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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Allahuh!

Mit dem Gefühl, daß ich für heute genug erlebt und gehört habe, ließ ich den Vorhang meines Zeltes fallen und suchte bei Streichholzbeleuchtung in dem aufgerissenen Koffer nach Papierlaterne, Drahtstift und Bindfaden, Dinge, die ich auf allen meinen Kreuz- und Querfahrten mitzuführen gelernt hatte. Der Drahtstift wurde kunstgerecht durch die Leinwand des Zeltdachs gesteckt, Bindfaden und Laterne daran befestigt und bald erstrahlte das Innere meiner Behausung in dem milden, dem sehr milden Licht einer Kerze, welches durch das geölte und teilweise bemalte Papier des »Fanus« drang und wie in einer gotischen Kirche da und dort einen grünen oder roten Streifen auf das Chaos warf, das mich umgab. Nach wenigen Minuten jedoch hatte alles leidliche Form und Gestalt angenommen und sah sogar wohnlich aus für ägyptische Begriffe. Luxuriös stand das frischgemachte Bett auf der Binsenmatte, die ich Halim verdankte, der Koffer bildete einen vortrefflichen Salon-, Eß- und Waschtisch, der Rest der Reisesäcke und Kameltaschen lag aufgeschichtet im Hintergrund, und der Glanzpunkt der Einrichtung, der Schaukelstuhl, lud zu üppigem Lebensgenuß ein. Ein leises Summen entlang dem Zeltdache erinnerte mich allerdings an die Möglichkeit kommender Leiden, und ich begann über einen Plan nachzudenken, wie ich mein Moskitonetz befestigen und ordnungsgemäß aufhängen könnte. Weitere Drahtstifte durchbohrten das Zeltdach. Aber es gelang nicht sofort. Wenn das Netz am einen Ende glücklich befestigt war, kam es am andern, wie von Geisterhänden bewegt, graziös wieder herunter, und die kleinen Teufel, die es umschwärmten, um sich beizeiten auf der richtigen Seite des verhaßten Gewebes zu befinden, schienen laut und vergnügt zu zischen. Doch Ungeduld half nicht weiter. Ich wußte, daß meine Seelenruhe für die nächsten sechs Stunden an diesem Netze hing, zog meinen Rock aus und begann die Arbeit von neuem.

Während ich, nicht ohne Lebensgefahr auf dem Schaukelstuhl stehend, neue Befestigungspunkte über meinem Kopf konstruierte, fühlte ich, daß der Zeltvorhang sich bewegte, und hörte ein schweres, stöhnendes »Uff!« hinter mir. Es klang düster, gespenstisch, fast nicht menschlich. Der harte, heiße Tag und die grusliche Geschichte von Abbas hatte meinen sonst nicht leicht erregbaren Nerven vielleicht über Gebühr zu gesetzt. Oder war es die Sumpffieberluft, an der es in Kassr-Schech nicht fehlte? Es rieselte mir kalt den Rücken herauf, während ein heißer Lufthauch über meine feuchte Stirne zog.

»Uff!« stöhnte es wieder, tiefer, herzbeklemmender als zuvor.

Ich sprang mit einem kühnen Satz vom Schaukelstuhl, auf die Gefahr hin, auf der Nase zu landen. Ein langes Gespenst stand im Zelt, in einen weißen Kaftan gehüllt, der auf dem Boden schleifte, und keuchte zum drittenmal »Uff!«

Aber es war nicht mehr gefährlich; es war Rames Bey. »Baschmahandi,« begann er mit schmerzlicher Heftigkeit flüstern, »hast du Wein mitgebracht? Ich verdurste.«

Wie das Tirolerdeutsch kennt das Arabische kein »Sie«. Wenn Rames Französisch mit mir sprach, ließ er es an Höflichkeit nicht fehlen. So oft ihn aber etwas tief bewegte, fiel er hilflos in die Landessprache zurück, in der wir uns selbstverständlich duzten.

»Wein, o Bey?« antwortete ich erleichtert und ebenfalls flüsternd, denn es war nicht nötig, das Lager zu alarmieren, wenn es sich hierum handelte. »Wein suchst du? Bist du ein Gläubiger, o Rames?«

»Ich verdurste,« versicherte der Bey und deutete mit dem Daumen vorwurfsvoll über die Schulter. »So ist er nun einmal. Hast du in Schubra jemals mit ihm gegessen, ohne daß er dir Wein vorsetzte? Und in Wien und in Paris gewöhnte er mich förmlich daran. Soll man jetzt in dieser trockenen Wüstenluft zugrunde gehen? Ich bitte dich bei dem Allbarmherzigen, gib mir einen Schluck Wein!«

»Heute, o Bey, in der heiligen Nacht des Verhängnisses!«

»Die Stunde ist vorüber; der Lotosbaum ist geschüttelt. Liegt mein Blatt am Boden, so hilft alles nichts mehr,« belehrte mich Rames. »Und wenn du keinen Wein hier hast und kein Erbarmen, so fällt es noch nachträglich zur Erde. Suche! Offne deinen Koffer! Der Allgütige wird dich segnen.«

»Bist du des Kuckucks? Wenn man dich erwischt!« mahnte ich mit einiger Besorgnis.

»Wir sind auf Reisen – ich bin krank; und mehr als all das: die Tore der Buße stehen dem Gläubigen offen zu jeder Zeit. Vorläufig aber muß ich etwas zu trinken haben.« Ein Lichtstrahl erhellte sein Gesicht. Er hatte sich selbst an den Koffer gemacht und eine der zwei Flaschen Ungarwein gefunden, die in einem Winkel desselben geborgen lagen. Aus der unerschöpflichen Tiefe seiner Beinkleider erschien mit erstaunlicher Geschwindigkeit ein Korkzieher.

Die Szene war mir weder überraschend noch neu. Rames Bey war kein Fanatiker seines Glaubens und hatte nicht zum erstenmal Trost und Stärkung bei mir gesucht, wenn ihm sein Adjutantendienst zu trocken oder zu heiß wurde.

»Gut!« sagte ich, brachte eine Teetasse und ein Weinglas hervor und wandelte den Koffer wieder in einen Tisch um. »Setze dich, Rames. Ich bin gerne bereit, wenn es dein Gewissen erlaubt, ein Gläschen mit dir zu trinken. Es war heute staubig und schwül genug. Setze dich!«

Er betrachtete den Schaukelstuhl mit mißtrauischer Miene. Dann warf er sich dröhnend auf mein Bett, griff nach der Teetasse und schlürfte das verbotene Getränk mit unendlichem Behagen.

