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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Eine orientalische Familiengeschichte

»Ob er wiederkommen wird?« fragte plötzlich Halim nach einem langen, behaglichen Schweigen.

»Inschallah!« erwiderte Rames Bey, und wieder waren beide still und fuhren fort, an den Sternenhimmel hinauf zu rauchen. Nach einiger Zeit begann Halim aufs neue:

»Wenn der alte Ibrahim ben Chursi ihn noch lebend trifft, wird er wiederkommen.«

Ich merkte jetzt, daß sie von dem unglückseligen Pferde sprachen, und wagte zu behaupten, daß es bei meinem Wegreiten von Maraska sichtlich auf dem besten Wege gewesen sei, sich zu erholen.

»Das verstehen Sie nicht, mein Freund!« sagte Halim auffallend mild. »Dahinter steckt mehr als Ihr Reiten. Es ist die Macht des Verhängnisses, und ich und El Dogan wissen es.«

Ich war sprachlos. War das Ernst? War das derselbe Mann, mit dem ich seit zwei Jahren unzählige Male über Pumpwerke und Eisenbahnlinien, über Politik und Volkswirtschaft, über Materialismus und Pantheismus gesprochen und selbst gestritten hatte?

Wieder trat eine lange Pause ein. Aber es war eine jener Nächte, in denen man spürt, ohne zu sprechen, was der Nachbar denkt. Ich wußte, daß Halim Pascha fühlte, wie ich mich verwunderte, und empfand, daß ihn ein plötzliches Bedürfnis anwandelte, mir mehr zu sagen, als uns orientalische Herren gewöhnlich mitteilen, sonderlich wenn sie Prinzen sind. Es mochte ein Körnlein Wahrheit in dem sein, was der Tscherkesse gesagt hatte. Es war die Nacht des Schaaban, und der Mond war aufgegangen. Kommen nicht uns kühleren Nordländern in der Christnacht Gedanken und Gefühle, die dreihundertundvierundsechzig Tage lang geschlummert haben?

»Erinnerst du dich, Rames,« sagte der Prinz, ohne sich an mich zu wenden, aber ich war sicher, daß es mir galt, »vor zehn Jahren, an dieselbe Nacht, als El Dogan zu mir kam?«

»Vergißt man, wann unser Leben begann?« antwortete Rames Bey.

»Plaudern wir davon! Die Nacht ist lang, und vor der fünften Stunde gehen wir heute nicht schlafen. Herr Eyth erzählt mir Wunder von seinen Maschinen, manchmal kaum Glaubliches«

»Und doch sind sie wahr!« unterbrach ich ihn, lachend in sein Lächeln einstimmend.

»Oder werden es, ohne Zweifel, mein Lieber; wenn nicht heute, so doch morgen. Sie sind ein Mann, der gerne mit der Zukunft spielt, und ich liebe dies kaum weniger als Sie. Aber ich möchte Ihnen heute mit ähnlicher Münze heimzahlen. Auch wir haben unsre Geschichten und unsre Wunder.«

»Manchmal kaum Glaubliches?« fragte ich; denn ich wußte, Halim verstand einen Scherz.

»Manchmal kaum Glaubliches,« wiederholte er mit ungewohntem Ernst. »Heute nacht sind alle Geschichtenerzähler Kairos an der Arbeit. Sei unser Schaer, Rames Bey. Erzähle uns von El Dogan. Ich höre selbst gerne wieder, wie du's erzählst.«

»Laß mich erzählen, wie du mich fandest,« bat Rames plötzlich auflebend. »Manchmal ist ein kleiner Mameluck fast so viel wert wie ein großes Pferd.«

»Er bildet sich viel ein, seitdem er Bey geworden ist,« lachte Halim. »Wie man Bey wird durch Nilwasserschlucken, das ist auch etwas für eine Vollmondnacht des Schaaban, doch nicht für heute. Erzähle, Rames! Aber langsam! Sonst begreift der Baschmahandi kein Wort, und ich will, daß er verstehe.«

Rames Bey begann in seinem stockenden Französisch, manchmal von Halim unterbrochen, wenn ihm dieser halblachend mit einem Wort aushalf oder ein völlig unverständliches Satzgefüge zurechtrückte. Die wunderliche Sprache mit ihren arabischen Ausrufen stimmte nicht schlecht zur wunderlichen Geschichte, die nicht in jedem Geschichtenbuch zu finden ist.

»Ich war ein kleiner Junge, vielleicht von drei Jahren, und hatte einen Bruder, der mochte sieben sein. Da wurden wir samt unsrer Mutter von Kurden gefangen und nach Stambul verkauft. Auf dem Wege starb die Mutter. Dies erzählte mein Bruder, der sich der Berge erinnerte, auf denen wir geboren wurden. So mußte er auf der Reise meine Mutter sein. Ein kleines Mütterchen; aber wir kamen glücklich in Stambul an. Allah wollte es so. Dort kaufte uns ein Händler aus Alexandrien und brachte uns nach Ägypten. Hier in Kairo kaufte uns ein Eunuchenoberst Mohammed Alis, des Vizekönigs, um fünfzehn Beutel, zehn für meinen Bruder, fünf für mich, denn mein Bruder war schon ein anstelliger, flinker Junge und ich ein hübsches Spielzeug. Der große Vizekönig lachte und schenkte uns seinem Lieblingsenkel Abbas, deinem Neffen, o Effendini. Meine Mutter schwimmt mit den Fischen im Schwarzen Meer, mein Vater liegt erschossen in den Schluchten des Kaukasus. Niemand weiß, wer sie waren. Das ist mein Stammbaum und mein Geschlecht.«

»Verstehen Sie ihn?« fragte Halim. »Er wird immer poetisch, wenn er auf sein Tscherkessentum zu sprechen kommt. Dabei läßt er sich nicht dreinreden. Weiter Rames!«

»Wir hatten es nicht gut bei Abbas, Allah weiß es. Niemand hatte es gut bei dem Lieblingsenkel deines Vaters, o Effendini. Er war gleich einer bitteren Mandel, schon als Junge. Den einen Tag spielte er mit uns wie ein junger Panther mit Kätzchen, an andern, als wären wir die Söhne von Hunden, und der andern Tage wurden es immer mehr. Es kam schlimmer, als ihm sein Großvater das erste Haus gab und sein Harim und einen Garten auf der Insel Roda. Er war noch nicht fünfzehn Jahre alt. Damals besuchte er im Übermut den Markt, den die Gespenster der Wüste in der dritten Nacht des AschrDie ersten zehn Nächte des Jahres heißen »das Aschr« und werden als Feste angesehen. In diesen Nächten sind die Geister besonders rege, besuchen die Menschen in verschiedenen Gestalten und halten unter sich Zusammenkünfte ab. zu Kairo in der Straße Es-Salibeh abhalten. Wallah, dies ist wahr, o Baschmahandi! Gleich vorn, an der Ecke der Straße, saß ein altes Weib, das Orangen verkaufte, Geisterorangen. Er kaufte drei Stück. Wie sie ihm aber in der Hand zergingen, als wären sie Luft, schlug er das alte Weib mit seinem Kurbatsch über den Kopf. Da sei ein zorniger Afrit in ihn gefahren und nicht mehr von ihm gewichen. Du glaubst es nicht, o Baschmahandi? Ich kann dir jetzt noch die Straßenecke zeigen, wo es geschah.«

Halim lachte, aber nicht wie er in Kairo gelacht hätte. Ein unerklärliches Gefühl kam auch über mich. War es die Sumpfluft aus dem Burlossee oder der Zauber des Orients, der aus den Torheiten aufstieg, die Rames Bey mit ernsthafter Miene vorbrachte? Das »Allahu!« des SikrsBei den Gebetsreigen (den Sikrs) werden, wie um den Takt der Bewegungen festzuhalten, Ausrufe, wie: Allah! Hu! Allahu! und andere nach bestimmten Rhythmen hundertfach wiederholt und scheinen wesentlich zu der religiösen und nervösen Bewegung beizutragen, die der Zweck der Sikrs ist., den drüben im Dorfe die Fellachen abhielten, war deutlich hörbar. Wir alle lauschten, bis der Schrei einer Hyäne einen Sturm von Hundegebell entfesselte und Rames Bey aus seiner Träumerei aufweckte.

