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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Der Monteur

Das alte Lied von der Lore – kaum täuscht mich das Gehör,
Trotz allem Klingen und Klirren pfeift Hans, der muntre Monteur.
Wahrhaftig, das Lied von der Lore, aus der guten alten Zeit!
Man singt es in jeder Werkstatt noch heute weit und breit.

Wohl tönt jetzt anders und lauter der stürmischen Arbeit Gebraus;
Wie eine Zauberhöhle sieht heute die Werkstatt aus.
Wo einst ein Paar am Schraubstock, ein Paar am Amboß stand,
Da reichen jetzt achthundert sich die geschäftige Hand.

Einst schlugen sie die Eisen den Pferden auf den Huf,
Nun schmieden sie ganze Pferde, flinker als Gott sie schuf.
Im Toben und Getümmel merkt kaum man, wies geschieht,
Und nur das Lied von der Lore, das ist das alte Lied.

In langen Reihen stehen sie in dem brausenden Saal,
Die werdenden Riesenrosse aus Eisen und aus Stahl.
Sie liegen im Getöse, still und geheimnisvoll,
Und wachsen und warten, was morgen aus ihnen werden soll.

Ein schwarzer, schwerer Kessel schwebt lautlos durch die Luft,
Er hebt sich, senkt sich, dreht sich, wie ihm ein Junge ruft.
Jetzt liegt er auf vier Böcken, unförmlich, ungeschlacht:
Das ist der Bauch des Untiers, das sie hereingebracht.

Sie senken und messen am zweiten, als bauten sie ein Haus.
Wie Gnomen in emsiger Arbeit kriecht es hinein und heraus;
Sie hämmern und meißeln, es dröhnen die zitternden Platten laut,
Sie bohren ihm hundert Löcher in seine eiserne Haut.

Das dritte steht auf Achsen, auf mächtigen Rädern schon;
Schwerfällige Riesenglieder! Noch läuft es nicht davon,
Doch bolzen sie die Zylinder schon an, mit ems'gem Bedacht;
Drin haust des Tieres Seele, wenn es zum Leben erwacht.

Es häuft sich um das vierte verwirrtes Stahlgemeng;
Es kommt von allen Seiten das funkelnde Gestäng.
Die Kolben, die Zapfen und Gabeln, wer kennt, wer zählt sie nur!
Die blanken Exzenterringe, die schmucke Armatur.

Und Schieber und Kulissen setzt man dem fünften ein;
Das ist ein Schrauben und Drehen, ein Messen, scharf und fein.
Es kreuzen sich Hebel und Stangen, es windet sich Rohr um Rohr,
Und endlich hebt auch der Schornstein den trotzigen Kopf empor.

Das sechste dort ist fertig, es blitzt in stolzer Pracht,
Als ahnt' es seine Stärke, als fühlt' es seine Macht;
Als sei's bereit zu fliegen hinaus in die weite Welt.
Das ist die erste Maschine, die Hans zusammengestellt.

Wie alles glänzt und glitzert, wie alles klappt und paßt!
Ein schönes Werk ist fertig, und feierlich wird fast
Dem Hans und der Maschine. Man sieht es beiden an,
Der Jugend Mut und Freude, die Liebe half daran.

Auch siedet's schon im Kessel in heißem Ungestüm.
Es regt sich schon wie Leben im mächtgen Ungetüm.
Es summt und saust im Innern das Feuer und der Dampf;
Ein halb bewußtlos Regen, der erste Lebenskampf.

Jetzt schnaubt es schwarze Wolken durchs zitternde Kamin,
Halb zornig und halb freudig: »Nun weiß ich, daß ich bin!«
»Nur zu! In zehn Minuten beginnst du mir den Tanz!«
Das Lied von seiner Lore singt laut der lustge Hans.

Singt laut und ölt und schraubt noch an seinem Meisterstück.
»Du warst mir meine Freude, nun bring mir auch mein Glück,
Und geh auf deine Reise geschmirgelt und geschmiert,
Das erste schmucke Dampfroß, das ich für sie montiert.«

»Für meinen Schatz, die Lore, für meine herzige Braut,
Galt jeder Schlag des Hammers, seit ich daran gebaut.
Gebt Dampf! gebt Dampf, da droben!« Wie's ihm das Herz bewegt!
»Den Schieber auf, Gesellen! Versucht, ob es sich regt.«

Es stand vor dem Eichentore, das halb geschlossen war.
Hab acht! es regt, es dreht sich das Riesenräderpaar.
Die Kolben, die Kurbelstangen erwachen aus ihrer Ruh,
Vom Trittbrett springt er herunter, dem wuchtigen Tore zu.

