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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Ein Fest

Niemand hat übrige Zeit in Amerika. Lawrence, obgleich um eine volle Generation der ältere der beiden, war ungeduldiger als selbst der junge Owen, seitdem der letztere die Speisenfolge seines Gabelfrühstücks mit Hilfe Monsieur Merciers und mehrerer Privatgelehrter auf dem Gebiet festgestellt hatte. Sie ließen mir kaum einige Stunden zu, wie es ihnen schien, nutzlosen Proben meiner Maschinen. Delano, dem mürrischen Geschäftsführer der Landwirtschaftsgesellschaft, wurde überdies um seinen Park bange, als ich die erste Furche durch den jungfräulichen Grasboden zog, der nie zuvor mehr als leise gekratzt worden war, und mein Pflug den schwarzen Urschlamm des verschwundenen Sumpfwaldes ans Tageslicht förderte. Nach seiner Ansicht sei es um so besser, je weniger ich ihnen von meiner Kunst zeige, an der er nicht mehr zweifelte, seitdem er im ersten Schrecken über das gespannte Drahtseil gefallen war. So wurde der nächste Donnerstag, zwei Tage, nachdem der Dampfpflug sein Arbeitsfeld erreicht hatte, für die Eröffnungsfeier bestimmt.

Das Programm war einfach. Zwischen zehn und elf Uhr sollten die geladenen Gäste erwartet werden. Von elf Uhr an hatte ich eine halbe Stunde lang den Pflug, eine weitere halbe Stunde den Kultivator laufen zu lassen. Um zwölf Uhr mußte in dem Pavillon, der sich neben der Rennbahn befand, das Gabelfrühstück bereitstehen. Um zwei Uhr sollte das Publikum gegen ein Eintrittsgeld von einem Dollar zugelassen und das Pflügen bis gegen Abend fortgesetzt werden. Am folgenden Tag konnte die Presse sodann erklären, daß der Dampfpflug den seitens der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana ausgesetzten großen Preis von siebenhundertfünfzig Dollar nach eingehender Prüfung errungen habe, und ich sollte in der Freude meines Herzens drei Tage lang langsam und mit häufigen Ruhepausen, um den Park nicht allzusehr zu ruinieren, weiterpflügen. Während dieser Zeit hatte die herbeiströmende Volksmenge ihre fünfzig Cents an der Parktorkasse abzuliefern, teils um die Gesellschaft in die Lage zu versetzen, mir möglichst schmerzlos siebenhundertundfünfzig Dollar auszubezahlen, teils um ihr selbst eine sorgenlosere Zukunft anzubahnen. Im ganzen ließ sich gegen diesen Plan nichts einwenden. Er kostete mich ein, wie mir schien, allzu üppiges Frühstück, verschaffte dagegen, wenn alles gut ging, dem Dampfpflug, was er vor allen Dingen brauchte: eine tüchtige, gut amerikanische Reklame.

Die kurzen Versuche, die ich anstellen konnte, verliefen erträglich. Der Pflug rannte nur zweimal in die Dampfmaschine, die Herrn Stone und seinem Heizer Cato anvertraut werden mußte, während auf der anderen Lokomotive der weiße und der schwarze Jem als Lehrer und Schüler gut miteinander auskamen; abgesehen davon, daß der schwarze sich laut und lebhaft beschwerte, durch seinen Ehrgeiz in eine hervorragende Stellung gedrängt worden zu sein, die unerwartet viel Mühe und Arbeit mit sich brachte. Ich selbst saß mit Bucephalus auf dem Pflug und suchte ihm das Steuern des Gerätes und den Begriff einer geraden Linie im allgemeinen beizubringen. Der Mann hatte eine Riesenkraft und ließ sich mit großer Gutmütigkeit an den Ohren ziehen, wenn er gar zu krumm dreinfuhr. Ich tat dies zwar energisch, da er sonst nichts bemerkt hätte, aber doch stets mit der Miene väterlichen Wohlwollens; denn es war von der höchsten Bedeutung, meine rohen Hilfstruppen bei guter Laune zu erhalten. Das erkannte Bucephalus auch grinsend an und hatte bald die Genugtuung, mich wiederholt darauf aufmerksam zu machen, wie gerade seine krummen Furchen ausfielen. überdies hielt ich es selbst für gut, nicht allzu viele Proben abzuhalten. jeder Augenblick, wenn das böse Schicksal es wollte, konnte, während ich an einem Ende des Feldes das Drahtseil regulierte oder dem mangelnden Wasserstand im Kessel nachhalf, am anderen Ende eine zerschmetternde Katastrophe herbeiführen und uns unter Umständen auf Wochen und Monate das Handwerk legen. Das wichtigste blieb zunächst, wenigstens mit heiler Haut und ganzen Gliedern über das drohende Frühstück hinwegzukommen.