»In den Gärten auf Roda geschah es,« fuhr er fort. »Dort verlor ich meinen Bruder, die einzige Seele, die mir von unseren Bergen erzählen konnte. Der junge Pascha hatte zwei Kisten mit Jagdgewehren erhalten, die eine aus London, die andere aus Paris, und ein französischer Händler suchte ihm zu erklären, daß die Büchsen aus Frankreich besser seien als die aus England. Der Afrit war in ihm an jenem Morgen und verzerrte sein junges Gesicht, daß es uns bange wurde, als er aus dem Harim trat. Wir waren unsrer sechs und noch allzu jung für den Prinzen, wenn sich der Teufel in ihm regte. Er hörte dem Franzosen zu, ohne ein Wort zu sagen, und dieser, nach der Art seiner Landsleute, fand kein Ende. Genug, rief er endlich, Sie suchen mir das beste Gewehr zu verkaufen. Das werden wir alsbald herausfinden! Er befahl meinem Bruder, nach dem Nil zu laufen und sein englisches Ruderboot von der Kette zu lösen. Mein Bruder ging. Abbas, unser Herr, nahm dem Franzosen das Gewehr aus der Hand, zielte und schoß den Knaben durch den Kopf. Nicht übel, sagte er, denn mein Bruder lag still und tot, auf halbem Weg nach dem Ufer. Jetzt läufst du, kleine Kröte, sagte er zu mir. Ich lief schon. Mein Bruder! Mein Bruder! Und Abbas griff nach dem englischen Gewehr, während die andern alle zitternd umherstanden. Jeden Augenblick hoffte ich den Knall hören. Ich war noch klein, nicht elf Jahre. Aber ich suchte nichts mehr auf der Welt als meinen Bruder.«

»Es war eine häßliche Szene,« sagte Halim, finster dreinblickend, zu mir. »Der Franzose wurde krank davon und hat nie mehr versucht, meinem Neffen Gewehre aufzuschwatzen.«

»In diesem Augenblick tratest du in den Garten, o Halim,« fuhr Rames Bey lebhafter und Arabisch sprechend fort. »Du sahst meinen erschossenen Bruder, du sahst mich laufen, du sahst den Pascha mit dem Gewehr im Anschlag, und du sahst den Afrit in seinem Gesicht. Gelobt sei Gott, der dir alles zeigte, als habe es ein Blitz erhellt. Du schlugst Abbas das Gewehr aus der Hand, und als er es, rot vor Zorn, wieder aufhob, gingst du zu meinem Bruder, hobst mich auf, denn ich lag schon über ihm und drückte die Hand auf das Loch in seinem Kopf, decktest mich mit deinen Armen und riefst: Schieße jetzt, wenn du willst! Da warf Abbas die Flinte weg, ging, ohne ein Wort zu sagen, zurück in das Harim und kam nicht wieder zum Vorschein drei Tage lang. Das, o Baschmahandi, hat unser Herr, Halim Pascha, für einen kleinen Mamelucken getan.«

»Allah hat es gewollt, o Rames!« sagte Halim mit erzwungener Leichtigkeit. »Er brauchte dich. Auch er braucht seine Mamelucken.«

»Und wie ging es weiter?« fragte ich. »Was fing man mit dir an?«

»Aber sprich Französisch,« ermahnte Halim, »es amüsiert mich.«

»Wir begruben meinen Bruder in einem Winkel der Gärten von Roda, am Wasser. Niemand kennt heute sein Grab außer mir. Mich hielten sie versteckt. Ich wurde dem Obergärtner zugewiesen und mußte in den entlegensten Teilen des Parks den andern Gärtnerburschen helfen. Wenn Abbas Pascha sich zeigte, sollte ich mich verstecken. Sie glauben wohl, daß ich gehorchte? Nach drei Wochen begegnete er mir jedoch, ganz unerwartet. Zeigst du dich wieder, kleine Kröte? sagte er, ohne zornig zu sein. Gebt ihm die Bastonade, weil er sich versteckt hat. Dann kannst du meine Pfeifen verwalten, Spitzbube! Der Afrit war von ihm gewichen auf kurze Zeit. Sie gaben mir fünfundzwanzig auf die Fußsohlen; nicht zu schlimm, denn sie gedachten meines Bruders. Dann wurde ich sein Pfeifenverwalter: eine hohe Ehre für meine Jahre, aber gefährlich bei einem solchen Herrn. Niemand beneidete mich.«

Wieder schwiegen wir. Halim rauchte still vor sich. hin. Rames winkte den Leibmamelucken, uns Kaffee zu bringen. Ich lauschte aufs neue dem Hu! hu! hu! aus dem Dorf und sah mir den Sternenhimmel an, an dem der wunderklare Mond, auf dem man die Berge wie auf einer Landkarte sehen konnte, langsam emporstieg.

»Ist es nicht eine Nacht wie geschaffen für unsre Märchen?« sagte Halim endlich, die heiße Kaffeetasse an den Mund führend. »Aber Sie haben keine SchoaraDie zünftigen Geschichten- und Romanerzähler in Ägypten heißen Schoara, Schaer im Singularis. und namentlich keine Scheherezade. Man muß das von Kindheit an kennen. Sie entbehren viel, die armen Leute Ihres Westens.«

»Die ganze Welt scheint mir heute ein Märchen,« sagte ich und überließ mich ungeniert der eignen Träumerei. Ich wußte, daß Halim dies ganz in der Ordnung fand.

»Märchen erzähle ich nicht,« begann er wieder nach einer Pause. »Das ist Frauenweise. Aber was das Schicksal um uns wirkt und webt, klingt oft ganz wie ein Märchen. Das können sich auch Männer erzählen; vollends in der Nacht des Verhängnisses. Wie, Rames, wir sind noch nicht zu El Dogan gekommen!«

»Weiß ich, was ich erzählen darf?« murrte Rames.

»Er traut Ihnen nicht,« sagte Halim. »Schade, daß Sie ein Ungläubiger sind, Herr Eyth,« fuhr er halb im Scherz, halb im Ernste fort. »Sie verdienten, Allah, den Einzigen, mit uns zu preisen. Manchmal, in Paris, in Wien, selbst in Kairo stecken Sie mich an mit Ihrem Räsonieren, mit Ihrem sogenannten Denken. Hier, zwischen Wüste und Meer, wird es uns wieder klar: Es ist nur ein Gott, Herr Eyth!«

»Sicherlich,« sagte ich mit Überzeugung; denn auch ich fühlte Wüste und Meer und darüber den Sternenhimmel in seiner unergründlichen Unendlichkeit, in ihrer allumfassenden Einheit.

»Ah, diese Christen! Vor einer Woche noch suchten Sie mir die drei zu erklären, die ihr anbetet,« rief Halim. »Wann wollt ihr denken, wie Allah den Menschen denken lehrte. Der Allgütige verlangt das Unmögliche nicht von seinen Kindern.«

Ich schwieg. Was konnte ich diesem mohammedanischen Rationalisten sagen, wenn er in seiner frommen Stimmung war? Die Nacht war nicht lang genug für eine Antwort. Aber das ferne Allahu der Derwische fing an, mir wirklich etwas bange zu machen.

