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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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El Dogan

Eine Stunde später, als der Fahrplan es wollte, kam ich gegen Mittag des folgenden Tages, von Kairo zurückkehrend, in Tanta an. Kein ägyptischer Bahnzug pflegte zu jener Zeit weniger als eine Stunde Verspätung auf drei Fahrstunden zu rechnen. Vor dem kleinen verstaubten Bahnhof mit seinen zerbrochenen Fensterscheiben und dem halbzerfallenen Mauerwerk ging ein alter Mann nur mit einem Hemd uniformiert, mit einer schweren messingnen Glocke, als Zeichen seines Amtes, auf und ab. Auf dem schattenlosen Platz hinter dem Gebäude lagen in glühender Mittagsonne Hunderte von Baumwollballen, die hier aus dem Innern des Deltas zusammenströmten und wochenlang auf Weiterbeförderung warteten. Bald aber fehlten Wagen, bald Lokomotiven, bald beides, so daß sich das kostbare Landeserzeugnis vor dem wichtigsten Bahnhof des Landes bergehoch auftürmte. Im Schatten eines dieser Berge entdeckte ich eine größere Gruppe Fellachen, Schreiber und Kaufleute, die bewundernd zwei Pferde umstanden. Achmed war zur Stelle und hielt El Dogan am Zügel, das zweite Pferd hatte er einem SaisSais heißen die Läufer, ohne die kein angesehner Mann einen Ausritt oder eine Ausfahrt unternimmt. anvertraut, den er mitgebracht hatte.

Die Umstehenden waren sichtlich in einiger Erregung und begrüßten mich mit mehr als üblicher Höflichkeit. Dann fuhren sie fort, El Dogan zu loben und den Mann glücklich zu preisen, dem ein solches Tier zur Verfügung stand. Achmed war sichtlich in der übelsten Laune und stand mürrisch zwischen den Leuten und seinem Pferde, indem er jeden Versuch der Annäherung eines der kühneren Eingeborenen mit einem geschickten, aber boshaften Fußtritt oder dem bedrohlichen Schwingen einer halbzerbrochenen Reitpeitsche beantwortete. Sooft einer der Umstehenden den kleinen Kopf, die feinen Fesseln, die Augen oder Ohren El Dogans pries, murmelte er ein »lbn el Kelb!« und ein kurzes Stoßgebet zwischen den Zähnen: »O ihr Söhne von Hunden! Segnet den Propheten, anstatt mein Pferd mit eurem ungewaschenen Lob zu verhexen! Allah, der Allgütige, schütze dich, o Dogan! Hätte ich gesegnetes Alaun hier.« Alaun ist nämlich ein bewährtes Mittel gegen die üblen Folgen öffentlicher Lobpreisungen, »so würde ich mir aus dem ganzen Dorfgesindel von Tanta so viel machen!« Er spuckte kräftig aus; aber all dies half nichts. Ein alter Kawasse erzählte, wie er El Dogan schon vor zehn Jahren als das schönste Füllen in den Ställen Abbas Paschas, Gott sei ihm gnädig, zu Benha gekannt habe. Ein Katib (Schreiber) der Baumwollhändler, die auf den Ballen herumlungerten, berichtete, daß ihn der vorige Vizekönig Said Pascha dem Sultan habe schenken wollen, daß aber Halim, sein jetziger Herr, sich nicht um dreihundert BeutelEin Beutel ist rund hundert Mark, eine jetzt wohl nur noch im Volksmunde übliche Geldeinheit. von ihm getrennt hätte; und ein verschmitzt aussehender, spärlich in Lumpen gehüllter Derwisch versicherte den Umstehenden, daß Allah nur ein Pferd geschaffen habe, welches El Dogan gleichkomme, das sei seine Schwester El Hamam, und auch sie habe der Günstling Gottes, Halim Pascha, in seinem Stall zu Schubra. Achmed, bei dem ich noch nie einen Überschuß von Frömmigkeit bemerkt hatte, betete heftiger und fluchte abwechslungsweise. Denn er war fest überzeugt, daß dieses öffentliche Bewundern und Loben lebensgefährlich war und der böse Blick irgendeines Neidischen einen der boshaften AfritAußer mit Menschen und Tieren ist nach dem Koran die Welt mit gewöhnlich unsichtbaren Geistern bevölkert, die sich in der verschiedensten Weise bemerklich machen. Die guten heißen Ginn, die boshaften Afrit. herbeilocken konnte, die uns auf Schritt und Tritt auflauern. Er war deshalb sichtlich erleichtert, als ich rasch Anstalten machte, aufzusteigen.