Eine prachtvolle Frühlingssonne strahlte über dem lieblichen Parke mit seinen moosbehangenen Baumgruppen und den noch nicht verbrannten Grasflächen, die in dem Untergrund des Mississippideltas reichlich Wasser finden. Die beiden Maschinen standen kampfbereit an den Enden eines dreihundert Meter langen Feldstücks und sandten weiße, senkrechte Rauchsäulen friedlich in den blauen Himmel empor. Jem, Bucephalus, Cato und ein halbes Dutzend weiterer Nigger, die als Extrakräfte im Wege standen, waren nicht nur infolge der Wichtigkeit des Tages und ihrer eignen Person, sondern auch durch das Versprechen eines königlichen Trinkgeldes, wenn alles gut gehe, in gehobener Stimmung. Zwischen Stone und Parker war eine gewisse ehrgeizige Wettbewerbstimmung entstanden, die sich in kleinen trockenen Neckereien äußerte und mir im Interesse der Sache wohl gefiel, so daß ich sie bei beiden heimlich schürte. Es war das instinktive Gefühl zwischen jung und alt; zwischen Amerika und Europa. Beide waren stille, wortkarge Leute und sich kaum bewußt, was sie reizte. Aber ich sah des Gefühl deutlich in ihnen arbeiten, und in beiden arbeitete es für mich. Im Pavillon hinter unserm Felde deckten sechs schwarze Kellner in tadellosen Fräcken und weißen Halsbinden eine hufeisenförmige Tafel, und geheimnisvolle, angenehm duftende Korbwagen fuhren durch das Parktor. Lawrence hing seit dem frühen Morgen an meinen Fersen, und Kapitän Owen erwartete in fieberhafter Aufregung den Champagnerwagen, der irgendwo aufgehalten, wenn nicht umgeworfen worden war.

Dann kamen in leichten, eleganten Kabrioletts und Buggies die vornehmeren, in den maultierbespannten Tramwagen die einfacheren der geladenen Gäste: Longstreet mit Beauregard, Taylor mit Burnside und Jackson, leider nicht der berühmte Stonewall Jackson, der wenige Wochen zuvor gestorben war. Auch General Lee hatte zum allgemeinen Bedauern abgesagt. Doch fehlte es nicht an Generalen, Regimentskommandeuren, Majoren und Kapitänen in verwirrender Menge; dann aber kamen auch große Grundbesitzer vom oberen und unteren Mississippi und weltbekannte Politiker aus der alten Zeit, die heute von ihren Erinnerungen lebten und jeden einluden, sie mit ihnen aufzufrischen; kurz, es sammelte sich rasch eine zahlreiche, fröhlich belebte Gesellschaft, in der sich jedermann zu kennen schien und in deren Mitte der wackere Longstreet den liebenswürdigen Wirt spielte, während mir Owen die Heldentaten jedes einzelnen ins Ohr flüsterte. Auch unbekannte Gestalten erschienen zur Genüge. Ich selbst hatte nur dafür gesorgt, daß Oberst Schmettkow nicht fehlte und der teutonische Redakteur der »Deutschen Zeitung« seine Einladung erhielt. An alles übrige ließ ich Owen denken, der seinerseits vertrauensvoll auf meine Fähigkeit baute, mit einem Scheck auf meine englischen Freunde am Tage der Abrechnung die kleinen Schwierigkeiten auszugleichen, die etwa entstehen sollten.