»El Dogan, Raines!« rief Halim. »Ich will nicht, daß wir vor Mitternacht einschlafen. Ah so, du willst nicht. Gut, ich helfe dir. Ich erzähle Ihnen, was ich nicht jedem erzähle, Herr Eyth. Ich weiß, Sie werden nicht ausschwatzen, was Toren nicht hören können.«

Er gab das leere Kaffeeschälchen zurück, winkte den Mamelucken, sich zu entfernen, rückte seine Polster zurecht und legte sich behaglich zurück. Das Allahrufen und Händeklatschen hatte plötzlich aufgehört; das Bellen der Hunde kam nur noch von Zeit zu Zeit, wie aus weiter Ferne. Ein silberner Schimmer lag über der stiller werdenden Nacht um uns her. Wir waren allein.

»Sie wissen,« begann Halim, langsam und leise sprechend, »mein Vater war einer der Großen der Erde. Man kommt nicht aus einem albanesischen Städtchen und bringt den Thron des Kalifen ins Wanken, ohne zu den Großen der Erde zu gehören. Ihre Bücher und Zeitungen im Westen mögen schwatzen! Er war ein Mann der Tat, den Allah zur Größe geschaffen hatte. So hatte er auch Kinder wie nur ein Großer. Ich habe vierundachtzig Brüder und Schwestern gehabt. Was sagen Sie dazu?«

»Nun wissen Sie,« fuhr er fort, als ich weislich keine Bemerkung zu dieser Seite der Größe Mohammed Alis machte, »es sagt der Koran, oder wenigstens unsre Ulemas, die den Koran je nach Bedarf erklären, daß stets der Älteste des Stammes einer Familie Haupt und Herrscher derselben sein soll. Dies wurde auch in den Verträgen festgesetzt, welche im Jahre 1293, pardon, im Jahre1840! der Familie meines Vaters die Erbfolge in Ägypten sicherten. So wurde mein Neffe Abbas, der Sohn meines Bruders Tussun, vor fünfzehn Jahren Vizekönig von Ägypten als erster Thronfolger nach dem Tode Mohammed Alis Allah sei ihm gnädig! und nach der Regentschaft des ältesten unserer Brüder, Ibrahims Allah sei auch ihm gnädig, er hat es nötig!«

»Abbas war ein wunderlicher Mann. Oft war ich selbst versucht, die Geschichte von Rames Beys Afrit für Wahrheit zu halten. Er war ein guter Moslim in seiner Art, glaubte an Gott und den Propheten, an Zauberei und allen Unsinn, den ihm die Derwische vorschwatzten. Täglich verrichtete er seine Gebete wie der beste von uns und haßte euch Herren aus dem Westen und alles, was mein Vater in eurem Geiste geschaffen hatte, wie Gift. Fort damit! war sein erster und letzter Gedanke; zurück in die Welt, aus der wir stammen, in die große Vergangenheit mit ihren Kalifen und Sultanen, ihrer Pracht und ihrer Gewalt, ihren Teufeln und ihrem Gott. Das war ein großer Gedanke, wenn Sie auch anders denken mögen, und er packte ihn manchmal mächtig. Dann trieften seine Hände von Blut. Dann jubelte der Afrit in ihm. Aber er war ein kleiner Mann.«

»Nun sind eine Menge meiner Brüder früh gestorben die Schwestern zählten wir kaum, so daß zu seiner Zeit nur noch fünf übrig waren, fünf und deren Familien. Said war der älteste, ich der jüngste. Dazwischen kamen Ismael, der Vizekönig von heute, und Mustapha Fasil. Sie sind älter als ich, obgleich Enkel meines Vaters, Söhne IbrahimsEs dürfte zum Verständnis des Folgenden nützlich sein, den Stammbaum der Familie Mohammed Alis, soweit er hier in Betracht kommt, mitzuteilen. Die mit Zahlen Bezeichneten sind die zur Herrschaft gelangten Vizekönige Agyptens; die Jahreszahlen Anfang und Ende ihrer Regierungszeit. [Stammbaum als Grafik einfügen] Ich vergesse Achmed, meinen älteren Bruder, der vor sechs Jahren im Nil ertrank. Doch wer denkt an all die Toten, obgleich Sie, Herr Eyth, damals um ein Haar die Möglichkeit verloren hätten, mein Baschmahandi zu werden. Denn auch ich zappelte mit ihm und der halben Familie meines Vaters im Wasser, bei Kassr-Seyat. Gott weiß, wer uns hineinwarf. Es geschah per Dampf, in einem Eisenbahnwagen. Auch das ist eine Geschichte, die niemand besser erzählen könnte als Rames Bey. Heda! Schläfst du?«

»Nein,« sagte Rames Bey trocken. »Aber ich denke daran, wie wir uns damals schwimmen lehrten, o Pascha!«

»Das ist das Unglück jenes alten Gebots, das uns Gott in seinem Zorn gegeben hat,« fuhr Halim fort, nachdem er, wie von einer plötzlichen Gefühlswallung ergriffen, dem Tscherkessen stumm die Hand gegeben hatte, die dieser feierlich küßte. »Jeder, dem der Himmel einen Sohn schenkt, möchte dem Jungen hinterlassen, was er selbst war und besaß. Das ist Menschenart. Keiner liebt die Brüder, die diesem Wunsch im Wege stehen, und wenn Kinder und Enkel an die Reihe kommen, so wird Neid und Haß mit ihnen geboren. Dann schreitet der Engel des Schicksals durch unser Haus und tötet rechts und links. Das ist in Kairo wie in Stambul, in Tunis wie in Bagdad. Ein hartes Los für die Großen unseres Glaubens. Aber es ist Allahs Gebot. Uns geziemt es, dem Allgütigen zu vertrauen.

»Abbas war wie alle. Kaum war Ibrahim tot und unser alter Vater, dessen Seele schon zuvor zu seinem Schöpfer zurückgekehrt war, ehe sein Leib starb, meinem ältesten Bruder gefolgt, so haßte und fürchtete er uns wie das Unglück. Er hatte nur ein kostbares Söhnchen, Il Hami, der kränklich und fast so sanft war wie sein Großvater Tussun. Die Natur spielt wunderlich mit unserm Geiste. Er liebte das Kind wie ein Panther sein junges. Said und ich mußten auf den Zehen gehen, um den Afrit in ihm nicht zu wecken. Wir waren umringt von Spionen und bewacht wie Halbgefangene. Doch hatte ich wenigstens in Schubra Ruhe, wo ich schon damals mit meiner Mutter wohnte. Er fürchtete ihre stummen Blicke. Said lebte meist in Alexandrien, seitdem er Marineminister geworden war. Es war kein sorgenvolles Amt, da unsre kleine Flotte in den letzten Kriegen des Vaters vernichtet worden war. Wir liebten uns, Said und ich, denn es schwebte eine gemeinsame Gefahr über unsern Köpf en. jeder Tag konnte uns zerschmettern.

