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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Eine schwere Last

Von der amtlichen Eröffnung der Ennobrücke genoß ich nur eine begeisterte Beschreibung, die mir unser alter Freund Schindler in die Steppen Rußlands nachsandte. Nicht allein um sein Englisch aufzufrischen, womit er sich vor sich selbst entschuldigte, hatte er der wiederholten Einladung Harolds Folge geleistet. Im Grunde des Herzens war er noch jetzt mehr Ingenieur als Sprachkünstler und verfolgte von seiner thüringischen Warte herab unser Leben mit sehnsüchtiger Teilnahme und neidloser Begeisterung. Es erschien ihm deshalb auch manches in rosigerem Lichte als uns, die wir die Dinge in der Nähe genossen. So erklärten sich mir die Dithyramben seines Festberichts hinlänglich.

Ein volles Jahr später, während dessen wir wenig oder nichts voneinander gehört hatten, befand ich mich im äußersten Norden Schottlands, zu Dunrobin, als Gast des Herzogs von Sutherland. Es war der Abend eines ebenso interessanten als anstrengenden Tages. Der Herzog war nachmittags in Lachsfischereiangelegenheiten nach der Westküste abgereist. So kam es, daß Herr Greig, einer der leitenden Geschäftsteilhaber von Fowler & Co., und ich in einem kleinen altertümlichen Saal des Schlosses beim abendlichen Glase schottischen Whiskys allein beisammen saßen und die Ereignisse des Tages besprachen. Im Kamin loderte ein mächtiges Holzfeuer und beleuchtete mit seinem flackernden Licht die reiche, düstere Ausstattung des Zimmers, in dem uns die üppigste Behaglichkeit in Formen entgegentrat, die aus vormittelalterlichen Zeiten zu stammen schienen. Auch ohne die Hirschgeweihe und Eberköpfe und die Riesenhörner ausgestorbener Stiere hätte man glauben können, sich in die Behausung eines der altkeltischen Hochlandlairds verirrt zu haben, auf deren Grund und Boden Dunrobin steht. Greig, ein unverfälschter Schotte, fühlte sich völlig zu Hause. Mir war die ganze Umgebung mit ihrem Zug ins Hünenhafte und Ossianische ein ungewohnter Genuß nach der kühlen Wirklichkeit, die uns den Tag über umgeben hatte.

Der Herzog war eines jener Originale, die uns in seiner eignen Heimat kaum in Erstaunen setzen: trotz seines alten Geschlechts, trotz seines fabelhaften Reichtums einer der Männer unsrer Zeit, wie sie vielleicht nur auf dem Boden der englischen Aristokratie gedeihen, wo man begriffen hat, daß die alten Waffen nicht mehr hinreichen, den Glanz des alten Wappens zu erhalten. Sein Großvater hatte Sutherlandshire, die Stammgrafschaft der Familie, mit seinen Wunderlichkeiten fast zugrunde gerichtet; der Enkel wollte es mit den seinen wieder retten. Jener war ein leidenschaftlicher Jäger gewesen. Sein Ehrgeiz ging dahin, die ganze Nordspitze Schottlands in einen riesigen Wildpark zu verwandeln. Tausende seiner Bauern hatte er genötigt, auszuwandern, die Höfe eingerissen und auf den Feldern Wald und Heide angepflanzt. Alles Land, das ihm im Wege lag, wurde ohne Rücksicht auf die Kosten zum selben Zweck angekauft. Als er starb, hatte die Bevölkerung von Sutherlandshire um sechzig Prozent abgenommen.

Der jetzige Herzog war im Begriff, das verschwundene Landvolk wieder heranzuziehen. Dies war im rauhen Norden keine allzu leichte Aufgabe. Wald und Heide mußten wieder urbar gemacht, Ackerfeld und Wiesen hergestellt, Häuser gebaut werden, und was vor hundert Jahren dem harten, bedürfnislosen Bauern genügte, war heutzutage völlig unbrauchbar. Die Steine und Felsen, zwischen denen der Großvater seinen ärmlichen Pflug zerstoßen hatte, mußten vor allen Dingen entfernt werden, ehe sich Felder schaffen ließen, auf denen ein Landwirt unsrer Tage mit einiger Aussicht auf Erfolg wirtschaften konnte.

Diese Aufgabe sollten die Dampfpflüge des Herzogs leisten, von denen sich bereits acht in meilenweitem Umkreis um Dunrobin in ununterbrochener Tätigkeit befanden. Es war eine erstaunliche Arbeit, für die eine große Gruppe besonderer Geräte erst erfunden werden mußte. Zunächst konnte nicht daran gedacht werden, einen gewöhnlichen Dampfpflug durch die felsenbesäte Heide zu treiben. Ein riesiger Haken, ähnlich einem großen einarmigen Schiffsanker, wurde von dreißigpferdigen Maschinen in Wirklichkeit mit der Kraft von achtzig Pferden zwei Fuß tief durch den Boden gezogen und riß alle Steine, die ihm in den Weg kamen, aus dem Grund. Blöcke von einem halben Kubikmeter schienen spielend aus der Unterwelt zu kommen. Kam das Gerät auf einen alten Granitfindling, der in dieser Weise nicht zu bewältigen war, so wurden auf demselben Dynamitpatronen entzündet, welche die Arbeiter stets neben ihrem Brot und Speck sorglos in der Tasche bei sich trugen. Nach dieser vorläufigen Bearbeitung hatte das völlig weiße Feld, von losen Felsen und Steinen bedeckt, das Aussehen einer erstarrten Sturmsee. Es wäre unmöglich gewesen; mit dem rohesten Wagen über dieses steinerne Meer zu fahren, ohne ihn zu zertrümmern. Ein wunderlich geformter Schlitten wurde deshalb zwischen den Dampfpflugmaschinen hin und her gezogen, auf welchem die Steine nach den Feldenden geschleppt wurden. Dort überstürzte sich der Schlitten von selbst und warf seine grausige Ladung ab. So wurden, entlang den Feldgrenzen, hohe Wälle aus Felsblöcken gebildet, die teilweise zum Bau von Wohnhäusern und Stallungen, namentlich aber auch zu stattlichen Umfassungsmauern der Felder selbst Verwendung fanden. Dann erst konnte ein gewöhnlicher Dampfpflug seine Arbeit beginnen und das Feld für die erste Hafersaat zurechtpflügen, die samt Haus und Hof dem neuen Gutspächter übergeben wurde. Schon waren einige dieser Höfe besetzt und in vollem landwirtschaftlichem Betrieb, aber noch immer hatten wir an den Maschinen zu ändern und zu bessern, die diese wunderliche, gewöhnlichen Menschenkräften unmögliche Arbeit durchführten. Das Ganze war eine Lieblingsaufgabe meines Chefs und Freundes Greig, doch wurde auch ich öfter herbeigeholt, wenn es sich um ein besonders kitzliges mechanisches Problem handelte. So hatte ich diesmal mit einem neukonstruierten Hilfsgerät Versuche angestellt, mittels dessen der Transportschlitten jeden Augenblick und an jeder Stelle an das in Bewegung befindliche glatte Drahtseil der Dampfpflüge angehängt und wieder losgelassen werden konnte. Den Herzog hatten die Versuche in die allerbeste Stimmung versetzt. Er hatte uns lachend und plaudernd in seinem eignen Wagen nach Dunrobin zurückgeführt.

