Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Eyth >

Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
Schließen

Navigation:

Eine Gegenmine

Auf dem einsamen Nachtritte nach Schubra reifte mancher meiner Pläne. In die melancholische Sykomorenallee, die wie ein schwarzer Tunnel vor mir lag, fiel da und dort durch eine ihrer wenigen Lücken ein Streifen des Mondlichts und beleuchtete nicht selten einen Schakal, der sich bis hierher verirrt hatte und halb scheu, halb trutzig davonschlich, wenn Mustapha, der etwas furchtsame Eseljunge, ihm von weitem und überlaut sein »Yemenak! Schimala!« (»Rechts! Links!«) »Du Sohn eines Hundes!« zuschrie. Aus der Ferne tönte das unablässige Hundegebell um die Dörfchen am Wege; in der Nähe, in den mondbeglänzten Klee- und Weizenfeldern, zirpte eine Million von unsoliden, nachtschwärmerischen Grillen mit betäubenderem Lärm, je näher man Schubra kam, dessen helle, weißgetünchte Hütten und Häuser nach einer kleinen Stunde zwischen den schwarzen Stämmen durchschimmerten. Als ich vor meinem Hause abstieg, war mein Entschluß gefaßt: ein ehrlicher und öffentlicher Wettkampf sollte die Frage entscheiden, welchem Pfluge, Fowlers oder Howards, in den nächsten Jahren der Boden Ägyptens gehören müsse, und dieser Kampf sollte in Schubra ausgefochten werden. Die Pyramiden von Cheops und Chephren, die aus der mondbestrahlten Wüste herüberwinkten, sollten Zeuge sein. Sie hatten schon andre Kämpfe mit angesehen §§§

Als ich am folgenden Tage gegen elf Uhr in der glühenden Sonnenhitze des nahen Mittags vom Felde geritten kam, wo ich mich mit Halim Pascha eine Stunde lang über einen kommenden Furchenpflug für Baumwolle besprochen und ihn in eine fast ebenso hoffnungsfrohe Stimmung hineingearbeitet hatte wie mich selbst, stand »Lord Palmerston« vor meiner Gartentüre. Ich kannte den prächtigen weißen Esel; er war der stattlichste der munteren Schar, die vor Shepheards Hotel Fiakerdienste versieht. Ich wußte deshalb, daß mich ein Besuch erwartete, der mir schon durch sein äußeres Auftreten Achtung einzuflößen versuchte. Mein abessinischer Koch und Haushofmeister bestätigte dies mit geheimnisvollem Eifer. Der fremde Herr liege drinnen auf dem Diwan und warte schon seit einer Stunde auf mich. In dem fast finsteren, aber köstlich kühlen Empfangszimmer erhob sich, als ich eintrat, ein kleiner Herr mit kugelrundem, kahlgeschorenem Kopf, kleinen listigen, aber nicht bösartig zwinkernden Augen, einer stumpfen Nase und einem gottbegnadeten Mund, soweit seine Größe in Betracht kam; in weißem Anzug, gelben Lederschuhen und einem dunkelroten Tarbusch, der in völlig korrekter Stellung auf dem hinteren Teil seines Hinterkopfes saß. »Mister Bridledrum aus Bedford in England!« – »Ingenieur Eyth! Sehr angenehm, Herr Bridledrum! Bitte, behalten Sie Platz!«

Ich klatschte in die Hände. Mein Abessinier, der die Sitten und Gebräuche bei englischen Besuchen bereits wohl kannte, brachte ohne weitere Anweisung eine Flasche Whisky, eine Flasche Brandy und eine Gulla, die herrlichste Erfindung der alten Ägypter, den porösen Wasserkrug, in dem durch Verdampfung das Nilwasser um so kälter wird, je heftiger die Sonne darauf scheint. Schon damals verstanden sie etwas vom Dampf.

