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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Der Tartarenrebell hinter dem Dampfpflug

Es war Kopf und Herz eines Unternehmens, das großartige Verhältnisse anzunehmen versprach, und doch nur ein bescheidenes Häuschen, weniger solid gebaut und kaum so wohnlich wie ein russisches Blockhaus. In dem kleinen Stübchen, welches das Gesellschaftszimmer bedeutete, saßen wir an einem rohgezimmerten Tisch beisammen: Kaminsky, der Administrator des Landgutes Timaschwo, Akasin, ein Ingenieur aus dem Kaukasus, der die Reparaturwerkstätten aufstellen und später leiten sollte, deren Bestandteile ich von der Wolga und dem achtzig Werst entfernten Samara durch die flache Talmulde des Kinel heraufzuschleppen begonnen hatte, ein russischer Geometer mit unaussprechlichem Namen, der im Begriff stand, zum Zwecke künftiger Bewässerung, für die ich einen vorläufigen, skizzenhaften Plan in der Tasche hatte, die achttausend Hektar einer verwilderten Steppenwirtschaft kunstgerecht zu nivellieren, und ich.

Der Herbst fing bereits an, sich fühlbar zu machen. Ein nasser Tag war dem Strohfeuer in meinen drei Dampfpflügen wenig günstig gewesen und hatte nicht dazu beigetragen, meine Stimmung zu heben, die seit geraumer Zeit an das Problem des Pflügens mit Stroh geknüpft war. Hatte ich doch demselben in den letzten zwei Jahren auf Versuchsfeldern in England, in der Ukraine und nun zwischen der Wolga und dem Ural all meine Reiseanzüge, einen halben Backenbart und viele tausend Zentner Stroh zum Opfer gebracht. Derartige Exerzitien im Feuer gehen im Leben eines Ingenieurs nicht ohne persönliche Unannehmlichkeiten ab. Auch der Landmesser war übelgelaunt und seit zwei Tagen kaum arbeitsfähig. Seine Stangenschießer sagten: infolge von Wodka, den er übrigens mit musterhafter Ruhe und Stetigkeit zu führen wußte. Er selbst erklärte: weil er Nachricht bekommen habe, daß seine Frau aus dem fernen heimischen Nischni in Samara angekommen sei und ihn bleibend in Timaschwo besuchen wolle. Es mochte beides richtig sein und in geheimem innerem Zusammenhang stehen.

Trotzdem saßen wir mit dem Gefühl der Behaglichkeit beisammen. Man versteht dies in Rußland vortrefflich, Die kleinen Fenster wurden geschlossen, denn es fing wieder an zu regnen. Der Kinel rauschte vor dem Haus über die zwei Räder der benachbarten Mühle, der Samowar summte traulich und warm auf dem Tisch, auf dem eine riesige Schüssel voll Krebse, unser fast tägliches Abendessen, zu stundenlangem Genuß einlud. Eine alte deutsche Studierlampe mit grünem Blechschild, die aus politischen Gründen schon vier Jahre in Sibirien zugebracht hatte, beleuchtete mit ihrem milden, zufriedenen Licht dieses harmlose Bild russischen Stillebens.

Ich war zum zweitenmal in Timaschwo und hatte diesmal schon zwei Monate lang mit Kaminsky zusammen gewohnt. Ein kleiner stiller Mann mit langem, nicht immer glattgekämmtem Haar, stahlgrauen Augen und jenen sanften, gottergebenen Zügen, denen man häufig in Rußland begegnet, dabei sehr intelligent, wissenschaftlich gebildet und voll sanguinischen Eifers für die großen Pläne, an deren Ausführung er in erster Linie beteiligt war. Erst seit ein paar Wochen waren wir uns durch eine gemeinsame Reise nach Samara und durch geschäftliche Nöte, die ein Pionierleben in den Steppen der Wolga genau wie anderwärts mit sich bringt, nähergekommen. Er fing an aufzutauen und mir, scheinbar unwillkürlich, kleine Stückchen seiner Lebenserfahrungen zuzuwerfen, die ich mit heimlichern Vergnügen auffing, ohne ihn weiter zu drängen. Heute abend war er der einzig gut Aufgelegte. Er hatte Zuckerrübensaft analysiert, der aus einem Probegärtchen mon jardin d'acclimatation hieß er die acht Quadratmeter hinter dem Hause stammte, und zehneinhalb Prozent Zucker gefunden. Daraus konnte noch vieles werden. Vorläufig warf er ein zweites Stückchen Zucker aus dem fernen Kiew in den Tee und nippte hinter seinen Krebsschalen mit Behagen am zehnten Glase.

»Wenn auch das nasse Stroh sich heute nicht bequemen wollte, an Ihrem täglichen Freudenfeuer teilzunehmen, Herr Eyth, so brennt es noch immer besser in Timaschwo als in Sibirien!« meinte er in seinem f ast tadellosen Russisch-Französisch, einen gewaltigen Krebsschwanz kunstgerecht zerpflückend.