»Gut, sehr gut,« schmunzelte er mit dem Gesicht eines Schuljungen, der Apfel stiehlt. »Warum ließ Allah Reben wachsen und will sie seinen Gläubigen entziehen? Sind wir Narren oder Wachabiten? Wer weiß, ob unsre Schriftgelehrten den Koran richtig verstehen. Er gibt uns die Wahrheit, aber wir müssen sie deuten. Schenke mir noch ein wenig ein, mein Bruder!«

Für einen Riesen wie Rames Bey war eine Teetasse Ungarwein allerdings keine Völlerei. Ich füllte seine Tasse und mein Glas wieder und setzte mich in den Schaukelstuhl, während sich Rames zurücklegte, wie wenn er die Nacht trinkend bei mir zuzubringen gedächte. Sein Gesicht wurde ernst, wie es gewöhnlich war.

»Du hast heute mehr gehört, als der Prinz den Fremden zu erzählen liebt,« sagte er nachdenklich, »aber doch nur die H.älfte.«

»Willst du mir die andre Hälfte erzählen?« fragte ich mit erwachender Neugier.

»Willst du mir ein klein wenig Wein geben, mein Bester?« fragte er.

Ich füllte seine Tasse zum drittenmal. Die Flasche war schon über die Hälfte leer. Er warf einen prüfenden Blick auf ihren Inhalt.

»Setze dich näher zu mir,« sagte er. »Es geht nicht, von diesen Dingen laut zu sprechen. O Allah, wie bist du gütig in allem, was du geschaffen hast!« Damit setzte er die dritte Tasse an den Mund, warf sich auf das Bett zurück, sah mit starren Augen an die Zeltdecke und begann zu erzählen, einförmig, flüsternd, wie wenn er aus einem Buche läse. Ich saß in dem Schaukelstuhl, mit gespannter Aufmerksamkeit lauschend. Es war nicht leicht, ihn zu verstehen, und es ist nicht unmöglich, daß ich ihn da und dort mißverstanden habe. Aber ganz unmöglich ist es, in seiner Sprache wiederzugeben, was er mir mitteilte, den düsteren Zauber dieser fremden Welt hervorzurufen, die in fast unartikulierten Lauten jener Nacht mich umspann. Er sprach meist Französisch, das Französisch eines ägyptischen Mamelucken. Dazwischen, wenn er in Eifer geriet, kamen lange arabische Sätze, dann türkische Worte und hier und da ein Ausruf, fremd und wild, der im Kaukasus verstanden worden wäre. Ich suche zu geben, was vom Wesentlichen seiner Erzählung mir in der Erinnerung haftet, und übersetze, so gut es geht, was unübersetzbar bleiben wird. Denn was auch die Gelehrten schreiben mögen, der Westen und der Osten sprechen keine Sprache, die beide verstehen.

»Sie kennen die Geschichte Mohammed Alis,« begann er, »des großen Vizekönigs, des Vaters unseres Herrn, wie er klein nach Ägypten kam, ein großes Reich eroberte und die Welt bis gen Stambul erschütterte. Doch als er starb, hinterließ er nichts als ein erschöpftes Land. So war es mit allem, was er besessen hatte; nach dem Willen Gottes. Von der Schar seiner Kinder lebten nur noch sieben, fünf Söhne und zwei Töchter. Dazu war der älteste, Ibrahim, der gewaltige Feldherr, nicht sein Sohn. Das wußte alle Welt, wenn man es auch nicht zu hören liebt. Denn unser heutiger Vizekönig, Ismael Pascha, ist dessen Sohn. Ibrahim aber war nur der Stiefsohn des großen Paschas und hat nicht einen Tropfen vom Blute Mohammed Alis in seinen Adern. Ebensowenig hat Ismael. Aber Gott gibt die Macht, wem er will.

»Mohammed Ali, Friede sei mit ihm, litt nicht an einem allzu weichen Herzen. Aber er liebte Tussun, seinen ältesten Sohn, wie er keinen andern geliebt hat. Dies war sehr merkwürdig, denn Tussun war sanft, griff lieber nach Büchern als nach dem Schwert und konnte seinen Feinden nichts zuleide tun. Trotzdem war er tapfer, wenn es seine Pflicht gebot, und focht in Syrien und Arabien gleich jedem andern wackeren Moslim. Ob er an der Pest starb, wie die einen glauben, die erzählen, daß er von einer schönen Griechin nicht lassen wollte, die sterbend in seinen Armen lag, oder an einem Trunke Scherbet, der allzu süß war, das weiß nur Gott und Ibrahim Pascha, sein Stiefbruder, der ihn haßte. Niemand wagte, dem Vater die Nachricht vom Tode seines Lieblings zu bringen. So legten sie die Leiche vor das Schlafgemach des Vizekönigs, daß er sie finden mußte, wenn er des Morgens aus dem Harim trat. Der starke, trotzige Mann, der nichts geliebt zu haben schien als seine Macht, brach zusammen wie ein Weib. Selbst die, die ihm den Schrecken bereitet und den Toten vor seine Türe gelegt hatten, entgingen der Strafe. Er selbst wurde fünf Tage lang von niemand gesehen. Dann kam er wieder zum Vorschein, ruhig und finster wie die Mitternacht, und befahl, den kleinen Sohn Tussuns aus dem verwaisten Harim seines Sohns in das des Großvaters zu bringen. Das war Abbas, der Knabe, der Abbas Pascha wurde.

»Aber auch eine Tochter hatte der große Vizekönig, die er liebte: Zohra. Ganz Kairo spricht heute noch nur flüsternd von ihr, denn sie wurde Zohra Pascha.

»Sie war im Alter von Abbas, vielleicht um ein Jahr jünger, und das Spielzeug ihres Vaters. Sie allein durfte ihn am Barte zausen und tanzte für ihn wie eine kleine Gazije, daß ihm die Tränen des Lachens in die Augen traten. Aber das war es nicht, weshalb er sie liebte. Aus ihren blitzenden, kohlschwarzen Augen sah der Vater, wie bei keinem seiner Kinder. Sie war eine Königin von fünf Jahren und herrschte in ihrem kleinen Kreise mit einem Willen von Eisen. Sie war ein Engel, wenn sie lächelte, aber wenn der Zorn sie beherrschte, war sie eine kleine Teufelin. Beides freute ihren Vater. So hatte er sein eisernes Regiment am Nil aufgerichtet, obgleich Tausende sich gegen ihn erhoben hatten. Er wußte, wenn er sie spielen sah, daß sein Ebenbild in dem Mädchen lebte, und er liebte sich selbst in dem Kinde.