Es gehört nicht zu meinem Beruf, etwas von Pferden zu verstehen, aber so viel konnte fast ein Blinder sehen, daß ich kein gewöhnliches Tier unter mir hatte. El Dogan, wie mir Achmed im Laufe des Tags ehrfurchtsvoll flüsternd zehnmal erklärte, war in der Tat ein Araber reinsten Blutes, aus dem Nedjed, vom erhabenen Stamme der Koschlanis. Das mußte, meinte er, jeder fühlen. Ein solch zartes, glänzendes Haar, einen solch feinen Kopf mit einem Mäulchen wie ein Mädchen hatten nur die Koschlanis; auch solch kleine lebhafte Ohren, solch große, kluge, feuchte Augen, aus denen eine Menschenseele heraussah, solch sehnige Beine, die zugleich zierlich waren wie die eines Hirsches! Ibrahim Pascha, der die Stute El Habibi, seine Mutter, nach Ägypten gebracht habe, sei gezwungen gewesen, ihren früheren Herrn zu vergiften, um sie zu bekommen. Aber der tapfere Pascha hoffte auf die Vergebung Gottes für sein Tun, denn die Versuchung war zu groß gewesen.

Das Wundertier sah mich lange prüfend an, schüttelte den Kopf und wandte sich mit sanft ablehnender Gebärde an seinen Begleiter, das Mameluckenpferd, das laut wieherte und stampfte, als wolle es große Heldentaten verrichten. El Dogan blieb still und sichtlich gedrückt. Hatte ich ihm wirklich so schlecht gefallen? Doch ließ er mich ruhig aufsteigen, während Achmed nicht ohne Schwierigkeit sein übermütiges, tänzelndes Tier erkletterte, das der Sais kaum zu halten vermochte. Nach einem vergeblichen Versuch des scherzliebenden Geschöpfs, seinen Reiter über die nächsten Baumwollballen zu schießen, die uns den Weg verlegten, kamen wir in Bewegung. Der Sais zerteilte die gaffende Menge mit einem Schwung seines Stocks. Wir ritten davon.

Bald lag Tanta mit seinen engen, dumpfigen Gäßchen und der stattlichen Moschee des größten Heiligen Ägyptens, des Seiyid Achmed el Bedaui, hinter uns. Nach einer Viertelstunde stießen wir auf den Kanal, der von hier in fast geradliniger Richtung nach dem Bezirk von Kassr-Schech führt, dem er während acht Monaten des Jahres das erforderliche Nilwasser zuführt. Unser Weg war deshalb nicht zu verfehlen. Man hatte nur auf dem Damm zu bleiben, der das Ufer des Kanals und eine erhöhte, leidlich feste Straße bildet, von der aus nach rechts und links ein schönes Stück fruchtbaren Deltas zu übersehen war. Hier außen, in der freien offenen Gegend, war die Hitze trotz der schattenlosen Umgebung erträglich. Ein sanfter Luftzug aus Norden, dem wir entgegenritten, belebte Herz und Sinn in fühlbarer Weise. Es war trotz seiner Einförmigkeit ein herrliches Land voll stillen grünenden Lebens, das vor uns lag.

