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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Auf dem Kahlenberg

Zwölf Jahre waren seitdem vergangen. Die Wellen des Lebens hatten die drei Brüder aus der Grünheustraße wunderlich genug hin und her geworfen. Seit langer Zeit hatte keiner von uns auch nur daran gedacht, mit den andern jemals wieder »in einem Schifflein« zusammenzutreffen.

Ich befand mich auf kurze Zeit nicht allzu fern von der alten Heimat an der blauen Donau. Es war am Tage nach dem Schluß der Wiener Weltausstellung mit ihrem Glanz und ihrem Jammer. Mit ihrem Glanz war es gründlich zu Ende; von ihrem Jammer war noch einiges durchzukosten, und die Sache begann mit Pünktlichkeit und Energie; Eigenschaften, welche im Laufe der letzten sechs Monate gelegentlich vermißt wurden. Gewiß, vieles ließ sich mit der weltberühmten und rührend geliebten Gemütlichkeit der schönen Kaiserstadt entschuldigen; aber auch diese hatte im Laufe des Jahres schwer gelitten. Das mit so lauten Posaunenstößen eingeleitete Ausstellungsunternehmen hatte sich zwischen der Cholera und dem großen Finanzkrach stöhnend durchgerungen. Die Meistbeteiligten fingen an, sich im Prater aufzuhängen und in die Donau zu springen. Es war zu viel für das weiche, fröhliche österreichische Gemüt geworden. Die Bewegung wurde epidemisch.

Ich selbst, obgleich von Natur nicht allzu weich veranlagt, glaubte an jenem Morgen mich derselben anschließen zu müssen; neun Monate in dieser Atmosphäre waren auch für mich nicht ohne Wirkung geblieben. Die hohen Behörden der Weltausstellung hatten schon vor vierzehn Tagen verfügt, daß nach Schluß derselben, am 1. Oktober, kein Arbeiter die geheiligten Hallen betreten sollte, der nicht eine zu diesem Zweck auszugebende Arbeiterkarte neuester Form besaß. Seitdem besuchte ich von Zeit zu Zeit die eleganten Geschäftszimmer der Verwaltung, um meine zwölf Karten zu holen, denn mit dem letzten Schlag der ornamentalen Hauptuhr unter der »Rotunde« wollte ich mit fieberhafter Zerstörungswut Fowlers Pavillon, den ich vergebens zu verkaufen gesucht hatte, zusammenreißen und meine Dampfpflüge in Sicherheit bringen. Dort lächelten mich die müden Unterbeamten verständnislos an und versicherten glaubwürdig, nachdem sie mein Begehren erfaßt hatten, daß sie von solchen Karten nichts wüßten. Und doch hatte ich recht. Am frühen Morgen nach dem klanglosen Schluß des imposanten »Festes der Arbeit« standen Hunderte von Ausstellern, jeder mit zwei bis zwölf tatendurstigen Arbeitern hinter sich, vor den verschlossenen Toren, welche die schwarzgelbe Schutzmannschaft mit seltener Pflichttreue verteidigte, und schrien in allen Sprachen der Welt nach ihren Arbeiterkarten. Das Murren der Menge schwoll gegen zehn Uhr zum brausenden Sturm, während in den gewaltigen Räumen des Innern zum erstenmal, seitdem sie aus dem Boden gestiegen waren, feierliche Stille und Ruhe herrschten. Manchmal erschien der Kopf eines möglichst niederen Beamten durch die Spalte einer Seitentüre, beteuerte seine Unschuld und versicherte den Nächststehenden mit erschrockener Miene, daß die Karten wirklich noch nicht gedruckt seien. Man erwarte aber ganz bestimmt gegen Nachmittag die erste Sendung. Um zwölf Uhr verlief sich die tobende Volksmenge, um einen wohlverdienten freien Nachmittag zu genießen, nachdem man sich den Vormittag mit nutzlosem Arger und unvernünftiger Aufregung verdorben hatte.

So kam auch ich zu ein paar freien Stunden und wanderte aus dem Gewühl der vielgeprüften Weltstadt hinaus nach dem Kahlenberg. Selbst die neueröffnete Drahtseilbahn lockte mich nicht, so müde war ich aller Triumphe des menschlichen Geistes über die Hindernisse der Natur. Mit einem alten Stellwagen fuhr ich nach Nußdorf, um zu Fuß durch die stillen, halbentlaubten Wälder mein Ziel zu erreichen. Wie ich aufatmete, als ich endlich nur noch das Rascheln des fallenden Laubes um mich hörte! Man muß eine Weltausstellung vom erhebenden Anfang bis zum bitteren Schluß mitgemacht haben, um zu verstehen, wie wohl mirs dabei wurde.

Es war ein prächtiger Spätherbsttag; schon etwas frisch, trotz der Sonne, die auf den goldgelben und rotbunten Bergen spielte; ein Tag, so recht, um wieder Mensch zu werden. Die Wirtschaft auf dem Gipfel des Kahlenbergs war deshalb ziemlich leer. Auch hier wehte es schon herbstlich über die halbgestürzten Tischchen. Aber der Blick hinunter und hinaus bot noch die volle Schönheit des scheidenden Jahres. Ich ließ mir ein Glas Wein auf den nächsten Tisch stellen, lehnte mich auf das Geländer der Veranda und genoß, was zu genießen war.

Links drüben der Leopoldsberg, noch in voller Pracht des bunten Herbstlaubes mit seinem einfachen, klösterlichen Kirchlein, rechts, im gleichen Schmuck, die Ausläufer des Wiener Waldes mit ihren Höhen und Schluchten. lief unter mir am Fuß des Berges die mächtige Donau, die sich von hier in zahllosen Wasserrinnen durch ein Gewirr von noch grünen Weidenwäldern schlängelt; das bereits die stattliche Linie der Regulierungsarbeiten durchbrach, die heute den Strom in imposanter Breite an der Kaiserstadt vorüberführen. Diese selbst mit ihren Palästen und Kirchen, ihren Kasernen und Fabriken liegt in duftiger Ferne, aus der zwei Bauwerke deutlich erkennbar herausragen: der altersgraue Stephansturm und weiter hinten im Rotblau des Praters die Rotunde unsrer Ausstellung. Noch weiter hinaus, fast verschwindend im bläulichen Dunst des Herbsttages, dehnt sich die Donauebene nach Norden über das Marchfeld, nach Osten gegen Ungarn, dessen Berge um Preßburg geheimnisvoll herüberdämmern. Dort fängt es schon an, etwas orientalisch zu kriseln, und so viel ich seit einem Jahrzehnt Häßliches und Elendes vom Orient gesehen hatte, es zog mich in träumerischen Augenblicken noch immer nach Osten; ich wußte mir selbst nie zu erklären, weshalb.