»Abbas sollte ihr Gespiele sein. Die beiden Kinder waren noch klein genug, um auf ein paar Jahre zusammen erzogen zu werden, und der Pascha wollte sich in den Mußestunden an ihrem Geplauder vergnügen. Aber es ging nicht gut. Abbas war nicht wie sein Vater; er war ein böser, herrischer junge von klein an. Auch bei ihm zeigte sich der Geist des Großvaters: sein Stolz, seine Herrschsucht, sein Eigenwille, aber nicht die Klugheit und die Selbstbeherrschung, die die Größten groß macht. Schon nach wenigen Tagen maßen sich die Kinder mit feindlichen Blicken. Ich bin ein Mann, sagte der Junge und ballte die Faust, wenn man ihm sein liebstes Spielzeug, seinen Dolch, entwand, du bist nur ein Mädchen. Ich bin seine Tochter, schrie Zohra, blau vor Zorn, du bist nur der Junge meines Bruders! Mohammed Ali hatte es leichter gefunden, der alten Mameluckenfürsten Herr zu werden, als diese zwei kleinen Feuerteufel zu regieren.

»Die gemeinsame Erziehung kam zu einem raschen Abschluß, als eines Tages in den Gärten zu Roda Abbas der Prinzessin das stolze Näschen blutig geschlagen und sie dem Prinzen die Haarlocke ausgerissen hatte, die auf seinem glattrasierten Köpfchen prangte. Beide bluteten, und aus zwei gellenden Kinderkehlen schrie das vergossene Prinzenblut gen Himmel. Diener und Dienerinnen, welche die Katastrophe nicht verhindert hatten, erhielten gebührend die Bastonade. Der kleine Prinz wurde mit einem französischen und einem arabischen Lehrer nach der Militärschule zu Kanka verbannt, mit der Weisung, daß er sich am Hofe nicht mehr zeigen dürfe, bis er lesen und schreiben gelernt habe, wogegen er sich bis jetzt beharrlich gesträubt hatte. Die Prinzessin erhielt eine englisch-französische Gouvernante, die in Paris gefunden worden war. Tatsächlich war Miß ODonald eine Irländerin, sonst hätte der Pascha sie wohl nicht berufen, denn die Engländer waren nicht seine Freunde, und es wäre klüger gewesen, er hätte sich auch vor den Iren besser gehütet; sich und seine Tochter. Die Europäerin war ein wunderliches Wesen, klug und verschlagen, aber voll Lebenslust und Neugier und Abenteuer. Damals waren noch wenige Frauen des Westens in unsre Harims gedrungen. Sie glaubte, die Geschichten aus Tausendundeine Nacht ließen sich weiterspinnen in unsern Tagen. Manchen Bey und manchen kleinen Pascha führte sie an der Nase herum und merkte kaum, wie gefährlich dies ist. Davon erzählen die alten Mamelucken noch, die zu jener Zeit am Hofe dienten. Die Prinzessin aber wuchs heran, und bald wußte man nicht mehr, wer die Erziehung leitete, die Gouvernante aus Irland oder die kleine Fürstin des Nils. Es war eine Freundschaft! Nur die alten Damen des Harims ärgerten sich und murrten, und die jungen schalten und flüsterten, und schon längst hätte es einen großen Aufruhr gegeben, wenn nicht Zohra ihrem alternden Vater alles vom Mund geküßt hätte, wie ihr bunter Kakadu den Zucker aus ihrem Munde nahm. Viele liebten sie, trotz allem. Sie konnten nicht anders, so schön war sie geworden.

»Damals war mein Herr, Halim Pascha, ein kleines Kind, ihr jüngstes Brüderchen. Sie scherzte und spielte mit ihm, und er hielt sie für einen Engel des Paradieses. So kam es, daß er noch heute nichts davon hören kann, was man von ihr erzählt, obgleich sie hinging, von wo kein Wiederkehren ist. Nicht ihr Leib. Der Allbarmherzige sei ihr gnädig. Er weiß, ob ihre Feuerseele Ruhe gefunden hat. Die ist dahin für immer.

»So verflossen acht Jahre. Abbas hatte lesen und schreiben gelernt und war längst wieder in Kairo. Auch hatte er jetzt sein eigenes Haus und Harim und war schlau genug, die Gunst seines Großvaters, der ihn mit kindischen Liebesbeweisen überhäufte, so rasch nicht wieder aufs Spiel zu setzen. Es rächte sich alte Härte. Der große Mann brauchte ein wenig Liebe in seinen letzten Jahren und wußte nicht, wo er sie suchen sollte. Da ereignete sich etwas Entsetzliches, von dem nur wenige Mamelucken und Eunuchen so viel erfahren haben wie ich. Denn damals schon gehörte ich zu Abbas Hause, und da ich ein allzu kleiner Junge war, achtete niemand darauf, daß ich mehr hörte, als gut für mich gewesen ist.

»Es war das Fest der Hassanen, an dem sich. Tausende in der Moschee des heiligen Märtyrers Hussein versammeln, um vor dem Schrein zu beten, in dem der Kopf des Helden Allahs begraben liegt. Besonders kommen Frauen. Das ist eine alte Sitte, wie du weißt, denn du hast sicher das Heiligtum auch besucht, obgleich du dich noch weigerst, den Propheten zu segnen. Gib mir noch etwas Wein, o Bruder! Die Geschichte macht mir warm! Uff!«

Ich füllte seine Tasse bis zum Rand und schmuggelte mit Taschenspielergeschicklichkeit die zweite und letzte Flasche, die ich besaß, aus dem Koffer. Er tat, als ob er nichts bemerkte, brummte befriedigt und fuhr fort:

»Frauen können es nicht lassen, den Helden des Glaubens nachzulaufen, in dieser und in jener Welt. Um die dritte und vierte Nachtstunde des großen Festes des Mulid el Hassanen wimmelte deshalb auch die Moschee der Heiligen, so daß die Derwische kaum Raum finden für ihre Sikrs, und das Allahu und das Geschrei den toten Krieger Gottes wecken könnten. Mitten im Gedränge war auch die Prinzessin Zohra mit ihrer Gouvernante und zwei Eunuchen des vizeköniglichen Harims. Auch sie wollte beten, denn sie verehrte die Helden mehr als den Propheten, der doch der erste aller Helden ist. Die Leute wichen aus, so gut es ging, aber es gelang den Eunuchen nur schlecht, Platz für die Damen zu machen. Wenn der Geist der Derwische die Menge packt, ist ihr eine Prinzessin wie ein anderes Weib. Da plötzlich erhob sich ein furchtbares Geschrei und Getümmel. Sie hatten einen Christen entdeckt, der in die Moschee geschlichen war. Heute ist es anders. Damals war es noch ein großes Verbrechen und eine Entheiligung; wenn ein Ungläubiger sich dem Schrein Husseins näherte. Hunderte Stöcke erhoben sich, Messer funkelten, Flinten gingen los. Es war ein großer blonder Mann, der gegen eine Säule lehnte und, wie ein Wolf von Schakalen umringt, sein Leben zu verteidigen hatte. Der Turban war ihm abgefallen. Das blonde Haar zeigte jedem, daß er aus dem Norden und ein Nusrani war. Er hatte eine nagelbeschlagene Keule in der Hand, die er einem daliegenden Derwisch entrissen hatte. Zwei andre stürzten heulend zu Boden. Aber sie drängten von hinten, namentlich die Weiber. Was war der eine gegen Tausende. Er mußte erdrückt werden.