Alles sammelte sich in dem Felde, in welchem der Dampfpflug kampfbereit aufgestellt war. Noch nie hatte dieser friedliche Träger der Kultur ein so kriegerisches Publikum um sich gesehen. Die alten Haudegen des großen Bürgerkrieges standen entlang dem ausgespannten Drahtseil und sahen verständnisvoll oder auch anders in die tiefe Furche hinab, die gestern abend noch gezogen worden war. Longstreet erklärte, mich von Zeit zu Zeit zu Hilfe rufend, was er von der Sache wußte, sichtlich bemüht, das Interesse dem Pflug zuzulenken; aber unwillkürlich verirrte er sich samt seinen Freunden jeden Augenblick wieder in die Erinnerung an ein abenteuerliches Gefecht, in die Beurteilung einer strategischen Bewegung und vor allem in die Betrachtung der jammervollen politischen Lage der »alten und wahren« Herren des Landes. Alle Stimmungen kamen zum lebhaften Ausdruck, vom Galgenhumor völliger Hoffnungslosigkeit bis zur finsteren Entschlossenheit, sich knirschend zermalmen zu lassen. Der Dampfpflug schien mit jeder Minute mehr vor den Augen der ganzen Gesellschaft zu verschwinden.

Da ließ ich pfeifen. Das Drahtseil schnellte in die Höhe und zog an. Die lange Reihe der leidenschaftlich gestikulierenden Herren sprang mit Entsetzen und militärischer Präzision auf die Seite. Der Pflug setzte sich in Bewegung, die schweren schwarzbraunen Schollen in sechs glatten gradlinigen Reihen aufstellend. Dies brachte meine Gäste zur Sache zurück. Eifrig liefen die meisten hinter dem Pfluge her, nachdenklich maßen andere die Tiefe der Furche. Es ging in der Tat nicht schlecht, wenn man den Umständen einigermaßen Rechnung trug. Stone und Cato auf der fernen Maschine übertrafen sich selbst. Stolz saß Bucephalus auf dem Pflug und steuerte ihn in sanftem Zickzack über das Feld. Er war überglücklich, da er unter den Eingeladenen seinen alten Herrn aus der Sklavenzeit entdeckt hatte und ihm die Geheimnisse seiner neuen Würde als erster Dampfpflüger Amerikas auseinandersetzen konnte. Nachdem der Pflug sechs- bis siebenmal auf und ab gefahren war, ohne Schiffbruch zu leiden, näherte sich allerdings das Aussehen der letzten Furche den Windungen eines durch ein Wiesental sich hinschlängelnden Bächleins. General Burnside tröstete mich. Die Linie erinnere ihn lebhaft an seinen ersten Sieg: an die Schlachtlinie der Föderation bei Bull Run. Dank seiner südlichen Lebhaftigkeit hatte General Taylor mittlerweile alles begriffen und hielt den Augenblick für gekommen, tatkräftig einzugreifen. Er schob Bucephalus von seinem Sitz, setzte sich auf das Gerät und erfaßte das Steuerrad. Dreißig Schritte weit ging alles gut. Der Pflug blieb in seinem durch die Furche gegebenen Gleise, und Taylor sah sich triumphierend um. Dann aber nahm das Instrument plötzlich eine Wendung nach dem ungepflügten Teil des Feldes und lief, als sei es verrückt geworden, trotz der verzweifelten Steuerbewegungen des Generals querfeldein. Kein Pfeifen von Parkers Maschine half. Stone, dessen Maschine an andern Ende des Feldes während der Katastrophe den Pflug zog, war mit seinem Feuer beschäftigt und merkte zu spät, welches Unheil vor sich ging, so daß er erst dazu kam, anzuhalten, als sich der General mit dem entlaufenen Pflug mitten auf dem ungepflügten Feld befand, hundert Schritte von dem Platz, wo er hätte sein sollen. Er hatte allerdings eine merkwürdige gerade Linie diagonal zur Pflugrichtung über das Feld gezogen. Beschämt stieg er ab und betrachtete sein Werk. Seine alten Kriegskameraden waren außer sich vor Vergnügen. Selbst der unehrerbietige Bucephalus, der staunend dem Pfluge nachgesehen hatte, lachte mit, daß sein roter Mund das schwarze Gesicht von Ohr zu Ohr spaltete. Der Erfolg der Heiterkeitserfolg des Dampfpflugs war großartig. Der ältere Owen, der mehr Verständnis für die wahre Lage der Dinge zu haben schien als alle andern, sagte leise zu mir: »Lassen Sie aufhören! Die Schildkrötenbouillon wird sonst kalt!« Longstreet nahm Burnside unter den Arm. Taylor wurde von den andern im Triumph herbeigeholt und als preisgekrönter Dampfpflüger Louisianas fast auf den Händen getragen. Alles strömte dem Gartenpavillon zu, wo sich das blinkende Hufeisen von Tischen im Nu gefüllt hatte und die Sektkorken zu knallen begannen.