»Auf, auf!« Er reißt am Flügel, der langsam, schwer sich dreht,
»Bahn frei! Faßt an, Gesellen! Bahn frei!« Es ist zu spät.
»Rückdampf! Um Gottes willen!« Es schreiens zehn in Hast;
»Rückdampf! Könnt ihr nicht sehen, wie es den Hans erfaßt?«

Wie das Entsetzen betet! Horch, wie der Schrecken flucht!
Leis leis schließt die Maschine das Tor mit ihrer Wucht.
Ein Knacken und ein Knarren, ein kurzer, dumpfer Schrei,
Ein banges Todesröcheln, und alles ist vorbei.

Sie klauben ihn zusammen, sie tragen ihn nach Haus.
Einförmig tobt es weiter, der Werkstatt Sturmgebraus.
Das war der Tod im Dienste. Das Leben ist's, wenn's glückt.
Den Hans hat seine erste Maschine zu Tod gedrückt.

Nun liegt er still begraben im Friedhof vor der Stadt.
Dort weint die kleine Lore. Sie weinte bald sich satt.
Und stampfend stürmt der Nachtzug der Friedhofsmauer entlang:
Das war seine erste Maschine auf ihrem ersten Gang.

Es ist, als ob sie ahnte, weshalb sie keucht und qualmt,
Es ist, als ob sie wüßte, daß sie den Hans zermalmt;
Denn leise klingt durchs Brausen, zum Gruß des toten Manns,
Das alte Lied von der Lore, das Lied vom lustigen Hans.

Dunkle Blätter

Das Jagdschloß

Dunkle Blätter aus den alten Zeiten des Papyrus wie aus den neuen des Papiers gibt es genug in diesem sonnigen Lande, doch liegen sie nicht am Wege der Herdenreisenden von Stangen und Cook. Im grellen Licht, das selbst die Wüste ausstrahlt, gehen die meisten achtlos an ihnen vorüber. Natürlich! Man kommt nicht nach Ägypten, um dunkle Blätter zu betrachten. So muß ich wohl ausführlich erzählen, wie ich dazu kam, eines der dunkelsten so nahe zu streifen, daß es mir auf Wochen den ägyptischen Sonnenschein entleidete. Die überaus sach- und landeskundigen Herdenreisenden würden mir sonst kaum glauben. Sie hatten nichts dergleichen bemerkt. Es war alles so hell, so klar, so durchsichtig unter dem blauleuchtenden Himmel, die Fellachen, ein mit dem Wenigsten zufriedenes, lärmendes, malerisch zerlumptes Völkchen, und die Paschas so komisch, wenn sie auch nicht immer ganz so gesittet und liebenswürdig sein mochten wie wir selbst, sobald wir auf Reisen sind. Das wenigstens war der Eindruck, den die Mehrzahl der eingeborenen oberen zehn Zehner von Alexandrien und Kairo gegen die Mitte der sechziger Jahre auf uns machte.

Das Schicksal gestattete mir jedoch nicht, meine Beobachtungen auf die Allerweltsstraße der hereinbrechenden Touristenflut zu beschränken. Ich stak eines Tages, zum Beispiel, in einem Brunnenschacht zu Terranis bei Damiette, den Kopf und ein ängstlich flackerndes Öllämpchen in dem riesigen Ventilkasten einer hundertachtzigpferdigen Dampfpumpe alten Schlages, die sich seit einigen Tagen hartnäckig geweigert hatte, die umliegenden Reisfelder mit dem nötigen Trinkwasser zu versorgen. Es war eine jener turmhohen Wasserhebemaschinen, wie sie in Bergwerken üblich sind und von englischen Ingenieuren und Agenten zum Beginn der landwirtschaftlichen Entwicklung neuen Stils gut genug für Ägypten gehalten wurden. Das drei Zentner schwere messingene Saugventil, einer großen Glocke ähnlich, hing provisorisch an einer Kette, welche kunstvoll in einen Baststrick überging, der über eine Seilscheibe am Dach des Maschinenhauses lief. Am andern Ende des Seiles hingen fünf Fellachen und gaben sich den Anschein, eine qualvoll schwere Last emporzuziehen. Auf dem Zylinderdeckel, zwei Stockwerke über mir, saß mit gekreuzten Beinen, behaglich wie ein Pascha der alten Schule, mein Dragoman Abu-Sa und übersetzte brüllend die englischen Kommandoworte, die aus der dunklen Tiefe zu ihm herauf drangen, in verständliches Fellaharabisch, worauf die fünf Mann lebenden Gegengewichts nicht ohne häufige Anrufung Allahs und seines Propheten den Strick anzogen oder nachließen.