»Aber auch Abbas lag nicht auf Rosen. Zuerst schaffte er ab, was der Vater Gutes aus Europa gebracht hatte: Schulen, Gerichte, Militäreinrichtungen. Das wurde alles wieder in das alte Bett geleitet. Die Derwische und die Fakire waren sehr zufrieden. Sie umgaben ihn mit einer Leibwache und rühmten seine Frömmigkeit. Er baute seinen Palast, die Abbasiye, wie eine Festung und brachte dort sein großes Harim unter; dann schuf er den Palast Bahr el Beda in der Wüste bei Suez; dort wimmelte es von Affen und Papageien, mit denen er plauderte, wenn sich kein Mensch mehr vor ihm sehen ließ. Ein dritter Palast entstand in Benha am Nil, wo er seine Pferde hielt und eine Herde von Giraffen. Er war ein unbegreiflicher Mann, wunderlich wie ein einsames Tier, das niemand versteht; manchmal ein Tiger mit blutigen Krallen, manchmal eine zitternde Hyäne, die sich vor einer Papierlaterne versteckt.

»Am meisten machte ihm meine Schwester bange: Zohra Pascha. Sie haßte ihn, wie Frauen hassen. Wallah, er hatte es um sie verdient, und sie war nicht umsonst die Tochter seines Großvaters. Noch zu unseres Vaters Zeiten hatte er sie gezwungen, den Defterdar Achmed Bey zu heiraten. Da waren ein Löwe und eine Löwin zusammengekuppelt, und solange die beiden an einer Kette zerrten, fühlte sich Abbas beruhigt. Als aber der Defterdar starb und die Witwe nach Kairo zurückkehrte, brach der Streit aufs neue aus, blutdürstig, gifttriefend. Ich weiß nicht, was Sie von ihr gehört haben. Die Basars wissen mehr Lügen als wir. Es gelang Abbas, den Vater gegen sie aufzubringen, so daß er die Fenster und Tore ihres Harims zumauern und nur ein einziges Türchen offen ließ, vor dem Tag und Nacht eine Wache stand. Aber was sind Wachen und vermauerte Fenster gegen die List der Frauen? Schon im ersten Jahr der Regierung ihres Neffen Abbas gelang es ihr zu entfliehen. Said, der sie besser kannte als ich und den sie liebte, denn sie liebte große blonde Männer, behauptete, Abbas habe sie entfliehen lassen. Ihre Nähe war Todesangst für ihn, und er wagte nicht, sie zu töten. Vor der Tochter seines Großvaters machte er halt, Gott weiß, aus welchen Gründen. Sie floh nach Stambul und kaufte einen Palast am Bosporus. Es war sein Schicksal.

»Mit jedem Jahr wurde es schlimmer für uns alle, auch für das Land, das er aussaugte wie ein Guhl. Das hatte der Vater wohl auch getan, aber er suchte es gleichzeitig mit all seinen Kräften zu befruchten und zu heben; hierzu brauchte er Geld. Abbas brauchte es für seine Frauen, für seine Papageien und Giraffen. Daneben wuchs der kleine Il Hami heran und mit ihm die Angst vor den Onkeln und Brüdern und Vettern und der sehnliche Wunsch, allein in der Welt zu sein mit dem Jungen.

»Wir sahen es kommen, Schritt für Schritt, und Zohra mit ihren Falkenaugen im fernen Stambul sah es deutlicher als wir. Sie warnte Said. Sie suchte ihn zu einer kühnen Tat aufzustacheln. Aber Said war gutmütig und träge, und solange ihm niemand wehe tat, lief er seinen Schiffen nach, wenn Ebbe in seiner Kasse war, und ging nach Paris, wenn er Geld hatte. Für mich wachte meine Mutter; aber auch sie fing an zu zittern.

»Wir sahen Abbas fast nie mehr. Er war bald hier, bald dort, wochenlang wie begraben bei seinen Frauen und seinen Papageien. Der Oberste der Ulemas der Moschee el Azhar, welcher II Hami erziehen sollte, und Elfy Bey, der Gouverneur von Kairo, der zugleich Kriegsminister war, waren die einzigen, durch die er mit der Außenwelt verkehrte. Da, im Frühjahr 1854, stiegen Gerüchte auf wie Nebel in den Sümpfen des Burlossees. Man flüsterte in den Basars, in den Bädern, in den Harims, daß der Pascha ein großes Morden beschlossen habe. Alle Gläubigen sollten aufstehen und die Europäer des Landes in einer Nacht erschlagen. Das war der heilige Plan der Ulemas, und dafür sollte der Pascha den Lohn des Himmels erhalten. Denn in derselben Nacht sollten auch seine Brüder und seiner Brüder Kinder für immer verschwinden, so daß niemand mehr dem kleinen Il Hami im Wege gestanden hätte. Hatte nicht der große Mohammed Ali vierzig Jahre zuvor mit dem ganzen Mameluckenadel das gleiche getan? Und Europa getrotzt? War dies nicht wieder möglich, o ihr Kleingläubigen, sagten die Schriftgelehrten der Moschee el Azhar, wenn Gottes Segen auf dem großen Werke ruht? Meine Mutter wußte von dem Plan. Sie lag tagelang auf den Knien und betete zu Gott um Rettung. Aber sie sah keine. Man hatte sich heimlich an den Sultan gewendet um Schutz für die Familie. Abbas, der davon gehört hatte, schickte königliche Geschenke nach Stambul, so daß der Kalif schwieg. Als er durch die Frauen aufs neue gedrängt wurde, fragte er: Wo sind eure Beweise? Wir hatten keine. Da meinte der Kalif: Was betrübt ihr diesen Abbas, wenn er für euern Glauben eifert? Kann er etwas tun, was Gott nicht will? Laßt ihn in Frieden! Und auch Zohra Pascha, die meiner Mutter von Zeit zu Zeit Nachricht gegeben hatte, obgleich sich die Frauen nicht liebten, schwieg seit einem Jahre wie das Grab. Bei Gott, Baschmahandi, es waren schwüle Tage, wie ihr sie in Europa schon lange nicht mehr kennt.

»So wurde es Juli, und unser Schaaban kam heran. Nur Said in Alexandrien war sorglos wie immer und im Begriff, nach Marseille abzureisen, um in Frankreich eine Fregatte zu bestellen. Das Geld für das Schiff hatte er in der Tasche, und von Marseille nach Monako war es nur ein Sprung. Er freute sich schon auf das zweite Schiff, denn er war entschlossen, es spielend zu erobern. Aber, Rames, wahrhaftig, du schläfst! Erzähle weiter, damit du wach bleibst!«

»Ich schlafe so wenig, als ich vor zehn Jahren in der Nacht des Verhängnisses geschlafen habe,« sagte Rames ernst. »Willst du, daß ich vor den Ohren des Baschmahandis, des Fremdlings, erzähle?«

»Er ist kein Fremdling für uns,« sprach Halim mit ungewohnter Wärme, »und er weiß, was alle Welt weiß. Erzähle!«

»Ich war unter mancherlei Not und Gefahr im Dienst Abbas Paschas ein großer Junge geworden,« hob Rames Bey ohne weitere Umstände an, »und verwaltete noch meine Pfeifen, als der Pascha schon drei Jahre lang Vizekönig gewesen war. Da wurde ich plötzlich abgesetzt und kam zu den Pferden in den Marstall. Ich dankte dem Allmächtigen, denn ich liebte die Pferde weit mehr als die Pfeifen und konnte reiten, ohne es gelernt zu haben, wie ein Beduine. Meine Kameraden hatten nicht nötig, mich zu bedauern.