Es ging hier noch brillanter als im Felde. Die Not der Zeit löste sich fühlbar in dem warmen Sonnenschein, der durch den luftigen kleinen Saal, und im perlenden Wein, der kühlend durch unsere Adern strömte. Longstreet hielt eine prächtige kleine Rede: ernst, männlich, geradeaus: Die große Sache sei verloren; wozu die Augen schließen und die Hände sinken lassen? Die Männer seien noch da, die ehrlich für sie geblutet hätten; sie würden sich nicht erdrücken lassen. Die alte Kraft rege sich wieder und werde auf andern Feldern neue Siege bringen. »Das Schwert ist in unsrer Hand zerbrochen,« schloß er. »In Gottes Namen nehmen wir die Lage, die uns der Himmel geschickt hat. Es lebe der Pflug!« Darauf verlangte es der Anstand, daß ich etwas sagte. Der Staub der Pflugfurchen steckte mir noch in der Kehle und die Angst vor dem jeden Augenblick möglichen Zusammenbruch der einen oder der andern Maschine in der Seele; aber ich ließ getrost den Süden leben, dessen tropische Lebenskraft schon mehr als einmal aus den Sümpfen um den Mississippi ein Paradies geschaffen habe. Dann kamen andere, weniger harmlos, manchmal bitter zornig, manchmal allzu laut der wieder keimenden Hoffnung entgegenjubelnd. Der Pflug war vergessen.

Die politischen Phrasen rollten mächtig über die erhitzten Köpfe weg. Doch fühlte ich mich ziemlich beruhigt, als ich unter den letzten, die das Gartenhaus verließen, den Chefredakteur des »Picayune« Arm in Arm mit seinem Feind, dem Chefredakteur der »Crescent City News«, bemerkte, die abwechslungsweise versuchten, föderierte und konföderierte Kriegslieder zweistimmig zu singen. Ein erstaunlicher Grad mangelhaften musikalischen Sinns und der gute Wille, mit dem sie sich gegenseitig unterstützten, ergab eine Verschmelzung von Dissonanzen, die das Beste für die Zukunft hoffen ließ. Nur ein einziger Mißton trübte den Schluß der schönen Feier. Meine zwei deutschen Freunde waren sich in die Haare geraten. Oberst Schmettkow versuchte den Redakteur der »Deutschen Zeitung« über die Irrtümer seiner politischen Auffassung des Zustandes der Südstaaten aufzuklären. Doktor Wurzler machte vergebliche Anstrengungen, den Obersten zu überzeugen, daß ein verunglückter Jardeoffizier von der Sache nichts verstehen könne. Sie wurden laut und heftig, und nur mit Mühe konnte ich sie bewegen, in zwei getrennten Trambahnwagen nach der Stadt zurückzukehren.

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