Doch fehlte es auch dem fürstlichen Millionär nicht an Sorgen; denn an allen Ecken und Enden der Erde hatte er seine Eisen im Feuer: am Nil, in Neufundland, in Bengalen wie in Sutherlandshire. Ob er aus diesem Grund den schlechtesten Schneider in Großbritannien für seine eigne Person beschäftigte, wurde häufig hinter seinem Rücken erörtert und nie ganz aufgeklärt. Die landwirtschaftlichen Verhältnisse der nächsten Zukunft, die er mit klarem Blick voraussah, und das rauhe Klima des nördlichen Schottland ließen ihn befürchten, daß seine Arbeit an dieser Stelle schließlich umsonst sein könne und daß die Pächter, trotz aller greifbaren Ermutigung, unter einem solchen Himmel nicht lebensfähig bleiben dürften. »Ich weiß, was ich dann mache,« sagte der Herzog mit grimmiger Entschlossenheit; »geht es nicht, unterdrückt uns hier der amerikanische Wettbewerb und das englische Wetter, so mache ich mir selbst Konkurrenz. Ich habe vorige Woche einen Vetter nach Manitoba geschickt, um dreißigtausend Acker Prärieland zu kaufen. Nötigenfalls schicke ich in ein paar Jahren all meine Pächter über das Wasser, ihm nach. Den Kopf müssen wir oben behalten, ihr Herren, was auch kommt.«

Nun saßen Greig und ich beisammen und überlegten uns dies und jenes, was der rauhe Tag gebracht hatte, technische und wirtschaftliche Dinge, soziale und politische Fragen. Des Herzogs Whisky war vortrefflich; behaglicher gepolsterte Sorgenstühle, trotz ihres barbarischen Aussehens, konnte man in der Welt nicht finden. Ein alter, wie aus Holz geschnitzter Kammerdiener in schottischer Hochlandstracht kam herein und überreichte uns auf einem silbernen Teller, den man in einem Hünengrab gefunden haben mochte, ein paar Briefe. Die Abendpost war soeben eingetroffen. Die Adresse des mir gehörigen Anteils, der aus Leeds nachgeschickt schien, verriet eine fremde Damenhand. Briefe von fremden Damenhänden habe ich von jeher nur selten erhalten. Ich drehte ihn deshalb nachdenklich hin und her und bemühte mich, zu erraten, von wem er wohl sein könnte, anstatt ihn zu öffnen, wie dies ja allgemein Sitte ist. Greig hatte den seinen ohne Zaudern aufgerissen, hatte ihn in einer halben Minute gelesen, warf das Blatt ungeduldig auf den Boden und starrte mit immer tiefer werdenden Stirnfalten in das Kaminfeuer. Er war einer der Leute, denen ein guter Zorn von Zeit zu Zeit Bedürfnis ist; es war dann rätlich, abzuwarten, was er damit anzufangen gedenke. Ich sah mit Interesse zu, wie der rote Feuerschein in seinem roten Bart spielte. Halb Gnom, halb Feuerteufel, war der wackere Schotte in dieser Umgebung ganz in seinem Element; aber es war besser, ihm dann nicht in den Weg zu kommen.

»Es geht verdammt schlecht in Leeds, Eyth!« begann er endlich und griff nach seinem Whiskyglas.

»Etwas in die Luft geflogen? – Ein Streik in Aussicht?« fragte ich teilnehmend.

»Schlimmer,« knurrte Greig. »Vorige Woche wurden nur zwei Dampfpflüge bestellt, die Woche zuvor nur einer, und der darf erst im nächsten Frühjahr abgeliefert werden. Unsre Magazine werden bald überfüllt sein.«

»In der ganzen Welt gehen die Geschäfte gegenwärtig zum Erbarmen,« suchte ich zu trösten. »Wir können nicht erwarten, das nicht zu fühlen.«

»Aber dieses Gefühl ist ein infam schlechter Trost,« versetzte Greig. »Seit den fetten ägyptischen Jahren können wir wöchentlich fünf, sechs vollständige Dampfpflüge in die Welt setzen. Wir müssen Platz für sie finden, Land, Arbeit! Es muß etwas geschehen.«

»Wenn wir auch nach Manitoba gingen?«schlug ich vor.

»Nein!« sagte Greig, nachdenklich eine riesige Zigarre des Herzogs anzündend. »Nicht nach Manitoba, aber nach Peru. Wann können Sie abreisen?«

Er verlangte keine Antwort und sah wieder schweigend in das Feuer.

»Vorige Woche aß ich mit Herrn Fowler im Reformklub in London zu Mittag,« fuhr er nach einer langen Pause fort. »Zufällig. Er hatte einen Peruaner zu Gast gebeten, einen Senor Aspillaga Zuckerpflanzer. Bringt jährlich achthundert Fässer Rohzucker auf den Londoner Markt und wußte nicht genug von den riesigen Fabriken zu erzählen, die sie jetzt dort bauen. Ägyptischen Stils.«

»Ohne einen Vizekönig?« fragte ich zweifelhaft.

»Das ist vielleicht das beste daran. Er überschüttete uns mit endlosen Geschichten von den Fabriken, von den riesigen Gütern, von der Arbeiternot. Es hat neuerdings seine Haken mit den Chinesen. Sie brauchen Kräfte, namentlich für den Feldbau, und wissen nicht, wo sie sie hernehmen sollen, die Herren in Peru.«

»So weit wäre es unser Fall,« meinte ich mit wachsender Aufmerksamkeit.

»Kurz, Eyth, wir müssen ein neues Land aufschließen,« rief Greig mit plötzlich heiter werdender Miene. Er überließ es stets seinem Zuhörer, den logischen Zusammenhang seiner Sätze herzustellen. »Wann können Sie abreisen? Nächste Woche? Gut. Gehen Sie Morgen nach London. Aber nehmen Sie in Leeds Ihre Koffer gleich mit. Besprechen Sie die Sache mit Herrn Fowler! Sehen wir einmal!«

Er trat an den gewaltigen Eichentisch in der Mitte des Zimmers, der, in künstlicher Roheit stilgerecht geschnitzt, aus einem Urwaldrest der Eiszeit zu stammen schien, auf dem aber in kostbaren Mappen und Einbänden Fahrpläne und sonstige Reisebücher in reicher Menge umherlagen.

»Sehen Sie!« rief er nach einer Minute des Hinundherwerfens der Mappen; »am Samstag geht der nächste Dampfer von Southampton nach Panama. Das ist Ihr Boot. Ich gehe morgen früh nach Glasgow. Ihr Zug geht erst um neun über Edinburg. Lassen Sie etwas von sich hören und lassen Sie sich's gut gehen. Wir brauchen uns morgen früh nicht mehr zu belästigen. Gute Nacht!«

»Aber ich kann kein Wort Spanisch,« warf ich, doch etwas bedenklich werdend, ein.