»Sie müssen das wissen,« entgegnete ich, ohne mich in der gleicher. Arbeit stören zu lassen. »Sie waren unklug genug, beides zu versuchen.«

Und nun kam er zum erstenmal ins Erzählen. Er hatte in der Mitte der sechziger Jahre in Petersburg Medizin und Naturwissenschaften studiert. In diese Zeit fiel eine der ersten ernsthafteren Studentenbewegungen, die mit dem aufkeimenden Nihilismus zusammenhingen. Etliche sechzig Studenten bezogen infolge derselben unfreiwillig die Kasematten der Peter-und-Pauls-Festung. Eine lange, wirre Untersuchung brachte nicht viel mehr zutage als die wirren Ideen und Bestrebungen sehr jugendlicher Weltverbesserer. Ein Teil der jungen Leute wanderte nach Sibirien, ein andrer in die russischen Gefängnisse, einige ließ man laufen. Meinen Freund Kaminsky, der aus Raummangel in einer abgelegenen, selten gebrauchten Zelle untergebracht worden war, hatte man bald völlig vergessen. Erst nach einigen Monaten führte ein glücklicher Zufall zu der Entdeckung, daß ein Untersuchungsgefangener des längst abgeurteilten Studentenputsches aus Versehen unverurteilt geblieben war. Er wurde nach vielem Umfragen und Suchen und Vergleichen von Aktenbündeln herbeigeholt. Nein! er war nicht der aus Versehen längst entlassene Raubmörder Koprinsky. Die Richter setzten ihre wohlwollende Amtsmiene für jugendliche Verirrte wieder auf. Da er aber ein halbes Jahr länger als alle andern in Untersuchungshaft gesessen hatte, konnte man ihn jetzt unmöglich freilassen. Auch russische Justizbehörden haben Gefühl für Anstand und Ordnung. So wurde er ohne weitere ermüdende Präliminarien zu vier Jahren Zernierung in ein sibirisches Dorf Tschugajewa im Gouvernement Tobolsk verurteilt und konnte sich auf die Reise machen. Die ersten sechs Monate sollte er dort im Gefängnis gehalten werden. Ein Grund für diese Verschärfung der Strafe wurde, wie üblich, nicht mitgeteilt. Vermutlich wegen böswilliger Vergeßlichkeit, die in seinem Prozeß zutage getreten war.

Bekanntlich ist dies die leichteste Art der sibirischen Verbannungsstrafen. Der Zernierte darf sich nicht aus seinem Dorfe entfernen, muß sich in kurzen Zeitzwischenräumen dem Polizeichef des Ortes vorstellen, hat jeden Augenblick des Besuchs der Gendarmerie seines Distrikts gewärtig zu sein, soll für seinen eigenen Unterhalt sorgen und kann im übrigen nach Gutdünken sich beschäftigen, wie er will. Nur die Lehrtätigkeit ist ihm streng verboten.

Kaminsky hatte einiges Vermögen und keine Eltern mehr; auch einen großen Drang, die unterbrochenen Studien fortzusetzen. Er konnte sich die harte Reise etwas bequemer einrichten als ein gewöhnlicher Verbrecher. Nach wochenlanger Fahrt durch nicht endenwollende Wälder erreichte er in Begleitung seiner Studierlampe, seiner Bücher, seines Bettes kein Russe reist, ohne wenigstens Teile seines Bettes mitzunehmen und seines Gendarmen, der in demselben schlief, das ihm bestimmte Ziel, Das Dorf hatte seit fünfzig Jahren ein ähnliches Ereignis nicht erlebt. Seine Ankunft rief eine allgemeine Aufregung hervor. Die eigentümlich demokratische Verfassung russischer Dorfgemeinden war jedoch der plötzlich auftauchenden Aufgabe gewachsen. Eine Volksversammlung wurde einberufen, um zu beraten, in welcher Weise die Befehle von St. Petersburg ausgeführt werden könnten. Man erklärte einstimmig Kaminsky für einen gebildeten Herrn. Man konnte einen Mann, der mit zehn Büchern reiste, unmöglich in das Hundeloch eines Ortsgefängnisses sperren, das allerdings den Dorfbewohnern seit Menschengedenken zum eigenen Gebrauch genügt hatte. In dem schlichten Rathause befand sich jedoch eine nur bei Festgelegenheiten benutzte kleine Küche. Diese wurde durch eine Bretterwand rasch in zwei Teile geteilt und die eine Hälfte dem geehrten Herrn Staatsverbrecher übergeben. Nachdem er jedoch in derselben unter allgemeiner Beteiligung der Bevölkerung sein Bett aufgeschlagen hatte, zeigte sich bedauerlicherweise, daß er aus Raummangel nicht aufstehen und kaum die Tür öffnen konnte. In letzterem fanden einige, alle aber in dem Umstande einen Vorteil, daß sich das einzige kleine Küchenfenster unmittelbar über seinem Kopfkissen öffnen ließ. Fünf Monate brachte Kaminsky nunmehr im Bett liegend zu. Jeden Morgen versammelten sich die Honoratioren der Gemeinde unter seinem Fenster und ließen sich Vorträge über Petersburg, Paris und Wien, über die Politik des Reiches, über die Fortschritte von Kunst und Wissenschaft halten. Selbst die Lehren Liebigs wurden in dieser Weise durch das Fenster der sibirischen Rathausküche verbreitet.