Ich ließ meinen wachen Träumen freien Lauf und freute mich der Bergluft, die ich in unserem »Industriepalast« dort unten so lange und schmerzlich vermißt hatte. Selbst die Drahtseilbahn, deren kleine Endstation unter mir halbversteckt im Gebüsch lag und die von Zeit zu Zeit mit widerwärtigem Schnurren und Schnarren einen leeren Wagen heraufschleppte, vermochte mich nicht zu stören. Da geschah etwas Außerordentliches, das allerdings wohl jedem Menschen ein paarmal im Leben passiert, jeden aber aufs neue mit demselben Staunen, fast mit einem kleinen Schauder erfüllt: es ist und bleibt so völlig unerklärlich.

Meine Gedanken verloren sich nach rückwärts. Eigentlich hatte ich es, räumlich wenigstens, herrlich weit gebracht; bis hierher auf den Kahlenberg, vom Mokattam in Ägypten und den russischen Steppen und den Sumpflandschaften von Louisiana gar nicht zu reden. Was man in zwölf Jahren nicht alles erleben konnte! Wenn ich an die Grünheustraße zurückdenke und an Schindler und Stoß! An Stoß dachte ich ganz besonders, vielleicht seit Jahren zum erstenmal wieder. Ich wußte nur, daß er sich eine schöne Stellung in England errungen hatte, die man als glänzend bezeichnen konnte, wenn sie mit unserm damaligen Maßstab gemessen wurde. Vor ein paar Jahren schon hatte er einen Vortrag über Brückenkonstruktionen vor der Englischen Gesellschaft der Zivilingenieure zu London gehalten, der durch alle technischen Zeitungen lief. Damals stand er noch mit seinem großen Brückenmann Mr. W. Bruce in Verbindung, der kürzlich geadelt worden war und nunmehr als »Sir« William glänzte. Seitdem hatte ich ihn völlig aus dem Gesicht verloren, jetzt aber kam er mir wieder lebhaft in den Sinn, vielleicht weil mir einfiel, daß er eigentlich Österreicher war und seine Kinderjahre dort unten in dem dunstigen Wien verlebt hatte, von dem er in der Grünheustraße mit warmer Anhänglichkeit sprach, obgleich er es kaum kennengelernt haben konnte. So weit war ich mit meinen Träumen gekommen, als wieder ein Eisenbahnwagen sausend heraufgestiegen kam und diesmal zwei Insassen mitbrachte, einen Herrn und eine Dame. Ich richtete gleichgültig mein Feldglas auf das Paar, denn ich konnte die Aussteigestelle gerade zwischen zwei Baumwipfeln hindurch sehen. Donner und Doria! Es war ein älterer Bruder von Stoß, wenn es Stoß nicht selbst war. Nein, es war kein älterer Bruder; so ähnlich sehen sich. auch Brüder nicht: es war Stoß selbst nur, gleich mir, etwas älter. Ich schrie ihm zu.

Die Veranda auf dem Kahlenberg war wohl noch nie Zeuge eines stürmischeren, fröhlicheren Wiedersehens gewesen. Kein Wunder, daß wir aufgeregt waren, weil es ihm völlig unerwartet kam, ich, weil ich versichern konnte, daß ich seit einer Viertelstunde fast sehnsüchtig an ihn gedacht habe, was er für einen infamen Schwindel erklärte. Es geht mir meist so, wenn ich den Leuten die Wahrheit sage. Dann stellte er mich seiner Frau vor, einer reizenden, großen schlanken jungen Dame mit dunkelblauen Augen, die fast nicht von ihrem Harold losließen, und einem goldenen Haar, das alles sonnige Gold der herbstlichen Wälder um uns her erbleichen ließ. Sie waren erst seit vier Tagen auf der Reise. Stoß wollte seiner Ellen auf dem Wege nach Venedig und Florenz seine eigentliche Vaterstadt zeigen. »Du erinnerst dich des Blumenregens am letzten Abend in der Grünheustraße!« erklärte er lachend, als er bemerkte, wie ich sein junges Glück anstaunte. Ich konnte mich für den Augenblick irgendwelchen Blumenregens in ganz Manchester nicht entsinnen. Die liebliche junge Frau war rascher als ich, schlug ihrem Harold mit dem Sonnenschirm sanft auf den Kopf und errötete. Nun ging auch mir ein Licht auf.

»Miß Bruce!« rief ich, während wir uns die Hände schüttelten. »Das war ich!« sagte sie und wurde noch etwas röter.

Von dieser Stunde an sind wir gute Freunde geblieben. Sie schien nach wenigen Minuten anzunehmen, daß ich zur Familie gehöre, und plauderte drauflos, als ob es für den Freund ihres Harold keine Geheimnisse gäbe. Dieser war seit zwölf Jahren sehr viel männlicher, manchmal schien mirs, mit einem solchen Sonnenkind an der Seite allzu ernst geworden. Wer weiß: vielleicht kam ich ihm auch so vor. Man mußte sich wieder ein wenig zusammengewöhnen.

Zunächst wurde die Gegend betrachtet. Stoß erklärte seiner Frau eifrig, was vor uns lag. »Ganz wie vor fünfundzwanzig Jahren«, meinte er, »als ich mir all dies von meiner Mutter zeigen ließ: die Donau, die Stadt, das Kloster dort drüben, der Stephansturm, die waldigen Hügel, die Weinberge bis Nußdorf hinunter. Es tut doch wohl, Eyth, nach dem Rauch und Ruß unsrer neuen Heimat!«

Ich nickte. Frau Stoß griff nach dem Sonnenschirm, um ihr Vaterland zu verteidigen.

