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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Sackra

Hundert Schritte vor seinem Lager erblickte ich eine Stunde später Halim Pascha, der mir, nur von seinem ständigen Adjutanten Rames Bey begleitet, entgegengeritten kam: ein kleiner, wohlgebauter, sehniger Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, kaum brauner als ein Neapolitaner, mit regelmäßigen, nicht unschönen Zügen und durchdringenden schwarzen Augen, die in ruhigen Augenblicken schwermütig dreinsehen, aber auch ein gewinnendes Lächeln widerspiegeln konnten. Gewöhnlich drückten sie nervöse Energie aus, was den raschen, unerwarteten Bewegungen des Körpers wohl entsprach. Er ritt einen Rappen, eine Seltenheit bei arabischen Pferden, der seine Last mit sichtlichem Stolze trug, und saß nachlässig im Sattel, wie wenn er auf Pferden zu Hause wäre. Ich sah ihn zum erstenmal halbtürkisch gekleidet. Die Tracht stand ihm vortrefflich. Er verstand es, den weißen wallenden Mantel auch zu Pferde in einer Weise zu tragen, die jeden Künstler erfreut hätte, und die bunte Kufie, die er um den Tarbusch gewunden hatte, flatterte lustig im Morgenwind. Pferd und Reiter waren fast ein Bild aus dem vorigen Jahrhundert. Das war der Tscherkesse, der ihm folgte, völlig: ein großer prächtig gebauter Mann in goldgestickter, grüner, enganliegender Jacke, mit einer roten Schärpe um den Leib, aus der ein mit Edelstein besetzter Dolchhandgriff hervorsah. Grün waren auch seine weiten türkischen Beinkleider, die in prächtigen Falten über die Seiten seines weißen Pferdes herabfielen. Wie der Pascha hatte er eine bunte seidene Kufie über dem Kopf, die das Gesicht malerisch umrahmt und die ganze Gestalt eigentümlich belebt. Seine blonden Haare waren ganz kurz geschnitten. Die allzu regelmäßigen Gesichtszüge hätten etwas statuenartig Totes gehabt, wenn sie nicht zwei dunkelblaue Augen eigenartig belebt hätten. Es fehlten ihm nur die Waffen, um eine prächtige Gestalt der alten Zeit aus ihm zu machen, in der die Mamelucken Könige waren. Doch war alles, was er trug, das elfenbeinerne Zigarettenetui Halims, das während jedes Gesprächs alle drei Minuten in Tätigkeit trat.

»Schön, daß Sie hier sind, Herr Eyth,« rief mir der Pascha entgegen, »und schade, daß Sie bei dem Scheich geschlafen haben. Ich hatte Ihnen ein Zelt neben dem meinen aufschlagen lassen. Achmed ist ein Dummkopf.«

»Geschlafen habe ich bei dem Scheich eigentlich nicht. Hoheit. Doch ging die Nacht auch so vorüber,« antwortete ich mit dem sauersüßen Lächeln, mit dem man sich kaum überstandener Qualen erinnert.

»Aha!« lachte Halim. »Sie sind noch immer nicht an unsere arabischen Nächte gewöhnt. Warten Sie, bis Sie tausendundeine hinter sich haben. Dann können Sie etwas erzählen.«

Er drehte sein Pferd.

»Gehen wir hinauf!« fuhr er fort. »Ich werde Ihnen den Platz zeigen. Wir können arbeiten, ehe es zu warm wird.«