Durch die Stadt waren wir im Schritt geritten. Auf dem Damm schlugen die Pferde von selbst einen leichten Trab an. Einen Trab wie den El Dogans hatte ich noch nie empfunden. Man spürte kaum, daß das Pferd sich bewegte. Und auch innerlich kamen wir uns näher. Er hatte sich mehrmals nach mir umgesehen. Ich klopfte ihm liebevoll den Hals, sooft er dies tat. Dies schien ihm zu gefallen. Unser gegenseitiges Vertrauen wuchs, und jedesmal nach einer derartigen kleinen Begrüßung trabte das Pferd ein wenig schneller. Achmed und der Sais blieben schon etwas zurück. Aber ich brauchte ja ihre Führung nicht. Der Kanal führte mich richtig genug.

Und dann, nach etwa einer Stunde und nach einem besonders zärtlichen Austausch unsrer jungen Freundschaftsempfindungen, begann El Dogan ganz von selbst zu galoppieren. Das war nun wirklich unbeschreiblich angenehm: das reine Wiegen. Man fühlte dabei den weichen, elastischen Körper des Tieres in seiner Kraft und Sicherheit unter sich, die leichte Bewegung der Muskeln, die spielende Anstrengung eines fröhlichen Willens. Es war klar, das edle Tier wollte sich zeigen und wollte mir eine Freude machen. Und auch ich wollte ihm eine Freude machen, legte die Zügel auf seinen Hals und ließ es laufen.

Hinter mir, in weiter Ferne, hörte ich Achmed ein paarmal rufen. Ruf du nur! dachte ich, und sieh, wie du mit deinem Streitroß nachkommst. Ich und mein Falke wollen jetzt einmal lustig sein. Als ich am nächsten Fellahdörfchen vorübergekommen war, wo Weiber und Ziegen kreischend und meckernd aus meinem Weg flogen und uns dann mit einem: »Ya Salaam! War das ein Afrit?« nachsahen, verlor ich meinen Führer völlig aus dem Auge.

Es ging immer rascher. Der laue Nordwind blies uns entgegen, daß El Dogans Schweif und die weiße Kufle, die ich um meinen Korkhelm trug, fast waagerecht hinausflatterten. Manchmal schnaubte mein vierbeiniger Freund, wie wenn er die herrliche Luft in vollen Zügen einsaugen wollte; manchmal schnaubte ich in dem gleichen Gefühl unbeschränkten Lebensgenusses, den das herrliche Tier mit mir teilte. Eine solch urweltliche Zentaurenempfindung hatte ich zuvor im Leben nie kennengelernt. Natürlich! Ich hatte ja auch nie zuvor, ehe ich nach Ägypten kam, einen Sohn Koschlanis zum Freund gehabt.

Von Zeit zu Zeit unterbrach den Damm, auf dem wir hinflogen, ein Quergraben, der im Herbst und Winter das Hochwasser des Kanals nach den benachbarten Feldern leitet, während er in der trockenen Jahreszeit nach Fellahart ruhig offen liegenbleibt. Als ich ein solches Hindernis fünfzig Meter vor uns zum erstenmal bemerkte, war ich ernstlich besorgt, was in den nächsten Minuten aus uns werden würde. Aber El Dogan spitzte nur die Ohren ein wenig. Wie er mit seinen vier Beinen zurechtkam, weiß ich nicht. Es muß doch immerhin schwieriger sein, vier Beine über einen Graben zu bringen als zwei; das leuchtet selbst einem völlig Pferdeunverständigen ein. Aber er machte sich nicht das geringste daraus und flog über die drei Fuß breite Rinne weg, als ob sie nicht existierte. Ich fühlte kaum ein etwas heftigeres Zucken seines Rückens. Später war es mir wie ihm völlig gleichgültig, ob der kommende Graben zwei oder acht Fuß breit war. Ich wußte, El Dogan wußte, was zu tun war, und berechnete schon in der Ferne, wie er die Hufe zum Sprung aufzusetzen habe, ohne den regelmäßigen Galopp zu unterbrechen.

Dann kamen wieder Viertelstunden, in denen ich halb träumend die Landschaft betrachtete, an der wir vorüberflogen. Hier das einsame Grab eines Weli, eines Dorfheiligen, dort ein nicht abgeerntetes Baumwollfeld, weiß, wie wenn es ein Schneegestöber geschmückt hätte, hier eine Gruppe jammernder Fellahs um einen Büffel, der stöhnend am Boden lag, es war die Zeit der großen Rinderpest im Jahre 1864, dort eine Fellahfrau und ein Esel vor einem altarabischen Pflug, mit dem der Mann den harten Boden aufzukratzen suchte. Es fehlte nicht an Abwechslung trotz aller Einförmigkeit.