Ich atmete erleichtert auf, trotz der scheinbar unerquicklichen Umgebung von Nilschlamm, triefendem Wasser und ägyptischer Finsternis, in der ich wie ein Molch herumkroch. Die Ursache des Jammers, der mich Hals über Kopf von Kairo hierher, nach der nördlichsten Besitzung Halim Paschas, gesprengt hatte, damals eine Reise von zwei Tagen trotz aller Beförderungsmittel, die mir zur Verfügung standen, war endlich nach mehrtägigem Suchen gefunden. Ein großer Fisch hatte ein Loch im Saugkopf der Rohrleitung benutzt und sich in seiner Neugierde bis zum ersten Ventil der Pumpe durchgearbeitet. Dort war er zwischen Ventil und Ventilführung mit abgeschnittenem Kopf und auch sonst lebensgefährlich verletzt steckengeblieben. Nach dieser Heldentat, die das Ventil an dem unberufenen Eindringling verübt hatte, weigerte es sich, seine gewöhnliche Alltagsarbeit weiter zu verrichten, so daß die große Pumpe stöhnend und ächzend, pustend und gurgelnd seit fünf Tagen aufgehört hatte, Wasser zu geben. Manchmal, je nachdem der tote Fisch sich in dem Ventilkasten drehte, stieg plötzlich das Wasser im Druckrohr mächtig und hoffnungsvoll empor; dann aber, mit einem alles erschütternden Knall in den untersten Tiefen des Schachtes, lief das kostbare Naß zischend und sprudelnd wieder davon. Es ist nicht immer ganz einfach, derartige faule Fische in dem Riesenleib einer Dampfpumpe sofort zu entdecken, namentlich ehe man weiß, ob sie überhaupt vorhanden sind, Deshalb war ich nach meiner Entdeckung in der besten Stimmung. Die Reisernte von Terranis brauchte nicht verloren zu sein. Es handelte sich jetzt bloß darum, den kopflosen Fisch aus dem Ventil herauszubekommen und ihn, soweit die Fellachen damit zu tun hatten, zu verspeisen. War dies geschehen, so mußte die Pumpe wieder ihre viereinhalb Tonnen Wasser in der Sekunde speien wie je zuvor.

Ich beleuchtete das Ungetüm von allen Seiten. Es stak fest zwischen Ventil und Ventilführung und sah mit seinen zerfetzten Flossen kläglich, fast mitleiderregend aus. Das kann schließlich jedem passieren! dachte ich, mit dem Kopf unter der hängenden Glocke, zum Beispiel auch mir, wenn Abu-Sa ein falsches Kommando gibt und die drei Zentner Messing auf mich herunterkämen. Ich getraute mir deshalb nicht einmal »Festhalten!« hinaufzuschreien. Wie leicht konnte das Wort mißverstanden oder falsch übersetzt werden; und dann wäre der Fisch nicht schlimmer daran gewesen als ich und die wertvolle Reisernte sicherlich verdurstet.

Und wirklich, oben schien plötzlich eine große Bewegung auszubrechen: rasche Tritte, einzelne Rufe, verwirrtes Schreien. Der tote Fisch begann zu zittern, und das Ventil tat einen Ruck. Ich bin nie aus einem Ventilkasten so schnell herausgekommen wie damals. Sobald ich aber bemerkte, daß all meine Gliedmaßen noch aneinanderhingen und mir nichts fehlte, bemächtigte sich meiner ein heiliger Zorn, der wohl jeden erfaßt, dem aus Versehen der Kopf abgeschnitten zu werden drohte. Das Gefühl der Dankbarkeit gegen eine gütige Vorsehung verflüchtigt sich in solch kritischen Augenblicken vielleicht allzu rasch. Ich flog die Leiter hinauf, um mich auszusprechen.

Dazu kam es allerdings nicht. Man wird innerlich ruhiger, wenn man an einer senkrechten Leiter von fünfundzwanzig Sprossen sehr rasch emporklettert. Und dann sah ich sofort, daß sich etwas Außerordentliches ereignet haben mußte. Abu-Sa hatte seinen beherrschenden Sitz auf dem Zylinderdeckel verlassen. Nur noch zwei der Fellachen hingen gewissenhaft, aber jammernd an dem Strick, jeden Augenblick gewärtig, von dem schwebenden Ventil in die Luft gehoben zu werden. Die andern drei hatten sich in harmloser Neugier zu der Gruppe gesellt, die in der Mitte des Maschinenhauses den aufgeregt keuchenden Nasir, den Gutsverwalter von Terranis, den majestätischen Scheich el Beled, den Dorfschulzen und einen Mamelucken Halim Paschas umgab, dessen dampfendes Pferd zwischen den Eseln der beiden Würdenträger vor der Türe stand.