»Ich kann nur zwei Sprachen, die sich dazu zum Verwechseln ähnlich sehen,« sagte er lachend, »Englisch und Schottisch, und reise durch die ganze Welt. Man verstand mich noch überall, wenn ich laut genug wurde. Und Sie haben vier Wochen Zeit an Bord. Stecken Sie die Nase in ein Buch, wenn Sie glauben, daß es notwendig sei. Ich bin andrer Ansicht. Es ist doch heute noch etwas geschehen; es ist mir besser. Gute Nacht, Eyth!«

Die letzten drei Worte sprach er mit einem plötzlichen Anflug von Herzlichkeit, den ich zu schätzen wußte. Im Grunde genommen hatten wir uns sehr gerne, und dies war voraussichtlich ein Abschied für mehrere Jahre.

Der hölzerne Kammerdiener machte vergebliche Versuche, ihm die Schlafzimmerkerze zu entreißen und voranzutragen, die er auf einem Nebentisch ergriffen und angezündet hatte. Es gelang nicht. Der alte Mann folgte dem energischen Herrn ehrerbietig, aber kopfschüttelnd durch die frühgotische Tür des Saals.

Nun hatte ich Zeit, an meinen Brief zu denken. Der peruanische Plan konnte warten. Ich hatte es halb und halb vermutet – er war von Ellen Stoß und setzte mich nicht wenig in Erstaunen. Er lautete:

Ennovilla. Richmond, den 18. Februar 1879.

Lieber Herr Eyth!

Wollen Sie mir in einer Not, von der Sie keinen Begriff haben, einen Dienst erweisen, den ich Ihnen nie vergessen werde? Besuchen Sie uns oder suchen Sie meinen lieben Mann zu sehen, ehe Sie wieder aus England verschwinden. Man weiß bei Ihnen ja nie, wie lange Sie erreichbar sind. Ich glaube, er ist ernstlich krank oder im Begriff, es zu werden. überreden Sie ihn, England auf ein Jahr zu verlassen. Ägypten, das Kap, Westindien der Ort ist ganz gleichgültig; aber fort muß er. Ich brauche Ihnen nicht mehr zu sagen, denn ich weiß, daß Sie einer seiner treusten Freunde sind und er Ihnen selber sagen wird, was Sie zu wissen brauchen, um uns zu helfen. Am Samstag geht er nach Pebbleton. Vielleicht könnten Sie ihm in Leeds, das er um zehn Uhr erreicht, eine Stunde schenken. Unter allen Umständen aber rechnet auf Ihre Freundestreue

Ihre dankbar ergebene

Ellen Stoß.

 

Das war für eine Engländerin ein so dringender, bitterernster Brief, daß ich noch sinnend in meinem Sorgenstuhl lag, als der hölzerne Kammerdiener zurückkehrte, um nachzusehen, ob es wenigstens mir beliebe, mich von ihm nach meinem Schlafzimmer geleiten zu lassen.

Es war heute Freitag, und wenn ich überlegte, was in der nächsten Woche geschehen mußte, keine Stunde zu verlieren.

»Kann man morgen in aller Frühe von Dunrobin nach Richmond oder London telegraphieren?« fragte ich den Mann.

»Zu jeder Stunde der Nacht, wenn Sie es wünschen,« erwiderte er. »Seine Gnaden der Herzog können in keinem Hause schlafen, in dem man nicht zu jeder Nachtstunde nach allen fünf Weltteilen telegraphieren kann. Ein Telegraphist ist die ganze Nacht am Apparat, auch wenn Seine Gnaden nicht hier sind.«

»Gut; geben Sie mir ein Formular,« bat ich. Es lag auf dem Tisch aus der Steinzeit schon bereit und eine eingetauchte Feder daneben, ehe ich mich erhoben hatte. Ich schrieb:

»Stoß. Ennovilla. Richmond. Bin morgen nachmittag vier Uhr an der Ennobrückenstation. Muß Dich vor Abreise nach Peru dringend sprechen. Verfehle mich nicht.

Eyth.«

Dann ging ich zur Ruhe, allerdings nicht übermäßig beruhigt. Peru machte mir keine großen Sorgen. je mehr ich daran dachte, um so fühlbarer wuchs die Freude an dem Gedanken, den alten Inkas etwas vorzupflügen. Wie ich mich aus dem Geschichtsunterricht erinnerte, waren es sachverständige Herren, mit denen sich umgehen ließ. Aber Stoß? Was konnte meinem Freund zugestoßen sein? Frauengeschichten? Kaum denkbar. Ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß es sich um etwas Schlimmeres handle. Aber Unsinn! Es konnte ja nichts Schlimmeres geben.

Als ich am folgenden Mittag zur verabredeten Stunde Stoß auf der Plattform der kleinen Station stehen sah, die eine halbe Stunde vor dem südlichen Ende der berühmten Ennobrücke als Knotenpunkt zweier von Süden kommender Bahnlinien angelegt ist, konnte ich mich eines gelinden Schreckens nicht erwehren. Er hatte sich seit der Zeit unsres letzten Zusammenseins auffallend verändert. Seine Haltung war ersichtlich gebückt; manchmal, wenn er selbst sich dessen bewußt wurde, schnellte er mit einem nervösen Ruck in die Höhe. Er war dünner geworden. Seine früher vollen, bräunlichen Wangen waren eingefallen und spielten ins Gelbe, unter seinen dunkeln Haaren konnte man die weißen längst nicht mehr zählen. Das Eigentümlichste waren seine Augen, die einst so heiter und herausfordernd in die Welt hineingesehen hatten. Sie schienen größer als früher, wenn er sie aufschlug, und dann lag etwas wie eine ängstliche Frage in dem Blick, der unsicher und wie bewußtlos herumsuchte. Aber er sah selten auf und vermied es, sein Gegenüber anzusehen. Meist blickte er zu Boden, als ob er in tiefstes Nachdenken versunken wäre. Dann sah man wohl auch seine bleiche Unterlippe sich regen, während die Finger seiner linken Hand in fortwährender Bewegung waren, wie wenn ein schlechter Komponist an der Arbeit wäre. Es war kein Zweifel, mein guter Stoß war krank.

Wir begrüßten uns lebhaft; er mit ungewöhnlicher Heftigkeit; beide erfreut über das geschickte Zusammentreffen, denn Stoß war ebenfalls kaum vor fünf Minuten mit dem Zug aus Süden angelangt. Es wäre fast zu einem Kuß gekommen, wenn ich demselben nicht durch einen energischen Druck der Hand Einhalt getan hätte. Männer küssen sich auf englischen Eisenbahnstationen nicht, ohne allgemeine Sensation hervorzurufen, was ich für unnötig hielt. Aber in Stoß regte sich der alte Österreicher, und ich sah jetzt deutlich am Zittern seiner Lippen, wie weich er war.