In wenigen Minuten waren wir am Fuß des Hügels und stiegen ab. Es war ein riesiger Schutthaufen aus Erde, Scherben, Ziegelsteinen und tausendjährigen Knochen, alles halb zusammengebacken zu einem schwarzbraunen Konglomerat, in dessen Ritzen und Vertiefungen sich der feine Sand der Wüste, den der Wind hergeweht hatte, in weißen Adern und Knollen ablagerte. An einzelnen Stellen lagen Stücke abgebrochener Säulenschäfte oder eine halbzertrümmerte ionische Schnecke, die davon erzählte, daß hier einmal Griechen gehaust hatten. Tiefer im Innern des mächtigen, sechzig Fuß hohen Trümmerhaufens hätte man wohl auch Spuren des alten Ägypten finden können, das an den Ufern des fischreichen Burlossees blühende Städte gebaut hatte. Nicht ohne einige Mühe in dem losen, zurückweichenden Schutt erreichten wir die Kante des kleinen Plateaus, aber der Aufstieg, wie Baedeker zu sagen pflegt, war lohnend. Selbst eine Erhöhung von zwanzig Metern kann in einem Landstrich wie dem zu unsern Füßen einen Berggipfel vorstellen.

So weit das Auge nach Süden, Osten und Westen reicht, bietet sich ihm eine grünblühende Fläche dar: grüner Klee, grüne Baumwollstauden in langen, regelmäßigen Linien, grüner, sprossender Weizen, grüner Mais und da und dort kleine Fleckchen grellgrünen Zuckerrohrs; Grün in allen Tönen, die Gelb, Braun, Rot und Blau in Grün legen können. Dazwischen Dutzende von Fellahdörfchen mit ihren dunkeln Baumgruppen und den kleinen weißschimmernden Minaretts. Da und dort eine dünne Rauchsäule, die kerzengerade gen Himmel steigt, da und dort, solange die Entfernung für das Auge nicht zu groß ist, eine Gruppe von Büffeln, eine Herde von Rindern oder Ziegen, einzelne Esel, spärliche Kamele. Das Ganze ist zerschnitten von den dunkleren, nur da und dort aufblitzenden Linien der Kanäle oder von natürlichen Wasserläufen, unter denen die alte große Nilfurche der Sebenitischen Mündung kaum mehr zu erkennen ist. Der unruhige Strom hat im Laufe der Jahrtausende andere Wege nach dem Meer gefunden. Gegen Norden geht der Ton der Landschaft in Braun und Blau über. Das Schilf und die Sumpflachen des Burlossees mit dem tausendfachen Leben seiner Fische und Wasservögel liegen dort ungestörter, als sie es vor zweitausend Jahren gewesen sein mögen. Denn dieser ganze Landstrich ist vereinsamt und vergessen. Das Leben unsrer Zeit hat sich nach Westen gezogen und blüht in Alexandrien, oder wanderte nach Osten, wo damals die ersten Hütten der Ingenieure von Port Said und Suez aufgeschlagen wurden. Aber trotzdem war es ein königliches Bild unter dem wolkenlosen Himmelsdom, der sein feuriges Blau über das ganze Land spannte; und der reine Morgenwind, der den kräftigenden Seegeruch noch nicht ganz verloren hatte, füllte die Brust mit einem Gefühl unvernünftigen, wohligen Stolzes.

›Das gehört uns!‹ dachte ich, wahrscheinlich angesteckt von der Nähe Halims, der mit etwas mehr Berechtigung sicherlich dasselbe dachte. Derartige lautlose Gedankenübertragungen kann man in dieser stillen Welt zwischen zwei Wüsten öfter beobachten als in unsern lärmenden Kulturstädten des Westens.

›Und das soll nicht umsonst uns gehören!‹ dachte er weiter. Man sah es deutlich in seinen Augen, während ich halblaut nachbetete: »Nein, das soll nicht umsonst uns gehören!«, wie wenn ein arabischer Ginni oder ein altgriechischer Dämon mir die Worte vorgesprochen und mich gezwungen hätte zu reden. Vielleicht war die schlaflose Nacht ein wenig dabei beteiligt.