Bridledrums liebenswürdige, fast unenglische Gesprächigkeit war kein leeres Gerücht. Er versicherte, daß er schon in Alexandrien, nein, schon in England von mir gehört und nichts sehnlicher gewünscht habe, als mich kennenzulernen. Er sei entzückt, daß dieser Wunsch jetzt in Erfüllung gehe. Engländer – er meine Europäer – müßten sich überall fest zusammenschließen, um in diesen fremden Ländern der Kultur, dem Christentum und dem Handel Bahn zu brechen. – Dabei sah er mich plötzlich etwas unsicher an. Nein, ich war kein Jude. – Ich sei ein Mann, der in kurzer Zeit glänzende Erfolge erzielt habe – mit mangelhaften Mitteln, wenn er sich als Nicht-Ingenieur erlauben dürfe, eine Meinung zu äußern: mit völlig unzureichenden Hilfsmitteln! Aber man wisse auch, daß ich nur der Sache diene und mir ein selbständiges technisches Urteil bewahrt habe. Er wende sich deshalb fast in erster Linie, er dürfe sagen, ganz in erster Linie an mich, teils um Rat in bezug auf die landwirtschaftlichen Verhältnisse Ägyptens, teils um Unterstützung im Interesse des Landes, für das der beste Dampfpflug von höchster Bedeutung werden müsse. Nun sei, wie ja längst jedermann wisse, der England besucht habe, der Howardsche Pflug anerkanntermaßen §§§

»Gewiß!« sagte ich, rasch entgegenkommend. »Auch ich habe schon von Ihnen viel Schönes gehört, Herr Bridledrum. – Etwas Whisky gefällig? Oder Brandy? Man braucht in diesem Lande von Zeit zu Zeit eine kleine Kühlung.«

»Whisky, wenn ich bitten darf. Sie wissen, die Bridledrums stammen aus Schottland,« belehrte mich mein neuer Freund, zutraulicher werdend, »obgleich ich, mütterlicherseits, den Kognak vorziehen sollte.« Er war sichtlich angenehm berührt von der Unterhaltung, die eine so praktische Form anzunehmen schien. Dann erzählte er mir, daß seine Maschinen samt vier Mann geschulter Bedienung gestern in Alexandrien angekommen seien. Die Herren Howard seien entschlossen, zu zeigen, was ihre Apparate auf ägyptischem Boden leisten können, obgleich für einen Sachverständigen wie mich eine derartige Demonstration kaum nötig wäre. Für die Paschas und für die übrigen Niggers im Lande sei dies allerdings etwas andres. Nun brauche er aber ein passend gelegenes Feld und natürlich auch manche andre kleine Unterstützung, Kohlen, Wasser und dergleichen, um den Pflug in Tätigkeit vorzuführen, und bis jetzt sei es ihm leider nicht völlig geglückt, die Verwaltungsbehörden des Vizekönigs in Bewegung zu setzen. Es fehle dort noch ein wenig an Verständnis für die Sache, und der Pascha selbst habe keine Zeit, die Vorzüge der Anwendung gewöhnlicher Lokomobilen zur Pflugarbeit zu erfassen. Man habe ihn zwar vierzehn Tage lang in Alexandrien von einem Diwan auf den andern geschickt, oder in den andern, wie man komischerweise hier sage. Er habe dabei drei Eimer Kaffee getrunken und sein Nervensystem auf Jahre zugrunde gerichtet. Nun komme er nach Schubra, um den hochintelligenten Halim Pascha, diesen Mann des Fortschritts – nein, um vielmehr mich zu bitten, die Sache in die richtigen Wege zu leiten. – Bridledrum hielt inne, nahm jetzt auch etwas Brandy, vielleicht um seine Mutter nicht zu kränken, die ihm sichtlich beigestanden hatte, denn ein unverfälschter Schotte hätte diese Einleitung nie zu Ende gebracht, wischte sich den Schweiß von der Stirn und fuchtelte mit seinem Taschentuch wie eine Windmühle. Ich begann zu vermuten, daß auch seines Vaters Mutter eine Französin gewesen sein müsse.

Nun versicherte ich, daß ich ihm Land verschaffen werde, wann und soviel er wünsche. Das habe ihm ja Halim Pascha schon zugesagt, der mir heute die nötigen Weisungen gegeben habe.

Er war entzückt.

»Auch Wasser und Kohlen sollen Sie haben,« versprach ich weiter, »wie wenn Ihr Pflug mein eignes Kind wäre; und Hilfsarbeiter in der Gestalt von Fellachen kann ich Ihnen zur Verfügung stellen, soviel Sie irgend wünschen.«

Er war entzückter.

