Teilnahme gelesen, denn –

Wie mit geheimer Anziehungskraft wurden seine Blicke, während er sprach, zu Molesworths bisher unbeachtetem Begleiter hinübergelenkt. Die Stimme versagte ihm und er geriet in seltsame Verwirrung. Trotz der geschickten Verkleidung glaubte er Gestalt und Züge als die jenes sonderbaren Menschen wiederzuerkennen, der ihn an dem denkwürdigen Abend seiner Hochzeit bewogen hatte, sich als heimlicher Späher bei Mildred Farley einzuschleichen. Jetzt hob der Mensch mit einem bedeutsamen Blick auf die junge Frau warnend den Finger in die Höhe.

Sie starb an dem nämlichen Abend, an welchem Ihre Trauung stattfand, vollendete Molesworth die unterbrochene Rede.

Kameron verbeugte sich stumm. Er wußte, was die Gebärde des Detektivs zu bedeuten hatte. Es würde für Genofeva höchst peinlich gewesen sein, wäre die wunderbare Aehnlichkeit zwischen ihr und der unglücklichen Selbstmörderin zur Sprache gekommen. Die Aehnlichkeit mußte wohl nicht mehr vorhanden sein, denn augenscheinlich war sie Molesworth gänzlich entgangen.

Dieser nahm jetzt wieder das Wort: Ich bin nicht in der Absicht gekommen, um mit Ihnen über Fräulein Farleys rätselhaften Tod zu sprechen. Wenn Sie die Verhandlungen gelesen haben, kennen Sie auch den Urteilsspruch und wissen, daß man meinen Angaben allgemein Glauben schenkte. Es wird Sie daher einigermaßen überraschen zu hören, daß die Polizeibehörde nachträglich für gut befunden hat, die Wahrheit meines Zeugnisses anzuzweifeln, mich zu verdächtigen und meine Freiheit zu bedrohen.

Nicht möglich, stammelte Kameron, in seiner Verwirrung unwillkürlich nach dem Fenster blickend, wo die regungslose Gestalt seiner Frau sich deutlich gegen den gelblichen Abendhimmel abhob.

Ich sage Ihnen das nicht, um Ihr Mitgefühl zu erwecken, fuhr jener ruhig und gemessen fort. Ich bin unschuldig, aber – der Ton seiner Stimme schwankte – das ändert nichts an der Tatsache, daß durch diesen Verdacht meine Berufstätigkeit zerstört, meine Lebensaussichten vernichtet sind. Ob ich vor Gericht gestellt werde oder nicht, jedenfalls leidet mein guter Ruf darunter, und meine Praxis wird sich schwerlich so bald von dem Schlag erholen. Nur Sie können das Unglück für mich erträglich machen – wenn Sie wollen.

Wie so, ich?

Doktor Kameron schaute wieder nach seiner Frau hin, die unbeweglich am Fenster stand, scheinbar ohne auf das Gespräch der Männer zu achten, nur mit der Außenwelt beschäftigt. Mit ausgestreckten Armen hatte sie die Vorhänge an beiden Seiten erfaßt und schaute hochaufgerichtet zu dem dunkelnden Himmel empor. Wer ihr Antlitz gesehen hätte, wäre erschrocken über die Qual, die sich darauf ausprägte.

Molesworth fuhr mit unerschütterlicher Ruhe fort: Ihnen erscheint das rätselhaft, aber ich werde mich sofort erklären. Ich – er hielt einen Augenblick inne, wie um Atem zu schöpfen. Sagte nicht eben Ihre Frau etwas? fragte er plötzlich, ehrerbietig aufstehend, ich möchte der Dame nicht lästig fallen.

Kameron meinte ihn seufzen zu hören. Ich glaube nicht, entgegnete er stolz; sagen Sie, wie ich Ihnen helfen kann.