Das Galoppieren hatte über zwei Stunden gedauert, und mein guter Dogan schien noch nicht genug zu haben. In unermüdlichem, wiegendem Takte bewegte sich der geschmeidige Rücken unter mir. Wir konnten nicht mehr weit von Kassr-Schech sein; ein großes Dorf lag mitten auf meinem Weg. Vor demselben bot eine Sakia, ein Brunnenschacht mit einem Schöpfrade, neben einer mächtigen Sykomore ein schattiges Ruheplätzchen und wohl auch Trinkwasser für uns beide. Hier wollte ich halten, um auf Achmed zu warten. Ich nahm die Zügel auf. El Dogan stand, machte einige ungeschickte Schritte vorwärts und stand wieder.

Ich sprang ab, ging nach dem stillstehenden Brunnenrad, um zu sehen, ob alles vertrocknet sei. Das war nicht der Fall. Es fand sich in einem Trog neben dem Schachte sogar eine ziemliche Menge klares, wenn auch lauwarmes Wasser. So wandte ich mich, um El Dogan zu holen, den ich mitten auf dem Weg hatte stehenlassen.

Da erwartete mich ein kleiner Schrecken. Das Pferd stand mit fast auf die Erde gesenktem Kopf stockstill, die Vorderbeine in wunderlich unnatürlicher Stellung auseinandergespreizt, die Hinterbeine nach vorn gesetzt, wie wenn es sich setzen wollte. Aber es rührte sich nicht. Ich sprang auf das Tier zu, packte die Zügel und versuchte seinen Kopf aufzurichten. Es rührte sich nicht! Seine Augen waren geschlossen. Es öffnete sie, als ich es zärtlich auf den Hals klopfte, sah mich vorwurfsvoll an und schloß sie wieder. Ich muß ihn um jeden Preis an den Trog bringen; er braucht Wasser, dachte ich und zog nach Kräften am Zügel. Aber es half nichts. Dogan stand still, wie wenn er aus Holz geschnitzt wäre. Wenn er stürbe?! Er sah aus, als ob er nicht weit dazu hätte.

Ich eilte nach dem Brunnen, schöpfte meinen englischen Korkhelm voll Wasser und hielt ihm den Trunk unter die Nase. Er pustete ein wenig, öffnete die Augen nochmals, schüttelte den Kopf und trank nicht.

Wieder versuchte ich, völlig ratlos, am Zügel zu ziehen. Es schien mir, wenn ich nur eine Bewegung in das rätselhafte Wesen bringen könnte, wäre schon etwas gewonnen. Aber alles war vergebens. Es war, als ob seine Hufe auf dem Boden festgenagelt wären.

Sollte ich in das Dorf gehen und Hilfe holen? Das einzige Gäßchen, soweit ich es sehen konnte, war leer, die Hütten ausgestorben. Alles war auf dem Felde. Nur ein Trüpplein nackter Kinder stand in vorsichtiger Entfernung, jeden Augenblick bereit, die Flucht zu ergreifen. Und dann hätte mich kein Mensch verstanden.

Es blieb mir nichts übrig, als zu warten. Ich setzte mich neben das Pferd auf den Boden. Achmed und der Sais mußten nach einiger Zeit nachkommen. Eine bange Stunde schlich dahin. Der einzige Trost, den sie brachte, war, daß der Schatten der Sykomore uns näher gekrochen kam und endlich auch El Dogan bedeckte. Aber keine Worte, kein Streicheln, kein sanftes, aufmunterndes Klatschen machte den geringsten Eindruck. Er rührte sich nicht. Ich fing an, froh zu sein, daß er wenigstens nicht umgefallen war.