Halim sah mich etwas verwundert an, schüttelte lächelnd den Kopf und sagte dann laut:

»Was sagen Sie dazu? Hier will ich mein Schlößchen haben. Dort drüben« er wies nach Norden »sind Tausende von Enten und Schnepfen, und Pelikane und Flamingos, und Millionen von Fischen. Ich werde die Fischerei Ihrer alten Freunde, der Griechen, wieder aufnehmen. Von hier sehe ich meine Baumwolle, so weit man sehen kann, und ein Dutzend Entkörnungsfabriken, und fünfzig von Ihren Dampfpflügen statt der drei, die jetzt dort unten puffen! Für ein gutes Fundament soll sofort gesorgt werden. Das Schloß herbeizuschaffen und Wasser und einen kleinen Garten, das ist alles Ihre Sache, Herr Eyth! Wissen Sie was? Wir wollen das Ganze ohne Verzug ausstecken, daß Leben in die Geschichte kommt. Morgen soll der Scheich von Kassr Leute schicken, die die Fundamentgräben ausheben können. Hast du ein Bandmaß hier, Rames?«

Rames Bey griff ohne das geringste Erstaunen über diese, wie mir schien, unerwartete Frage in seine grünen Hosen und brachte das verlangte Bandmaß zum Vorschein.

»Aber Hoheit,« wandte ich ein, »wir brauchen hierzu die Zeichnungen, zum mindesten den Grundriß des Gebäudes. Ohne die richtigen Maße können wir nichts ausstecken.«

»Was!« rief er mit einem scharfen Zucken in dem dunkler werdenden Gesicht. »Sie haben den Grundriß nicht hier?« Er war sichtlich unangenehm berührt.

»Aber ich konnte unmöglich wissen, Hoheit,« antwortete ich, ebenfalls nicht sehr vergnügt, »als ich wegen der großen Pumpe nach Terranis ging, daß ich die Zeichnung des Jagdschlosses, die seit Wochen in Thalia liegt, hier in Kassr-Schech brauchen werde!«

Er hörte mich kaum an. »Rames, das Jagdschloß,« sagte er scharf zu seinem Tscherkessen.

Ich wußte bereits, weshalb Rames Bey trotz seiner hohen und vielfach begünstigten Stellung und seiner halbvollendeten Pariser Erziehung mit merkwürdiger Zähigkeit an der türkischen Tracht festhielt, die sonst am Hofe der vizeköniglichen Prinzen fast verschwunden war. Eine weite türkische Hose kann Taschen bergen, von denen ein europäisches Beinkleid keine Ahnung hat. Und aus dieser Tasche heraus konnte er eine Welt von Bedürfnissen befriedigen. Sie hatten ihn längst für den unruhigen Geist Halims unentbehrlich gemacht. Aber diesmal versagten die Hosen.

Doch Halim hatte seine Aufwallung bereits unterdrückt und die Ruhe des Orientalen wiedergewonnen. Es war hübsch, zu beobachten, und täglich bot sich hierzu Gelegenheit, wie die Erziehung des vornehmen Türken die Natur des Arabers beherrschte.

»Was machen wir jetzt?« fragte er mich freundlich, aber dringend. »Man sollte nie ohne den Grundriß eines Jagdschlosses auf Reisen gehen, Herr Eyth! Wo ist er?«

»In Schubra, Hoheit!«

»Ich werde Achmed el Soyer hinschicken, ihn zu holen.«

»Er liegt in einem Schrank in meiner Wohnung unter hundert andern Papieren und Zeichnungen. Achmed wird ihn nie finden.«

»Ich werde den Schrank holen lassen.«

Ich hätte fast gelacht, was ziemlich gefährlich gewesen wäre, denn es war Halim Pascha tiefer Ernst.