Um den Beginn des sechsten Monats dieser Gefangenschaft wurde die älteste Tochter des Polizeichefs von Tschugajewa, eines pensionierten Feldwebels, mündig, was nach russischem Brauch mit einem großen Familienfest gefeiert werden mußte. Aus weitem Umkreis strömten die Geladenen herbei. Ein Ball sollte die Feier beschließen. Aber wie anderwärts so häufig, bildeten auch hier die tanzlustigen Damen eine betrübende und betrübte Majorität. Mitten in der Nacht nahm infolge hiervon die Gefangenschaft Kaminskys ein plötzliches und festliches Ende. Er wurde von zwei Gendarmen geholt, um als Tänzer mitzuwirken. Nach fünf Monaten erzwungener Ruhe waren seine Leistungen ohne Zweifel von entzückender Anmut, Er hatte in diesen fünf Monaten durch sein Fenster die Intelligenz des Städtchens erobert, er gewann jetzt in einer Nacht mittels seiner befreiten Beine die Herzen aller. In der anbrechenden Morgendämmerung erklärte ihm der gerührt schwankende Polizeichef, daß seine sechs Monate verstrichen seien und daß er ihn als verhältnismäßig freien Mitbürger von Tschugajewa begrüße. Da überdies der alte Feldwebel eine zahlreiche und sehr unerzogene Familie besaß, so wurde auch sofort von dem Paragraphen Abstand genommen, der dem Zernierten verbietet, Unterricht zu erteilen. So führte Kaminsky ein verhältnismäßig erträgliches Leben als Haus- und später als Dorfschullehrer bis zum Schluß dieses sibirischen Zwischenaktes. Bei seiner Rückkehr nach Rußland wurde ihm die Hauptstadt des Gouvernements Samara zum Aufenthalt angewiesen, wo er, unter strengster Polizeikontrolle stehend, am dortigen Gymnasium als Lehrer der Physik und Chemie eine Anstellung fand. Die vier sibirischen Jahre hatten seine Gesundheit jedoch ernstlich angegriffen, so daß der Anfang eines bedenklichen Lungenleidens in Aussicht stand. Dies veranlaßte ihn, seine Ferien in einer der Kumyskuranstalten zuzubringen, deren Pferdemilch aus den Steppen um Samara sich eines großen Rufs erfreut. Dort traf er mit Gardner-Jackson zusammen, dem merkwürdigen neuen Eigentümer von Timaschwo, der ihn zum Administrator der Besitzung machte, auf der wir uns befanden.

Unsere Krebsschalen waren mittlerweile zu Gebirgen angewachsen. Kaminsky schenkte mir das sechste und sich das fünfzehnte Glas Tee ein. Die Studentenlampe brannte nur noch trüb, und der Regen schlug an die Fenster. Die sibirischen Schauergeschichten, die er ohne Zorn, mit einer eigentümlichen Mischung von Humor und Ergebung erzählte, taten das übrige. Es fing an, wirklich gemütlich zu werden.

»Das wäre alles recht gut und schön,« fuhr er fort, »wenn nur die infame Polizeikontrolle nicht wäre. Alle vier Wochen nach Samara zu kutschieren und keinen Augenblick sicher zu sein, daß einem wegen einer unglaublichen Dummheit der hohen Behörde das Lebenslicht ausgeblasen wird! Würden Sie es zum Beispiel für möglich halten, daß ich im letzten Monat meiner Gymnasiallehrerzeit drei Tage in Untersuchungshaft saß, weil die Mehrzahl der jungen meiner Klasse hohe Stiefel von verdächtig einheitlichem Zuschnitt trug? Es stellte sich zu guter Letzt heraus«

Er schwieg plötzlich und warf die Krebsschale, die er in der Hand hielt, nach dem Fenster. Keine seiner sonstigen Bewegungen verriet etwas Ungewöhnliches, kein Muskel rührte sich in seinem Gesicht. Ich folgte der Schere mit dem Blick, und ein kurioses Gefühl begann mir den Rücken heraufzurieseln. Gegen die schwarze, triefende Scheibe drückte sich von außen eine breite Stumpfnase, und zwei kleine glitzernde Augen waren deutlich von den blitzenden Regentropfen zu unterscheiden, die am Glase herabrieselten. Kaminsky schlug wie zufällig den Lampenschirm in die Höhe. Ein greller Lichtstrahl fiel auf das Fenster. Man sah deutlich, aber nur für einen Augenblick, den schwarzen, struppigen Bart, die weiße Militärmütze, das Glänzen eines Gewehrlaufs. Dann war das Gespenst verschwunden.

Kaminsky krebste still weiter. Dann sagte er etwas leiser: »Der Teufel weiß, was wieder los ist. Seit acht Tagen sind sie alle Nacht hier.«

Der Samowar hatte aufgehört zu summen. Wir gingen zu Bett.