Achmed el Soyer, »der kleine Achmed«, ein mir wohlbekannter Leibdiener Halims, der in Schubra für die Tschibuks seines Herrn verantwortlich war, schien etwas erstaunt, denn er hatte mich noch nie in einem Überzug von Nilschlamm gesehen, wie ich ihn aus dem Schacht heraufbrachte. Doch zog er sofort ein kleines Billett aus der Brusttasche seines StambulrockesDer Stambulrock ist ein einfacher Gehrock aus leichter schwarzer Seide, mit einreihigen Knöpfen; in Ägypten das übliche Kleidungsstück von Beamten und höhren Dienern, die keine Militäruniform tragen. und überreichte es mir mit der Feierlichkeit, zu der ihn ein Ritt von zwölf Stunden berechtigte. Es war ein Briefchen in den mir bereits wohlbekannten Krähenfüßen des Paschas, der sich auf einer Jagdrundreise befand und gestern in Kassr-Schech, fünfundsiebzig Kilometer westlich von Terranis, angekommen war. Er schrieb:

»Haben Sie die Güte, mit dem Mamelucken Achmed hierher zu kommen. Der Nasir von Terranis hat Befehl, Ihnen Pferde zu geben. Ich habe auf dem Schutthügel einer altgriechischen Stadt Sackra bei Kassr-Schech einen wundervollen Platz für mein gußeisernes Jagdschloß gefunden. Vor meiner Abreise von hier möchte ich mit Ihnen die Grundmauern des Gebäudes festlegen; auch anderes besprechen. Bitte ohne Verzug zu kommen. Halim.«

Kein Wunder, daß die Bevölkerung des Bezirks in einiger Aufregung war und von allen Seiten herbeiströmte. Schon waren die Fenster des Maschinenhauses mit Zuschauern besetzt, die still, aber mit weitaufgerissenen Augen die Nasen gegen die Scheiben drückten, wo diese noch nicht zerbrochen waren. Ein so unmittelbarer Befehl Effendinis war in Terranis nichts Alltägliches. Da mußte man mindestens wissen, um was es sich eigentlich handle. Zwanzig Hände fütterten und tränkten das Pferd des Mamelucken, Jusef ben Chalil, der wackere Maschinenwärter der verunglückten Pumpe, kochte unter seinem Dampfkessel eiligst Kaffee, und Nasir und Scheich el Beled wetteiferten in guten Ratschlägen, wie ich am besten und schnellsten nach Kassr-Schech kommen könne.

Das war nun der dritte wundervolle Platz, den mein derzeitiger Herr und Gebieter für sein eisernes Jagdschloß gefunden hatte. Ungefähr vor Jahresfrist wurde ein junger französischer Gießereibesitzer durch ein Brustleiden nach Ägypten geführt. Dieser Herr benutzte eine frühere, oberflächliche Berührung mit dem ägyptischen Prinzen in der Ecole Centrale zu Paris dazu, dem künftigen Vizekönig seine Aufwartung zu machen. Halim erinnerte sich seiner kurzen Pariser Studentenzeit immer gerne, und seine Bekannten, auch die entferntesten, aus jenen Tagen waren eines gastfreundlichen Empfangs sicher. So kam es, daß nach einem heiteren Frühstück à la française in den Gärten zu Schubra, bei dem die Gebote des Korans nicht buchstäblich gehalten worden waren, der Gießereibesitzer Seine Hoheit von der Notwendigkeit eines gußeisernen Jagdschlosses überzeugt hatte, das nach einer kunstvoll aquarellierten Zeichnung in der Tat recht hübsch aussah und, versicherte der Brustkranke, für tropische Ameisen, die es in Ägypten nicht gibt, völlig unzerstörbar war. Zuerst, als das Gebäude nach acht Monaten in drei Nilbooten von Alexandrien heraufgesegelt kam, sollte es in der Nähe von Heliopolis aufgestellt werden und als Ausgangspunkt der in der dortigen Gegend häufig veranstalteten Gazellenjagd dienen. Doch, noch ehe ich mit dem Ausladen der Nilboote bei Schubra beginnen konnte, hatte Halim den zweiten wundervollen Platz am andern Ufer, zehn Stunden flußabwärts bei Thalia, gefunden. Die Feluken wendeten deshalb ihre Schnäbel wieder nach Norden, woher sie gekommen waren, und die zahllosen Säulen und Konsolen, Blechwände und Zinkdachplatten lagen seit einigen Wochen in halbzerbrochenen Riesenkisten unterhalb Kaliubs am Nilufer im Sand und warteten auf mich und ihre Zusammenstellung. Nun also schien der dritte wundervolle Platz am entgegengesetzten Ende des Deltas entdeckt worden zu sein, so daß das Jagdschloß einer abermaligen und, wie ich mit Besorgnis überlegte, diesmal sehr schwierigen Wanderung entgegensah. Doch war ich zum Glück schon ein wenig daran gewöhnt, technische Aufgaben im Stil von Tausendundeiner Nacht zu behandeln, und ließ mich nicht mehr so schnell verblüffen.