Wir hätten besser getan, uns in Pebbleton zusammenzubestellen, meinte er. Dort sei ein vortrefflicher Gasthof. Hier, eine Viertelstunde von der Ennobrückenstation entfernt, läge nur ein kleines, aber allerdings ganz gemütliches Wirtshaus, in dem wir jedenfalls vor Wind und Regen Schutz finden würden.

Ich erklärte, daß ich auf die Ennobrücke verfallen sei, weil ich den Riesenbau unter der Leitung von einem seiner Schöpfer gern gesehen hätte. Für mich finde heute die Eröffnungsfeier statt. Ich hoffe, er habe etliche Flaggen zum Aushängen mitgebracht. Für den Festchor und die Hurras wolle ich einstehen.

Es zuckte über sein Gesicht wie ein körperlicher Schmerz, aber nur auf einen Augenblick. Dann schnellte er in die Höhe und lachte zum erstenmal sein altes Lachen.

»Grundschlechter Mensch, wie immer!« begann er. »Als wir die fünfzig Weißgekleideten hier hatten, hast du dich natürlich nicht blicken lassen. Wird es nicht besser mit dir werden? Meine Frau läßt dich vielmals grüßen und bittet um Aufklärung. Gut; sehen wir uns die Brücke an, das ist ja auch mein Zweck, heute und in den nächsten Tagen. Wenn es Dämmerung wird, sitzen wir im Goldenen Brückenkopf' zusammen, bis heute abend neun Uhr dreißig mein Zug geht, denn ich muß leider weiter. Die Direktoren der Nordflintshire-Bahn tagen morgen früh in Pebbleton; einer der Herren will noch heute nacht mit mir zusammentreffen, und ich soll morgen Bruce vertreten. Der alte Herr wird täglich behaglicher und eingebildeter. Die Brücke war zu viel für sein moralisches Gleichgewicht.«

Der Stationsvorstand, welcher Stoß mit großer Höflichkeit begrüßte, übernahm unser Gepäck und versprach, das meine nach dem »Goldenen Brückenkopf« zu schicken, denn ich konnte erst am folgenden Morgen mit dem ersten Zug Leeds erreichen und hatte im Sinn, hier zu übernachten. Dann schlenderten wir einen Wiesenpfad entlang am Fuß des ansteigenden Eisenbahndamms der Brücke zu.

Ich fand rasch den alten Plauderton wieder. Bei Stoß wollte er sich nicht sofort einstellen, obgleich ich ihm ansah, wie er sich Mühe gab. Er erzählte mir, wie die technische Prüfung und die Eröffnung der Brücke ohne allen Anstand verlaufen sei und wie drei Monate später zwischen Bruce, den Bauunternehmern und der Bahngesellschaft alle Geldverhältnisse sich glatt und streitlos abgewickelt hätten. Die Brücke habe dreihundertzwanzigtausend Pfund gekostet, etwa um die Hälfte mehr, als man vor zwölf Jahren erwartet habe, sei aber trotzdem noch außerordentlich billig für ein so riesiges Werk. Ein paar hübsche runde Schecks seien im letzten Augenblick von Hand zu Hand gegangen, und auch er könne sich nicht beklagen. Seitdem sei er öfter hier, obgleich sein Schwiegervater und er mit dem Bau nichts mehr zu tun hätten. Doch halte er es für gut, von Zeit zu Zeit noch einen Blick auf dieses Monument des letzten Dezenniums zu werfen. Auch erhalte er gelegentliche Berichte von einem Herrn Noble, den die Bahngesellschaft zum Brückeninspektor ernannt habe, einem äußerst gewissenhaften alten Mann, der nach Schrauben, Keilen und Nieten sehe, die sich etwa gelöst haben könnten. Dieser habe ihn kürzlich gebeten, gelegentlich wiederzukommen, und mit ihm wolle er in den nächsten Tagen die ganze Struktur wieder einmal gründlich untersuchen.

Er hatte munter angefangen zu erzählen, sprach aber immer leiser und zuletzt stockend, wie wenn ihn eine schwere Sorge drückte. Von der Brücke konnte man noch immer nichts sehen, bis wir zu einem kleinen Wärterhause, das unmittelbar vor dem Brückenkopf erbaut ist, am Damm hinaufstiegen. Hier stand plötzlich das ganze großartige Bild vor uns.

Es war ein unruhiger, windiger Nachmittag. Zerfetzte weißgraue Wolken jagten mit Sturmeseile von den Bergen im Westen der See zu. Große Schatten und Sonnenflecke flogen über die weite Landschaft und belebten in wunderlicher Weise die mächtige Wasserfläche der Ennobucht, die sich etwa siebzig Fuß unter uns dehnte. Am andern Ufer, kaum sichtbar im Schatten der Hügel, lagen die Häuser von Pebbleton und am entfernten Strande hin eine Reihe von Dörfern und Städtchen. Im Hintergrund gegen Norden ragten die ruhigen Gipfel des schottischen Hochlands empor. Im fernen Westen türmten sich die schweren Wolken auf, und die Sonne schien in kurzer Zeit in der vergoldeten Masse versinken zu müssen. Auf dem flimmernden, lebhaft bewegten Wasser flog ein Dutzend Segelschiffe der See zu. Da und dort sah man einen Dampfer, der eine Brigg oder einen Schoner mit gerefften Segeln herauf schleppte. Aber alles trat an dieser Stelle zurück vor dem mächtigen Bauwerk, welches eine dunkle, starre Linie durch die lichtbewegte Landschaft zog und seit Jahresfrist als der Stolz und Triumph unsrer Zeit gepriesen wurde.

Schön war sie nicht, die berühmte Brücke. Ein boshafter Kritikus hatte für ihren Stil die Bezeichnung »frühamerikanisch« erfunden. Aber die schwindelnde Höhe über dem Wasserspiegel, die riesige Länge gaben dem Bauwerk seinen eignen Charakter, und auch in Bauwerken ist das Charakteristische oft mehr wert als das Schöne. Hier war in Eisen und Stein Entschlossenheit, Wille, Lebenszweck. Am Nordende, in dunstiger Ferne, machte die Brücke noch weit vom Ufer ihren gewaltigen Bogen gegen Westen, so daß eine lange Reihe ihrer schlanken Pfeiler deutlich hervortrat, während weitaus die Mehrzahl von unserm Standpunkt aus, in der Längsrichtung der Brücke, nicht gesehen werden konnte. Um so mehr schien es, als ob die riesigen Gitterbalken förmlich in der Luft hingen. Namentlich der mittlere Teil, der in der Länge von einem Kilometer hoch über die andern Partien hervorragte, machte den Eindruck, als ob die Gesetze der Schwere bei so gewaltigen Bauten keine Geltung mehr hätten. Die die Bucht überschreitende Bahn war nur eingleisig. Auf beiden Seiten der Schienen war ein schmaler, asphaltierter Fußsteg, der nach der Wasserseite hin durch ein Eisengeländer geschützt war. Zwischen den Schienen und Schwellen jedoch konnte man noch immer durch die Gitterbalken ins grüne Wasser hinuntersehen und das Eisenwerk betrachten, auf dem die hölzernen Schwellen lagerten. Die achtzig Fuß unter uns durchziehende Strömung, die den Blick in wunderlicher Weise mitzog, trug nicht zum Gefühl der Sicherheit bei, mit dem ich Stoß folgte, der, ohne ein Wort zu sprechen, ein Stück weit über die Brücke wegging, die sich endlos vor uns dehnte.

