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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Das Elefantenrennen

Ein kurzer scharfer Regenguß, der in der Nacht gefallen war und die Frühlingsregenzeit einleitete, konnte unsrer Rennbahn zwar nicht sonderlich zuträglich sein, doch trocknete der sonnige Morgen die Wege, die Tribüne und deren etwas spärliche Dekoration genügend, so daß alles glänzte und prangte, wie es sich für einen großen Tag geziemt. In der Stadt war für ein kundiges Auge eine gewisse Bewegung deutlich erkennbar. Gruppen umstanden die Anschlagsäulen und die Bretterwände der im Bau begriffenen Häuser, an denen sich das von Lawrence gedichtete Plakat in Riesenbuchstaben breit machte: »Unerhörte Sensation! Amerika gegen England; England gegen Amerika! Das Mammutwettrennen der zwei Dampfelefanten Jonathan und John Bull,« und so weiter. An Straßenecken wurden von zweifelhaften Gestalten Wetten angeboten und angenommen. Gegen Nachmittag war die Trambahnlinie in der Richtung des Ausstellungsparks belagert, und von vier Uhr an hingen aufgeregte und im allgemeinen fröhliche Menschen in lebensgefährlicher Weise an den Geländern und Treppen der Wagen, von denen alle acht Minuten fünf und sechs unmittelbar hintereinander nach Osten fuhren.

Schon um elf Uhr hatten wir bei verschlossenen Türen im Parkpavillon eine geheime Sitzung abgehalten: Lawrence, Delano, ich und die zwei Elefantenjockeis Parker und Stone. Es handelte sich um genaue Anweisungen für die beiden Letztgenannten. Flüsternd ersuchte ich sie, nachdem die Türen verriegelt waren, ihr heiliges Ehrenwort abzugeben, daß nichts aber auch nichts!, was sie in dieser feierlichen Stunde hören sollten, jemals über ihre Lippen kommen werde. »I will be blown,« sagte der Engländer bereitwillig, aber ernst, »wenn ich je etwas ausplaudere,« »I will be darned!« schwur der Amerikaner. Wörtlich übersetzt heißt das eine-. »Ich will geblasen,« das andre: »Ich will gestopft sein« und ist in der Heimat der Betreffenden die landesübliche Umschreibung für den Wunsch, in der untersten Hölle zu braten. Ich konnte beruhigt fortfahren:

»Sie wissen, meine Herren, daß, was wir heute zu tun haben, die Grenze eines kleinen heiteren Humbugs nicht überschreitet. Ich brauche Ihnen, bei Ihrer Intelligenz, nicht mitzuteilen, daß unsere Elefanten keine wirklichen Elefanten, unser Wettrennen kein wirkliches Wettrennen ist. Herr Lawrence wird Ihnen vielleicht auseinandersetzen, wenn Sie dies wünschen sollten, wie weit unser Vorgehen vom ethischen Standpunkte aus haltbar ist. Ich überlasse ihm diesen Punkt, da derselbe ausschließlich die Anschauungsweise der großen und erleuchteten Nation betrifft, die wir heute zu erfreuen und zu belehren hoffen und für deren hervorragenden Vertreter ich ihn ansehe. Ich beschränke mich darauf, Ihnen die Versicherung zu geben, daß Herr Lawrence in diesem Punkte völlig beruhigt ist.«

Stone nickte mit einem kaum merklichen Anflug eines Lächelns um seine dünnen Lippen, Parker in stummem Staunen.

»Die Sache ist also einfach die,« begann ich wieder in geschäftsmäßigerem Ton, »Punkt halb fünf Uhr haben Sie sechs Atmosphären Dampf im Kessel, Wasser und Kohle in Ordnung, alle Lager gut geölt vergessen Sie das Bremsband auf der Hinterachse nicht, Herr Stone, kurz, die Maschine zur Abfahrt vollständig bereitzuhalten. Sie fahren dann vor die Tribüne, wo ich Ihnen Ihre Plätze anweisen werde. Punkt fünf Uhr gibt Herr Delano ein Zeichen; er wird. einen Revolver abschießen, wenn ich recht weiß, und Sie, meine Herren fahren dann dreimal auf dem großen Ring herum. Keine Übereilung; keine unnötige Anstrengung. Zuerst bitte ich Herrn Stone, vorauszufahren dann, nach etwa hundert Schritt, muß Parker ihn überholen und einen ziemlichen Vorsprung beibehalten, bis bei der dritten Umfahrt, kurz vor dem Ziel, Herr Stone ihn wieder einholt und eine halbe Minute oder besser nur ein paar Sekunden vor Parker durchs Ziel fährt. Hier zum Schluß müssen Sie natürlich ein wenig aufpassen, daß die Sache nicht umgekehrt ausfällt. Sie haben mich verstanden?«