»Nur eins ist neu und nicht übermäßig schön,« fuhr er fort: »Euer Palast dort unten und der umgekehrte Blechtrichter, der die famose Rotunde krönt.«

»Wissen Sie, wo er herkommt, Frau Stoß?« fragte ich.

»Er ist doch wohl hier zusammengenietet worden?« meinte sie lächelnd.

»Ja; aber der Gedanke, der Entwurf kommt aus unsrer neuen Heimat, wie sie Harold nennt. Ein Engländer steckt dahinter. Sieht man's ihm nicht ein wenig an: so geradlinig, so furchtbar praktisch.«

Jetzt wurde der Sonnenschirm gegen mich mobil gemacht. Es tut mir noch heute weh, wenn ich an diese fröhliche Stunde zurückdenke, in der keins von uns auch nur ahnte, was später kommen sollte.

»Sie ist wirklich nicht ganz uninteressant, die Geschichte dieses Trichters, wenn deine verehrte Gemahlin technische Geschichten ertragen kann,« sagte ich zu Stoß, während er die Kuppel mit ihren konzentrischen Ringen und radialen Rippen durch sein Opernglas betrachtete.

»Das kann sie!« rief der Gemahl mit einer plötzlichen Aufwallung von Wärme. »Sie stammt aus der Zunft und könnte sich morgen als Zivilingenieur niederlassen.«

»Es kam so,« erzählte ich: »Der Plan für das Ausstellungsgebäude stand im allgemeinen fest: die riesige Haupthalle mit ihren Querbauten wie die Rippen eines Walfisches; doch fehlte dem Ganzen ein eigentlicher Mittelbau. Die Österreicher haben Geschmack, das muß man ihnen lassen. Sie fühlten, daß die Sache so zu einförmig aussehen würde, wußten aber nicht, wie dem abzuhelfen wäre. Da kam Scott Russel, der bekannte Zivilingenieur, auf einer Geschäftsreise durch Wien und saß bei einem kleinen Festmahl zu Ehren der kommenden Ausstellung dem künftigen Ausstellungsautokraten, Herrn von Schwarz-Senborn, gegenüber. Man sprach von der Schwierigkeit. An einen großen Kuppelbau hatte man wohl schon gedacht; aber wie sollte ein solches Werk von der erforderlichen Größe ausgeführt werden, ohne Millionen zu verschlingen, an denen kein Oberfluß war? Während des Gesprächs nahm Scott Russel den papierenen Lichtschirm von der benachbarten Lampe, stellte ihn auf den Tisch und sagte: So! Es war ein gewaltig großer Lichtschirm und hatte nur eine Papierdicke. Trotzdem war er steif und fest, wovon sich Herr von Schwarz und die ganze Tafelrunde eigenhändig mit allen fünf Fingern und nicht ohne Staunen, denn sie hatten es ja eigentlich schon vorher gewußt, überzeugten. Das, erklärte Scott, macht die kreisförmige Form in der einen, die radiale in der andern Richtung. Man muß nur zu beobachten wissen, lieber Herr Schwarz! Sehen Sie sich ein Ei an. Es hat keine Rippen und eine papierdünne Schale und hält alles mögliche aus. Für Schwarz stand jetzt das Ei des Kolumbus auf dem Tisch. Am folgenden Tag hatte Scott Russel den Auftrag in der Tasche, das Ausstellungsgebäude durch seine Idee zu krönen, und machte sich an die Arbeit.«

»Es sind eben doch geniale Kerle, Eyth; das müssen wir zugeben!« meinte Stoß nachdenklich.

»Sie sehen die Welt noch mit natürlichen Augen an,« sagte ich, meine Brille abreibend, um selbst die Rotunde, von der ich erzählte, besser sehen zu können. »Zum Glück für uns ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende. Scott Russel arbeitete seine Pläne aus; Harkort in Düsseldorf wurde mit der Ausführung beauftragt. Die deutschen Ingenieure fingen an zu rechnen und bewiesen, daß die bloße geradlinige Eierschale unmöglich stehen könne. Es gab furchtbare Diskussionen. Die Deutschen warfen dem Engländer mit Erfolg meterlange Formeln an den Kopf. Schließlich wurden auch Schwarz und seine Leute besorgt. Man stritt sich um Festigkeitstheorien, die seit den ersten Tagen des Weltbaues schon auf Klärung warten, obgleich der Globus noch heute zusammenhält.«

»Das kenne ich,« unterbrach mich Stoß lebhaft. »Du glaubst, du habest alles klipp und klar aus deinen Formeln herausgearbeitet, und mit einemmal merkst du, daß das Ganze auf einem kleinen Irrtum aufgebaut ist und alles unter dir zusammenbricht. Die Annahme der Lage der neutralen Faser in einem brechenden Balken zum Beispiel«

»Bitte, Harold,« fiel seine Frau ein, »laß deine neutrale Faser heute ruhen. Sie wissen nicht, Herr Eyth, wie uns die neutrale Faser seit Jahren das Herz schwer macht. Er hat eine neue Theorie hierüber, die ihn Tag und Nacht umtreibt. Namentlich nachts!«

Harold küßte seine Frau lachend. Vor einem Engländer hätte sie diesen Beweis jungen ehelichen Glücks nicht geduldet. Einem Fremden, einem foreigner, gegenüber, den sie nicht mit feindlichen Augen betrachtet, hat eine unverdorbene insulare Engländerin die Empfindung der Römerin gegen den szythischen Sklaven. Es ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. Stoß ließ mich fortfahren.