Das französische Billett des Paschas, welches der gelehrte Schreiber des Dorfschulzen mit hoffnungslosem Kopfschütteln betrachtete und auf das ich von Zeit zu Zeit mit drohendem Finger hinwies, versetzte männiglich in fieberhafte Tätigkeit. Selbst mein fetter, schläfriger Abu-Sa, dem der zeitweise Abschied von der behaglichen Dahabia, dem Nilboot, in dem wir in Terranis hausten, besonders sauer fiel, ließ sich durch wenige ermunternde Rippenstöße zu ungewohntem Übersetzungseifer aufstacheln. In einer Stunde waren zwei Pferde, zwei Kamele und ein Esel zur Stelle. Mit angstvoller Miene fragte jetzt der Nasir, seiner Reisfelder gedenkend, was um's Himmels willen aus der Pumpe werden solle. Der Maschinist Jusef, ein herzensguter Kerl, der sich zu jeder Arbeit willig zeigte, die er auf morgen verschieben konnte, schlug zuerst vor, zu warten, bis ich wieder zurückgekommen sei. Dagegen protestierte der Nasir mit allen Zeichen leidenschaftlicher Empörung, so daß der eingeschüchterte Mechanikus die Hoffnung durchblicken ließ, den Fisch mit Gottes Hilfe selbst schon morgen herausziehen zu wollen. Ich erklärte ihm, so gut es ging, wie er sich dabei zu verhalten habe, wie er den Ventilsitz und die Führung des Ventils säuberlich reinigen und den Ventilkastendeckel wieder anschrauben müsse, und empfahl der ganzen Gesellschaft schließlich große Vorsicht. Diese versprachen sie alle laut und einmütig, und ich glaubte, soweit ich meine Leute kannte, nie weniger Grund gehabt zu haben, an einem Versprechen zu zweifeln. Ob sie überhaupt den Versuch machen würden, das Ventil von den störenden Fischgräten und -schuppen zu befreien, war eine ganz andre Frage.

In einer weiteren Stunde hatte ich meine Kleider gewechselt, einen Koffer gepackt, mein Bett samt einer eisernen Bettstelle auf den Rücken des einen Kamels geladen, Abu-Sas und meines Kochs wunderliches Reisegepäck auf dem Rücken des zweiten festbinden sehen und ein halbes Dutzend Eier gefrühstückt. Dann setzte die Karawane in einem bedenklich bresthaften Kahn unter vielem Geschrei der Leute und heftigern Widerstand der Kamele glücklich über den Nil. Am andern Ufer erst machte man sich eigentlich reisefertig; ich und Achmed el Soyer zu Pferd, der Koch auf dem Küchen- und Gepäckskamel in fröhlichster Stimmung die Situation beherrschend, Abu-Sa in meinem Namen, wenn auch ohne Auftrag, jedermann verschimpfend, auf dem Kreuz des Esels, wie und wo der eingeborene Ägypter zu sitzen pflegt. Der allzu rasche Aufbruch hatte ihn tief verstimmt; in dieser Weise konnte man unmöglich weiterleben! Zwei Kameltreiber und ein Sais liefen nebenher und versuchten von Zeit zu Zeit mit Hilfe eines hinten zufällig herabhängenden Stricks das zweite Kamel und mein Bett zu besteigen, was jedoch Abu-Sa mit gebührender Entrüstung and unerwartetem Schicklichkeitsgefühl zu verhindern wußte. So zogen wir gegen zehn Uhr über die ersten besten Kleestoppeln querfeldein gen Westen, in den glühenden Tag hinein.

Es war mir nichts Ungewohntes mehr, eine solche Wanderung durch die grüne Deltaebene mit ihrem stillen Blühen und Sprossen, Reifen und Welken; über die saftig dunklen Kleefelder, die endlosen Flächen, die der etwas kümmerliche Weizen bedeckt, durch die am Horizont zusammenlaufenden Staudenreihen der Baumwolle. Von Zeit zu Zeit unterbricht eine kleine Erhöhung die Einförmigkeit des Bildes. Es sind die Lehmmauern eines Fellahdorfes mit seinen viereckigen, gradlinig abgedachten Häusern, seinem kleinen krummen Minarett, seiner Sykomore oder der spärlichen Palmengruppe und einem halbvertrockneten Teich. Da und dort taucht ein höherer Hügel auf, der in dieser Ebene vom fernen Horizont her ganz gewaltig dreinschaut und die begrabenen Trümmer einer Stadt aus der Zeit der Ptolemäer oder selbst des ältesten Ägyptens andeutet. Bei dem Ritt von Ost nach West, beinahe an der Grenze des bebauten Landes, wo dieses in die brackigen Sumpfflächen des Burlossees und des nahen Meeresufers übergeht, unterbricht den einförmigen Reitpfad nicht selten ein halbvertrockneter Kanal, ein fast versandeter Nilarm. Die Kamele gurgeln grämlich, wenn sie unsicheren Schrittes an der Böschung der zerfallenen Dämme hinabgleiten. »Man sauft nicht schon wieder,« scheinen sie ärgerlich zu denken, »wenn man kaum vier Stunden lang in der angenehm brennenden Sonne spazieren gegangen ist.« Die Pferde, bis am Bauch in dem lauen, gelbbraunen Wasser versinkend, machen dagegen trotz des heftigen Widerstandes ihrer Reiter Versuche, ein gründlicheres Bad zu nehmen, während der sich verzweifelt sträubende Esel von Abu-Sa hinten ins Wasser geschoben werden muß, sich dann aber plötzlich, laut schreiend vor Freude über das köstliche Naß, auf den Rücken legt und alle vier Beine dankbar gen Himmel streckt. All das gibt eine willkommene Veranlassung zu einer kurzen Rast im Schatten der einsamen Sykomore, welche die Furt bezeichnet, oder bei der kleinen Grabmoschee eines Dorfheiligen, die der stillen, unabsehbaren Fläche einen hübschen Vordergrund verschafft. Und dann geht es wieder weiter; Kleefelder, Weizenfelder, Baumwollfelder ohne Ende.