Parkers rundes harmloses Gesicht verdüsterte sich. »Aber« fing er an.

»Kein ›Aber‹, Parker,« sagte ich bestimmt, »Sie tun, wie ich Ihnen sagte. Wir sind in Amerika und müssen den Herren Amerikanern zeigen, daß ein englischer Gentleman höflich sein kann.«

Stone lächelte mitleidig; Parker hing den Kopf. »Ich möchte mit Ihnen allein sprechen,« murmelte er in sichtlicher Seelennot.

Wir traten in eine Fensternische, und Jem flüsterte, während sein Kopf purpurrot wurde:

»Mir wäre es ja gleichgültig, Sir, wer am Schluß vorausfährt; aber Sally ich habe Sally versprochen«

»Weibergeschichten! Dummheiten! Schämen Sie sich, Parker!« sagte ich entrüstet. »Ich hoffe die Herren Fowler in England hoffen, daß Sie Ihre Pflicht tun werden.«

Er schwieg und schämte sich. Hiermit konnte die geheime Konferenz geschlossen werden. Stone und Parker entfernten sich, um ihren Maschinen, die hinter der Tribüne und einer provisorischen Zeltwand friedlich nebeneinander rauchten, vor dem großen Kampfe die letzten liebevollen Handreichungen angedeihen zu lassen und sich sodann in den dunkeln Hohlräumen der Tribüne in ihr schmuckes Jockeikostüm zu werfen. Delano eilte in fieberhafter Stimmung nach den Kassenhäuschen am Eingang, wo bereits zwei Kassierer auf ihre kommende Tätigkeit warteten. Sie kam auch, mit jeder Viertelstunde sichtlich wachsend. Der Ausstellungspark, sonst ein Bild tiefer, melancholischer Einsamkeit, begann sich zu beleben. Lawrence strahlte wie eine zweite Sonne über dem Platz, Freunde begrüßend, Fremde zurechtweisend. Es war sein Werk, das sich ringsumher entwickelte, und er fühlte, daß die Augen von zwei Weltteilen auf ihm ruhten.

Die Tribüne füllte sich langsam; um die Barrieren des großen Rings schloß sich ein Menschenring in Form einer dünnen, riesigen Mondsichel, deren Hörner sich bereits zu einem Kreis zusammenschlossen. Daß das Sonntagspublikum der Stadt in Bewegung geraten könnte, hatte ich halb und halb gehofft; daß aber auch die Aristokratie der Crescent City erscheinen werde, war mehr, als ich erwartete. Longstreet kam man hörte sein vergnügliches lautes Lachen schon von weitem, der ernste Beauregard, Taylor, unruhig wie ein Wiesel, nach allen Seiten auf Jonathan und gegen John Bull wettend. Die Owens mit der jüngeren Generation belebten das Innere des Rings und brachten ganze Scharen von Damen in glänzenden Toiletten. Es gab doch noch schwarze leuchtende Augen und blitzende Diamanten in der Stadt. Gelegentlich sah man Delano mit einem Leinwandbeutel im Arm vom Eingangstor nach dem Pavillon laufen. Es waren Geldsäcke, die er in Longstreets Bureau entlehnt hatte. Er lachte förmlich, zum erstenmal nach dem Bürgerkriege, wie mir Owen, ebenfalls lachend, versicherte. Eine heitere Aufregung bemächtigte sich der Menge in steigendem Grade. Der improvisierte Zeltverschlag, hinter dem in stoischer Ruhe die zwei Maschinen ihre Rauchwolken zum Himmel sandten, war von hundert Jungen umdrängt, die die Leinwandwände einzudrücken versuchten und von Zeit zu Zeit von Bucephalus und dem schwarzen Jem mit entrüsteter Beredsamkeit verjagt wurden. Es half wenig, da der eine eine riesige amerikanische, der andre eine englische Kokarde trug, die sofort der Mittelpunkt jubelnder Bewunderung wurden.