»Denn ich bin ganz Ihrer Ansicht, Herr Bridledrum,« fuhr ich fort. »Wir haben kein andres Interesse, als festzustellen, welches die brauchbarste Form des Dampfpfluges für Ägypten ist. Es ist richtig, ich war früher einer von Fowlers Leuten. Aber das liegt hinter mir. In meiner jetzigen Stellung ist es meine Pflicht, für die besten Geräte auf unsern Gütern zu sorgen, mögen sie kommen, von wem sie wollen, und mein Verhältnis zu Halim Pascha macht mir dies zu einem höchst anregenden Vergnügen, auf das ich niemals freiwillig verzichten würde.«

»Ich kann den Ausdruck meines Entzückens nicht länger zurückhalten, Herr Eyth,« platzte Bridledrums französische Mutter aus ihm heraus, »in Ihnen unverhofft, ich gestehe, ganz unverhofft, einen Mann von solchen Gesinnungen gefunden zu haben. Ich weiß, daß meine Chefs, die Gebrüder Howard, ganz Ihrer Ansicht sind. Es handelt sich darum, zu zeigen, daß der Howardsche Pflug der beste in der Welt ist. Auf Einzelheiten brauche ich Ihnen gegenüber nicht einzugehen. Ich habe nicht die Ehre, Ingenieur zu sein. Aber wenn die Dankbarkeit, praktische, greifbare Dankbarkeit für Ihre unbezahlbare Unterstützung §§§« – er drückte mir die Hand, stumm und schmerzhaft; fühlbar kam jetzt der schottische Vater an die Reihe.

»Ich bin kein Kaufmann und zur Zeit nicht einmal Agent für eine dieser großen Weltfirmen,« sagte ich, mich ihm entwindend, »aber ich denke, die Sache läßt sich am besten feststellen, wenn wir hier, auf den Feldern von Schubra, ein kleines Wettpflügen veranstalten. Sie kommen mit Ihren Engländern und dem Howardschen Apparat, und ich lasse meine Araber im Nachbarfelde mit dem Fowlerschen Pflug tun, was sie zu tun imstande sind. Sie müssen natürlich etwas Nachsicht mit den Leuten haben; ich habe augenblicklich keine englischen Arbeiter zur Bedienung der Fowlerschen Pflüge verfügbar. Mein einziger Mann befindet sich gegenwärtig in Oberägypten. Wir messen dann gemeinsam Land, Kohlen, Wasser und was Sie noch zu messen wünschen, und wenn wir zuvor ein wenig Lärm schlagen – das überlasse ich ihnen, Herr Bridledrum, Sie verstehen es vortrefflich –, dann kommt ganz Kairo heraus und bewundert den Sieger.«

Bridledrums rundes Gesicht wurde oval und während der weiteren Entwicklung dieses entgegenkommenden Vorschlags immer länger, seine dünngeschlitzten Äuglein rund wie Fischaugen.

»Ja – gewiß – das heißt –,« sagte er, nach Luft schnappend. Es schien ihm unerträglich heiß zu werden, was ja der März in Ägypten hinlänglich erklärte.

»Ich habe heute früh den Plan mit dem Prinzen besprochen,« fuhr ich fort. »Er ist Feuer und Flamme dafür. Sie wissen, er ist ein wenig Sportsmann, wie vermutlich auch Sie. Ihren Landsleuten ist ja ein ehrlicher Wettkampf bei jeder Gelegenheit das höchste Vergnügen. Und ehrlich soll es zugehen, ›fair play all round‹. Dafür wollen wir – Sie und ich – schon sorgen. Wann können Sie mit Ihren Maschinen hier sein?«

»Ein vortrefflicher Gedanke!« stöhnte Bridledrum, die neu ausbrechenden Schweißtropfen eifrig von der Stirn tupfend; »das heißt, es wäre mir eigentlich lieber, wenn jeder für sich – wenn es Ihnen ganz gleichgültig ist, würde ich eigentlich gerner §§§«