»Da erkannte die Gouvernante den Mann und schrie auf. Es war ihr Bruder. Und die Prinzessin verstand alles, wie wenn ein Blitz des Allmächtigen sie erleuchtet hätte; erleuchtet und berückt. Auch sie stieß einen Schrei aus, so laut, so gellend, daß die tolle Menge stillstand, solange sie den Arm ausstreckte. Der junge Engländer aber, den blutenden Kopf gebeugt, gehorchte ihrer drohenden Hand und ging festen Schrittes durch die Menge, die ihm murrend eine Gasse öffnete. Als er verschwunden war, brach das Geheul aus wie ein entfesselter Sturm: Allahu! Allahu! und die Prinzessin warf ihre Arme gen Himmel und rief mit: Allahu! Das war ihre erste Begegnung.

»Auch zwei von den jungen Mamelucken Abbas Beys – er war damals erst Bey – hatten sich in der Moschee befunden. Sie hatten alles mit angesehen und brachten die Geschichte nach Hause. Er sei an der Säule gestanden wie ein wahrhaftiger Deli, ein Krieger aus der Zeit der Helden. Er hätte noch ein Dutzend erschlagen, ehe man ihn überwältigt hätte. Aber eine Schande sei es, daß ihn die Weiber gerettet hätten. Ich dachte ebenso. Abbas ließ sich alles dreimal erzählen und war still wie eine Schlange, die sich zum Sprung zusammenrollt.

»Einige von uns wurden auf Kundschaft geschickt. Wir erfuhren, daß er ODonald hieß. Er war ohne Zweifel der richtige Bruder der Gouvernante. Als Soldat war er mit den Engländern zum erstenmal nach Ägypten gekommen, während sie im Jahre 1840 nach der Belagerung Beiruts unter Napier vor Alexandrien lagen. Damals hatte das Glück den großen Pascha verlassen. Er konnte es nicht hindern, daß seine Feinde Nilwasser tranken, so viel ihnen beliebte. Und nun kamen sie zurück, einer um den andern. Denn wer Nilwasser getrunken hat, sagen die Araber und sie sagen die Wahrheit, kommt wieder an den Nil. Der Strom läßt dich nicht mehr los. Du wirst es noch erleben, O Baschmahandi, wenn du uns verlassen solltest. Vielleicht hatte ihm auch seine Schwester geschrieben, die seit einigen Jahren wie die Schwester Zohras gehalten wurde. Kurz, er war nach Alexandrien gekommen und lebte dort seit etlichen Monaten als Beamter der Schiffsgesellschaft, die den Überlandverkehr von dort nach Suez leitete. Er war keiner ihrer großen Kaufmannsfürsten, keineswegs! Aber er war schön und stark, und wenn er seiner Schwester glich, so hatte er heißeres Blut, als seine Landsleute gewöhnlich haben.

»Gott weiß, was dann geschah. Er ist der Allwissende und weiß, was er tut; nicht wir. Zohra hätte längst verheiratet sein können, aber ihr Vater verlangte einen Sultan für sie oder den Sohn des Kalifen. Der Schah von Persien wäre ihm zu gering gewesen, und so hatte es sich nicht machen wollen. Denn auch sie dachte wie ihr Vater. Aber nun kam es über sie gleich einem Wirbelwind. Die Liebe verzehrte sie wie ein Feuer. Sie weinte die heißen Nächte durch. Sie biß seine Schwester in die Wange vor Sehnsucht, oder weil diese ihr nicht helfen wollte, ihn zu sehen. Denn die Engländerin erschrak vor solcher Leidenschaft. Immer wieder hatte sie von ihrem Bruder erzählen müssen: wie er als Knabe gelebt, wie er im Sudan Löwen gejagt und in Indien gefochten habe, und jedes Wort begann sie zu bereuen. Denn es war Gift für Zohra. Sie schrieb und warnte ihren Bruder, der nach Alexandrien zurückgekehrt war und bald alles wußte, was mit der Prinzessin vorging. Doch anstatt zu fliehen, ließ sich der Betörte nach Kairo versetzen, wo seine Gesellschaft ein Kaufhaus zu errichten gedachte.

»Sie sahen sich wieder in der dritten Nacht des folgenden Beirams. Du weißt, o Baschmahandi, wie in diesen Nächten arm und reich, groß und klein auf die Friedhöfe zieht, um an den Gräbern zu beten und den Toten zum Feste Glück zu wünschen. Im Süden und Norden der Stadt, auf den öden Sandhügeln, wo sonst nur der schrille Jammer der Klageweiber gehört wird oder das Heulen des Schakals, sammelt sich die halbe Stadt im Festschmuck. Es ist ein lustiges Leben. Die Kinder schaukeln mit den Alten, Derwische beten ihre Sikrs, und dazwischen tanzen die Gawasis»Gawasis« sind die zünftigen Tänzerinnen, die »Almehs« die Sängerinnen, die »Schoara« die Märchenerzähler des Landes., singen die Almehs und erzählen die Schoara ihre Geschichten. Für die Nacht werden Zelte aufgeschlagen, und das Getümmel wird kaum stiller, ehe die Morgendämmerung über die Felsen des Mokkatam heraufsteigt. Auch Zohra zog mit ihrem Harim nach der Grabstätte ihrer Brüder und Schwestern, und dort, unter der erbleichenden Mondsichel, sahen sie sich wieder.