So wurde es halb fünf Uhr. Aus einem Loch in der Rückwand der Tribüne schlüpfte jetzt Stone in hellgrüner Jacke und gelben Beinkleidern und marschierte, von dreißig Jungen geleitet, ernst, als ob er in einer grünen Jacke geboren wäre, dem Maschinenzelt zu. Kein Muskel rührte sich in seinem steinernen Gesicht. Er war der echte Jockei, der mit zusammengebissenen Zähnen einem Kampf auf Leben und Tod entgegengeht.

Vor dem Loch in der Tribüne wartete in sichtlicher Ungeduld eine junge Dame in feuerrotem Seidenkleid und einem wogenden Federhut von erstaunlicher Größe. Als Parker in seinem prachtvollen Kakadugefieder, rot und blau, in der Öffnung erschien, wollte er wieder zurückschlüpfen. Der große Junge war so rot wie seine Jacke. Aber es half ihm nichts; die begeisterte Sally erfaßte ihn beim Arm, zog ihn heraus und begleitete ihn stolz nach dem Maschinenzelt, wo sie in ein entrüstetes Zwiegespräch mit Bucephalus geriet, der ihr rund erklärte, daß hier Damen nicht zugelassen würden.

Fünfzehn Minuten vor fünf öffneten sich die Zeltwände mit erfreulicher Pünktlichkeit. Es ging alles wie am Schnürchen. Die beiden Elefanten dampften keuchend und rasselnd, aber mit feierlichem Ernste, aus der Hütte hervor und wälzten sich in den Ring, der Tribüne zu. Die Aufregung wuchs; die Volksmenge umringte sie schreiend, manchmal in jähem Schreck auseinanderstiebend, dann wieder sich gefährlich zusammenballend. »Das ist Jonathan!« »Das ist John Bull!« erklärten sie sich hundertstimmig. »Ein feiner Bursche, John Bull!« »Sehen Sie, die Räder! diese Breite!« »Und wie Jonathan dampft! Das heiß' ich ein Paar Lungen!« »Aufpassen! Aus dem Weg!« »Vier gegen drei auf Jonathan!« »Zwei gegen eins auf John Bull!« »Hipp hipp hurra für Amerika!« »Zwei gegen eins auf Jonathan!« So schwirrte es durcheinander, bis die beiden Maschinen vor der Tribüne angelangt waren und nebeneinander zum Stillstand kamen. Der kleine schwarze Jem, der bei Jonathan, und Bucephalus, welcher bei John Bull Heizerdienste versah, grinsten sich an. Parker und Stone lehnten auf ihren Steuerrädern und sahen ernst und schweigend auf die brausende Volksmenge herab, die zögernd die Rennbahn freigab und, heftig protestierend, von sechs Schutzleuten unter den Barrieren durchgejagt wurde, wobei abgestreifte Zylinderhüte die Heiterkeit wiederherstellten. Das Ganze schien einen durchaus würdigen Verlauf nehmen zu wollen. Lawrence, der an alles zu denken schien, hatte selbst für Komiteemitglieder gesorgt, die in amerikanischen und englischen Schärpen um die Maschinen herumliefen, sichtlich ohne zu wissen, was sie zu tun hatten, und dadurch dem Publikum zu denken gaben.

Auf der Pavillonuhr schlug es fünf. Atemlos kam Delano aus der Richtung des Kassentors herbei, eine riesige Pistole in der Hand. Er wechselte mit Parker und Stone einige hastige Worte, um sicher zu sein, ob er das Zeichen geben könne. Beide nickten. Fräulein Sally, die ihre nächste Umgebung nur mit Mühe verhindern konnte, die Barriere zu überklettern, rief ihrem Jem ermunternde Zärtlichkeiten zu. Dann knallte der Schuß. Sally stieß einen gellenden Schrei aus, sank in die Arme ihres Nachbars, raffte sich aber ebenso rasch wieder empor. Mit acht offenen Zylinderhähnen, Dampf und Feuer speiend, beide Pfeifen schrill trompetend, hatten sich die zwei Maschinen in Bewegung gesetzt. Das war nicht der Augenblick für weibliche Schwächen. »Hurra Jonathan!« »Hurra, John Bull!« brüllte die beglückte Menge. »Vorwärts, vorwärts!« »Hurra, Jonathan!« »Amerika für immer!« »Hurra, Jonathan!«