»Das Ende vom Lied war, daß Harkort die radialen sowohl als die kreisförmigen Rippen aufsetzen durfte, und zwar äußerlich, wie du sie jetzt siehst. Im Innern war kein Raum und andre Schwierigkeiten, schön sind sie nicht, aber es war ein wahres Glück für Scott Russel und für alles, was unter der Kuppel steht. Selbst zwischen den Rippen bogen sich die Bleche ein wenig durch. Ohne dieselben, hätte das brillante Dach die ganze Ausstellung wahrscheinlich in ganz andrer Weise zugedeckt, als beabsichtigt war. Das hinderte aber Mr. Scott Russel keineswegs, beim Prämiierungsfestdiner, wo er unserm Krupp gegenübersaß, dem Kanonenkönig auf die Schulter zu klopfen und ihm mit freundlicher Herablassung zu sagen: wir sind ohne Zweifel die hervorragendsten Kollegen an der Tafel: Sie bauen die größten Geschütze in der Welt, ich habe die größte Kuppel gebaut.«

»Und wissen Sie, Herr Eyth,« rief Frau Stoß lebhaft, ohne Zeit zu finden, ihr feines Näschen zu rümpfen, wozu sie meine Geschichte sichtlich reizte, »wissen Sie, daß Harold die größte Brücke baut?«

»An der größten Brücke!« verbesserte ihr Gatte, und wieder über flog seine hübschen Züge ein eigentümlicher Schatten, den ich schon zum drittenmal bemerkte. »Du weißt, es wird ernst mit der Ennobucht. Es hat lange genug gebraucht.«

»Papa verlor fast die Geduld,« berichtete Frau Stoß eifrig; sie war sichtlich auf diesem Gebiete zu Hause. »Er hätte sie ganz verloren. Er hat so viel andres zu tun, das ihn nicht weniger interessierte. Aber Harold hielt aus und zeichnete und plante und rechnete, bis es heraus war.«

»Eins habe ich jedenfalls herausgerechnet,« bestätigte Stoß, »und es kostete fast ebensoviel Geduld und Sorgen dich!«

»Unsinn!« lachte seine Frau. »Ich will's lieber gleich gestehen; du sagst es deinem Freund doch, wenn ihr allein seid: ich war nicht schwer auszurechnen. Seit dem Nachmittag, an dem Harold zum erstenmal nach Richmond kam, wußte ich, was herauskommen mußte. Es war nur noch eine Zeitfrage, so etwa wie die: wann holt der große Uhrenzeiger den kleinen wieder ein, wenn sie einmal aneinander vorübergegangen sind. Können Sie das ausrechnen, Herr Eyth? Ganz leicht ist es nicht, denn stillstehen darf der kleine nicht, anstandshalber.«

Es war ein reizendes Frauchen für einen Ingenieur! Ich fing an, in meiner platonischen Art verliebt zu werden, und mußte mich zusammennehmen, besonders da Harold wie abwesend in die Ferne starrte.

»Sehen Sie, jetzt rechnet er wieder!« sagte sie, ihn vorwurfsvoll ansehend. »Er hat vor unsrer Verheiratung zuviel gerechnet; seitdem sitzt es ihm im Gehirn. Aber ich hoffe, in Venedig wird es schon besser werden, besonders weil jetzt mit der Brücke alles in Ordnung ist.«

»Ich habe davon gelesen, aber nur ganz flüchtig, daß Sir Williams Pläne angenommen sind und eine Gesellschaft gegründet wurde, die die Ausführung übernahm,« sagte ich. »Verzeihen Sie das Dunkel, in dem ich lebe. Man kommt auf einer Ausstellung nicht zur Besinnung.«

»Es ist auch nicht halb so interessant mehr, seit einiger Zeit,« erklärte Frau Stoß. »Vor zehn Jahren, als Papa die ersten Projekte ausarbeitete, da hätten Sie sehen sollen, wie alles lebte. Papa machte Skizzen, Harold begann die Berechnungen aufzustellen, und was er rechnete, war dem alten Jenkins, der jahrelang Papas Bureauchef gewesen war, nicht recht. Aber Harold hatte schon eine Brücke in Wales herausgerechnet, die jedermann entzückte, so leicht und zierlich war sie, und mit Jenkins klobigen Ideen war nichts anzufangen. Das sah ich sofort, als Harold öfter zu uns herauskam. Doch müssen Sie nicht denken, daß wir schon wußten, was in uns vorging. Ich war noch sehr jung, und Harold wenigstens merkte lange nichts.«

»Du weißt es!« bestätigte Harold demütig.

»Nur Mama war schlau genug für uns alle und sprach mit Papa. Da hatte das Rechnen in Richmond plötzlich ein Ende. Es war ein fürchterliches Jahr. Die Parlamentsakte, die man für eine so große Brücke braucht, fiel durch. Papa wurde so verdrießlich, wie er es in seinem Leben noch nie gewesen ist, und ich es hilft nichts; Harold weiß es und würde es Ihnen doch sagen ich war am Verzweifeln. Endlich skizzierte Papa neue Pläne hinter Jenkins Rücken, und Harold rechnete wieder. Wie dies Jenkins sah, wollte er Papas Pfeiler um das Doppelte verstärken. Dann hätte kein Mensch das erforderliche Geld für die Brücke gehabt; ich glaube wahrhaftig, das wollte die alte Nachteule. Und weil ihnen Jenkins im Citybureau keine Ruhe ließ, wurde wieder in Richmond gerechnet. Sie können sich denken, wie ich mitrechnete. Das war im Frühling vor vier Jahren. Eines schönen Tages brachte Harold Skizzen von eisernen Pfeilern und die Berechnung, wie stark sie sein müßten und was sie kosten würden. Damals saß er die halbe Nacht eingeschlossen mit Papa in dessen Zimmer und wurde schließlich eingeladen, über Nacht zu bleiben, weil es am folgenden Tag doch Sonntag sei. Ich hatte Papa selten so vergnügt und Mama nie so ernst gesehen. Jetzt oder nie, dachten wir beide. Ich sorgte dafür, daß uns Mama am Sonntagnachmittag in der indischen Pagode erwischte. Harold erschrak heftig, aber er benahm sich wie der Gentleman, der er ist. Sie wissen, er ist eigentlich ein Engländer,« fügte sie hinzu, mich mit der treuherzigsten Naivität ansehend und dann plötzlich purpurn errötend. Das Erröten verstand sie meisterlich; ich war entwaffnet.