»Der Grund meiner Absetzung war dieser: Der Pascha hatte zwei neue Mamelucken aus Stambul erhalten, zwei Brüder, Tscherkessen, die noch die Sprache der Berge kannten und frisch waren wie zwei junge Adler. Sie hießen wie die heiligen Märtyrer: Hussein und Hassan. Wie diese waren sie Zwillinge und prachtvolle Leute; dabei gewandt und anstellig, obgleich sie noch kein Wort Arabisch verstanden. Das alles war, was Abbas liebte. Wenn er genug hatte an seinen Papageien und Affen, wollte er schöne Frauen um sich haben und schöne Männer. Gott wird den Sünder verdammen!«

»Fluche nicht, o Rames,« mahnte Halim. »Gott verdammt, wen er will. Erzähle!«

»Und schöne Pferde,« fuhr der Tscherkesse fort. »Nach wenigen Wochen wurden Hassan und Hussein Pfeifenträger und erste Kammerdiener. Es waren wortarme Leute, finster und still, wenn sie mit uns zusammensaßen, still und geschäftig um den Pascha. Wir andern haßten sie. Sie schienen sich nicht darum zu kümmern. Es hieß, des Paschas Agent habe nach einem Probemonat für jeden hundert Börsen verlangt und erhalten und habe das Paar selbst geschenkt bekommen. Soll ich erzählen?«

»Erzähle, was du gesehen hast, sagte Halim, nicht was man dir vorschwatzte!«

»Nach kurzer Zeit waren die zwei in höchster Gunst. Es hieß, der Astrologe, der alte Soliman el Habeschi, habe für sie in den Sternen gelesen und dem Pascha seine Weisheit mitgeteilt. Seitdem wachten sie in seinen Vorzimmern bei Nacht und versuchten seine Speisen, ehe er aß. Er schenkte ihnen Pferde und goldgestickte Gewänder und Geld wie keinem von uns. Bei unseren fortwährenden Wanderungen von der Abbasiye nach Benha, von Benha nach dem Bahr el Beda und wieder zurück nach der Abbasiye hatten sie für alles zu sorgen, was er brauchte, und ihn bei guter Laune zu erhalten, wenn er nicht im Harim war. Das war keine kleine Aufgabe, aber es gelang ihnen, wie es noch niemand gelungen war. Wie wir andern schimpften!

»Bis zum Feste en Nuß min Schaaban hatte man gewöhnlich in der Abassiye gewohnt. Aber es wurde zu heiß in der Wüste, und zu Benha, in dem neuen Schloß am Nil, waren herrliche Bäder eingerichtet. Der Pascha befahl, zwei Tage vor dem Fest, dorthin zu übersiedeln. Das Gefolge war nicht groß: der Kriegsminister Elfy Bey, der, seit man an den heimlichen Plänen arbeitete, ihn stets begleitete, der Ulema, welcher seine Gebete leitete, der Astrologe Soliman el Habeschi und ein Dutzend Mamelucken, das war alles. Wir hatten uns rasch in Benha eingerichtet, aber einen schlechten Tag gehabt. Der Chamsin wehte und trieb und blies die Sandwolken über den Nil, daß es im Palast nicht auszuhalten war. Abbas war wie ein gereiztes Tier, wenn der Chamsin wehte. Er war fett geworden, und die heiße Luft nahm ihm den Atem. Wir wagten kaum, ihm nahe zu kommen. Selbst nach Hassan hatte er mit einer ungeladenen Pistole geworfen und dabei einer marmornen Astarte aus Neapel den Kopf abgeschlagen. Der Mameluck mußte die Pistole aufheben und sie laden. Er war nicht weit von seinem letzten Augenblick, als er sie dem Vizekönig überreichte, der schweigend fortfuhr, damit zu spielen; doch Abbas war dem seinen näher. Der Astrologe hing den Kopf und sah traurig drein, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Sein langer Bart berührte fast den Boden, und auf seiner Stirn stand der Angstschweiß. Ich glaube, er wußte, was kommen mußte, obgleich man in jener Nacht keine Sterne sehen konnte. Die Luft war voll Staub.

»Vierzehn Tage später sollte ein Rennen in Alexandrien abgehalten werden. Man sagte nachher, der Schluß dieses Festes wäre das Signal des großen Mordens geworden. Sechs Pferde aus dem Gestüt von Benha sollten mitlaufen, und in aller Morgenfrühe, nach der Nacht des Verhängnisses, solange es noch kühl war, sollten sie dem Pascha vorgeführt werden. So kams, daß ich schon zwei Stunden vor Sonnenaufgang im Marstall war, um nach den Tieren zu sehen, sie striegeln und abreiben zu lassen. Damals war El Dogan sieben Jahre alt und die Freude meiner Seele. Ich hatte ihn seit zwei Monaten nicht gesehen, so daß er vor Lust wieherte, als ich ihn begrüßte. Ja, mein Dogan, sagte ich zu ihm, du sollst mitlaufen und alle andern hinter dir lassen. So will ich dich ans Ziel bringen oder den Hals brechen. Und wie er nickte, sehe ich über seinen Kopf weg nach der Stalltür. Da stand der Astrologe, ohne Turban, den Bart über der Schulter, und keuchte: Der Pascha! Der Pascha! Allah ist gerecht. Der Pascha liegt im Bad keinen Laut, Rames! der Pascha schwimmt in seinem Blut!

»Gott ist der Allverzeihende! Ein freudiger Schreck fuhr mir durch alle Glieder. Wie der Wind flog ich die Treppen hinauf – ich kannte den Bau in allen Winkeln – auf den Zehen. Es war noch tiefe Nacht; kaum dämmerte der Morgen in den Gängen. Im Vorsaal des Badezimmers brannte eine hängende Lampe, mit rotem Flor verhüllt. Die Purpurteppiche vor der Tür hingen lose herab. Ich schlug sie auf. Wenn es mein Tod gewesen wäre, ich konnte es nicht lassen. Ein roter Lichtstreif fiel auf das Marmorbecken. Das Wasser war schwarzrot gestreift. Ein nackter Arm hing über den vorderen Rand der steinernen Schale; auf dem hinteren lag der Kopf: ein Auge auf der rechten Wange, der Mund bis an das linke Ohr geschlitzt, ein Stich im Hals. Das Gesicht war einer Teufelsmaske ähnlicher als einem Menschenantlitz, aber voller Leben. Der Schnitt machte, daß es zu lachen schien: eine fette, blutige Fratze. Alles ringsumher war todesstill. Ich sehe noch, wenn ich die Augen schließe, die bleiche Larve, die mich aus der Badewanne anstarrte, das Dunkel der reichgeschmückten Kammer mit ihrem Stalaktitendom, den roten Streifen Licht, der von außen in die schwüle Stille fiel. Er war tot, Allah sei gepriesen, steintot; aber der Afrit wollte seine Wohnung noch nicht verlassen; der regte sich noch in ihm.

»Da hörte ich ein Geräusch im Vorsaal, leise Stimmen, die sich riefen. Ich wandte mich und flog die Treppen hinunter in meinen Stall. Ich wußte kaum, was ich tat, aber während ich El Dogan sattelte, kam mir die Ruhe wieder. Ich führte das Pferd durch die Hintertür des Marstalls ins Freie und am Zügel den Fußpfad am Nil entlang. Dort, am Ufer, saß ein kleines Männchen ohne Turban. Es war der Astrologe, zitternd wie Espenlaub.

›Was machst du hier, Soliman ben Aschraf?‹ fragte ich ihn.

›Weißt du es nicht?‹ fragte er. ›Sie haben Sukki Bey, den Leibarzt, eingesperrt und werden mich ermorden. Sie suchen mich, um mich zu töten. Alle, die wissen, daß er tot ist, müssen sterben. Es ist aus mit uns.‹

›Mit mir noch lange nicht!‹ rief ich, schwang mich auf den Falken und ließ ihn laufen, laufen, wie er noch nie zuvor gelaufen war. Ich war sicher genug auf dem Wege nach Kairo. Ich dachte an dich, o Halim. Du hattest mich als kleinen Jungen vor dem toten Manne gerettet. Nun wollte ich auch etwas retten, ich wußte kaum was und wie. Aber bei Gott ist keine gute Tat verloren. Der Morgenwind machte mich ruhiger, und als ich nach zwei Stunden Schubra erreichte, wußte ich, was ich wollte. Allahbuk, wie er lief! In zwei Stunden von Benha nach Schubra! Ich war wie ein Reiter des Allmächtigen, der mit der heimlichen Kunde durch das Land fliegt, daß die Hand des Allgerechten den König erschlagen hatte.«

Rames schwieg wie erschöpft. Halim rauchte lebhafter. Dann begann der Prinz, wie unwillkürlich, mit blitzenden Augen weiterzuerzählen.