Ein glänzender Sonnenaufgang begrüßte die Welt am nächsten Morgen. Ich ritt vergnügt am Kinel hinauf, meinen Dampfpflügen entgegen. Es war auch ein Anblick, der das Herz eines Dampfpflügers erfreuen konnte. An sechs Punkten in der weiten, wellenförmigen Steppenlandschaft stiegen kerzengerade weiße Säulen Rauches gen Himmel. Bald von da, bald von dort hörte man das klingende Rasseln der Stahlräder, das emsige Keuchen der Maschinen, die kurzen, eifrigen Signalpfiffe, die anzeigten, daß eine der Lokomotiven vorrückte und wieder ein Streifen der Erde, die noch nie das Licht des Tages erblickt hatte, in den Dienst der Menschheit getreten war. Und das alles mußte wertloses Stroh und weniger als wertloses Unkraut selbst verrichten, das Gewächs des Bodens, den wir pflügten. Vor zwei Jahren hatte ich mit der Lösung dieser Aufgabe in England den Anfang gemacht. Die Schwierigkeiten waren unerwartet groß, die ersten Versuche sehr ermutigend, obgleich strohbrennende Dreschlokomobile bereits seit einiger Zeit im Gang waren. Der Unterschied zwischen beiden Aufgaben des Pflügens und des Dreschens mit Stroh als Brennmaterial war der, daß für das Dreschen acht bis zehn Pferdekräfte in einer stehenden, für das Pflügen dreißig bis vierzig Pferdekräfte in einer beweglichen Maschine erzeugt werden mußten. Die bloße Handhabung der ungeheuren Massen des leichten, losen Brennmaterials in einer den Platz ständig wechselnden Lokomotive war die erste Schwierigkeit, die zweite und gefährlichere die fortwährende Verkalkung der brennenden Strohmassen, die das Feuer erstickte. Bei den englischen Strohpreisen kostete jedes Experiment Hunderte allein in Stroh, so daß schon das zweite für weitere Versuche gebaute Maschinenpaar samt mir in die Gegend von Kiew geschickt wurde, wo das Stroh nichts kostete. Dort, nach einigen Monaten harter Arbeit, fand das Problem seine Lösung. Die Sache ging schließlich flott und hatte nunmehr unsere Dampfpflüge fast bis an die Grenzen Sibiriens geführt. Dies nämlich ging so zu:

Im Jahr 1870 fand die Ausstellung der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft von England in Oxford statt. Dort wurde ich einem Herrn Gardner-Jackson vorgestellt, einem kleinen, lebhaften jüngeren Herrn, den man leicht für einen Ausländer hätte nehmen können, denn er hatte weder den Typus des langen Engländers der »Fliegenden Blätter«, noch den des runden aus »Punch«. Trotzdem war er Parlamentsmitglied für Canterbury. Auch wünschte er nicht allein über Fowlers Dampfpflüge, sondern soviel als tunlich auch über die fünftausend andern landwirtschaftlichen Maschinen belehrt zu werden, die eine Ausstellung der Landwirtschaftsgesellschaft von England zusammenführt, und schien selbst nach drei Stunden eines erregten Privatissimums, verbunden mit Fröbelschem Anschauungsunterricht, mehr verwirrt als befriedigt zu sein. Denn er gab mir abends das beste Diner, das in Oxford zu haben war, und veranlaßte mich, den begonnenen Unterricht unter vier Augen fortzusetzen. Hierbei erfuhr ich nach und nach, mit wem ich es zu tun hatte. Gardner-Jackson war einer der reichen Leute Londons, besaß eine der schönsten Privatbildergalerien in Mayfair, eine italienische Gräfin zur Frau, bar Geld genug und einen leidenschaftlichen Drang, der Welt im großen nützlich zu sein. Ein angehendes Lungenleiden hatte ihn veranlaßt, die bereits erwähnten Kumyskuranstalten an der Wolga zu besuchen, ein Brief des Prinzen von Wales, den er persönlich kannte, ihn am Hof von Petersburg aufs beste eingeführt. Das Studium der russischen Verhältnisse, deren Großartigkeit in Breite und äußerem Umfang auf jeden einen überwältigenden Eindruck macht, der ihnen unvorbereitet nahetritt, hatte offenbar das sanguinische Temperament des jungen Herrn lebhaft erregt. Eine Reihe von Aufsätzen aus seiner Feder, die in einer der hervorragendsten Monatszeitschriften Englands erschienen, machten besonders zu einer Zeit Aufsehen, in der die russenfeindliche Strömung im Lande wieder einmal im Steigen war. Auch in Petersburg verfehlten sie ihre Wirkung nicht. Gardner-Jackson wurde am Hofe als der anerkannte englische Freund Rußlands gefeiert. Dabei konnte er dem echt englischen Drang, seinen Gedanken eine greifbare Form zu geben, nicht lange widerstehen. Dies führte ihn rasch um einen Schritt weiter. Die Witwe eines früheren russischen Staatsministers, Tschemschuschnikoff, hatte im Gouvernement Samara, achtzig Werst östlich der Wolga, den achttausend Hektar umfassenden Besitz Timaschwo zu verkaufen, und Gardner-Jackson ergriff die Gelegenheit mit Begeisterung, im Herzen des Reichs, an der Grenze zwischen dem europäischen und dem asiatischen Rußland eine Musterwirtschaft in englischem Stile aufzubauen und zwei Weltteilen gleichzeitig zu zeigen, was englische Landwirtschaft, von der er nichts verstand, auf dem jungfräulichen Boden der Steppe, den er zum erstenmal sah, mit Wasser, Maschinen und Eisenbahnen zu leisten imstande ist.