»Das ganze Haus war gerührt; Mama sah, daß jeder Widerstand aussichtslos war, Papa brummte seinen Segen und nahm mir Harold, trotz des Sonntags, zum Rechnen wieder weg. Aber im ganzen konnte ich zufrieden sein.«

»Und ich mußte mich ins Unvermeidliche fügen, so gut ich konnte. An ein Herauswinden war nicht mehr zu denken!« klagte Stoß.

»Siehst du's deinem neuen Freund nicht an, wie er mich bemitleidet, Billy?«

»Der – und Mitleid!« rief sie; worauf sie sich angesichts der ganzen Stadt Wien einem erneuten Ausbruch ehelicher Zärtlichkeit hingaben. Ich wandte mich ab, bestellte eine Flasche Ungarwein, die auf dem Kahlenberg zu haben war, und ließ ein Tischchen in die schönste Ecke der Veranda rücken, an dem wir, etwas beruhigter, Platz nahmen.

Nun war die Reihe an Stoß, der ein hübsches Stück Lebensgeschichte in vernünftigem Zusammenhang und mit den Zahlenbelegen, wie sie Ingenieure lieben, zu erzählen wußte. Ellen hing an seinem Mund, als ob sie all das zum erstenmal hörte und nicht selbst miterlebt hätte. Nur manchmal unterbrach sie ihn, um, nach unseres Schillers Anweisung, eine Rose ins irdische Leben ihres geliebten Harold zu flechten, oder einen Dorn einzudrücken, wenn es gerade passen wollte. Stoß hatte in der Tat keine Niete in der großen Lotterie gezogen. Es war eine ganz außerordentliche Frau. Sie konnte rechnen und hatte Humor mitten zwischen zwei Küssen.

»Die Liebesgeschichte kennst du jetzt, nun sollst du auch die Brückengeschichte haben,« begann mein Freund, indem er sich behaglich zurechtsetzte und den Ungarwein in der Sonne spiegeln ließ. »Bei Sir William ging es mir vom ersten Tag an gut, Eyth! Es war ein Narrenglück, dieser Sonntag in Richmond, das nicht einem unter Hunderten begegnet. Ich hatte Sir William, der in London steif und zurückhaltend genug sein konnte, in Hemdsärmeln und im Gras liegen sehen. Das änderte von Anfang an unser Verhältnis. Mag sein, daß auch meine Rechnerei mitwirkte. Mein verehrter Schwiegerpapa ist voll Gedanken, hat die technische Phantasie einer Dampfmaschine mit Präzisionssteuerung und die Arbeitskraft eines jungen Elefanten, aber Rechnen ist nicht seine Liebhaberei, und schließlich lassen sich die großen Projekte, mit denen er überhäuft wird, nicht ganz mit dem Gefühl zwischen Daumen und Zeigefinger abmachen. Jedenfalls freute er sich, wenn ich in zwei Tagen dasselbe herausrechnete, was er in zwei Minuten herausgefühlt hatte. Oft genug war ich starr vor Erstaunen, wenn ich beobachtete, wie sehr Brücken bei ihm Gefühlssache sind, namentlich Gitterbrücken. Es ist nicht Erfahrung. Man hat keine Erfahrung von Dingen, die noch nie gemacht wurden. Es ist auch nicht Instinkt. Unsre Vorfahren wußten zu wenig von Häng- und Sprengwerken, um dieses Wissen zu vererben. Es ist ein Drittes, Unergründliches, Unerklärliches, und Bruce hatte ein Stück davon in irgendeinem Winkel seines Gehirns mit auf die Welt gebracht. Nur brauchte er eine ruhige Stunde, um sich die Dinge halb im Traum zurechtzulegen, und diese fehlte ihm mehr und mehr. Er war erdrückt von Aufträgen. So kam ich dazu, ihm mit meinen Integralen, die er nicht versteht, als Beruhigungsmittel zu dienen. Um so weniger konnte sich Jenkins, der alte Hauptzeichner unseres Bureaus, an mich gewöhnen. Die Art, wie ich rechnete, verstand er ebensowenig; meine Manier, zu skizzieren, haßte er. Ich sei ein Dilettant, ein Landschaftszeichner. Und als gar das Gerücht ins Bureau drang, ich habe in Richmond mit Miß Bruce Klavier gespielt, existierte ich als Ingenieur für ihn nicht mehr. Es bekümmerte mich anfänglich ein wenig. Ich hätte gerne meine Kämpfe mit dem rostigen Kerl, die nicht ausbleiben konnten, in Frieden ausgefochten. Aber er verstand keinen Spaß, namentlich nachdem mir Bruce eine niedliche Brücke über einen Schiefersteinbruch, in Caenarvonshire anvertraut hatte, die ich ganz nach meinem Geschmack konstruieren durfte. Nichts überirdisches: 103 Fuß Spannweite. Ein kombiniertes Häng- und Sprengwerk, leicht wie ein Spinngewebe über einem höllischen Abgrund. Es zittert ein wenig, aber trägt, was es zu tragen hat. Bruce wird seitdem für den kühnsten Brückenbaumeister von England erklärt.«

»Sei nicht neidisch auf Papa, Harold!« mahnte seine Frau, stolz lächelnd. »Wo wärst du ohne seine Brücken?«

»Wo wärst du?« fragte Stoß im gleichen Tone fröhlichen Neckens. »Aber du hast recht wie immer, wenn du nicht rechnest. Wir brauchten seine Brücken. Dann tauchte mehr und mehr die große Ennobuchtfrage am Horizont auf; unsre Brücke, Billy.«

»Unsre Brücke,« bestätigte Frau Stoß. »Aber heiße mich nicht Billy! Du weißt, ich kann es nicht ausstehen vor Fremden.«

»Sie heißt nämlich Billy, unter uns, wenn wir zusammen Brücken bauen,« erklärte Stoß mit studierter Rücksichtslosigkeit. »Der kleinste Zeichner in unserm Londoner Bureau, in den sie vor meiner Zeit verliebt war, heißt nämlich auch so. Ich bin an den Namen gewöhnt, und sie hat ihn gern, aus ihrer Vorzeit. So ist er in Gebrauch gekommen, ich weiß selbst nicht, wann und wo. Ein vortrefflicher Name, Billy!«