»Man rief mich in der Morgendämmerung. Ich hatte auf dem Dach des Hauses geschlafen und sah die Sonne aufgehen über der Abbasiye und der nahen Wüste. Ich dachte, wie lange ich sie noch sehen werde, denn die Nacht des Verhängnisses war in Schubra ohne ein Zeichen vorübergegangen. Wir wußten nicht, wann das Schwert fallen und wen es treffen sollte. Der Tag lag vor mir in blutroter Stille, als man mich rief. Ein Mann war im Garten. Ich fand Rames, von Staub und Schweiß bedeckt, so daß ich ihn kaum erkannte. Er grüßte mich, wie er seinen Herrn zu grüßen gezwungen war, und sagte so leise, daß ich es kaum hören konnte: Gott ist gerecht! Dein Neffe liegt tot in seinem Bad zu Benha. Glauben Sie, daß es meiner Seele einen Stoß gab, den ich noch nach Wochen spürte? Aber konnte ich dem Mamelucken trauen? War es eine List Abbas Paschas er war schlau wie ein Affe, um mich zu einem Wort, zu einem Schritt zu verleiten, der mich in seinen erhobenen Dolch stürzen mußte? Ich sprach: Gott tut, was er will! und hieß Rames nach Benha zurückreiten, so schnell, als ihn El Dogan tragen könne. Man dürfe nicht wissen, daß ich die Kunde empfangen habe. Dann ging ich nach der Gabeleia, setzte mich unter eine Tamariske und überlegte.

»Said Pascha sollte an diesem Morgen von Alexandrien abreisen; in einer Stunde konnte er an Bord sein. Er war der rechtmäßige Nachfolger Abbas Paschas. Hatte Rames nicht gelogen, so war das Land ohne Herrn, wenn Said es verließ. Was Elfy Bey und seine Freunde in diesem Falle zu tun gewillt waren, war nicht schwer zu erraten. Der kleine Il Hami ben Abbas war in Damiette, das war ein Glück. Aber Elfy und der Ulema waren entschlossene, ehrgeizige Leute und zauderten nicht, wenn die Gefahr ihnen an die Kehle griff. So weit kannte ich die Herren, die mein Neffe um sich hatte.

»Said mußte um jeden Preis aufgehalten werden und die Gewalt in die Hand nehmen, ehe es andre taten. Ein Telegramm hätte ihn erreicht. Aber wie konnte ich es wagen, zu telegraphieren, was ich hoffte, was ich aber selbst nur halb glaubte? Doch es mußte sein. Ehe ich den Schatten der Tamariske verließ, war meine Depesche geschrieben und auf dem Wege nach dem englischen Telegraphenbureau in Kairo. Dort war es wenigstens sicher, abgesandt zu werden. Das Haus in Kairo, das du suchst, ist leer. Die Tür steht offen. Tritt ein! Das mußte er verstehen, wenn er der Sohn seines Vaters war. Er verstand es.

»Später erzählte er mir, daß er, eben im Begriff nach dem Hafen zu reiten, die Depesche noch am Tor des Palastes erhielt. Statt weiterzugehen, setzte er sich, wie ich, im Garten des Ras el Tin unter eine Tamariske und ließ den französischen Dampfer, auf dem für ihn und sein Gefolge Plätze gesichert waren, zum Hafen hinausfahren, und als der Rauch des Schiffs am Horizont verschwunden war, hatte er die Lage der Dinge begriffen, schickte zum Gouverneur von Alexandrien, erbat sich dreißig Reiter und ritt noch am Abend über Damanur in der Richtung nach Kairo davon. Als er aber nach einem Ritt von hundertundzwanzig Kilometern in früher Morgenstunde durch Benha kam, hörte er, daß Abbas, der Vizekönig, am Abend zuvor mit Elfy Bey und dem Ulema abgereist sei, um nach der Abbasiye zurückzukehren. Die Effendis und Katibs der Stadt waren voll Rühmens, mit welchem Gepränge Seine Hoheit diesmal gereist sei; er habe sogar die vergoldete Staatskutsche benutzt, die seit Mohammed Alis Zeiten hier gestanden habe. Said erschrak. Wie konnte er sich das zusammenreimen? War das Telegramm eine Falle? Hatte er es vielleicht doch mißverstanden? Er blieb mit seinen Reitern den Tag über in Benha, nachdem er den Telegraphisten der Bahn ins Schloß geladen und ohne Federlesens eingesperrt hatte. Hätte er gewußt, daß Sukki Bey, der Leibarzt, im gleichen Keller, in einem andern Flügel, gefangen lag! Der eine sollte nichts von Abbas, der andre nichts von Said verraten können.

»So wartete er, bis es Nacht war, und dachte nach. Dann erst ritt er mit seinen Leuten weiter.

»Auch in Schubra gab mir der Tag genug zu denken,« fuhr Halim fort, nachdem wir schweigend wieder ein Täßchen Kaffee geschlürft hatten. »Nachmittags sandte der Scheich von Kaliub, der mir ergeben war, einen Läufer mit der Nachricht, der Vizekönig mit großem Gefolge komme soeben von Benha und sei, wie man höre, auf dem Wege nach der Abbasiye. Um fünf Uhr etwa mußte er auf der Straße nach Kairo durch Schubra kommen. So hatte mich also Rames belogen! Ein echter Mameluck! Schlangen sind sie alle, dachte ich bei mir und bereitete mich vor, den Vizekönig, wie es Sitte war, am Palasttor zu begrüßen, wenn er nicht eintreten wollte. Ehe ich jedoch meine Staatskleidung angelegt hatte, wurden mir zwei Mamelucken Abbas Paschas gemeldet, die dem Zug vorausgeritten waren. Sie hatten den Auftrag, mir zu sagen, daß Seine Hoheit, mein Neffe, mich grüßen lasse, aber nicht wünsche, gestört zu werden. Er habe Eile, die Abbasiye noch bei guter Stunde zu erreichen, da er etwas unpäßlich sei. Ich ließ die Burschen zu mir bringen. Der eine war Rames. Diese Frechheit! Und während der andre seine Botschaft ausrichtete, stand dieser mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen hinter ihm. Dies war nicht natürlich. War es ein Zeichen? Was sollte es bedeuten?