Endlich erschienen meine zwei Gefährten am Horizont, gemächlich, im Schritt den Damm entlang kommend. Mein Telegraphieren mit beiden Armen setzte sie in etwas raschere Bewegung. In diesem Augenblick gab auch El Dogan wieder ein Lebenszeichen. Er setzte den linken Fuß vor den rechten. Nun galoppierte der Mameluck. Er schien endlich bemerkt zu haben, daß nicht alles in Ordnung war. Ehe seine Stute zehn Schritte von uns zum Stillstehen kam, war er aus dem Sattel und stürzte auf mein Pferd zu.

»Ya salaam! Ya nabbi! O Friede! O Prophet! Was hast du gemacht, o Baschmahandi?« rief er in ungeheuchelter Bestürzung. Dann fiel er vor dem Tier auf die Knie, nahm seinen Kopf in die Arme und blies ihm in die Nasenlöcher, sprang wieder auf, zog es am Schwanz, kam wieder nach vorn und umarmte seinen Hals mit stürmischer Zärtlichkeit. Auch der Sais war jetzt angekommen. Und in der Tat regte sich nun El Dogan, langsam und vorsichtig, noch immer mit tiefhängendem Kopf einen Fuß vor den andern setzend. Mit vereinten Kräften zogen wir ihn nach der Sakia und legten seinen Kopf auf den Rand des Wassertrogs, der unter der Sykomore stand.

»O Baschmahandi, was hast du gemacht?« jammerte Achmed wieder und wieder. »Rames Bey wird mich totschlagen, wenn wir heimkommen – O Dogan, o Dogan! Möge uns Gott barmherzig sein! Komm zu dir, o Dogan! Zieh ihn wieder am Schwanz, Sais! Möge dir Gott deine Sünden verzeihen, o Baschmahandi! Zieh, Sais, zieh! Das belebt!«

Der Sais zog mit aller Macht. Müde hob El Dogan den Kopf, um zu sehen, was man dort hinten eigentlich mit ihm vorhabe. Dann legte er ihn wieder auf den Trog, und nach einer weiteren Minute fing er an zu saufen.

»Allah sei gepriesen, er trinkt!« rief Achmed. »Trinke, mein Dogan, der Allgütige will nicht, daß du stirbst. Saufe ja, Dogan! Saufe, und Gott wird dirs segnen.«

Achmed schien von einer großen Angst befreit zu sein. Auch mir fiel eine Zentnerlast vom Herzen. Die böse Geschichte schien sich zum Besseren wenden zu wollen.

»Ich wußte das!« fuhr Achmed aufgeregt fort, während jetzt von Zeit zu Zeit ein heftiges Zittern den ganzen Körper des Pferdes schüttelte. »Ich sah es in Tanta, daß uns ein Unglück zustoßen würde. Jedermann konnte bemerken, daß der alte Derwisch den bösen Blick auf uns gerichtet hatte. Ich glaubte, es gelte mir, denn ich hatte ihn geschimpft. Gott verdamme den heuchlerischen Sohn eines Hundes! Es traf meinen Dogan. Aber Gott ist groß; nun weiß ich, was zu tun ist.«

Er riß seine Weste auf und zog eine seidene Schnur über den Kopf, von der eine kleine Kapsel hing. Es war sichtlich ein Amulett. In der Kapsel lag ein Zettel, den er mir später zeigte, auf dem die neunundzwanzig Namen Gottes säuberlich geschrieben waren. Er schlang die Schnur dem Pferd um den Hals, das jetzt mächtig zu trinken anhub.

»Siehst du,« sagte er, halb beruhigt. »Jetzt mögen die Geister der Luft tun, was sie wollen, und« murmelte er halblaut in das Ohr des Pferdes »die fränkischen Baschmahandis auch. El Dogan wird genesen. Allah, welche Toren hast du in deine Welt gesetzt! Doch was klage ich über dich und mich? Tut nicht der Allgütige mit uns, was er will? Er segne unsern Herrn Mohammed, den Propheten, den Ungelehrten.«

Ich schwieg ziemlich kleinlaut.