Der Sonnenschirm trat in Tätigkeit. Stoß parierte geschickt mit seinem Hut und fuhr ruhig fort:

»Du kennst die lange Vorgeschichte? – Nicht? – Bei deinen Dampfpflügen bist du sichtlich verbauert, Eyth. Aber du weißt wenigstens, daß es eine Ennobucht gibt, die tief in das Land einschneidet und die Eisenbahnen aus dem Norden zwingt, eine gewaltige Biegung nach Westen zu machen oder eine Dampffähre zu benutzen, die seit zehn Jahren bei Pebbleton über den Fluß oder vielmehr über den Meeresarm setzt. Dieses Verkehrshindernis ist jedermann ein Dorn im Auge, und seit Stephenson die Menaistraße überbrückte, dachten technische Enthusiasten an die Ennobucht als nächste große Aufgabe. Doch liegen die Verhältnisse wesentlich anders. Dort war es eine schmale Meerenge zwischen steil abfallenden Felsenufern. Bei Pebbleton ist der Meeresarm fast zwei Meilen breit, die Ufer sind verhältnismäßig nieder, und hier wie dort muß der Seeweg für bemastete Schiffe freibleiben. Man glaubt nicht, welche Hindernisse ein solcher Bau zu überwinden hat, ehe man auch nur damit beginnen kann. Sir William, wie du hoffentlich weißt, ist der beratende Ingenieur der Nordflintshire-Eisenbahn, die hauptsächlich an der Überbrückung der Bucht interessiert ist, sonst wäre wohl der ganze Plan nicht zur Reife gelangt. Lange vor unsrer Zeit, drei Jahre, ehe Stephenson die Menaibrücke fertiggestellt hatte, wurde in einer Versammlung der Aktionäre der Bahn der Plan erwogen und beschlossen, die vorbereitenden Schritte zu tun. Siebenundzwanzig Jahre, fast ein Menschenalter, voller Entwürfe, Pläne, Abänderungen, des Verlassens und Wiederaufnehmens der Vorarbeiten gehörten dazu, um auch nur den Grundstein des Werkes legen zu können. Zu verwundern ist es nicht, daß hierbei ziemlich viel Geld und ein paarmal auch der Mut verlorenging. Aber Bruce ließ nicht nach. Zwischen seinen hundert Arbeiten in allen Teilen der Welt tauchte immer wieder die Ennobrücke auf wie ein Gespenst der Zukunft. Das haben wir Ingenieure vor andern Menschen voraus: unsre Geister kommen nicht aus der Welt, die war, sondern aus der, die sein wird. Sie quälen uns deshalb nicht weniger. Im Jahre 1854 hatte er seinen ersten Entwurf ausgearbeitet, der die Kosten der Brücke auf hundertfünfzigtausend Pfund Sterling veranschlagte. Da es vorerst nicht möglich war, die beteiligten Eisenbahnverwaltungen für das Projekt zu gewinnen, wurde eine Gesellschaft gegründet, welche die Brücke erbauen sollte, um sie sodann an die Eisenbahngesellschaften zu verkaufen. Zehn Jahre gingen darüber hin, die parlamentarischen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Während dieser Zeit wurde nicht bloß der Plan, sondern selbst der Platz, wo die Brücke gebaut werden sollte, mehr als einmal gewechselt. Zweimal verweigerte das Parlament seine Zustimmung. Im Jahre 1865 verband sich die Nordflintshire-Bahn mit der Ennobrückenbaugesellschaft, die nach einiger Zeit ganz in jener aufging. Zum drittenmal wurden die Pläne neu bearbeitet und die Zustimmung des Parlaments verlangt. Es war wie in unsern deutschen Märchen: beim dritten Versuch, im Winter 1870, gelang es, die besorglichen Schlafmützen in Westminster zu überzeugen, daß die Welt vor einer Meeresbucht nicht stillstehen könne.

»Ich war jetzt bei Bruce in vollem Zuge und hatte meine regelmäßigen Schlachten mit Jenkins, der grundsätzlich andrer Ansicht war als ich und meine feinsten Berechnungen mit gereizter Verachtung behandelte. Er hatte als junger Mann in den Bureaus von Stephenson gezeichnet und glaubte, daß nichts über die Menaibrücke gehen könne und dürfe. Eine viereckige, schmiedeeiserne Röhre auf Steinpfeilern war der einzige Gedanke seines Lebens, und die Vorsicht, mit der Stephenson die riesigsten Experimente ausführte, ehe er die Überbrückung der Meerenge begann, sein Ideal. Wir hatten aber doch seit dazumal einiges gelernt und brauchten nicht immer wieder von vorn anzufangen, wenn es auch heute noch etwas dunkel sein mag, wie es einer Eisenstange innerlich zumute ist, ehe sie bricht. Weißt du, was Kohäsion ist. Eyth? Weißt du jemand, der es weiß?«

Stoß hatte mit einemmal langsamer gesprochen, nachdenklich, fast wie im Traum. In seinem Blick, der auf der Donau zu unsern Füßen haftete, lag etwas wie Angst. Er sah mich plötzlich starr an. Es wurde mir unbehaglich, ohne daß ich wußte, was ich aus diesem Blick machen sollte.

»Da hat dich's wieder!« rief seine Frau, mich sichtlich ganz vergessend, schlang mit einer ungestümen Bewegung ihren linken Arm um seinen Kopf und rieb ihm mit der rechten Hand die Augen. Es war eine Bewegung, wie wenn man ein Kind, das sich fürchtet, auf andre Gedanken bringen will. Stoß riß sich los und lächelte; ein gezwungenes Lächeln, als ob er sich schämte.