Jener verbeugte sich und nahm wieder Platz. Ich weiß, sprach er, Sie sind kühn und ehrgeizig; Sie würden bei einem schwierigen gefährlichen Krankheitsfall selbst vor ungewöhnlichen Mitteln nicht zurückschrecken. Und wäre ein Kollege, dem ein solcher Fall in seiner Praxis vorliegt, durch zwingende Umstände daran verhindert, die Kur selbst zu Ende zu führen, so würden Sie sich seine Diagnose und Heilmethode mitteilen lassen, und fände dieselbe Ihre Billigung, die Behandlung in seinem Sinne fortsetzen mit dem gleichen Interesse und der gleichen Aufmerksamkeit wie bei Ihren eigenen Patienten.

Versteht sich, entgegnete der andere einfach.

Nun gut, einen solchen Fall habe ich unter den Händen, fuhr Molesworth mit Nachdruck fort. Sie haben gewiß von Brigitte Halloran gehört. Von den Doktoren S. und B. wurde sie aufgegeben; ich aber glaube mit Bestimmtheit, sie heilen zu können. Dies Mittel, welches ich anzuwenden dachte – auf seinen Wink händigte ihm der Detektiv den bewußten Zettel ein – wird sich als äußerst wirksam erweisen, und den Namen des Arztes, der es mutig und entschlossen zu gebrauchen wagt, in weiten Kreisen bekannt machen.

Kamerons wissenschaftliches Interesse war erwacht. Zeigen Sie her! rief er in sichtlicher Erregung.

Er ergriff das Papier; die beiden so verschiedenartigen Männerköpfe, die sich nur in dem geistig bedeutenden Ausdruck ihrer Züge glichen, beugten sich zusammen über die Schrift. Nun folgte eine eingehende Konsultation rein medizinischen Charakters, während welcher Kameron mehr und mehr seine anfängliche Zurückhaltung aufgab. Allmählich trat die unverhohlenste, aber völlig neidlose Bewunderung an die Stelle seines früheren Vorurteils, und er fragte staunend:

Aber wie in aller Welt sind Sie darauf verfallen, Molesworth? Es scheint mir eine ganz wunderbare Entdeckung zu sein.

Durch angestrengtes Nachdenken, entgegnete jener, ich habe keine Eingebungen wie Sie.

Das gereicht Ihnen zu um so größerer Ehre, erwiderte Kameron, das Papier zusammenfaltend und einsteckend.

Und wollen Sie den Fall übernehmen?

Unter der Bedingung, daß, wenn die Kur gelingt, Sie allein den Ruhm davontragen.

In Molesworths dunkeln Augen blitzte es freudig auf. Er schien dem Kollegen die Hand schütteln zu wollen, doch unterließ er es. Einen Augenblick lang herrschte tiefes Schweigen in dem Gemach. Molesworth unterbrach es zuerst. Mein Geschäft ist beendet, sagte er, ich brauche hier nicht länger zu verweilen und, fügte er zu dem Detektiv gewendet hinzu, nun stehe ich zu Ihren Diensten. Doch schien er keine Eile zu haben, sich zu entfernen. Auch Gryce zauderte auf unbegreifliche Weise. Er bemerkte kaum, was um ihn her vorging; mit gerunzelten Brauen starrte er auf den breiten Besatz an Frau Kamerons Seidenkleid, als versuche er ein schwieriges Problem zu lösen.

Ich hoffe, Sie werden bald imstande sein, den Fortgang Ihrer Kur persönlich zu überwachen, bemerkte Kameron mit höflichem Anteil. Diese – diese Haft, von der Sie sprachen, kann nicht von langer Dauer sein. Vor den Geschworenen muß die Wahrheit ans Licht kommen. So sehr kann ich mich nicht in dem Manne täuschen, der mir soeben seine eigensten Gedanken anvertraut hat.

Sein Kollege schüttelte ernst das Haupt. Ich baue nicht darauf, sagte er, Hoffnungen sind trügerisch.

Mit einer tiefen Verbeugung nach dem Fenster hin, wo die abgewandte Gestalt noch immer regungslos verharrte, wandte er sich und verließ das Zimmer; auch Gryce riß sich zögernd los und folgte ihm.

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