»Ein Salzkorn in das Auge dessen, der den Propheten nicht segnet!« brummte der Sais, der als unverfälschter Fellah die höfliche Toleranz Kairos noch nicht kannte.

»Schimpfe den fremden Herrn nicht, o Sais!« ermahnte Achmed den Mann. »Er ist unwissend. Kann ein Ungläubiger den Afrit bannen, der uns verfolgte? Nur bei Allah ist Rettung für seine Gläubigen. Er regt sich!«

Dies galt dem Pferd, das den Kopf aus dem Trog zog, sich schüttelte und um sich sah, wie wenn es aus einem schweren Traum erwachte. Achmed ergriff die Zügel und versuchte wieder, es zum Gehen zu bringen. Langsam und vorsichtig, Schritt für Schritt kamen sie um die Sykomore herum. Der Mameluck sprach fortwährend mit dem betäubten Tier und ermahnte es, sein Vertrauen auf Gott zu setzen, den Allerbarmer.

»Wir müssen El Dogan heute hier lassen,« sagte er endlich. »Es ist besser, Rames Bey oder der Pascha schlägt uns tot, als daß El Dogan auf dem Wege stirbt; und er ist noch sehr schwach. Du, o Sais, gehst in das Dorf, holst Weizenbrot und Kamelsmilch und Stroh für das Pferd und einen Esel oder ein andres Pferd für den Baschmahandi. Ich reite nach Kassr-Schech und schicke Mohammed ben Abu Dahal, den Mamelucken, den Pferdedoktor. Der soll bei ihm schlafen. Morgen kommen wir dann alle vier nach Kassr-Schech, Inschallah!«

Der Sais ging. Achmed und ich setzten uns unter den Baum; El Dogan, noch immer zitternd wie in heftigem Fieber, neben uns. Der Mameluck sprach meistens mit dem Pferd, doch manchmal würdigte er auch mich einer belehrenden Bemerkung, die ich allerdings nur halb begriff, denn ich war noch nicht weit genug in meinem Arabisch gediehen, um sein Französisch völlig zu verstehen.

»Du hast noch nie ein arabisches Pferd aus dem Nedjed geritten,« begann er nach einer längeren Pause, »eins vom Stamme der Koschlani?«

»Nein, niemals in meinem Leben,« versicherte ich. »Wo sollte ich? Ich habe überhaupt noch blutwenige Pferde geritten. Wir reiten in unserm Lande meistens Schulbänke, solange wir jung sind. Später haben wir keine Zeit, selbst hierzu.«

Achmed sah mich fragend und dann mitleidig an.

»Heute, o Baschmahandi,« fuhr er dann nicht ohne Feierlichkeit fort, »heute hat dich eines der besten Tiere getragen, die es in der Welt gibt. Nur seine Schwester, El Hamam, die niemand reitet als Effendini selbst, und die sein Vater Mohammed Ali, Gott sei ihm gnädig, mit eigener Hand gefüttert hat, kommt ihm gleich. Ja, eines der besten hast du geritten, o Bruder, und hast es fast zu Tode geritten.«

»Aber wie ist das zu verstehen?« rief ich. »Es lief wie der Wind bis zu diesem Brunnen.«

»Das glaube ich,« sagte Achmed stolz und zornig. »Und hättest du hier die Zügel nicht gezogen und es angehalten, so hättest du weiterreiten können, bis es tot umgefallen wäre. Das ist die Art der Koschlanis. Es wußte nicht, weshalb es laufen sollte. Aber es hätte deiner Torheit gefolgt bis zum Sterben.«

»Aber wie konnte ich das ahnen,« rief ich nochmals, wirklich entsetzt.

»So hat Allah seine Seele geschaffen. Das weiß jeder Junge bei uns. Lehrt man euch nichts, wenn ihr auf euern Schulbänken reitet? Was sind Schulbänke?«

Ich habe Achmed im Verdacht, daß er sich unter Schulbänken eine untergeordnete Art von Mauleseln vorstellte. Jedenfalls wurde für uns beide das Gespräch zu kompliziert. Auch ging es wirklich nicht gut an, mich länger von dem kleinen Mamelucken schulmeistern zu lassen. Ich schwieg deshalb, und er wendete sich an El Dogan, dem er von dem Weizenbrot und der Milch erzählte, die für ihn unterwegs seien.