»Sie wissen, er hat in den letzten Monaten furchtbar hart arbeiten müssen,« sagte Frau Stoß zu mir, »und er hat Nerven wie andre Menschen. Papa hat keine und glaubt, jedermann sei wie er. Wir brauchen ein paar Wochen Ruhe. In Venedig wird es schon besser werden; dann gehen wir nach Florenz, wenn keine Brücken dort sind.«

»Unsinn! Laß mich weitererzählen,« lachte Stoß, jetzt wieder im alten Tone. »Der umnachtete Dampfpflüger fängt an, ein wenig aufzumerken. Natürlich mußten alle möglichen Arbeiten vorangehen, ehe wir so weit waren. Ich war bald in Pebbleton besser zu Hause als in Richmond und London; die Bohrungen zur Feststellung des Untergrundes im Strombett ließ im Auftrag von Bruce ein Unternehmer aus Manchester vornehmen. Man hatte infolge derselben die Stelle zu verlassen, wo die Brücke nach dem ersten Entwurf gebaut werden sollte. Wir legten sie zwei Meilen weiter landeinwärts. Die Bucht ist dort etwas breiter, allein man stieß auch in der Mitte des Stromes in erreichbarer Tiefe auf Felsgrund, der unsre Pfeiler tragen konnte. Bei den Bohrungen selbst war ich leider nicht anwesend. Ich hatte damals mehrere Monate lang in Irland zu tun. Aber Bruce konnte sich auf Lavalette verlassen, der diese Arbeiten ausführte. Ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln, daß die Sache in zuverlässiger Weise behandelt wurde. Überdies ging sie mich nichts an. Meine Arbeiten begannen über der Sohle des Strombettes. So kam der endgültige Plan im Herbst 1868 zustande. Ich wollte, du wärest einmal mit mir über die Ennobucht gefahren, wenn es stürmt und man in dem schottischen Nebel weder Nord- noch Südufer sehen kann. Man könnte glauben, in der offenen Nordsee hin und her geworfen zu werden. In sechs Jahren so lange werden wir wohl noch brauchen, fährst du behaglich über die tosende Flut, neunzig Fuß hoch in der Luft, zwei Meilen lang. Von Süden her kommst du über sechs Pfeiler, über die sich die Brücke nach Norden biegt, dann geht es geradeaus in nördlicher Richtung, quer über die Bucht, zuerst auf zweiundzwanzig Pfeilern in Abständen von einhundertzwanzig Fuß. Nun kommt der mittlere Teil der Brücke auf fünfzehn Pfeilern, mit Spannweiten von zweihundert Fuß. Bis zu diesem Teile liegen die Gitterbalken, welche die Pfeiler verbinden, unter den Schienen der Bahn, die langsam ansteigt. Über den mittleren Teil fährt die Bahn tunnelartig durch die Gitterbalken selbst, um so die erforderliche freie Höhe über dem Flutniveau zu gewinnen. Hierauf kommen nochmals einhundertzwanzig Fuß lange Gitterbalken auf sechzehn Pfeilern. Dann macht die Brücke einen großen Bogen, fast einen Viertelkreis, nach Osten in fünfundzwanzig Spannungen von sechsundsechzig Fuß lichter Weite. Nun kommt ein Sprengwerk von einhundertundsechzig Fuß Länge als Durchlaß für kleinere Schiffe, und zum Schluß noch sechs Pfeiler im Abstand von siebenundsechzig Fuß. Alles zusammen neunundachtzig Pfeiler und eine Gesamtlänge von zehntausenddreihunderteinundzwanzig Fuß, zu deutsch fast zwei englische Meilen.«

»Ohne ein Stück Papier und einen Bleistift läßt sich all dies kaum genügend bewundern,« sagte ich, um nicht allzu überwältigt zu erscheinen. »Aber es scheint eine ziemlich große Brücke zu sein, Stoß! Ich wünsche ihr alles erdenkliche Glück, bis sie steht und auch nachher.«

»Natürlich hat man nur einen Teil eines solchen Werkes auf dem Herzen,« versetzte er jetzt mit leuchtenden Blicken; die etwas langweilige Aufzählung von Pfeilern und Spannweiten hatte ihn wunderbar begeistert. »Aber man wird selbst ein Stück des Ganzen, ehe man sich's versieht. jeden Wunsch für die Brücke fühle ich wie einen Wunsch für mich und Billy. Lassen wir uns leben!«

Wir stießen an. Der blutrote Ungarwein blitzte im Sonnenlicht, als ob er uns verstünde.

»Das Beste hat er Ihnen noch nicht erzählt,« meinte Frau Stoß, »die Pfeilergeschichte.«

»Es kommt, Schatz, aber fast zum zweitenmal; du hast sie mir halb weggenommen. Ursprünglich waren, von einem Ende zum andern, Steinpfeiler projektiert. Dies brachte die Kosten der Brücke auf zweihundertfünfzigtausend Pfund, was dem Verwaltungsrat der Nordflintshire-Bahn viel zu hoch schien, so daß der ganze Plan wieder einmal im Begriff stand, ins Wasser zu fallen. Da, auf dem Heimweg nach Richmond, kam mir eines Tages der Gedanke, die Steinpfeiler nur bis zur Höhe des Flutniveaus zu führen und von diesem Punkte an aufwärts in Eisen zu bauen. Acht gußeiserne, säulenartige Röhren, mit schmiedeeisernen Kreuzen verbunden, sollten von hier an die Steinpfeiler ersetzen. Jenkins war außer sich. Die Britanniabrücke stand auf Steinpfeilern. Es war Wahnsinn, die Ennobrücke auf achtzig Fuß hohe Spindelbeine zu stellen. Wir kämpften zwei Wochen lang auf Leben und Tod. Während dieser Tage gestalteten sich meine Spindelbeine immer zierlicher, sicherer und einfacher. Bruce war mit mir schon längst überzeugt, daß die gewöhnlichen Formeln für die Bruchfestigkeit gußeiserner Röhren im Prinzip falsch sind. Nach meiner Art rechnend mußte die Brücke mit eisernen Pfeilern um siebzigtausend Pfund billiger werden als mit gemauerten Pfeilern. Drei Tage lang schloß ich mich ein, um alles, was sich für meinen Plan sagen ließ, schwarz auf weiß niederzuschreiben. Billys blaue Augen halfen mit vielleicht etwas zu sehr. jedenfalls wurden die Formeln fast so lang wie die Pfeiler und bewiesen sonnenklar, daß der Plan einen glänzenden Erfolg versprach, wenn die Grundsätze richtig waren, nach denen ich rechnete und rechnen mußte.«

Stoß sprach diese Worte mit einer leidenschaftlichen Hast aus, die ich für sehr unnötig hielt. Ich hatte nicht die geringste Absicht, ihm zu widersprechen.