»Sie sollen die Wahl des Feldstückes haben,« unterbrach ich ihn mit wachsender Liebenswürdigkeit. »Hinter dem Palast liegen fünfzig Hektar Baumwolland. Die Wolle ist schon eingeheimst; in acht Tagen sind die Stauden abgeräumt. Sie nehmen davon fünfundzwanzig, mehr, wenn Sie wollen, Fowlers Maschinen den Rest. Wie gesagt, Sie sollen die Wahl des Stückes haben! Es liegt mir daran, Ihnen alle derartigen kleinen Vorteile zuzuwenden. Sie sind auf fremdem Boden, und dies entschuldigt eine kleine Parteilichkeit zu Ihren Gunsten. Halim Pascha hat mir das selbst eingeschärft. Er betrachtet Sie als unsern Gast; und Sie kennen die Gastfreundschaft des Arabers. Halim Pascha hält etwas darauf. Seine Mutter war eine Beduinin.«

Es entstand eine Pause. Bridledrum brauchte etwas Zeit und tat einen kräftigen Zug aus seinem Whiskyglas, um sich zu fassen. Mein Abessinier trat ein und wollte wissen, ob man »Lord Palmerston« ein paar Handvoll Pferdebohnen geben dürfe. Sein Eseljunge meine, er habe Hunger. »Gewiß,« rief ich in einem Tone, der bewies, daß auch ich die Gastfreundschaft des Arabers zu üben wisse. Mein englischer Freund erhob sich, sauersüß lächelnd.

»Und Sie glauben nicht, daß man die Sache noch anders gestalten könnte?« fragte er zögernd. »Es wäre mir lieber, ganz entschieden lieber gewesen, Ihnen und einigen Herren in Kairo ganz unter uns nachzuweisen, welche Vorteile Howards Einmaschinensystem gegenüber den teuren Doppelmaschinen hat, an die sich der unglückliche Fowler neuerdings zu klammern scheint. Ein eigentliches Wettpflügen ist hierbei eher hinderlich. Es verwirrt das Urteil. Man findet nicht die nötige Ruhe zu völlig unparteiischen Beobachtungen – «

»Ganz unmöglich, lieber Bridledrum!« rief ich aufmunternd. »Halim hat die Sache mit wahrer Leidenschaft aufgefaßt. Überdies will er bei dieser Gelegenheit sehen, was seine Fellachen gelernt haben. Natürlich wird er, wahrscheinlich zu seinem Ärger, gleichzeitig erfahren, was vier geschulte Engländer dagegen leisten. Wir können ihm diese unangenehme Überraschung nicht ersparen, denn in wirklich entscheidenden Augenblicken müssen wir Europäer doch schließlich zusammenhalten. Etwas nachsichtig müssen Sie allerdings sein, Herr Bridledrum; denn sehen Sie, die einen leben von Klee, buchstäblich von Klee, und die anderen sterben, wenn sie kein Beefsteak bekommen. Das fällt ins Gewicht. Aber all dies bleibt hochinteressant, und wenn ich den Prinzen richtig verstanden habe, so fährt er noch heute zu seinem Neffen, dem Vizekönig, um ihn zu dem Scherz einzuladen. Von dem wissenschaftlichen Ernst, den Sie und ich mit dieser Probe verbinden, haben die hohen Herren natürlich keinen Begriff, aber an Publikum wird es nicht fehlen, das Ihre Triumphe nach allen Winden zu tragen bereit ist. Ganz Kairo und halb Alexandrien wird nach Schubra herausströmen. Wahrhaftig, Bridledrum, Sie sind mir eine Flasche Sekt schuldig! Niemand in Ägypten hätte Ihnen eine solche Gelegenheit bieten können, Ihr Licht leuchten zu lassen.«

Es gelang nicht, ihm meine Freudigkeit mitzuteilen. Er blieb verstimmt und schien plötzlich in Eile zu sein. Selbst ein drittes Glas Whisky vermochte ihn nicht zu fesseln. Höflich begleitete ich ihn vor die Gartentüre. Nein, er wollte das für die Versuche bestimmte Feldstück jetzt nicht ansehen. »Palmerston« mußte die Hälfte seiner Pferdebohnen unverzehrt verlassen und verschwand verdrießlich mit seinem Herrn hinter den Tamarisken, die vor meinem Hause standen.

Nicht unzufrieden mit mir selbst und der Arbeit dieser Morgenstunde, kehrte ich in meine dunklen Zimmer zurück, warf mich auf den Diwan und wartete auf das einfache und dennoch nicht selten rätselhafte Gabelfrühstück, das mein abessinischer Kochkünstler im Schweiß seines Angesichts zurichtete.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.