Nach einer Viertelstunde kam der Sais zurück, einen Esel vor sich hertreibend, gefolgt von einem halben Dutzend schreiender und gestikulierender Fellachen, die jedoch stiller wurden, als sie mich und Achmed unter dem Baum liegen sahen. Ein Pferd hatte er in dem Dorfe nicht gefunden. Dagegen war es ihm gelungen, den Esel zu requirieren, auf dessen zerfetztem Sattel er eine Milchschüssel und einen Sack voll Brot kunstvoll im Gleichgewicht hielt. Achmed erklärte den Leuten, um was es sich handle: daß dies alles für den Pascha gebraucht werde und daß es besser sei, sich ohne unziemlichen Lärm in den Willen Gottes zu fügen. Sie waren fast beruhigt, als ich ihnen deutlich zu machen suchte, daß der Esel morgen wieder zurückkommen werde, und schienen glücklich, als diese Erklärung durch die Verteilung von sechs Piaster unter die sechs Mann bekräftigt wurde. El Dogan trank seine Milch, und die Fellachen, wie die Kinder, die sie sind, waren bald ausschließlich mit der Bewunderung des Arabers beschäftigt und versuchten selbst, ihn mit ihrem Weizenbrot zu füttern. Dafür schlug Achmed dem kecksten mit der Reitpeitsche über die Hände, daß er das Brot fallen ließ und heulend im Kreise herumtanzte, worüber die andern in ein fröhliches Gelächter ausbrachen.

Der Mameluck war höflich genug, mir sein Pferd anzubieten. Aber ich sah ihm an, wie es in ihm brannte, seinen Freund Mohammed ben Abu Dahal, den Pferdedoktor, herbeizuholen, und auch ich war kaum weniger bereit, alles zu tun, was getan werden konnte, um die Folgen meiner mangelhaften Kenntnis der arabischen Pferdeseele aus der Welt zu schaffen. Ich bestand deshalb darauf, daß Achmed sein Pferd behalten solle, und bestieg den Esel. Der Sais blieb bei El Dogan zurück. Achmed nahm von seinem vierfüßigen Freund besorgten Abschied und verschwand in der Staubwolke, die die Hufe seines jetzt wie toll galoppierenden Pferdes entlang dem Kanal aufwarfen. Ich trabte ihm langsam und bedächtig nach, nachdem der Esel mit Hilfe der sechs Fellachen seine Aufgabe begriffen hatte. Es war übrigens ein Glück, daß der eine der Bauern, der würdige Scheich des Dorfes, welcher nicht ohne Besorgnis über das Schicksal seines Tierchens geblieben war, mich in der Eigenschaft eines Eselsjungen begleitete. Weniger meinen unablässigen Ermahnungen als seinem Stock hatte ich es zu danken, daß sich das grämliche Langohr wenigstens zu einem bescheidenen Träblein verstand.

So stieg endlich am glühenden Abendhimmel der Trümmerhaufen der alten Griechenstadt vor uns auf. Der Friede der abendlichen Deltalandschaft, welche die untergehende Sonne mit ihrer schimmernden Glut überflutete, legte sich versöhnend auf die Erlebnisse des Tages. Auf halbem Wege wirbelte eine Staubwolke an uns vorüber, der wir hastig über die Kanalböschung hinab auswichen. Es waren Achmed und der Tierarzt, die in stürmischer Eile, von Kassr-Schech kommend, nach Maraska zurückritten.

Ähnlich war ich heute mittag zur Bewunderung der ganzen Stadt von Tanta ausgezogen. Wie ganz anders zog ich jetzt, eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, durch Kassr-Schech! Es war schon tiefe Dämmerung in den Gäßchen, und ich war der Sonne ordentlich dankbar. Doch ich hatte wenigstens das Jagdschlößchen in der Tasche. Das war immerhin ein Trost.

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