»Gegen Mitternacht des folgenden Tages kam Said, mein Bruder, mit seinen dreißig Reitern ebenfalls aus Benha. Ich versteckte sie, so gut es ging, in den Ställen und Schuppen des Landguts. Wir wußten, daß wir um unsre Köpfe spielten, denn es war sicher, daß der Vizekönig durch Kairo gefahren war. Ich hatte ein paar zuverlässige Fellachen dorthin geschickt. Sie berichteten, daß er mit großem Gefolge über die Esbekieh nach dem Bab el Nasir gezogen und gegen neun Uhr fränkischer Zeit in der Abbasiye angekommen sei. Zweifelnd berieten wir uns die ganze Nacht; die Fürstin, meine Mutter, wachte mit uns. Sie allein war ruhig. Weshalb, sprach sie, hat der Mameluck Rames die Augen geschlossen? Er ist tot. Aber Hunderte hatten ihn durch Kairo fahren sehen; und er habe ihnen herablassender als gewöhnlich zugenickt, versicherten die Fellachin.«

Halim schwieg, und nun begann Rames wieder, tonlos in sich hineinsprechend, wie wenn er einen Traum erzählte:

»Bei Gott, dem Allbarmherzigen, es war eine Fahrt! Ich war um zehn Uhr morgens wieder in Benha eingetroffen. Nur ein Pferd in der ganzen Welt konnte das tun, El Dogan! Niemand hatte nach den Ställen gesehen: so konnte ich unbeachtet wieder hineinschlüpfen. Aber es war die höchste Zeit. Zehn Minuten später suchte man nach mir; man rief die zwölf Leibmamelucken des Paschas zusammen. Zwei waren spurlos verschwunden: Hassan und Hussein. Nach ihnen wurde nicht gesucht; niemand schien sich über ihre Abwesenheit zu wundern. Auch zwei Pferde fehlten, aber auch nach den Tieren fragte niemand. über dem ganzen Hause lag es wie eine Betäubung.

»Die Mamelucken fanden sich in der Vorhalle vor dem Badezimmer zusammen. Wir warteten, ohne zu sprechen. Als die zehne vollzählig waren, traten Elfy Bey und der Ulema zu uns. Sie befahlen uns, das Glaubensbekenntnis dreimal zu wiederholen. Dann mußten wir beim gerecht strafenden, allwissenden Gott schwören, keinem sterblichen Menschen, keinem Tier, keinem toten Dinge, auch nicht einer dem andern zu sagen, was wir sehen werden. Der Ulema sprach die Worte vor. jeder mußte sie nachsprechen. Und wer von euch eine Silbe verrät, sagte Elfy Bey zum Schluß, dem werde ich mit eigner Hand die Zunge ausreißen, und sein Leib soll vor der Moschee Sultan Hassans lebendig gepfählt werden. Das schwöre ich, Elfy Bey, beim einigen Gott. Dann sagte er den andern, was ich wußte.

»Sechs von uns mußten ihn aus dem Bad heben; er war in Stücken und die Stücke kleiden. Ich und die drei übrigen hatten die Staatskutsche Mohammed Alis aus dem Schuppen zu holen, säubern zu lassen und mit vier weißen Hengsten zu bespannen. Dann wurde das ganze Gefolge benachrichtigt, daß der Pascha um die siebente Stunde aufbrechen werde, um nach der Abbasiye zu fahren.

Ich hatte die Kutsche an das Harimstor zu bringen. Während ich sodann meine eignen Sachen zusammenraffte und sechs Pferde satteln ließ El Dogan für mich, hatten sie ihn hineingesetzt, aufrecht, in prächtigem Staatskleid, den Turban mit einem Schleier bedeckt, einen reichgestickten LitamLitam heißt das Tuch, mit dem die Beduinen sich den unteren Teil des Gesichtes verhüllen, um es vor der Sonne zu schützen. nach Beduinenart über den unteren Teil des Gesichts gebunden, als wollte er sich vor dem Staub schützen. Neben ihm saß der Ulema und stützte ihn, auf dem Vordersitze Elfy Bey und sein getreuer Freund, der oberste der Eunuchen, der ihn hielt, wenn er bei einem Stoß des Wagens nach vorne fallen wollte. Zwei von uns saßen auf dem Kutschbock, zwei standen hinten, nach französischer Art, auf dem Brett für die Diener. Die sechs Berittenen umgaben den Wagen. So zogen wir aus. In den Dörfern, durch die wir kamen, standen die Fellachen, segneten den Propheten und begrüßten den Herrn, dessen Wink für sie Leben und Tod war – gewesen war.

»Und so ging es um die erste Stunde der Nacht durch Kairo. Auch hier grüßte uns die hundertköpfige Menge lautlos, wie es Sitte ist, und sah ihren Herrscher schwankend zwischen seinen Begleitern, todbleich trotz des roten Scheins der Fackeln, die wir, wie gewöhnlich bei seinen Nachtfahrten, neben dem Wagen hertrugen. Die Stille war ehrfurchtsvoller, schwüler als sonst. Es war, als ob sie ahnten, was sie sahen. Doch ging alles gut. Er ist krank, sagten sie sich; keiner merkte die Wahrheit. Als wir das Bab el Nasir hinter uns hatten und in der Wüste wieder langsam durch den tiefen Sand fuhren, pries der Ulema Gott und ließ den Pascha fallen. Elfy wurde grob, nach Soldatenart, schimpfte den alten Herrn kräftig und richtete die Leiche wieder auf. Ich habe das selbst gesehen.

»Das geschah aber alles, um Zeit zu gewinnen. Il Hami, den der Ulema ›mein Söhnchen nannte, obgleich er schon ein großer Junge war, befand sich in Damiette. Man hatte ihn wegen seiner schwachen Gesundheit nach Syrien schicken wollen. Er sollte nun so rasch als möglich nach Kairo zurückgebracht werden, um dort auf der Zitadelle den Truppen und sodann in der Stadt dem Volke als ihr neuer Vizekönig gezeigt zu werden. Alles übrige wollte Elfy besorgen, der schon als Knabe geholfen hatte, die Mameluckenfürsten des großen Paschas abzuschlachten. Er hätte sich jetzt ebensowenig gescheut, die Hand an seine Söhne zu legen, wenn es Gott zugelassen hätte. Gelang der Plan, so waren er und seine Freunde Herr von Ägypten, solange es ihnen beliebte und sie das Kind in Händen hatten.

In Kairo verliefen die folgenden Tage wie jeder andere. Man war es gewohnt und zufrieden, wenn sich der Vizekönig, wie er es häufig tat, wochenlang in der Abbasiye begrub. So kamen friedliche Tage für jedermann, und die Händler und Gewerbsleute taten, was ihnen gut dünkte. Niemand ahnte diesmal, daß kein Herr im Lande war.«

»Gegen Abend des zweiten Tages verließ mich die Geduld,« fiel Halim Pascha ein, wie wenn ihm Rames Bey zu langsam erzählte. »Auch war es unmöglich, Said und seine Reiter länger zu verstecken. Der Astrologe Soliman ben Aschraf war halb tot und fast verhungert von meinen Leuten am Nilufer gefunden worden. Er war, wie alles andere, auf dem Wege von Benha nach Kairo, um sich zu verbergen. Denn der alte Spitzbube hatte manches auf dem Gewissen, das er nur tragen konnte, solange sein Herr lebte. Ich ließ ihm zu essen und zu trinken geben, und als er wieder sprechen konnte, wollte er mir etliches aus den Sternen weissagen. Ich nahm ihn aber bei den Ohren und wußte bald mehr, als mir die Sterne sagen konnten. Meine Mutter hatte recht gehabt. Rames hatte nicht gelogen.