»Ich glaube, sie liebte ihn, wie in alten Zeiten schöne Frauen die Helden des Glaubens geliebt haben, denen Allah einen Vorgeschmack des Paradieses geben wollte. Und auch er mag sie geliebt haben wie ein Wahnsinniger, denn er mußte wissen, daß er sich zwischen nackten Dolchen bewegte und Schlimmerem. Ob sie den Plan hatten zu fliehen oder nur an ihre Liebe dachten, weiß ich nicht; beides war gleich toll.«

»Aber, Rames Bey,« unterbrach ich den Tscherkessen endlich, denn auch mir wurde die Geschichte zu toll, »wenn das alles auch nicht ganz unmöglich klingt: woher weißt denn du, wie es in Zohras Harim und Herzen aussah? Du warst damals ein kleiner Mameluck, der Abbas Paschas Pfeifen blank hielt. Die Prinzessin hat dir ihre Geheimnisse wohl nicht anvertraut.«

»Auch ich weiß es erst seit vier Jahren,« antwortete Rames gekränkt. »Halim Pascha hielt sich zum drittenmal damals längere Zeit in Paris auf, und ich durfte ihn begleiten. Eines Tages gingen wir frühmorgens an der Kirche von St. Sulpice vorbei, als die Leute aus ihrer Messe kamen. Da ging ein bleiches großes Frauenzimmer mit schneeweißen Haaren dicht an uns vorüber, und Halim erkannte sie. Es war Lucie ODonald, die frühere Gouvernante seiner Schwester. Wir liefen ihr nach; wir besuchten sie. Halim wollte ihr Geld geben, aber sie hatte genug, mehr als genug. Sie erzählte ihm aus jenen Tagen des Glücks und des Schreckens, was ich nie zu erfahren erwartet hatte. Aber Gott sieht alles und redet, wann er will. Der Allgegenwärtige lebt in Paris unter den Ungläubigen wie in Musr und offenbart alle Geheimnisse zu seiner Zeit und an seinem Ort! Ich bitte dich um etwas Wein, o Baschmahandi.«

Ich öffnete, um die Gefühle des frommen Mamelucken nicht nutzlos zu verletzen, die zweite Flasche heimlich unter dem Koffer und füllte seine Tasse.

»Das Schicksal rollt seinen harten Weg entlang,« fuhr er fort; »es war nicht mehr zu halten. Zohra hatte eine prachtvolle DahabieDahabie heißen die Nilboote, die für den Personenverkehr eingerichtet sind, in denen man unter Umständen auch monatelang zu wohnen pflegt., das Geschenk ihres Vaters. In der Nacht des Nildurchstichs fuhr sie aus dem festlichen Gedränge der Boote, unter dem Schießen und dem Feuerwerk der Fantasia, die der Vizekönig gab, in die Nacht hinaus gegen Schubra. Der Engländer besaß eines jener langen Boote seiner Landsleute und ruderte wie ein Fisch. Er ruderte in tiefer Nacht dreimal um das Boot der Prinzessin. Sie sang ihm aus dem Fenster der goldglänzenden Kajüte ihre arabischen Liebeslieder, bis sie schluchzte. Auf dem Deck stand seine Schwester, zitternd vor Angst. Denn es war nicht die Nacht für ein solches Abenteuer, mit tausend Lichtern, die auf dem Nil hin und her schwammen wie warnende Geister. Aber sie wußten nicht mehr, was sie taten. Das Feuer hatte beide erfaßt.

»Später, und nicht nur einmal, fuhr die Dahabie der Prinzessin in finstrer Nacht von Roda, wo sie einen Garten besaß, den Nil herab über Bulak hinaus. Dort, im Schatten der hohen Dämme, lag sein Boot und schoß wie ein Gespenst über die braune, gurgelnde Flut, wenn sich das einsame Licht zeigte, das in ihrer Kajüte brannte. Ihr Mut wuchs mit der Gefahr: aber dies war allzu gefährlich. Sie war ihrer Dienerinnen sicher und des Eunuchen, der sie begleitete, aber die Schiffer und der Reis»Reis« heißen die Kapitäne der Nilboote., obgleich sie fürstlich belohnt wurden, konnten plaudern. Die Wasserfahrten mußten aufhören, und dann fand ODonald den Weg in den Garten ihres Harims.

»Niemand, selbst wir nicht, wußten, wie Abbas Bey, unser Herr, lauerte. Er hatte die Jahre der Militärschule zu Kanka nicht verschmerzt und glaubte, daß er sie nur Zohra zu verdanken gehabt habe. Er wußte bald mehr als genug. Es lebte damals eine französische Jüdin, Madame Ricochette, in Kairo, die mit Schmuck und Juwelen aus Paris handelte und in allen Harims der Vornehmen aus und ein ging. Abbas kannte das Weib und bezahlte sie mit der Freigebigkeit des Hasses. So erfuhr er, was er zu wissen wünschte.

Und so kam es, daß er mit vier bewaffneten Mamelucken ODonald am Gartentor des Harims der Prinzessin begegnete, als dieser den Garten im ersten Morgengrauen verließ. Sie hatten stundenlang gewartet. Doch wagte Abbas nicht, einzudringen. Es war das Harim der Tochter seines Großvaters. Von ungeduldiger Wut verzehrt, hielt er vor dem Türchen Wache, das ihm die Jüdin bezeichnet hatte. ODonald war nicht ohne Waffen. Zwei Mamelucken lagen blutend am Boden, ehe die zwei anderen vor dem wütenden Teufel, wie sie nachher gestanden, die Flucht ergriffen. Abbas, der kein Feigling war, trat ihm entgegen. Aber das Blut des Engländers war in Wallung. Ein Fußtritt schleuderte unsern dicken jungen Herrn in den Graben am Weg. ODonald ging langsam davon; hinter ihm ein wimmerndes Schlachtfeld.

»Er hatte Abbas schwerlich erkannt, aber er wußte, daß alles zu Ende war. Doch hatte er noch heilige Pflichten, ehe er an seine Rettung denken konnte. Er mußte Zohra warnen und seine eigne Schwester retten. In solchen Stunden verwirren sich die Sinne. Nur Allah kann dann helfen. Aber weshalb sollte Allah den Ungläubigen retten? War er nicht frech genug und reif für seine Strafe?

»Er wendete sich, nicht zum erstenmal, ebenfalls an die Jüdin, die er als Kaufmann kannte und der er lachend manchen guten Dienst geleistet hatte. Alles ging wunderbar glücklich, wie es ihm schien. Madame Ricochette machte keinerlei Schwierigkeiten, trug seine Botschaft und brachte Antwort. Er mußte Zohra in der kommenden Nacht noch einmal sehen, zum letztenmal; und seine Schwester mußte Kairo mit ihm verlassen. Das war sein Plan, soviel man weiß.