Timaschwo liegt am Kinel, einem vom Fuße des Urals kommenden, nicht mehr schiffbaren Zufluß der Samara, der bei der gleichnamigen Hauptstadt des Gouvernements in die Wolga mündet. Obgleich eine der Hauptstraßen nach Sibirien durch das kleine Dorf führt, ist doch die Verbindung mit der Stadt eine sehr mangelhafte und bei schlechtem Wetter fast lebensgefährliche. Doch war die Bahn, die später einen Teil der Riesenlinie durch Sibirien bilden wird, im Bau begriffen und ist heute im Betrieb. Das Gut selbst umfaßt siebentausendfünfhundert Hektar offenen Steppenlandes und etwas Wald, der in jener holzarmen Gegend von großem Werte ist. Der Boden, nicht mehr zur sogenannten schwarzen Erde Südrußlands gehörig, ein mittelschwerer, gelblicher Lehm, konnte sich einer erstaunlichen Fruchtbarkeit rühmen, die zunächst in der Erzeugung von Unkraut aller Art, namentlich von Disteln, Übermenschliches leistete. Am Kinel stand eine alte Mühle. Die Wasserkraft des Flusses betrug an dieser Stelle nach meinen Messungen zweihundertachtzig Pferde. Die Kraft sollte künftig vier Turbinen in Bewegung setzen und zur Bewässerung des Gutes verwendet werden, das, über ein sanftes Hügelland sich ausdehnend, eine für einen derartigen Plan nicht ungünstige Gestalt besaß. Leider weigerte sich die Barina Tschemschuschnikoff hartnäckig, das zum Gut gehörige stattliche Herrenhaus zu verkaufen. Sie wollte dasselbe und fünfhundert Hektar des umliegenden Landes bis zu ihrem Lebensende für sich behalten. So waren Gardner-Jackson und seine Verwaltung vorläufig genötigt, in dem neben der Mühle gelegenen besten Haus des Dorfes ein verhältnismäßig bescheidenes Unterkommen zu finden. Manche wahrhaft rührende Szene hatte sich in diesen unansehnlichen Räumen während der kurzen Besuche des neuen Herrn von Timaschwo abgespielt, in dessen Absichten es lag, nicht bloß das Land, sondern namentlich auch das Volk zu reformieren und aus Timaschwo ein Mustergut, aus dem Dorfe eine Mustergemeinde zu machen.

Dieser schöne Doppelgedanke forderte zunächst zu entschlossenem Doppelkampfe auf, einerseits gegen das Unkraut, anderseits gegen die Trunksucht. Erfolg in der ersten Richtung schien nur die Dampfkultur, in der zweiten energische moralische Einwirkung zu versprechen. Das erste war meine Aufgabe, das zweite wollte Gardner-Jackson selbst in die Hand nehmen. Er versäumte keine Gelegenheit, seinen Bauern mit Hilfe Kaminskys die Reize eines geläuterten Kulturzustandes in ernsten und warmen Worten ans Herz zu legen; eine Eigentümlichkeit des neuen Herrn, die nur unvollkommen verstanden wurde. Da die Leute jedoch bald merkten, daß jeder augenblickliche Sieg über das Nationallaster mit einem freudig gespendeten Trinkgeld belohnt wurde, so schienen die ethischen Bestrebungen Gardner-Jacksons wenigstens anfänglich zu den besten Hoffnungen zu berechtigen. Einige der hervorragendsten Wodkakonsumenten des Dorfes machten es sich zur förmlichen Pflicht, wenn immer möglich, sich in unbetrunkenem Zustande in der Nähe der Mühle aufzuhalten, um eine Audienz zu bitten und auf die bemerkenswerten Umstände hinzuweisen, in denen sie sich befanden. Bedauerlich. war, daß im zweiten Jahre dieses Kampfes ein Rückfall eintrat, der geeignet war, Herrn Gardner-Jackson tief zu entmutigen.

Bei seiner Abreise von Timaschwo nach einem zweiten längeren Aufenthalt hinterließ er in der Freude über die Fortschritte, welche er zu bemerken glaubte, drei nicht unbeträchtliche Geschenke: tausend Rubel für die Kirche, tausend Rubel für die Schule und tausend Rubel für die Gemeindeverwaltung. Die ersten zwei Summen übergab er dem Popen, einem überaus würdigen, allerdings aber rotnasigen Greise mit langen, in der Mitte gescheitelten Silberhaaren, die letztere dem äußerlich weniger Vertrauen erweckenden Gemeindevorsteher. Erst fünf Monate später fand er wieder Gelegenheit, den Geistlichen zu fragen, was mit dem Gelde geschehen sei. Mit der größten Offenheit und mit dem ihm eignen sanften, weltentfremdeten Lächeln berichtete dieser Diener des Herrn, daß er mit der ersten Summe seine beiden Töchter ausgestattet habe. Von der zweiten Summe habe er als Schulinspektor zwei Drittel behalten und ein Drittel dem Schulmeister gegeben, einem armen Kerl, der es wohl brauchen könne, da er zehn Kinder habe und dem Trunk etwas ergeben sei.