Ein solcher Ritt, wenn er auch nur zehn Stunden währt, gibt Zeit, an mancherlei zu denken; zum Beispiel an die Frage, wo man herkomme und wo man hingehe. Ich war nun zwei Jahre in Ägypten und hatte begonnen, mich in Land und Leute einzuleben. Die erste neugierige Freude des Daseins hatte sich gelegt und auch vieles Unangenehme seinen Stachel verloren. Selbst die Moskitos fingen an, mich als Landsmann zu betrachten und nach ihrer Art etwas milder zu behandeln. Mein Arbeitsfeld als Ingenieur Halim Paschas hatte sich ausgedehnt, wie ich es kaum für möglich gehalten hätte. Der während der letzten Jahre ungemein ergiebige Baumwollbau hatte mächtig dazu beigetragen, die ausgedehnten Landstrecken, die Halim als jüngster Sohn Mohammed Alis geerbt hatte, in einer bisher ungekannten Weise unter Kultur zu bringen. Der erste ägyptische Dampfpflug, den ich infolge einer glücklichen Vereinigung von Umständen vor dem Untergang retten konnte, hatte andere rasch nachgezogen, so daß ich in Schubra eine förmliche Schule für arabische Dampfpflüger im Gang erhalten mußte. In Terranis, in Thalia, in El Mutana und namentlich in Kassr-Schech dampfte es auf den Feldern, die bisher nie etwas anderes kennengelernt hatten als den altägyptischen Zinken, der auch in den Grabkammern von Memphis und Theben zu sehen ist. Dann waren an all diesen Punkten, mit Ausnahme von Kassr-Schech, große Pumpwerke zur Bewässerung der Güter errichtet worden oder im Bau begriffen und gossen zu jeder Jahreszeit Ströme von Wasser über die zum erstenmal tiefgepflügten Felder. Es war ein emsiges, hoffnungsvolles Treiben von einem Ende des Landes zum andern. Doch war es unter der heißen Sonne warme Arbeit, auf dem alten Boden einer neuen Welt zum Aufkeimen zu verhelfen, und manches Pflänzchen ging dabei zugrunde. Ich selbst war manchmal nicht weit davon.

Was mich auch in den schwersten Tagen munter hielt, war Halim Pascha, der mit der Lebhaftigkeit seines arabischen Blutes das ganze große Getriebe in Bewegung gesetzt hatte. Man sah ihm an, daß er nur halb Türke war. Manchmal lag wohl ein Zug melancholischen Phlegmas und selbst finsteren Stolzes in seinem dunkeln Gesicht, den er von seinem Vater geerbt haben mochte, dem genialen, rücksichtslosen Despoten, der das heutige Ägypten geschaffen hat. Seine Mutter aber war arabischen Blutes: ein Beduinenmädchen, welches der Pascha auf einem Ritt von Suez nach Kairo am Wüstenrande gesehen und mitgenommen hatte. Die Fürstin lebte noch, in dem blauen Palast von Schubra, an der Spitze von Halim Paschas Harim: eine kluge Frau, die trotz der Harimsmauern Erfahrungen aller Art hinter sich hatte und auch am Hofe des regierenden Vizekönigs Ismael, des nachmaligen ersten Khediven, als die allein noch lebende Frau des Gründers der Familie und als die Mutter eines künftigen Vizekönigs mit hoher Achtung behandelt wurde. Damals dachte noch niemand außer dem Vizekönig Ismael daran, daß sein Onkel das Recht auf den Thron Ägyptens verlieren werde; am wenigsten Halim selbst, der mit ruhelosem Eifer an der inneren Entwicklung des Landes arbeitete, welches er als Halbaraber mehr als irgendein anderes Mitglied der vizeköniglichen Familie als das seine, als sein Vaterland ansah.