»Bis Tanta,« sagte ich, mich fassend, »ginge dies nicht unschwer mit der Bahn. Aber von dort hätte es seine Schwierigkeiten. Der Schrank ist zu groß für ein Kamel, und das Wasser im Kanal von Kassr-Schech steht schon zu nieder für Boote.«

»Dann nimmt man zwei Kamele und trägt ihn an Stangen,« meinte Halim entschlossen. »Man muß sich zu helfen lernen, Herr Eyth. Ich hasse nur ein Wort, aber das auch gründlich, das Wort impossible. Sie haben mir das noch nie gesagt und sollen es mir nie sagen. Aber das ist richtig: es geht zu langsam mit den Kamelen.«

»Ich könnte die Zeichnung ja selbst holen!« schlug ich vor.

»Bravo, Herr Eyth!« rief der Pascha. »Rames, den Eisenbahnfahrplan.«

Rames zauderte diesmal nicht einen Augenblick. Über seinen schönen Zügen spielte ein Lächeln beruhigenden Selbstvertrauens. Dann bückte er sich, versank in seiner linken Hosentasche und brachte aus der Gegend der Knie den verlangten Fahrplan hervor, den er selbstgefällig ausbreitete. Halim nahm ihm das Blatt rasch aus der Hand und sagte, mit einem Wink auf die Taschen des Adjutanten, zu mir:

»Sehen Sie!«

Ich verstand den leisen Tadel, der in diesen zwei Worten lag; doch wie konnte ich dem Ideal, das sich Halim von einem Ingenieur gemacht hatte, näherkommen, ohne ebenfalls türkische Hosen zu tragen, und soweit habe ich es zum Glück oder leider wer will es entscheiden? nie gebracht. Unbedingt mußte ich allerdings im stillen zugeben: auf den Trümmern einer alten Griechenstadt, an der verlassensten Grenze des Nildeltas, ohne jede Vorbereitung auf Verlangen den neuesten Eisenbahnfahrplan hervorzuziehen, war eine großartige Leistung. Halim überlegte: »Wenn Sie in einer Stunde hier weggehen, so können Sie um drei Uhr fränkischer Zeit in Mahallet el Kebir sein, unsrer nächsten Station an der Zweiglinie nach Samanud. Dann können Sie mit dem Abendzug nach Kairo kommen und dort übernachten oder noch nach Schubra reiten. Gut! Am andern Morgen holen Sie die Zeichnung und gehen mit dem Neunuhrzug bis Tanta zurück. Dorthin schicke ich Ihnen ein gutes Pferd. So sind Sie abends bequem wieder hier, und wir können übermorgen früh zu bauen anfangen. Geht es so?«

»Inschallah!« rief ich. Die Luft des Orients wirkte in diesem einsamen Landeswinkel mächtiger als in Kairo. Halim lächelte über meine sprachlichen und, wie es fast klang, religiösen Fortschritte.

»Ma scha allah!« Inschallah – wenn Gott will; Ma scha allah – wie Gott will, bekräftigte er. »Sie haben Zeit genug. Der Scheich von Kassr soll Ihnen ein gutes Pferd geben. Rames, sorge dafür! Achmed kann El Dogan (den Falken) heute noch nach Tanta bringen. Dort wird er Sie am Bahnhof erwarten.«

»El Dogan?« rief Rames erstaunt, nahm jedoch sogleich wieder die Miene einer altgriechischen Marmorbüste an.

»El Dogan!« sagte Halim bestimmt. »Ich möchte Ihnen ein Vergnügen machen, Herr Eyth. Sie sollen wenigstens einmal in Ihrem Leben arabisch reiten, wie Sie noch nie geritten sind. Gehen wir frühstücken.«

Er wandte sich nach dem Rand des Hügels und begann hinabzuklettern. Rames und ich folgten. Und zwei-, dreimal hörte ich den Tscherkessen, als wir herabstiegen, unruhig zwischen die Zähne murmeln: »El Dogan! El Dogan!«, wie wenn er noch nicht begriffen hätte, um was es sich handle. Ich war viel weiter davon entfernt, es zu begreifen, aber völlig beruhigt.

Inschallah – wenn Gott will; Ma scha allah – wie Gott will.

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