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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Wolken

Mit all diesen Seitensprüngen war es spät am Tage und höchste Zeit geworden, nach der Hauptsache zu sehen, von der alles andere abhing. Ein hastiges Gabelfrühstück, Mittag- und Abendessen, in einheitlicher Zusammensetzung, die eine Wirtschaft in der Kanalstraße bot, setzte die menschliche Maschine wieder in arbeitsfähigen Zustand. Aber es war fast Dämmerung, ehe ich auf die Levees einbog, um nach dem »Wilden Westen« zu fahnden. Der gewaltige, halbkreisförmige Landungsplatz, den der Mississippi gegen die Stadt hin ausgegraben und vertieft hat, lag schon in seiner Feierabendstille vor mir. Für eingeborene Landratten bleibt ein Seehafen, in welcher Form er sich auch darstellt, zeitlebens ein Anblick, der das Blut in lebhaftere Wallung bringt. Der Bogen der Levees von New Orleans, der zu einem großartigen Staden ausgebauten Schutzdämme der Stadt, macht hiervon keine Ausnahme. Man sieht, wie der gewaltige Strom schon hier, achtzig Meilen von der See, einen großen Kontinent mit den Meeren aller Weltteile verbindet. Gegen Norden reiht sich, enggedrängt, nur mit den Vorderteilen das Ufer berührend, Boot an Boot; die phantastisch verzierten schwimmenden Paläste des Mississippi, des Missouri, des Ohio mit ihren Riesenrädern und ihren barock gekrönten Doppelschornsteinen; dazwischen auch kleinere Dampfer, unter ihrer Last von Baumwollballen und Zuckerfässern fast versinkend. Nach Süden liegen die Seeschiffe, schwarze, wuchtige Massen, die volle Breitseite gegen das Ufer gekehrt, haushoch aus dem Wasser ragend, die roten Schraubenflügel, unheimlichen Seeungeheuern gleichend, halb in der Luft, ihre stumpfen, trutzigen Kamine kaum über der Brüstung sichtbar. Noch weiter unten liegen die Segelschiffe: Schoner, Brigantinen und Dreimaster jeder Art und Größe, die mit ihren Rahen und Tauen eine zierliche, wenn auch unentwirrbare Filigranarbeit in den goldenen Abendhimmel zeichnen. Das sind die Gäste aus Havanna und New York, aus Rio und Quebek, aus Genua und Stockholm, aus Liverpool und Southampton und vor allem aus der eignen Heimat, aus Bremen und Hamburg. Auf der Levee selbst, der riesigen Holzplattform, die sich in stattlicher Breite und mehrere Meilen lang zwischen Fluß und Stadt hinzieht, liegen Hunderte von Zuckerfässern, Tausende von Baumwollballen, Pyramide an Pyramide von Fäßchen mit gesalzenem Schweinefleisch aus Kentucky und Illinois, Berge von Mais aus Illinois und Missouri, alles hübsch geordnet und aufgestellt wie die Bataillone einer Armee, die vor dem Abmarsch ins Feld ihre letzte Parade erwartet. Dieses Bild beleben trotz der Abendstunde Gruppen von Negern, auf den Ballen umherlungernd, unermüdlich schwatzend und lachend, und da und dort ein paar Matrosen, die der Stadt zueilen, sichtlich entschlossen, mit leeren Taschen und schwerem Kopfe zurückzukehren. Doch der Lärm der Tagesarbeit war verstummt. Eine schwüle Stille lag über dem Ganzen, und der Mond, eine blutrote Riesenscheibe, stieg hinter der Stadt zwischen den Türmen der Kathedrale des heiligen Ludwig auf dem Jacksonsquare langsam in die Höhe.

Wo die Tschapatulastraße in den Landungsplatz einmündet, ragte ein gewaltiger, pechschwarzer Dampfer über die kleineren Schiffe heraus, die ihn umgaben, und sandte noch zarte Rauchwölkchen in den Abendhimmel empor. Er hatte die schmucklosen, trotzigen Formen englischer Frachtschiffe, die man überall auf den ersten Blick erkennt: kein Bogen, keine Krümmung, die nicht unbedingt erforderlich waren, kein Farbenfleck, der seine dunkle Geschäftsjacke verunziert hätte. Das war mein »Wilder Westen«; es war unmöglich, sich zu irren.

Und in der Tat, am Fuß der haushohen Schiffswand, die fensterlos und senkrecht von der Landungsplattform aufstieg, standen schon in wildem Gewirr etliche dreißig wuchtige Kisten, ein Lokomotivkessel, ein halbes Dutzend schmiedeeiserner walzenförmiger Riesenräder, wie sie auf dem leichten Bretterboden der Levees noch nie gesehen worden waren. Der »Wilde Westen«, das war klar, ließ sich nicht viel Zeit. Die Kisten und Räder gehörten mir; mein Dampfpflug war schon halb ausgeladen. Da er als Deckladung herüberkam, war er das erste, was das Schiff ans Land setzen mußte. In reiner Freude kletterte ich über die Kisten und feierte ein kleines Wiedersehen; ich war zu Hause in diesem zyklopischen Wirrwarr.