Der Start war untadelhaft; das Wettrennen hatte durchaus programmgemäß begonnen. Beide Maschinen liefen in behaglicher Ruhe hintereinander her die Rennbahn entlang. Da aber sämtliche Zylinderhähne geöffnet blieben und sie demgemäß unter lautem Zischen Wolken von Wasser und Dampf ausspien; machten sie den Eindruck außerordentlicher Kraftanstrengung, so daß das Publikum hochbefriedigt war. »Hurra, John!« »Vorwärts, Jonathan!« schrie es in steigender Erregung. Ich wunderte mich anfänglich, daß der England repräsentierende John Bull mindestens ebenso viele brüllende Freunde zu haben schien wie Jonathan. Aber eine große Anzahl Wetten waren zugunsten Johns abgeschlossen worden. Der schlauere Teil der Wettlustigen traute der Sache doch nicht ganz und vermutete, daß ich, der Leiter und Besitzer der Elefanten, dem Engländer geheime Vorteile verschaffen werde. Daß ich weder Engländer noch Amerikaner, sondern »nur« wir schrieben, wie erwähnt, noch nicht 1870 ein ehrlicher Deutscher war, wußten natürlich die wenigsten. Eine schrille, den größeren Teil des Rings beherrschende Stimme leitete den Chor der Rotblauen. Es war Sally, die den Tribünenaufgang erklettert hatte, auf dem ich selbst stand und mich vergeblich bemühte, unberechtigte, aber enthusiastische Zuschauer hinunterzujagen. Sally sah mir mit ihren blitzenden, kohlschwarzen Augen lachend ins Gesicht, ohne ihr Schreien einzustellen, und klammerte sich fest ans Geländer an. Man sah, sie war entschlossen, nicht zu weichen, ohne das Gebälk mitzunehmen. Ich kapitulierte ohne weiteres. Diese Lungen! Ein gewaltiger Perlmutterknopf über ihrem königlichen Busen sprang mit einem hörbaren Knall ab und flog in großem Bogen in die untenstehende Volksmenge. »Hurra, Jonathan!« »Hurra, Jem!« Ihre Gefühle für die Lokomotive mischten sich bereits bis zur Unkenntlichkeit mit denen für den Lokomotivführer, und als die Maschinen die Bahn zum erstenmal umkreist hatten und John Bull sechs Maschinenlängen vor Jonathan durch das Ziel dampfte, kannte ihre Freude und ihr Stolz keine Grenzen mehr. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« jubelte sie dem Blauroten zu, der in stoischer Ruhe, den Anlaßhebel in der einen, den Regulator in der andern Hand, auf seinem Tender stand und sich sichtlich bemühte, die Freudenrufe seiner jungen tropischen Liebe nicht zu stören. Zu unsern Füßen sahen die Leute entrüstet herauf und suchten ihre Chorführerin zu belehren, daß ihr Elefant nicht Jem heiße, sondern John, John Bull. Aber nichts in der Welt hätte Sally irregemacht. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!«

Höhnend behandelte sie Jonathan, der eine halbe Minute später an uns vorüberdampfte. Auch Stone sah ruhig und trocken, wie sichs geziemt, von seiner Maschine herab. Das Brüllen der Grüngelben, aus dem schon Angst und Zorn deutlich durchklang: »Vorwärts, Jonathan!« »Nicht nachlassen, nicht nachlassen!« »Schneller!« »Hurra für Amerika!« »Schneller, schneller!« schien an seinem starren Yankeegesicht abzuprallen wie ein tosender Gebirgsbach an einem Felsblock. Dagegen konnte ich jetzt mit meinem Opernglas bemerken, daß der schwarze Jem, sein Heizer, in sichtlicher Aufregung große Klumpen Kohle in das Feuer warf und dazu zornig in das Feuerloch hineinschrie. Trotzdem erweiterte sich die Entfernung zwischen den beiden Rennern mehr und mehr.