»Aber sie sahen sich lebendig nicht wieder. An der Schwelle des Harims, in Zohras Garten, wurde er erschossen. Abbas Bey hatte seinen Großvater benachrichtigt. Dieser hatte ihm sechs Arnauten gegeben, gute, zuverlässige Schützen. Er stellte sie ins Gebüsch an den Weg, den der Engländer kommen mußte, und ODonald hatte sechs Kugeln im Leib, ehe er am Ende dieser feuerspeienden Gasse zusammenbrach. Dann kam Zohra aus dem Hause wie eine Löwin. Zwei der Arnauten hatten die Leiche schon auf ein Maultier geladen, das ebenfalls im Gebüsch des Gartens stand; denn Abbas war kein schlechter Organisator. Die andern sollten ihn schützen, als er der Prinzessin lachend entgegentrat. Sie hatten keine große Mühe. Zohra stürzte von selbst zu Boden, von einem Afrit gerissen, und mit den Händen im Blut ihres Geliebten wühlend. Solche Frauen werden nicht ohnmächtig wie die euern im Westen.

Aber es kam noch Schlimmeres. Der Teufel in Abbas war munterer geworden wie noch nie zuvor. Er ließ die Leiche des Engländers nach Schubra führen und sah, daß sie dort in einem abgelegenen Felde begraben wurde, aufrecht, mit dem Kopf nach unten, die Füße unbedeckt von Erde. Denn er sprach: Allah tue, was ihm gut dünkt! Die Hunde mögen die Füße fressen, die mich getreten haben. Eine Woche lang ließ er das Feld bewachen. Bei Tag durfte es niemand betreten; bei Nacht hatten Hunde und Schakale eine lustige Zeit. Nach drei Tagen war nichts mehr zu sehen. Du kennst das kleine Feld in der Nähe deines Hauses, hinter Mustapha Beys Garten. Es wächst nichts darauf als Disteln und Stachelkaktus, niemand getraut sich, es auszupflügen. Dort im Boden steht noch heute ein fußloses Gerippe auf dem Kopf. Allah wird dich segnen, wenn du mir noch ein klein wenig Wein gibst, o Baschmahandi!«

Ich nahm selbst einen Schluck.

»Die Gouvernante war in derselben Nacht, nur von zwei Dienerinnen begleitet, nach Alexandrien abgereist und befand sich am folgenden Abend auf dem ersten Schiff, das am nächsten Morgen den Hafen verlassen sollte. Die Prinzessin hatte nach einer Stunde der Betäubung dies angeordnet und sie reichlich mit Geld und kostbaren Steinen versehen. In Alexandrien hatten die Freunde ihres Bruders sie weiterbefördert, so daß nichts ihrer Flucht in den Weg trat. Was in jener Nacht geschehen war, blieb im Dunkeln. Die O'Donalds hatten keine Verwandten von Einfluß, die in Ägypten Nachforschungen anstellen konnten; die englische Gesellschaft wußte genug von der Sache, um zu schweigen. Weder unsre Basare noch eure Zeitungen erfuhren von dem Geschehenen. Was hätten sie auch sagen können? Der junge Engländer hatte sein Leben an seine Liebe gewagt und hatte das Spiel verloren.

»Wochenlang war Zohras Geist nicht unter den Lebenden. Sie bemerkte kaum, daß ihre alte Dienerschaft verschwunden war wohin, können Sie sich denken, und gewöhnte sich wie ein Kind an die neuen Gesichter. Auch sie hatte ein neues Gesicht: finster, verzerrt vom Schrecken und voll heißer Sehnsucht nach dem, was nicht mehr sein konnte. Einmal, als sie schon ruhiger geworden war, gelang es ihr, in der Abenddämmerung mit zwei Dienerinnen nach dem Felde hinter Mustapha Beys Garten zu fahren. Dort brach es wieder aus. Sie wühlte sich in die Erde. Aber sie wußte nicht, wo er begraben lag; die Hunde hatten ihr Werk getan. Und mit Not und Mühe und laut schluchzend brachten die Dienerinnen sie wieder in die Kutsche und zurück nach ihrem Harim. Sie wurden schwer bestraft. Zohra sah das Feld nie wieder, denn sie wohnte von jetzt an im Palast ihres Vaters und wurde gut bewacht.

»Das war um die Zeit, in der der Defterdar Achmed Bey nach seinen blutigen Feldzügen im Sudan wieder nach Kairo zurückgekehrt war. Er kam aus Kordofan. Dort war der dritte Sohn Mohammed Alis, Ismael, von den Arabern, die er zu unterjochen ausgesandt war, hinterlistig überfallen und mit seinen Mamelucken im eigenen Zelt verbrannt worden. Der Defterdar hatte diesen Mord zu rächen und schwur bei dem Allwissenden und Allgerechten, daß zwanzigtausend Köpfe für den einen Kopf des Sohnes Mohammed Alis fallen sollten. Er hielt sein Wort, wie es der Türke hält. Jahrzehnte nachher sprach niemand im Sennar seinen Namen aus, ohne zu zittern. Er war furchtbar wie das Unglück und glatt wie eine Schlange. Aber solche Leute konnte der große Pascha gebrauchen und ehrte sie, wenn sie seine Befehle ohne Zagen ausführten. Man sagte manchmal in Kairo, er habe ihm die höchste Ehre erwiesen: er habe ihn gefürchtet. Doch ist dies eine Lüge. Der große Pascha fürchtete Iblis, den obersten der Teufel, nicht. Aber er ehrte ihn, wie er keinen seiner Diener geehrt hatte, und gab ihm Zohra zur Frau. Die Tigerin dem Tiger von Sennar, sagte er lachend. Es fehlte nur, daß auch Zohra gelacht hätte. Doch sie schwieg.

»Achmed war stolz auf seine Frau und liebte die Pracht. Er baute sein Harim am Ufer des Kanals el Chalig, der durch die Stadt zieht, und schmückte es, wie seit der Zeit der Mameluckensultane kein Harim in Kairo geschmückt worden war. Dort lebten Tiger und Tigerin, wie Abbas höhnisch zu sagen pflegte, indem sie sich gegenseitig bewachten. Damit war Abbas wohl zufrieden, denn er fürchtete sich vor der Fürstin wie vor einer tollen Wölfin. Ob Achmed seine Frau liebte, weiß niemand. Er war kein Mann der Weiber. Er wartete auf ein zweites Sennar und verbarg seine Ungeduld nicht. Aber er wartete umsonst. Denn kurze Zeit nachdem er in sein neues Haus gezogen war und alle Frauen Kairos, die des Vizekönigs nicht ausgenommen, vor Neid krank geworden waren, nachdem sie Zohra besucht hatten, starb ihr Herr und Gemahl plötzlich. An einem Schlag, sagten die Hakims; an Gift, sagte Abbas. Gott weiß es; Gott und Zohra Pascha.