Weniger einfach hatte sich die Verwendung des der Gemeinde zugewiesenen Geldes gestaltet. Jener demokratische Geist, der aus uralter Zeit in den russischen Dorfgemeinden fortlebt, hatte hier ein Wort mitzusprechen. Zwei Volksversammlungen, die einen stürmischen Verlauf nahmen, erörterten die brennende Frage. Ein neues Gemeindehaus, die Pflasterung der Dorfstraße, eine Brücke über den Kinel waren Vorschläge, die der Reihe nach von großen Majoritäten verworfen wurden. Man schien ratlos zu werden. Da erhob sich ein greiser Dorfältester und sprach: »Liebe Brüder! Wir haben einen neuen Herrn bekommen, ein Väterchen, wie wir es kaum erhofft hatten. Er hat Eigentümlichkeiten, die wir nicht begreifen. Er ist ein Fremder und weiß wohl nicht, was für uns Russen paßt. Aber er ist ein gütiger Herr. Wir sind ihm Dank schuldig. Man soll den Leuten von Timaschwo nicht nachsagen, daß sie kein dankbares Herz haben. Darum schlage ich vor, daß alle die, welche Gespanne haben, morgen früh nach Samara aufbrechen und daselbst für das uns geschenkte Geld Wodka kaufen. Starken Wodka, vom Juden an der oberen Fähre; kein Wasser! Damit wollen wir zurückkehren, und das ganze Dorf soll auf des guten neuen Herrn Gesundheit trinken, bis alles ausgetrunken ist. Nein! Man soll nicht sagen, daß wir keine Herzen für unsern neuen Herrn haben!« Der Beifall war stürmisch, eine Abstimmung völlig unnötig. Der Alte hatte die tiefste Saite des russischen Gemüts in Schwingung versetzt. Schon in der Nacht brach eine Karawane auf, wie sie Timaschwo noch nie gesehen hatte. Selbst die gelbe Ministerialstaatskutsche der Madame Tschemschuschnikoff schloß sich an und konnte nur mit Mühe von der Kammerfrau der Barina ein- und zurückgeholt werden. Kinder liefen singend meilenweit nebenher. Frauen riefen den Segen des Himmels auf die Expedition herab. Trotzdem verunglückten einige Fuhrwerke auf der Rückkehr, sozusagen mit Mann und Maus. Das ganze Dorf aber schwamm halb bewußtlos eine Woche lang in Tränen der Rührung und überschwellender Dankbarkeit gegen Gott, Gardner-Jackson und alle Menschen. Nur Gardner-Jackson selbst, als er all dies hörte, war etwas verstimmt und fühlte die ersten Zweifel an seiner Methode der Regeneration des russischen Volkes in sich aufsteigen.

Er brachte den Winter von 1875 in Konstantinopel zu und sah zum Unheil für seine russischen Unternehmungen von dort aus die Welt in einem andern Licht. Die Türken taten es ihm an wie früher die Russen. In der Londoner »Pall-Mall-Gazette« erschien eine Reihe von Briefen, welche nachzuweisen suchten, daß der Türke mit seiner Ruhe, seiner Geradheit, seiner vornehmen Gleichgültigkeit gegen alles irdische Glück und Unglück der einzige wahre Gentleman Europas sei. Zum zweitenmal erregten Gardner-Jacksons Briefe auch in St. Petersburg das größte Aufsehen, denn man stand mitten in den Intrigen und Vorbereitungen, welche die russische Armee nach Plewna führten. Die Entrüstung in hohen Kreisen wuchs mit jeder neuen G. J. unterzeichneten Mitteilung vom Goldenen Horn. »Das war derselbe Gardner-Jackson, den der Großfürst Michael zur Tafel gezogen, derselbe, der in Samara unter dem Vorwand eines landwirtschaftlichen Unternehmens Fuß gefaßt hatte!« In der Hitze der Begeisterung schenkte er seinem neuen Freunde, dem Sultan, sechzig Pferde für eine Musterschwadron, die im kommenden Kampfe um die Existenz des türkischen Reiches siegen oder sterben sollte. Ein Wunder war es nicht, daß man in St. Petersburg die Köpfe schüttelte.

Wie erwähnt, hatte ich mittlerweile selbst zweimal längere Zeit in Timaschwo zugebracht; das erstemal, um die allgemeinen Pläne für das Unternehmen festzulegen, das zweitemal, um mit der Ausführung eines Teils derselben zu beginnen. Sechs strohbrennende Dampfpflugmaschinen hatten die phantastische Fahrt über halsbrecherische Brücken und Stege durch die fast unwegsame Steppe von Samara bis Timaschwo mit eignem Dampf erfolgreich zurückgelegt. Sechs englische Arbeiter bemühten sich seit einigen Wochen, einer bunten Gesellschaft von Russen, Kirgisen und Tataren die Anfangsgründe der praktischen Dampfkultur beizubringen. Die Grundmauern einer Reparaturwerkstätte und einer Sägemühle begannen aus dem Boden zu wachsen. Die Wasserkraft des Kinel war nicht ohne Schwierigkeiten mit improvisierten Instrumenten gemessen worden.Vier Turbinen von je vierzig Pferdekräften, acht entsprechende Druckpumpen und ein zwei Kilometer langer Röhrenstrang konnten mit der letzten Post bestellt werden. Das Netz der Bewässerungsgräben war so weit festgelegt, als es die Nivellierarbeiten unseres Landmessers gestatteten. Kaminsky analysierte Zuckerrüben, die im Laufe des Sommers an verschiedenen Stellen des Besitztums versuchsweise gezogen worden waren. Er war überzeugt, daß die untere Wolga und das ganze Kaspische Meer nur auf den Timaschwozucker warteten, um eine höhere Stufe der Zivilisation zu erklimmen. Kurz, das Unternehmen war im vollen Schwung des Werdens, und es war eine Freude, an die nächste Zukunft zu denken, wenn uns auch von allen Seiten harte Arbeit umgab und ohne Zweifel noch härtere bevorstand.