»Donnerwetter, der Amerikaner verliert's!« sagte Longstreet, der unmittelbar hinter mir auf der Tribüne stand, zu seinem Freund Beauregard. Die Aufregung und das Geschrei der tausendköpfigen Menge hatten ihre bekannte magnetische Wirkung. Selbst die beiden, damals weltberühmten Generale der konföderierten Armee, die in blutigen Schlachten kühl ihre Befehle gegeben hatten, begannen den Einfluß der wunderlichen Nervenströmung zu fühlen, die in solchen Augenblicken durch die schwüle, brausende Luft zieht. »Was wetten Sie, Beauregard, der Amerikaner verlierts?«

»Zwei gegen eins in Zehndollarnoten,« sagte der andre trocken. »Vor dem Krieg hätten wir mit Hundertdollarnoten gespielt, Longstreet, aber es geht auch so.«

»Und es geht ehrlich zu da drunten?« fragte Longstreet, sich über meine Schulter neigend.

»So ehrlich wie irgendwo in diesem großen und erleuchteten Lande!« antwortete ich in der Hoffnung, er werde mich verstehen. »Es ist alles aufs beste geordnet und geregelt, General!«

Aber Longstreet war zu ehrlich für sein großes und erleuchtetes Vaterland und verstand mich nicht. Die beiden notierten die Wette und verfolgten jetzt das behagliche Elefantenrennen mit derselben Teilnahme wie die Volksmasse unter uns, deren brausendes Geschrei mit den Maschinen zum zweitenmal um den Ring lief.

Jonathan, welcher keuchend schwarze Rauchwolken ausblies, war jetzt über hundert Schritt hinter John Bull geblieben, mehr als ich für gut hielt. War nicht alles in Ordnung? Wollte Stone den Schlußeffekt um so glänzender gestalten? Schon bewegte sich seine Maschine in einem Sturm von Entrüstung entlang der Barriere. Höhnische Zurufe, zornige Mahnungen, sein Vaterland nicht zu verraten, wurden ihm zugeschleudert. Der schwarze Jem, in heftigem Wortwechsel mit seinem Vorgesetzten, warf eine Schaufel Kohle nach der andern ins Feuer. Und wirklich, jetzt endlich schien die Maschine sich aufzuraffen. Rasselnd und klappernd brauste sie ihrer Genossin nach. Der Zwischenraum nahm sichtlich ab. »Hurra, Jonathan! Hurra, Jonathan!« Die Grüngelben gewannen wieder Mut.

Bei der zweiten Vorbeifahrt am Ziel war Jonathan eine halbe Elefantenlänge voraus! Dies war gegen das verabredete Programm. Als sie aneinander vorübergefahren waren, hatte Parker seinem Kollegen Stone zornige Blicke zugeworfen. Stone sah nach der andern Seite, als ob er allein in der Welt wäre. Die beiden Heizer, der schwarze Jem und Bucephalus, hatten ein lebhaftes Zwiegespräch eröffnet, sobald sie sich hören konnten.

»Glaubst du in den Himmel zu kommen mit deinem Gekeuch, du großer Maulesel?« erkundigte sich Jem.

»Wir alle gehen über den Jordan, o Jerusalem!« sang Bucephalus mit lauter Stimme, indem er das alte Baptistennegerlied benutzte, um seinen schwarzen Mitbruder außer sich zu bringen. Aber auch er tanzte vor Wut auf dem Tender, als seine Maschine wirklich langsam zurückblieb. Es war für den Augenblick nicht zu ändern. Parkers Dampf war um etwas gesunken, während bei Stone beide Sicherheitsventile abbliesen wie toll. Der weiße Jem unterbrach die nutzlosen Wutausbrüche seines Heizers mit einer gelinden Ohrfeige und stieß ihm den Kopf gegen das Feuerloch. Diesen Wink billigte der Schwarze und begann wie wütend Kohlen in die Feuerbüchse zu schaufeln.