»Nun lebte sie wieder allein in ihrem Palast am Chaligkanal, und Jahre gingen vorüber. Mohammed Ali kämpfte mit der halben Welt. Nicht immer gab ihm Allah den Sieg, aber er blieb der größte Vizekönig der Welt, und seine Familie erhielt die Herrschaft über Ägypten für immer und allezeit. Aber das Land verblutete sich fast, und alles brauchte den Frieden, den uns Gott zuletzt schenkte.

»Von Zohra hörte man lange nichts, bis wunderliche und böse Gerüchte die Stadt durchliefen, erst leise, dann lauter. Die Leute erzählten sich's in den Winkeln des Basars. Man sprach davon in den Diwans und in den Konsulaten, und die jungen Herren wurden bleich, wenn es wieder aufs neue ausbrach, nachdem das alte Geschwätz verstummt und halb vergessen war. Ein schöner Levantiner, der an der Ecke der Muski einen Waffenladen gehabt hatte, war plötzlich verschwunden, dann der Dragoman des griechischen Konsulats, dann zwei Dalmatiner aus Triest, die im Sudan jagen wollten, dann ein Seidenhändler aus Lyon. Zwei-, dreimal fand man die Leichen der Vermißten in dem Kanal hinter Zohra Paschas Palast. Du weißt, was man sagte; man kann es heute in Büchern lesen, und ich glaube, man sagte die Wahrheit. Die Tigerin war toll geworden, hieß es. Aber sie war schlau und wußte die Männer zu locken, daß sie ihr von selbst in den Rachen liefen. Die Schoara sangen die alte Geschichte von der Kattalet-esch-Schugan, der Männertöterin, öfter als gewöhnlich, und die Leute winkten ihnen, zu schweigen. Das Treiben dauerte mehrere Jahre. Man erzählte sich's entsetzt, wenn wieder eine Leiche im Kanal gefunden wurde, doch wagte niemand, weiter zu suchen. Zu entdecken war so gefährlich wie zu verstecken. Selbst wir Mamelucken fürchteten uns und schlichen scheu an dem verschlossenen Palast der Prinzessin vorüber, wenn uns der Weg durch die enge Gasse der Gama el Benat führte. Wir zeigten uns das Türchen, durch das sie alle hineingegangen waren und keiner von ihnen herauskam. Ein totes Krokodil aus Sennar war über demselben aufgehängt wie über mancher andern Haustüre in der Stadt. Doch war dies ein ganz besonderes Krokodil. Man sagte, als es noch lebte, habe es der Defterdar mit den Kindern der Araber gefüttert, die er in Sennar erschlagen ließ. Nun hing es vor der Türe seiner Witwe. Und unter dem Krokodil mußten sie durch, die Narren, die sie liebte.

»Abbas, der jetzt Pascha und Gouverneur von Kairo geworden war, schlief nicht. Seine Kundschafter lauerten, aber vergeblich. Schließlich, als der Leibmameluck des kleinen Raschid Pascha in dem vertrockneten Graben gefunden wurde, ging er zum alten Vizekönig, erzählte ihm, was die Stadt sich erzählte, und fragte, was zu geschehen habe. Da schickte Mohammed Ali dreißig Maurer und Steine und Mörtel auf fünfundzwanzig Eseln und fünfzig Mann Soldaten und ließ an einem Morgen alle Fenster und Türen am Palast Achmeds, des Defterdars, zumauern, bis auf das Türchen unter dem Krokodil. Dem Türchen gegenüber stand das Haus eines koptischen Schreibers. Der Mann wurde in weniger als einer Stunde samt Weib und Kind auf die Straße gesetzt und mußte froh sein, am folgenden Tag sein Hausgerät holen zu dürfen. Ihr Europäer sagt, es gehe alles so entsetzlich langsam bei uns. Wallah! Sie hätten die Arbeit dieses Morgens sehen sollen. In das Haus aber legte der Pascha eine Wache von fünfundzwanzig Mann, die alle Freitag gewechselt wurden und nichts zu tun hatten, als das Türchen zu bewachen. Das Menschenfischen im Kanal war zu Ende. Niemand außer ihren Dienerinnen und einem alten Eunuchen Mohammed Alis sahen Zohra in langen fünf Jahren. Ihre Schätze und der Reichtum ihres Mannes blieben ihr. Aber nur Gott weiß, wie die Frau in ihrem Gefängnis gelebt hat.«

»Nein, nicht Gott allein!« fuhr Rames Bey nach einer Pause flüsternd fort, so daß ich mich zu ihm beugen mußte, um ihn zu verstehen. Auch Halim, der seine Schwester nicht vergaß. Sie erschien ihm wie ein Engel, als er noch ein kleiner Junge war, wie ich dir erzählt habe. Er glaubte nicht, daß sie anders geworden war. Er glaubt es heute noch nicht.

Er kannte die meisten Offiziere und bestach die Wachen. Dennoch war es nur selten möglich, daß er die Eingemauerte besuchen konnte, denn die Offiziere wußten, daß sie um ihren Kopf spielten. Der Mameluck, der die Frauenkleider aufbewahrte, die Halim zu seinen gefährlichen Besuchen bei seiner Schwester brauchte, erzählte mir dies. Aber niemand hat bis jetzt erfahren, was Halim im Innern des Hauses gesehen und gehört hat.

»Das dauerte, bis die Seele von Mohammed Ali wich, ehe er starb, und nach seinem Tode Abbas Herr von Ägypten wurde. Nun wußte Zohra, daß es an ihr Leben ging. Doch in der Verwirrung jener Tage gelang es ihr, auf der Kanalseite aus dem Hause zu brechen und mit einem Diener Halims auf. Kamelen nach El Arisch und von dort nach Syrien zu entkommen. Sie floh nach Stambul und klagte dem Sultan ihre Not. Dieser gewährte ihr Schutz und befahl, das ganze Vermögen der Frau herauszugeben, was auch geschah. Damit baute sie sich einen kleinen Palast am Bosporus. Ägypten aber, ihre Heimat, vergaß sie nicht, und auch nicht Abbas und sein Haus.