»Ich schickte im Namen des Vizekönigs einen Befehl an den Gouverneur der Zitadelle: um Mitternacht das Tor El Assab für den Herrn Ägyptens zu öffnen. In jener Nacht ritt sodann mein Bruder Said als Vizekönig in die alte Burg ein und ließ am frühen Morgen die Geschütze gegen die Abbasiye und gegen die Kasernen in der Stadt richten. Es war eine unnötige Vorsicht. In derselben Nacht war Prinz Il Hami aus Damiette zurückgekommen, und schon am frühen Morgen stand der Ulema vor dem Tor der Zitadelle und begehrte Einlaß im Namen des Vizekönigs. Man holte Said, und Said empfing den frommen Mann. Der Pascha, mein Bruder, erzählte mir nachher oft, wie er ihn ehrerbietig begrüßt und selbst in den Audienzsaal hineinkomplimentiert habe. Mit entsetztem Erstaunen habe sich der unglückliche Schriftgelehrte niedergelassen und die niedlichste Kaffeeschale auf dem Boden zerbrochen, so habe er gezittert. Doch Said, der zu jener Zeit ein freundliches und fröhliches Herz hatte, das nichts verstimmen konnte, lachte ihn aus und schickte ihn mit abgeschnittenem Bart zu Elfy Bey zurück, dem er sagen ließ: er möge sich beruhigen; das Spiel sei ausgespielt. Eine Stunde später erschoß sich der Kriegsminister. Er war kein Moslim, der sich beugt, wenn Gottes Hand ihn niederdrückt. Und auch der Ulema starb aus Gram. Er konnte den abgeschnittenen Bart nicht verschmerzen, obgleich ihn Said zu trösten suchte und ihn bei jeder Begegnung auf den Willen Gottes hinwies, der die Bärte abschneidet, wem er will.«

»Und El Dogan hast du vergessen?« fragte Rames Bey in vorwurfsvollem Ton, als Halim schwieg und sich behaglich in seine Kissen zurücklehnte.

»Und dich, o Mameluck der Mamelucken!« lachte der Prinz. »Du hast recht. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Sobald die Pistole Elfys ausgeraucht hatte, saß der Unglücksrabe wieder auf seinem Liebling und jagte nach Schubra. Ich nahm sie auf, wie sie es verdienten, Pferd und Reiter, und solange sie leben, sollen sie unter meinem Dache wohnen, was auch kommen mag. Rames Bey hat mir dieses Versprechen bezahlt, als er mich vor sechs Jahren bei Kassr-Seyat mitten aus meinen ertrinkenden Vettern und Brüdern herausfischte. El Dogan ja, Herr Eyth, das ist eine kuriose Geschichte bezahlt es täglich, heute noch.«

»Wie habe ich das zu verstehen, Hoheit?« fragte ich.

»Sie werden lachen; manchmal lache ich selbst. – Ich ritt das Pferd in jener unruhigen Woche zum erstenmal. Wahrhaftig, es ist die Perle der Koschlanis! Ich ritt mit meinem ganzen Hofe zur Zitadelle, um Said als meinen Herrn zu begrüßen. Er war wie ein großes Kind, voll guter Wünsche für uns alle, voll schöner Vorsätze für das Land, und wir freuten uns mit ihm. Man konnte wieder aufatmen.

»Als ich abends zurückkehrte und an der Moschee von Sultan Hassan vorüberritt, saß dort ein Bettler, ein zerlumpter Derwisch. Er lief herbei und küßte meinen Steigbügel. Ich warf ihm ein Geldstück zu; er segnete El Dogan und sprach:

»›Du reitest auf dem Pferde deines Glücks, o Pascha, Sohn des großen Paschas! Mein Herr! Und du, o Dogan, trägst das Glück des Volks und den Segen der Zukunft.‹

»›Woher weißt du seinen Namen, o Derwisch?‹ fragte ich verwundert. ›Ich liebe das Derwischgeschwätz nicht allzusehr.‹

»›Weißt du nicht, daß die Sterne sprechen?‹ antwortete er. Da erkannte ich Abbas Paschas Astrologen und wollte ihm einen Tritt geben. Der Spitzbube hätte ihn reichlich verdient.

»›Trete den Wurm nicht, o Fürst, der im Staube liegt,‹ sagte er, nachdem er sich mit großer Behendigkeit durch einen Sprung aus dem Bereich meines Steigbügels gestellt hatte. ›Und pflege El Dogan, hüte El Dogan! Er trägt dein Glück und dein Leben!‹ Es war der Unsinn eines Narren. Allein que voulez-vous? ich ritt nachdenklicher, als ich gekommen war, nach Schubra zurück.«

»Und du weißt jetzt, o Baschmahandi, was du getan hast,« sagte Rames Bey.

Wären wir zu Berlin gesessen Unter den Linden, oder zu Paris auf dem Boulevard des Italiens, fast denselben Sternenhimmel über uns, so hätte ich gedacht: Ich weiß, daß ihr alle arme, abergläubische Narren seid, die sich von Bettlern regieren lassen! Hier aber fühlte ich den Gedanken nur wie aus weiter Ferne und wie einen unangenehmen Mißton. Halims Augen, die, während er erzählte, meist halb geschlossen und wie verschleiert gewesen waren, sahen wieder klar und munter in den vollen Mond hinauf, auf dem man Berge und Täler unterscheiden konnte wie auf einer guten Landkarte. Ein feines Lächeln spielte um seinen Mund, die Ironie des Mannes, der seine eigenen Schwächen liebt und verspottet. Dann sah er auf die Uhr.

»Jetzt ist es geschehen, Herr Eyth, wenn unsere Schriftgelehrten die Wahrheit sagen. Jetzt hat Allah mit eigner Hand den Baum des Lebens geschüttelt, und mein Blatt, oder das Ihre, oder Rames Beys, oder alle drei sind zur Erde geflattert. Dann war dies unsre letzte Nacht des Nuß min Schaaban. Möchten Sie nicht unter dem Baume suchen? Jetzt zählt er die Blätter. Allah ist rasch im Zusammenrechnen. Sie lachen?«

»Ich lache nicht, Hoheit,« sagte ich. »Die Poesie des Todes ist nicht zum Lachen, welche Form sie auch annimmt.«

»Und die Wirklichkeit des Lebens auch nicht, die stündlich so nah am Tode vorbeistreift,« sagte er. »In solchen Nächten packt uns der Kinderglaube. Sie haben auch den Ihren, denke ich mir. Übrigens es ist Zeit! gehen wir schlafen!«

Wir standen auf. Die Mamelucken stürzten herbei, um Rauchzeug und Kissen wegzutragen. Ein kurzes »Gute Nacht«, eine Verbeugung orientalischen Stils, bei der ich mir diesmal besondere Mühe gab, – dann ging ich nach meinem Zelt.

Unter der aufgeschlagenen Zelttüre blieb ich noch kurze Zeit stehen und sah mich um. Das Bild der einsamen, mondstrahlenden Nacht. wollte mich nicht loslassen. Ich sah Rames Bey, der zwölf Schritte von Halims Zelt einen kleinen Teppich sorgfältig auf den Boden breitete und dann verschwand. Nach einigen Minuten trat Halim aus seinem Zelt auf den Teppich zu. Er ging in Strümpfen und hatte den Stambulrock abgelegt. So betrat er den Teppich und stand feierlich, die Daumen der offenen Hände an die Ohren haltend, gegen Osten gewendet. Es war kein Zweifel: Halim Pascha tat, was ich ihn in Schubra nie hatte tun sehen: er betete. Scheinbar allein in der Welt ging er durch die eigentümlichen Zeremonien des Esche (des Nachtgebets), sich verbeugend, auf den Knien liegend, den Teppich mit der Stirn berührend, dann wieder aufstehend und zum zweitenmal den Kopf bis zur Erde beugend, alles mit der ruhigen, sanften Feierlichkeit, die aus dem betenden Araber ein Bild des Friedens und der Ergebung macht. Die halbeuropäische Tracht trug allerdings nicht dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Aber sie störte kaum. Es war, als ob die ganze Natur mit der betenden Gestalt verschmelzen wollte und sie heiligte.

Wo bringt sie sie nur immer wieder her, diese Töne der Ruhe und des Friedens in einer Welt voll ruheloser Arbeit, voll kleinlicher Sorgen, voll häßlichen Kampfes?

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