Sally war zum erstenmal seit Beginn des Rennens still geworden und starrte mit weitaufgerissenen Augen dem Unheil entgegen, das ihren Jem betroffen hatte. jetzt riß sie ihren prachtvollen Federhut vorn Kopf und schwenkte ihn an den Bändern wie ein Rad in der Luft, um den Geliebten aufzumuntern. »Hurra, Jem! Schnell, schnell! Vorwärts! Hurra!« Der Chor der Blauroten, der etwas schwächer geworden war, brauste unter diesem Gefühlssturm seiner Führerin wieder auf, die sich durch das Hutschwenken rasch Platz verschafft hatte und jetzt auf der Tribünentreppe eine hervorragende Stellung einnahm. Aber Jonathan gewann noch immer. Fünf Minuten mußten vergehen, ehe Parker Dampf genug hatte, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen.

Nun aber war es an mir, etwas bange zu werden. Mein Opernglas war gut, so daß ich die Bewegungen der zwei Leute auf jeder Maschine genau beobachten und fast sehen konnte, was sie sich sagten. Es war klar, sowohl Stone als Parker hatten das Programm völlig vergessen. Vielleicht hatte der erstere den Hohn seiner Landsleute nicht länger ertragen können, vielleicht war der Stoizismus Parkers den leidenschaftlichen Ausbrüchen seiner hitzigen Geliebten erlegen. Tatsache war: Die Maschinen liefen nicht mehr hintereinander her, wie es der Würde eines braven Dampfpflugs entspricht; sie stießen zornige Rauchwolken aus, sie rannten, sie suchten sich zu überholen. Beide Maschinenführer hatten die eine Hand auf den Sicherheitsventilhebeln ein böses Zeichen, die erregbaren Heizer drohten sich mit Kohlenschaufeln und stimmten jauchzend in das Geschrei der Menge ein. Das Wettrennen war ernst geworden, und von allen Beteiligten wußte eigentlich nur Parker genau, was er tat. Wenn es so fortging, konnte der Spaß jeden Augenblick mit einer Katastrophe endigen, und die Zeichen mehrten sich, daß wir einem tragischen Ende entgegentrieben.

Auch der Himmel hatte sich plötzlich verdüstert. Eine schwarze Regenwolke trieb mitten durch den Sonnenschein über den Park hin, eine im März gewöhnliche Erscheinung des Klimas von Louisiana. Das helle Bild lag plötzlich in tiefem Schatten, und eine Minute später schüttete der Himmel Wasser in Strömen auf die Rennbahn. Doch dauerte der sündflutartige Guß nur zwei Minuten lang, dann glänzte die Abendsonne wieder durch das dampfende Gewölke, und alles strahlte und funkelte in frischen Farben.

Auf die Volksmenge hatte das gewohnte Zwischenspiel kaum einen merklichen Eindruck gemacht. Lachend wurden tausend triefende Regenschirme wieder zugeklappt und der gefüllte Rand von hundert Hüten dem zu nahe stehenden Nachbarn in den Nacken geschüttet. Dagegen hatten die Elefanten mit einer neuen und jedem, außer mir und Parker, unerwarteten Schwierigkeit zu kämpfen. Während des Regens war John Bull wieder vorgeeilt und hatte Jonathan um zwanzig Schritt überholt. Beide rangen jetzt mit allen Mitteln um den Sieg. Sie waren noch hundert Schritt vom Ziel, aber auf dem nassen Rasen, auf dem der kurze stürmische Regen da und dort kleine Seen zurückgelassen hatte, glitten und glitschten jetzt die Triebräder in hilflosem Eifer. Auch die Vorderräder, durch deren Stellung die Maschine gesteuert wird, hatten keinen Halt mehr und schlüpften nach rechts oder links mit unberechenbarer Willkür. Die wuchtigen Lokomotiven schwankten hin und her wie Betrunkene, blieben stecken, schossen vorwärts, versuchten sich quer zur Bahn zu stellen. Es war ein tolles Ringen mit den Elementen, die sich gegen beide Renner gleichmäßig verschworen hatten.