Der Morgen verlief in gewohnter Weise nicht ohne unerwartete Zwischenfälle. Bei dem einen Dampfpflug, den Murray, mein bester englischer Arbeiter, leitete, war ein Aufstand ausgebrochen. Der Monteur hatte seine Russen gehauen, und diese machten zum erstenmal Miene, den Stiel umzudrehen. Es war ein Religionskrieg, wie sich nach vielem Geschrei nach und nach herausstellte; sonst hätte die Sache sicherlich nicht solch leidenschaftliche Formen angenommen. Mein Engländer hatte gleich in den ersten Tagen die unglaublich ärmliche Kost, welche die Leute nach Landessitte erhielten und mit vollkommener Zufriedenheit verdauten: Roggenbrot und gesottene Linsen, für durchaus ungenügend erklärt. Dampfpflüger mußten nach seiner Überzeugung schlechterdings wenigstens einmal des Tages Fleisch bekommen. Kaminsky hatte dem Drängen des Mannes nachgegeben. Die ganze russische Dampfpfluggesellschaft erhielt nunmehr täglich einmal gekochtes Hammel- oder Rindfleisch zu ihren Linsen. Murray überwachte die Fütterung seiner Leute sorgfältig. Es war ihm ein Glaubensartikel geworden, daß Dampfpflügen ohne Fleisch nicht erlernt werden könne. Auch war der moralische, wenn auch noch nicht der physische und intellektuelle Einfluß des neuen Kurses unverkennbar. Die Leute wurden stolz auf ihr Fleisch, und dieses erhebende Gefühl umfaßte bald auch Pflug und Maschinen, die sie auf eine höhere Fütterungsstufe emporgehoben hatten. An jenem Morgen nun hatte sich die ganze Gesellschaft aus unerklärlichen Gründen, jedoch mit heftigen Pantomimen, plötzlich geweigert, ihr Fleisch zu essen. Murray bat, mahnte, fluchte ohne Erfolg. Die Leute wollten nichts anrühren. Die Ursache, die nach und nach mir und endlich auch Murray verständlich gemacht werden konnte, war der Namenstag des Schutzheiligen von Samara, der heute durch ein großes Fasten gefeiert werden mußte. Wir beruhigten uns; die Russen bekreuzten sich, glücklich, daß sie ohne Fleisch arbeiten durften, und das Pflügen konnte seinen Fortgang nehmen.

Auch der zweite Apparat stockte. Eine seiner Maschinen hatte noch keinen Dampf. Dies war ein Hauptverbrechen, eine Todsünde, die mich stets aufs tiefste entrüstete. Doch mußte ich diesmal die Entschuldigungen gelten lassen, welche in erregter Weise auf russisch, englisch und kirgisisch auf mich einstürmten. Zwei Wölfe hatten unter der Feuerbüchse der einen Dampfmaschine übernachtet und wurden bei der Abnahme der Planen, welche die Maschinen über Nacht einhüllten, entdeckt. Eine überstürzte Flucht des ganzen Pflugpersonals war die Folge, und erst, als sich nach einer halben Stunde die ungebetenen Gäste gemächlich entfernt hatten, war es möglich geworden, Feuer anzuzünden. Ich beschloß, in Zukunft jeden Dampfpflug östlich der Wolga mit einem Schießgewehr auszustatten.

Auf dem Weg zu den Geometern, die eine Art Talsperre und das künftige Hauptreservoir der Bewässerungsanlage absteckten, berührte ich die äußerste östliche Grenze des Gutes. Dort stand seit mehreren Wachen das Lager einer Horde nomadischer Tataren, die um die Erntezeit bis in diese Gegend kommen, um einige Zeit als Taglöhner mitzuarbeiten und zum Schluß mitzunehmen, was nicht niet- und nagelfest ist. Im übrigen sind es einfache, ehrliche Menschen. Es machte mir Vergnügen, so oft ich Zeit hatte, das eigentümliche Bild aus Innerasien, aus diesem geheimnisvollen Hexenkessel aller Völker der Alten Welt, zu betrachten: braune, wild aussehende Männer in Pelzen und Lumpen, braune, entsetzliche Weiber, braune, kleine, dürre Pferdchen, wie wenn das Ganze aus der braunen Erde gekrochen wäre und im Begriffe stände, wieder in die Erde zu verschwinden. Äußerlich nichts, was an den farbenprächtigen Orient erinnern könnte, aus dem sie ihren Glauben und etwas von ihren Sitten mitbrachten. In unbekannten Lauten bettelnd liefen mir Kinder und Weiber eine Strecke weit nach; die Männer, ernst und zurückhaltend, ließen sich in ihrer Siesta nicht stören, die sie offenbar über den größeren Teil des Tages ausdehnten.