»Wollen wir einen Zug abwarten?« fragte er plötzlich, wie wenn er meine Gedanken erraten hätte. »Es ist Platz genug für uns.«

Ich konnte dem Vorschlag nichts Verlockendes abgewinnen und meinte, es wäre klüger, zurückzugehen, da es bald Dämmerung werden müsse, und der Wind immer lebhafter aus Westen zu blasen begann. Gemütlich konnte man diesen Abendspaziergang zwischen Wasser und Himmel kaum nennen, selbst an der Seite des besten Freundes. Wir wandten um. Am Wärterhäuschen begrüßte Stoß mit einem: »Wie geht's, Knox?« einen Bekannten aus der Bauzeit, der Brückenwärter geworden war. Der alte, gutherzig und zuverlässig aussehende Mann erwiderte den Gruß mit verwunderten Augen, griff unbeholfen nach der Mütze und erkundigte sich angelegentlich nach Stoß Gesundheit.

»Wir sind nicht so kräftig, wie wir waren, Herr Stoß,« meinte er zutraulich. »Zu viel Arbeit! Zu viel Sorgen! Sie sollten Bahnwärter werden, Herr Stoß! Gesunde Luft hier oben. Ein ruhiges, kleines Nest. Viermal des Tags auf der Brücke hin und her, das kann der Mensch aushalten. Nur bis zur Mitte, Herr Stoß! Nur bis zum Pfeiler Nummer dreiundvierzig. Ich habe es schon damals gesagt, als Sie noch auf dem Bau waren: Zu viel Sorgen, das zehrt.«

»Es ist doch alles in Ordnung, Knox, soviel Ihr wißt?« fragte Stoß und tat wie belustigt, aber mit dem ängstlichen Blick, der immer deutlicher hervortrat.

»Was wird nicht in Ordnung sein, Herr Stoß!« rief der Alte fröhlich. »Vorige Woche ist wieder einer der Malefizkeile aus den Querstangen gefallen. Am Pfeiler Nummer fünfzehn. Aber wir haben das Luder hineingeschlagen, daß ihm das Ausfallen vergehen wird. Alles in Ordnung! Natürlich! Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich und drüben Bob Stirling, wir passen auf!«

Wir wünschten dem Alten einen vergnügten Abend und gingen dem Hügel zu, der westlich von der Brücke zu mäßiger Höhe ansteigt. Auf dem Gipfel liegen die sieben Senkkastenarbeiter begraben, denen der alte Lavalette ein einfaches Steinkreuz hatte errichten lassen. Von hier aus übersah man das ganze Werk in einem prachtvollen Gesamtbild, und wie auf einen Wink brach die Sonne noch einmal durch die Wolken und überflutete die Landschaft mit rotem Gold. Namentlich machte der riesige Schatten der Brücke, der sich scharf auf dem Wasserspiegel der Bucht abzeichnete, einen fast unheimlichen Eindruck.

Ich schüttelte Stoß, dessen Züge sich freudig belebten, die Hand.

»Ich habe dir noch nicht Glück gewünscht, Stoß, wie ich es schon längst tun wollte!« sagte ich ernst. »Es ist wahrhaftig ein großes Werk, an das du deine besten zwölf Jahre gerückt hast. Natürlich, du hast es nicht allein gebaut, und dein Schwiegervater, wie es so der Weltbrauch ist, heimst alle Ehren ein, aber ein gutes Stück von dir steckt in dem Ding, und du darfst stolz darauf sein. Ich bin in keiner Hipp-hipp-hurra-Stimmung, und die sieben Toten, auf denen wir stehen, sind keine lustige Gesellschaft dazu. Aber ich denke mir, selbst sie muß es freuen, wenn sie sich in einer hellen Mondnacht herauswagen und das schwarze Ungetüm da unten fertig sehen. Selbst diese armen Kerle haben ihren Anteil daran und sind nicht umsonst geboren.«

»Nein, die nicht, die Pfeiler stehen,« sagte Stoß träumerisch. »Aber komm!« Er warf noch einen langen Blick auf das im stürmischen Abendlicht aufflammende Bild. Dann entzog er mir mit einer raschen Bewegung die Hand, die ich gehalten hatte, und ging den Hügel hinunter.

›Gut!‹ dachte ich, ihm folgend. ›Aber nach dem Tee muß er beichten.‹

Die beiden Zimmer, in denen ich gestern und heute meinen Abend zubrachte, hätten kaum einen größeren Gegensatz bieten können. Eins nur wissen die Engländer überall zu bewahren, selbst in Wirtshäusern, solange sie noch nicht dem Zuge der internationalen Gleichmacherei erlegen sind: die Behaglichkeit eines wenn auch vorübergehenden Heims. Es war in dem kleinen Stübchen des »Goldenen Brückenkopfs«, in welche uns die Wirtin untergebracht hatte, nicht anders als im Herzogsschloß. Die niederen, mit roten Vorhängen verhängten Fenster, der schlichte, altertümliche Hausrat, an dem die Zeit da und dort ein Stück abgeschlagen hatte, dessen Wunden aber längst wieder vernarbt waren, das reinliche Tischzeug, dem man trotzdem den täglichen Gebrauch ansah, das Kohlenfeuer, das den kleinen Raum mehr durch seinen roten Schein als durch seine strahlende Wärme belebte, das alles lud zu einem traulichen Plauderstündchen ein, wie ich es brauchte. Dazu rüttelte jetzt ein förmlicher Sturm an den Fensterscheiben, so daß es mir ganz wohlig zumute geworden wäre, wenn ich noch den alten Stoß vor mir gehabt hätte. Während des Tees hatten wir von unseren frühesten Zeiten gesprochen, namentlich Schindlers gedacht, der seit Jahren mit seiner gewohnten Treue und Gewissenhaftigkeit über die Fortschritte eines technischen Lexikons und, in regelmäßigen Zwischenräumen, über die Geburt von fünf Mädchen berichtet hatte, die alle sechse sein Vaterherz hoch erfreuten. Dann rückten wir ans Kamin, und die Wirtin brachte ungebeten die Whiskyflasche und das heiße Wasser.

Auch in dieser Beziehung berührten sich Herzogschloß und Bauernwirtshaus.