»Mit Sir William hatte ich keine große Mühe mehr. Er wollte mir glauben und ließ Formeln Formeln sein. Er hatte zu viel andre Eisen im Feuer, und Jenkins wurde ihm nachgerade widerwärtig. Als er sich entschlossen hatte, meinen Plan anzunehmen, sprach er so ungefähr wie ein alter Märchenkönig, dem ein kluges Schneiderlein die Krone gerettet hatte: Bitten Sie sich eine Gnade aus! Ich wußte, daß die entscheidende Stunde meines Lebens gekommen war, und bat um Billy. Er erschrak und schüttelte allerdings den Kopf. Das, lieber Stoß, sagte er, ist eine Frauengeschichte. Soviel ich weiß, hat Missis Bruce andere Ideen. Ich hoffte, Sie würden ein erhöhtes Gehalt verlangen, und mische mich sehr ungern sehr ungern, Herr Stoß in das Gebiet meiner Frau. Sie werden mich später vielleicht verstehen lernen. Diese Wendung der Dinge mußte ich doch mit Miß Ellen besprechen, und hierbei wurden wir in der indischen Pagode erwischt, wie du weißt.«

Ich dankte und beglückwünschte Stoß für seinen musterhaften Geschäftsbericht. Dann trat die Brücke wieder in den Hintergrund, und die nächste Stunde wurde nach der Melodie: »Alles, was wir lieben, lebe« verplaudert. Ich erzählte, so kurz ich konnte, wie ich mich recht und schlecht in Afrika und Amerika umgetrieben und. wie es auch mir nicht übermäßig übel ergangen sei. »Aber allerdings, so weit wie du, du Glückspilz, habe ich es nicht gebracht. Nicht jeder findet die Brücke, die du gefunden hast. Ich laufe noch immer einsam seufzend am diesseitigen Ufer hin und her.«

»Besuchen Sie uns doch in Richmond. Ich« – – rief Frau Stoß eifrig, stockte dann plötzlich und sah ihren Mann an, als ob er schon alles verstanden habe.

»Du scheinst schlimmer daran zu sein als unser guter Schindler,« lachte dieser. »Erinnerst du dich des hoffnungsvollen Anfangs, den er von der Grünheustraße aus machte?«

»Kann man das vergessen: ›quand on a du courage!'« rief ich, und die alte Zeit kam plötzlich zurück mit ihrem ganzen fröhlichen Jugendelend, das längst zur genußreichsten Erinnerung geworden war. »Wo er hingeraten sein mag? Es sollte mich wahrhaftig nicht wundern, wenn er mit dem nächsten Wagen heraufkäme. Heute ist schon einmal ein Tag, an dem Wunder geschehen.«

»Nicht mit Schindler. Wunder sind nicht seine Spezialität,« meinte Stoß. »Aber ein braver Kerl ist er trotzdem, dem du sein Glück gönnen kannst.«

»Baut er auch Brücken?«

»Nein, aber er sitzt wieder im Thüringischen, hat sein Gretchen geheiratet, die er schon in Manchester trotz der hoffnungslosen Ferne über alles liebte, ohne viel Aufhebens davon zu machen, ist Professor geworden, doziert Englisch an einer kleinen Gewerbeschule und vermutet, unbeschreiblich glücklich zu sein. Er schreibt mir von Zeit zu Zeit, denn er ist eine treuere Seele als manche, die ich rücksichtsvoll hier nicht erwähnen will. Es wird kühl, gehen wir!«

Stoß stand auf.

»Warte den nächsten Wagen ab. Ich habe ein Vorgefühl; Schindler kommt!« sagte ich zögernd.

Stoß lachte mich aus, aber wir warteten. Wir waren jetzt die einzigen unter der Veranda. Die ganze Natur lag in herbstlicher Stille um uns her. Es war ein Hochgenuß nach dem lärmenden Treiben der letzten Wochen, und auch Stoß schien mit ähnlichen Gedanken aufzuatmen. Ein leichter Abendwind hatte sich erhoben. Er hielt eine Gewohnheitsbewegung, die ich schon mehrmals an ihm beobachtet hatte seinen Vorderarm in die Höhe und ließ, die Hand senkrecht gegen die Luftströmung emporhaltend, den Wind durch die geöffneten Finger wehen. Ellen zog seinen Arm herunter.

»Das ist auch etwas, von dem wir blutwenig wissen: vom Luftdruck eines Windstoßes,« sagte er nachdenklich, und derselbe scheue Blick, den ich jetzt zur Genüge kannte, kam in seine Augen. »Drückt ein guter Sturmwind mit zwanzig, oder mit vierzig, oder mit fünfzig Pfund auf den Quadratfuß, der ihm im Wege steht? Du kannst all das in Büchern finden und wählen. Fragst du die Herren Gelehrten aufs Gewissen, so hat es einer vom andern abgeschrieben. Und dann. drückt der Wind auf eine Fläche von zwei Quadratfuß zweimal so stark als auf einen? Nicht einmal das wissen sie!«

Er leerte sein Glas ungeduldig.

»Es ist Zeit, daß wir mit Harold nach Florenz kommen,« meinte Frau Stoß, nicht so fröhlich wie bisher. »Er hat Tage, an denen er wie Espenlaub zittert, wenn ein Wind geht.«

»Solange du mitzitterst, ist alles gut!« flüsterte ihr Mann mit einem plötzlichen Ausbruch von Zärtlichkeit, der mich veranlaßte, das Kloster auf dem Leopoldsberg ins Auge zu fassen.

Aber auch mit dem nächsten Wagen kam Schindler nicht. Im erbärmlichsten Roman wäre er sicherlich gekommen, woraus man schließen kann, daß der erbärmlichste Roman dem harten, rücksichtslosen Leben vorzuziehen ist. Doch sind die Ansichten hierüber geteilt.

Wir fuhren zu Tal. Es war auch so ein Wiedersehen gewesen, das ich lange nicht vergaß.

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