Da hielt Parker plötzlich still und sprang von seiner Maschine, Bucephalus ihm nach. Zischend heulte der gepreßte Dampf durch die sich weit öffnenden Sicherheitsventile. Stone, wenn auch mühselig und in unregelmäßigen Stößen sich fortbewegend, fuhr an der stehenden Maschine vorüber. England brüllte vor Wut; Amerika brach in brausenden Siegesjubel aus. Sally verlor den zweiten Perlmutterknopf über dem gepreßten Herzen: »Vorwärts, Jem! Vorwärts! O Jerusalem, vorwärts!«

Parker, der noch hundert Meter der überfluteten Rennbahn vor sich sah, war nicht stehengeblieben, um Luft zu schöpfen, und verstand sein Geschäft. Mit aller Macht, aber stumm drauflos arbeitend, den willigen, aber ungeschickten Bucephalus nur mit Rippenstößen anleitend, seine rotblaue Jacke mit Schmutz und Lehm bedeckend, befestigte er an den Triebradreifen ein halbes Dutzend sogenannter »Sporen«, gewaltige eiserne Schaufeln, die, in den Boden einhauend, auch auf nassem, schlüpfrigem Felde die Maschine vorwärtsbringen. Stone hatte trotz seiner Nöte sechzig Schritt Vorsprung gewonnen, ehe Parker mit dieser Arbeit fertig war. Er war noch vierzig Schritt vorn Ziel, aber seine Maschine, kaum mehr steuerbar, die Räder handhoch mit Lehm bedeckt, taumelte hilflos hin und her. Jetzt sprang Parker wieder auf den Tender, ließ die Dampfpfeife spielen, und stolz und ruhig hieb sich die Maschine vorwärts.

Das Geschrei wurde betäubend. John Bull klatschte mit einer Sicherheit durch das Wasser, als sei er darin geboren. Sally warf ihren Federhut in die Luft, der einen wild gestikulierenden achtbaren Geistlichen unter ihr zudeckte. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« So dampfte Parker an uns vorüber. Noch zwanzig Schritte, und England hatte gesiegt.

Doch plötzlich stockte auch John Bull wieder. Die Hinterräder drehten sich, aber die Maschine ging nicht vorwärts. Auf einen Augenblick wurde die tausendstimmige Menge fast still; das Interesse war aufs höchste gestiegen. Wasser spritzte nach allen Seiten; große Klumpen Erde flogen in die Luft. Die Nächststehenden stoben entsetzt auseinander; sie wußten nicht, was vorging. Ich wußte es nur zu gut. Parkers Maschine war auf eine besonders weiche Stelle geraten; die Sporen, anstatt einzuhauen und die Maschine vorwärtszutreiben, warfen den Boden nach hinten und begannen nach den besten Regeln der Kunst der Maschine ihr eigenes Grab zu graben. Parker sprang wieder herab und riß Bucephalus mit. Beide hoben mit Anstrengung aller Kräfte, Bucephalus laut heulend vor Wut, ein Stück der nächstgelegenen Barriere aus dem Boden und warfen das gewonnene Gebälk unter die Räder. Aber es half nichts. Knirschend, alles zermalmend arbeiteten die Sporen das Holz in die tiefer und tiefer werdende Grube. Die Maschine sank sank! Der Schornstein neigte sich wie zum Sterben. Im nächsten Augenblick saß der Tender auf dem Boden, und alle weiteren Versuche, vorwärtszukommen, waren zu Ende.

Und langsam, bedächtig, durch nichts entmutigt, kroch Stones Maschine hinterher. jetzt passierte sie Parker. »Hipp hipp hurra!« schrie der kleine Jem ganz außer sich vor Freude, obgleich ihm Bucephalus ein Stück Kohle an den Kopf warf. Glitschend und gleitend, oft fast quer über die Bahn stehend, quälte sich Jonathan weiter. Drei Minuten brauchte er zu den letzten zehn Schritten. Aber keuchend und röchelnd, platschend und scheinbar halb schwimmend, über und über mit Schmutz bedeckt, glitt er endlich durch das heiß erkämpfte Ziel.

Jonathan hatte gewonnen – programmgemäß.

Stone sprang ab.»Hurra für Amerika!« schrie er laut und schwenkte feierlich seine Mütze. »Hurra für Amerika!« heulten tausend Stimmen in dem rasch sich füllenden Ring. Dreißig Schritte davon stand Parker trotzig und stumm neben seiner versunkenen Maschine und versuchte vergeblich, sich Sallys zu erwehren, die laut schluchzend an seinem Halse hing.

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