»Wie es windet!« begann ich, als nach einem lang ausgezogenen, fernen Grollen die Fenster wieder einmal hörbar zitterten. »Es tut einem ordentlich wohl, aus der warmen Stille heraus dem Aufruhr zuzuhören.«

Stoß, der, das Schüreisen in der Hand, nachdenklich im Feuer herumgewühlt hatte, fuhr auf und flüsterte heftig:

»Du weißt nicht, was du sagst, Eyth! Das heißt« Er stockte. Dann fuhr er langsam fort: »Ich erinnere mich, früher konnte ich das Gefühl auch verstehen. Noch vor zehn Jahren.«

Wir waren beide schon fünfzehn Jahre in England. Eine gelegentliche Pause von zehn Minuten unterbrach unser Gespräch in keiner Weise.

»Du bist nicht wohl, Stoß; wach auf!« begann ich wieder und gab ihm einen herzhaften Schlag auf das Knie. Wir mußten den alten Ton wieder finden. Ich war jetzt zu jeder Gewaltmaßregel bereit.

»Nicht wohl?« fragte er, mit peinlicher Wehmut in seiner Stimme. »Es ist mir nie wohler gewesen als heute, seit Monaten. Es tut mir gut, dich wieder zu sehen, Eyth.« Er reichte mir unnötigerweise die Hand, ohne mich anzusehen.

»Gut, dann schwatze!« sagte ich, und bot ihm das dampfende Glas, in welchem ich, nach einem ziemlich kräftigen Rezept, seinen Abendtrunk gebraut hatte.

»Es stürmt furchtbar in diesen schottischen Tälern,« sagte er nach einer zweiten Pause. Dann nahm er einen tüchtigen Schluck. Das Getränk schien ihn zu beleben. Er warf sich in seinen Stuhl zurück und begann endlich Zusammenhängendes zu erzählen.

»Du weißt nicht, was ich in den letzten Jahren durchgemacht habe, und Gott weiß, wie es enden soll. Aber es bleibt unter uns, was ich dir jetzt sage. Es kann keinem Menschen gut tun, wenn du es weiterplauderst, und mir kann niemand helfen. Du weißt, wie ich mit Bruce zusammen an den Plänen der Ennobrücke gearbeitet habe. Es war eine Lust. Der Mann mit seinem Weltruf hatte übermäßig viel zu tun in allen Winkeln des Erdballs und vertraute mir blindlings. Er hatte recht. Er wußte nicht viel mehr als ich. In diesen großen Aufgaben ist noch so vieles dunkel. Ohne Mut kommt man dabei nicht weiter, und den haben die Jungen so gut wie die Alten.

»Es war eine glorreiche Zeit. Alles Schaffenslust und Hoffnung. Du weißt, Billy half schon eifrig mit und baute an der andern Brücke, die uns beide zusammenführen sollte. Ich glaube wirklich, nach Bruces und des alten Jenkins ursprünglichen Plänen wären wir nie durchgekommen. Die Kosten wurden in dieser Weise für die damaligen Verhältnisse zu hoch. Da fiel mir auf dem Weg von London nach Richmond mein Plan mit den gußeisernen Pfeilern ein. Bruce griff danach, gierig, wie nach einem Rettungsring. Die Festigkeitsfrage, die Kostenberechnungen überließ er mir, wie es damals schon seine Art war, und, bei Gott, Eyth, ich habe ehrlich gerechnet und manche lange Nacht durchgesessen, um mir selber über die Sache völlig klarzuwerden. Aber schließlich beruht doch alles Mögliche auf Annahmen, auf Theorien, die noch kein Mensch völlig durchschaut und die vielleicht in zehn Jahren wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Ein Holzbalken mit seinen Fasern ist noch verhältnismäßig menschlich verstehbar. Aber weißt du, wie es einem Block Gußeisen zumute ist, ehe er bricht, wie und warum in seinem Innern die Kristalle aneinanderhängen; ob ein hohles Rohr, das du biegst, auf der einen Seite zuerst reißt oder auf der andern vorher zusammenknickt, ehe es in Stücken am Boden liegt? Wieviel ich über Kohäsion nachgedacht habe, damals und später namentlich später, daß mir übel wurde von den ewig kreisenden Gedanken Donnerwetter, wie es stürmt!«

Er lauschte, mit dem scheuen Blick, den ich noch immer bei ihm nicht gewohnt werden konnte.

»Das Schlimmste war nicht die einfache Tragfähigkeit. Mit den Gitterbalken ist, glaube ich, alles in Ordnung. Auch später, als die hohen Mittelpfeiler weiter gestellt werden mußten, wurde dieser Teil der Aufgabe so behandelt, daß wir keine Sorge zu haben brauchten. Aber in völligem Dunkel war man mit der Berechnung des Luftdrucks gegen die ganze Struktur. Bruce wollte hiervon überhaupt nichts wissen. Wind! Wind! rief er, wenn ich auf das Kapitel zu sprechen kam; was sechs schwere Lokomotiven freischwebend trägt, wirft kein Wind um! Das war seine Theorie, und sie läßt sich anhören. In schwachen Augenblicken habe ich mich selbst förmlich daran geklammert. Dabei wußte man und weiß noch heute blutwenig über den Luftdruck eines Sturmes. Wir nehmen zwanzig Pfund auf den Quadratfuß an. Dabei müssen meine Pfeiler, wie ich sie ursprünglich projektiert hatte, wie Felsen stehen. Später, als die Brücke schon über die halbe Bucht fertig war, erfuhr ich, daß die Staatsingenieure in Frankreich vierzig Pfund annehmen. Vor einem Jahr erst schrieb mir ein Bekannter aus Amerika, daß sie dort auf fünfzig rechnen, und die amerikanischen Ingenieure sind nicht übermäßig vorsichtig, wie alle Welt weiß. Doch tauchte die Frage erst später ernstlich auf, als schon alles in flottem Bau war. Niemand, auch ich nicht, kümmerte sich anfänglich darum. Wir glaubten an Bruce, und Sir William glaubte an sich und sein Gefühl. In den letzten Tagen, in denen die Berechnungen zum Abschluß kamen, auf denen das ganze Brückenprojekt aufgebaut ist, hatte ich noch einen lebhaften Kampf mit mir selber. Welchem Sicherheitskoeffizienten darf ich trauen? Nicht bloß das Brückenprojekt, auch was ich damals für mein höchstes Erdenglück hielt und was es geworden ist, hing an der Antwort. Wenn ich so rechnete, daß Bruce die Sache annehmbar fand, konnte ich die Hand nach Ellen ausstrecken. Gott verzeihe uns beiden. Sie küßte mich in einen niederen Sicherheitskoeffizienten hinein. Am folgenden Tag waren wir ein Brautpaar.