Gegen ein Uhr mittags kam ich zurück. Kaminsky erwartete mich auf der kleinen Veranda unseres Wohnhauses. Wir nahmen den üblichen Wodka und Kaviar echten Astrachan, womit jedes halbwegs anständige Mittagessen jener Gegend eingeleitet wird.

»Ich komme etwas spät,« sagte ich, mich entschuldigend. »Ich war draußen bei den Tataren. Die Kerls sind noch immer da.«

»Bei den Tataren?« rief er. »Nun, das kann gut werden.«

»Gut – warum?« fragte ich.

»Wissen Sie das Neueste?« fragte er, ohne mir zu antworten, plötzlich leise sprechend. »Der Kosak gestern nacht an unserm Fenster der Kosak galt nicht mir, sondern Ihnen.«

»Unsinn!« rief ich lachend.

»Allerdings, aber doch richtig!« flüsterte Kaminsky. »Heute vormittag bin ich durch den Kutscher der Barina hinter die Geschichte gekommen. Seit vierzehn Tagen kommt regelmäßig, jede Nacht, eine kleine Abteilung Gendarmen aus Samara, um Sie und ihre Engländer zu beobachten. Sie haben ihr Hauptquartier bei der Barina in der Schlafstube ihres Kutschers aufgeschlagen. Das Gouvernement von Samara weiß alles.«

Zum erstenmal sah ich Kaminsky mit einer gewissen Bitterkeit lachen, wozu, wie mir schien, keine dringende Veranlassung vorlag.

»Es weiß,« fuhr er fort, »daß Gardner-Jackson einer der einflußreichsten und gefährlichsten Agenten Englands in Konstantinopel ist; es weiß, daß er Timaschwo gekauft hat, um eine Beobachtungsstation im Süden des Reiches zu haben; es weiß, daß er mich zum Administrator machte, weil ich nicht allzu verliebt in unsre russischen Verhältnisse sein kann; es weiß, daß Sie und Ihre sechs Engländer als Spione hier sind. Es ist seit acht Tagen vollständig überzeugt, daß Sie mit den Tataren nächtliche Zusammenkünfte abhalten, und daß die ganze mohammedanische Bevölkerung der Steppe von hier aus aufgewiegelt werden soll. Es weiß nämlich auch ganz genau, daß Sie in Ägypten waren und vielleicht selbst ein halber Türke sind.«

Ich gestehe, die Haare standen mir zu Berge, obgleich ich lachte.

»Sind die Leute verrückt?« rief ich.

»Merken Sie das jetzt erst? Aber nicht so laut, wenn ich bitten darf. Es sollte mich nicht wundern, wenn wir zwei Kosaken in der Küche sitzend fänden.«

»Aber was ist zu tun?«

»Zu Mittag zu essen. Dort kommt unser Geometer. Noch ein Gläschen Wodka gefällig?«

Nach Tisch besprachen wir die Sache ernsthaft in Kaminskys kleinem Laboratorium hinter verschlossenen Türen. So viel war klar, daß die Verhältnisse jeden Augenblick eine überraschende Wendung zum Schlimmsten nehmen konnten. Ich wohnte, in einer Zeit, in welcher der Russisch-Türkische Krieg in der Luft lag, auf dem Gut eines Engländers, der dem Sultan sechzig Pferde geschenkt hatte, bei einem unter polizeilicher Aufsicht stehenden, des Nihilismus verdächtigen Administrator, nur ein paar hundert Werst von der sibirischen Grenze. Selbst meine Dampfpflüge, unschuldig wie weiße Lämmchen, konnten unter solchen Umständen eine europäische Verwicklung heraufbeschwören.

Auf Kaminskys Wunsch versprach ich, die Tataren nicht mehr zu besuchen. Auf meinen Wunsch schrieb er einen ausführlichen Brief an Gardner-Jackson nach Konstantinopel, Hotel Misiri, worin er seinem Chef die ganze Sachlage wahrheitsgetreu schilderte. Dann fuhr er fort, in stiller Beschaulichkeit Rüben zu analysieren, ich, die phänomenalen Disteln der Steppe unterzupflügen. Vierzehn Tage später kam die Antwort auf Kaminskys Schreiben und lautete:

»Dear Sir! Ich danke ihnen für Ihre Mitteilung. Wenn Ihre Landsleute es nicht lieben, daß ich mein Geld an der Wolga vergrabe, so finde ich hierfür mannigfache Gelegenheit anderwärts. Tun Sie so schnell wie möglich alle erforderlichen Schritte, Timaschwo zu verkaufen, und treffen Sie mich in acht Tagen in Odessa, Hotel Deux-Mondes, um das Nähere zu besprechen.

Yours truly

Gardner-Jackson.«

Vier Tage später setzten wir uns beide in ein Eisenbahncoupé zu Samara, auf dem Wege nach Kiew. Kaminskys Reiseziel war Odessa, das meine Wien. Meine Aussichten, Rebellenführer der Tataren zu werden, waren vernichtet.

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