»Hallo! Wer ist da drunten?« schallte plötzlich hoch über mir eine scharfe Stimme, und ein Kopf erschien über der Schiffsbrüstung. »Wozu krabbeln Sie auf den Kisten herum?«

»Eigentümer der Kisten!« schrie ich hinauf.

»Gut, daß Sie kommen!« rief es zurück. »Wir brauchen Platz. Morgen früh müssen sie abgefahren sein.«

»Na, so geschwind schießen die Preußen nicht!« rief ich hinauf, mich in meinem Kistenheimatsgefühl ein wenig vergessend.

»Was?« brüllte es herunter.

»So schnell werden die Nigger von Louisiana nicht kutschieren,« übersetzte ich dem Mann, der jetzt am Nachthimmel etwas deutlicher zu sehen war. »Haben Sie einen Engländer mitgebracht, einen Monteur?«

»Nicht daß ich wüßte,« war die Antwort.

»Was!« schrie ich entsetzt, »keinen Monteur von Fowler aus Leeds? Einen Passagier, James Parker. Sie müssen einen Passagier mitgebracht haben.«

»Wir führen keine Passagiere. Nur manchmal aus Gefälligkeit – ausnahmsweise!« erklärte der Mann von oben.

»Dann ausnahmsweise! Sie müssen James Parker an Bord haben! Den Mann, der zu den Maschinen gehört!« Ich bestand darauf und fühlte, daß ich zornig wurde.

»Mein guter Herr«, rief es begütigend zurück, »ich bin der Zahlmeister des Wilden Westens und sollte es wissen. Wir haben ausnahmsweise einen Methodistenpfarrer mitgenommen und seine zwei Töchter. Wenn Ihnen mit diesen gedient ist, aber sie sind aus Bradford.«

»Also keinen Monteur, der zu den Kisten gehört?« rief ich nochmals hinauf und fühlte, daß mich die Kraft meiner Lungen verließ.

»Keinen Monteur!« tönte es wie aus weiter Ferne zurück. Der Kopf des Zahlmeisters war verschwunden.

Ich setzte mich und dachte nach. Also kein Monteur, kein Brief, keine Erklärung nach der feierlichen Zusage, daß Parker mit den Kisten ankommen solle! Was konnten sie in Leeds gedacht haben? Wußten sie doch so gut wie ich, daß kein einzelner Mann mit seinen zwei Händen einen Doppelmaschinendampfpflug in Bewegung setzen kann, der sich vom ersten Tag an wenigstens leidlich präsentieren sollte. Es handelte sich hier, wenn der Himmel nicht eingriff, um eine physische Unmöglichkeit.

Die Kisten um mich her, die jetzt der Mond grell beleuchtete, wuchsen mit ihren schwarzen, viereckigen Schatten ins Ungeheure; um das offene, rot angestrichene Feuerloch des ausgeladenen Kessels spielte ein dämonisches Lächeln. Ich kochte vor Zorn. Was konnten sie in Leeds gedacht haben? Mich so hinzusetzen! Aber ich kam nicht über die Frage hinaus. Über mir begannen die Sterne zu funkeln, still und friedlich, als ob hier unten alles in Ordnung wäre. Der reinste Hohn!

»Was machen Sie da droben?« näselte jetzt eine grätige Yankeestimme von unten, die zu einem herumlungernden Schutzmann gehörte, der wahrscheinlich an der Nachtwache der Levees beteiligt war.

»Luft schöpfen! Eigentümer!« brummte ich ohne Anstrengung, so mürrisch als möglich.

»Gut, daß Sie kommen!« sagte auch dieser Mann. »Die Kisten müssen morgen früh von der Levee abgefahren werden, Mister! Und so schnell als möglich. Die Levees sind für Baumwolle gebaut, nicht für vierschrötige Eisenklumpen wie diese Engländer.« Er klopfte entrüstet auf meine Kisten. »Die Fundamentpfähle sind heute abend schon um drei Zoll gesunken, sagte der Leveeinspektor. Sie werden eine gesalzene Rechnung bekommen, Mister Eigentümer! Wenn die Bohlen brechen, ist der Teufel los.«

Ich hütete mich, zu antworten, und schlüpfte lautlos von meiner mondbeglänzten Höhe auf der andern Seite des Kistengebirge in die Tiefe.

Fünf Minuten später sah man entlang der finsteren Schattenseite der Tschapatulastraße einen Mann, den Hut über die Augen gedrückt, mit gesenktem Kopfe langsam seiner Wohnung zusteuern. Manchmal murmelte er halblaut vor sich hin. Dann versank er wieder in Nachdenken. Der Mann war ich.

Und ich fühlte nur eins: noch ehe ich heute einschlief, mußte ich wissen, was am nächsten Morgen zu geschehen hatte.

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