»Ich war in den ersten Jahren nicht ängstlich und hatte keine Ursache dazu. Wenn die Ausführung sorgfältig überwacht werden konnte, so durfte ich so ruhig sein wie Bruce und alle Welt. Daß ich aufpaßte, als ob mein Leben daran hinge, kann ich beschwören. Aber als die Senkkästen abgeändert und meine Pfeiler statt aus acht nur noch aus sechs Säulen aufgebaut werden mußten, fing ich wieder an zu rechnen. Es war aus mit meiner Ruhe. Dazu kam der Tod Lavalettes, der Eintritt der neuen Bauunternehmer, die nicht halb so gewissenhaft waren wie der alte Hugenotte; der Hochdruck, mit dem schließlich alles dem Ende zudrängte und manches nicht ausgeführt wurde, wie ich es wünschen mußte! Du verstehst jetzt vielleicht, wie mir nach und nach zumute wurde, und keinem Menschen durfte ich ein Wörtchen von all dem sagen. Das ganze Unternehmen drängte mit aller Wucht seinem Abschluß entgegen; zu ändern war nichts mehr. Wie oft ich an den Festkarren Dschagannathas dachte, den nur ein Gott aufhalten kann, wenn er über seine Hindus wegrollt.

»Die Prüfung der Brücke auf ihre Tragfähigkeit, die Übergabe an die Bahngesellschaft, die Eröffnungsfeier; alles ging ja glänzend vorüber. Wir, Sir William und seine Leute sowie die Bauunternehmer, waren jede Verantwortlichkeit los. Mein Schwiegervater wiegte sich im Gefühl, die größte Brücke der Welt gebaut zu haben, und schenkte der Sache keinen zweiten Gedanken. Was in mir vorgeht, Eyth, namentlich seitdem ich nach der Eröffnung weniger zu tun habe und, wie es heißt, mich etwas erholen kann, ist nicht leicht erzählt.

»Alles, auf Schritt und Tritt, wachend und schlafend, erinnert mich an die Brücke. Zu London in unsern Bureaus sind die Wände mit prachtvollen Aquarellen des Baues geschmückt. über meinem Schreibpult hängt ein Ölgemälde, das einen der großen Mittelpfeiler mit seinen sechs Säulen darstellt, von einer richtigen Künstlerbrandung umtobt. Komme ich abends nach Hause mein Schwiegervater hat uns am Eröffnungstage eine reizende Villa geschenkt, so starrt mir zuerst über dem Gartentor ihr Name Ennovilla in goldglänzenden Buchstaben entgegen, und zuletzt, wenn ich in die Augen meiner Frau sehe wir lieben uns wie am ersten Tag und sie mich küßt, denke ich daran, wie diese Augen vor zwölf Jahren an meinen Rechnungen mitgearbeitet haben. jede Höhe, von der ich herunterblicke, jedes Wasser, über das ich gehe oder fahre, jeder Luftzug, der die Blätter eines Baumes zum Rauschen bringt es ist eine Höllenqual – und keine Rettung – «

»Was sagt dein Arzt?« fragte ich, so ruhig ich konnte.

Stoß starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, als ob er mich nicht verstände. Es war etwas Irres in seinem Blick. Seine Aufregung konnte ich begreifen; er hatte allem nach zum erstenmal seinem Herzen Luft gemacht. Das konnte auch einen starken Mann erschüttern, der jahrelang unter einem solchen Druck lag und der Last täglich neue Steine zugeschleppt hatte.

»Komm!« rief ich aufspringend. »Wir haben noch eine halbe Stunde, bis dein Zug geht. Ich begleite dich bis an den Bahnhof. Die Luft wird uns beiden gut tun.«

Er stand langsam auf. Einige Minuten später traten wir in die schwarze Herbstnacht hinaus.

Es war ein Wetter, wie es im November und Dezember die schottischen Täler, die von West nach Osten streichen, gelegentlich durchbraust. Die ganze Natur schien im Aufruhr. Der Wind kam in heftigen Stößen über das Feld. Da und dort hörte man ein lautes Krachen. Blätterlose, abgerissene Zweige flogen durch die Luft. Es war schwarze Nacht um uns her. Trotzdem sah man an zwei, drei Stellen ein Stückchen des blauen Himmels mit klaren Sternen, über welche zerrissene Wolken in rasender Eile hinjagten. Ich nahm Stoß beim Arm. Unter andern Umständen hätte ich es lustig gefunden, gegen den Sturm anzukämpfen. Heute beschäftigte mich zu sehr, was ich gehört hatte.

»Ein erfrischender Landwind!« schrie ich meinem Freund ins Ohr, um das Gespräch wieder aufzugreifen. »Aber die Sache ist ganz klar. Du hast zu viel gearbeitet. Deine Nerven sind nicht in Ordnung. Du bist einfach krank.«

»Meinst du? – Ich wollt', ich wärs!«

»Sei ganz ruhig! Diesen Wunsch hat dir ein gütiges Geschick erfüllt, ehe du ihn aussprachst,« fuhr ich zuversichtlich fort und drückte mich näher an ihn. Man konnte, wie der Wind, nur in Stößen sprechen und hörte sich dann kaum; aber es war keine Zeit zu verlieren. Was ich zu sagen hatte, mußte rasch gesagt werden.

»Es ist durchaus nicht notwendig, daß du krank bleibst hast Weib und Kind und darfst dich deinen Phantastereien nicht hingeben, wie zum Beispiel ich. In meinem Fall machte das nichts. Ich könnte mir den Genuß des Verrücktwerdens gestatten. Auch verstehe ich deine Empfindungen ganz genau. Brücken allein bringen sie nicht mit. Wenn man vor tausend Hektar Felsboden steht, der um jeden Preis gepflügt werden muß, oder wenn mir meine Maschinen, mit denen ich ein Königreich retten soll, im Schlamm versinken, oder wenn das ewige Ringen mit der rohen Natur einen neuen Gedanken verlangt, der aus dem Dunst des armen Gehirns nicht hervortreten will, dann wird es auch uns zumute wie euch Brückenbauern. Namentlich in den Nächten, wenn die kleinste Schwierigkeit sich aufbläst wie der Frosch, der ein Ochse werden wollte. Geht dann die Sonne rechtzeitig auf, was sie trotz all unsrer Kümmernisse selten unterläßt, so verschwinden die Gespenster. Man sieht die Dinge wieder, wie sie sind, und schließlich findet sich ein Weg aus jeder Not. Du mußt fort. Das ist das beste Mittel in solchen Fällen.«

»Ich kann nicht weg von der Brücke,« murmelte Stoß. »Es zieht mich wie mit deinen Drahtseilen. Ich habe nichts hier zu tun; aber du siehst, ich bin heute wieder hier. Ich kann nicht anders.«

»Unsinn!« schrie ich in ehrlichem Zorn. »Das klügste wäre, du würdest heute noch umkehren, deinen kleinen Koffer von Anno damals packen und mit mir über den Atlantischen segeln. Du machst dir keinen Begriff davon, wie leicht es uns werden kann, wenn auch nur das kleinste Weltmeer zwischen uns und unsern Sorgen liegt; namentlich, wenn sie an einer Brücke kleben. Du kannst in Panama wieder umkehren, wenn dir dieser Gedanke tröstlich ist. Aber ich weiß, du gehst mit bis Peru. Es sollen dort die tollsten Brücken gebaut werden. Zieht dichs endlich?«