»Nun verstehst du wohl, was du gehört hast, ehe Halim Pascha heute davon sprach; denn man weiß es in den Basaren von Kairo und von Stambul. Sie lebte am Bosporus wie die heimliche Königin des Nils und schützte und regierte ihre Vasallen aus der Ferne. Wenn Abbas einen Verwandten bedrohte, so wußte sie es; wenn er an der Vernichtung seiner Brüder arbeitete, so kannte sie seine Pläne. Und auch er wußte, von wo ihm das Verderben drohte: er zitterte bei jedem Mahle vor dem Gift, das sie in Stambul braute; jede Nacht vor den Zaubersprüchen, die sie den Nordwinden mitgab. Aber etwas ahnte er nicht, daß sie zwei Tscherkessenknaben für ihn erzog, und daß sie es war, die die schönen Mamelucken Hassan und Hussein verschenkt hatte. Schritt für Schritt, leise wie Katzen, geduldig und sicher wie die Bergpferde an den senkrechten Wänden unseres Kaukasus schlichen die zwei neben ihrem Herrn her, jahrelang, bis zur marmornen Badewanne zu Benha. Er merkte nichts. Zohra Pascha wußte, was sie wollte und was sie konnte. Noch in ihren alten Tagen ein heißes Leben wie das ihre macht alt in wenigen Jahren wußte sie die Männer zu verzaubern, daß sie für sie starben und für sie töteten, wie sie gebot, und Erbarmen kannte sie nicht seit jener Nacht, in der sie auf dem Felde von Schubra die Füße ihres Geliebten vergeblich gesucht hatte.«

»Aber Rames Bey,« unterbrach ich ihn endlich, fröstelnd, denn es war spät und kühl geworden, »das ist schauderhaft, das ist zu bunt!«

»Nein, Baschmahandi,« entgegnete er heftig, »das ist nicht zu bunt. Das sind die Farben unseres Ostens, wenn du genauer zusiehst. Und es ist noch nicht alles. Du hast von Il Hami gehört, dem Sohn Abbas Paschas, den die Narren seines Vaters zum Vizekönig machen wollten an Saids Statt. Der arme Junge wußte nicht wohin, obgleich ihm Said nichts zuleide getan hätte; denn Said hat ein gutes Herz und konnte niemand elend sehen in seiner Nähe. Aber es litt ihn nicht in Kairo, wie wenn ihn die Erinnerung an seinen ermordeten Vater quälte. Auch er ging nach Stambul und lebte dort, wie junge Prinzen leben. Vor vier Jahren fuhr er an einem der schönen Abende, in denen sich das Paradies im Bosporus spiegelt, in einem Kajak am Ufer hin. Du weißt, wie dort die Wasser ziehen und wirbeln, an Stellen, wo man die Stille eines Teiches erwartet. Solch ein Wirbel packte das ungeschickt gesteuerte Boot. Der Schiffer und Il Hami stürzten ins Wasser und trieben rasch vorn Ufer ab. Das geschah bei Zohra Paschas Villa. Sie saß auf dem Dache, um die Abendluft zu trinken. Ihre eigenen Boote lagen am Ufer; ihre Leute saßen müßig am Strande. Sie befahl ihnen, die Ertrinkenden zu retten. Aber sie hörte jetzt Rufe. Leute am Ufer hatten Il Hami erkannt. Sie schrien: Der Prinz! Il Hami, der Prinz! Da murmelte Zohra wie von Sinnen: Der Prinz, Il Hami ben Abbas! und befahl mit kreischender Stimme ihren Schiffern, sich nicht zu rühren. So versank Il Hami mit einem Schrei. Sie wartete, starr wie eine Bildsäule fünf Sekunden zehn er kam nicht wieder herauf. Da warf sie die Arme gen Himmel und schrie: Allahu! Allahu! fiel auf ihr Gesicht und dankte Gott.«

»Betrunkener Lügner!« zischte in diesem Augenblick eine scharfe, zornerstickte Stimme über uns weg, alles im Zelt wie mit einem elektrischen Schlag erschütternd. Gleichzeitig krachte es, wie das Zerreißen eines großen Stücks Leinwand, und durch die weitgeöffnete Zelttüre strömte das tageshelle Mondlicht, den kleinen Raum bis in den hintersten Winkel überflutend. In der Öffnung stand Halim in weißem Mantel, mit blitzenden Augen, braunschwarz im Gesicht, die Zähne weißglänzend, den Arm zum Stoß erhoben, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Weder ihn noch einen andern Menschen. Aus seinen verzerrten Zügen sah die Beduinin, seine Mutter, der alte Arnaute, sein Vater, und etwas von Abbas Blut.

Rames und ich waren gleichzeitig aufgesprungen. Die geleerte Teetasse klapperte am Boden. In jähem Schrecken warf sich der Bey auf die Knie, beugte den Kopf bis auf die Erde und blieb in dieser Stellung regungslos liegen ein häßlicher Anblick. Halim, sichtlich außer sich vor Zorn, erhob den Fuß und schnellte ihn gegen den Kopf des Daliegenden. Doch berührte er ihn nicht, und ich, alles vergessend in solchen Augenblicken steht der Mensch dem Menschen gegenüber ohne Rang und Stand, frei und bloß, wie er geboren, trat rasch zwischen beide, um das Äußerste zu verhindern. Da faßte sich Halim plötzlich. Man sah die gewaltige Anstrengung in den sich versteinernden Zügen. Er warf mir einen Blick zu, eher matt als zornig, eher traurig als finster, drehte sich um und ging nach seinem Zelte zurück.

Und wie das Alltagsleben, das wir zu führen gezwungen sind, uns auch in den erschütterndsten Augenblicken mit seinem kleinen Hohn nicht verschont. als Halim mit gesenktem Kopf über den mondbeglänzten Platz zwischen unseren Zelten hinging und ich ihm, selbst ein wenig zitternd vor Aufregung, nachblickte, denn die Minute, die wir verlebt hatten, war kein Scherz gewesen, da sah ich, daß er nur einen Pantoffel trug und sein rechter Fuß, in einem glänzend anilinblauen Strumpf, vorsichtig auf der harten Erde auftrat. Der andere Schuh, roter Saffian, auf den eine goldene Mondsichel und ein Stern gestickt waren, in dessen Mitte ein Edelstein funkelte, war über Rames Bey weggeflogen und lag breit und trutzig auf meinem Bett.

Der Tscherkesse hatte sich langsam erhoben. Wir betrachteten den greifbaren Beweis, daß das alles nicht geträumt war, ohne ein Wort zu sagen. Ich sehe die goldene Sichel und den blitzenden Stern noch heute. Das Symbol des Islams sah aus wie eine funkelnde Pupille, wie das zornige, blutunterlaufene Auge eines der alten Sultane von Musr el Kashira. Nach einer Minute nahm Rames, der bleich wie das Zelttuch geworden war, den Schuh mit bebender Hand und folgte, ohne gute Nacht zu wünschen, langsam seinem Herrn, hinter dessen Zelt er verschwand.

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