Kassr-Schech war der Mittelpunkt des größten Distrikts, den er besaß. Derselbe mochte dreißigtausend Hektar umfassen, auf denen sich gegen zwanzig Fellahdörfer und Weiler befanden. Obgleich ein glänzendes Stück des Deltas, war er nicht ohne seine Nachteile. Er lag abseits vom Wege und nicht einmal an einem der Hauptarme des Nils. Während des Hochwasserstandes des Stromes führte der sechzig Kilometer lange Kanal von Kassr-Schech dem Bezirk das erforderliche Wasser zu. Von Februar bis August dagegen lag dieser Kanal trocken. Die nördliche Grenze des Gebiets, die, nur acht Kilometer von Kassr-Schech entfernt, von Ost nach West läuft, bildeten die Sümpfe des Sees von Burlos, dessen brackige Wasser da und dort aus dem Boden drangen und weite Strecken in eine Salzwüste zu verwandeln drohten, wenn das Nilwasser fehlte, um sie auszulaugen. So kam es, daß der Gau bisher ziemlich vernachlässigt geblieben war und nahezu alles erst geschaffen werden mußte, um das großartige Besitztum der Kultur, wie wir sie verstehen, zugänglich zu machen. Im vorigen Jahr hatte ich unter beträchtlichen Schwierigkeiten drei Dampfpflüge an verschiedenen Punkten der Gegend in Tätigkeit gesetzt. Eine Baumwollentkörnungsfabrik war im Bau begriffen, eine Reparaturwerkstätte war aufgestellt. Man überlegte sich die erforderliche Vertiefung des Kanals von Kassr-Schech, eine Trambahn oder die Errichtung eines Straßenlokomotivverkehrs nach der nächsten Bahnstation, der sechzig Kilometer entfernten Stadt Tanta. Doch das waren Zukunftspläne, wie sie damals zu Dutzenden in der Luft lagen, wo sich Halim Pascha zeigte.

Es ist hohe Zeit, zur Gegenwart zurückzukehren. Als die Dämmerung hereinbrach und wir etwa fünfzig Kilometer hinter uns hatten, war mirs, ich gestehe es, nur noch halb wohl im Sattel. Doch die Häusergruppe von Kassr-Schech und nicht weit davon der hohe Scherbenhügel, den man Sackra nannte, lagen endlich purpurfarbig am verbleichenden Abendhimmel. Wie mir Achmed sagte, hatte Halim und sein Gefolge, einen Kilometer vom Dorf entfernt, am Fuß des Hügels ein kleines Zeltlager aufgeschlagen. Dort konnte ich jedoch auf keine Unterkunft rechnen, da ich kein Zelt bei mir führte. Wir wendeten uns deshalb nach dem Dorf, das in tiefer Nacht erreicht wurde. Es war still wie eine Gräberstadt, als wir vor dem einzigen einstöckigen Hause, der Wohnung des Scheich el Beled, anlangten. Nur draußen vor dem Dorfe bellten die wilden Hunde mit unermüdlichem Eifer an den Mond hinauf oder den Schakalen entgegen, die einen zweiten magischen Kreis um jede Wohnstätte des Deltas ziehen. Abu-Sa und Achmed begannen zu rufen, was sämtliche Hunde mit maßlosem Zorn erfüllte, während der Scheich und seine Familie im süßen Gefühl ungestörter Ruhe weiterschliefen. Nach einiger Zeit schickte ich Abu-Sa, verstärkt durch den Koch, der von seinem Kamel heruntergeklettert war, nach der Rückseite des Hauses, wo sie mit frischem Mut ihr Duett anstimmten, während ich und Achmed von der Vorderseite das unharmonische Bombardement der schweigenden Festung fortsetzten. Und wirklich, unsre gemeinsamen Anstrengungen blieben nicht erfolglos. Nach einer Viertelstunde, während deren sich die zwei Kamele und der Esel bereits im schwarzen Schatten des Hauses zur Nachtruhe niedergelegt hatten, öffnete sich ein kleiner Holzladen im oberen Stockwerk; ein Kopf, in schwarzblaue Schleier gehüllt, zeigte sich mit großer Vorsicht und wollte wissen, ob jemand gerufen habe. Achmed begann in gereiztem Tone auseinanderzusetzen, daß der Baschmahandi des Effendini »Effendi« ist einer der Titel des Vizekönigs und der Prinzen des vizeköniglichen Hauses. mit Roß und Reisigen vor der Tür stehe und eine Stube haben müsse, um seine müden Glieder auszustrecken. »Baschmahandi« war mein Ehren- und Amtstitel, heißt erster Ingenieur, Mechaniker, Müller und allgemeiner »Macher« und wirkte gewöhnlich genügend, um mir jede Haustür zu öffnen. Aber der erboste Mameluck war nicht halb zu Ende, als sich der kleine Laden lautlos wieder schloß und wir der regungslosen, kahlen, mondbeglänzten. Hausfront aufs neue hilflos gegenüberstanden. »Weiterschreien!« kommandierte Achmed ohne Ärger. Es schien alles völlig in Ordnung zu sein. Wir schrien, und die Hunde, die jetzt schüchtern in das Dorf hereinkamen, um nachzusehen, wer zu nachtschlafender Zeit diesen ungebührlichen Lärm verursache, halfen uns mit ohrenbetäubendem Gebell.