Stoß lachte schwermütig. »Du denkst dir die Sache leicht. Die Ennobrücke schleppe ich mit mir herum, solange ich lebe. Eine ist genug. Die von Peru brauche ich nicht.«

»So geh auf ein halbes Jahr nach Ägypten. Jedermann geht nach Ägypten!« rief ich. »Nimm Weib und Kind und eine Dahabie und fahre bis zum zweiten Katarakt. Nicht eine Brücke auf dem ganzen Weg, und Hunderte haben dort ihre Nerven wiedergefunden! Das ist etwas, was dir fehlt. Deine Rechnerei hat dir den Kopf verdreht. Es ist nicht einmal ein ungewöhnlicher Fall. Jeder Arzt, dem du ihn vorlegst, wird dir dasselbe sagen. Also versprich mir: in einer Woche hast du drei Fahrscheine nach Alexandrien in der Tasche; die zwei Kinder brauchen nur einen. Versprich mirs!«

Wir waren auf dem kleinen Bahnhof angelangt und konnten unter dem Schutz des Gebäudes ruhiger sprechen. Nach und nach schien Stoß meinen Vorschlag ernstlicher zu überlegen. Ich schilderte ihm die platonischen Freuden von Kairo und die beruhigenden Genüsse einer Nilfahrt. Dann, wenn es im Frühjahr für die Kinder zu heiß würde, könnte die kleine Karawane über Triest zurückkehren und ein paar Monate in seiner alten Heimat und den Steirischen Alpen zubringen. Wenn er dann nicht als ein neugeborener Mensch England erreiche und lachend über alle seine Brücken schreiten könne, wolle ich meinen Kopf und jede beliebige andre Wette verlieren, die er nur vorschlagen möge.

Der höfliche Stationsvorstand teilte uns mit, daß der aus Newcastle erwartete Zug zehn Minuten Verspätung habe, wahrscheinlich infolge des Sturms, der ihm fast in die Zähne blase. Wir setzten uns deshalb in den kleinen kahlen Wartesaal, den eine schwankende Petroleumlampe dürftig erleuchtete. Als einziger Zierat hingen an den Wänden, in schwarzen Rahmen, zwei Bibelsprüche und ein Fahrplan. »Bedenke, o Mensch, daß du dahin mußt,« lautete der erste, der für eine kleine Bahnstation sinnig gewählt war. Der andre erschien mir an dieser Stelle weniger passend: »Der Tod ist der Sünde Sold.« Eine spanische Kartause hätte kaum einen weniger erheiternden Eindruck machen können. Trotzdem ließ ich mich nicht abschrecken. Stoß begann sichtlich aufzuleben.

»Ich glaube, du hast recht!« sagte er müde, mit einer Erinnerung an sein altes Lächeln auf den eingefallenen Zügen. Dann plötzlich auffahrend, fuhr er fort: »Bei Gott, ich glaube, du kannst recht haben, Eyth. Vielleicht ist alles nur ein häßlicher Traum, der aus dem Magen kommt. Mein Magen ist sowieso nicht mehr in Ordnung. Ich will mirs überlegen.«

»Überleg dir nichts, alter Freund,« mahnte ich dringend. »Mit dem Überlegen bist du in deinen elenden Zustand hineingeraten und kommst in deinem Leben nicht mehr heraus. Du brauchst reine Luft, leichte Kost, eine brückenlose Umgebung und einen andern Himmel über dir, das ist der ganze Witz. Glaube mir, ich saß schon zweimal in der gleichen Tinte und wäre so übel daran wie du, wenn ich nicht von einem gütigen Geschick und meinem Geschäft von Zeit zu Zeit in alle Weiten hinausgeschleudert würde, als ob ich auf einer Dynamitbombe gesessen hätte. Das tut gut. Morgen abend bin ich in London. Laß mich deine Billette nach Alexandrien besorgen. Paris, Brindisi, nicht wahr? Abgemacht!«

»Du bist noch der alte – «

»Und du mußt es wieder werden. Abgemacht?«

»Abgemacht! Wahrhaftig, es fällt mir wie ein Stein vom Herzen,« sagte er aufseufzend, wie wenn er eine wirkliche Last abwürfe. »Ich glaube, mit den ewigen Stürmen in diesem Hundeklima hätte ich den Dezember nicht mehr durchlebt. Es ist mir seit zwölf Monaten zum erstenmal wieder wie Sonnenschein ums Herz. Leicht, alter Freund, tatsächlich leicht! Meine Frau wird eine kindische Freude haben, wenn sie von dem Plan hört. Sie hat natürlich keine Ahnung davon; wußte ich's ja selbst nicht vor einer Stunde. Eyth, ich glaube, du hast ein gutes Werk getan.«

»Ich hoff's!« entgegnete ich; aber selbst seine freudige Aufregung gefiel mir jetzt nur halb. Er sprach wie im Fieber:

»Die Sitzung in Pebbleton ist morgen vormittag um elf Uhr zu Ende,« fuhr er hastig fort. »Ich gehe mit dem nächsten Zug nach Richmond, um alles Nötige in Bewegung zu setzen. Du weißt nicht, was es heißt, eine Familie auf sechs Monate einzupacken. Und dann fort, hinaus in eine andre Welt. Du bist doch sicher, daß das Wetter in Ägypten jetzt paradiesisch ist still mild! Ich muß Licht haben und Luft, und ein Land, in dem der Sonnenschein nicht aufhört.«

»Darauf kannst du rechnen. Das ist eben das Schöne dort, daß man sich darauf verlassen kann!« sagte ich, als mich das Rollen des heranbrausenden Zugs unterbrach. Stoß griff nach seinem Gepäck. Ich brauchte einige Anstrengung, um die Türe des Wartesaals aufzustoßen, die der Winddruck hinter uns mit einem lauten Krach wieder schloß. Im gleichen Augenblick schnaubte das schwarze, triefende Ungeheuer mit seinen zwei Feueraugen an uns vorüber, und weiße Rauchfetzen flatterten über die Plattform. Der Stationsvorstand öffnete eine Wagentüre und hielt sie mühsam mit beiden Händen. Stoß sprang ein, und der Sturm schlug sie zu.

Der Zug setzte sich bereits wieder in Bewegung. Offenbar hatte der Lokomotivführer Eile, die verlorene Zeit einzubringen. Mein Freund hatte das Wagenfenster geöffnet, um mir noch einmal zuzurufen.

»Adieu, Eyth! Wir sehen uns noch, in London! Du besorgst die Billette; drei Stück!«

In diesem Augenblick fuhr er an der einzigen Laterne vorüber, die auf der Plattform steht. Das grelle Licht warf seinen flackernden Schein noch einmal auf sein bleiches Gesicht, daß es glänzte heiter und voller Hoffnung.

Wahrhaftig, es tat mir wohl. Ich fühlte, daß, wie Stoß es genannt hatte, ein gutes Werk gelungen war.

Und es war so einfach, so leicht gewesen.

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