Unsere Ausdauer fand ihren Lohn. Nach weniger als einer weiteren Viertelstunde öffnete sich die kleine enge Haustüre gespenstisch, wie von selbst, und nach weiteren fünf Minuten trat ein würdiger Greis in weißem Talar und grünem Turban heraus und hieß uns freundlich willkommen. Achmed erwiderte den Willkomm etwas brüsk, ich machte den »Tejmineh«, den arabischen Gruß, bei dem man mit der rechten Hand zierlich nach dem Boden greift und sie dann auf die Brust und auf die Stirn legt, mit gebührendem Anstand. Dann wurde aufs neue parlamentiert. Der würdige Greis erklärte: Sein Haus sei mein Haus. Mein Eintritt möge gesegnet sein. Nur möchte ich mich noch ein wenig gedulden. Denn die Wohnung sei nur klein, und er sei arm, wie sich beides für einen Scheich el Beled gezieme. Man sei im Begriff, das schönste Zimmer für mich auszuräumen. Und schon kam auch ein kleiner pechschwarzer Diener aus der gespenstischen Tür heraus, brachte Kaffee und breitete eine Matte auf den Boden, auf der Platz zu nehmen mich der Scheich mit feierlich gütiger Handbewegung einlud.

Die Verhältnisse begannen sich ein wenig aufzuheitern. Wir tranken den etwas zweifelhaften, aber heißen Mokka und lebten fühlbar auf. Hierauf bestieg Achmed sein Pferd wieder, um nach Halim Paschas Lager zu reiten, und überließ mich und meine Leute unserem Schicksal. Der Scheich ergriff nach einiger Zeit meine Hand und führte mich mit der ihm eigenen Feierlichkeit nach meinem Schlafgemach. Dann entfernte auch er sich, unverständliche Worte murmelnd, als ob er mich und sich segnete. Selbst ist der Mann! dachte ich mit etwas wehmütiger Betonung, indem ich mich in dem fensterlosen, völlig leeren Raum umsah, der für mich in der Tat gründlich ausgeräumt worden war. Doch Abu-Sa und der Koch hatten mein Bett rasch aufgeschlagen. Tee wollte ich keinen mehr machen lassen; ein Stück Brot von unnatürlicher Trockenheit, ein paar Scheiben der rasch ausgepackten Salami und zwei Sardinen beschlossen die ernstere Arbeit des Tages. Es war halb elf Uhr und mehr als Schlafenszeit. Halbangekleidet warf ich mich auf das willkommene Feldbett.

Die Nacht sei Schweigen – mit ihrer dumpfen, schwülen Luft in dem Lehmkasten, den mir das Verhängnis zur Wohnung angewiesen hatte, dem durchdringenden Geruch halbgebrannter Ziegel aus Stroh und Nilerde, dem unablässigen Hundegebell, den Moskitos und den Tausenden jener kleinen Freunde des Menschen, die mich freudehüpfend empfingen und unermüdlich festliche Tänze um mich her aufführten. So müde ich war, packte mich manchmal wilde körperliche Verzweiflung, so daß ich aufstand und im mondbeglänzten Hofe ein Viertelstündchen spazierenging, hilfesuchend zum herrlichen Sternenhimmel emporblickte, horchte, wie die Hunde weiterbellten, bald zu dritt, bald zu zehn, bald einzeln und dann wieder, wie auf ein Zeichen, zu fünfzig auf einmal, und zusah, wie der stille Mond langsam, allzu langsam über den Gipfel der Sykomore wegzog. Es war mir dabei fast ein Trost, wenn ich von Zeit zu Zeit über Abu-Sa oder den Koch stolperte, die, in Pferdedecken eingehüllt, wie glückliche, unförmige Massen am Boden lagen und ihren steinharten Schlaf schliefen. Zum Umsinken müde und mit dem festen Vorsatz, ihrem Beispiel zu folgen, auch wenn ich bei lebendigem Leibe gefressen werden sollte, kehrte ich dann für die nächste halbe Stunde nach meiner Marterkammer zurück.

Poeten, die ich kenne, heißen dies mit schwellendem Busen und tief atmend »orientalische Nächte« und dichten wohltönende Sonette zu ihrem Preis!

Doch auch diese Nacht hatte ihr Ende. Der Mond versank im Westen wie eine rotglühende Masse geschmolzenen Stahls, und wie eine hundertmal glühendere Feuerkugel stieg nach kurzer Zeit die Sonne im Osten auf und schoß ihr schimmerndes Licht über die Welt, die jetzt still geworden war, still und glücklich. Denn das entsetzliche Nachtgesindel war eingeschlafen, und der frische Morgenwind, der von der nahen See her wehte, trieb die schweren Dünste der Finsternis lachend vor sich her.

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